Während der vierzig Jahre hatte ich oft an dieses bewundernswürdige und reine Mädchen gedacht, das ohne jeden Zweifel zu der Kategorie der nicht eben zahlreichen Gerechten in der modernen Welt gehört.

(Marthe Pècher, 1981, in deren kleinem Hotel Charlotte die zwei Jahre lebte, in der sie ihr Werk schuf.)

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Die Künstlerin Charlotte Salomon lebte vom April 1917 bis zum Oktober 1943. Sie war Jüdin, das reichte einer wahnwitzigen, damals staatstragenden Idee, sie zu ermorden, ihren Leichnam zu verbrennen. Ihre Asche, die aus den Schornstein Auschwitz` ausgespuckt worden ist, hat die Wälder der Umgebung gedüngt; ich schreibe dies, weil ich gerade in einem anderen Zusammenhang mit einer Freundin geredet habe, die aus nämlich Grunde die Wälder um Hadamar, einer Anstalt, in der ‚lebensunwertes Leben‘ vernichtet wurde, nicht anschauen kann. An diesen Aspekt denkt man selten.

Charlotte Salomon wurde als einziges Kind in eine zur Berliner Gesellschaft gehörende Familie geboren. Ihre Mutter, Franziska Grunwald, und ihr Vater Albert Salomon hatten sich im Krieg kennengelernt. Albert war Chirurg und Franziska hatte sich gegen den erklärten Willen der Eltern als Hilfskrankenschwester gemeldet.

Als Albert um die Hand Franziskas anhielt, waren die Eltern nicht sonderlich begeistert, sie hatten sich etwas ‚besseres‘ für ihre Tochter gewünscht, aber schließlich willigten sie in die Hochzeit ein. Zu diesem Zeitpunkt war Albert die tragische Suizidserie in der mütterlichen Linie der Familie nicht bekannt, er wusste nur von der Selbsttötung der Schwester Franziskas, nach der sie später ihre Tochter Charlotte benannten.

Franziska hatte nach der Hochzeit mit ihrer Arbeit im Hospital aufgehört, ihre Aufgabe war jetzt das Führen des Haushalts und die Pflege gesellschaftlicher Pflichten. Albert Salomon machte im Lauf der nächsten Jahre eine Karriere als Arzt und Professor.

Die Tochter Charlotte wurde 1917 geboren. Die erste Zeit, der Mann war noch im Krieg und arbeitete, ohne daß Franziska dies ahnte, in einem Feldlazarett an der Front, war sicherlich trotz Kindermädchen nicht einfach, Charlotte war ein Schreikind, niemand hatte sie gefragt, ob es ihr recht sei, auf diese Welt zu kommen, und der grundsätzliche Protest dagegen weitete sich schon in ihrer Kindheit auf alle Versuche anderer Menschen aus, über ihr Leben zu verfügen.

Aber selbstverständlich gedieh das Kind, nahm zu an Alter und Vorwitz, war hinreißend altklug und eigensinnig verbockt. Ließ sich die Energie des Mädchens im Vorschulalter noch durch sportliche Aktivitäten lenken, kam es nach der Einschulung zu Schwierigkeiten. Die Lehrer beschwerten sich und beschrieben die Sechsjährige als widerspenstig, ungehorsam und trotzköpfig. Auch zu Hause wurde das Mädchen den Erwartungen, die insbesondere die Großeltern an ein Kind ihrer Gesellschaftsschicht stellen, nur selten gerecht.

Um diese Zeit muss es auch begonnen haben, daß Franziskas Leben sich verdunkelte. Nicht in der Öffentlichkeit oder Gästen gegenüber, dort nahm sie ihre Pflichten war, aber in den stillen Stunden zu Hause fühlte sie sich immer öfter wie von einer ’schwarzen Walze‘ überrollt, die sie mit einem düsteren Trauerkleid zu umhüllen begann, welches schließlich als tiefschwarze Trauergarderobe jede Farbe und alles Licht in sich aufgesogen hatte.

Auf Betreiben der Großmtter  sagten sie dem Kind Charlotte, die Mutter sei sehr plötzlich an Grippe erkrankt und gestorben, erst viele Jahre später sollte sie als erwachsene Frau die Wahrheit erfahren. Das Kind trauerte um die geliebte Mutter, zog sich zurück, wurde schwierig, einzelgängerisch, vergrätzte ein Kindermädchen nach dem anderen, die Schulleistungen waren nicht besonders. Der Vater hatte wenig Zeit bei seinem Beruf, war ratlos, was aus dem Mädchen mal werden sollte, er ahnte aber, daß sie von der Mutter eine künstlerische Begabung mitbekommen hatte. Die Großeltern Marianne und Ludwig Grunwald wollten in die Erziehung des problematischen Kindes eingreifen, sie nahmen sie mit in einen Urlaub in das Engadin. Auch dort fiel das sich langweilende Kind durch Streiche eher unangenehm auf, bis sie zufällig eine junge Frau traf, an die sie sich wie eine Klette hängte. Zwar konnte diese Marie den Regen auch nicht stoppen, aber gegen die Langeweile hatte sie ein Rezept: zeichnen und malen… hier, in der Stube des Aussiedlerhofs, mit Blick über die verregneten Wiesen in die grauen Berge hinein, hier machte Charlotte Salomen ihre allerersten Schritte hin zu ihrer Berufung….

Es dauerte ungefähr vier Jahre, bis Albert Salomon auf einer Abendgesellschaft (Veranstaltungen, zu denen er nur selten und eher ungern geht) eine Frau traf, die er näher kennen lernen wollte. Paula Lindberg war eine bekannte und gefragte Sängerin, die auf sein Werben einging. Ob dies eine Heirat (1930) aus Liebe oder von Paulas Seite aus aus einer gewissen, nicht bösartigen Berechnung, geworden war, läßt Greiner ein wenig im Dunkeln: Albert Salomon hatte einen bekannten Nebenbuhler, Kurt Singer, ein vielbeschäftiger Mann aus der Kulturszene, der spätere Gründer des Jüdischen Kulturbundes [3]. Paula Lindberg jedenfalls hatte die Befürchtung, von diesem nur für seine Zwecke ausgenutzt zu werden, falls sie ihn erhören würde. Paula und Charlotte dagegen… Paula gewann dieses Mädchen schnell lieb und Charlotte vergötterte Paula, ihre Stiefmutter. So normalisierten sich in der Folgezeit die Verhältnisse im Hause Salomon.

Was sich nicht normalisierte, sondern im Gegenteil aus dem Ruder lief, waren die politischen Verhältnisse. Charlotte war zehn Jahre alt, als sie das erste Mal den Begriff ‚Judenbengel‘ hört und ihren Vater fragte, was denn damit gemeint sei. Albert Salomon aus dieser voll assimilierten Familie sah sich gezwungen, seiner Tochter zu sagen, daß sie selbst Jüdin ist und was das überhaupt heißt, Jude zu sein…

1933, drei Jahre nach der Hochzeit, wurden öffentliche Auftritte von Juden, also auch von Paula Lindberg, geb. Levi, verboten. Im gleichen Jahr wurde dem Professor Albert Salomon die Lehrbefähigung entzogen, der schon genannte Kurt Singer gründete den ‚Kulturbund Deutscher Juden‘, hier konnte auch Paula Lindberg noch ein Weile auftreten. Charlotte Salomon verließ das Gymnasium, weil sie, die Jüdin, dort diskrimiert wurde. Zur gleichen Zeit emigrierten die Großeltern, für kurze Zeit gingen sie nach Rom; als dort die Faschisten an die Macht kamen, zogen sie 1934 weiter nach Südfrankreich.

Charlottes Besuch einer Modezeichnerschule war nicht erfolgreich, sie nahm jedoch privaten Zeichenunterricht. Im Herbst 1935 wurde sie auf Probe an den Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst angenommen, doch schon zwei Jahre später verließ sie die Schule wieder, weil sie als Jüdin den ersten Platz eines Wettbewerbs, den sie gewonnen hatte, nicht annehmen durfte.

Bestimmend für das weitere, kurzes Leben Charlottes sollte die Bekanntschaft mit Albert Wolfsohn werden, der als Gesangspädagoge in das Haus Salomon kam. Charlotte verliebte sich in diesen exaltierten, durch Weltkriegserlebnisse traumatisierten Mann, der zu keiner Sekunde merkte, wie sehr sich Charlotte in ihn verliebt hat und der sich ihr meist mit schmerzender Gleichgültigkeit näherte – oder eben auch nicht….

Die Lagerhaft Albert Salomons in Sachsenhausen (1938), aus der ihn Paula mit Hilfe vieler Bekannter befreien konnte, raubte die letzten Illusionen. Charlotte wurde nach Südfrankreich zu den Großeltern geschickt, dort wähnten sie die Eltern in Sicherheit. Paula und Albert wollten in die USA emigrieren und Charlotte dann nachholen, ein Plan, der nicht umgesetzt werden konnte.


In Villefranche bei Nizza sind die Großeltern bei einer Amerikanerin, Ottilie Moore, untergekommen, die auf einem großzügigen, naturnahen Grundstück lebt und dort elternlos gewordene Kinder aufnimmt. Die Großeltern haben sich sehr verändert, die Großmutter ist ängstlich geworden, hat sich in sich zurückgezogen, der Großvater grantelt und ist mit allem unzufrieden. Beide bestehen darauf, die Verhältnisse, die sie aus Berlin gewohnt waren, möglichst auch in ihrem Exil beizubehalten. Dies führt zu häufigen Spannungen und als der Großvater dabei ertappt wird, mit völliger Selbstverständlichkeit Lebensmittel aus dem Vorratsraum zu stehlen, werden die Großeltern von Ottilie Moore rausgeschmissen. Die stille, das Licht, das Meer, den Garten malende Charlotte, „die Stumme“, wie sie manchmal genannt wird, sie hätte selbstverständlich bleiben dürfen…

Als sich auch die Großmutter im März 1940 vor den Augen Charlottes das Leben nimmt, erfährt die junge Frau von ihrem Großvater das ganze Ausmass des Familienunglücks, er schleudert es ihr in einem Anfall von Furor förmlich entgegen [6]. Charlotte ist am Boden zerschmettert, bitte lass mich nicht wahnsinnig werden fleht sie Gott an. Und obendrein grummelt der Alte, auch sie solle sich doch umbringen, damit dies Geklöne endlich aufhört.

Die Stimmung der Franzosen ihren ungebetenen Gästen gegenüber wird immer negativer [2], im Sommer 1940 werden Charlotte und ihr Großvater als ‚feindliche Ausländer‘ in Gurs, einem fürchterlichen Internierungslager in den Pyrenäen, eingesperrt. Wegen der Gebrechlichkeit des alten Mannes können sie beide das Lager im Juli wieder verlassen, die Aufenthaltsgenehmigung Charlottes ist fortan jedoch an das Leben ihres Großvaters gekoppelt. Charlotte fällt in ein tiefes, tiefes Loch, auch bei ihr treten suizidale Gedanken auf. Sie greift jedoch den Rat ihres Arztes, Dr. Moridis, der eine Art väterlicher Freund für sie ist, auf und fängt das Malen wieder an, das Malen ihres Lebens… für zwei Jahre mietet sie sich in einem kleinen Hotel ein, der Belle Aurora bei Marthe Pèncher und ihrem Mann… in dieser Zeit entstehen die vielen Hunderte von Bildern, die ihr Leben beschreiben und die ihr Erbe werden sollten für die Welt, in der ihr nur sechsundzwanzig Jahre vergönnt waren.

Nachdem sie ihr Werk vollendet hat, geht Charlotte wieder zurück zu ihrem Großvater, der Anfang 1943 jedoch an einem Schlaganfall stirbt. Den Packen Bilder übergibt sie Dr. Moridis: Dies ist mein Leben. Auf dem Gelände der Villa (Ottilie Moore war 1941 in die Staaten zurückgekehrt) betreut deren ehemaliger Liebhaber Alexander Nagler, ein österreichischer Jude, letzte Kinder, zu ihm zieht Charlotte jetzt. Und ihn heiratet sie auch, er ist bei all seinen vielen Schwächen der einzige Mensch, den sie noch hat… Werden dei beiden verraten oder haben sie sich selbst ans Messer geliefert? Greiner läßt diese letzte Möglichkeit offen, jedenfalls werden die mittlerweile schwangere Charlotte und ihr Mann am 21. September 1943 von der Gestapo abgeholt, nach Drancy überführt und von dort nach Auschwitz deportiert. Charlotte wird noch am Tag der Ankunft ermordet, Alexander stirbt wenige Wochen später an Entkräftung.


Charlotte Salomon hat als Künstlerin ’nur‘ ein Werk, ein allerdings einzigartiges, hinterlassen: eine aus einem therapeutischen Malen heraus entstandene Autobiographie, die mit kurzen, in die Bilder gemalten Texten und Ausrufen ergänzt und mit Musikanweisungen versehen ist. Es sind eine Unzahl von Bildern, viele Hundert hat Charlotte zu diesem von ihr Leben? oder Theater? getauften Kunstwerk arrangiert. Sonst ist wenig/nichts (?) von ihr erhalten geblieben, die vielen Bilder, die sie im Garten der Villa Ottilies gemalt hat – verschollen. Im Eingangskapitel schildert Greiner die Begegnung der Eltern Charlottes, die den Krieg überlebten (eine bitterste Ironie, daß ausgerechnet Charlotte, die in Sicherheit gebracht worden war, von den Nazis ins Gas geschickt wurde) mit Ottilie Moore. 1947 fuhren die Eltern auf den Spuren ihrer Tochter, von deren Tod sie durch das Rote Kreuz erfahren hatten, nach Südfrankreich. Sie trafen dort auf eine alkoholsüchtige, derangierte Ottilie Moore, die vor ihren Augen Bilder Charlottes zerriss und nur bereit war, den Eltern irgendwelche Kartons, die Charlotte ihr zugewidmet hatte und die im Keller standen, zu überlassen. Nur weil Ottilie Moore den Wert dieser Bilder nicht erkannte, ist Leben? oder Theater? der Welt erhalten geblieben.

Der Name Charlottes war (und ist) sicherlich kein Bestandteil der Allgemeinbildung. Ein wenig hat sich das nach 2014 geändert, in diesem Jahr erschien der Roman Charlotte von David Foenkino [4], der von der Kritik und den Lesern größtenteils mit Lob überschüttet worden ist. Ich habe damals zu diesem Buch keinen Zugang gefunden; Foenkinos Versuch, die Art, wie Charlotte ihre Bilder mit kurzen Textzeilen kommentiert hat, auf ein ganzes Buch auszudehnen, wirkte auf mich im Endeffekt sehr holprig. Das vorliegende Buch Charlotte Salomon – Es ist mein ganzes Leben von Margret Greiner zeigt dagegen eine deutlich angemessenere, sensiblere Ausdrucksform.

Im Gegensatz zu Foenkinos Titel, der vom Verlag als Roman etikettiert worden ist, hat der Verlag Greiners auf eine Kategorisierung verzichtet, lediglich bei der Kurz-Bio der Autorin wird auf deren Spezialität der ‚erzählten Biographie‘ verwiesen. Da auch kein Nach- oder Vorwort beigegeben ist, in dem die Autorin ihr Arbeitsweise und die Grundlagen ihrer Aussagen beschreibt, steht der Leser vor der praktisch nicht lösbaren Aufgabe, zu unterscheiden, was von den Aussagen Greiners belegt ist und was sie im Gegensatz dazu ‚erfunden‘ hat. Beispielhaft möchte ich hier nur die Episode herausgreifen, in der Charlotte mit dem von ihr so geliebten Alfred Wolfsohn (im Singspiel: Amadeus Daberlohn) eine Bootsfahrt auf dem Wannsee unternimmt. Greiner läßt in ihrer Schilderung des Tages Intimes geschehen, nicht unbedingt aber Schönes, Foenkino ist sehr viel nüchterner bei der Schilderung dieses Ausflugs, aber niemand wird wohl wissen, wie der Ausflug wirklich verlaufen ist.

Amadeus Daberlohn: in ihrem Singspiel, das ihr Leben beschreibt mit den Menschen, die darin vorkommen, bekommen diese andere Namen, die teilweise charakterisierend, teilweise ein wenig lächerlich sind. Paula Lindberg, die Sängerin, wird zu Paulinka Bimbam, Kurt Singer zu Doktor Singsang, der Dirigent Siegfried Ochs (ein Gesangslehrer ihrer Stiefmutter) zu Professor Klingklang, sie selbst wurde zu Charlotte Kann, die Tochter des Arztes Dr. Kann. Den von ihr verehrten Vater wollte sie nicht mit einer frivolen Benennung ins Lächerliche ziehen. Für sie war und blieb er die Verkörperung eines Menschen, der das Gute in die Welt bringen wollte und auch im Scheitern Würde bewahrte.

Der Aufbau des Textes ist, wie bei einer Biographie sinnvoll, weitestgehend chronologisch. Weitestgehend, weil Greiner ihre Schilderung mit zwei späteren Ereignissen beginnen läßt, zum einen bezieht sich das auf die Reise von Paula und Albert Salomon 1947 nach Südfrankreich, bei der Charlottes Werk gerettet wird und zum zweiten zieht die Autorin das Gespräch zwischen der verzweifelten Charlotte und ihrem Arzt Dr. Moridis, in dem dieser ihr rät, zu Malen und sich durch´s Malen auszudrücken – und damit die Entstehungsgeschichte des Zyklus – vor.


Es gibt in der Biographie Charlottes Fragen, die offen sind, die wohl auch der Autorin, Margret Greiner, rätselhaft geblieben sind. Sie betreffen das Verhalten der jungen Frau, das an manchen Stellen ihrer so sehr gefährlichen Lage als Jüdin so gar nicht entspricht. So kommt sie eines Tages außer Atem und erschöpft in ihr Hotel zu Marthe Pècher zurück, die sie nach dem Grund fragt. Charlotte antwortet ihr, es hätte eine Aufforderung an alle Juden gegeben, sich registrieren zu lassen und so sei nach Nizza gelaufen. Marthe Pècher konnte diese Auskunft kaum fassen: zum einen erfuhr sie erst durch diese Antwort, daß ihr liebgewonnener Gast, der in allem, dem Aussehen, der Kleidung, dem perfekten Französisch einer jungen Frau vom Land glich, die in der Stadt als Dienst- oder Hausmädchen arbeitete, Jüdin war und dann diese Dummheit, die Naivität, diese…. und gleichzeitig dieses unfassbare Glück: sie saß schon im Bus, als ein Polizist sie wieder rausjagte, er hielt sie wohl für eine fälschlicherweise zur Deportation vorgesehene Französin…. und das alles geschah, nachdem sie schon in Gurs gewesen war…

Auszug aus der Deportationsliste des Transport No. 60 (Drancy – Auschwitz)
Bildquelle: [B]

Besonders rätselhaft scheint Greiner jedoch die Hochzeit Charlottes gewesen zu sein. Sie legt dem Arzt Dr. Moridis, der Trauzeuge war [5] ihre Fragen und den Zorn in den Mund: warum in aller Welt haben die beiden überhaupt geheiratet und dann auf dem Standesamt auch noch ihre richtige Adresse angegeben? Wusste man auf dem Amt bei Charlotte, daß sie Jüdin war und eine Hochzeit mit einem Nicht-Juden verboten war, so rief in diesem Moment Alexander Nagler dem Standesbeamten aus freiem Willen zu: Wir sind doch beide Juden! 

Man geht davon aus, daß die beiden (um eines Judaslohnes wegen?) denunziert worden sind, angeblich hätten die Menschen im Dorf noch nach Jahrzehnten gewusst, durch wen, aber mit dieser Eintragung in den offiziellen Dokumenten wären sie wohl auf jeden Fall verloren gewesen. Für Brunners Leute wäre es damit ein leichtes gewesen, sie zu finden…


C´ET TOUTE MA VIE [1]

Die Bilder Charlottes, insgesamt schuf sie in den zwei Jahren über 1300 Blätter, sind farbkräftig und ausdrucksstark, kombiniert mit Texten und Musik. Sie beginnen 1913 mit dem Tod der Tante, deren Namen sie trägt: 1. Aufzug, 1913. An einem Novembertage verließ Charlotte Knarre das elterliche Haus und stürzte sich ins Wasser [4156, diese vierstelligen Nummern beziehen jeweils auf die Bilder im online zugänglichen Werk, das vom Jüdischen Museum in Amsterdam bewahrt wird: http://www.charlotte-salomon.nl/collectie/thema’s/charlotte-salomon/leben-oder-theater ] und endet im Epilog mit den Jahren 1939 bis 1942 in Südfrankreich. C´ET TOUTE MA VIE. Es umfasst Charlottes gesamtes Leben, das Singspiel ist autobiographisch und es ist therapeutisch. In einigen der Blätter sind Hinweise darauf zu finden, daß auch Charlotte der Gedanke daran, alles hinter sich zu lassen, nicht fremd war. In Greiners Text sind ein paar der Guachen abgebildet, es ist jedoch sehr empfehlenswert, den Text parallel zur oben verlinkten online gestellten Bildersammlung zu lesen, da die Autorin des öfteren Bildbeschreibungen und -interpretationen in ihre Arbeit eingefügt hat, die man natürlich sehr viel besser versteht, wenn man die Bilder parallel sieht.

Bei den vierundzwanzig dem Buch beigegebenen Abbildungen sind es vor allen drei, die mich besonders erschüttern. Es sind die Verzweiflung, die Einsamkeit, die Hoffnungslosigkeit, dieses Gefühl des absoluten Ausgeliefertseins und der ebensolchen Hilflosigkeit, das in Abbildung 19 [4808] zum Ausdruck kommt: Charlotte auf dem Bett sitzend, auf den leeren Koffer starrend, den sie für ihre Flucht nach Frankreich zu packen hat…. Lieber Gott, lass mich bloss nicht wahnsinnig werden als sie den Suizid der Großmutter miterlebt [4907]. Lautlos windet sich dieser verzweifelte Aufschrei unüberhörbar aus dem Bild in die Seele des Betrachters…. aber auch der naive Traum des jungen Kindes vom Tod der Mutter, die als Engel in den Himmel schwebt, läßt einen beim Betrachten nicht unberührt [4175].

Ich habe gestern noch bei einer Blogkollegin, die mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht hatte, einen Kommentar gepostet [7] und in diesem Kommentar die Formulierung gefunden, die mir gefehlt hat: ‚es ist, als ob die Bilder eine Brücke schlagen von Seele zu Seele, als ob sie einen besonders tiefen, intimen Blick in ein Geheimnis offenbaren…‘: schaue ich die Bilder an, so spüre ich tatsächlich diesen darin verborgenen Schmerz und die Verzweiflung der jungen Frau zerrt auch an mir….

Dagegen (dieser ‚Widerspruch‘ bezieht sich selbstverständlich nicht auf die Qualität der Bilder, sondern auf meine Reaktion darauf….) ist die Darstellung Der Tod und das Mädchen (nicht im Bilderzyklus enthalten) eine der schönsten zum Thema, die ich kenne und auch das etwas düstere Portraits ihres Ehemannes, Alexander Nagler, beeindruckt mich sehr….

Es gibt Bücher, die sind mehr als Texte. Für mich gehört Greiners erzählte Biographie der Charlotte Nagler/Salomon dazu. In ihrem Schicksal manifestiert sich alles Unglück, alles Unheil dieser Welt auf zwiefache Weise: diese ungeheuerliche familiäre Belastung durch die tragische Suiziddisposition in der mütterlichen Linie und den hier auf eine Person heruntergebrochenen Wahnsinn der Nazis. Das zu dokumentieren hat Greiner angemessene und einfühlsame Worte gefunden, das ist ein großes Verdienst….

…..ich selbst möchte an dieser Stelle aufhören mit Schreiben, obwohl ich noch so viel schreiben könnte, weil mein Herz voll ist von weiteren Worten, aber es ist eh lang geworden und ‚es‘ geht auch ziemlich an mich….

Ich müßte es wohl nicht noch einmal extra sagen, aber ich lege dieses besondere Schicksal jedem ans Herz und dieses Buch dazu, das – der Vollständigkeit halber sei es erwähnt – noch ein Literaturverzeichnis, eine Zeittafel und kurze Angaben über die Lebensläufe der wichtigsten Personen enthält…..


Links und Anmerkungen:

[1] siehe die online-Präsentation des Joods Kultureel Kwartier: http://www.charlotte-salomon.nl/collectie/thema’s/charlotte-salomon/leben-oder-theater

[2] Lion Feuchtwanger hat dies in seinem Buch Der Teufel in Frankreich sehr anschaulich beschrieben, Feuchtwanger selbst hat die Lager durchlebt und ist der Deportation nur knapp entkommen (Der Link führt zu meiner Beschreibung des Buches)

[3] Die Gründung dieses ‚Kulturbundes deutscher Juden‘, der später von den Nazis in ‚Kulturbund der Juden in Deutschland‘ umbenannt wurde, war dem Regime sehr recht: zum einen war es schlicht und einfach die Einrichtung eines kulturellen Ghettos, denn im Kulturbund dürften nur jüdische Stoffe von Juden für Juden adaptiert werden. Dem Ausland gegenüber konnte der Kulturbund andererseits als wohlfeiles Feigenblatt dienen. Zum zweiten galt schlicht und einfach Heydrichs Aussage (1935), daß damit sämtliche jüdischen kulturellen Aktivitäten leichter erfasst und zentral überwacht werden konnten [aus: Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden 1933 – 1939, München, 1998)

[4] David Foenkinos: Charlotte. Hier finden sich auch noch einige weiterführende Links, die ich hier nicht aufgenommen habe. Die dort noch angegebene Verlinkung zum Amsterdamer Museum hat sich leider geändert, man kommt (nur) mit den URL, die hier in dieser Besprechung angegeben sind, direkt zu den Bildern.

[5] Die Eintragung beim Standeamt ist im weiter unten aufgeführen Buch von Pollock und Silvermann abgebildet.

[6] die Texte dazu hatte ich in [4] zitiert, wer mag…..

[7] Marina Büttner: Margret Greiner: Charlotte Salomon „Es ist mein ganzes Leben“ Knaus Verlag; in:  https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/04/16/margret-greiner-charlotte-…/

Auch interessant:

Charlottes Leben als Oper, hier aufgeführt am Theater Bielefeld:  https://theater-bielefeld.de/veranstaltung/charlotte-salomon.html

Selbstportrait und Foto von Charlotte Salomon aus der Kunstsammlung in Yad Vashem: http://www.yadvashem.org/yv/de/exhibitions/art/salomon.asp

Bildersammlung, auch mit Fotos von Charlotte und ihren Großeltern in Villefranche:  https://www.pinterest.de/pin/541909767641981714/

Bildquelle:

Margret Greiner
Charlotte Salomon
„Es ist mein ganzes Leben“
Originalausgabe: Knaus, HC, ca. 320 S., 2017

Ich bedanke mich beim Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

pici

Der Autor, Robert Scheer [1] ist gebürtiger Rumäne aus Carei (1973), der Stadt, der wir auch in den Erinnerungen seiner Großmutter begegnen. 1985 emigrierte er mit der Familie nach Israel, ging dann einige Jahre später nach Deutschland und nahm schließlich die deutsche Staatsangehörigkeit an.

Im März 2014 besuchte er seine Großmutter Elisabeth Scheer in Israel, die mittlerweile neunzig Jahre alt war, um endlich ihre Geschichte zu hören. Eine Geschichte, die ganz normal im Jahre 1924 anfängt, mit einem liebevollen jüdisch-orthodoxen Familienleben, in das sich nach und nach die politisch bedingten Repressalien für Juden schoben, von denen niemand ahnte, daß sie nur die harmlosen Präliminarien einer nicht fassbaren Katastrophe sein sollten.

Elisabeth („Pici“) Scheer wurde 1924 als viertes Mädchen (nach Leona (Lulu), Ana (Anci) und Ilona (Icu) im Hause Meisels geboren. Carei, ihre Geburtsstadt, gehörte nach dem Ende des Habsburger Reiches so wie heute auch auch zu Rumänien, während  des Zweiten Weltkriegs dagegen zu Ungarn, es liegt im Grenzgebiet beider Staaten [2]. Um die Zeit der Geburt Picis gab es ca. 2000 Juden in der Stadt. Nach Pici wurde noch ein langersehnter Junge, Béluska (Bela), geboren.

Die Familie lebte nicht im Überfluß, hatte jedoch ihr Auskommen. Der Vater, Hermann Meisels, den Pici verehrt, betrieb einen kleinen Holzhandel, er muss ein sehr besonnener, ruhiger Mensch gewesen sein, der in sich und seinem Glauben ruhte. Mit den Nachbarn, obwohl katholisch, gab es keine Probleme, man respektierte sich gegenseitig.

Pici erinnert sich, daß sie das erste Mal mit ihrem Judentum im Alter von fünf Jahren konfrontiert worden ist, ein Knabe schrie ihr auf der Straße „Jude, Jude“ hinterher. Das Mädchen ging gerne in die deutsche Volksschule, lernte gut, sehr gut und war ehrgeizig. Im Schuljahr 1934/35 wurde sie als Jüdin jedoch von der Schule verwiesen und musste auf die rumänische Schule gehen, wo sie die Sprache nicht verstand. Es waren bittere Zeiten für das Mädchen, aber Pici biss sich mit viel Willensstärke durch. Um diese Zeit tauchte der ‚Volksbund‘ im Straßenbild auf, in schwarzen Uniformen mit Ledergürtel und um die Brust führenden Lederriemen stolzierten die Jungens durch die Stadt.

Nach der Schule musste dem Mädchen aber, auch aus finanziellen Gründen, einen Beruf zu lernen, ein weiterführender Schulbesuch war ihr nicht möglich: sie wurde Näherin. In den Jahren 38/39 nahmen die Repressalien weiter zu. Es wurden Berufsverbote für Juden ausgesprochen, der Vater musste seinen Handel mit Holz einstellen, auch die Schwestern konnten ihrem Beruf nicht mehr nachgehen. Für die Familie wurde das tägliche Auskommen damit immer schwieriger. Im Herbst 1940 wurde Carei ungarisch, viele Rumänen flohen, manche empfangen die Ungarn mit Freuden. Im Hause Meisels quartierte sich der Hauptmann der ungarischen Truppen ein, ein unangenehmer Mensch, für den die Bewohner des Hauses nicht existent waren.

Bis zum 2. Mai ´44 konnte Pici als Näherin arbeiten, am nächsten Tag, dem 3. Mai, mussten die Meisels ins Ghetto Carei. Wir packten einen Koffer mit Kleidungsstücken für sechs Personen, ein wenig Lebensmittel, in ein Laken waren Federbett und Kissen gewickelt. Für die meisten der nicht-jüdischen Bewohner Careis schien die Vertreibung der Juden ein freudiges Ereignis zu sein, nur wenige zeigten Mitgefühl.

Nun erzähle ich dir, wie es ist, drei Tage in einem Viehwaggon zu verbringen, in dem siebzig Menschen eingeschlossen sind. Männer, Frauen, Kinder und Babys. Juni-Schwüle. Ohne Wasser. Ohne Luft. Ein Eimer mit Trinkwasser. Der zweite Eimer dient als Toilette. Wir fuhren ins Ungewisse. Damit habe ich das Wesentliche gesagt. Ziel des Transports aus Carei war das Ghetto Satu Mare [3], ca. 17-18.000 Juden wurden hier in zwei Straßenzügen eingepfercht….

Es fällt Pici schwer, weiter zu erzählen. raus, weiter, schneller, los, los.. mit diesem Geschrei wurden sie im Juni ´44 aus den Waggons getrieben. Drei der Schwestern, Icu, Anci und sie selbst, blieben zusammen, von Mutter und Vater wurden sie getrennt: sie waren in Auschwitz angekommen. Immer noch war die grausame Realität nicht durchgedrungen: die glatzköpfigen Skelette, die sie hinter dem Stacheldraht um Essen betteln sehen, widern sie an, und sie dachte mit Anerkennung an die Deutschen, die diese kahlköpfigen Wahnsinnigen eingesperrt hatten. Dies erinnert an eine Szene, wie sie auch Kertész in seinem Roman eines Schicksallosen [6] schildert: auch hier dünkten dem Erzähler die Jammergestalten hinter dem Zaun als so erbärmlich, daß er davon ausging, sie seien ja wohl zurecht eingesperrt worden…

Auf einmal fragten Hunderte, wo ihre Familienangehörigen seien. „Dort im Himmel. Im Rauch.“ … Aber wir glaubten nicht. Wollten nicht glauben.

Der Hunger ist ein großer Herr!

Immer wieder der Gedanke, sich selbst zu töten, zu erlösen: die zwei Schwestern reden ihr dies aus. …. Pici und ihre Schwestern durchleiden das gesamte Grauen eines Nazi-KL, den Hunger, die Schikanen, die stundenlange Appelle, die Schläge, Krankheiten, Verletzungen, Angst, Schrecken, Mutlosigkeit, Verzweiflung und den immer gegenwärtigen Tod… Pici entgeht den Selektionen, sie wird in verschiedene andere Lager zu teilweise grotesken Arbeitseinsätzen deportiert. Unter anderem war sie im KL Walldorf. Offensichtlich gehörte sie zu den 1700 von der Organisation Todt angeforderten Zwangsarbeiterinnen, die dort am Ausbau des Flughafens eingesetzt wurden [4].

Ich konnte die Tage nicht mehr auseinander halten, nur so, dass an einem Tag dies und an einem anderen Tag jenes geschah. Aber immer waren wir sehr hungrig und froren. Das Lager Ravensbrück [5] im Winter, ein großer Schritt Richtung gänzlicher Untergang. Keine Baracken, in der Dezemberkälte hausten fünfzehnhundert Menschen in einem Zelt auf einem Steinboden….

Während Picis Schwestern die Lager nicht überlebten, kam sie selbst noch nach Rechlin und von dort aus in einem Todesmarsch nach Malchow. Anfang Mai ’45 zeigten sich deutliche Auflösungserscheinungen bei den Deutschen, als Bewachung wurden entweder Halbwüchsige oder Alte eingesetzt, weggeworfene Uniformteile lagen in Straßengräben… am 9. Mai versetzte die Überlebenden die Sirene „Fliegeralarm“ noch einmal in Angst und Schrecken, doch diesmal verkündete sie das Ende des Krieges.

Pici hat das Grauen dieses einen Jahres als einzige der Familie überlebt, sie selbst war schwer erkrankt. Auf dem Heimweg nach Carei lernte sie Izidor Scheer kennen und lieben. Ihr Sohn wurde am 25. Dezember 1946 geboren.

Nach dem Erzählen war sie erschöpft, sie schloss die Augen und fiel in einen tiefen Schlaf. Sie hatte sich viel von ihrer Seele geredet.


Pici. Erinnerungen an …. ist ein besonderes Buch, das aus dem Stil anderer Erinnerungsliteratur herausfällt: es ist sehr persönlich. Der Autor, Robert Scheer, behält den Charakter seiner Gespräche mit Pici auch in der Schriftform bei. Er streut seine Fragen an die Großmutter in die einzelnen Passagen mit ein, auch seine Lenkung der Erzählungen („Erzähl nun etwas über deine Mutter.“) und ebenso die Reaktion seiner Großmutter auf die Erinnerungen, die mit ihrer Schilderung wieder wach werden, ihr vor Augen treten. Nicht alles ist für sie einfach zu erzählen: Jetzt kommt das, wovor ich solange ausweichen wollte, wie nur möglich. Es wird aber auch deutlich, daß das Reden ihr offensichtlich Erleichterung schafft: …. ich spüre, ich sollte über jeden Schrecken berichten, vielleicht kann ich mich auf diese Weise davon befreien.

Wie ungeheuerlich die Ereignisse damals für die junge Frau gewesen sein müssen, kann man daran erkennen, daß sie sich teilweise gar nicht mehr daran erinnern kann: Ich kann mich nicht erinnern, wie wir vom Ghetto in Carei zu den Viehwagons gelangten, wo wir eingestiegen sind, wie wir gereist sind. Ich weiß nicht, wo wir ausgestiegen sind und ich kann mich nicht daran erinnern, auf welchem Weg wir nach Satu Mare hineingelangt sind. Bis heute fehlen mir diese Erinnerungen. ….

Der Schrecken der Konzentrationslager im Dritten Reich ist mittlerweile bekannt und gut dokumentiert, ebenso wie die damit zusammenhängenden Deportationen, Vertreibugen, „Arisierungen“ etc pp. Details, die möglicherweise noch bekannt werden, ändern das grauenhafte Gesamtbild wohl nicht mehr, obwohl sie manchmal schon erstaunen. Daß in Lagern, so erzählt Pici, nachts zeitweise Schallplatten abgespielt wurden, auf denen wütendes Hundegebell und das Gehgeräusch von Männer in Stiefeln zu hören waren, was in der Dunkelheit der Nacht die Frauen in Angst und Schrecken versetzte, war mir beispielsweise unbekannt.

Dessen ungeachtet hat dieses Erinnerungsbuch an die Leiden von Elisabeth Scheer seine Berechtigung. Jedem, der damals unter dem Terror des Regimes leiden musste und nur ganz knapp dem Tod entkommen ist (und die Ermordeten sowieso) hat das Recht darauf, daß wir seine Geschichte anhören, daß wir ihm die Stimme, sie zu erzählen, zubilligen, daß wir nicht in die manchmal zu hörende reflexartige Ablehnung: „nicht schon wieder, es reicht…“ verfallen. Auf diese Weise erhält Pici etwas zurück, wenn man es so will, nämlich die Würde, die man ihr damals nehmen wollte. 

So erreichen Pici und Robert Scheer dreiererlei: eine Schilderung des Lebens einer jüdischen Familie im Rumänien vor dem 2. Weltkrieg, eine Dokumentation des Grauens, das Pici überlebte und last not least wird die Erinnerung an einige Menschen, die in Picis Leben wichtig waren und die fast alle ermordet worden sind, lebendig gehalten: den Vater Hermann, die Mutter Gizella, die Schwestern Anci, Icu und Luluka mit ihrer Tocher Zsuzsika sowie an den Bruder Béla. Aber auch an Nachbarn, Schulkameradinnen und Freude wird erinnert, ebenso an Leidensgenossinnen in den Lagern….

Pici. Erinnerungen … ist ein zutiefst menschliches Buch auch über Unmenschliches, in dem wir eine bewundernswerte Frau kennen lernen, die sich nach dem Grauen des Krieges und der Lager ein neues Leben aufgebaut hat und hier kurz vor ihrem Tod im vergangenen Jahr 2015 ihrem Enkel ihre Geschichte als Vermächtnis anvertraut und hinterlassen hat.

Ergänzt wird ihre Geschichte durch viele Familienbilder und weitere Dokumente, sowie durch ein Nachwort der Verlegerin

Links und Anmerkungen:

[1] Website des Autoren: http://robertscheer.de
Facebook-Seite des Autoren: https://www.facebook.com/robert.scheer.3572
[2] Wiki-Beitrag zu Carei: https://de.wikipedia.org/wiki/Carei
[3] englische Wiki-Seite zu Satu Mare: https://en.wikipedia.org/wiki/Satu_Mare_ghetto
[4] vgl. z.b. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/KZ-Außenlager_Walldorf und
hier: http://www.kz-walldorf.de
[5] vgl. z.B. hier: http://www.ravensbrueck.de, hier: https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Ravensbrück oder hier: http://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/ravensbrueck/
[6] Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen, Buchvorstellung hier im Bloghttps://radiergummi.wordpress.com/2010/01/04/imre-kertesz-roman-eines-schicksallosen/

Robert Scheer
Pici. Erinnerungen an die Ghettos Carei und Satu Mare und die Konzentrationslager Auschwitz, Walldorf und Ravensbrück
Übersetzt aus dem Ungarischen von Robert Scheer
diese Ausgabe: Marta Press, Softcover, 228 Seiten, 33 Abbildungen, 2016

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Schickse

Seit dem 17. beziehungsweise 18. Jahrhundert bezeugt; ursprünglich die westjiddische Bezeichnung für „Christenmädchen“, sowie im Gegenzug dazu wohl in Sprachformen mit Kontakt zum Jiddischen „Judenmädchen“; zum andern ist das Wort im Rotwelschen zu „Mädchen, Frauenzimmer“ verallgemeinert worden, woraus sich wohl die abwertende Bedeutung „Flittchen“, die zuerst in der Studentensprache aufkam, herausbildete; das jiddische Wort שיקסע‎ (YIVO: shikse) ist eine Femininbildung zum westjiddischen שײגעץ‎ (YIVO: sheygets) ‚Christenbursche; Schimpfname für einen jüdischen Burschen‘, welches auf das hebräische שָׁקֵץ‎ (CHA: šāqēṣ) ‚Abscheuliches; Gräuel‘ zurückgeht; das Femininum hat jedoch wegen der christlichen Dienstmädchen in jüdischen Familien eine erheblich größere Rolle gespielt. [1]

Ich kann mich noch an meine frühe Kindheit erinnern, ich weiß noch, daß mein Vater diesen Ausdruck (wie auch andere aus dem Jiddischen oder Rotwelschen) verwendete. Ob dies abwertend war oder neutral einfach für ein junges Mädchen/eine junge Frau, kann ich nicht mehr sagen. Im Sprachgebrauch selbst habe ich „Schickse“ schon seit vielen, vielen Jahren nicht mehr gehört, wieder begegnet ist mir der Begriff erst wieder in Meyers Roman über Wolkenbruchs wunderliche Reise… [4], die ich hier vor kurzem ebenfalls vorgestellt habe und die mich letztlich auch zu diesem Roman von Dominique Valentin führte.


schickse cover

Ich habe eben den Roman von Thomas Meyer erwähnt. Auch bei Valentin geht es wie in seinem Buch um das grundlegende Problem, daß sich ein jüdischer Mann in eine goje, eine Schickse, ein nicht-jüdisches Mädchen bzw. Frau verliebt. In beiden Schicksalen führt diese Tatsache zu einem Bruch mit der Familie, in beiden Fällen jeweils über die Mutter. Mag der (sexuelle) Kontakt eines Juden mit einer Nichtjüdin unter Umständen, wenn es diskret läuft, noch tolerabel sein (der Mann der Mutter, der eigentlichen Hauptperson in Valentins Buch, selbst hat im Lauf der Jahre diverse christliche Frauen, zu denen er geht), stellt die Absicht, sie zu heiraten, einen absoluter Bruch dar: die Kinder aus dieser Ehe wären keine Juden mehr, dann das Jüdischsein wird über die Mutter auf die Kinder vererbt.

Die Schickse ist ein autobiographischer Roman, Dominique Valentin ist diese Schickse, die Hure, die mit ihrem Geschlecht Moses eingefangen hat, eine zweiundreißigjährige alte Jungfer, die kein Goj haben wollte und die mit ihren Schlichen ihren zarten Jungen eingefangen hat – so die Mutter von Moses in einem Brief an ihren Sohn. Wir werden nie eine Schickse akzeptieren: im Namen deiner toten Familie, im Namen der Unschuldigen, die zerstückelt und verbrannt worden sind, weil sie Juden waren. Laß deine Eltern und dein Volk nicht im Stich. Es ist eure Pflicht, eine jüdische Generation aufzubauen.

Ein wenig führt die Kategorisierung des Klappentextes „autobiogaphischer Roman“ in die Irre: Dominique Valentin tritt selbst nur selten in Erscheinung, das meiste über sie erfahren wir noch über die Ermittlungsergebnisse des Privatdetektivs, den die Mutter auf sie ansetzt, um im letzten Moment die Hochzeit zu verhindern. Erst ganz spät im Buch erscheint sie auch als „Ich“-Erzählerin. Valentin ist die indirekt Hauptperson des Buches, sie steht in direkter Konkurrenz zur Mutter ihres Geliebten Moses, beide kämpfen um ihn, als Frau die eine, als Mutter und Jüdin die andere.

Valentin bemüht sich, die Motivation ihrer Feindin, anders kann man das Verhältnis von Seiten der Mutter aus nicht bezeichnen, zu verstehen. Nie erfahren wir den Namen der Mutter, sie ist immer nur die Mutter von Moses, genauso wie der Vater immer nur der Vater von Moses ist. Anders dagegen verfährt Valentin mit anderen Verwandten, der Onkel Klein-Moses lebt mit seiner Familie in den USA, die Tante Sarah lebte in direkter Nachbarschaft zu Moses´ Familie.

Das Leben hat die Mutter von Moses hart gestraft. Der Vater wurde von einem der ersten Autos, die es in Lodz gab, überfahren. Vor den Nazis floh die Familie nach Osten, dort wurde sie, noch ein Mädchen, mit einem Mann verheiratet. Mit zugebissenem Mund ertrug sie fortan für ihr ganzes Leben das, was man wohl eheliche Pflicht nennt. Beide, Mann und Frau, waren nicht imstande, sich zu lieben. Ein einziges Mal in ihrem Leben war der Mann zärtlich und liebe(voller), ein einziges Mal breitete sich so etwas wie Wärme in ihrem Bauch aus… Drei Kinder brachte sie zur Welt, Moses war der mittlere der drei Jungs.

Mutter und Vater überlebten den Krieg, andere, viele, Familienmitglieder dagegen nicht. Nach dem Krieg hatte der Vater großen geschäftlichen Erfolg. Auch ohne Schulbildung schuf er mit seinem Instinkt ein großes Vermögen mit Immobilien, ausgehend von Frankfurt expandierte er z.B. auch in die USA. Dort war sein Schwager Klein-Moses sein Statthalter. Geld jedenfalls war im Überfluss vorhanden.

Schuf der Vater ein geschäftliches Imperium, so war das der Mutter ein Netzwerk des Hasses, des Misstrauens, der Bespitzelung. Sie, die nie Liebe empfangen hatte, konnte auch keine geben. Einzig, wenn die Kinder krank waren, kam so etwas wie Fürsorge in ihr zum Vorschein. Wenn jemand in dieser Familie lieben konnte, war es Sarah, die Tante der Jungs.. ein unglückliche Liebe ist es, die das Leben der ledig bleibenden bestimmte…

Dominique Valentin versucht als verhasste Geliebte ihres Sohnes den Charakter von dessen Mutter zu verstehen, nachzuvollziehen, wie sich ihr Leben zu solch einem Ergebnis formte. Natürlich – die vielfachen Traumatisierungen der Kindheit, der frühe Tod des Vater, der Holocaust, der soviele Familienmitglieder verschlang, die unglückliche Hochzeit mit den lebenslang erfolgenden „geduldeten“ Quasi-Vergewaltigungen hat aus dem resoluten, lustigen, feurigen Mädchen eine verbitterte Frau gemacht, die ihr Leben lang schwieg. Als ihr durch den Reichtum nach dem Krieg die Möglichkeiten gegeben waren, kompensierte sie diese Traumatisierungen, diesen absoluten Vertrauensbruch in das, was das Leben zu bieten hat, auf zwei Arten: durch den Aufbau einer absoluten Kontrolle über alle Menschen, mit denen sie zu tun hatte und dadurch, daß sie das Jüdischsein zum Absoluten erhob. Die Erhaltung und der Fortbestand der Juden war für sie das, dem sich alles unterzuordnen hatte.

Die Kontrolle, die die Mutter ausübte, war absolut. Immer wusste sie Bescheid, fand sie Zuträger und Informanten, die sie über die Vorgänge draußen, bei Moses und seiner Schickse in Kenntnis setzten: es war Sache des Preises. Selbst in den USA war ihr Einfluss auf ihren Onkel beherrschend. Sie war der (fast) unangefochtene Tyrann der Familie. Fast – denn an den Rändern franzte es aus. Schon der jüngste der Söhne, der ungewollte und ungeliebte Willy, war mit einer Christin zusammen und damit verstoßen; auch Moses entzog sich ihrer Kontrolle, je älter er wurde, immer mehr. Und in den USA verstand es die Schickse sogar, beim Besuch des Onkels in New York durch einen zündenden Witz die Atmosphäre soweit aufzulockern, daß sie nicht mehr wie durchsichtig behandelt wurde.

Trotz nahezu verzweifelt anmutender Bemühungen konnte die Mutter von Moses die Hochzeit von Moses und seiner Geliebten nicht mehr verhindern. Schwiegermutter und Schwiegertochter wechselten nie ein Wort, begegneten sie sich selten bei (wenigen) Familienfeiern der Brüder, zu denen Moses und sie im Lauf der Zeit dann doch eingeladen wurden, ignorierte die Mutter von Moses die Anwesenheit ihrer Schwiegertochter mit zusammen gepressten Lippen und hoch erhobenem Haupt. Der Vater von Moses dagegen war bei einem offiziellen Termin, an dem der Sohn ihm die Schwiegertochter vorstellte, sogar gezwungen, ihr die Hand zu geben. Wenigstens wechselte er noch ein paar Worte mit seinem Sohn….

pars pro toto: das individuelle Problem, das die Autorin hier schildert, kann ohne große Verfälschung verallgemeinert werden, handelt es doch von den Problemen des Zusammenlebens von Juden, die den Holocaust mit- und überlebt haben und Nicht-Juden. Selbst wenn sich das Verhältnis in den letzten Jahren entspannt hat, ist es sensibel, die Probleme, die auftreten, wenn israelische Politik (insbesondere von Deutschen) kritisiert wird, sind bekannt.

Ein erschütterndes Schicksal entfaltet sich in Dominique Valentins autobiographischem Roman. Eine Überlebende des Holocaust, die ihr Leben lang an den seelischen Verletzungen zu tragen hatte und den Widrigkeiten des Lebens zuvor kommen wollte, in dem sie alles unter ihre Kontrolle brachte. Sie machte den anderen damit das Leben zur Hölle, das Kind Moses kann einem leid tut, liest man von den Folgen, die die Lieblosigkeit der Mutter bei ihm zeitigte und von denen die Autorin berichtet.

Natürlich interessiert, wer dieses Familie war, die in Frankfurt (und anderswo) so beherrschend und wichtig war, man könnte es sicher aus Angaben des Buches, die an mehreren Stellen sehr konkret sind (Moses war/ist Theatermensch, es sind Daten angegeben, wo und wann er welche Stücke inszeniert hat, die Rezensentin in der SZ hat seinerzeit auch die Identität genannt) ermitteln. Aber letztlich ist es nicht wichtig. Interessanter war und ist für mich die Frage, warum Dominique Valentin dieses Buch geschrieben hat. Ihre Schwiegereltern sind beide tot, mit dem Begräbnis ihrer Schwiegermutter endet die erzählte Familiengeschichte im Buch. Mit dem überwiegenden Rest der Familie, so habe ich es gelesen, herrschte zumindest ein friedliches Nebeneinander.

Aber wie tief müssen die Verletzungen gewesen sein – oder noch sein -, die der Hass der Mutter von Moses bei ihr hervorgerufen haben. Wie tief auch ihr Gefühl, ihre Liebe für Moses, an dem sie trotz aller Widrigkeiten festhielt… Daß sie sich nicht auch in Hass flüchtete, sondern versuchte, das Schicksal ihrer „Feindin“ zu ergründen, hat sicherlich dabei geholfen, einen Teil des Schmerzes abzufangen. Musste der andere Teil durch diesen Schrei hinaus in die Öffentlichkeit geheilt werden? Eine Art Karthasis also? Wehleidig oder selbstmitleidig ist Valentins Schilderung dagegen nie, sie selbst, ich sagte es, tritt auch erst spät in Erscheinung, ein großer Teil des Textes bemüht sich, ein Bild vom Leben der Mutter und der Familie zu zeichnen.

Zur reinigenden Karthasis, dem Schrei in die Öffentlichkeit, würde der Stil des Romans (man muss sich immer wieder vergegenwärtigen, daß es sich um einen Roman handelt, der eine Bearbeitung realer Gegebenheiten wiedergibt) passen: wie in einem einzigen Guss auf´s Papier gebracht wirkt der Text, kaum gegliedert, Rückblenden und Gegenwart gehen zum Teil nahtlos ineinander über. Dies passt hervorragend zur Arbeitsweise unseres Gedächtnisses, das sein Erinnerung ja auch nicht chronologisch, sondern in „Happen“ abspeichert, die dann wieder zusammengesetzt werden zu einer Geschichte [3]. Exakt so liest sich der Text, der sehr fesselnd ist, der mitnimmt, gefangen hält, der anschaulich und farbig ist, der erschüttert, entsetzt und von einem großen Erzähltalent kündet: so überrascht es nicht, wenn ich Die Schickse voller Überzeugung empfehlen kann. Leider habe ich von Dominique Valentin keine weitere (ins Deutsche übertragene) Arbeit mehr gefunden, das ist wirklich schade.

Links und Anmerkungen:

[1] aus: https://de.wiktionary.org/wiki/Schickse, dort sind auch die entsprechenden Quellenangaben zu finden
[2] Webseite der Autorin: http://www.dominiquevalentin.com/index_accueil.php
[3] dazu ist im Spiegel (in anderen Zusammenhang zwar) ein verständlicher Beitrag gewesen, in dem die Funktionsweise des Gedächtnisses anschaulich erklärt wird
[4] Thomas Meyer: Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse; Besprechung hier im Blog

die grün unterlegten Stellen sind (u.U. grammatikalisch angepasste) Zitate aus dem Buch.

Dominique Valentin
Die Schickse
Übersetzt aus dem Französischen von Eva Moldenhauer
Originalausgabe:
diese Ausgabe: Schöffling & Co, HC, ca. 206 S., 1996

Klepper marke

Sondermarke zum 50. Todestag Jochen Kleppers 1992 Bildquelle [B]

Das „eigentliche“ Lutherjahr [3] ist ja erst nächstes Jahr, 2017, in dem sich zum 500. Mal der Anschlag der Thesen an das Portal der Schlosskirche in Wittenberg jährt. Kein Grund natürlich, nicht 2016 auch schon im Umfeld dieses Jubiläums zu begehen (Stichwort: Lutherdekade), offiziell mit einem Themenjahr Reformation und die eine Welt [4]. So ganz passt das Buch, welches ich jetzt vorstellen möchte, nicht in das Thema dieses Jahres 2016, aber wie gesagt, die Feierlichkeiten ziehen sich ja sowieso über eine ganze Dekade hin…

Die Flucht der Katharina von Bora von Jochen Klepper (ich gehe einfach davon aus, daß jeder weiß, daß Katharina die Frau von Luther, die Lutherin [2] also, war) ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Zum einen ist es kein vollständiger Roman, sondern das Fragment eines größeren Werkes, das der Autor nicht mehr vollenden konnte. Jochen Klepper, der, so wie ich mutmaße, wohl nur noch Fach- und Kirchenleuten [5] bekannt ist, hat sich zusammen mit seiner jüdischen Frau und seiner jüdischen Stieftochter am 11. Dezember 1942 suizidiert. Die Zwangsscheidung stand unmittelbar bevor und damit die Deportation der geliebten Menschen in ein Konzentrationslager. Die zweite, ältere Stieftochter konnte rechtzeitig nach England fliehen.

Jochen Klepper hat ein Tagebuch geführt, das auszugsweise wieder gegeben ist. Hier sind sowohl seine vorbereitenden Arbeiten für den geplanten Roman Das ewige Haus beschrieben als auch der Kampf um das (Über)Leben der Familie. Sicherlich gibt es heute aktuelle Literatur zur Person Katharina von Boras, zur Zeit Kleppers war dies den Angaben Kleppers zufolge nicht der Fall, mühsam sammelte und recherchierte der Autor Material für seinen Roman. Die Arbeit daran wurde u.a. durch eine Einberufung zum Wehrdienst unterbrochen, nur ein paar Monate nach Einberufung Ende 1940 wurde Klepper jedoch, weil er mit einer Jüdin verheiratet war, wegen „Wehrunwürdigkeit“ unehrenhaft aus der Wehrmacht entlassen. Er nahm die Arbeit an seinem Roman über Katharina wieder auf, sie gab seinem Leben einen Halt (Es ist seltsam: Während ich keines neuen Kirchenlieds mehr fähig bin, glaube ich, ließe man mir von aussen ein wenig Ruhe, Das ewige Haus wie aus einer unauslöschbaren Erinnerung schreiben zu können. Es ist eben so, daß das fremde Leben Katharinas völlig in mir dominiert. (31. Jan. ´42)) , denn die äußeren Bedingungen für die Familie wurden immer schlechter.

10. 12. 1942

Nachmittags die Verhandlung mit dem Sicherheitsdienst.

Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott -,
wir gehen heute nacht gemeinsam in den Tod.
Über uns steht in den letzten Stunden das Bild
des segnenden Christus, der um uns ringt.
In dessen Anblick endet unser Leben.

Zwar konnte Klepper in der ersten Zeit noch durch direkte Kontakte mit Frick, dem damaligen Innenminister, erreichen, daß für seine Frau und Stieftochter Ausnahmegenehmigungen (Befreiung von Auflagen für Juden) galten, als jedoch Frick die Zuständigkeit für das Sachgebiet entzogen und auf die Gestapo übertragen worden war, verschlimmerte sich die Lebensituation dramatisch. Für kurze Zeit gab es noch einmal Hoffnung, da sich die Möglichkeit der Emigration der Stieftochter zumindest, vllt auch der Ehefrau, nach Schweden eröffnete. Eichmann selbst deutet wohl an, die Möglichkeit einer Ausreiseerlaubnis zu überdenken. Als er diese jedoch nicht erteilte, sah die Familie Klepper keine andere Möglichkeit mehr zusammen zu bleiben als im Tode.

Das Fragment  des unvollendet gebliebenen Romans, Die Flucht der Katharina von Bora, wurde (in der von mir hier vorgestellten Buchausgabe) aus dem Nachlass herausgegeben und eingeleitet von Karl Pagel.


Wir schreiben das Jahr 1523, die Osternacht im Kloster Marienthron [6], einem Zisterzienserorden im Kurfürstentum Sachsen. Noch ist der Konvent der Frauen unter der Äbtissin Margarete von Haubitz dreiundvierzig Nonnen stark, aber in dieser Nacht passiert Ungeheuerliches. Im Schutze der Dunkelheit und der Osternacht, in der die strenge Ordnung des Klosters nicht gegeben ist, schleichen sich acht Nonnen auf die Pforte nach außen zu. Ein Schrecken durchfährt die Nonnen – im Kreuzgang taucht eine Gestalt vor ihnen auf, sie wittern Verrat, daß ihr Fluchtversuch entdeckt worden sei von dieser Nonnen, in der sie Katharina von Bora erkennen. Doch auch Katharina schlupft durch die von heimlicher Hand geöffnete Pforte nach aussen, wo sie erwartet werden. Zwei Knaben noch, Diener der Äbtissin helfen ihnen, die Klostermauer zu überwinden und zu dem Fuhrwagen zu kommen, der ihrer erwartet. Leonhard Koppe, der Kaufmann aus Torgau, der mit dem Kloster viele Geschäfte machte, versteckt (erstaunt über die nicht erwartete neunte Nonne und ihr gegenüber misstrauisch) die Nonnen hinter Fässern und Planen und macht sich mit seinen Helfern auf den Weg nach Torgau, wo die Flüchtenden in Sicherheit sein werden. Nach langer nächtlicher Fahrt auf schlechten Wegen durchqueren sie das dem Kloster naheliegende Grimma und gelangen schließlich ans Ziel, wo die Nonnen zwar sicher sind, sich für sie eine unsichere Zukunft offenbart [7].

Die Flucht der Nonnen ist in zweierlei Hinsicht etwas Ungeheuerliches: sie, die Bräute Christi, brechen das heilige Gelübde und kehren in den Stand zurück, den sie auf immer zu verlassen hatten. Und sie berufen sich auf den Ketzer aus Wittenberg, den Doktor Martinus, der die heilige Ordnung der Kirche gehörig durcheinander wirbelt mit seinen Predigten, mit seinen Ansichten, mit der Verdammung des Ablasshandels, der die Menschen verwirrt mit seiner Übersetzung der Bibel, so daß sie auf einmal verstehen, was dort geschrieben steht und sie anfangen, Fragen zu stellen, nicht mehr widerspruchslos alles hinzunehmen.

Gespalten hat diese Irrlehre die Kirche und die Welt schon. Schon bekennen sich einzelne Landesherren zu dieser neuen Lehre, während andere weiterhin der alten anhängen. Risse gehen durch das Land, politische Verwerfungen wie in Sachsen. Der Herzog Georg ist ein Feind Luthers im Gegensatz zum Kurfürsten…. die Nonnen, wiewohl die ersten Frauen, sind nicht ersten, die aus den Klösterkonvente wieder in die Welt gegangen sind. Viele Mönche haben den geistlichen Stand schon verlassen, heimliche Botschaften werden mit anderen ausgetauscht, so wie auch die neun Nonnen von des Doktor Martinus Lehre erfahren haben.

Geschickt baut Klepper seine historischen Exkurse über z.B. die Vorgeschichte der Reformation in der Region von Grimma, über das Klosterleben, über die Tradition, aus wirtschaftlichen Gründen insbesondere junge Mädchen in Klöster zur Erziehung „abzuschieben“ (wobei dies nicht für die Mädchen/Frauen nicht unbedingt die schlechtere Alternative ist), über den Widerspruch zwischen dem Gebot der persönlichen Armut von Mönch bzw. Nonne und dem Reichtum eines Klosters an sich in seine Geschichte ein.

Klepper läßt seine Flüchtigen, bevor sie am Ostermorgen beim rettenden Torgau das Lamm und den Hirten auf der Straße sehen noch die Region des Todes durcheilen: das Moor, das dunkel ist, dessen Nässe alle Wurzeln abtötet bis auf die der Eibe, des Baumes der Hel, der alten Totengöttin. Im neuen Glauben, so zeigt er damit, liegt die Hoffnung und das Leben, der alte Glauben birgt dies nicht mehr, wer sich in ihm verwurzeln will, endet wie die Bäume im Moor: als tote Stämme.

In Torgau, im Haus von Koppe, zeigt sich deutlich, was die flüchtigen Nonnen schon vorher in Briefen von Verwandten angedeutet bekamen: niemand will sie aufnehmen, ihr weiteres Schicksal ist völlig offen, genauso wie das der Katharina von Bora, die sich in ihrem nächtlichen Gespräch mit Koppe, bei dem sie während der Fahrt saß, als weitsichtige, intelligente und auch selbstbewusste Frau gezeigt hatte.

Hier endet das Fragment….


Katharina von Bora, Porträt von Lucas Cranach dem Älteren von 1526 Bildquelle [B]

Katharina von Bora, Porträt von Lucas Cranach dem Älteren von 1526
Bildquelle [B]

Das weitere Schicksal Katharina von Boras ist bekannt. Erste Versuche, zu heiraten, scheiterten, weil sie als abtrünnige Nonnen von den jeweiligen Familien abgelehnt wurde. Auch Luther wandelte auf Freiersfüßen, bekam jedoch „einen Korb“ und da war halt dann noch die Katharina da… um es etwas launig auszudrücken. Katharina war Luther eine große Stütze, sie managte ein durchaus Respekt abnötigendes „Familienunternehmen“ bis hin zum Bierbrauen, schenkte sechs Kindern (von denen ein im frühen Kindesalter starb) das Leben und war ihrem Mann eine geschätzte (auch Gesprächs)Partnerin. Nach dem Tod Luthers 1546 bekam sie finanzielle Schwierigkeiten, musste zwischenzeitlich kriegsbedingt nach Magdeburg umziehen, danach die zerstörten Güter (mit Hilfe verschiedener Fürsten) wieder aufbauen. 1552 hatte sie einen Unfall mit einer Kutsche, an dessen Spätfolgen sie schließlich starb. Bestattet wurde sie in Torgau [2], der genaue Ort der Grablege ist nicht bekannt.

Kleppers Romanfragment ist ein sehr ruhiger, nachdenklicher Text, der mit Sorgfalt zu lesen ist. Er stellt das Einzelschicksal dieser bedeutenden Frau in den geschichtlichen Kontext der Reformation, die die Vormachtstellung der katholischen Kirche frontal und in ihren Grundfesten angriff. Leider ist der Roman ein Fragment geblieben, zwar sind noch Exzerpte nachfolgender Kapitel vorhanden, aber ausgearbeitet worden ist nur das vorliegende 1. Kapitel des 1. Teils.

Seine besondere Eindringlichkeit erhält der Text durch das Schicksal des Autoren. Er ist das Thema, das Jochen Klepper in den letzten Monaten, ja: Jahren beschäftigt und innerlich umgewälzt hat, sicherlich hat es ihm auch Kraft und Willen gegeben, die immer bedrohlicher werdende Lebensituation ein Stück weit besser zu ertragen. Erstaunlich war für mich seine weiter vorne zitierte Tagebucheintragung, daß ihm dieser Katharina-von-Bora-Stoff noch möglich war, während er schon keine Kirchenlieder mehr schreiben konnte. Ich hätte erwartet, daß er eher im Kirchenlied Trost gefunden hätte….

Ein stilles, sehr tragisches Schicksal: drei Menschen, denen der Suizid als die bessere Wahl galt. Eine Treue dreier Menschen zueinander tatsächlich bis in den Tod hinein. Der Tod hat sie nicht geschieden, er hat sie vereint. Ist dies, angesichts des Schicksals, das die beiden Frauen dadurch vermieden haben, ein Trost? Und wer von uns hätte die Kraft dieses Mannes, der sich, um zu überleben, „nur“ hätte scheiden lassen müssen…..

Diese ältere Ausgabe enthält neben dem Romanfragment ferner folgende Beiträge:

  • Jochen Klepper: eine Darstellung der letzten Monate seines Lebens, nach seinem Tagebuch
  • Das Tagebuch der letzten Wochen
  • zur Entstehung des Fragments

Links und Anmerkungen:

[1] – Wiki-Beitrag zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Jochen_Klepper
– Eintrag im Ökonomischen Heiligenlexikon: https://www.heiligenlexikon.de/BiographienJ/Jochen_Klepper.htm
[2] zu Katharina von Bora:
–  Wiki-Beitrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Katharina_von_Bora
–  eher stichwortartige Lebensdaten: http://www.lutherin.de/
[3] http://www.luther2017.de/de/2017/reformationsjubilaeum/
[4] http://www.luther2017.de/de/2017/lutherdekade/themenjahr-2016/
[5] Klepper war ein bekannter Kirchenmusiker, sie Liedbeispiel in [1] „Heiligenlexikon“
[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Kloster_Nimbschen
[7] Die Entfernung Grimma – Torgau beträgt Luftlinie ungefähr 40 km. Man kann sich vorstellen, was die drei Pferde, die Zugtiere gespannt waren, geleistet haben in dieser Nacht.

Bildquelle:

Briefmarke: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:DBP_1992_1643-R.JPG, gemeinfrei nach § 5 Abs. 1 UrhG
Portraits Katharina von Bora: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Katharina-v-Bora-1526.jpg; gemeinfrei

Jochen Klepper
Die Flucht der Katharina von Bora
Erstausgabe: ?
diese Ausgabe: Evangelische Verlagsanstalt Berlin, HC, ca. 212 S., 1956

Litzmannstadt 01

Wer meinen Blog regelmäßig besucht (oder auch nur gelegentlich…), hat wahrscheinlich/vielleicht meinen Beitrag über das in Auschwitz aufgefundene Tagebuch von Rywka Lipszyc [8] gelesen, diesem 14 jährigem Mädchen, das sein Leben im Getto Litzmannstadt beschreibt. Die Aufzeichnungen von Rywka wurden von Oktober 1943 bis April 1944 verfasst, immer wieder taucht in ihnen die Erinnerung an ein besonders traumatisches Ereignis im Getto auf, die sogenannte „Allgemeine Gehsperre“ vom September 1942, im Gettojargon shpere genannt. Bei dieser Aktion verlor praktisch jede Familie im Getto ein oder auch mehrere Mitglieder, die oben erwähnte Rywka beispielsweise zwei ihrer jüngeren Geschwister.

„Gehsperre“ ist ein sehr verharmlosender Euphemismus. Pars pro toto steht hier ein Begriff, der im Grunde nur einen Aspekt der praktischen Durchführung betrifft, für die Tatsache, daß über 15.000 Menschen aus dem Getto „umgesiedelt“ wurden. Und „Umsiedlung“ bedeutete ganz klar „Tod“, eine Tatsache, die auch den Gettobewohnern bekannt war, wenngleich sie oft verdrängt worden ist.


Um einleitend das Getto Litzmannstadt/Lodz kurz zu beschreiben, greife ich auf einen Text zurück, den ich schon früher verwendet habe [6]. Wobei man bei den genannten Zahlen etwas vorsichtig sein muss, je nach Quelle gibt es hier durchaus unterschiedliche Angaben:

Die Verwaltung des Gettos Litzmannstadt umfasste bis zu 13.000 Personen, für die interne Leitung eines Gettos wurde ein Judenrat eingesetzt, dem ein Ältester vorstand. Es gab auch einen rein jüdischen Ordnungsdienst, der für die Aufrechterhaltung der internen Ordnung im Getto zuständig war und der in seiner Vorgehensweise ähnlich brutal agierte wie die deutsche Polizei, die natürlich auch jederzeit tätig werden konnte und für die Gesamtbewachung des Gettos und die Abriegelung nach aussen zuständig war. Vorsitzender des Judenrates war Mordechai Chaim Rumkowski, eine umstrittende Figur. Im Gegensatz zum Beispiel zum Warschauer Getto, in dem ein heldenhafter, aber vergeblicher Aufstand gegen die Unterdrücker stattfand, setzte Rumkowski auf “Kooperation”: er wollte das Getto unentbehrlich machen für die Deutschen und damit seine Existenz sichern. Insofern war er ihren Wünschen und Befehlen gegenüber willfährig in der (in der Nachschau) naiven Hoffnung, das Getto, das er in eine Art Arbeitslager verwandeln wollte, zu schützen: Benötigen Sie siebenhundert Arbeiter, dann wenden Sie sich an uns: Wir geben Ihnen siebenhundert Arbeiter. Benötigen Sie tausend, dann geben wir Ihnen tausend. Doch verbreiten Sie keine Angst unter uns. Reißen Sie die Männer nicht von ihrer Arbeit weg, die Frauen nicht aus ihrem Zuhause, die Kinder nicht aus ihren Familien. Lassen Sie uns in Ruhe und Frieden leben – und wir versprechen Ihnen, soweit es in unseren Kräften steht, behilflich zu sein.” [2] 

In gewisser Weise gelang ihm dies auch, das Lager mit seinen Arbeitsstätten und Werkstätten produzierte vom behelfsmäßigen Wohnhaus bis hin zum Büstenhalter zum Teil kriegswichtiges Material für die Nazis. Unterschätzt wurde jedoch der Impetus der quasie-missionarischen selbstgesteckten “Aufgabe” der Nazis, der nicht davor zurückschreckte, auch Nachteile für sich selbst in Kauf zu nehmen: die Ausrottung der Juden nämlich [vgl. 3]. Das Getto wurde am 30. August 1944 nach dem letzten Transport nach Auschwitz, dem auch Rumkowski angehörte, aufgelöst.


Der Autor Jósef Zelkowicz kam 1940 in das Getto, er war zu diesem Zeitpunkt 43 Jahre alt, ordinierter Rabbiner, examinierter Lehrer, geachteter Gelehrter und vielfach publizierter Autor. Das, was er im Getto an Hunger, Elend, Tod und ständiger Angst vor Deportationen antraf, konnte er nur durch Schreiben kompensieren. Es war sein Weg, nicht verrückt zu werden. Als Journalist und Schriftsteller fand er eine priviliegierte Anstellung in der Selbstverwaltung des Gettos, und zwar im Archiv des Ältesten der Juden von Litzmannstadt. Dort arbeitete er auch an der Chronik des Gettos [1] mit, die die täglichen Ereignisse im Litzmannstadt-Getto dokumentiert. Aus zwei Gründen sind die Eintragungen in dieser Chronik jedoch zumindest tendenziell: zum einen sollten die Leistungen des Ältesten Rumkowski gewürdigt werden, zum anderen musste sie so abgefasst sein, daß man sie zur Not auch den Deutschen vorlegen konnte. So ist sie anfangs durch nüchterne, fast schon amtliche Sachlichkeit gekennzeichnet, wird im Lauf der Zeit aber dann immer journalistischer, d.h. wertender und beurteilender. Späteren Generationen zu vermitteln, was hier im Getto geschah und welche Wirkungen es auf die Menschen hatte, wurde immer wichtiger. Um aber wirklich die „ungeschminkte“ Wahrheit festhalten zu können, wich Zelkowicz auf die Anfertigung dieser privaten Aufzeichnungen aus.


man geyt tsum shmelts

Bekanntmachung des "Präses" Rumkowski zur "Allgemeinen Gehsperre" Bildquelle [B]

Bekanntmachung des „Präses“ Rumkowski zur „Allgemeinen Gehsperre“
Bildquelle [B]

Das vorliegende, aus dem jiddischen Original übersetzte Tagebuch umfasst in fünf Kapiteln den Zeitraum vom Dienstag, den 1. September 1942 bis zum Sonntag, den 5. September, dem Tag, an dem am Spätnachmittag um 17 Uhr die verfügte Gehsperre in Kraft trat.

Es beginnt am 1. September erst einmal wenig spektakulär. Da schon vor längerer Zeit die Rede davon war, daß die Krankenhäuser evakuiert werden sollten, verwunderten die LKW vor den drei Krankenhäusern nicht weiter. Erst allmählich fiel auf, daß es Militärlastwagen waren, daß die Ausweichquartiere noch gar nicht fertig waren und warum wirft man die Kranken wie Stücke unkoscheren Fleisches auf die Lastwagen? Die Antwort auf die Fragen ergab sich wie von selbst und ließ das Blut in den Adern frieren, man hatte ja schon Erfahrungen, die im Litzmanstadter Getto einquartieren Juden von ausserhalb (Provinzjuden) wussten es nur zu genau: es handelte sich um eine Säuberung. Im Getto ist kein Platz für Kranke und Schmarotzer. Im Getto dürfen nur Menschen leben, die arbeiten können. Diejenigen, die nicht arbeiten können, gehen zum shmelts. .. was in etwa übersetzt werden kann mit auf den Schrott , in den Müll oder Ofen werfen.

Zelkowicz beschreibt nun die aufkommende Panik, die die Menschen beherrschende Angst vor dem, was noch kommen mag. Viele der Kranken versuchen zu fliehen, springen aus den Fenstern, humpeln durch die Gassen und Hinterhöfe, mischen sich unter das Personal. Die Bettlägerigen werden auf die Lastwagen geworfen… außer den Kranken wurden auch die Kinder auf den Tuberkulose-Stationen geholt und die Insassen des Zentralgefängnisses.

Wird es damit enden?

Die Provinzjuden lachen bitter bei dieser Frage, sie haben das alles schon miterlebt. Erst Einzelne, dann die Kranken, dann die Kinder und Alte und danach erst… auch aus dem Rest Asche gemacht. Deportiert, erschossen, ausgemerzt und verstreut über alles sieben Meere. ..

Die Macht [Getto-Begriff für die deutschen Besatzer] ist unzufrieden, der Moloch muss gefüttert werden: für die entkommenen Kranken erklärt sich die jüdische Gemeinschaft bereit, zum Austausch zweihundert andere Menschen zuzustellen.

Am Donnerstag, den 3. September wird das durch die Gassen schwirrende Gerücht (so wie letztlich jedes Gerücht wahr wird, das etwas Schlimmes profezeit) wahr: Kinder und Alte wird man aus dem Getto deportieren. Kinder bis zu zehn Jahren und Alte ab fünfundsechzig Jahren. […] Dieser Transport soll um die zwanzigtausend Seelen zählen. Er wird von einer jüdischen Aussiedlungskommission organisiert, ohne Einmischung der Macht. Die Durchführung soll mit Hilfe der jüdischen Polizei, der Feuerwehr und dergleichen stattfinden – deren Angehörige mit zusätzlichen Lebensmittelrationen versorgt werden und die von der Deporationsverfügung ausgenommen sind. Auch im Getto können Beziehungen über Leben und Tod entscheiden.

Chaim Rumkowski bei einer öffentlichen Rede. so mag es auch bei seiner Rede zur Deportation 9/1942 ausgesehen haben... Bildquelle [B]

Chaim Rumkowski bei einer öffentlichen Rede. so mag es auch bei seiner Rede zur Deportation 9/1942 ausgesehen haben…
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Zelkowicz beschreibt nun im Einzelnen, was sich in den nächsten Tagen im Getto abspielte. Am Freitag, den 4. September wird die Bevölkerung durch u.a. den Präses Rumkowski selbst über das Geschehen informiert [4]. Zelkowicz bezeichnet Rumkowski als stolzen Mann, der sein Königreich wie ein Tyrann führte, sogar mit hundertprozentigem Despotismus. […] der nie auf jemanden hörte und alles auf eigene Faust […] ausführte. Genau dieser Mann steht vor der Menge wie ein Gebrochener. Der Mann kann seine Tränen nicht zurückhalten. Der Präses weint wie ein Kind […] Es sind keine künstlichen Tränen. Das sind jüdische Tränen, die aus einem jüdischen herzen herrühren. ..Er überbringt eine schlimme Botschaft: Gestern hat man mir den Befehl erteilt, etwas zwanzigtausend Juden aus dem Getto zu deportieren. Falls ich dies nicht tun würde, „würden sie das übernehmen“. […] Wir kamen, d.h. ich und meine engsten Mitarbeiter, zu dem Schluss, dass wir, wie schlimm es auch immer für uns sein mag, die Durchführung der Verordnung in unsere Hände nehmen müssen. […] denn wenn nicht, könnten auch andere genommen werden. […] Die Verfügung ließ sich nicht rückgängig machen, sie konnte lediglich gemildert werden. ..[i.e. von vierundzwanzigtausend auf (weniger als) zwanzigtausend, wenn alle Kinder unter zehn Jahre eingeschlossen sind].

Die Bewohner des Gettos wissen was mit den Kindern geschehen wird, verdrängen es, hoffen, wollen es nicht wahrhaben, suchen nach Alternativen, was die Macht vielleicht vorhaben mag mit ihren Kindern…. zu unvorstellbar scheint die Wahrheit…

Bei einem Fünftel der Bevölkerung ist praktisch jede Familie von dieser Verfügung betroffen. Das Getto ist von Panik erfüllt, von Schrecken, von unsäglicher Trauer. Man verwöhnt die Kinder mit dem wenigen, was man noch da hat, gehortet für schlechte Zeiten: ein wenig Zucker möglicherweise, ein Fitzelchen Margarine, die auf´s trockene Brot geschmiert wird…. die Kinder sind verwundert, so eine Bevorzugung gibt´s doch sonst nur, wenn sie krank sind und sie sind doch nicht krank….

Ich will hier nicht im Einzelnen wiedergeben, was Zelkowicz in seinen Aufzeichnungen alles festgehalten hat. Er beschreibt die Arbeit der Kommission, die einerseits absolut redundante Verwaltungstätigkeit umfasst, andererseits auch systematisch alle Möglichkeiten verschließt, zu entkommen. Beispielsweise werden die Melderegister geschlossen, so daß keine persönlichen Daten gefälscht werden können und jetzt kommt auch die Allgemeine Gehsperre ins Spiel: Mit dieser Bekanntmachung No. 391 werden alle Bewohner des Gettos festgesetzt in ihren Wohnungen. Da die Hausverwalter die entsprechenden Unterlagen mit den persönlichen Daten bereit halten müssen, wer in den Wohnungen lebt, brauchen die Schergen nur von Wohnung zu Wohnung zu gehen und die unter die Verfügung fallenden Personen, die Kinder, die Alten einzusammeln.

Die Schilderungen Zelkowicz´  bewegen sich auf zwei Ebenen. Einerseits beschreibt er sachlich, was an Fakten festzuhalten ist. Literarisch-emotional schildert er, wie das Getto als Ganzes durch diese Verfügung aus dem Gleichgewicht geworfen wird. Insbesondere das Ausliefern der Kinder ist ein solch barbarisches Ansinnen, daß es die Betroffenen schier in den Wahnsinn treibt. Natürlich kommt es zu erschütternden Szenen, wenn die Kommandos den Müttern das Kind aus den Armen reißt, diese wollen es um keinen Preis hergeben. Und daß der jüdische Polizist möglicherweise etwas weniger heftig reißt als es der deutsche tun würde – ändert es etwas? Viele Kinder dagegen verstehen das alles nicht, warum schreien die Eltern, gönnen sie ihnen die Fahrt auf dem Lastwagen etwa nicht?

Kann man die Kinder/Alten nicht verstecken? Nun, in den Meldebögen sind sie alle verzeichnet und die Deutschen haben keine Probleme damit, alle Hausbewohner in Haftung zu nehmen für einen Versteckten….

Denn die Macht überläßt es doch nicht ganz den jüdischen Ordnungskräften, sondern mischt mit. Ein Schuss im Hof als Signal und zwei Minuten später ist Antreten. In Hausklamotten: mangelnder Respekt, auf den Lastwagen! Im Mantel mit Hut: ah, schon reisefertig. Auf den Lastwagen! Sie wollen das Kind nicht hergeben? Ich gebe ihnen drei Minuten. Als diese vorbei sind, werden Mutter und Kind erschossen. Der Schreiber bricht an vielen Stellen das Schicksal Tausender herunter auf Einzelschicksale, die beim Leser dann noch einmal intensiver berühren, es ist die zweite Ebene, auf der er die Ereignisse schildert.

Aber auch die Juden selbst reagieren völlig unterschiedlich. Eine Familie will ihren sechsjährigen Sohn verstecken, eine Jüdin aus Düsseldorf [5], preussisch-korrekt, droht damit, sie zu verraten. Vorschrift ist Vorschrift und sie wird im Gegensatz zu diesen verfluchten polnischen Juden-Kindern ihre drei Kinder natürlich mitgeben.

Aber egal, welches Schicksal  Zelkowicz auch schildert, ob das vieler oder das einzelner, sie sind jeweils von ungeheuerlicher Art, daß man ausserstande ist, sie nach zu empfinden. Es ist einfach unmöglich, sich das alles vorzustellen, sich in diese Situationen einzufühlen. Schon beim Lesen beherrscht einen das Gefühl, man wäre wahrscheinlich gleichfalls einfach wahnsinnig geworden damals.. mag sein, daß der eine oder andere tatsächlich dem Wahn verfallen ist, Zelkowicz schildert solche Fälle. Nach außen, war man im Hof angetreten, aber ließ man sich wenig anmerken, jede Regung konnte das eigene Todesurteil sein. Es kam den Deutschen nicht darauf an, wieviel Tote es gab, ob es einer mehr oder weniger war…

Einzig die Häuser, in denen den Müttern und Vätern die Kinder aus dem Arm gerissen wurden explodierten von den Schreien…. und ob die jüdische Polizei wirklich „besser“ mit den Menschen umging? Es ist nicht ganz klar, es war wohl unterschiedlich. Die Hände der Schlächter jedenfalls durften nicht zittern, obwohl sie das Kind aus den Armen des Vaters rissen, obwohl sie den Schwindsüchtigen aus seinem Bett warfen… Menschliche Gefühle hatten keinen Zutritt in ihre Herzen. Das Kontingent musste erfüllt werden: dreitausend Menschen pro Tag. Manchmal war Bestechung möglich – für den, der noch etwas von Wert hatte. Manchmal (für wenige) halfen Beziehungen …. manchen, wenigen, gelang so die Rückkehr vom Sammellager, noch weniger wurden herausgerufen und konnten wieder gehen…

Die Aufzeichnungen Zelkowicz´ enden am 6. September, einen Tag nach Inkrafttreten der shpere. Da die Dauer der Ausgangssperre nicht festgelegt war, waren die letzten Stunden davor sehr hektisch: die Menschen versuchten bis zur letzten Minute, Nahrungsmittel zu bekommen, die zugeteilte Ration Kartoffeln zu ergattern. Aber die Angestellten bei der Ausgabe mussten ja selbst… und ausserdem mussten auch sie um 17 Uhr zuhause sein.

Bekanntmachung zur Aufhebung der "Sperre" Bildquelle [B]

Bekanntmachung zur Aufhebung der „Sperre“
Bildquelle [B]

Eine Woche sollte die shpere andauern, am 12. September wurde sie per Bekanntmachung durch Rumkowski wieder aufgehoben.


Es hat in Litzmannstadt nie Widerstand gegen die Besatzung, gegen die Drangsal, gegen das Ermordetwerden gegeben, selbst bei dieser unfassbaren Aktion nicht. Das Maximum an Widersetzung waren Fluchtversuche und Versuche, jemanden zu verstecken. Ich gebe zu, es fällt mir schwer, das nach zu vollziehen. Die eigenen Kinder ohne Gegenwehr dem Tod auszuliefern…., -zig Tausende, Hundertausende von Menschen, die im Grunde darauf warten, ermordet zu werden – nur der Zeitpunkt ist nicht klar, und das Wo und Wie…. shmelts, dieser brutale und schonungslose Begriff des Jiddischen, bezeichnet es. In einem Abschiedsbrief (bei anderer Gelegenheit, den ich jetzt zufällig gefunden habe [7]) heißt es: Man sagt, daß dort 3000 arbeitsfähige Männer bleiben werden. Der Rest wird eingeschmolzen. („oyf shmelts„). Aber auch in diesem Tagebuch wird es ganz deutlich ausgesprochen: […] Für jeden ist klar, dass diejenigen, die nun aus dem Getto deportiert werden, nicht woanders „hingeschickt“ werden – sie werden ins Verderben geschickt, zumindest die Alten. Sie gehen, wie man hier im Getto sagt, in shmelts arayn. Andere Chronisten notieren ohne eine Hoffnung für die Kinder: Scheinbar alle „Untauglichen“ vergast etc. […] (Oskar Rosenfeld) bzw. Alle sind fest davon überzeugt, daß man die ausgesiedelten Juden in die Vernichtung führt. (Oskar Singer).

Genauso entlarvend ist die Getto-Bezeichnung für die Deutschen: die Macht einerseits, die Ohnmacht andererseits. Man unterwirft sich der Macht, ist gehorsam und gefügig, befolgt die Rituale (Anweisungen), man akzeptiert in der schwachen Hoffnung, damit Wohlgefallen zu erzeugen, alles, was die Macht anordnet – und sei es die Opferung Isaaks. Nur daß diese Macht keinen Einhalt im letzten Moment gebietet und das Blut fließen läßt.

Zelkowicz´ Tagebuch gibt die Endzeitstimmung, die die Verfügung zur Allgemeinen Gehsperre und der dahinter stehenden Deportation und Ermordung von 15685 Juden, darunter 5860 Kinder [S. 137], wieder. Er schildert die Verzweiflung der Menschen ebenso wie die brutale Durchführung der Aktion durch sowohl die jüdischen Ordnungskräfte als auch die Deutschen. Das Tagebuch ist (erstaunlicherweise) von den fünf Kapiteln her nicht nach den Tagen gegliedert. So beginnt die Aufzeichung der Ereignisse vom 5. September (dem Tag, an dem die Ausgangssperre einsetzt) in Kapitel 2 mit Unterabschnitten wie „Das Getto ist ohne Nahrung“ und „Die Kartoffeljagd“ oder in Kapitel 3: u.a. „Es hat begonnen“, „Die jüdische Polizei“ oder „Sie greifen zu“,  bis in Kapitel 5 der nächste Tag, Sonntag, der 6. September,  protokolliert wird. Der Text bricht unvermittelt in der Schilderung des Einzelschicksals der Rivka K., einer blonden, jungen, warmherzigen Frau, ab. Vermutlich ist der Rest der Aufzeichnungen verloren gegangen…..

Ergänzt werden die Aufzeichnungen durch folgende Aufsätze:

Angela Geiger: Nur ein Textfragment (Vorbemerkung zur deutschen Edition)
Susanne Help: „In yene koshmarne teg“ – Zur Übertragung aus dem Jiddischen
Andrea Löw: Das Getto Litzmannstadt(Lodz), Jósef Zelkowicz und die „Allgemeine Gehsperre“ im September 1942
Sascha Feuchert: Jósef Zelkowicz, das Archiv des „Ältesten der Juden von Litzmannstadt“ und die Bedeutung des Schreibens im Getto

Links und Bekanntmachungen:

[1] http://www.getto-chronik.de/de/chronik
[2] http://www.schattenblick.de/infopool/geist/history/ggfor113.html
[3] http://www.ghwk.de/ghwk/sonderausstellung/lodz/lodz_dokumente.htm
[4] Wortlaut der „Gebt mir eure Kinder“-Rede von Rumkowski:  http://www.holocaustresearchproject.org/ghettos/rumkowski.html
[5] 1941 wurden ca. 1000 Juden aus Düsseldorf nach Litzmannstadt deportiert: http://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_rhl_411027.html
[6] Buchbesprechung hier im Blog zu: Steve Sem-Sandberg: Die Elenden von Łódź
[7] aus: Polen: Generalgouvernement August 1941 – 1945, de Gruyter 2014, S. 419 (Dok. 132); https://books.google.de/books?...
[8] Buchbesprechung hier im Blog zu: 
Das Tagebuch der Rywka Lipszyc

Bildquellen:

Gehsperre, Anordnung der und Verkleinerung:  http://www.ghwk.de/ghwk/sonderausstellung/lodz/lodz_dokumente.htm
Gehsperre, Aufhebung:  http://www.schattenblick.de/infopool/geist/history/ggfor113.html
Rumkowski, Rede:  https://en.wikipedia.org/wiki/File:Rumkowski.JPG,  Bild gemeinfrei

Józef Zelkowicz
In diesen albtraumhaften Tagen
Tagebuchaufzeichnungen aus dem Getto Lodz/Litzmannstadt, September 1942
Originaltitel: In yene koshmarne teg.
Übersetzt aus dem Jiddischen von Susan Hiep.
Hrsg. und kommentiert von Angela Genger, Andrea Löw und Sascha Feuchert.
Eine Publikation der Arbeitsstelle Holocaustliteratur (Universität Gießen) und des Zentrums für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte
diese Ausgabe: Wallstein-Verlag, HC, ca. 150 S., 2015

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