Frances Hodgson Burnett: Der kleine Lord

4. Dezember 2016

lord

So berühmt, wie der gleichnamige Film mit Alec Guinness und Ricky Schroder aus dem Jahr 1980 ist [2], brauche ich eigentlich den Inhalt des Buches hier gar nicht wiedergeben, er gehört wohl zum Allgemeingut: so wie steter Tropfen den Stein höhlt, so weicht naive Unschuld und der Glaube an das Gute im Menschen auch noch das verhärteste Herz eines Misanthropen auf. Nun denn..

Verfasst wurde dieser Jugendbuchklassiker von der 1849 in England geborenen und 1865 nach dem Tod des Vaters mit ihrer Familie in die USA ausgewanderten Frances Hodgson Burnett [1], die insgesamt drei solcher Jugendbücher verfasst hat. Um jetzt doch noch einmal auf den Film zurückzukommen: im Film schließt die Handlung mit einem großen Fest, dem Weihnachtsfest nämlich. Dies entspricht nicht der Buchvorlage, auch wenn die dem Roman inhärente Botschaft durch das Weihnachtsfest gut wiedergegeben wird: Nächstenliebe, der Glaube an das Gute im Menschen, Versöhnung und auch Erlösung, des alten Grafen nämlich von seiner Menschenfeindlichkeit. Im Buch von Burnett ist das abschließende Fest profaner: es ist schlicht und einfach der achte Geburtstag des kleinen Lords, der im Kreise aller gefeiert wird. Aber zugegeben, ein Weihnachtsfest vermarktet sich besser und verwandelt die Handlung des Buch nolens volens in ein feiertagstaugliches Erlebnis.


Um das Nachschlagen zu ersparen, mach ich´s jetzt doch und fasse den Inhalt kurz zusammen:

Cedric Errol ist ein siebenjähriger Junge in New York. Vom Aussehen her muss er einem Engel gleichen, vom Wesen her ebenfalls. Er lebt zusammen mit seiner Mutter und dem Kindermädchen Mary in bescheidenen Verhältnissen. Der Vater des Jungen ist an einer schweren Krankheit gestorben, daher sieht Cedric seine Aufgabe jetzt darin, die Mutter zu trösten. Cedric ist bei aller Vollkommenheit dann doch ein normaler Junge, der mit anderen Jungs tobt, der aber Freunde unter den Erwachsenen hat, zum Beispiel den Kolonialwarenhändler Mr. Hobbs, mit dem er die Nachrichten aus den Zeitungen diskutiert und dem er seine streng republikanische Gesinnung zu verdanken hat.

Daß Cedric und seine Mutter unter bescheidenen Bedingungen leben müssen, hat einen Grund, denn Cedrics Vater, der dritte Sohn eines reichen englischen Adligen, dem  Earl of Dorincourt, wurde der Heirat mit einer Amerikanerin wegen verstoßen. Man ahnt es: der alte Earl hat den Bewohnern der abtrünnigen Kolonie gegenüber eine prinzipiell negative Einstellung. Da aber seine zwei älteren Söhne zum einen rechte Taugenichtse waren und zum anderen sowieso früh verstorben und damit tot sind, fällt der gesamte Besitz des alternden Großvaters der Erbfolge nach an seinen Enkel Cedric. Um diesen wenigstens halbwegs zu erziehen schickt er seinen Notar, einen gewissen Mr. Havisham los, Cedric, den ab jetzigen Lord Fauntleroy mitsamt seiner verachteten Mutter nach England auf sein Schloss zu holen, bzw. die Mutter wird, weil ihr das Betreten des Schlosses verwehrt wird, in einem anderen Gebäude auf dem riesigen Anwesen einquartiert.

Als Cedric auf dem Schloss eintrifft, quält den alten Großvater wieder einmal die Gicht, die sowieso schon Nullpunktslaune sinkt dadurch noch tiefer. Und dann die Sorge, dieser amerikanische Bastard könne auch äußerlich ein Scheusal sein….. daß seine Erziehung nichts tauge, stand für den Alten von vornherein fest. Die Bediensteten des Grafen, die um dessen Laune wussten, bedauerten den kleinen Lord, der sich jedoch, von der Mutter ermuntert, darauf freute, den Großvater kennen zu lernen und der völlig unbefangen in seiner offenherzigen Art auf den alten Mann zugeht…

Es kommt so, wie es kommen muss… der alte Graf findet Gefallen an dem munteren Bürschchen, will sich´s selbst gar nicht so recht eingestehen, er spielt mit ihm lustige Brettspiele und geht mit grimmiger Miene sogar auf die menschenfreundlichen Anregungen des Jungen ein, mit denen dieser Bitten der Untergebenen des Grafen nachkommt. Die Menschen können´s kaum fassen, wie sich der gefürchtete Graf auf einmal benimmt, zumal Cedric nicht müde wird, den Leuten gegenüber die Güte des von ihm bewunderten Großvaters zu loben….

Es sollte noch eine Krise geben in diesem kleinen Rührstück, eine Krise allerdings, aus der wiederum Gutes entsteht. Es taucht nämlich plötzlich eine Person weiblichen Geschlechts auf, die behauptet, für kurze Zeit mit einem der Söhne verheiratet gewesen zu sein und die ihrerseits eine Frucht dieser Ehe, vulgo: einen Sohn, präsentieren kann. Porca miseria, wie der Italiener jetzt rufen würde, miseria ladra! Um diese vertrackte Situation, die den alten Grafen brutalstmöglich erzürnt und in Wut bringt, während der kleine Lord sie mit rechtem Gleichmut angeht, aufzulösen, müssen die alten republikanischen Freunde Cedrics aus Amerika eingreifen…. und das Gute dieser Komplikation ist, daß der Graf jetzt endlich erkennt, welches Goldstück seine Schwiegertochter doch ist….

Ende gut, alles gut! Und wenn sie nicht gestorben sind, so feiern so noch heute Weihnachten oder auch Geburtstag….


So rührselig das Stück auch ist, so kann man doch ebenfalls einiges an Zeitgeschichte herauslesen. Bei der Erstveröffentlichung des Buches lag der Unabhängigkeitskrieg der USA gut ein Jahrhundert zurück, die Ressentiments, die Vorurteile gegen die jeweils andere Seite kommen deutlich heraus. Der Engländer, der die Bewohner der abtrünnigen Kolonie für ungebildet, roh, hinterwälderisch und aufrüherisch hält, während er (bzw. genauer, die aristokratische Schichte) selbst als dekadent und wahrer Menschenunterdrücker gilt. Da die Autorin beide Seite kannte (in England geboren, in die USA ausgewandert), dürfte diese Bündelung von Vorurteilen wohl den damaligen Tatsachen entsprechen. Sie löst diese jedoch im Lauf der Geschichte auf, Mr. Hobbs, der eingefleischte Republikaner und Verächter der Aristokratie modifiziert seine Meinung genauso wie auf der anderen Seite der Earl. Beide werden nicht gerade Herzensfreunde, aber kommen doch, nachdem sie sich erst einmal kennen gelernt haben, gut mit- und nebeneinander aus.

Mich hat die Geschichte in gewisser Weise an The Chrismas Carol von Dickens [3] erinnert. Hie wie dort ein hartherziger Mensch, einsam und von den anderen verachtet und gefürchtet. Während bei Dickens eine Art schwarzer Pädagogik zu Wandelung führt, indem Mr Scrooge die schlimmen Konsequenzen seines verbitterten Herzens vor Augen geführt werden, wird hier die Wandlung durch pure Liebe vollzogen: die unerschütterliche Zuneigung des Enkels zu seinem Großvater verhindert einerseits, daß dieser seinen Enkel genauso schlecht behandelt wie die anderen Menschen und sie weicht sein Herz langsam, aber sicher auf…. und beide, Ebenezar und der Earl sind über dieses neue, unbekannte Gefühl, das sie in sich spüren, dieses Gefühl der Menschenliebe, einfach nur glücklich. schnief.

Die 'Schlussszene', in der der Earl die bis dato ignorierte Mutter besucht und sich entschuldigt Beispiel für die Illustrationen im Buch Bildquelle: [B]

Die ‚Schlussszene‘, in der der Earl die bis dato ignorierte Mutter besucht und sich entschuldigt
Beispiel für die Illustrationen im Buch
Bildquelle: [B]


Eigentlich ist ein Titel wie Der kleine Lord keine typische Lektüre für mich, ich habe mich da (ich kenne den Film nicht…) in die Irre führen lassen. Habe ich ein Buch erwartet im Stile von Mitford oder Waugh? Vielleicht…. nun, dann habe ich mich getäuscht, denn natürlich ist Der kleine Lord eher ein Rührstück für die Tränendrüse. Andererseits: warum nicht? Warum nicht einfach mal eine Art modernes Märchen lesen, sich in diese Geschichte hineinfallen lassen, mitverfolgen, wie ein Mensch sich wandeln kann und mit der Autorin die Unschuld eines engelgleichen Jungen feiern. Und warum sollte man dies nicht gerade auch zu Weihnachten tun, die Welt ist realistisch genug, so daß man sich ruhig einmal eine kleine Flucht gönnen sollte. So habe auch ich mich nach einigen Seiten ‚in mein Schicksal ergeben‘ und die Geschichte mit zunehmenden Gefallen gelesen. Zumal sie in dieser schönen Ausgabe des homunculus-Verlages, stilecht in der Bodoni-Antiqua gedruckt und mit den Illustrationen der Originalausgabe (siehe Abbildung) versehen, dargeboten wird. Es handelt sich um den leicht überarbeiteter Text der deutschen Erstübersetzung, wenngleich ich hier einfach einen Kritikpunkt anbringen muss, der mich bis zum Schluss des Buches (sehr) irritiert hat: im Bemühen, die traurige Mutter nach dem Tod ihres Mannes wieder glücklich zu machen, orientiert sich der Knabe am Wesen und Verhalten seiner verstorbenen Vaters. Unter anderem also nennt er seine Mutter ‚Liebste’… vielleicht bin ich zu empfindlich, aber mit dieser Anrede eines Siebenjährigen an seine Mutter habe ich das ganze Buch hindurch gehadert ….

Trotz dieser kleinen Eintrübung des Lesevergnügens ist jedoch festzuhalten, daß dem Verlag hier ein wunderschönes Buch gelungen ist, das wohl nicht zufällig kurz vor Weihnachten herausgegeben worden ist. Möge ihm Erfolg beschieden sein!

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zur Autorin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Frances_Hodgson_Burnett
[2] Wiki-Beitrag zum Film:  https://de.wikipedia.org/wiki/Der_kleine_Lord_(1980)
[3] Charles Dickens: Der Weihnachtsabend; Besprechung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2012/11/30/charles-dickens-der-weihnachtsabend/

Bildquelle [B]: By Reginald Bathurst Birch (1856-1943) (scanned book (archive.org)) [Public domain], via Wikimedia Commons

Frances Hodgson Burnett
Der kleine Lord
Übersetzt aus dem Englischen von Emmy Becher
behutsam bearbeitet von Laura Jabobi
Originalausgabe: Little Lord Fauntleroy, 1886
diese Ausgabe: homunculus-Verlag, HC, 288 S., 2016
(Verlagsangabe: Die Ausgabe enthält alle 26 Abbildungen der Illustrationen von Reginald Bathurst Birch (1856–1943) aus der englischen Originalausgabe sowie mehrere Schmuckinitialen. Die deutsche Erstübersetzung wurde behutsam überarbeitet; es handelt sich um eine ungekürzte Fassung.)

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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