Antje Wagner: Hyde

Antje Wagner gehört zu den Autorinnen, die ich auf meinem Blog schon des öfteren mit ihren für ältere Jugendliche geschriebenen Titel vorgestellt habe ( Unland,  Schattengesicht und Vakuum) und die sich auch in diesem Genre einen guten Namen gemacht hat, Auszeichnungen, die sie für ihre Romane erhalten hat, zeigen dies. Daneben schreibt Wagner unter (offenen) Pseudonymen auch in anderen Themembereichden. Mit Hyde (https://www.hyde-das-buch.de) stellt sie jedoch wieder einen Roman vor, für den der Verlag eine Altersempfehlung ab 15 Jahren gibt, das Buch ist aber auch durchaus für Erwachsene spannend, sofern man ein paar Abstriche an der Logik der Geschichte macht… Wagner selbst ordnet ihr Buch sogar als eher ein Erwachsenenroman ein: „In meinen Augen ist es „crossover“, also ein Buch für Erwachsene, das aber auch Jugendliche lesen können.“ (persönliche Mitteilung).


Der Autorin Bücher spielen oft mit dem Unheimlichen, mit einem subtilen Grauen, so auch hier. Hyde wie Dr. Jekyll, Hyde wie Park (wenn man ihn für Natur ansehen mag), Hyde wie to hide, verstecken, verbergen, verborgen halten, verheimlichen…. schon in den ersten Absätzen merkt man auch sofort, daß in der Geschichte unter der Oberfläche des Erzählten weitere Geschichten lauern und zwar keine schönen…

Die Protagonisten Katrina, eine achtzehnjährige junge Frau, begegnet uns als Tischlergesellin auf der Walz, Begriffe wie „Kriegskasse“, „Gefangenschaft“, „mich kriegt niemand klein“ deuten darauf ebenso auf diese verborgene Dimension der Geschichte hin wie die Sprachbehinderung und vor allem die Tatsache, daß Katrina (aus deren Sicht wir die Geschichte erzählt bekommen) nie das Tuch vor ihrem Gesicht herunternimmt, außerdem noch hinkt sie. So steht sie im Schneegestöber an der Straße und hält den Daumen raus und tatsächlich hält irgendwann ein Wagen, ein vollgemülltes Auto mit einer extravagant gekleideten Frau am Steuer, Josefine, die sie zur Mitfahrt einlädt. Von ihr erhält Katrina letztendlich den Tip, es beim „Kartoffelparadies“ zu versuchen, ein Motel/Restaurant, bei dem es immer Arbeit gab. Josefine, die beim Radio eine Sendung als „Hellseherin“ hat, hatte Recht, es gab Arbeit, aber was für eine Scheißarbeit. Roland, der Besitzer mit leicht sadistischer Ader, delektierte sich daran, Katrina als eine die Gäste animierende Bedienung einzustellen. Katrina biss die Zähne zusammen und fügte sich … nicht allzulange, bis es nicht mehr erträglich war und sie mit Rolands Auto floh.

Sie hielt sich abseits der Straßen, Rolands Auto war auffällig, Schnee und Kälte nahmen zu und irgendwann stand sie vor einem Hinweisschild, das zu einer Pension leiten sollte und einen Job in Aussicht stellte: Verwalter gesucht. Doch das Haus machte einen unbewohnten Eindruck, bis auf eine räudige Katze gab es kein Leben, die Fensterläden waren zugenagelt. Da der Tank des Autos leerer wie leer war, blieb Katrina jedoch nichts anderes übrig, als in das seltsame Haus einzudringen, wenn sie in der klirrenden Kälte überleben wollte…

Katrina bleibt fürs Erste in diesem Haus und richtet sich dort ein, der Bürgermeister des Ortes ist offensichtlich heilfroh, daß sich überhaupt jemand für den Posten des Verwalters interessiert, er gibt Katrina weitgehend freie Hand bis auf die Einschränkung, daß aufgrund einer obskuren testamentarischen Bestimmung ein bestimmtes Zimmer im Haus geöffnet werden darf. Es dürfte kein Spoiler sein, wenn ich hier schreibe, daß sich in diesem Zimmer das Geheimnis des seltsamen Hauses, dessen verfallende Schönheit Katrin, die Tischlerin und Naturliebhaberin schnell erkennt, und in dem sie jetzt zusammen mit der Katze lebt und sich einzurichten versucht, verbirgt. Mit diesem kurzen Einstieg in die Geschichte ist das Eingangszenario grob umrissen und dabei möchte ich es auch belassen, um dem Buch die Spannung nicht zu nehmen.


Der zweite Teil des Romans hat – im Gegensatz zum ersten – sogar einen eigenen Titel: Das weiße Zimmer, die Zählung der Kapitel ist an dieser Stelle etwas unkonventionell, aber das tut der tatsächlich immer weiter steigenden Spannung keinen Abbruch. Schnell wird klar, daß wir hier mit zwei Geschichten konfrontiert werden: der Katrinas, die immer wieder in Rückblenden in ihr vorheriges Leben, das offensichtlich durch eine große Katastophe aus der Bahn geworfen worden ist, zurückschaut. Und dann hat auch dieses Haus eine eigene Geschichte, die sich langsam mit der Katrinas verbindet, im Grunde sogar notwendigerweise, denn sie lebt und arbeitet in diesem Haus, in dem hin und wieder Sachen geschehen, die sie sich nicht erklären kann, ja, die bedrohlich wirken. Und stetig lockt das Geheimnis um das bewusste, verbotene Zimmer… [ein fast biblisches Motiv wie das des verbotenen Baums im Paradies….]

Wagner versteht es, ihre Story (die übrigens fast tagesaktuell im Winter 2018 in der Region um Heidelberg spielt), langsam aufzubauen. Sie greift dabei auf bewährte Stilmittel zurück, indem sie beispielsweise einfach erst einmal beschreibt, ohne zu erkären und damit bei uns Lesern Fragen hervorruft, was dahinter steckt. Mit den Hypothesen, die man sich selbst macht, liegt man schnell falsch, soviel will ich verraten. Da Wagner ihre Protagonist als Ich-Erzählerin führt, die natürlich mehr – wenngleich auch nicht alles – weiß als wir Leser, die jedoch erst einmal kein Interesse daran hat, zu erklären, ist weniges in der Geschichte so, wie es auf den ersten Blick scheint, Insbesondere im zweiten Abschnitt des Romans, in dem sich die Schicksale von Katrina und dem Haus vermengen, führt dies zu einem rasant steigendem Spannungsbogen, zu dem auch der häufige Wechsel zwischen den Zeitebenen, sprich der Kindheit und frühen Jugend Katrinas und der Jetztzeit, beiträgt.

Auf Fragen gibt es Antworten, auf Rätsel Lösungen und bei Mysterien den Glauben….Wagner geht mit dem Ende ihrer Geschichte ein kleines Risiko ein: sie löst sie und damit Mysterium des verbotenen Zimmers tatsächlich auf. Die Auflösung der Geschichte des Hauses ist für ältere Leser (so wie ich einer bin) selbst ein neues Mysterium und da wir als Erwachsene ja doch eher mit der Ratio lesen und daher vllt bereit sind, eine unwahrscheinliche, jedoch mögliche Erklärung zu akzeptieren; die Auflösung, wie sie Wagner uns in Hyde anbietet, hat mich – ich gebe es zu – verwirrt… aber wie Wagner bis sie an diesen letzten Abschnitt kommt, ihre komplexe Geschichte immer schneller und atemloser werden läßt, ist beeindruckend, da habe ich das Buch auch nicht mehr aus der Hand gelegt.

Ja, es findet sich natürlich auch Moral in der Geschichte: beurteile  einen Menschen nie nach seinem Äußeren, Rachegefühle mögen verständlich sein, bringen dich jedoch nicht weiter… sie sind unaufdringlich eingebaut in die Geschichte um Katrina, die selbst ja eine Figur ist mit Ecken und Kanten, die aber im Verlauf der Ereignisse reift. Auch wenn man glaubt, das Ende der Geschichte zu erahnen, so überrascht Wagner dann doch, denn in ihrer Story ist (fast) nichts so, wie es scheint. Sicherlich läßt sich auch dies zu einem moralischen Leitfaden spinnen: sei nicht vorschnell in deinem Urteil!

Hyde ist also, kurz und schmerzlos festgehalten, ein sehr empfehlenswertes, weil unterhaltsames, intelligentes, mit vielen Wendungen in der Story bestücktes, mit interessanten Figuren bevölkertes Buch für Jugendliche und (wenn man ein paar kleine Abstriche macht,) ist es auch für jung Gebliebene sehr spannend lesend. Well done!

Antje Wagner
Hyde
diese Ausgabe: BELTZ & Gelberg, HC, ca. 406 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

 

 

 

 

 

 

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