Anne Fadiman: Ex Libris

11. November 2014

Anne Fadiman, 1997 in Harvard  Bildquelle [B]

Anne Fadiman, 1997 in Harvard
Bildquelle [B]

Anne Fadiman entstammt einer bibliophilen Familie, beide Elternteile hatten mit Schreiben ihr Geld verdient [1] und so wuchsen sie und ihr Bruder inmitten von Büchern und Bibliotheken auf. Bücher waren bei den Fadimans essentiell, sie nährten den Geist, sie gaben wunderbare Bauklötzchen ab, sie nahmen klaglos die Notizen und Randbemerkungen der sie Lesenden auf, ja, manche Seite verleibten sich die Kleinkinder förmlich ein, indem sie sie annagten und aufaßen. Dies sei, so erfahren wir durch Fadiman, auch ein Grund dafür, daß so wenige gut erhaltene Erstausgaben von „Alice im Wunderland“ existierten: viele Exemplare seien einfach aufgefuttert worden…. Wer so aufwächst, für den gehören Bücher zum Leben und zwar nicht in der Art, wie der überall in den Anmerkungen zu diesem Buch (und jetzt auch hier, ich reihe mich einfach dort ein….) erwähnte Toaster: ein Nutzgegenstand, der nach Belieben ausgetauscht werden kann gegen einen neuen, wenn er den Dienst versagt. Bücher versagen eben nie den Dienst, sie begleiten ihren Menschen – wenn dieser es will! – durch ein ganzes Leben, sie sind immer zur Hand (so er halbwegs Ordnung hält, es sei denn, er ist ein Genie und überblickt das Chaos…), sie trösten, wenn getröstet werden muss, sie inspirieren, wenn Inspiration verlangt wird, sie entführen in fantastische Räume, wenn das Fernweh uns packt, sie überraschen uns mit ungeahnten Welten, wenn wir neu neugierig genug sind…

Fadiman vereint in diesem kleinen Büchlein, für das dieser Quelle [2] nach gilt: „..To those who have read her work, Anne Fadiman is the object of cultish devotion...“ insgesamt siebzehn Essays über Bücher und den Umgang, die Abenteuer, also: das Leben mit ihnen. Uns sie leitet schon mit einer sehr amüsanten Geschichte ein. Natürlich ist sie verheiratet, natürlich ist ihr Mann, George Howe Colt [3], auch Schriftsteller und natürlich bringen beide ihre Bücher mit in die Ehe. Daß zwei Menschen heiraten und zusammen ziehen, ist normal und regelt sich auch in den äußeren Umständen meist recht komplikationslos. Aber zwei Bibliotheken, wie vereint man diese, so man nach einigen Jahren Ehe zu dem Entschluss gelangt, es sei jetzt doch alles in soweit sicher, daß man an diese Vereinigung denke könne… ich sage nur: unterschiedliche Ordnungsprinzipien, unterschiedliche Schwerpunkte, Doppelexemplare, bevorzugte Standorte…

Im „Kuriositätenkabinett“ verbreitet sich Fadiman über die Tatsache, daß es in jeder Bibliothek eine Ansammlung von Büchern gibt, die mit den üblichen Büchern bzw. deren Themen nichts zu tun haben. Bei ihr sind es z.B. die Bücher über Polarexpeditionen (sie war selbst zweimal für eine Zeitung in der Aarktis) und Seefahrt.. die alten Expeditionsberichte erregen ihre Bewunderung, insbesondere die der Engländer, die so einer grandiose Art des Scheiterns hatten, die – so erzählt sie – z.B. in der kanadischen Arktis ihre Gewehre an Bord ließen und stattdessen auf ihrem Marsch Sachen wie Silberbesteck mit Monogram oder Backgammonspiele mitnahmen (Sir John Franklin). Sie verhungerten konsequenterweise in einem doch (relativ) wildreichen Gebiet.

„Mein Herr, tun Sie das keinem Buch an!“

So fand Fadimans Bruder, 13jährig, sein Buch zugeschlagen und mit einer als Lesezeichen dienendem Zettel wieder, als er auf einer Europareise zurück in sein Hotelzimmer in Kopenhagen kam. Das Zimmermädchen hatte das aufgeschlagene und mit dem Rücken nach oben liegende Buch geschlossen. Oh, wie sympathisch ist dieses wunderbare Zimmermädchen mir durch diese Geste! Auch wenn ich damit in totalen Widerspruch zu den Fadimans gerate, für die Bücher keineswegs sakrosankt sind, mit ihnen wird gearbeitet, in sie wird geschrieben, notfalls werden sie als Lose-Blattsammlung in Plastiktüten gehortet. Nein, das ist bei mir nicht der Fall. Auch ich pflege das „Zimmermädchenethos“, auch mein Bestreben ist es, ein Buch das Gelesenwerden möglichst unverändert überstehen zu lassen zu lassen. Mit ansehen zu müssen (und das gibt es!!), daß jemand ein Buch aufschlägt (und sei es nur ein Taschenbuch) und ihm förmlich den Rücken bricht, in dem er es überdehnt, ist ein tränentreibendes Unglück….

Für Notizen gibt es die Karteikarte, um zu wissen, wo ich eine Lesepause eingelegt habe, das Lesezeichen… Obwohl ich weiß, daß Bücher, die Narben davon getragen haben, dadurch an Persönlichkeit gewonnen haben. Vor über 40 Jahren zum Beispiel hat meine Fischer-TB-Ausgabe von Zweigs „Sternstunden“ in unglücklicher Nachbarschaft zu meinem Füller gelegen, jedenfalls ist Tinte ausgelaufen und hat sich gemäß den physikalischen Gesetzen und der wirkenden Kapillarkräfte im Buch verteilt. Und war dann nicht mehr einheitlich blau, sondern spaltete sich in verschiedene Farbtöne auf. Dies war sozusagen eine unfreiwillige papierchromatographische Trennung der Tintenfarbstoffe, was ich damals noch nicht wusste, was mich aber so faszinierte, daß es letztlich mit meine Berufswahl beeinflusste… genauso steht bei mir im Regal noch ein Lehrbuch der Physikalischen Chemie mit deutlichen Brandspuren: man sollte eben doch die Kerzen löschen, wenn man das Zimmer verläßt…. Trotzdem: ich kann eher demjenigen nachfühlen, der zwei Exemplare eines Buches kauft (eins für´s Regal und eins zum Lesen), als daß ich ein Buch mutwillig mit Anmerkungen oder ähnlichem „zeichne“…

Der Bücherwurm (Karl Spitzweg), eins von drei Gemälden mit diesem Titel Bildquelle [B]

Der Bücherwurm
(Karl Spitzweg), eins von drei Gemälden mit diesem Titel
Bildquelle [B]

Man kann Bücher zum Fressen gerne haben, Fadiman nennt Beispiele dafür, auch wenn dies – wörtlich genommen – meist (aber nicht ausschließlich) nur für Kleinkinder gilt. Etwas weiter ausgelegt kann man unter dem Thema Bücher verstehen, in denen es um das Essen im Allgemeinen und Besonderen geht (da fällt mir ein, daß auch ich schon einmal einen Vorlesesabend gestaltet mit dem Thema: Essen, Trinke und Hunger gestaltet habe (…kräftig knirschende Kiefer Knäckebrot knackender Kerle.. wie sie Mikael Niemi in seiner Schilderung finnischer Hochzeitsriten erwähnt [4]). Und man kann (womit eine Verbindung zum vorherigen Absatz geschaffen wird) darunter Bücher verstehen, in denen Spuren zu finden sind, die darauf deuten, daß der Leser beim Lesen aß: versteinerte Brotkrümel, Spuren von Fettfingern… die Gattin von Charles Lambs bekundete einmal, Bücher, die Spuren gebutterter Teebrötchen aufwiesen, seien ihr die liebsten…

Ich schrieb eben „… der Leser…“, wohlwissend, daß es auch Leserinnen gibt, ich führte ja gleich darauf eine an. Auch Fadiman widmet sich diesem Thema des Genderings, das bekanntlich zu manch seltsamen Auswüchsen führt, wie den Ersatz des Indefinitivpronomens „man“ durch das ihm als gleichwertig zur Seite gestellte „frau„, worüber ein intelligenter Mensch wie Fadiman nur rat- und verständnislos den Kopf schüttelt. Btw erinnere mich an das neuliche Interview mit von der Lippe, der sich – etwas volkstümlicher – ebenfalls zu diesem Problem äußerte und für den Begriff des „Mitglieds“ eine zumindest mir neue gegenderte Variante einführte… [5]. Wie bei so vielem, fügt auch in diesem Fall das Übertreiben einer an sich sinnvollen Sache Schaden zu…

Das Plagiat… ein für uns in Deutschland wichtiges Thema – schließlich müssen wir uns für die Herausforderungen der Zukunft wappnen –  auch Fadiman nimmt sich seiner an und erledigt es im Grunde schon in der ersten Zeile: „… und es geschieht nichts Neues unter der Sonne. “ (Kohelet 1,9). Soll heißen, was gesagt werden kann, ist gesagt worden… Plagiieren ist so alt wie das Schreiben, es kann sehr ärgerlich sein, so wie es Fadimans Mutter geschehen ist, die ihre Korrespondentenberichte aus Südostasien eines Tages in einem Buch wiederfand, andererseits hat Shakespeare sicher nicht aus Unvermögen bei Plutarch abgekupfert…. und zumindest eine ganze Buchgattungen pflegt quasi-inzestuöse Beziehungen untereinander: die Kochbücher nämlich. Anstatt eines Salbeizweigleins eins vom Wermutstrauch – voilá, ein neues Rezept ist geboren!

Zum Abschluss will ich noch kurz auf das Bücherimperium des Premierministers eingehen, weil Fadiman hier auf das allen Büchersammlern bekannte Problem des Platzes eingeht. Zwar ist bei Walther [siehe unten: Weitere Bücher…] zu lesen, die Frage sei nicht, ob man genug Platz für Bücher habe, sondern, ob und wie man seine Frau überreden könne, im Heizungskeller zu schlafen, doch ist dies – denke ich – im täglichen Überlebenskampf keine für jeden gangbare Handlungsoption. Dann doch eher bei Gladstone [6] nachschlagen… und zwar in seiner 29seitigen Abhandlung „Über Bücher und ihre Unterbringung„, die dieser Bücherwahnsinnige verfasste. Aber immerhin kann man aus ihr lernen, wie man in einem Raum von 40 auf 20 Fuß (was in etwa 12 auf 6 m entspricht, also nicht abnormal groß…) doch so um die 60.000 Bücher unterbringen kann…. aus der Praxis für die Praxis. Um sich zu entspannen, hatte dieser Arbeits- und Lesewütige im übrigen drei Verfahren: Bäume mit der Axt zu fällen, sich mit Prostituierten zu unterhalten (und hinterher die derart geweckten fleischlichen Gelüster mit Geisseln zu besänftigen) – und Bücher zu sortieren….

Natürlich enthalten Fadimans Essays noch viel mehr an Fakten und Daten, an auch persönlichen Geschichten rund um´s Buch und um´s Lesen, aber wollte ich mich dem allen noch explizit widmen, käme ich kaum zu einem Ende…. Kurzum: Fadimans Büchlein ist eine wunderschöne Sammlung bibliophiler Geschichten, voll liebenswerter Anekdoten über Büchersammler, Büchersammeln und Bücher, voller Fakten und Hinweise, denen man eigentlich allen nachgehen müsste. „Ex Libris“ ist äußerst unterhaltsam und intelligent, und es vermittelt einem das wunderbare, das die Seele wärmende Gefühl: Du bist nicht allein!

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zur Autorin: http://en.wikipedia.org/wiki/Anne_Fadiman
[2] Robert McCrum: Lust for words, and ice-cream too (Interview); in: http://www.theguardian.com/books/2007/nov/25/culture.features
[3] Autorenseite von Colt bei Simon & Schuster: http://authors.simonandschuster.com/George-Howe-Colt/1125324
[4] Mikael Niemi: Populärmusik aus Vittula: https://radiergummi.wordpress.com/2010/03/24/mikael-niemi-popularmusik-aus-vittula/
[5] … und zwar „Mitmösen“: Jürgen von der Lippe: „Diese Gender-Scheiße macht mich fertig!“ in: Spiegel-online, 26.10.2014; http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/interview-mit-juergen-von-der-lippe-frauenquote-und-gender-scheisse-a-999349.html
[6] Wiki-Beitrag zu Gladstone: http://de.wikipedia.org/wiki/William_Ewart_Gladstone

Weitere Bücher zum Thema “Bibliophilie, Bibliomanie“, die auf aus.gelesen besprochen sind:

[B]ildquellen:
– Autorenfoto: [1]; By King of Hearts (Own work) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)%5D, via Wikimedia Commons
– Spitzweg: Der Bücherwurm: http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Bücherwurm; Carl Spitzweg [Public domain oder Public domain], via Wikimedia Commons

fadiman cover
Anne Fadiman
Ex Libris
Bekenntnisse einer Bibliomanin
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Melanie Walz
Originalausgabe: New York, 1998
diese Ausgabe: Diogenes TB, ca. 225 S., 2007

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