Juan Manuel de Prada: Trügerisches Licht der Nacht

13. Januar 2012

Ein von der Kritik hochgelobtes Buch, fürwahr, fürwahr… der 29jährige spanische Kunstfachmann Alessandro Ballestero, an seiner Heimatuniversität unter seinem Professor leidend, wird von diesem nach Bella Italia geschickt, das Objekt seiner langjährigen Studien, seiner bisherigen wissenschaftlichen Karriere, im Original sich anzuschauen, Giorgiones Gemälde „La Tempesta“ …
diese Ausgangssituation ruft schon die erste Verwunderung hervor.. da soll ein Wissenschaftler fünf Jahre lang über ein Gemälde, das praktisch vor seiner Haustür im Museum ausgestellt ist, gearbeitet haben, ohne es sich auch nur einmal anzuschauen? Nun ja….

Aber zurück: dieser Professor also empfiehlt seinem Zögling in Vendig (in der dortigen Accademia nämlich ist Giorgiones Gemälde zu besichtigen) eine Pension, in der er gut unterkommen kann und just nachdem unser junger Mann, der zudem noch ehelos jedem Hinterteil, das vor seinen Augen ryhthmisch hin- und herschwingt ebenso wie von Pullovern eingezwängten Brüsten nachschaut (vom dunkelsten der Nacht, welches er aber nur in seiner leicht obsessiven Fantasie erblickt, ganz zu schweigen..), kurz gesagt, ihm ist in vielen Passagen der Geschichte eine leichte sexueller Frustration anzumerken, die er offenbar die ganzen Jahre mit dem Studium von La Tempesta kompensiert hat, just in diesem moment also beobachtet er aus dem Fenster blickend einen Kampf zweier Menschen auf dem Plaza unter ihm.

Er besucht die Stadt im frühen Jahr, kurz vor Beginn des venezianischen Karnevals, im Schneetreiben in einem an Hochwasser leidenden Venedig an, das ihn wie eine morbide, amorphe Lebensform mit eigenen Gesetzen in Empfang nimmt. In besagter Pension in des Hochwasser geschuldet durchnässter Kleidung angekommen, dem dicht vor seinen Augen schwingenden gluteus maximus der Wirtin nachsinnierend die steile Stiege des Hauses erklimmend, beobachtet er während eines ersten Telefonats mit Gilberto, dem Bewacher und Bewahrer des Gemäldes, derweil im Stockwerk über sich  seine dort wohnende Wirtin ihn ohne daß sie es ändern könnte, an den Geräuschen ihrer Toilette und ihrer Nacht teilhaben läßt, auf dem Platz vor seinem Fenster eine Auseinandersetzung zweier Menschen. Er eilt hinunter und sieht einen niedergeschossenen Mann auf dem Boden liegen, der sein Leben in seinen Armen aushaucht und eine raubvogelartige Maske, durch die ihn ein Augenpaar fixiert, bevor sie sich zur Flucht wendet.

Der dahingemeuchelte wird als Fabio Valenzin identifiziert, ein als Kunstfälscher und -hehler zu einiger Berühmtheit gekommener Venezianer, somit ist endgültig das Milieu, in dem die kriminelle Handlung spielt und dessen sich der Roman annimmt, abgesteckt: es geht um Kunst, das Fälschen derselben und das Verstehen dessen, was ein Kunstwerk aussagt.

Natürlich, die Polizei ermittelt, aber – so erfahren wir beiläufig – es gibt Weisungen von oben… solche Ermittlungen sollen nicht zu viel Wellen schlagen… auch Alessandro sucht und forscht weiter nach dem Mörder, schließlich hat er im Verhör nicht alles gesagt. Und so der sich in Gedanken zur Ehelosigkeit verdammt sehende von Ort zu Ort (obwohl ich die „Quote“ von drei Frauen (von denen eine willig gewesen wäre, eine wild darauf war und eine dem Begehr auch die Tat folgen ließ) in 4 Tagen Städtereise garnicht so schlecht finde…), wird gejagt, findet Freunde und trifft Feinde, wird belogen und belügt selber, verfällt einer jungen Frau unsterblich… zum Schluss, Jahre später, treffen wir ihn wieder, die Erinnerung an seine Liebe, die nie wahr werden konnte, hat er archiviert und jeden Tag holt er ein Stück aus dem Archiv, ein Bild des Lächelns, der Haare, des Bogens, den die Jochbeine umschließen, dort wo sie sich treffen und in den die Lippen beim Küssen sich einschmiegen…. Alessandro ist zum Wanderer, zum Mann im Bild geworden, der von Ferne sehnsüchtig auf die Schöne schaut (die leicht asymmetrische Nase, die die Schönheit jedoch in keiner Weise stört), der er einst beiwohnte und die er jetzt nie mehr erreichen kann…..

„Trügerisches Licht der Nacht “ ist ein Buch, zu dem ich zweispältig stehe. Zum einen ist es teilweise sehr langatmig, voller Gedankengänge, selbstmitleidischer meist, deren ich dann irgendwann einfach überdrüssig wurde. Dann jedoch schoß der Spannungsbogen innerhalb weniger Zeilen steil in die Höhe, Handlung setzte ein und sofort war ich gefangen im Buch und mein Vorsatz, es beiseite zu legen, kam zu den Akten… so führte mich der Roman in Wellen durch die Handlung….

Neben dem Ich-Erzähler ist Venedig die eigentliche Hauptperson des Buches, denn es wird durchaus als aktiv Handelnde dargestellt. Das Wasser, das alles überschwemmt, überall gegenschwappt, die Kanäle, die den Unrat einer Kloake gleich durch die Stadt leiten, das Verbrechen, das wie Magma in unterirdischen Gängen fließt, bis es an die Oberfläche kommt. Es ist eine morbide, bedrohliche Atmosphäre, Venedig ist eine Stadt, die  „.. die Ereignisse in der Schwebe [hält], es läßt sie still stehen und verwandelt sie in eine dückflüssige Substanz, schleppend wie ein Traum…„, eine Stadt mit Licht von der Konsistenz gelöschten Kalks und seherischer Hellsichtigkeit… Regen, Düsternis, Nebel sind die beherrschenden Elemente, die Nacht, die Masken des Karnevals, die Sonne durchdringt diese Schleier erst ganz am Ende des Romans einmal…

Es ist schwierig und…“ vielleicht stehe ich auch mit meiner Meinung allein, aber diese  stilistische Eigenheiten des Autoren haben mich zermürbt: die vielfachen Wiederholungen gleicher Satzteile, gleicher Phrasen und gleicher Bilder [2]. Mit diesem „Es ist schwierig…“ fängt das Buch gleich an, andere Wiederholungen sind solche wie „.. doch die Asymmetrie wirkt sich positiv auf die Schönheit aus...“, oder „.. Unterhosen mit braunen Schleifspuren…“ (de Prada ist nichts menschliches fremd…).

Zu den Personen noch ein Wort: mir am sympathischten war der sich von Nikotin ernährende  Kommissar, der durch einen furiosen Gewaltakt seiner Liebe eine Chance gab, der Liebe mit dem schwärzesten der Nacht, das unser eheloser Spanier nur in seinen Träumen zu erblicken bekam….. ein Mensch, an Venedig, dieser sich an die Touristen und Devisen verkaufenden Hure, leidend, ergreift die Möglichkeit, die sich ihm bietet, die Chance seines Lebens alles hinter sich zu lassen und in südländischer Sonne mit seiner Liebe aufzublühen…

Das pathetischste an einem Kunstkritiker ist nicht etwa,
daß er sich irrt und keine Kenntnisse besitzt, sondern,
daß er
Kenntnisse besitzt von etwas, das er … nicht versteht.

Die Kunst…. man kann das Buch nicht vorstellen, ohne zumindest andeutungsweise darauf einzugehen. Alessandro hat das Gemälde „La Tempesta“ über Jahre hinweg studiert, analysiert, seziert, obduziert, bis er eine neue Deutung gefunden hat für die nackte Säugende, den Wanderer, die Wolken, den Blitz und die Säulen… und Gilberto, den Gilberto zu nennen er sich weigert, zerfetzt diese Deutung in den vier Tagen, die Alessandro in Venedig ist, zerfetzt alle Deutungen des Gemäldes, weil Kunst wahrgenommen werden muss, erfasst werden muss und nicht zu Tode zu analysieren und zu deuten ist. Kunst ein Religion des Gefühls…

Facit: Ein Roman mit Höhen und Langatmigerem, mit einem weinerlichen Helden, dem schwärzesten der Nacht und zwei sich treffenden Jochbeinen, mit einem Gemälde und dem, was man darin sehen kann….

Anmerkungen

[1] Die der Bildzeile hinterlegte Abbildung des Gemäldes ist dem Wiki-Artikel entnommen
[2] de Prada gebraucht wunderschöne Bilder, die paar zitierten Beispiele illustrieren es. Ein bemerkenswertes (wennglich sehr eigenwilliges) will ich noch zitieren (btw: de Prada hat einige speichelaffine Stellen in seinem Text…): „… Es gelang mir gerade noch, ihr den letzten Kuss zu rauben, es glang mir gerade noch, ihren Widerstand zu brechen und ihr ein wenig Speichel zu rauben, der wie eine langfristig Schmerzen bereitende Fischgräte schmeckte. …

Juan Manuel de Prada
Trügerisches Licht der Nacht
übersetzt von Alexander Dobler
diverse Ausgaben, diese hier: Klett-Cotta, HC,
Originalausgabe:

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