Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit

13. März 2016

Im Jahr 2008 schlug der erste Roman Benedict Wells, Becks letzter Sommer beinahe wie eine „Bombe“ auf dem deutschen Literaturmarkt ein. Ein Autor, knapp über zwanzig Jahre alt, legt ein fulminantes Debüt hin, das praktisch ausnahmslos und absolut gerechtfertigt hochgelobt wurde. Mit Fast genial reichte Wells einige Jahre später (2011) einen ebenfalls sehr gelobten Roman nach. Spinner, ein Buch, das Wells noch vor Becks… schrieb, aber erst 2009 veröffentlichte,  wäre, hätte die Messlatte nicht schon so hoch gelegen, sicherlich auch als gelungenes Debüt des Autoren gegolten, so fiel es jedoch deutlich gegen seinen Vorgänger ab.

Wells cover


Jetzt jedenfalls der eifrig beworbene und schon viel besprochene neue Roman von ihm, Vom Ende der Einsamkeit. Er handelt von drei Menschen, die durch Geburt verbunden sind, es sind die Geschwister Liz, Marty und Jules, deren Schicksal (bis in die Mitte ihres Lebens) steht im Mittelpunkt des Romans.

Als Kinder ereilt die Geschwister ein tragisches Schicksal, daß sie aus ihrer behüteten Lebensbahn hinaus in eine neue wirft: die Eltern sterben bei einem Unfall, die Kinder, von denen Jules, der jüngste, gerade elf Jahre alt ist, kommen in eine Internat. Keines, das mit Hochglanzbroschüren für sich wirbt, es ist eher eine Einrichtung, die sich auf die Bedienung grundlegender Bedürfnisse wie Lernen, Schlafen und Essen beschränkt. Des Altersunterschiedes wegen kommen die drei Geschwister in verschiedenen Flügeln des Hauses unter und so findet sich Jules auf einmal in einer vielfachen Weise verlassen wieder: die Eltern sind tot, von den Geschwistern ist er getrennt, aus der Wohnung seiner Kindheit ist er verbannt und muss sich jetzt hier im Internat, als Neuling völlig verunsichert, zurecht finden.

Die drei Geschwister sind sehr unterschiedlich. Liz ist die Älteste, sie ist unstetig, künstlerisch veranlagt, ein kleines Prinzesschen, das viel Wert auf Äußerliches legt und das sich immer stärker für das andere Geschlecht interessiert. Marty ist das, was man heute vielleicht als Nerd bezeichnen könnte, er etwas linkisch, hochgewachsen und dünn, mit langen, fettigen Haaren versehen und von den aufkommenden Computern fasziniert. Ein Tüftler und „Forscher“ von frühen Tagen an, ist er introvertiert und nicht sonderlich kommunikativ….

Der Autor erzählt seine Geschichte aus der Sicht von Jules, dem Jüngsten der drei. Anfänglich in einer Aussenseiterposition oftmals gehänselt, scheint er sich im Lauf der Zeit ein wenig zu fangen, obwohl er immer ein wenig ein Träumer bleibt, der in seiner eigenen Gedankenwelt lebt. Es gibt in diesen Jahren eine einzige tiefere emotionale Bindung, die er eingeht und zwar zu Alva, diesem rothaarigen Mädchen, das aber ihre eigenen Probleme hat, so daß beide bis zum Schluß, d.h. bis zum Abitur, sich selbst und daher natürlich auch dem anderen ihre Gefühle nicht eingestehen.

Wells arbeitet mit Situationen, nicht mit Entwicklungen. Wie mit einem Brennglas pickt er Schlüsselstellen des Lebens seiner Figuren heraus, um sie zu beschreiben. Diese weitgehende Unterschlagung des Entwicklungsprozesses der Personen zwischen diesen Schlüsselpunkten führt dazu, daß Liz am Ende ihrer Internatszeit als Schlampe tituliert wird, die für Rauschmittel mit Männern schläft, um dann ein paar Seiten später das Abitur nachgeholt und studiert zu haben und im Schulreferendariat zu arbeiten. In gleicher Weise wird aus dem ungelenken, pickligen Nerd Marty mit seinen langen, fettigen Haaren der erfolgreiche IT-Start-Up-Unternehmer, der dann Jahre später sein Unternehmen für viel Geld verkauft hat und als Professor an der Uni lehrt.

Von Jules erfahren wir, daß er sein Jurastudium geschmissen hat, seine Bemühungen, als Fotograf zu reüssieren, sind misslungen, nur durch Zufall bekommt er einen Job bei einem Musiklabel. Jules ist Träumer geblieben ohne Fixpunkt in seinem Leben, auf den hin er es ausrichten könnte, jeden Moment könnte ein Ereignis eintreten, das ihn wiederum in eine neue Richtung lenkt. Eine der wenigen Konstanten in seinem Leben ist die Erinnung (und die Sehnsucht) nach Alva… diese ist nach dem unausgesprochenen Zerwürfnis mit Jules offensichtlich nach Russland gegangen, um Literatur zu studieren, für einige Kapitel des Buches verlieren wir sie aus den Augen.

Es gab in Internatstagen eine „Abmachung“ zwischen den beiden: ‚Wenn wir dreißig Jahre alt sind und noch keine Kinder haben, dann…‘. Jules ist jetzt dreißig und kann die Mailadresse von Alva ausfindig machen. Tatsächlich antwortet sie nach langer Zeit, es kommt zu einer Begegnung, auf der Alva ihm aber sagt, daß sie verheiratet ist…. Wieder vergeht eine lange Zeit, bis Jules von Alva und ihrem Mann, einen russischstämmigen Schriftsteller, in deren Chalet in der Schweiz eingeladen wird. Jules nimmt diese Einladung an.

Die Fahrt in die Schweiz wird wieder zu einem dieser Punkte in einem Leben, an dem sich dessen Richtung ändert. Es ist dies das große Thema des Buches: wie wäre das Leben verlaufen, wenn seinerzeit etwas anderes geschehen wäre oder eine andere Entscheidung getroffen worden wäre? Wenn die Eltern ein paar Sekunden später an dieser Stelle der Landstraße vorbei gekommen wären, wenn er nach deren Tod nicht ins Internat, sondern nach Frankreich zur Oma gekommen wäre, wenn er Alva nie getroffen hätte oder sie als Jugendliche nicht diese ‚Abmachung‘ getroffen hätten….


Vom Ende der Einsamkeit ist ein Buch über das Trauern, nicht nur der Trauer über den „sichtbaren“ Verlust der Eltern sondern auch über den der Kindheit, der Liebe, der Geborgenheit, der Zuversicht, das alles gut wird. Alle drei Geschwister reagieren unterschiedlich darauf: Liz ist immer in Gefahr, auf die „schiefe“ Bahn zu geraten, bzw. später dann, als Erwachsene, ist sie prädestiniert für spontane, unüberlegt scheinende Handlungen, eine gewisse Beziehungsunfähigkeit könnte man ihr ebenso attestieren. Jules (wie schon beschrieben) schlingert ohne Plan in seinem Leben herum, für Jules behält die Erinnerung an Früheres einen substantiellen Wert. Bei beiden war durch den Tod der Eltern mit allem, was folgte, das Vertrauen in das Leben erschüttert, worauf sie auf ihre Weise reagierten. Im Gegensatz dazu steht Marty, der als Kind eher etwas skeptischer und reservierter war, der sich ganz konzentiert auf die Planung seines Lebens fokussiert. Er wird zu dem jenigen, von dem Jules sagt: es gibt da etwas, was ihn von allen anderen Menschen unterscheidet: Er ist immer da. Seit einundvierzig Jahren an meiner Seite. Selbst Liz bemerkt an einer Stelle, Marty sei wie ihr Vater, nur im Gegensatz zu diesem erfolgreich.

Sie sind unterschiedlich, diese Geschwister, agieren und reagieren unterschiedlich. Hängt dies mit dem Blick zusammen, den Jules auf dem alten Foto an seiner Mutter feststellt, der auf den Mann des befreundeten Ehepaare gerichtet ist, mit dem man sich dann zerstritt? Wells wirft uns diesen „Brocken“, diese ganz unterschwellige Andeutung hin, ohne sie jedoch wieder aufzugreifen… aber sie ist da und würde das eine oder andere der Vergangenheit plausibel machen.


Die Erinnerung, dieser diffuse, flüchtige Ort, an dem die Toten und das Vergangene die Möglichkeit haben, wieder in unser Leben zu treten… über die Erinnung tritt für Jules auch die Frage der Schuld auf den Plan. Es dauert viele Jahre, bis in der Mauer der Verdrängung Risse auftreten, die die Erinnung freigeben auf die letzten Worte, die er zu seinem Vater damals sagte…. bis er sich an alles und nicht nur an Teile dessen erinnerte, was sich seinerzeit, beim Abitur, zwischen ihm und Alva abgespielt hatte…

Jules und Alva: eine Liebesgeschichte, die sich durch fast das ganze Buch zieht, die behindert wird durch beider Kindheitsschicksal, denn eine schwierige Kindheit ist wie ein unsichtbarer Feind: Man weiß nie, wann er zuschlagen wird. und die zu einer Liebe wird, deren Ende tragisch ist. Diese Liebesgeschichte findet ihre leiseren Pendants in denen von Marty und seiner Frau Elena, die ein stilles, wenngleich nicht ungetrübtes Glück leben und in der von Liz und Toni (einem Freund aus Internatstagen), die auf der anderen Seite des Spektrums angesiedelt ist: sie ist hoffnungslos, zerstörend und instrumentalisierend.

Es wäre interessant, einzelne Figuren des Romans gegenüber zu stellen und detaillierter auf sie einzugehen. Liz und Alva beispielsweise: beide sind schwer traumatisiert durch den Tod wichtiger Menschen in ihrer Jugend, beide haben ‚dunkle‘ Bereiche in ihrer Seele, Narben, die sie zu Verhaltensweisen ‚zwingen‘, die auf ihre Umwelt seltsam wirken bin hin zur Tendenz, sich selbst zu zerstören. Oder auch die Paare: Jules und Alva, Liz und Toni bzw. Marty und Elena….


Wells erzählt seine Geschichte weitgehend chronologisch: es ist eine Perlenkette, auf der die Perlen zum Teil Jahre auseinanderliegen. Er erzählt sie aus der Jetzt-Zeit heraus, seine Hauptfigur Jules liegt nach einem schweren Motorradunfall (dessen Ursache erst einmal der oben erwähnten Verdrängung anheim gefallen ist) eingegipst im Krankenhaus und erinnert sich an sein Leben (nach zwei Tagen Koma und mit Medikamenten vollgedröhnt auf Intensiv ist diese Rückschau erstaunlich klar….). Am Schluss des Buches holt die Erinnerung die Gegenwart ein, eine Gegenwart, in der die drei Geschwister wieder zueinander gefunden haben, eine Gegenwart, in der für Jules an vielen Stellen die Vergangenheit lebendig ist und der Ort ist, an dem er glücklich sein kann, denn die Erinnerung ist der Platz, an dem die Toten Zugang zu unserem Leben haben. Doch langsam und behutsam, unter der Begleitung durch seinen älteren Bruder gewinnt Jules wieder Zugang zum Leben und eine stille, leise Freude daran.


Die ersten -zig Seiten dachte ich beim Lesen: ok, ist ein schöner, guter Roman, aber warum die Hype darum? Als ich dann jedoch das nächste Mal auf die Seitenzahl schaute, war sie dreistellig mit einer „2“ am Anfang… Das sagt eigentlich alles: nachdem Wells in den ersten Abschnitten sozusagen das Rohmaterial für seine Romanhandlung bereitgestellt hat, packt einen das Buch unweigerlich und zieht den Leser mit unwiderstehlichem Sog an sich. Der gesamte Text ist in der Grundmelodie durchgehend melancholisch, zum Ende hin könnte man sogar sagen, daß er am Gefühlsduseligen  vorbeischrammt, aber ein Text, der einen so packt, so berührt und aufwühlt, darf das. Die große Frage, die nach diesem Buch offenbleibt, ist die, wie es möglich ist, daß ein so junger Mann so klug (wäre er älter, könnte man auch sagen: weise), so leise, so sensibel und einfühlsam schreiben kann, aus welchem großen Reservoir schöpft Wells dies alles? Als Leser kann man ihm jedenfalls nur gratulieren und sich auf sein nächstes Buch freuen.

Links und Anmerkungen:

Weitere Bücher von Benedict Wells hier auf dem Blog:

Becks letzter Sommer
fast genial

Ein Interview mit dem Autoren:  http://diogenesverlag.tumblr.com/post/139902289010/für-mich-persönlich-das-wichtigste-buch-das-ich

Benedict Wells
Vom Ende der Einsamkeit
diese Ausgabe
: Diogenes, HC, ca. 365 S., 2016

Advertisements

2 Responses to “Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit”

  1. wortsonate Says:

    Steht noch auf meiner Leseliste, ich habe viele gute Buchbesprechungen darüber gelesen. Dann wird wohl als nächstes gelesen

    Gefällt 1 Person


... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: