Giwi Margwelaschwili: Leseleben

9. Dezember 2014

Hinweis: Diese Rezension ist auch als podcast im literatur RADIO bayern erschienen: https://radio.blm.de/radiobeitrag/fda-rezensionen….html

 Giwi Margwelaschwili, ca. 2008 Bildquelle [1]

Giwi Margwelaschwili, ca. 2008
Bildquelle [1]

გივი მარგველაშვილი

….vielleicht gilt für diese uns arabesk erscheinende Schrift und die Person, die damit auf Papier (oder durch Pixel auf einem Bildschirm: lassen sich seine Gedanken so ohne weiteres in die virtuelle Welt übertragen?) symbolisiert wird, ähnliches, wie Margwelaschwili es in seinem kleinen, poetischen Werk erzählt, vielleicht ist auch er  nicht nur realer Leser und Autor, sondern auch Bewohner der Buchwelt und somit ein Geschöpf, das durch den Leser erst zum Leben erweckt wird….

Das Zentrales Thema im Werk Margwelaschwilis ist die Philosophie der Schrift, damit auch die Philosophie des Lesens und allgemeiner des Rezipierens, wobei der Schwerpunkt fast immer in der Wirkung der Schrift auf das menschliche Leben und Denken liegt [1]. In diesem Büchlein spielt er mit diesem Gedanken, nicht so sehr die Wirkung der Schrift auf den Leser ist sein Thema, sondern die Vorstellung, daß der Leser durch sein Lesen die Schrift, ihre Figuren, die erzählten Welten zu einer Art temporären Lebens, dem Buchleben, erweckt.

Buchpersonen sind an sich herzlos.
Sie leben nur mit Leserherzen in der eigenen Brust.
Sie sterben, wenn der Leser sie gelesen und sich aus ihnen zurückgezogen hat.

Dieses Buchleben ist im Grunde gnadenlos. Es ist vorgezeichnet durch den Schreiber, das Ende ist allermeist unverrückbar mit der letzten Zeile, dem letzten Buchstaben, vorgegeben und schließt der Leser das Buch, so ist dies nicht zu vergleichen mit dem Versinken unserer Sonne unter den Horizont, von wo aus sie am nächsten Tag die Dunkelheit wieder vertreiben wird, sondern es ist eine möglicherweise ewige Dunkelheit, in die die Buchwelt versinkt, aus der sie nie oder vielleicht einmal nach langer Zeit wieder zum Leben erweckt wird. Die  unbilligen Härten in solcherart Buchleben abzufedern, ist die Versweltverwaltung da….

… die auch hie und da in den Gang der Buchwelt eingreift, den Ibykus am Leben erhält und das Lindenblatt rechtzeitig hindert, sich auf Siegfrieds Schulter zu setzen. Kleinigkeiten nur, aber sie ändern den Gang der Dinge in der Buchwelt ganz gewaltig [2]. Was zum Beispiel wäre passiert, hätte Pallas Athene dem Peliden seinen Wurfspeer, der im ersten Versuch fehlte, nicht nochmals zum Wurfe gereicht, der diesmal erfolgreicher war….

Sie lieben und leiden, sie hoffen und flehen, sind verzagt oder mutig – je nach dem. Sie haben ein Leben zu leben auf das vorgezeichnete Ende hin, aber ihr Leben ist die Zwiesprache mit dem Leser, der Dialog mit ihm, der aus der Buchweltfigur im Lesenden den Buchweltmenschen macht, der beide verschmelzen läßt – für einen Leselebensmoment zumindest…..

leseleben cover

Es sind poetische, tiefgründige, auch berührende Miniaturen, mit denen Margwelaschwili von einer symbiotischen Beziehung zwischen dem Lesenden und dem Gelesenwerdendem aus der Buchwelt berichtet. Es sind Geschichten, die uns daran erinnern, daß der Dichter Herzblut in sein Werk gegegen hat, daß in seinen Worten ein Teil von ihm, von seinem Leben verewigt ist und daß es an uns, dem Leser liegt, dieses zu Druckerschwärzeleben gewordene Leben wieder zu erwecken und in Ehren zu halten, es zu respektieren und zu schätzen:

Das Schlimmste für den Dichter ist, wenn sein Brunnen vergessen wird,
wenn die Wanderer immer seltener vorüberkommen und kaum noch jemand trinkt.

Zudem ist das kleine Bändchen Margwelaschwilis auch als Buch ein kleines Schmuckstück: die moderne Technik macht es möglich, jedes Exemplar der auf 1500 Stück limitierten Auflage in einer individuellen Reihenfolge der Buchweltbeiträge zu drucken. In die ihrerseits wieder in einer einzigartigen Reihenfolge unterbrochen sind von den Atomen der Buchwelt: graphische Darstellungen von Buchstaben sind eingestreut in diese Lesewelt wie Blumen auf einer Sommerwiese. Es fehlten das „T“, das „O“ und das „D“… man mag raten, woran das liegt, es ist so schwer nicht….

Margwelaschwili, der 1927 als Sohn georgischer Emigranten in Berlin geboren worden war, der früh (nicht jeder landsmännische Beziehung schützt vor dem Unglück) mit dem Vater in ein Lager des NKWD kam (wo dieser auch starb), kam erst 1987 wieder nach Deutschland und lebt seit 2012 in Tiflis. Mit dem Leseleben hat er uns ein wunderschönes, leichtes, tiefsinniges Büchlein geschenkt über Bücher, die Welten in ihnen – und auch über uns selbst.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zum Autor: http://de.wikipedia.org/wiki/Giwi_Margwelaschwili
Autorenbild: von Zangala at ka.wikipedia (Transferred from ka.wikipedia) [Für die Lizenz, siehe], vom Wikimedia Commons
[2] Ein Spiel, das nicht ganz neu ist: von aussen in die Handlung eines Buches eingreifen, um sie zu ändern und nach Belieben zu beeinflussen. Jasper Fforde, der dies weniger philosophisch als mehr fantasievoll durchfführte, fällt mir an dieser Stelle spontan ein (https://radiergummi.wordpress.com/tag/fforde/)
[3] Homepage des Grafikstudios von Zubinski:  http://cargocollective.com/vonzubinski/Uber-About-von-Zubinski

Hinweis: Diese Rezension ist auch als podcast im literatur RADIO bayern erschienen: https://radio.blm.de/radiobeitrag/fda-rezensionen….html

Weitere Bücher zum Thema “Bibliophilie, Bibliomanie“, die auf aus.gelesen besprochen sind:

Giwi Margwelaschwili
Leseleben
mit Illustrationen von Zubinski [3]
diese Ausgabe: Verbrecher-Verlag, HC, 80 S., 2014, Ausgabe No: 658

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One Response to “Giwi Margwelaschwili: Leseleben”

  1. textstaub Says:

    Hat dies auf zwischen wasser & wolken rebloggt und kommentierte:
    Berichte aus den Buchwelten / in feinster Art / flanierend zwischen den Buchstaben & den aufwolkenden Gedanken / lesend in schönster Form.

    Gefällt mir


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