Pierre Drieu La Rochelle: Die Komödie von Charleroi

20. Juli 2016

Ein Thema kehrt in Drieus Romanen häufig wieder: das Thema der Jüdin. Gilles Drieu, dieser stolze Wikinger, hatte keine Hemmungen, Jüdinnen zu verschachern, zum Beispiel eine gewisse Myriam. … Bei Jüdinnen ergab Drieu sich der Illusion, ein Kreuzfahrer zu sein, ein teutonischer Ritter. …. Aber Drieu als Kollaborateur? Das erkäre ich mühelos: Drieu faszinierte die dorische Virilität. Im Juni 1940 fallen die wahren Arier, die wahren Krieger über Paris her: Eilig zieht Drieu das Wikingerkostüm aus, das er sich geliehen hatte, um die jüdischen Mädchen von Passy zu misshandeln. Er findet zu seiner wahren Natur zurück: Unter dem metallblauen Blick der SS-Männer wird er weich, schmilzt, fühlt plötzlich orientalische Sehnsüchte in sich aufkeimen. Schon bald liegt er in den Armen der Sieger. Nach ihrer Niederlage opfert er sich.

Der diesen keineswegs bewundernden Blick auf den Autor des vorliegenden Erzählbandes Die Komödie von Charleroi wirft, ist Raphaël Schlemilovitch, der Protagonist des fulminanten Romans Place de l’Étoile von Patrick Modiano [2], in dem der Nobelpreisträger für Literatur des Jahres 2014 u.a. mit der kollaborierenden intellektuellen Elite Frankreichs im Zweiten Weltkrieg abrechnet.


Thomas Laux hat dieser vorliegenden Sammlung von sechs Erzählungen, die der Manesse-Verlag dieses Jahr 2016 in deutscher Erstausgabe herausgebracht hat, ein erklärendes Nachwort beigefügt, in dem er auf diese schillernde Figur des Pierre Drieu La Rochelle [1] eingeht.

Solidität und Entschlossenheit, so Laux, sind keine Begriffe, auf die man bei der Charakterisierung von Drieu zurückgreifen würde. Ab 1934 bekennt dieser sich offen zum Faschismus und arbeitet mit den Okkupanten zusammen, 1940 übernimmt er, ein wahrhafter ‚Frankreichhasser‘, auf Vorschlag des deutschen Botschafters in Paris die Redaktion einer im Verlag Gallimard erscheinenden Monatszeitschrift, aus der er 1943 müde und schwermütig geworden, wieder ausscheidet. Sein ‚glühender‘ Antisemitismus läßt sich nicht auf ein Ereignis und bestimmte Gegebenheiten zurückführen, in erster Ehe war sogar er mit einer Jüdin verheiratet. Vor seinem Bekenntnis zum Faschismus zeigte er nach dem 1. WK pazifistische Gedanken, freundete sich mit Surrealisten an, auch für den Kommunismus wusste er sich zu erwärmen, bis er dann 1934, dem Publikationsjahr des vorliegenden Buches sich zum Faschismus bekannte. Gegen Kriegsende jedoch, als die Niederlage des Faschismus offensichtlich wurde, erwärmte er sich erneut für die kommunistische Idee, auch mystisches aus Indien fing an, ihn zu faszinieren.

Ich habe diese sich stetig ändernde Ausrichtung Drieus hier grob referiert, weil es beim Lesen seiner Geschichten dem Verständnis und Einordnung hilft. Beginnen wir also unsere Reise in die Gedankenwelt dieses schillernden französischen Intellektuellen.

charleroi


Die Komödie von Charleroi ist die längste der sechs Erzählungen des Buches und gibt ihm ihren Namen. Der Ich-Erzähler ist als Sekretär bei Madame Pragen, einer bürgerlichen Witwe angestellt, einer Art wandelndes Potemkin´schen Dorfes, eine bourgeoise Frau, die nach aussen viel darstellt, die auf ihre Wirkung bedacht ist, die aber wenig Substanz verkörpert. Sie musste selbst in Licht der Öffentlichkeit stehen oder an diesem Licht teilhaben, in dem bekannte Persönlichkeiten standen. Es ist der 2. Juli 1919, die beiden Personen sind auf der Fahrt von Paris nach Charleroi in Belgien. Dort begann für den Ich-Erzähler am 24. August 1914 der Krieg in einem Gefecht gegen die Deutschen. Madame Pragen will sich den Ort und die Schlachtfelder in seiner Umgebung ansehen, auf denen Claude, ihr Sohn, damals starb. Der Erzähler (Der Besuch der Stätten lockte und ängstigt ihn zugleich) erinnert sich an Claude, einem jüdischen Kameraden, den er als schwachen und ungeschickten Bourgeois mit Zwicker auf der Nase, blass und auf die Ankündigung „Sie sind da“ mit offenem Mund auf dem Boden hockend und erledigt im Gedächtnis hat.

Die Delegation mit Honoratioren aus dem Ort um Madame Pragen herum besucht die Schlachtfelder von damals. Wo jetzt Kühe grasten, wurde vor wenigen Jahren Blut vergossen, liegen die Kameraden von damals… Der Erzähler erinnert sich an diesen 24. August 1914, wie er ihn erlebte, zwischen Angst und Furcht einerseits und auf der anderen Seite Anfällen von Mut und Heroismus, in denen er nach vorne stürmte, er den Rausch eines Anführers spürte, denn ein Anführer ist ein Mann in seiner Vollendung; der Mann, der in derselben Bewegung gibt und nimmt. Immer wieder klingt die Verachtung für Frankreich durch, das seine Soldaten mit schlechter Ausrüstung unvorbereitet in den Kampf schickte. Mit roten Hosen lagen sie gut sichtbar im Gelände, die wenigen, schlechten Maschinengewehre waren bald funktionsuntüchtig, die Offiziere zur Handlung unfähig.. wie anders dagegen die Deutschen, die in ihrem feldgrauen Uniformen praktisch unsichtbar waren, der MG sie unablässig mit Kugeln eindeckten, deren Artillerie nicht aufhörte, zu mit Feuer zu überziehen… er wird verletzt, irrt auf der Flucht durch die Gegend, trifft wieder auf seine Truppe, doch der Krieg war für sie wie für mich verloren. … Es war wie 1870. Die französische Armee mit ihren roten Hosen trat den Rückzug  an. Geschlagen von der Technik, von der ‚Explosion der Chemie‘, es ist kein ehrenhafter Kampf mehr Mann gegen Mann, der Krieg ist ihm zu anonym geworden, zu sehr Materialschlacht….

Die äußere Handlung geht derweil weiter, mitten im Wald hat der nordische Genius …. einen Friedhof, ein kleines Walhalla, in der die stille männliche Reinheit herrscht, angelegt. Man gräbt diverse Särge aus, öffnet sie, blickt in den honigartigen Horror, den sie beinhalten, bis Madame Pragen endlich definiert: „Das ist er„.

Die Welt ist absurd. Doch die Gesten, die sie ausführt, sind schön.

Stilistisch hat mich diese Erzählung stark an Mondiano (zumindest die Romane, die ich von ihm kenne) erinnert, den ich eingangs ja zitierte: ein Protagonist, der in Gedanken ein prägendes Ereignis noch einmal erlebt, durchanalysiert und bewertet, der wechselnden Emotionen ausgesetzt ist, der ein inneres Zwiegespräch führt, in dem er seine eigene Position zu finden sucht, der sich auch treiben läßt vom gegenwärtigen Gedankenstrom.

Inhaltlich finden wir in Die Komödie… das in den Erläuterungen Gesagte wieder: die Verachtung für Frankreich mit den mehrfach erwähnten roten Hosen für seine Soldaten aus augenscheinlichstes Symbol und der schlechten Bewaffnung als fatalstem, die spürbare Verachtung für die Juden, die zum ersten Mal in der Charakterisierung Claudes deutlich wird und dann später noch einmal bei einer anderen Person: Joseph Jacob. Das war ein Jude. Ein Jude, wie man so sagt. Was ist ein Jude? Keiner weiß es. Aber man spricht davon. Persönlich war er friedfertig, nicht sehr intrigant, ein recht hübscher Bursche, ziemlich vulgär, nicht klug, kein bisschen intellektuell. Ein kleiner Börsenspekulant. Er hatte eine hübsche schmale Nase mit Sommersprossen. Diese Beschreibung also eine Mischung aus bekannten Verleumdungen und einem durchwachsenen persönlichen Eindruck, dessen Aspekte fast auf Erotisches hinzudeuten scheinen. Eine entsprechende, aber ironisierende Verachtung findet sich ebenfalls gegenüber Madam Pragen als Vertreter der Großbürgertums.

Drieu kannte den Krieg, er hat den 1. WK mitgemacht, lag vor Verdun und kämpfte auch auf anderen Schlachtfeldern. Er schildert ihn in seinen Erzählungen, er stellt nicht so sehr das körperliche Gemetzel in den Vordergrund, sondern eher die psychischen Auswirkungen des Kampfes, des Beschusses, des mangelnden Vertrauens in die Vorgesetzten ….


Apropos Verdun… die zweite Erzählung, Der Hund der heiligen Schrift, deutlichst kürzer als die vorangegangene, spielt in Verdun – bzw. eben nicht, denn Drieu wendet hier einen raffinierten Trick an: er splittet die Erzählung in zwei Teile. Der erste Teil spielt in einer Eliteeinheit, die normalerweise nur zu den großen Offensiven im Frühjahr und im Herbst eingesetzt wird. Die Männer im Ruheraum erholen sich prächtig, als ein paar neue Kameraden eintreffen, unter ihnen ein Sergeant Grummer, der sich abseits hält, der Kleidung nach etwas ‚Besseres‘ ist, eine Aura der Unnahbarkeit um sich verbreitet. Ist es Angst? Gummer stellt ein Versetzungsversuch nach dem anderen, er will zu den Fliegern. Ausgerechnet an dem Tag, an dem die Einheit unerwartet früh ihren Einsatzbefehl nach Verdun bekommt, wird seinem Gesuch stattgegeben.

Viele Jahre später wird der Ich-Erzähler in Paris zu einer Filmpremiere eingeladen, gezeigt werden soll ein Film über die Schlacht bei Verdun. Mit zwiespältigen Gefühlen nimmt er die Einladung eines Freundes zu diesem Film an. Schon nach wenigen Momenten sah er Orte vor sich, an denen er so gelitten und durch das Leiden manch extreme Seite von sich selbst kennengelernt hatte. …. Trotzdem ist auch das gelungenste Kunstwerk eine Enttäuschung für jeden, der die elende Wahrheit in Händen gehalten hat, doch kann es ihn in einen Rausch versetzen, der seine teuren Erinnerungen befördert. .. In der Stille, die im Saal herrscht, hört er in der Reihe hinter sich Gemurmel und leises Aufstöhnen, in der Pause hört er das Gespräch des Paares mit. Der Mann war in Verdun, läßt sich bewundern…. es ist genau dieser Sergeant Grummer, den der Ich-Erzähler nach Ende des Films sieht und erkennt und auch Grummer erkennt ihn, erbleicht und senkt seine Lider. Und die Frau neben ihm durchzuckt eine Art Erleuchtung….

Auf diese raffinierte Art schildert Drieu die Schrecken Verduns indirekt, die ungeheure, gigantische Angst, die die Männer auf den flachen Hügeln sich niederkauern und winden ließ: Was für eine Bestie, besessen von einen zynischen, obszön, hysterischen, rasenden Bekenntnis, war da hinter Thiaumont, in der Mulde von Fleury aus all unserer Angst erwachsen, der Angst geduckter, gekrümmter, sich wälzender, in der gefrorenen Erde eingegrabener, im Schweiß, im Schlamm, im Blut versauernden Männer. 


Die Reise zu den Dardanellen entspricht vielleicht am ehesten der Erwartung an eine Kriegserzählung. Der Ich-Erzähler, zweiundzwanzig Jahre und fünf Monate alt, befindet sich nach einer Verwundung in der Etappe, in der Normandie, er sieht sich selbst als Drückeberger. Dies hat ein Ende als ein Freiwilligenregiment für den Einsatz gegen die Türken aufgestellt wird und er sich mit seiner Einheit meldet. Bevor der Truppentransport der dreitausend Freiwilligen an die Dardanellen (Schlacht von Gallipoli als Basis zur Eroberung von Konstantinopel) in Marsch gesetzt wird,  gibt es noch einen längeren Aufenthalt in Marseille. In der Türkei kommen sie in grausame Grabenkriege, die Türken beschießen sie aus allen Rohren, die Deutschen sind auch da und die Vorgesetzten der bunten Franzosentruppe erweisen sich als allesamt unfähig und inkompetent. So ergreift der Erzähler die Eigeninitiative und kämpft auf eigene Verantwortung unter Mißachtung der Befehle… es nutzt nichts. Zwar überlebt er, aber er weiß, nicht wie….

Inhaltlich kann man diese etwas längere Erzählung in zwei Abschnitte teilen. Der erste schildert den Versuch eines Selbstfindungprozesses, den der junge Mann durchlebt, unter anderen bei und mit verschiedenen Prostituierten in Marseille. Der längere Teil schildert das Leben und die Ereignisse im Regiment und nachher die Kämpfe in der Türkei. Wie durchgängig im Buch kommt Frankreich auch hier im Vergleich mit Verbündeten schlecht weg: mangelhafte Disziplin, lottriges Auftreten, unfähige und feige Offiziere. Die Kämpfe selbst sind grausam und dreckig, der Schrecken besteht aus Hitze, Durst, verwesten Leichen, schikanösen Bombardements, Ruhr.Die Laufgräben sind voll von den Abfällen des Krieges, Konservendosen, Armen, Gewehre, Beutel, Kisten, Beine, Scheiße, Geschosshülsen, Granaten, Stofffetzen und sogar Papier. Der Erzähler unterliegt unter diesen Verhältnissen selbst irrationalen Mutausbrüchen, in denen er voranstürmt, zum Schrecken seiner Leute: Man muss immer alles selbst machen. Man muss gegen die Chefs und gegen die eigenen Männer mindestens genauso kämpfen wie gegen den Feind.


Es ist eher ein Krieg der Fabriken als ein Krieg der Menschen. Die Verachtung für diese Art des Krieges wird auch in Der Oberleutnant der Tirailleurs deutlich, verbunden mit der Schuldzuweisung: Das ist die Demokratie und der Feststellung: Ein Mann darf einen Mann nur töten, wenn er ihn sieht, auf Armlänge. … Wir werden in dieser Erzählung nach Marseille geführt. Es ist 1917, der Ich-Erzähler trifft dort auf einen Oberleutnant der marokkanischen Truppenteile, mit dem er ins Gespräch kommt. Es geht um den Krieg, natürlich, um die Angst in Verdun (Ich wäre kein Mensch, wenn ich keine Angst gehabt hätte. Die diese trostlose Schlächterei ertragen können, sind keine Menschen, oder?), den Schrecken von Thiaumont, den der Erzähler in dieser Episode angestoßen durch das Gespräch über Verdun nacherlebt.


Der Deserteur spielt in Südamerika. Der Ich-Erzähler besucht Bolivien dort nach dem Krieg als Mitglied einer Wirtschaftsdelegation und wird am Tag nach seinem Vortrag von einem Mann aufgesucht, der sich als Deserteur von 1914 vorstellt, der schon fünfzehn Jahre mit keinem intelligenten Franzosen mehr geredet hatte…. Das folgende Gespräch dreht sich wiederum um die Themen: Vaterland, Patriotismus, das Wesen des Krieges, den Nationalismus… mit Aussagen wie: Akzeptiert man das Vaterland, akzeptiert man den Krieg. oder: Zivilisation heißt Krieg Beim Anblick seines Gegenübers sinniert der Erzähler: Wie kann man diesen Menschentypus an den universellen Sozialismus von morgen anpassen? Wie kann man diese Linie mit der Linie Stalins und Hitlers verknüpfen. Die auf S. 120f wiedergegebenen Ausführungen zum Nationalismus, den er dort als ‚Krankheit‘ bezeichnet, sind sicherlich eine Schlüsselstelle für seine politischen Ansichten.


Die das Buch abschließende Erzählung Das Ende des Krieges spielt 1918 wieder in der Nähe Verduns. Amerikanische und französische Truppen kämpfen gemeinsam, wobei die Amerikaner mit einer gewissen Verachtung auf das Frankreich, das sie durchquert hatten, mit den kleinen Häusern, den Misthaufen, den Männern, die Prügel einstecken und den vielen schamlosen Huren, schauen. Der Ich-Erzähler ist als Dolmetscher und Verbindungsoffizier tätig, noch einmal geht es ihm darum, Mut zu beweisen, deshalb bittet der den General, ihn auf die Inspektion der vordersten Frontlinie begleiten zu dürfen. Er ist hin- und hergerissen von seinen Gefühlen, wie in anderen Erzählungen taucht auch hier wieder der Beschuss mit der riesigen Granate in Thiaumont auf, bei dem ihm aus innerster Seele ein Schrei entfahren war, an diesen Schrei musste er sich klammern, denn dieser Schrei war ihm geblieben, seit zwei Jahren genügte der kleinste Anlass an jedem beliebigen Ort, damit er mich von Neuem gänzlich ausfüllte…. diese Schilderung eines Flashbacks kann man wohl als frühe literarische Fixierung einer PTBS ansehen, die den Ich-Erzähler quält…



Sechs Erzählungen, die im Ersten Weltkrieg spielen, geschrieben von einem Autoren, der sein ‚Vaterland‘ verachtet, der deutlich antisemitische Untertöne in seinen Text einfließen läßt und der seine Affinität zum aufkeimenden Faschismus der Zeit, in der er das Buch publiziert, nicht verheimlicht… muss man das lesen? Oder anders herum gefragt: warum habe ich es gelesen? Hätte ich mir das Buch schicken lassen, wenn ich mich vorher eingehender informiert hätte? Mich hat das Coverbild gereizt, ich gebe es zu, und des prinzipielle Sujet der Erzählungen, die den ersten großen Weltenbrand umfassen….

Es sind sechs Geschichten, die jeweils von einem Ich-Erzähler erzählt werden. Für mich war es jeweils – ohne, daß dies explizit gesagt wurde – der gleiche Erzähler, mir ist auch noch eine Stelle erinnerlich, in der sich auf eine vorhergehende Erzählung bezogen wird. In den Geschichten wird viel Erlebtes geschildert, Drieu ging 1914 als junger Mann mit einundzwanzig Jahren in den Krieg, er kämpfte vor Verdun und in den Dardanellen, war wie sein Erzähler verwundet. Drieu kannte also den Krieg, stellt ihn authentisch und ohne Illusionen dar, kannte dessen Grausamkeit, umso unverständlicher seine Begeisterung für den Faschismus, der Europa erneut in Brand setzte.

Thomas Laux geht in seinem Nachwort eben kurz auf diese Frage ein, wie man Drieu heutzutage lesen kann angesichts seiner offenen Kollaboration mit den Nazis im Zweiten Weltkrieg. Die französische Ausgabe ist aus diesem Grund mit einer profunden Einleitung und weiteren Erläuterungen und Anmerkungen zum Text versehen, die deutsche Ausgabe weist dieses Nachwort von Laux auf sowie Anmerkungen, die jedoch im wesentlich Sachinformationen zu Namen und Daten geben.

Nimmt man die antisemitische und rassistischen Äußerungen Drieus zwar zur Kenntnis, stellt sie aber nicht in den Mittelpunkt, so stellt Die Komödie von Charleroi eine illusionslose Schilderung der Verwüstungen dar, die ein Krieg auf dem Schlachtfeld und in der Psyche eines Soldaten anrichten kann. Insbesondere die zwei Namen ‚Verdun‘ und ‚Thiaumont‘ ziehen sich durch die Geschichten, Ereignisse, die mehr als einen Soldaten aus der Bahn geworfen haben werden – sofern er überlebt hat. In manchen Momenten, auch Laux weist darauf hin, erinnert Drieu an Jünger mit seiner Formulierung vom „Stahlgewitter“: auch bei Drieu wird die Technisierung des Krieges hervorgehoben, aber im Unterschied zu Jünger bedauert; der Kampf Mann gegen Mann entspricht seiner Vorstellung vom Krieg weit eher.

So zweifelhaft einige Aussagen des Buches sind, so gelungen und gekonnt ist die literarische Umsetzung des Themas, dessen sich Drieu angenommen hat. Zumindest in dieser Hinsicht ist die Lektüre des Buches sehr lohnend und dem Manesse-Verlag kommt das Verdienst zu, es in dieser wunderschön gestalteten Ausgabe zugänglich gemacht zu haben.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zum Autor: https://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Drieu_la_Rochelle
[2] Patrick Modiano: Place de l’Étoile (Buchvorstellung hier im Blog)
Der genannte Name ‚Gilles Drieu‘ bezieht sich auf die Titelfigur des Romans Gilles (1939/42), die biographische Ähnlichkeiten zum Autoren hat, auf die auch Laux in seinem  Nachwort hinweist (Liebesgeschichten, diffuse Todessehnsucht, Faschismus als letzte Option).

Pierre Drieu La Rochelle
Die Komödie von Charleroi
mit einem Nachwort von Thomas Laux
Übersetzt aus dem Französischen von Andrea Spingler und Eva Moldenhauer
Originalausgabe: La Comédie de Charleroi, Gallimard (Paris), 1934
diese Ausgabe: Manesse, HC, ca. 270 S., 2016 (dt. Erstausgabe)

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Advertisements

... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: