Max Dauthendey: Lingam

23. Februar 2015

Eines der auffälligsten Merkmale der Antibewegung im neunzehnten Jahrhundert war das neu erwachende Interesse am Orient. Der Osten, mit seiner Aura des Mysteriösen, galt in Deutschland bereits vorher als Symbol für die Revolte gegen den Rationalismus, zumindest seit dem 12. Jahrhundert, als die Autoren mittelalterlicher Romanzen wie König Rother und Herzog Ernst ihre Helden bis nach Konstatinopel und noch weiter ziehen ließen auf ihrer Suche nach Abenteuern und magischem Wissen – denn in Europa gab es dergleichen nicht mehr zu entdecken. Allerdings begann erst mit Herder jenes mythische Bild Indiens zu entstehen, das einerseits die Nachforschungen von Gelehrten wie Friedrich Schlegel, Friedrich Maier und Josef von Hammer-Purgstall, anderseits aber auch die Vorstellungswelt der Dichter inspirierte, wie die Schriften Novalis´, des älteren Goethe und Schopenhauers – um nur einige wenige Beispiel zu nennen….. Der Orient wurde zum beliebten Ressort all derjenigen – Schriftsteller, Theosophen und Leser gleichermassen -, die nach einer Philosphie der Einheit und Ganzheit suchten,…..

so leitet der amerikanische Germanist Theodore Ziolkowski seinen Aufsatz über Hermann Hesses Siddhartha – Die Landschaft einer Seele ein [1]. Auch wenn der Begriff der „Antibewegung“ etwas seltsam erscheint und villeicht der Übersetzung geschuldet ist (an anderer Stelle nennt Ziolkowski es „diese Reaktion auf den Positivismus„, die dem mystischen Bild vom Orient einen neuen Anstoß gibt) und er in seiner Auflistung von Schriftstellern Dauthendey nicht explizit erwähnt, dürfen wir diesen – denke ich – doch auch unter die Gemeinten zählen.

Ebenso wie Hesse oder Keyserling, die beide 1911 nach Indien bzw. zu einer Reise um die Welt aufgebrochen waren, besuchte er Ostasien, allerdings ein paar Jahre früher, nämlich 1906. Bis dahin führte der 1867 in Würzburg geborene und zu seiner Zeit beliebte Autor ein unstetes Wanderleben, malend und schreibend verweigerte er sich den Konventionen seiner Zeit. Die Erlebnisse seiner Ostasienreise (man muss sich vergegenwärtigen, daß die „Landkarte“ Ostasiens um die vorletzte Jahrhundertwende sich grundlegend von der heutigen unterschied) fanden bei Dauthendey ihren Niederschlag in einem opulenten Verswerk („Die geflügelte Erde – ein Lied der Liebe und der Wunder um sieben Meere„, 1910), für das der Autor nicht gerade bescheiden mit der Auszeichnung durch den Nobelpreis rechnete [2]. Ungleich bescheidener kommt im Gegensatz zu diesem großen Reiseepos die kleine Sammlung von Novellen einher, die unter dem Titel Lingam ein Jahr früher, 1909, veröffentlicht wurde und hier vorgestellt wird [3]. Max Dauthendey starb übrigens kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs in Ostjava, die Kriegswirren hatten die Heimreise von seiner zweiten Fahrt nach Asien, die er kurz vor Kriegsausbruch begann, unmöglich gemacht.


Die Schale mit dem in ihr ruhenden Stein, "das heiligste Liebessymbol und Symbol des ewigen Lebens" Bildquelle [B]

Die Schale mit dem in ihr ruhenden Stein, „das heiligste Liebessymbol und Symbol des ewigen Lebens“
Bildquelle [B]

Nachdem ich mich so ein wenig kundig gemacht habe über die damalige und auffallende Beschäftigung deutscher Schriftsteller mit Asien, ist dieses Büchlein eine kleine Enttäuschung gewesen. Wenig ist zu spüren von philosophischen Anwandlungen, Religion und Lebenseinstellung der Asiaten spielen nur als folkloristischer Hintergrund eine Rolle. Die Geschichten, zwölf an der Zahl, sind auch weniger Novellen, es sind eher farbenfrohe Miniaturen aus exotischen Gegenden, zur Unterhaltung geschrieben, oft mit einer mehr oder weniger ausgeprägten Prise (schwülstiger) Erotik angereichert – und damit auch diskriminierend, zumindest für meinen Geschmack. Denn nackt sind immer nur die Asiaten, es sind beispielsweise kaffeebraune, sehnige Singhalesen, dickblütig und üppig genährt, nackt und nur von der Bräune ihres Leibes bekleidet, die  sich auf den Bahnstationen in den Tälern gleich Herden brauner, feister Maikäfer drängen, die Rikschafahrer ziehen derart im Naturzustand ihr Gefährt (zur fantasievollen Sehnsucht heimischer Leserinnen?), sie tauchen unbekleidet nach Münzen, die ihnen von Schiffen aus ins Meer zugeworfen werden…. für die männliche Leserschaft eher geeignet sind die Vorstellungen von schwellenden Brüste unter loser Gewandung, hier schieben schon mal nackte Unterarme ungeduldig die lockeren Brüste hinter dem Blusenstoff hin und her, als wären das ein paar reife, unbequeme Früchte….(„Der Garten ohne Jahreszeiten“) oder der Blick, den der geöffnete Seidenmantel der chinesischen Kurtisane im Schlummer bietet, deren schmaler Leib an das Fleisch einer geschlitzten Mangofrucht in rotgelber Schale erinnert und die vom malaiischen Photographen, der die Situation blitzschnell erfasst, voller Verlangen fotografiert wird („Im Blauen Licht von Penang“). Es sollte ihm kein Glück bringen, die Magie, die mit solch einem Bild verbunden ist, quälte ihn immerfort in seinen Träumen, erst der Tod der Kurtisane sollte ihn erlösen.

Außer der natürlichen, paradiesischen Nacktheit, die der Autor den Einheimischen gönnt (Die Kolonialherren sind selbstverständlich immer gekleidet, die langen, weißen Schleppen der Damen zum Beispiel erschienen Bulram wie irrsinnig gewordene weiße fliegende Blütenbäume, helle Magnolien oder lichte Jasminbüsche, die ohne Wurzeln durch die offenen Türen der Steinwände aus und ein wandern konnten), die steten Vergleiche mit Tieren (nackte Frösche, durcheinander krabbelnde feiste Maikäfer) sind natürlich auch ein ganz stark rassistischer Ton in einigen der Geschichten.

Dauthendey erzählt von anderen Moralvorstellungen. Die oben schon erwähnte Geschichte vom „.. Garten…“ zum Beispiel ist aufgebaut wie die biblische Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies. In der Gegend von Nuwara Eliya, einer Stadt in der Nähe des höchsten Berges von (damals noch) Ceylon gibt es einen geradezu etherischen Garten, in dem es keine Jahreszeiten gibt und der das ganze Jahr über voll mit verschiedensten Blüten ist, Früchte jedoch reifen dort nicht. Ähnlich etherisch vom Wesen her ist das singhalesische Ehepaar, das diesen Garten für die Kolonialherren pflegt (ähnlich wie Adam von Gott Eva zur Seite gestellt bekam, wurde der Gärtner Bulram durch den Vater mit der jungen Talora verheiratet…). Vom Herrn auf eine Fahrt nach Colombo mitgenommen verwirrt und ängstigt die Stadt den Singhalesen, er verschwindet. Monate später kommt auch Talora, die nie verzweifelt schien ob des Verschwindens des Mannes, mit ihrer Herrin nach Colombo und verschwindet auch…. So erfahren wir dann schließlich, daß sich Bulram tagsüber sein Geld „verdient“, in dem er nackt wie ein Frosch nach Münzen taucht, die die Engländer von den Schiffen des Hafens ins Meer werfen, um mit diesem Geld des nachts die Dirnen zu bezahlen, bei denen er schläft. Und in einem solchen Dirnenhaus trifft er dann auch eines Nachts auf Talora, seine Frau, und nach einiger Zeit kehren sie gemeinsam zurück in den Garten am Berg, als ob nichts geschehen wäre in der Ebene, in der auch die Früchte reifen… der entscheidende Unterschied zur Bibel: eine Vertreibung aus dem Paradies findet nicht statt, obwohl von beiden ausgiebigst von den Früchten gekostet worden war…

Am besten gefallen hat mir die Geschichte „Unter den Totentürmen“, die bei den Parsen spielt. Deren Tote werden bekanntlich „luftbestattet“, d.h., die Leichname werden auf Türmen niedergelegt, wo die Geier sie verzehren. Jedenfalls heiratet einer der reichen Parsensöhne eine Schöne, die ihn zwar nicht liebt, die ihm das Ja-Wort aber trotzdem gibt, eben weil er nicht darauf besteht, daß sie ihn liebt. Denn in seiner Eitelkeit geht der junge Mann davon aus, daß die Liebe sich schon noch einstellen wird: So wie du dich an die Liebe gewöhnen wirst und an das Gebären von Kindern, so wirst du dich an meinen Ring gewöhnen……. er irrt, denn weder wollte sie den Ring noch seine Liebe, denn die Liebe dieses Mädchens gehört nicht den Menschen, sondern den Büchern…. und auch, wenn seine Frau tatsächlich schwanger wird von ihm, so stirbt sie bei der Geburt eines toten Kindes. Wie zusammengekauerte Männer in schwarzen Röcken hocken die Aasgeier Schulter an Schulter mit kahlen Hälsen und kahlen Schädeln um den Turmrand, zu dem man die Tote trägt. Später dann, der Mann ist im Garten, kommt ein Diener voll mit Schrecken und bringt in einem Tuch einen Finger der Toten, den ein Geier im Garten fallen ließ und an dem Finger der Ring, den der Mann seiner Frau damals schenkte…. so verweigerte die Frau noch im Tod die Liebe.

Gut, so ist die Geschichte in groben Zügen, das beeindruckende sind die plastischen Schilderungen der Totentürme, der Geier, die um sie kreisen mit ihren großen schwarzen Schwingen wie aufgewirbelte Totentücher… es ist eine Geschichte aus einem ganz anderen Milieu als der Großteil der anderen Novellen, die Parsen waren seinerzeit im Finanzgeschäft tätig und entsprechend reich.

Was vielleicht noch erwähnenswert ist, ist die Tatsache, daß in vielen der Geschichten der Tod eine Rolle spielt, nicht nur die Liebe. Etwas skurril zum Beispiel ist die der zwei Dirnen (hier sind Brüste und Hintern derb und schwer….) in Singapur, die in Haft genommen werden, denen von aussen ein Schwamm mit Schnaps in die Zelle gereicht wird und die sich daraufhin im Streit gegenseitig umbringen, ihre Diskussion über Tod, Sterben und Morden dann in einem imaginären Raum aber fortsetzen….

Es sind „asiatischen Novellen“, die Handlungen sind entsprechend nicht nur im (damaligen) Indien angesiedelt, sie spielen auch im (heutigen) Malaysia und China, die letzte Geschichte dann in Japan. In dieser Miniatur geht es auch um eine Liebe, doch auf eine ganz andere, subtilere Art und Weise als in den Geschichten, die in Indien spielen… diese unglückliche Liebe, offenbart sich erst ganz am Ende, man meint, alles steure auf eine Katastrophe hin, die aber durch die späte Einsicht des Verschmähten dann doch vermieden wird…. Japan ist eben nicht Indien, hier werden Begierden nicht offen ausgelebt, sondern sublimiert… überhaupt passt sich Dauthendey den Regionen an, das schwülstige, schwül-warme der Handlungen läßt er hinter sich, wenn er Geschichten hat, die in China spielen oder eben Japan.

Ich will nicht jede der Geschichten hier im Einzelnen aufführen, deswegen mögen die bisherigen Beispiele reichen. Dauthendeys Büchlein jedenfalls war – trotz der nicht erfüllten Erwartung – eine unterhaltsame Lektüre, die auch einiges über die Zeit aussagt, in der sie geschrieben worden ist. Das erotische Verlangen, das in jedem Zeitalter zwar vorhanden ist, aber nicht immer ausgelebt oder gezeigt werden kann (das Büchlein erschien 1909), findet hier eine Lücke: fremde Länder mit fremden Sitten eröffnen der Phantasie einen Freiraum, in der sie sich austoben kann. …. das Fleisch einer geschlitzten Mangofrucht in rotgelber Schale…. als Beschreibung einer unbekleideten Frau: das ist schon ein recht eindeutiges Bild mit wenig Interpretationsspielraum, aber viel Kraft zur Imagination…. die koloniale Arroganz, die durch manche Formulierungen schimmert, dürfte damals niemanden aufgefallen sein, heutzutage mutet es seltsam an. Andererseits versteht es der Autor farbig und anschaulich geschildert, auch Atmosphärisches einzufangen;  Dauthendey hat sein Handwerk als Schriftsteller sicher verstanden und seine Beliebtheit zu seiner Zeit kann man nachempfinden, auch mit dieser Sammlung wird er sein Publikum gefunden haben.

Denn die Menschen sind vergeßlich und unwissend, und alles muß ihnen immer wieder gelehrt werden, auch die Liebe – das bedenke, o Mensch.

lingam-cover

Links und Anmerkungen:

[1] Volker Michel (Hrsg): Materialien zu Hermann Hesses „Siddhartha“, Zweiter Band, st 282, 1978, S. 133 (dort auch Angabe der Originalquelle)
[2] Volker Zenk: Innere Forschungsreisen: Literarischer Exotismus in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts, S. 228ff; in: https://books.google.de/books?…Dauthendey…
[3] unverhofft kommt oft: … bei der Beschäftigung mit Lingam habe ich mich erinnert, daß ich einem anderes Büchlein Dauthendeys, nämlich den „Die acht Gesichter vom Biwasee, japanische Liebesgeschichten“ (dtv) ebenfalls Unterschlupf in meinen Regalen gewähre, auch diese Sammlung kleiner Geschichten ein Niederschlag besagter Asienreise
[4] Biographie Max Dauthendeys aus der WürzburgWiki: http://wuerzburgwiki.de/wiki/Max_Dauthendey

Bildquelle [B]: Wiki-Artikel: http://de.wikipedia.org/wiki/Linga; von Cweiss at de.wikipedia (de:Benutzer:Cweiss) [CC BY-SA 2.0 at (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/at/deed.en)%5D, vom Wikimedia Commons
(Das von Dauthendey in seiner Einleitung beschriebene Lingam sieht etwas anders aus, aber vom Prinzip her gleicht das Abgebildete jenem natürlich)

Der Text im Projekt Gutenberg: http://gutenberg.spiegel.de/buch/lingam-1037/1 bzw. bei zeno.org:  http://www.zeno.org/Literatur/M/Dauthendey,+Max/Roman/Lingam

Max Dauthendey
Lingam
Zwölf asiatische Novellen
diese Ausgabe: Albert Langen, München, HC, ca. 200 S., 1909

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