Arundhati Roy: Der Gott der kleinen Dinge

„Wenn man in einem Traum glücklich ist, Ammu, zählt das?“ fragte Estha.
„Zählt was?“
„Das Glück – zählt es?“
Sie wusste genau, was er meinte, ihr Sohn mit der zerzausten Tolle.
Denn die Wahrheit ist, daß nur zählt, was
zählt.


Ich habe mit dem Buch gekämpft, der Gott der kleinen Dinge hat es mir nicht leicht gemacht. Bücher, die mich mitnehmen wie ein Fluss, auf dem ich mich wie mit einem Floss treiben lassen kann, liebe ich, sie fordern mich auf, in sie einzutauchen und mich ihrem Tempo anzupassen. Ich kann mich mit ihnen und in ihnen treiben lassen. Arundhati Roy Buch über das Schicksal einer indischen Familie ist anders. Es überschüttet den Leser mit einer sehr bildhaften Sprache voller Symbolik, voller Gedankensprünge, voller zeitlicher Retardierungen. ReTardieRunGen. Re.Tar.Dier.Un.Gen.

Es sind die Momente, in denen man stockt, hängenbleibt, nachdenken muss, über die man stolpert, weil man sie nicht versteht. Es scheint die Sprache zu sein, die sich bildet, bevor sie gesprochen wird, manchmal hatte ich den Eindruck, dem Entstehen dessen, was vor allem Estha und Rahel denken und sagen, beiwohnen zu können. Die Autorin springt in den Zeiten, das was Ursache war, erzählt sie oftmals lange erst nach den Wirkungen, die es gehabt hat. Wie es zu dem kommt, was das erste Kapitel einleitend schildert, zu der Beerdigung der Sophie Mol mit dem Fingerhut, der Glück bringt und die Rad schlägt und zum Sterben von Ammu, die nicht alt war und nicht jung, aber in einem lebensfähigen, sterbensfähigem Alter, all das eröffnet sich uns erst im Lauf der Geschichte, die Roy erzählt.

Es ist die Geschichte einer sich auf dem absteigenden Ast befindlichen (christlichen) Mittelklassefamilie in Kerala, der Gewürzküste in Indien. Im Mittelpunkt stehen die biologisch zweieiigen, seelisch eineiigen Zwillinge Estha und Rahel, aus ihrer Sicht erzählt Roy uns die Geschehnisse. Ammu ist ihre Mutter, diese wollte einst den gesellschaftlichen Zwängen entfliehen und heiratete aus Liebe, doch ihr Mann entpuppte sich nach der Hochzeit als Trinker und Tunichtgut. Noch andere Männer sind mehr Schein als Sein, Pappachi zum Beispiel, der Vater von Ammu, der honorige Entomologe des britischen Empires, verdrischt seine Frau zu Hause mit der Blumenvase, ein sadistischer Gewaltmensch, der die Lieblingssachen seiner Tochter mit der Schere zerstückelt. Chacko, Ammus Bruder, der geschieden aus England zurückkehrte und die Konservenfabrik, die die Mutter aufgebaut hat, übernahm, auch er seiner Aufgabe nicht gewachsen….

Der Roman erzählt die Vorkommnisse des Jahres 1969. Die Zwillinge sind 7 Jahren alt und leben mit ihrer Mutter, die im Haus unterdrückt wird, im Haus der Großeltern. Sie sind sensibel, phantasievoll, intelligent. Der Besuch von Sophie Mol, ihrer Cousine aus England, der Tochter von Chacko, ihrem Onkel, kündigt sich an. Es sind viele kleine Dinge, die in diesen Tagen passieren und die in der Nachschau zu dem großen Unglück führen. „Wenn man jemanden, der einen liebt, wehtut, dann liebt dieser einen ein klein bischen weniger!“ so sagt Ammu zu Rahel, nachdem diese frech war. Und Estha erstarrt, als er dies hört, denn dann muss Ammu ihn ja jetzt viel weniger lieb haben, wo er doch im Kino vom Limonadenmann eine Limonade in die eine Hand geschenkt bekam und in die andere Hand etwas gelegt und seine Hand an es gepresst, aus was ihm kurz darauf das sämigekligklebrigglibbriggekochte Eiweiß auf die Haut lief.

Schnell, schneller am schnellsten,
nur nicht innehalten und nicht rasten,
bis daß das Schnell ein Schneller ist
und das Schnellste ein Am-Schnellsten.

Estha fühlt sich schuldig, er kommt vor Angst fast um. Man muss auf alles gefasst sein und sich auf alles vorbereiten. Und das muss er sich jetzt. Und noch einmal, aus eigener höchster Not getrieben, sagt Ammu etwas, was wie Benzin auf Feuer wirkt: als die Ereignisse im Haus anfangen, sich aufzuschaukeln, sie eingesperrt wird in ein Zimmer, ruft sie ihren Kindern durch die Tür zu, daß diese ihr Mühlstein am Hals wären, daß es ohne sie, die Zwillinge, für sie, die Mutter, so viel einfacher wäre.

Es ist soweit. Man muss auf alles gefasst sein. Gefasst sein. Gefasst. Sein. Die Mutter hat sie weniger lieb. Sie müssen gehen. Müssen gehen. Gehen. Weg. Sie sind vorbereitet, lauter Sachen, die sie gebrauchen können haben sie schon in ihr Versteck gebracht, ins Haus der Geschichte zu Velutha, dem Unberührbaren, der Schreiner, der in der Fabrik dafür sorgt, daß die Technik funktioniert und läuft, ohne den dort alles zusammenbrechen würde. Sophie Mol, die sonst, würde sie zu Hause bleiben müssen, sicher gefoltert werden würde, um zu verraten, wohin die Zwillinge gegangen sind, kommt mit, sitzt mit in dem Boot, in dem die Kinder sitzen den Fluss zu überqueren. Der Gott der kleinen Dinge ist auch der Gott des Verlustes.

Velutha gehört zu den Paravan, den Unberührbaren. Streng ist das Kastenwesen in Indien, selbst der Atem eines solchen Menschen beschmutzt die Berührbaren [2]. Aber sie lieben sich. Ammu und Velutha lieben sich. Sie vereinen sich, sie kostet seinen salzigen Geschmack und er trinkt aus den Tiefen ihres Leibes, sie sind eins im Leib und in der Seele, obwohl sie wissen, daß ihre Liebe auf den Tod zusteuert. Sie leben ihre Liebe in den kleinen Dingen, den kleinen Versprechen:

Naaley. Morgen.

Zu den großen Dingen des Lebens gehört dies Kastenwesen, die Ordnung, die aufrecht erhalten werden muss. Ist ein Unberührbarer auch in der Liebe nicht berühren, so kann er, um ihm den Tod zu bringen, durchaus berührt werden:

Esthappen und Rahel erwachten vom Aufschrei des von zerbrochenen Kniescheiben überraschten Schlafes. Schreie erstarben in ihnen und trieben auf dem Rücken dahin wie tote Fische. … Sie hörten, wie Holzstöcke auf Fleisch trafen. Stiefel auf Knochen. Auf Zähne. Das gedämpfte Ächzen bei einem Tritt in den Bauch. Das dumpfe Knirschen eines Schädels auf Beton. Das Gurgeln des Blutes im Atem eines Mannes, wenn seine Lunge vom spitzen Ende einer gebrochenen Rippe zerrissen wird.

Das Buch hat unglaublich intensive Momente, in denen man förmlich spürt, wie sich Gefühle aufbauen, Ängste und Schuld vor allen Dingen. Estha und der Limonadenmann ist so eine Szene oder die Ereignisse um das systemnotwendige Zutodeprügeln von Velutha, bei dem den Kindern Sachen zugemutet, Verantwortung aufgebürdet werden, die ein Mensch kaum tragen kann. Und an denen Estha auch zerbricht. Aber auch die Liebe erlebt man als Leser, spürt und fühlt man. Die erste Begegnung von Ammu und Velutha am Fluss ist so ein reiner Moment gegenseitiger Offenbarung.

Die großen Dinge, alte vergangen und neue, gegenwärtige, auch diese schildert Roy. Die politischen Verhältnisse im Land der Kindheit, in dem die kommunistische Partei viele Anhänger hat. Zorn und Ärger sind zu spüren, wenn sie über den Ausverkauf des Landes spricht, den kulturellen Abstieg, der damit verbunden ist, die Traditionen touristentauglich zu machen (so werden wegen der kurzen Aufmerksamkeitsspannen der Besucher die 6stündigen Theaterstücke auf 20 min gekürzt….). Der Fluss wird vergiftet von Abwässern, der Flughafen mit Vogelscheisse und Spuckeflecken verziert. Das stinkende Paradies. Ein Land, in dem Verkrüppelte ihre Holzbeine mit Socken anmalen, während das echte Bein strumpflos und nackt ist…..

Roy bettet ihre Geschichte ein in eine Rückschau aus der Zeit, als Estha und auch Rahel erwachsen sind und sich zum ersten Mal nach all den lange vergangenen Ereignissen wiedersehen. Und natürlich hat das Buch viel, viel mehr zu erzählen, werden viel, viel mehr Personen beschrieben als ich es hier in der sowieso schon wieder viel zu langen Buchvorstellung wiedergeben kann. Hier hilft der Wiki-Artikel zum Buch [1] ein wenig. Aber wer es ganz genau wissen will… der Kauf des auch rein äußerlich schönen Büchleins lohnt sich, denn beim Lesen findet man:

Facit: Große Bilder von kleinen Dingen.

[1] zum Wiki-Artikel über das Buch

[2] es fehlen leider ein paar Seiten (google-books), der Rest des Textes ist aber trotzdem interessant:  Romy Suckow: Das Kastensystem in A. Roys“der Gott der kleinen Dinge

[3] zum Wiki-Artikel über Roy

Arundhati Roy
Der Gott der kleinen Dinge
btb, 2010, 576 S.

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21 Kommentare zu „Arundhati Roy: Der Gott der kleinen Dinge

    1. liebe sarah, ganz herzlichen dank für diesen award, über den ich mich freue, weil er zeigt, daß mein blog nicht nur für mich wichtig ist, sondern auch anderen etwas geben kann. ich hoffe, du bist mir nicht böse, aber ich beteilige mich prinzipiell nicht an solchen auszeichnungsaktionen, genauso wie ich es nicht an stöckchen-weitergaben mache. es ist einfach so…. ;-)
      ich sende dir liebe grüße
      flattersatz

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  1. Wirklich schön beschrieben! Allerdings werde ich mit diesem Buch einfach nicht warm. Seit Jahren starte ich immer mal wieder einen Anlauf, doch ich komme nicht vorwärts, gerate ins Stocken, verliere die Lust weiterzulesen…
    Ich weiß nicht genau, woran es liegt, doch aufgeben möchte ich immer noch nicht, weshalb das Buch auch immer wieder von Tauschvorgängen verschont blieb.
    Aber ein paar Jahre habe ich ja noch, um den richtigen Einstieg vielleicht doch noch zu schaffen ;)

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    1. dann, liebe ada, geht es dir ähnlich wie mir, auch ich habe ja mehrere anläufe gebraucht… ich glaube, man muss diese geschichte nicht nur mit dem verstand, sondern viel auch mit dem gefühl erfassen. Dieses springen der gedanken, das vor und zurück. das zerstückeln der worte und aneinanderreihen… hier entstehen gedanken, ängste, furcht, die man mit fühlen muss. spätestens als mir die szene von estha mit dem zitronen-orangenlimonadenmann unter die haut ging, diese angst, die sich in dem jungen entwickelte, das völlig unsinnige schuldgefühl bei ihm selbst… doch, da hat es mich gepackt. Ge.Packt.

      nicht aufgeben, alles hat seine zeit, auch ein buch!

      lg
      fs

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  2. Hallo Flattersatz,

    ich fand die Rezension ausgezeichnet! Obwohl sie sehr ausführlich war, hast du sicherlich nicht zu viel verraten. Ich selbst würde mich nicht trauen eine so ausführliche Rezension zu verfassen. Ich bin mal gespannt, auf welche Weise die Sprache bildhaft ist. – Sind es innere Bilder, dass sie auch blinden Menschen etwas sagen?
    Alles erdenklich Gute, viel Freude und Gewinn bei der Lektüre und viel Erfolg und Spaß beim Bloggen!

    Liebe Grüße

    Leselöwin44 (Christiane)

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    1. liebe christiane, herzlichen dank für deinen besuch und deinen kommentar!

      es würde mich interessieren, warum du dich nicht trauen würdest, eine so ausführliche rezension zu posten? in deinem blog bist du königin (damit zitiere ich einen alten blogfreund) und du kannst dort schreiben, was und wie du willst…. und nur wenn du so schreibst, wie du willst, bist du authentisch und echt. also ran und schreib so ausführlich, wie es notwendig ist. schließlich redet das buch ja mit dir und du solltest darauf eingehen… ;-)

      ob das buch blinden menschen etwas sagen kann.. das kann ich nicht beurteilen, da ich mich nicht in blinde menschen eindenken kann, es sicherlich auch ein unterschied ist, ob jemand von geburt an blind ist oder ob er später erblindete. aber der gott der kleinen dinge ist ein buch voller bilder, voller vergleiche und assoziationen, farbig, lebendig und voller leben, also denke ich, daß das buch auch blinden etwas sagen kann.

      ich wünsche auch dir alles gute und für deinen blog viel erfolg!

      liebe grüße
      flattersatz

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  3. ahh, ich schaff es nicht an deinen Besprechenungen vorbei zu gehen. ein kleiner Blick und schon wühl ich mich bei dir durch die Buchstaben. Diesmal wars schon allein das Zitat ganz zuerst, dass mich erwischt hat.
    Ich versuch mich vor solch intensiven Büchern wo ich kann zu drücken, aber manchmal muss es sein, da reicht einfache unterhaltung einfach nicht mehr aus.
    Danke schön

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  4. Du hast dieses Buch sehr liebevoll beschrieben. Ich habe es ein paar mal angelesen, bin aber leider über die ersten Seiten nicht hinausgekommen und habe es dann weitergegeben. Dass es ein kostbares Buch ist habe ich immer vermutet. Bei den Kommentaren habe ich gesehen das es anderen genauso ging.

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    1. … das ist tatsächlich sehr interessant… es wäre eine diskussion wert, warum dies so ist, ob wir alle die gleichen schwierigkeiten gehabt haben, uns in die geschichte fallen zu lassen…

      danke für deinen kommentar!

      lg
      fs

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  5. Hätte ich ein Lieblingsbuch, es wäre dieses. Nach all den Abertausend Seiten, die ich in meinem Leben gelesen habe, haben mir diese am meisten ins Herz geschnitten. Ich liebe den Gott der kleinen Dinge und hatte überhaupt keine Schwierigkeiten mit der Geschichte … im Gegenteil, ich fand es grandios, wie die Wahrheit sozusagen durch die Hintertür hereinkam, während man als Leser ganz woanders hinstarrt. Wer kann, sollte das Buch allerdings auf Englisch lesen, die Übersetzung wird dem Original leider nicht gerecht!

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    1. Nein, als mein lieblingsbuch würde ich es nicht bezeichnen (Frage: hast du denn ein Lieblingsbuch und wenn nein, warum nicht??), obwohl man ja oft die schwierigen kinder nachher am liebsten hat…. es hat sehr tiefe momente und es rührt sehr an die Gefühle….

      tja.. leider kann ich kein englisch, zumindest nicht in der güte, die es für ein original bräuchte.. ich bedauer das oft…

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      1. Ich hab’s mit 15 gelesen und es war mein erstes englisches Buch – daneben hatte ich mir die deutsche Übersetzung geholt zum besseren Verständnis, und dann ist mir aufgefallen, wie sehr sie hinterherhinkt. Das war der Auslöser, dass ich angefangen habe, englische Bücher im Original zu lesen. Und der Gott der kleinen Dinge hat mich auch zur „richtigen“ Literatur gebracht, davor hab ich viel Hohlbein-Fantasy, erste kitschige Liebesromane und Biografien verspeist. Erst mit Arundhati hab ich die Welt der Romane für mich entdeckt, wahrscheinlich ist es deswegen so besonders für mich!

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        1. Ah.. eine schöne geschichte! nein, mein englisch reicht einfach nicht für bücher, ich könnte zwar den text lesen, aber die konnotationen würden mir verborgen bleiben…. eine sache, die ich wirklich bedaure.

          was du an dir beobachtet hast, kenne ich auch. man kann lesen lernen! wenn ich meine blogbeiträge vom anfang des blogs betrachte, sowohl was bücher angeht als auch deren rezeption bei mir: ich glaube, ich habe dazugelernt, auch was anspruchsvolleres, sprich „richtige literatur“ angeht…

          .. und hohlbein, das und ähnliche fantasy ist ganz an mir vorüber gegangen. aber ich denke, besser fantasy als garnicht lesen.. ;-)

          lg
          fs

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  6. Ich hab das Buch auf meiner Leseliste, aber je mehr ich davon höre, desto größer wird die Meigung, es nicht zu lesen.
    Und deine Rezension hat da auch nicht viel geholfen…vermutlich wird dies eines jener Bücher sein, die ständig in meinem SuB rumlungert, ohne wirklich gelesen zu werden, es sei denn, es ist das letzte zu lesende Buch …
    Oder irgendetwas oder irgendjemand überzeugt mich doch, dass es ein wirklich lesenswertes, gutes Buch ist, aber das vermisse ich bis jetzt.

    lg
    m

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    1. merci für deinen kommentar. ich habe kein problem mit dem was du schreibst, manchmal passt ein buch halt einfach auch nicht, jeder hat seine speziellen bücher, die er im regal stehen hat und doch nie liest, weil der funken nicht übergesprungen ist…. ist doch gut, wenn nicht alle geschmäcker gleich sind.

      liebe grüße
      flattersatz

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