Georges Bataille: Das obszöne Werk

12. März 2012

Definition des Begriffes Obszön: Als obszön (lateinisch obscenus, „schmutzig, verderblich, schamlos“) gilt, was geeignet ist, bei anderen Menschen Ekel zu erregen, die Scham oder ein anderes elementares Gefühl zu verletzen. Wer nur das eigene Empfinden ausdrücken will, der könnte dafür mit den Vokabeln widerlich oder widerwärtig auskommen. Wer statt dessen das Fremdwort obszön verwendet, zeigt damit, dass er sich auf eine verbindliche Werteordnung berufen will [1]

Definition des Begriffes Pornographie Pornografie ist die direkte Darstellung der menschlichen Sexualität oder des Sexualakts mit dem Ziel, den Betrachter sexuell zu erregen, wobei die Geschlechtsorgane in ihrer sexuellen Aktivität bewusst betont werden. [2]

Sex und Tod sind die stärksten Reize und größten Geheimnisse. „Das Mysterium Frau und das Mysterium des Bösen“ (Horst Herrmann) fasziniert, ob als „Eros und Thanatos“ in Wissenschaft und Hochkultur, oder als „Sex and Violence“ in der Unterhaltungsindustrie gerade deswegen, weil sich beides der bewussten Steuerung entzieht und einen Blick auf die nackte Wahrheit gewährt.“ [3]


Sexualität und Tod bedingen einander, eins könnte ohne das andere nicht sein. Sexualität ist der Beginn (fast) allen Lebens und der Tod sein (individuelles) Ende, beide sind notwendig, um in ihrem Zusammenwirken „Leben“ zu ermöglichen.

Interessanterweise sind die beiden Bereiche auch die, die mit den stärksten Tabus belegt sind. Bei der Sexualität ist es u.a. die (Körper)Scham, die sich beim Kind entwickelt [4], beim Tod die Angst vorm Sterben, vor dem Unbekannten, dem nach dem Tod zu Erwartendem (oder auch dem Nichts), auch die Angst, dem Verfall des eigenen Körpers erleben zu müssen. Die Scham bewirkt das Zurückziehen des sexuellen Menschen ins Private, wobei hier natürlich kulturelle Einflüsse die Ausprägung, das Ausmass sehr stark beeinflussen können. Aber selbst heute, in unserer Kultur, in der der öffentliche nackte Körper kaum noch Anstoß erregt, findet gelebte Sexualität ihren Platz fast ausschließlich im Privaten. So ist Sexualität zwar allenthalben im öffentlichen Raum zu finden und präsent und wird dort wahrgenommen, aber nur noch selten als Tabubruch empfunden. Das aktive Praktizieren von Sexualität in der Öffentlichkeit findet kaum statt und wenn, dann als Provokation, als gewollten Tabubruch [5] oder an speziell definierten Orten (die zu besuchen wiederum zumindest anfänglich die Überwindung eigener Schamgrenzen voraussetzt).

Batailles, der dem Surrealismus verbunden war, sieht in diesem Buch mit seinen insgesamt fünf Erzählungen nicht die heitere, lebensbejahende Seite der Sexualität, sondern den tragischen, den dem Tod, dem Verderb, dem Vergehen nahen Pol. Sexualität ist auch mit der dunklen Seite verbunden, die Sexualorgane sind auch die Ausscheidungsorgane und die  Einbeziehung dieser Funktion in die sexuelle Ekstase ist eine Grenzüberschreitung, die als obszön empfunden wird. Sperma, Blut, Urin: das offensichtlich ekelerregende verliert seinen Ekel und wird zum Medium der Entgrenzung, im orgiastischen Rausch der Beteiligten [7] wird dies alles gleichwertig auf dem Weg zur „Erlösung“. So ist seit jeher z.B. die Vorstellung urinierender Frauen für Männer auch mit sexueller Erregung verbunden, nicht nur Walter beschreibt dies schon in seinen „Viktorianischen Ausschweifungen“, immer wieder taucht das Motiv auch in heutigen Romanen auf [8]. Noch nicht vergessen auch die Aufregung um Roches „Feuchtgebiete“ [12], in der die Autorin mit Lust und Wonne (aber leider nicht in der Qualität Batailles) den Ekel heraufbeschwört und in diesem Sinn der Obszönität frönt, ohne jedoch diesen Zusammenhang mit den Tiefen menschlicher Lüste auszuloten.

Die Entgrenzung und Grenzüberschreitung ist auch die Schmähung des Guten, die Verunglimpfung Gottes, selbst der Tod ist nicht tabu, das Töten im Rausch führt zur absoluten Ekstase. Die Entgrenzung, das Überwinden oder Auflösen von Grenzen führt in die Unendlichkeit, sie ist nicht zu zweit zu schaffen. Oder wie es in der schon angeführten Lit-Stelle [7] heißt, daß : „.. die Unendlichkeit :::: mit der Zahl 3..“ beginn. Und so sind es auch bei Bataille mehr oft drei Personen, die zusammen dem Rausch sich hingeben, bis hin zu einer ganzen Stierkampfarena, deren Publikum ekstatisch das Töten im Rund feiert.

Man könnte Batailles Geschichten mit denen de Sades vergleichen und in die Versuchung kommen, ihr Wesen gleichzusetzen. Aber wo de Sade seine Orgien und Gelage als Opferfeste inszeniert, in denen (hierarchisch, wie seine Zeit war) Menschen zur sexuellen Schlachtbank geführt wurden, sind bei Bataille die Beteiligten gleichberechtigt, sie alle kommen zu ihrem Genuss. Werden also bei de Sade die Menschen als Sexualobjekte erniedrigt, beschmutzt und entwürdigt, ist der Einbezug des vordergründig Ekligen bei Bataille Bestandteil des Weges aller Beteiligten zum entgrenzten Erleben.

Nun erliegt man vielleicht der Versuchung, ein moralisches Urteil über denjenigen zu sprechen, dem solche Geschichten gefallen.. nein, nicht gefallen, auf den solche Erzählungen eine seltsame Faszination ausüben. Aber beruht nicht – ganz aktuell – auch z.B. der Erfolg von TV-Sendungen wie „Dschungel Camp“ darauf, daß der Ekel, die Grenzüberschreitung zu dem, was man selbst nie machen würde, was man sich noch nicht einmal selbst eingestehen würde, fasziniert [9]? Das Surreale versucht die „..Tiefen des Unbewussten auszuloten und den durch die menschliche Logik begrenzten Erfahrungsbereich durch das Phantastische und Absurde zu erweitern.“ [9], was bedeuten würde, daß hier beim Betrachter, beim Leser etwas Verborgenes angesprochen und zum Mitschwingen gebracht wird. „Faszinierend und abstoßend zugleich“ sei das Eklige zitiert der Spiegel die Anthropologin Rachel Herz und bei Nietsche heißt es, wer sich ekle, habe soeben „.. einen wahren Blick in das Wesen der Dinge gethan.“ [10]. Es ist wie das Öffnen einer Tür zu einem verborgenen Bereich in der eigenen Psyche, einem unterdrückten, verdrängten Trieb, den wahrzunehmen und zu akzeptieren, geschweige denn auszuleben man sich oft selbst nicht erlaubt. Vielleicht erklärt sich dadurch der enorme Publikumserfolg solcher TV-Formate oder auch Büchern wie der „Feuchtgebiete“, die als Stellvertreter dienen, von denen man sich jederzeit distanzieren kann und für deren Konsum sich viele fadenscheinige (?) Rechtfertigungründe finden lassen.


Das dünne Büchlein von Bataille selbst enthält die folgenden Erzählungen: „Die Geschichte des Auges“, „Madame Edwarda“, „Meine Mutter“, „Der Kleine“ und „Der Tote“. Ich will versuchen, sie hier exemplarisch vorzustellen.

In der „Geschichte des Auges“ beschreibt der Autor als Ich-Erzähler sein Zusammentreffen mit der entfernt verwandten, ebenfalls 16jährigen Simone, das von Anfang an, vom ersten Hinsetzen Simones in den Teller mit der Milch, die für die Katze gedacht war [15] und der Präsentation ihres „rosaweißen Fleisches in der weißen Milch“ vom Tabubruch lebt. Die beiden verlieren alle Scham, verführen ein weiteres Mädchen, das bald dem Wahn verfällt und sich umbringt. Zusammen mit einem älteren Engländer gehen sie daraufhin auf Reisen, auf eine Art rauschhaftem obszönem Amoklauf, sie schänden eine Kirche und deren Priester, sie töten in der Ekstase und finden die Ekstase durch das Töten. Beim Stierkampfbesuch gerät eine ganze Arena in diesen orgiastischen Zustand, nachdem der Torero vom Stier verletzt worden ist, hier findet dann die Episode mit dem titelgebende Auge statt, das auf eine ganz besondere Art und Weise Beachtung findet.

Meine Mutter“ führt in eine Familie, die von einem tyrannischen, dem Trunk verfallenen Vater beherrscht wird, wobei der Sohn die Mutter vergöttert. Nach dem Tod des Vaters erzählt die Mutter ihrem Sohn peu á peu die Wahrheit, daß nämlich der Vater so geworden ist wie er war, weil sie selbst eine liederliche Frau war, die ihr Vergnügen ausserhalb gesucht hat, auch mit anderen Frauen. Langsam aber unabwendbar führt die Mutter ihren Sohn in ihre Welt ein, sie läßt ihn verführen und verführt ihn letztlich selbst [6].

„Der Mensch dürstet nach dem Bösen, ihn dürstet danach, schuldig zu werden, aber er wagt (oder vermag) es nicht, dem Bösen seine Seele zu verschreiben, er schlägt krumme Wege ein, die Neurose, das Gelächter etc.“ aus: „Der Kleine„, eher einer Sammlung von Gedanken und Fragmenten über „Das Böse“, so der zweite (?) Titel.

In der abschließenden Erzählung „Der Tote“ [13] macht Bataille den inneren Zusammenhang zwischen Tod und rauschhaftem Erleben zum Thema. Marie ist verzweifelt, ihr geliebter Edouard ist gestorben ohne daß sie ihm noch seinen letzten Wunsch erfüllen konnte, sich nackt auszuziehen. Aber sie reißt sich jetzt, wo er tot ist, die Kleider vom Leib und rennt durch den Wald, den regennassen, sie läuft durch den Schlamm, bis sie an ein Wirtshaus kommt und so wie sie ist, einkehrt. Sie trinkt dort mit den Knechten vom Hof, packt den Betrunkenen in die Hose und säuft als ob sie sterben wollte. Völlig betrunken tanzt sie ekstatisch, gibt sich in ihrem Rausch allen hin in allen denkbaren Variationen….  die Geschichte endet wie sie begonnen hat, mit dem Tod auf dem Friedhof, denn schließlich vereint dieser die beiden Liebenden wieder. [14]


„Das obszöne Werk“ Batailles ist weit davon entfernt, ein „(ob)schönes“ Werk zu sein. Lange hat es bei mir unangetastet im Regal gestanden, es ist weder erbaulich noch sonderlich auf-/er-/anregend. Aber es ist auch ein Buch, das – läßt man sich drauf ein – sehr beschäftigt. Es ist erstaunlich, wie oft man beim Lesen erinnert wird an Bataille und sein obszönes Werk, dessen Tenor in vielen Geschichten in einzelnen Szenen, Schilderungen, Ausmalungen durchscheint als Lebensbestandteil ganz normaler (Roman)Figuren. Und es muss noch nicht mal Roche sein, der schon zitierte de Prada ist ein Beispiel seriöser Romankunst, von explizit erotischer Literatur ganz zu schweigen.

So erscheint mir „Das obszöne Werk“ in der Summe als ein durchaus wichtiges Buch, das einem (auch mit den beigefügten Erläuterungen und Erklärungen)  die Tür zu einem Bereich der menschlichen Psyche öffnet, die normalerweise verborgen ist.

Links und Anmerkungen:

[1] Begriffsumschreibung aus der Wiki
[2] Begriffsumschreibung aus der Wiki
[3] Elfsieben in: Sexualität, Pornographie, Zensur in: Die Geschichte der deutschen Pornographie, Frankfurt M., Goliath, 2012
[4] z.B. hier
[5] zum Begriff Tabu
[6] Diese Erzählung dienst als Vorlage des 2004 mit Isabelle Huppert in der Rolle als Mutter gedrehten Films: „Die Mutter
[7] in seinem Buch „Orgies“ (Ipso Facto Publishers, 1999; S.203) läßt Georges Marbeck eine Frau zu Wort kommen: „.. Ich spürte, wie in meinem Körper Wunder geschahen. Ich war die Königin von Saba, ich war das spielerische kleine Mädchen, ich war Pornostar und Mitternachts-Sonne.  .. Die Orgie ist mein Schatten, die wilde, ursprüngliche Seite meines Ichs. Manchmal jagt sie mir Angst ein, aber von Zeit zu Zeit muss ich mich auf sie einlassen….“
[8] so läßt z.B de Prada seinen in einem Hotel abgestiegenen Helden in diesem Roman aufmerksam verfolgen, wie im Zimmer über seinem eigenen die dort wohnende Wirtin ihre Abendtoilette verrichtet
[9] nach Wiki
[10] „Perverser Sog“ in Spiegel 7/2012, S. 126f
[11] wer mehr von den erotischen ex libris des japanischen künstlers Alphonse Inoue sehen möchte, kann sich dieses schöne youtube-video anschauen
[12] Charlotte Roche: Feuchtgebiete, Buchvorstellung hier im blog
[13] Regine Deforges: Das Unwetter, Buchvorstellung hier im blog
[14] eine bebilderte Adaption des Textes ist bei Peter Tisch-Piel zu sehen. (vgl. auch hier)
[15] im französischen (den Originaltext müßte man kennen), ist dies vllt auch ein schönes Wortspiel

Mehr erotische Literatur, die von mir besprochen worden ist, ist ein meinem Themenblog zusammengestellt: http://erotischebuecher.wordpress.com

Georges Bataille
Das obszöne Werk:
Die Geschichte des Auges. Madame Edwarda. Meine Mutter. Der Kleine. Der Tote
übersetzt von Marion Luckow
rororo, TB, 240 S., 1977
Erstveröffentlichung November 1972

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2 Responses to “Georges Bataille: Das obszöne Werk”

  1. Antje Says:

    Ein sehr schöner Artikel, vielen Dank. Ich weiß schon jemanden, dem ich das Buch vorschlagen werde. :-) Für mich selbst ist es wohl eher nichts.

    Aber meinst Du wirklich, dass beim Dschungelcamp die Faszination im Ekel der Mutproben besteht? Ich habe bis dato vermutet, es geht wie bei DSDS um Selbstbeweihräucherung, während man anderen, minderwertigeren Lebewesen beim Versagen zuguckt (alles wie gesagt Vermutung, ich sehe die Sendungen selber nichtmal)

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    • flattersatz Says:

      liebe antje, ich sehe die sendungen auch nicht. aber ich halte es für plausibel, daß man nur das schaut, was einen anspricht im sinne von: irgendetwas in mir ist bereit, sich darauf einzulassen. natürlich mag das nur eine unter mehreren motiven sein, solche formate zu konsumieren, vllt sogar ein unbewusstes, und der brustton der überzeugung, mit der man sich hinterher darüber herzieht mag sogar vordergründig stimmen…

      na, dann bin ich ja mal gespannt, ob dein buchvorschlag an den „jemand“ ein erfolg ist…. *lach*

      dir jedenfalls dank für deinen besuch und deinen kommentar!

      lg
      fs

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