Mario Vargas Llosa: Das böse Mädchen

Das böse Mädchen, der gute Junge. Zwei Menschen, die unterschiedlicher kaum sein können, die ein Leben lang miteinander verbunden sind, obwohl sie sich nur in erratischen Zeitpunkten (hier muss Llosa mitunter den Zufall sehr bemühen…) begegenen.

Die Geschichte beginnt im Lima des Jahres 1950, Ricardo ist ein halbwüchsiger Junge, der in seinem Viertel das Leben der halbwüchsigen Jungen dieser Zeit lebt. Es gehört nicht viel Scharfsinn dazu, zumindest was die biographischen Daten, die Charakterisierung der Orte und des damaligen Lebensgefühls betrifft, einen starken Selbstbezug des Autoren zu vermuten.

Ricardo trifft auf Lily, eine kleine, faszinierende Chilenin, in die er sich verliebt. Sie aber geht zwar mit ihm, erhört ihn aber nicht. Und verschwindet aus seinem Leben, als ihre Lüge aufgedeckt wird und sie als armes hochstapelndes peruanisches Mädchen enttarnt wird. Dies ist das Muster, nach dem von nun an das gesame weitere Leben des Ricardo verlaufen wird. Immer wieder wird er auf das böse Mädchen, dessen „wirklichen“ Namen wir nur an einer einzigen Stelle erfahren, treffen, immer wieder wird es ihn verletzen, wehtun, demütigen, belügen und verlassen, bis zum letzten, endgültigen Abschied. Diese Aufeinandertreffen der beiden siedelt Llosa in den verschiedensten Städten an, in Paris, London oder in Tokio und immer nutzt das böse Mädchen Ricardo als Ruheplatz, der eine nie formulierte Sehnsucht in ihr, die sie üblicherweise Geld und Macht bei Männern sucht, anspricht. Die Beziehung der beiden, die sich alle Jahre mal wieder sehen … Llosa läßt sie eigentlich sehr im Dunkeln. Die Schilderungen betonen das Sexuelle (ohne es explizit auszuführen), den Wunsch des bösen Mädchens ihr vertikales Lächeln geküsst zu bekommen und danach überschwemmt zu werden. Und ihm scheint es zu reichen, in dieser dienenden Rolle zu leben, das, was das böse Mädchen sucht und haben will, ist nicht seine Art. Sie wird es finden, bei einem anderen, und dabei fast zugrunde gehen, und wieder ist der gute Junge da, um sie zu retten…

Für Ricardo ist diese Beziehung zerstörerisch. Zwar machen ihn die Momente, in denen er sein Gesicht zwischen ihre Schenkel legen darf, glücklich (welche anderen Interessen die beiden gemeinsam haben, bleibt für mich im Dunkeln), doch in den Jahren zwischen diesen Augenblicken ist er blockiert für jede andere Beziehung. Er vergräbt sich in Arbeit, reist als Dolmetscher um die Welt, arbeitet als Übersetzer und lebt für sich in seiner kleinen Wohnung, schwört dem Mädchen ab um ihr sofort wieder zu verfallen, wenn sie seinen Weg kreuzt.

In der Hälfte des Buches wechselt Llosa seine Schwerpunkte, von diesem Zeitpunkt an ist das Leben von Ricardo mit und ohne dem bösen Mädchen sein Hauptthema. In der ersten Buchhälfte dagegen verwendet er viel Raum, um die damaligen Zeiten, Zustände und politischen Gegebenheiten zu schildern. Hier gelingt es ihm sehr gut, in wenigen Seiten die brodelnde Atmosphäre heraufzubeschwören, die im vor-68er Paris mit seiner politischen und künstlerischen Szene herrschte, die Umwälzungen und das Aufbegehren, das in der Luft lag und sich dann auch manifestierte. Ebenso lebhaft und anschaulich erzählt er von den beginnenden 70er, als London anfing, Paris als Zentrum abzulösen (für Frankreich konstatiert er allgemein eine Art Niedergang in der Qualität und dem Inhalt der politischen und kulturellen Auseinandersetzungen), die „Hippie“kultur ihren Anfang nahm und das Leben der jungen Leute lockerer, unbeschwerter und freier wurde. Dies liest sich sehr gut, ist spannend, anschaulich und auch voller Detailinformationen.

Ein besonderes Augenmerk wirft Llosa natürlich auf sein Heimatland Peru, dessen gesellschaftlichen Zuständen, den sich seinerzeit im Aufbau befindlichen „revolutionären“ Bewegungen (hier läßt er Ricardo in dessen Pariser Zeit aktiv mitarbeiten), dem sich entwickelnden Terror und der dagegen haltenen Staatsmacht. Die Entwicklungen werfen Peru weit zurück, das Militär putscht, die nachfolgenden zivilen Regierungen dienen auch in erster Linie den Interessen einiger weniger.

Wenn ich beide Komponenten des Buches gegeneinander abwägen muss, so hat mir der – ich sag mal – zeitgeschichtliche Aspekt besser gefallen als der „liebes“geschichtliche. Letzter wiederholt sich zu oft nach einem einheitlichen Muster, ich habe mich bei den letzten Episoden immer dabei erwischt, daß ich dachte, ja nun, jetzt muss sie ihn doch bald mal wieder sitzen lassen und er sich wieder mal in Arbeit stürzen…. es ist keine Liebesgeschichte zwischen den beiden, es ist einfach nur traurig mitzuerlesen, daß sich Ricardo nicht aus dieser (für beide) zerstörerischen Beziehung befreien kann, auch wenn Llosa es ganz zum Schluss noch einmal so darstellt, als hätte Ricardo doch zu einer Art Selbstbehauptung gegenüber dem bösen Mädchen gefunden.

Facit: Llosa, den ich früher viel gelesen habe, hat meine Erwartungen in diesem Buch nicht enttäuscht, auch wenn ich oben kritisches geschrieben habe. Die Darstellung der einzelnen „Epochen“ ist sehr fesselnd, die Beziehungsgeschichte fällt dagegen etwas ab, ab summa summarum liest sich das Buch aber wie sich viele südamerikanische Erzähler lesen: in einem Rutsch…

Mario Vargas Llosa
Das böse Mädchen
suhrkamp TB, 2007, 395 S.

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Ein Kommentar zu „Mario Vargas Llosa: Das böse Mädchen

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