Martin Suter: Der letzte Weynfeldt

Der letzte Weynfeldt, Adrian mit Vornamen, ist sozusagen von Beruf Erbe. Als letzter Sproß einer ehemals reichen Industriellenfamilie, jetzt selber wohl eher wohlhabend, lebt er sein Leben in geregelten Bahnen. Seine Leidenschaft, die Kunst, konnte er zu seinem Beruf machen, er bewertet und begutachtet Kunstgegenstände für ein Auktionshaus, verhandelt mit Künstlern und Klienten, erstellt die Kataloge und organisiert die Auktionen.

Weynfeldts Lebensphilosophie ist die Regelmäßigkeit, er glaubt an diese „..als lebensverlängernde Maßnahme.“ Eine Woche in Weynfeldts Leben kennen, heißt sein gesamtes Leben kennen, seine Treffen, seine Veranstaltungen wiederholen sich gleichmäßiger als die Jahreszeiten… Sein Leben verläuft unauffällig, irgendwo mittendrin. Er, der Mittfünfziger, hat zwei streng voneinander separierte Bekanntenkreise (ich scheue mich, das Wort „Freund-“ zu wählen), eine Gruppe teilzeitparasitär von ihm lebender Möchtegernkünstler in den Enddreißigern und den Kreis um die von seinen Eltern ererbten Freunde, der aber, so die natürlichen Zeitläufte, vor sich hin schmilzt.

Adrian hat Geld und er gibt es gerne aus. Fast hat man den Eindruck, er betrachtet seine finanziellen Möglichkeiten als Makel und wolle sich seinen „Freunden“ gegenüber freikaufen. Er übernimmt die Rechnungen, still und diskret, damit nur keiner seiner Gäste in Verlegenheit kommt. Bei Verabredungen trifft er frühzeitig ein, damit seine Verabredung, falls sie selber zu früh kommen sollte, nicht warten muss. Am Tisch in seinem Donnerstagslokal ist immer ein Gedeck mehr, es könnte ja ein unverhoffter Besuch auftauchen. So unauffällig ist er, daß noch nicht einmal jemand Notiz davon nimmt, wenn er ausnahmsweise mal früher geht.

In dieses Leben bricht nun Lorena ein, die er in einer Bar kennenlernt (in der er aus seinem Martini nur die Olive verzehrt…), mit nach Hause nimmt (ohne, daß dort etwas intimeres geschieht) und die er am nächsten Morgen am Balkongeländer findet, bereit zum Sprung. Daß sie nicht springt liegt vor allem am Mitleid, das Weynfeldt in ihr auslöst, weil er zwar nichts sagen kann, die Sprache verloren hat, aber er weint….
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Das Bild zeigt eine nackte Frau, die auf einem gelben Kelim vor einem Kamin kniete. Darin stand ein Salamander, ein gusseiserner Ofen mit verglaster Front, in dem ein Feuer glühte. Die Frau hatte dem Betrachter den Rücken zugewandt. Die letzte Hülle, die sie hatte fallen lassen, ein leichtes lila Unterkleid, lag um sie herum drapiert auf dem Teppich. In einigem Abstand zu ihr, achtlos hingeworfen, gelb und mauve ihr Kleid und Unterrock. Sie hielt den Kopf in andächtiger oder demütiger Haltung leicht geneigt. Ihr rotbraunes Haar war hochgesteckt. Ihre Taille sehr schmal, ihr Becken breit, Gesäß und Oberschenkel massig. Über dem Kamin hing ein Spiegel, in dem man einen kleinen Streifen des Zimmers sah. Von rechts ragte ein Stück eines roten Fauteuils ins Bild, links vom Kamin stand die Tür eines in die Tapete eingelassenen Schrankes halboffen.“
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Die Verbindung zwischen Lorena und Weynfeldt ist locker, sie erinnert ihn an seine ehemalige Geliebte, er ist für sie erst einmal ein reicher Siegelringträger, den man um den Finger wickeln kann. Und das soll auch in großem Stil geschehen, Weynfeldt soll überredet werden, auf einer Auktion ein Gemälde zu versteigern, daß nicht echt ist. Ob und wie Weynfeldt dies in den Griff bekommt, nun, das verrat ich nicht, ein wenig Spannung soll ja bleiben…..

Und, ja, natürlich: es ist auch eine Liebesgeschichte, die Entwicklung einer unmöglichen Beziehung zwischen einer Frau, die vom Leben hie und da gezeichnet ihre Vorteile sucht und ihren Gewinn, die misstrauisch ist und berechnend und einem Mann, der sich erst mit dem Gedanken vertraut machen muss, daß das durch die Regelmäßigkeit verlängerte Leben sich vielleicht garnicht lohnt, wenn in diesem Leben nichts passiert. Und so baut Lorena ihre Vorurteile ab und für Adrian verblasst die ihre Ähnlichkeit mit Daphne, seiner Jugendliebe immer mehr und im gleichen Maße gewinnt Lorena für ihn ihre eigene Persönlichkeit.

Es ist schon ein Kunststück, wie Suter es versteht, die im Grunde langweilige Existenz Weynfeldts, der ja erklärtermassen aller Abwechselung aus dem Wege geht, mitsamt seinem Design-Mobiliar so darzustellen, daß man weiterliest, obwohl kaum was passiert. Die Sprache ist es, seine präzisen Beschreibungen, die nichts Unnötiges enthalten, aber das Wesentliche erfassen. Oben als Beispiel die Beschreibung des Bildes von Vallotton: „Femme nue devant une salamandre“, um das sich ein Großteil des Buches dreht. Er recherchiert gründlich (nach der Lektüre des Buches fühlt man sich fast als Experte für schweizerische Designmöbel der 50er und 60er Jahre und auch einige Facetten des internationalen Kunsthandels scheinen einem vertraut geworden zu sein….), beschreibt exakt, aber nicht ohne daß man eine gewisse Verbundenheit zum Gegenstand oder zur Person spürt und geleitet den Leser damit auch über die durchaus vorhandenen inhaltlichen Längen der Handlung.

Facit: eine intelligente Geschichte um zwei Menschen, die, aus diametralen Ecken kommend, sich trauen und die sich dann irgendwo in der Mitte treffen….

Martin Suter
Der letzte Weynfeldt
Diogenes, September 2009, Tb 313 S.
ISBN-10: 3257239335
ISBN-13: 978-3257239331

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