Barbara Sichtermann / Joachim Scholl: Erotische Literatur – 50 Klassiker

26. Februar 2015

Erotische Literatur ist, was die reine Quantität angeht, durch die Phänomene des Self-Publishing und des e-Books, stark im Kommen [4]. Mit Werken wie Shades of Grey wird sogar der Mainstream bedient, so manche Buchhandlung hat mit dieser Trilogie ihr Geschäftsergebnis sehr schön hübschen können. Auch Roches Feuchtgebiete fallen sicher unter diese Kategorie – ob alle, die diese Bücher gekauft haben, sie auch lasen: das ist eine ganz andere Frage. Genau wie die, ob die genannten Werke in einigen Jahren zu den Klassikern der Literatur oder zumindest des Genres zählen werden:

Als „klassisch“ im allgemeinen sprachlichen Sinne wird etwas bezeichnet, das typische Merkmale in einer als allgemeingültig akzeptierten Reinform in sich vereint und mithin als formvollendet und harmonisch gilt. … Darüber hinaus bildeten sich in der Genreliteratur Werke, die eine größere Bekanntheit erreicht haben und innerhalb einzelner Genres zum Vorbild für nachfolgende Romane wurden…  [1].

Die Begriffsbestimmung ist also alles andere als eng, sie läßt weiten Raum übrig für andere Meinungen und Diskussionen, ich werde ihn weiter unten aus meiner Sicht nutzen…

klass-erotik

Die Autoren der vorliegenden Sammlung, Barbara Sichtermann und Joachim Schöll, beschränken sich – so die Vorgabe der Reihe des Gerstenberg-Verlages – auf 50 Werke von Anbeginn der Zeit an bis in die 80er Jahre. Was danach kommt, muss sich – so die Autoren – erst beweisen… ich gehe davon aus, daß zumindest implizit noch andere Kritierien in diese Sammlung eingegangen sind, vllt geographische oder auch persönliche. Interessanterweise setzen die beiden Verfasser wohl voraus, was unter „Erotisch“ zu verstehen ist und wo sie eine Grenze ziehen zu Texten, die nicht mehr darunter fallen.

Auf den inneren Umschlagseiten des Buches ist eine Zeitskala wiedergegeben, in der die angeführten Werke eingeordneet sind. Die älteste Dichtung ist das Hohelied von Salomo (ca. ein Jahrtausend vor Christus), das neueste der Roman Salz auf unserer Haut von Benoite Groult aus dem Jahr 1988. In der gesamten Aufmachung erinnert die Sammlung stark an Reiseführer, im übertragenen Sinn ist sie das ja auch, ein Führer durch die Beschreibungen der Landschaften bestimmter menschlicher Freuden und Leiden….

Einleitend skizzieren die Autoren einige Gedanken zum Thema „Erotische Literatur“, die immer und in besonderer Weise ja auch ein Spiegel der jeweiligen Zeiten sind. Die Beiträge zu den Werken selbst sind meist ca. vier bis sechs Seiten lang und bebildert. Soweit bekannt wird einiges zur Entstehungsgeschichte des Buches erzählt, bzw. natürlich auch über den Autor resp. die Autorin, denn es ist keineswegs so, daß die erotische Literatur eine Domäne der Männer wäre – und das ist gut so. Farblich abgesetzt gibt es jeweils eine zusätzliche Info-Seite zum Buch, die auch weiterführende Literatur aufführt.


Ich war erstaunt, beim Durchzählen festzustellen, daß ich immerhin die Hälfte der „Klassiker“ bei mir im Regal stehen habe, das ist schon bemerkenswert. Die Hetärengespräche des Lukian von Samosata (in einer schönen Ausgabe der „Anderen Bibliothek“), ein Büchlein, das ich schon einmal der Eselsgeschichte wegen erwähnte [2] ebenso wie zwei oder drei Ausgaben des Kamasutra (das eigentlich mehr technischen Handbüchern ähnelt und für mich kaum erotisch wirkt, eher ermüdend…). Das Dekameron, dieses der Pest geschuldete Erotikon. Das Jin-Ping-Mei ist ein in der Gesamtausgabe recht umfangreiches Werk, es kann eigentlich nur als stellvertretend für die zahlreiche erotische Literatur aus dem Reich der Mitte genommen sein, Jou Pu Tuan, Dschu-lin Yä-schi oder (was man sich besser merken kann) Der Traum der roten Kammer wären andere Werke. Viele dieser Romane und Erzählungen (die in entsprechenden Ausgaben auf dem Markt sind) sind von Adrian Baar ins Deutsche übertragen und uns so zugänglich gemacht worden. Überhaupt ist der Umgang mit Erotik in Fernen Osten viel freudvoller und unbefangener und auch abwechselungsreicher als im christlich geprägten Okzident, der den Leib zu dieser Zeit zumindest eher als Ballast empfand auf dem Weg zur Erlösung [3].

Tausendundeine Nacht – der Klassiker aus den alten Persien, Scheherzades Erzählen von Märchen um des Lebens willen, auch Casanova mit seiner Lebensgeschichte und seinen Amouren darf nicht fehlen – natürlich, sein Name ist ja fast zum Sprichwort, zum Synonym geworden. Weniger bekannt dürfte dagegen die Anti-Justine von Bretonne sein (die hier „braun“ zu sehen ist [3]), das Gegenstück – man ahnt es – zur Justine… des Marquis, von dessen Werken man viele hier hätte erwähnen können.

Die philosophische Therese die sich, wie viele andere Werke der Zeit, an Religion, Kirche und deren Vertretern auf Erden abarbeitet gehört zweifelsfrei in diese Liste, aber auch sie stellvertretend für einige andere, die man auch hätte einfügen können. Aus England sind Die Memoiren der Fanny Hill zu nennen, ein Buch, das sicherlich klassische Erotik ist, aber nicht mehr sonderlich prickelnd. Ähnliches gilt für die Josefine Mutzenbacher aus dem österreichischem Raum, deren Verfasser nicht bekannt ist. Da die „Kindheit“ im jetzt verstandenen Sinne im wesentlichen eine Erfindung der Neuzeit ist, schien es früher unproblematisch zu sein, wenn erste Erfahrungen schon in jungen Jahren gesammelt wurden, eine Tatsache, die man nicht nur in der Mutzenbacher so findet.

Unbestreitbar Klassiker sind auch die Viktorianischen Ausschweifungen (Mein geheimes Leben) von Walter, bei dem es von der ersten bis zur letzten Zeile seines durchaus umfangreichen Werkes (in der Ausgabe von Haffmann immerhin drei ordentlich dicke Bände, der originale Privatdruck hat es immerhin auf 4000 Seiten gebracht) nur um das „Eine“ geht… sowie einige Jahre zuvor die autobiographisch angehauchte Venus im Pelz von Sacher-Masoch, der überhaupt nicht glücklich darüber war, daß sein Name kurz darauf für den in diesem Roman beschriebenen Weg zum Glücks- und Lustempfinden synonymisiert wurde…. Die Traumnovelle von Schnitzler, ein sehr psychoanalytisches Stück, vor einigen Jahren mit Tom Cruise verfilmt, Lady Chatterleys Liebhaber, auch Notre-Dame-des-Fleurs von Genet. Das sind alles keine Ein-Hand-Bücher, bei denen man ohne Pause unter Strom gesetzt wird, es sind eher Werke, in denen allgemeine Grenzen gesellschaftlicher Konventionen verschoben und aufgebrochen werden.

Die Römerin habe ich vor geraumer Zeit hier schon vorgestellt, ebenso wie Erica Jongs Angst vorm Fliegen [5]. Erstaunlicherweise findet sich auch Tod in Venedig mit Manns sublimer Homoerotik in dieser Liste. Nabokovs Lolita, Millers Sexus und Réages Geschichte der O gehören unbestreitbar auf diese Klassikerauflistung, auch Nin mit ihrem Delta der Venus ist vertreten und wie schon erwähnt Groult mit dem Salz auf unserer Haut. … und dann noch die anderen Werke, die ich hier nicht erwähnt habe, weil sie nicht (nach Lektüre dieser 50 Klassiker…: noch nicht) in meinem Regal stehen.


50 Klassiker: Erotische Literatur ist eine Auswahl, es gibt mehr von diesen Klassikern, unbestreitbar. Nehmen wir Miller, der mit einem Roman vertreten ist, es könnten auch mehrere sein. Die stillen Tage von Clichy  [5], ein Text voller Lebensfreude und freudvollem Sex und das auf hohem sprachlichen Niveau, oder sein Skandalbuch Opus pistorum, wie Nins Delta der Venus Auftragsarbeit, durchaus pornografisch, aber trotzdem große Literatur. Dafür wäre bei mir Anais Nin nicht in der Liste, zumindest nicht mit dem Delta…. Ich habe das Büchlein vor einiger Zeit mal wieder aus dem Regal genommen und bald darauf zurückgestellt. Zugegeben, Nin ist eine Ikone, aber das Buch heutzutage einfach langweilig. Mein Erstaunen über Th. Mann habe ich schon geäußert, und ob man Fanny Hill und Die Mutzenbacherin beide in diese Liste aufnehmen muss, auch wenn sie – zugegeben – beide die Jahrhunderte überdauert haben…. ähnliches gilt m.E. für die Geschichte der O: bekannt, weil skandalös und verfilmt…  ich las sie mit Zwiespalt, weil es nicht die Geschichte von Menschen ist, deren sexuelle Präferenzen sich ergänzen, sondern weil es explizit darum geht, einem Menschen zu brechen, ihn zum Objekt der Willkür zu machen. Hier wäre de Bergs Die Frau [5] sicher eine Alternative gewesen, eine intelligentere sogar… ähnliches gilt vllt für Arsans Emanuelle…, die ich nur aus längst vergangen pubertären Tagen in der Kino-Softpornoversion in Erinnerung habe, wie sie als Buch ist, kann ich nicht sagen, aber ich könnte mir vorstellen, daß es für diese Liste hier Alternativen gegeben hätte….

Die umfangreiche erotische Literatur Chinas ist nur (aber immerhin) mit einem Werk vertreten, ähnliches gilt die japanische Literatur. Bei letzterer wäre zumindest die exemplarische Erwähnung eines der großen Werke der Holzschnittkunst, wie sie von Moronobu oder Utamaro geschaffen wurden und die seinerzeit in den bibliophilen Taschenbüchern aus dem Harenberg-Verlag zugänglich waren, schön gewesen… Erotische Literatur aus Arabien fehlt ganz. Ja, die gibt es, zumindest Scheik Nefzauis Der duftende Garten des Scheik Nefzaui [6] hätte Erwähnung verdient gehabt…. ähnliches gilt für den indischen Lebensraum, auch dessen erotischer Niederschlag in Literatur fehlt…

Leider gilt dies auch für die gesamten Surrealisten. Bataille mit seinem Das obszöne Werk [5b], sicher kein Mainstream, aber wichtig. Oder Iréne von de Routsie, von immerhin Camus als immerhin schönsten aller erotischen Texte geadelt…. es gäbe noch so viele Bücher, die sich angeboten hätten… von der moderneren Literatur her tut es mir leid, daß die Autoren 1988 den Schnitt gemacht haben, ein Jahr später, 1989, ist Lulu [5b] von Grandes erschienen, die sicherlich das Zeug zum Klassiker hat und ein Beispiel für die seinerzeit erblühende erotische Literatur aus dem frankobefreiten Spanien gewesen wäre…


Was sich hier so anhört wie Kritik soll solche nicht sein. Wie schon ausgeführt, liegt es im Wesen einer Auswahl, daß jeder sie anders treffen würde. Nicht umsonst haben wir ja im Fussball Millionen kompetenter Bundestrainer – aber eben einen, der letztlich verantwortlich ist. Und hier, in diesem Fall sind es die beiden Autoren, die ein sehr informatives, unterhaltsames und in diesem Sinne wertvolles Kompendium der erotischen Literatur zusammengestellt haben. Für alle, die sich für erotische Literatur interessieren (und nimmt man die Verkaufszahlen von z.B. Shades of Grey müssen das ja viele sein….), ist dieses Büchlein sehr zu empfehlen.

Links und Anmerkungen

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Klassiker
[2] Jutta Person: Esel in: https://radiergummi.wordpress.com/2013/11/10/jutta-person-esel/
[3] obwohl interessanterweise, wie im Klappentext zu Der Goldherr besteigt den weissen Tiger (Verlag Die Waage, Zürich) ausgeführt wird, daß die Verfasser solcher Romane im alten China wenig galten, diese Texte waren schi: Liebesromane ohne Bedeutung, Trivialliteratur, Schund. Folgerichtig bekannte sich auch kein Autor zu Lebzeiten zu seinen Texten…
[4] z.B. hier:  – Erotische Literatur bei facebook
– Jule Blum, Elke Heinicke: Warum es so schwer ist, gut über Sex zu schreiben und hier
Warum gibt es eigentlich so wenig gute erotische Literatur?
[5] Besprechungen von im Buch erwähnten Klassikern bei mir im Blog:
– Alberto Moravia: Die Römerin
– Erica Jong: Angst vorm Fliegen
– Henry Miller: Die Stillen Tage von Clichy
– Jeanne de Berg: Die Frau
– Georges Bataille: Das obszöne Werk
– Thomas Mann: Der Tod in Vendig und hier: Der Tod in Venedig (2)
– Pauline Réage: Die Geschichte der „O“
– Wilhelmine Schroeder-Devrient (zugeschrieben): Aus den Memoiren einer Sängerin
– Sacher-Masoch: Die Venus im Pelz
– Albert de Routisie (Louis Aragon): Irène
– Almudena Grandes: Lulú
– Georges Bataille: Das obszöne Werk
[6] Scheik Nefzaui: Der duftende Garten des Scheik Nefzaui; http://www.zeno.org/Literatur/M/Scheik+Nefzaui/Abhandlung

Barbara Sichtermann & Joachim Scholl
Erotische Literatur
Sinnliche Zeilen über die Liebeskunst
Reihe: 50 Klassiker
diese Ausgabe: Gerstenberg, Softcover, ca 270 S., 2011

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