Lasha Bugadze: LUCRECIA515

5. November 2017

So, jetzt sitz ich ein wenig ratlos vor der Tastatur, habe ich mir zu dem vorliegenden Roman des Georgiers Lasha Bugadze doch praktisch keinerlei Notizen gemacht, geschweige denn Zitatstellen herausgeschrieben. Das ist nicht notwendigerweise ein schlechtes Zeichen, deutet es doch daraufhin, daß ich den Roman in einem Rutsch durchgelesen habe. Nur jetzt, beim Schreiben, wird es etwas schwieriger. Fang ich also ganz konventionell an, mit dem Autoren und dem Inhalt.


Lasha Bugadze (ლაშა ბუღაძე, ist das nicht eine wunderschöne Schrift?) ist ein junger, 1977 geborener georgischer Theaterautor, Schriftsteller und Cartoonist [1]. Er zählt jedoch – nach Klappentext – schon zu den wichtigsten Autoren Georgiens, der durch Übersetzungen auch international bekannt ist. An der Übersetzung von LUCRETIA515 ins Deutsche hat die ebenfalls bekannte georgische Schriftstellerin Nino Haratschiwili mitgewirkt.

Georgien, um das noch einmal in Erinnerung zu rufen, ist ein kleiner Staat auf der Nordseite des Kaukasus, der an den östlichen Zipfel des Schwarzen Meeres reicht, eine politsch nicht einfache Region. Aber keine Angst, um Politik geht es in diesem Roman nicht. Im Gegenteil, in LUCRECIA515 ist das Thema der brodelnde Hormonhaushalt der lächerlich-tragischen Heldenfigur von Sandro, dem mittdreißigjährigen Saucenkönig. Der zwar seit einigen Jahren mit Keti verheiratet ist und auch Vater ist eines Jungen, der aber diese Ehe (bzw. die Einrichtung der Ehe im Allgemeinen) nur als notwendigen Kompromiss mit gesellschaftlichen Konventionen betrachtet, der ihn keineswegs hindert, einer Motte gleich, die auf jedes Licht zusteuert, jede Frau (mit Betonung auf ‚jede‘) mit der eindeutigen Absicht – wie es zu späterer Stelle im Roman ausgedrückt wird – seinen Pimmel in sie hinein zu stecken, zum Tee einzuladen. Mit irgendwas musste man ja anfangen. Und fast jede nahm die Einladung an, denn es war unmöglich, Sandro nicht zu vertrauen. Seine Kleidung, sein Teint, seine etwas überlangen Koteletten, die rosig-gesunden Wangen – all das schloss ein Nein in jeder Hinsicht aus.

Auch Ana wurde mit ihm bekannt, jedoch war hier etwas anders als sonst. Denn Ana war als Fernsehmoderatorin selbstbewusst und taff, eine gescheiterte Ehe mit einer männlichen Niete hat sie davon überzeugt, daß Liebe nicht unbedingt sein muss, Sex allein auch schon ausreicht. Was für Sandro eine etwas ungewohnte Situation darstellte, denn im Normalfall war (i) er es, der die Regeln aufstellte und (ii) dachte Ana nicht im Traum wie die anderen an ein zukünftiges, gemeinsames Leben mit Sandro. Widerstände reizen und so fixiert sich Sandro immer stärker (sieht man mal von einer skype-gestützten gemeinsamen Masturbationsbeziehung zu einer in der Ferne weilenden Bekanntschaft ab) auf Ana.

Sandro hatte im Lauf der Jahre eine gewisse Routine entwickelt, seine ganzen außerehelichen Verhältnisse (es waren hin und wieder durchaus mehrere zur gleichen Zeit) mit Beruf und Ehe zu einem Konglomerat zu verknüpfen, das aus Lügen, Vertuschungen und Heimlichkeiten im Stundentakt bestand. Dieses Lügengebäude hielt, auch weil die beteiligten Frauen, vor allem also Keti, willfährig ihre Augen schlossen.

Interessant und turbulent wird die Geschichte in dem Augenblick, als bei Keti durch die Ana-Affäre eine Grenze überschritten wird und sie sich wildentschlossen das Passwort zu Sandros Accounts besorgt. Es dauert nicht lange, und Sandro gerät zwischen zwei Mühlsteine, die ihn langsam, aber sicher zermalmen. Denn zum einen fängt Keti an, unter Sandros Account als Sandro mit Ana zu chatten, zum anderen verrät Sandro Ana sozusagen als Vertrauensbeweis ebenfalls sein Passwort, so daß beide Frauen jetzt direkt miteinander kommunizieren können und sie sich bald darauf gegenseitig die immer verzweifelter werdenden Nachrichten von Sandro weiterleiten… fast bekommt man Mitleid mit Sandro, dessen Lügengeschichten mit immer kürzere Beine durch die bzw. seine Welt geistern.


Die Frage, die sich mir gestellt hat, ist die nach der Aussage, die Bugadze in diesen Roman eingebunden hat. Mit seinen vierzig Jahren ist er ja in dem Alter Sandros, sollte also die Charakteristika dieser Alterskohorte kennen. Es ist ja nicht nur die geradezu animalische Sucht nach Sex, die Sandro auszeichnet, und damit verbunden die nahezu biblische Einstellung, sich die Frau untertan zu machen und sie nur noch hinsichtlich ihrer Betteignung einzustufen. Eine Neigung zum Alkohol ist ebenfalls vorhanden und wenn sich Sandro für seine Fernbeziehung vor der Cam positioniert, muss er den sichtbaren Bauchansatz verstecken, damit das temporär Wesentliche überhaupt ins Bild kommt. Die Frauen dagegen haben sich erst einmal ebenfalls in ihre Rolle ergeben, daß Sandro ja genug Opfer, die sich von ihm beschlafen lassen, findet, spricht jedenfalls dafür . Und Keti macht lieber die Augen zu und redet sich ein, Sandro würde sie nie verlassen. Was durchaus möglich ist, denn der äußere Schein sollte ja gewahrt bleiben.

So zeigt sich in Sandro (die anderen Männerfiguren des Romans spielen keine große Rolle) überspitzt ein archaisches Männerbild des Jägers und Sammlers, der seinen Samen weiträumig verbreiten muss und in Keti die duldsame Frau, die brav am Herd wartet und auf die Brosamen hofft, die noch für sie abtropfen könnten.

Ana ist der Störfaktor dieses eingespielten Arrangements. Sie ist selbstbewusst, denn sie hat mit ihrer gescheiterten Ehe eine Erfahrung gemacht, aus der sie ihre Lehren gezogen hat. Zum unverbindlichen Sex ist sie bereit, sie findet diesen Sandro auch durchaus attraktiv, analysiert aber aufkeimende Gefühle sorgfältig und ist dadurch vor weiteren Verwicklungen geschützt – auch wenn sie in ihren Handlungen (Vertreibung von Sandro aus ihrem Paradies) inkonsequent ist. Wie übrigens in viel größerem Ausmaß Sandros Frau Keti ebenfalls, die ihre Koffer immer wieder ein- und dann auch wieder auspackt.

Letztlich aber besinnen sich beide Frauen ihres eigenen Wertes und es entsteht so etwas wie eine Komplizenschaft zwischen den beiden Frauen, gegen die Sandro mit seine beschränkten Mitteln von Lüge und Heimlichkeit keine Chance mehr hat. Gut so.


Das alles und noch einiges mehr hat Bugadze sehr lesefreudig, flott und unterhaltsam, mit viel Situationskomik und Ironie in Sprache gebracht. Er bedient sich dabei verschiedener Mittel. Der Großteil des Romans wird von einem ungenannten Erzähler erzählt, dazwischen sind immer wieder Einschübe, in denen Sandro seine Überlegungen und Gedanken ausbreitet. Die Kommunikation zwischen Ana und Keti ist teilweise wie ein Brief- bzw. Mailroman aufgebaut und als letztes – man soll ja immer was dazu lernen – gibt es in der Art eines Ratgebers hin und wieder Aufzählungen, was und wie man in entsprechenden Situationen, die gerade in der Handlung aufgetaucht sind, vorzugsweise zu agieren hat, um sein Ziel zu erreichen.

In der Summe ist LUCRECIA515 als Roman so bunt wie das Bild auf dem Schutzumschlag. Und obwohl im ganzen Roman im Grunde keine sympathische Figur findet, hat die Handlung so viel Tempo, ist so abwechslungsreich, daß man das Buch nicht aus der Hand legen will.

P.S.: jetzt hätte ich es fast vergessen, ein Punkt sollte noch nachgereicht werden, ein Hinweis nämlich auf die Art der Sexszenen, die diese erotische Gesellschaftssatire natürlich auch aufweist. Kurz und knapp: … sie haben die Erotik einer Darmspiegelung [3]. Mehr braucht man dazu allerdings auch nicht zu sagen, sie fügen sich damit völlig harmonisch in das Lebensbild des traurigen Harlekins Sandro ein.

Links und Anmerkungen:

[1] das sagt die Wiki zum Autoren https://de.wikipedia.org/wiki/Lascha_Bugadse oder auch so: https://ka.wikipedia.org/wiki/ლაშა_ბუღაძე
[2] zu Georgien die Wiki:  https://de.wikipedia.org/wiki/Georgien
[3] liebe Renie, habe danke für diese Formulierung! in: https://whatchareadin.de/community/threads/rezension-5-5-zu-lucrecia515-von-lasha-bugadze.12776/

Lasha Bugadze
LUCRECIA515
Übersetzt aus dem Georgischen von Nino Haratischwili und Martin Büttner
Originalausgabe: LUCRECIA515, Tiflis, 2013 
diese Ausgabe: FVA, HC, ca. 312 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Vorbemerkung: Dieser Beitrag von mir über das Buch John Thomas & Lady Jane (übrigens eine umgangssprachliche Bezeichnung für die jeweiligen Geschlechtsteile von Männlein und Weiblein), eine der drei Versionen, die D.H. Lawrence von seinem Lady Chatterley-Stoff geschrieben hat (und zwar die umfangreichste), ist vor einigen Wochen bei der hochgeschätzen Bloggerkollegin Birgit in ihrer ‚Sätze & Schätze‘-Reihe Mein Klassiker veröffentlicht worden [4].


Vor einigen Wochen las ich eine recht positive Rezension über den Roman Lady Chatterley von D.H. Lawrence, die mich daran erinnerte, daß ich noch diese ‚Langversion‘, die zweite Bearbeitung des Stoffes durch Lawrence, im Regal stehen hatte [Anmerkung: die grünen Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Roman, die violett markierten Passagen habe ich der Lady Chatterely-Ausgabe der Deutschen Buch-Gemeinschaft von 1967 entnommen]. Zudem passte dieser Roman in gewisser Weise zu meiner gerade beendeten Lektüre von Pat Barkers Trilogie über den 1. Weltkrieg [3], hängt die Geschichte, die uns Lawrence erzählt, doch ursächlich mit diesem Krieg zusammen.


1917 nämlich heirateten der 29jährige Clifford Chatterley und die 23jährige Constance Reid. Die beiden verlebten vier (Flitter)wochen zusammen, bevor Clifford wieder in den Krieg nach Flandern ziehen musste. Von dort kam er in Einzelteilen, die sich erstaunlicherweise noch einmal flicken ließen, zurück. Der Unterkörper Cliffords jedoch blieb gelähmt, die von beiden nicht sonderlich hoch geschätzten leiblichen Freuden der Ehe waren damit perdu, Constance war von der Ehefrau zur Pflegerin eines Kriegsversehrten geworden. Das gemeinsame Eheleben erschöpfte sich fortan in Lesen, Vorlesen und in Diskussionen.

Sie wurden in der ersten Zeit erstaunlich gut mit dieser Situation fertig. Clifford wohnte ein großer Lebenswille inne, für Constance war es nicht in Frage gestellte Pflicht. Doch im Lauf der Monate und Jahre trat schleichende Verbitterung ein, die Kontakte nach außen wurden selten(er), vor allem jedoch Constance funktionierte mehr und mehr wie ein Automat. Ihr Vater, der zu Besuch kommt, sieht seiner Tochter das Unglück an, rät ihr dringend, unter Menschen zu gehen, ihr Leben zu leben. Aber erst als der Zustand der jungen Frau so ernst wird, daß ihre Schwester sie zum Arzt bringt und der ihr sehr eindringlich ins Gewissen redet, gibt sie nach. In Mrs. Bolton findet sie eine verwitwete Frau, die Erfahrung in der Betreuung von Kranken hat und die die Pflege von Clifford Chatterley übernimmt.

Clifford Chatterley seinerseits hat sich die Vorwürfe seines Schwiegervaters – trotz der auf Gegenseitigkeit beruhenden Abneigung der beiden Männer – zu Herzen genommen, in einer Schlüsselszene des Romans reden die beiden Eheleute miteinander über dieses Thema. Ist zuerst der Mann in der Offensive, indem er seine Frau Constance ermuntert und auffordert, unter Leute zugehen und sich zu öffnen, dreht Constance, die anfänglich unangenehm von dem Gesprach berührt ist, den Spiess um und drängt ihren Mann in die Defensive. Denn dieser hat die Konsequenzen seinen Vorschlag offenkundig nicht zu Ende gedacht: Was, wenn sie einen Mann kennenlernt, was, wenn sie mit diesem Mann schläft – oder gar ein Kind bekommt?

Letztlich gesteht Clifford ihr das Recht auf diese sexuelle Freiheit zu. Auch ein eventuelles Kind wäre für ihn kein Problem, denn letztlich ist für ihn nicht entscheidend, wer das Kind gezeugt hat, sondern, wer es erzieht. Trotzdem stellt er seiner Frau die Bedingung, daß der Liebhaber, dem sie sich hingibt, gleichrangig sein sollte.

Gleichrangig, denn Clifford vertritt eine sehr klassenbewusste Einstellung: es gibt die, die oben sind, die denken, handeln, Verantwortung tragen und so den Lauf der Welt bestimmen und es gibt die unten, die kaum Menschen zu nennen sind, weil sie Massen sind, die geführt werden müssen und zu arbeiten haben.

Was Constance angeht, ist es mit dieser einschränkenden Bedingung schon zu spät – was Clifford natürlich nicht ahnt. Was ihm nur auffällt ist, daß seine Frau von manchem ihrer Waldspaziergänge mit voll erblühter Schönheit, mit einem inneren Strahlen wieder zurück nach Wragby kommt. Denn im Wald lauern auf Constance nicht die Räuber, sondern es wartet in seiner Hütte der Wildhüter, Oliver Parkin, auf sie. Ihrer Ladyship kam der Wildhüter in der täglichen Begegnung anfänglich zwar eher grob vor, doch eines Tages hatte sie ihn bei einem ihrer Spaziergänge an seiner Hütte überrascht, als er sich wusch. Der heimliche Anblick dieses weißen, seiner Kleidung entledigten männlichen Oberkörpers rührte in seiner Vollkommenheit tief in ihr ein Begehren auf, das sie so noch nicht gekannt und das sie bei ihrem Mann nie erlebt hatte.

However, die beiden überspringen eines Tages die Schranke der gesellschaftlichen Trennung und aus diesen ersten, verstohlenen Begegnungen, die Constances Körper förmlich erwecken und sie selbst in eine anderen – man kann es nicht anders sagen – Bewusstseinszustand einführen, entwickelt sich eine Liebesbeziehung, die sich im wesentlichen auf die körperlichen Aspekte gründet.

Es setzt nun in ‚Connie‘ ein langsamer Erosionprozess ein. Ist ihr Mann Clifford ein strikter Vertreter der englischen Klassengesellschaft und ihr Liebhaber Oliver ein Angehöriger der Arbeiterklasse, so steht sie jetzt zwischen ihnen. Dieses ‚Dazwischen‘ bezieht sich sowohl auf das Körperliche, aber auch auf das Gesellschaftliche, denn im Gegensatz zu ihrem Mann sieht sie die Angehörigen der Arbeiterklasse nicht per definitionem als minderwertig an, sondern billigt ihnen all das zu, was Clifford ihnen an Werten abspricht.

Wird die Bindung zwischen Constance und ihrem Liebhaber trotz gelegentlicher kurzer Eintrübungen immer enger (und im gleichen Maß die zu ihrem Mann immer brüchiger), so entwickelt sich auf der anderen Seite nach anfänglicher Abneigung Cliffords gegen seine Pflegerin Mrs. Bolton auch hier eine besondere Beziehung mit ihrer eigenen, subtilen Intimität, eine Beziehung, die jedoch nie die Klassenschranke überschreitet.

Im Sommer fährt Constance wie im Winter verabredet mit ihrer älteren Schwester Hilda und dem Vater nach Frankreich, in die Sommerfrische. Anfänglich geniesst Constance diese Fahrt, aber bald erträgt sie die gesellschaftliche Atmosphäre in der Villa, in der sie unterkommen, nicht mehr. Dazu kommt, daß sie von zuhause beunruhigende Nachrichten erhält: des Wildhüters wildes Weib, von dem er schon lange getrennt lebt, aber (noch) nicht geschieden ist, ist von ihrem Liebhaber vor die Tür gesetzt worden und wieder bei Parkin aufgetaucht. Im Naturzustand soll sie in seinem Bett gelegen und ihn zur Begattung aufgefordert, ja, gedrängt haben. Parkin sei, so bekommt sie in Briefen berichtet, da er dieses Weib nicht loswerden konnte, zurück zu seiner Mutter gegangen, doch jetzt verbreite Bertha Coutts unsägliche und unsagbare Einzelheiten über Intimitäten aus der Zeit der Ehe in den Dörfern, die das Ansehen Parkins schwer beschädigen würden…. Constance war ob der Nachrichten not amused, es war ein harter Kampf für sie, sich über ihre Eifersucht auf Bertha Coutts zu erheben und ihren Haß gegen ihn, weil er mit Bertha Coutts in Verbindung gewesen war, zu überwinden. Es drängte sie nach Hause.

In den wenigen Wochen der Sommerfrische hat sich vieles geändert, grundlegend geändert. Constance ist trotz der Einwürfe ihrer Schwester, solche Männer seien allenfalls für einen temporären Lustgewinn akzeptabel, entschlossen, ihren Mann zu verlassen und Parkin zu heiraten. Clifford seinerseits überrascht sie mit der Tatsache, daß er unter dem Einfluss und der Ermunterung von Mrs Bolton gelernt hat, sich auf Krücken fortzubewegen. Parkin dagegen hat mittlerweile seine Stellung als Wildhüter bei Clifford gekündigt und will in Sheffield im Stahlwerk arbeiten.

Constance besucht ihn dort, er lebt bei einer ihm bekannten Familie. Es ist der erste ‚wirkliche‘ Kontakt, den sie mit einer Arbeiterfamilie hat, er ist ernüchternd. Vor allem aber ist sie schockiert darüber, daß Parkin all die Ausstrahlung, die er im Wald, in Wragby auf sie ausübte, unter diesen Verhältnissen verloren hat. Sie kann ihm jedoch jetzt das Versprechen abnehmen, mit dieser schweren Arbeit, für die er einfach nicht geeignet ist, aufzuhören und eine kleine Farm zu bewirtschaften, die Constance von ihrem Geld kaufen will. Mit dieser Überwindung seines Stolzes (ein Mann läßt sich schließlich von einer Frau nichts schenken oder kaufen) gewinnt Parkin wieder ein wenig von seinem alten Wesen zurück.. und wie ein ganz normales Liebespaar aus der Arbeiterschicht verabreden die beiden sich und gehen in ein Waldstück, um sich hinter Büschen versteckt zu lieben… wobei sie jedoch vom örtlichen Wildhüter ertappt werden….


John Thomas und Lady Jane bzw. in der ‚endgültigen‘ Version ‚Lady Chatterleys Lover (bzw. kürzer einfach nur Lady Chatterley) ist einer der großen Ehebruchsromane des letzten Jahrhunderts. In seinem Nachwort zu der von mir gelesenen Ausgabe gibt Roland Gart (seinerzeit Cheflektor des Heinemann-Verlags, London, in dem die erste englische Ausgabe erschien) eine kurze Darstellung der Veröffentlichungsgeschichte dieses Romans, von dem Lawrence insgesamt drei Versionen verfasst hat. Die vorliegende ist die umfangreichste, die 1954 das erste Mal in Italien publiziert worden ist. Die erste englischsprachigen Ausgaben erfolgten erst 1972 in London und New York.

Das Buch – und damit ist jetzt im wesentlichen Lady Chatterley gemeint – war zu seiner Zeit ein Skandal. Die Darstellung einer echten Liebesbeziehung zwischen einem einfachen Mann aus der Arbeiterklasse mit einer jungen, verheirateten Frau der Oberklasse war an sich schon skandalös, sie ging weit über ein möglicherweise still duldbares Verhältnis dieser Art, das sich auf Sex beschränkte, hinaus. Daß der Autor diesen Sex für seine Zeit deutlich schildert, daß (in der deutschen Übersetzung) der Begriff ‚ficken‘ (im englischen Original die unprintable (four-letter) words) häufig auftaucht, daß die Befriedigung der durchaus aktiv auf Sex drängenden Frau durch den Mann eine so große Rolle spielt, weil diese nicht nur zum Höhepunkt kommt, sondern sich auch das Bewusstsein und die Wahrnehmung ihres Selbst durch dieses sexuelle Erlebnis wandelt, hat noch bis in die 60er Jahre hinein zu Problemen bei der Publikation des Romans geführt.

Trotzdem wäre (und ist) die Einordnung von Lady Chatterley als (nur) erotischen Roman irreführend. Die Erotik und der Sex sind für Lawrence Mittel zum Zweck. Welch anderen Weg hätte er gehabt, eine Verbindung zwischen zwei Angehörigen der Unter- bzw. Oberschicht zu schaffen als über diese ‚unkontrolliert‘ über ein heimlich duldbares erotisches Verhältnis hinaus wachsende Liebesbeziehung. Denn in Wirklichkeit ist Lady Chatterley als Gesellschaftsroman zu lesen.

England hat im Ersten Weltkrieg enorme Verluste erlitten, über 700.000 Soldaten fielen auf dem Kontinent, in England selbst waren die Opferzahlen geringer, aber auf der Insel herrschte Not und Elend. Dies konnte nicht ohne Rückwirkungen auf die Gesellschaftsstruktur bleiben – und blieb es nicht [3]. Die Oberschicht sah sich durch aufmüpfige Arbeiter, die beispielsweise bolschewistisches Gedankengut verinnerlicht hatten, bedrängt und bedroht. Mein Gott, wenn wir hier in England eine Revolution bekommen, wie gern würde ich mit Maschinengewehren gegen den Mob vorgehen …  Diese verdammten Sozialisten und Bolschewisten.. muss sich Constance Weihnachten von ihren Gästen anhören. Auch ihr Mann Clifford ist Mustervertreter einer Einstellung, daß die von altersher gegebene Teilung der Gesellschaft in ‚unten‘ und ‚oben‘ einer natürlichen Ordnung entspricht, Lawrence macht seine Einstellung stellvertretend für seine gesellschaftliche Schicht in vielen Diskussionen, die Clifford und Constance führen, deutlich. In anderer, i.e. erotischer Hinsicht ist Hilda, die Schwester Constances, Vertreterin dieser überkommenen Einstellung, sie will der Schwester deutlich machen, daß Männern der unteren Klasse allenfalls fürs Bett in Frage kommen, aber man ansonsten nichts mit ihnen zu tun haben sollte. Ein Gedanke wie ‚Heirat‘ sei geradezu abwegig.

Lawrence macht damit Constance, die selbst der Oberschicht angehört, zur Verteidigerin der ‚Interessen‘ der unter Klasse. Der Wildhüter, Oliver Parkin, wäre schwerlich selbst in der Lage gewesen, mit Clifford Chatterley zu diskutieren. In der endgültigen Version der Lady Chatterley ist Lawrence von dieser konsequenten Trennung der Klassen dann aber abgewichen: die Rolle des Wildhüters Parkin nimmt dort der Mellors ein, der fast ein Gentleman sein könnte…, der Offizier war, Sprachen beherrschte…

Es gibt einige sehr symbolträchtige Szenen im Buch. Schon die ganze Konstellation der Figuren ist ein Bild: Der Angehörige der Oberklasse, Clifford Chatterley, ist gelähmt, so daß er sich ohne fremde Hilfe nicht fortbewegen kann. Das Sexuelle sprich: Vitale galt ihm schon vor seiner Verwundung nicht viel, so daß ihm danach nur noch das Denken, Reden und Planen blieb. In einer Szene beschreibt Lawrence, wie auf einem Waldspaziergang, bei dem Clifford Constance begleitet, der Motor des Rollstuhls seinen Dienst versagt. Mit kaum zu bändigender Wut muss Clifford erdulden, daß ein Vertreter der Arbeiterklasse, nämlich der Wildhüter, ihn nach Hause schiebt. Ein schönes Bild dafür, daß die Oberklasse ohne die Arbeiter aufgeschmissen wäre….

[Clifford] war noch ohne Liebeserfahrung, als er heiratete, und das Sexuelle galt ihm nicht viel. … Und Connie schwelgte in dieser Intimität jendseits alles Geschlechtlichen, …. beschreibt es Lawrence in der endgültigen Version der Lady Chatterley. Parkin dagegen, obwohl aus schlechter Erfahrung heraus was Frauen angeht, sehr zurückgezogen, gelingt es sehr schnell, Connies dazu zu bringen, unbewusst spitze, helle Schreie auszustoßen. Ein Naturtalent.

Überhaupt – und dies las sich für mich jetzt unfreiwillig komisch – konstruiert Lawrence um das Zeugungsorgan des Wildhüters einen förmlichen Kult. Spürt Constance schon beim Anblick des bloßen Oberkörpers, daß es eine Welt gab, die rein und machtvoll leuchtete, daß sie einen Körper sah, der das Dunkel durchdrang wie eine Offenbarung, so deutlich wurde ihr, daß es Gott auf Erden gab; oder Götter. Im Verlauf ihrer Affäre sollte sie realisieren, was ein Phallus wirklich war: Es war ein primitiver, grotesker Gott – aber lebendig und unaussprechlich lebensvoll, … die Auferstehung des Fleisches. .. bei einem wirklichen Mann (wie dem Wildhüter) hat der Penis ein eigenes Leben und ist der zweite Mann im Mann. …. der Phallus im alten Sinne hat Wurzeln, die tiefsten aller Wurzeln in der Seele, … und durch die phallischen Wurzeln gelangt die Inspiration in die Seele. Oder kurz gesagt: Er hat etwas Sternengleiches an sich … wie ein kleiner Gott. … und so konnte es für Parkin nicht einfach  ’nur ficken‘ geben, da bei ihm ‚ficken‘ immer bis zu den phallischen Wurzeln der Seele reichte. … Männer wie Clifford dagegen haben einen garstigen Penis, mit dem sie schmutzige Spiele treiben wie kleine Jungs. … Diese Passagen wirken auf uns heutige Leser etwas … nun ja.. lächerlich, sie müssten allerdings, um sie wirklich einordnen zu können, im zeitgeschichtlichen Kontext gesehen werden, der möglicherweise im Kreise der englischen Intellektuellen Strömungen mit solchen Einstellungen aufweist. Das habe ich zugegebenermaßen nicht gemacht…. Zu berücksichtigen ist jedenfalls, daß Lawrence zur Bloomsbury-Group um Virginia Woolf und ihre Schwester Vanessa Bell gezählt wird, der ’sich aus den moralischen Fesseln ihrer Erziehung zu befreien‘ trachtete [2].

Und ebenso Constance selbst war in den phallischen Kreis des Fleisches eingeschlossen, so sehr, daß sie den Wildhüter meist ohne Unterwäsche unter dem Kleid zu tragen, besuchte… Mit dieser letzten Bemerkung werde ich jetzt den erotischen Aspekt des Romans weitestgehend ad acta legen.

Aber selbst Parkin mit seinem ’sternengleichen‘ Körper und dem kleinen Gott zwischen den Beinen ist zwar Angehöriger der Unterschicht, aber kein wirklicher Arbeiter: als er gegen Ende des Romans Wragby verläßt und in Sheffield in einer Stahlfabrik arbeitet, verliert er allen Glanz und geht fast unter.

Kommen wir noch kurz auf Constance zu sprechen. Auch ihr Körper steht für etwas, ist Symbol für die dem Untergang geweihte Dekadenz der Oberschicht: Ihr Körper wurde nichtssagend, wurde schwer und trüb – so viel nutzlose Substanz! … Das geistige Leben! Eine jähe Welle wütenden Hasses überspülte sie – dieser Schwindel! Diese sehr negative Selbstwahrnehmung Connies ließe sich jetzt noch einige Absätze lang zitieren. Erst die Bekanntschaft und Erweckung durch den Wildhüter ließ sie wieder erblühen…


Die große Krise für die beiden Liebenden kommt, als Connie im Urlaub ist. Der vierzig(sic!)jährige Parkin wird vom Teufel versucht, dem Teufel in Gestalt seiner Frau. Von der lebte er zwar schon seit Jahren getrennt, aber jetzt taucht sie wieder auf und will ihn um jeden Preis verführen. Und was könnte normalerweise verführerischer sein als der bloße Frauenkörper, mit dem sie sich ihm anbietet? Doch Parkin widersteht der Versuchung, zwar gelingt es ihm nicht, den Teufel/seine Frau zu vertreiben, aber er selbst flieht ihn/sie. Die Nachricht von diesen Vorkomnissen, die Connie in ihrem Urlaub erhält, stürzt sie in tiefer Verzweiflung, hilft aber auch, in sich Klarheit zu schaffen über das, was sie wirklich will.

Denn das ist die große Unsicherheit, die beiden innewohnt: für ihn ist die Frage, ob sie tatsächlich die Klassenschranke überspringen wird und alles für ihn aufgibt, denn die gesellschaftliche Ächtung ihrer ehemaligen Klasse dürfte ihr sicher sein. Und für sie ist die große Frage natürlich, was kommt, wenn sie alles hinter sich lassen wird. Denn auch Parkin muss noch an sich arbeiten, seinen Stolz überwinden und akzeptieren, daß es in dieser Beziehung nicht so sein wird, daß der Mann seine Frau versorgt. Apropos: eine Heirat – auch dies dürfte damals ein Skandalon gewesen sein – planen die beiden nicht, im Gegenteil sieht Connie die Ehe als Tod einer Beziehung, weil man sich im Lauf der Jahre gegenseitig nur noch auf die Nerven geht.

John Thomas & Lady Jane und Lady Chatterley sind Romane, die sich doch durch mehr als Kürzungen oder Ergänzungen unterscheiden. Die Figur des Wildhüters ist anders angelegt, Parkin ist urtümlicher, während Mellors (wie er in Lady Chatterley heißt) mit viel gutem Willen fast akzeptabel sein könnte, auch der Schluss ist anders. In Lady Chatterley bittet Connie ihren Mann, sie freizugeben, den Abschluß bildet ein langer Brief Mellors an seine Geliebte, in dem unter anderen dieser bemerkenswerte Satz steht: So liebe ich denn jetzt die Keuschheit, weil sie der Friede ist, der dem Ficken entspringt. In John Thomas & Lady Jane dagegen bildet die schon erwähnte deprimierende Szene, in der die beiden Liebenden im Park vom Wildhüter aufgescheucht werden, nachdem sie die alte, schäbige Kirche, in der Byrons Herz bestattet worden war, besucht hatten, das Ende des Buches mit einem abschließenden Blick vom Hügel auf die tote Landschaft, unter der die Kohle und das Eisen liegen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Als Erotikon ist Lady Chatterley heutzutage kaum noch auf- oder erregend, die Passagen um den im Urgrund wurzelnden Phallus wirklicher Männer wirken im Gegenteil eher skurril. Lesenwert dagegen ist das Buch immer noch wegen der Beschreibung der Verhältnisse im England nach dem Ersten Weltkrieg, dessen Folgen die althergebrachte Gesellschaftsstruktur aufzubrechen droht. Sozialismus, Bolschewismus, die rapide Fortschreitende Industrialisierung – all das sind Herausforderungen, der die Klassengesellschaft in England in ihrem überkommenen Strukturen kaum erfolgreich entgegentreten konnte. Möglicherweise liegen hier sogar (zwar keine phallischen, aber immerhin) gesellschaftliche Wurzeln für die momentanen politischen Wirren der Insel, sprich, die Einstellung zur EU. Für die Schwierigkeiten, diese Klassenschranken zu durchbrechen, stehen Constance und Parkin, ihr (gemeinsames) Schicksal läßt Lawrence jedoch offen.

Ob sich Lady Chatterley bzw. John Thomas & Lady Jane (mit dieser Selbstbezeichnung übrigens beendet Mellors in Lady Chatterley seinen abschließenden Brief an seine Geliebte), die ja durchaus ihren Umfang – und damit ihre Längen – haben, heute noch zu lesen lohnt? Das ist die Frage, die ich hier auch nicht beantworten kann…. ;-)

Abschließen möchte ich jedoch noch einen der ’schönen‘ Sätze, die Lawrence verfasst hat und die schätzungsweise damals die Gemüter angeheizt haben, zitieren:

Wir haben eine Flamme ins Sein gefickt.
Sogar die Blumen sind ins Sein gefickt
von der Sonne und der Erde. 

Nun denn….

Links und Anmerkungen:

[1] zu D.H. Lawrence und seinem Werk: Michael Schmitt:
Der zwiespältige Prophet; in:  https://www.nzz.ch/der-zwiespaeltige-prophet-1.653784
[2] vgl. im Wikibeitrag zur V. Woolf:  https://de.wikipedia.org/wiki/Virginia_Woolf#Bloomsbury_Group
[3] vgl die Trilogie von Pat Barker, die sich mit diesem Thema auseinandersetzt: https://radiergummi.wordpress.com/tag/pat-barker/
[4] hier geht´s zu Birgits Blog und meinem Beitrag: https://saetzeundschaetze.com/2017/03/31/meinklassiker-35-lady-chatterly/

D.H. Lawrence
John Thomas & Lady Jane
Übersetzt aus dem Englischen von Susanna Rademacher
mit einem Nachwort von Roland Gart
Italienische Erstausgabe: Mailand, 1954
Englische Erstausgabe: London, 1972
Amerikanische Erstausgabe: NY. 1972
diese Ausgabe: diogenes, TB, ca. 500 S., 1978

D.H. Lawrence
Lady Chatterley
diverse, teils ‚bereinigte‘ Ausgaben von ‚Lady Chatterley`s Lover‘ erschienen ab 1932 in verschiedenen Verlagen
Der/Die Übersetzer/in dieser Ausgabe ist nicht angegeben
Deutsche Buch-Gemeinschaft, HC, ca. 380 S., 1967

Was dem Verfasser dieses Buches seine Hesse-Lektüre war, war mir, der ich – cum grano salis – in derselben Alterskohorte heimisch bin, mein Jasmin – die Zeitschrift für das Leben zu zweit (wobei ich seinerzeit eher auf meine Kosten gekommen sein dürfte als der junge Moritz mit Narziss und Goldmund, aber Jasmin war ja auch keine wirkliche Literatur…). Dann gab´s da noch Candy im Schrank der schon verehelichten Schwester, ein Titel der amerikanischen Autoren Southern/Hoffenberg [3], der für mein damals noch prägbar-jugendliches Gemüt recht Eindeutiges bot. Beides übrigens in aller Heimlichkeit, aber das versteht sich wohl von selbst – genauso wie die fast verzweifelte Suche nach weiteren Titeln dieser Art. Aber der Rest des Bücherschranks enthielt mehr Werke von Hamsun und ähnlichen, Autoren, auf die noch nicht einmal Moritz hier zurückkommt. Also völlig asexuelles offensichtlich….

moritz


Das Erotische, der Sex. Wohl unbestritten gehört er „dazu“, wir alle verdanken dem Sex unser Leben. Um so erstaunlicher eigentlich, wie – ich schwenke jetzt einfach mal rüber zum hiesigen Biotop der Buch- und Literaturblogs – rar gesät Mitteilungen aus dieser Welt hier zu finden sind. Kaum jemand scheint erotische Literatur zu lesen, Erotisches in Literatur für bemerkenswert zu halten. Blogger und Rezensenten, die sich dem Sujet annehmen, sind nicht nur im übertragenen Sinn, fast an den Fingern einer Hand abzuzählen. Gar nicht zu reden vom freimütigen Bekenntnis, an erotisch eindeutiger Literatur interessiert zu sein.

Der Autor dieser Zusammenstellung, Rainer Moritz, seines Zeichens Leiter des Literaturhauses in Hamburg, steht zu seinem Interesse und was er für sein Stellenbuch zusammengesucht hat, bestätigt dies. In insgesamt fünfzehn Abschnitten, die jeweils eigenen Schwerpunkten gewidmet sind, befasst er sich mit der literarischen Darstellung von Erotischem, beginnend mit den persönlichen Erstkontakten (der erwähnte Hesse…) bis hin zur Moderne, die mit den Feuchtgebieten und 50 Shades of Grey offensichtlich Massenkompatibles geschaffen hat.

Das Definitorische… auch Moritz versucht, seinen Untersuchungsgegenstand näher zu bestimmen, obschon nachher die sowieso fragwürdige und kaum eindeutig zu treffende Unterscheidung zwischen Erotik und Pornographie keine Rolle mehr spielen wird. Intuitiv „weiß“ man ja, was gemeint ist und was man erwartet, das weiß man noch besser (frei nach dem Motto: „Für ein paar Euro fünfzig kann ich schließlich erwarten, daß an meine niedersten Instinkte appelliert wird!“). Entsteht doch vieles von dem, was ein Autor mit Worten schriftlich fixiert, als Bild oder Film erst im Kopf des Lesers, geformt nach seinen Vorlieben. Wohl kaum ein Genre hängt in der Rezeption so von persönlichen Vorlieben und Einstellungen ab wie die schriftliche Darstellung von Erotischem.

Wer hat den schlechtesten Sex? Was wie eine Frage aus der Klasse der Herrenwitze klingt, ist doppeldeutig: einerseits kann man die Frage so nehmen, wie sie dort steht und in einigen Abschnitten wie beispielsweise dem über Matratzendesaster macht Moritz dies auch: […] ist die Literatur durchzogen von mal peinlichen, mal ekligen, mal hilflosen Beischlafanläufen. […] Im größten Teil des Buches jedoch konzentriert sich der Autor darauf, für seine literarische Stellensuche Beispiele zu präsentieren, in denen Sex (der durchaus gut gewesen sein kann) handwerklich schlecht in Worte gefasst worden ist. Was mich fast verlockt festzuhalten, daß Moritz, der seinen Schriftstellerkollegen seine Meinung recht deutlich sagt, für sein eigenes Werk einen im Grunde leicht irreführenden Titel gewählt hat. Nun ja. Wir jedenfalls wissen, worum es geht. Und es tut ja auch gut, mal so richtig abzulästern bzw. einem anderen dabei zuzuhören bzw. es zu lesen.

Früher war alles einfacher. Erotisches gab es im wesentlichen als Bückware für die Herren, denen eine gewisse sittliche Reife zubilligt wurde und die die plastischen Beschreibungen solcher Bücher, die zum Teil noch illustriert waren, entsprechend einordnen konnten. Die Dichter und Schriftsteller, die für die Allgemeinheit schrieben, waren darauf angewiesen, das Geschehen in Gottes weiter Flur oder im abgeschlossenen Schlafraum durch Leerzeilen angedeutet der Phantasie des Lesers anheim zu stellen – oder sie verwendeten Symbolisches und beschreiben, wie das Erblühen der Knospe durch Kälte zurückgehalten wurde, selbst auf die Gefahr hin, daß [er] die Knospe abwerfe, damit er nicht eher blühe als heute. „Er“ ist hier der blütentragende Kaktus, gemeint ist aber doch das, was wir in die Bildern Georgia O’Keeffe spontan hinein interpretierenDie Stelle übrigens ist bei A. Stifter (Nachsommer) zu finden.

Man muss Moritz recht geben, dem Dichter ermangelt bei diesem Sujet an der adäquaten Sprache. Der medizinische Fachjargon ist nüchtern und keineswegs luststeigernd (ja, es ist erlaubt, sich durch erotische Literatur anregen zu lassen!), ihm gegenüber steht die Vulgärsprache, die zwar deutlich mehr an begrifflicher Auswahl zu bieten hat, aber in der mehr oder wenig Hochliteratur oft deplatziert wirkt. Ich beispielsweise gebe zu, daß ich, stoße ich auf jenes Wort, das sich auf „nicken“ reimt, jedesmal zusammen zucke, ich mag es einfach nicht, zumal nicht in Texten, die ansonsten einen Anspruch erheben wollen. Treffend stellt Moritz fest, daß […] alles – wie freizügig sich die Gesellschaft auch geben mag -, was mit dem Sexualakt zusammenhängt, weiterhin schambesetzt ist [..]. So kämpft der Literat an mehreren Fronten: rein handwerklich fehlt es an adäquatem „Werkzeug“, sprich einem anerkannten Vokabular und verständlichen Bildern/Metaphern, er konfrontiert den Leser mit dessen Schamgefühl und Peinlichkeitsgrenzen und natürlich dürfte auch seine eigene Einstellung gegenüber dem Sexuellen mit in die Niederschrift einfließen.

In seinem Buch befasst sich Moritz freilich weniger mit explizit erotischer Literatur, die abzufassen in den Zeiten des Internet sich mittlerweile anscheinend fast jeder befähigt fühlt, sondern mit Erotischem in der Literatur. Da, wie festgestellt, Erotik und Sex zum Leben gehören und Literatur Leben schildert, sind solche Passagen, nachdem das Leerzeilenzeitalter verklungen ist, keine Seltenheit mehr. Auch wenn es – gottseidank (?) – durchaus Autoren gibt, die bei ihrem Leisten bleiben und für sich akzeptieren, daß sie besser auf die Schilderung sexueller Handlungen verzichten. Frisch beispielsweise gehört in diese Kategorie von Autoren, Lenz auch, obwohl Moritz von diesem eine überaus köstliche Passage über einen Luftmatratzenaufblaswettbewerb zitiert. Was völlig übergangslos Familie Hoppenstedt ins Spiel bringt, deren Mutti ja seinerzeit bekanntlich durch den Heinzelmann saugende Unterstützung beim Blasen bekam. Denn Moritz, man vermutet es, schweift manchmal etwas ab, schaut über den Gartenzaun in den TV/Filmbereich bzw. den deutschen Schlagertext. Wo er bei Loriot lobend fündig wurde (fündig nicht nur bei ihm natürlich, aber hier eben ausnahmesweise mal lobend).

Viele Autoren jedoch schreiben munter drauflos, lassen kopulieren und fellieren, lassen die Mundwerkzeuge auch anderswo Volten schlagen, entledigen ihre Protagonisten mehr oder weniger feinfühlig der Kleidung, paaren sich in der freien Natur oder wälzen sich im stockigen Bettzeug alter Hotels in Bahnhofsnähe. Der Schwerpunkt der von Moritz herausgesuchten Stellen liegt bei deutschen Autoren, in der Minderheit sind ausländische Literaten wie Philip Roth, aber auch Brodkey, Millet u.a.m. werden zitiert. Es ist müßig, es hier eine Auflistung zu geben, das Buch enthält ein entsprechendes Verzeichnis.

Interessanter ist die inhaltliche Gliederung der Moritz´schen Stellensuche. Nach den einleitenden Abschnitten über Persönliches, Definitorisches und den Hürden bei der literarischen Adaption des Sujets fasst Moritz den Sex, den er betrachtet, mit dem jeweiligen Hintergrund/Umfeld, in dem er stattfindet, zusammen. Das (so es nötig ist) Entkleiden beispielsweise, das elegant sein kann, stolprig, hastig oder knöpfeverschleissend. Vom BH-Verschluss garnicht zu reden…. „Mach mir den Hengst“: jawohl, auch Tierisches spielt eine Rolle und besagtes „hengstliches“ kann auch heißen, […] daß er kam wie ein trinkendes Pferd. […]. Aber natürlich sind es nicht nur die Equiden, die zum Vergleich bemüht werden, wer kennte nicht den Witz vom Blinden im Fischgeschäft: Hallo, Mädels! Das Getier des Meeres einerseits und Wasser, Meer und anderes an Flüssigem andererseits… Was dem Tier recht ist, ist dem Obst billig, so gären bei Ortheil die Feigen vor lauter Hitze im Zimmer (was mir zeigte, daß ich das Buch [4] seinerzeit viel zu naiv gelesen hatte….) und über Einsatzmöglichkeiten von Bananen, Gurken und ähnlich phallischem Obst herrscht keine Unklarheit mehr. Sofern Zunge und Lippen nicht anderweitig im Einsatz sind, kann aber muss Sex nicht unbedingt still sein, vom aufmunternd-fordernden „Tiefer, tiefer..“ bis hin zur Kündigung durch den Vermieter wegen andauernder Lärmbelästigung reicht die Spannweite der Lautäußerungen… und wie unvollständig wäre die Übersicht ohne die Zusammenhänge zwischen Sex und Wasser bzw. Sex und Essen/Trinken zu betrachten…. Die immer wieder so gern bemühte Flutwelle und das große Fressen, das sich gegenseitig mit diverser Nahrung einschmieren und wieder Ablecken… und das Obszöne der Auster sowieso…  Nun ja…. lassen wir es genug sein, Moritz selbst bietet noch einiges mehr…

Das alles ist flott geschrieben, mit Witz bis hin zur beissenden Ironie, liest sich unterhaltsam und amüsant. So weit, so gut. Der Autor hat sich für seine Zusammenstellung eine sichere Methodik ausgedacht: kleine Textschnipsel, aus dem Zusammenhang gerissen und an seinen Erwartungen gemessen. Das ist freilich immer eine schlechte Ausgangsposition für den Text, ich will ein Beispiel dafür geben, was ich meine.
Moritz zitiert Peter Härtling mit einem Werk aus dem Jahr 1983 (Das Windrad):
Ihre Haut war warm, weich, sonderbar nachgiebig. Als er auf ihr lag, bäumte sie sich kurz auf, als wolle sie ihn wieder abwerfen. Sein Atem strengte ihn an.
Sei ruhig, sei doch lieb . Sie redete neben seinem Ohr. Rammel doch nicht einfach los, Mann. Sie lachte mit ihrem Bauch gegen seinen, schob ihn behutsam zur Seite, wälzte ihn auf den Rücken, streichelte ihn mit ihren Brüsten, setzte sich auf ihn. Jetzt kannst du. Und ich auch. 
Nach einer Weile legte sie sich sanft auf ihn. Er sah hinter seinen Lidern ein sphinxähnliches Wesen, eine Frau mit dem Leib einer Löwin. 

Wie gesagt, die Geschmäcker sind verschieden: mir gefällt die Textstelle, ich finde sie authentisch, nahe an dem, wie es tatsächlich passieren könnte oder auch schon vieltausendmal geschehen ist. Moritz dagegen macht sich lustig, vergleicht den Text mit Gebrauchsanweisungen eines esoterisch angehauchten Erotikratgebers, wie man ihn damals in der Tübinger Altstadt kaufen konnte… um zwei Zeilen später zu konstatieren: Als konkrete Handlungsanweisung taugt das nicht. Was denn nun? Gebrauchsanweisung: ja, Handlungsanweisung: nein? Und überhaupt: wer sucht denn bei Härtling (!) Handlungsanweisungen, wie man Sex machen soll(te)?? Wenn man Härtling liest, sollte man besser mit Erwartungen an den Text gehen, die dem Autoren gerecht werden. Apropos: Handlungsanweisung. Ein paar Seiten vorher wird eine Passage aus Puzos Der Pate zitiert, in der recht genau geschildert wird, wie die beiden Protagonisten sichanschicken, sich dem Rausch der Sinne hinzugeben, man könnte das im Stehen erfolgende Präludium durchaus als Vorlage nutzen. Aber auch das ist nicht recht, Moritz macht sich hier die resignierende Äußerung eines anderen Kritikers zu eigen: Sex schien eine komplizierte akrobatische Nummer zu sein, es wurde gesprungen, gefangen, hochgehoben, gestoßen, die eine Hand, die Zunge, die andere … Ich würde es nie lernen. .. Da mag man den Kritiker trösten: wenn die Situation da ist, ist sie da und vieles ergibt sich von selbst und auch anscheinend überfordernde Handlungsabläufe klären sich, schließlich ist noch kein Meister vom Himmel gefallen…. und überhaupt ist es die Frage, ob jede Darstellung solch eher hormonell bedingter Tätigkeiten unbedingt auf ihre Plausibilität zu prüfen ist – Moritz hängt sich da z.B. auch sehr an dem öfter zu lesenden „Rissen sich die Kleider vom Leibe“ auf, nimmt es sehr wörtlich [5]… nun ja, für mich ist es eher ein bildlicher Ausdruck für die hohe Dringlichkeit des Vorhabens denn unbedingt eine Beschreibung eines tatsächlich stattfindenden aggressiven Aktes gegen körperverhüllende Textilien.

Nur der Vollständigkeit halber: Sex dient nicht nur der Fortpflanzung oder dem Vergnügen, Sex ist auch ein Machtinstrument zur Unterdrückung der Frau, eine Ansicht, die Moritz insbesondere bei Autorinnen verortet, die getragen vom Geist des (Post)Feminismus, [..] das ausbeuterische patriarchalische System in den Geschlechterbeziehungen aufspüren und schonungslos brandmarken. Beispielhaft verweist er auf Autorinnen wie Verena Stefan (Häutungen), Elfriede Jelinek (Lust), Sibylle Berg (Ein paar Leute machen das Glück und lachen sich tot) und Helene Hegmann (Axolotl Roadkill [4]). Ob die in diesem Zusammenhang zitierten Stellen jetzt hinsichtlich der Form oder des Inhalts angeführt werden (z.B Berg: Er verbringt schnell sein Glied in Nora und beginnt seine Arbeit.) wird nicht ganz klar. Aber anregend ist es jedenfalls nicht.

Ich habe mir – welch ketzerischer Gedanke! – während des Lesens hin und wieder überlegt, ob man mit denselben Zitaten, die der Autor anführt, ein Buch mit gegensätzlichem Tenor schreiben könnte, ein Stellenbuch also, wie man es kennt, zum Erheitern, zur Anregen der Fantasie und der Vorstellungen…. Unmöglich wäre es sicher nicht, die Interpretationsmöglichkeiten von fast allem sind bekanntlich unbegrenzt.

Was dem einen, und damit will ich langsam zum Ende kommen (eins der Verben, die zum Thema gehören und über dessen Sinnhaftigkeit beim Schildern sexueller Akte sich der Autor ebenfalls lang und breit mokiert), seine Himbeere (hmmm… auch dieses Obst würde ganz gut ins entsprechende Kapitel passen), ist dem anderen der seit 1993 verliehene Literary Review’s Bad Sex in Fiction Award [6] für den regelmäßig nicht nur Nobodys, sondern auch Größen wie Murakami oder Erica Jong nominiert werden. Ob der Leitfaden über „Dirty Writing“ von Ines Witka [7] da Abhilfe schaffen kann? Nun, bei dem einen oder anderen Selfpublisher, der sich vom erotischen Pegasus geritten fühlt, möglicherweise…

Es wird manchmal etwas viel des Spottes bei Moritz, der dann bemüht wirkt bzw. nicht sonderlich überzeugt.  In solchen Momenten kann man das Werk auch zur Seite legen, sich etwas erholen und am nächsten Tag weiterlesen – wenn einem wieder danach ist. Darin ähnelt es seinem Thema, in dem ja auch nicht unbegrenzt Höhepunkte am laufenden Meter zu produzieren sind.

Es gibt „schlechtesten Sex“ – zweifelsohne und Beschreibungen desselben, die grottig [8] sind – möglicherweise sogar fallen die einem nach der Lektüre der Moritz´schen Übersicht auch auf: dann haben wir als Leser wieder etwas dazu gelernt…. aber ansonsten ist die Zusammenstellung, die uns der Autor an die Hand gibt, gute Unterhaltung und man sollte sie nicht allzu ernst nehmen. Denn eins ist auch wahr: was beim Sex und das gilt meiner Meinung nach auch für seine literarische Darstellung, gelungen ist, das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Person des Autoren:  https://de.wikipedia.org/wiki/Rainer_Moritz
[2] –
[3] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46462472.html und http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46135666.html
[4] Einige wenige der von Moritz benutzten Titel habe ich auch in meinem Blog schon vorgestellt. Es wären (ohne Anspruch auf Vollständigkeit)
– Hanns-Josef Ortheil: Die große Liebe
– Helene Hegemann: Axolotl Roadkill
– Charlotte Roche mit Schossgebete und Feuchtgebiete
– Harold Brodkey: Unschuld
– Catherine Millet: Das sexuelle Leben der Catherine M.
[5] z.B. auch hier: http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/mdr/sendung-vom-15032015-100.html
[6] https://literaryreview.co.uk/bad-sex-in-fiction-award
[7] http://blog.konkursbuch.com/buchpremiere-zum-mitmachen/
[8] in seinem Buch Frauen und Bücher (btb, 2015; S. 403) zitiert Stefan Bollmann eine schöne Übersicht, die Herrn Moritz auch gefallen würde. Und zwar hat sich jemand die Mühe gemacht, in Shades of Grey die Häufigkeit, mit der bestimmte Begriffe auftauchen, festzustellen. So wird (in Band 1) 94-mal gestöhnt, 44-mal zieht sich Anastasias Unterleibsmuskulatur auf köstliche Art und Weise zusammen und anderes mehr….. Den Verkaufserfolg hat diese eintönige Begriffshäufung jedoch nicht geschmälert. Erotisches liest man eben nicht (nur) mit der Strichliste in der Hand.

Rainer Moritz
Wer hat den schlechtesten Sex?
Eine literarische Stellensuche
diese Ausgabe: DVA, HC, ca. 235 S., 2015

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Erotische Literatur ist, was die reine Quantität angeht, durch die Phänomene des Self-Publishing und des e-Books, stark im Kommen [4]. Mit Werken wie Shades of Grey wird sogar der Mainstream bedient, so manche Buchhandlung hat mit dieser Trilogie ihr Geschäftsergebnis sehr schön hübschen können. Auch Roches Feuchtgebiete fallen sicher unter diese Kategorie – ob alle, die diese Bücher gekauft haben, sie auch lasen: das ist eine ganz andere Frage. Genau wie die, ob die genannten Werke in einigen Jahren zu den Klassikern der Literatur oder zumindest des Genres zählen werden:

Als „klassisch“ im allgemeinen sprachlichen Sinne wird etwas bezeichnet, das typische Merkmale in einer als allgemeingültig akzeptierten Reinform in sich vereint und mithin als formvollendet und harmonisch gilt. … Darüber hinaus bildeten sich in der Genreliteratur Werke, die eine größere Bekanntheit erreicht haben und innerhalb einzelner Genres zum Vorbild für nachfolgende Romane wurden…  [1].

Die Begriffsbestimmung ist also alles andere als eng, sie läßt weiten Raum übrig für andere Meinungen und Diskussionen, ich werde ihn weiter unten aus meiner Sicht nutzen…

klass-erotik

Die Autoren der vorliegenden Sammlung, Barbara Sichtermann und Joachim Schöll, beschränken sich – so die Vorgabe der Reihe des Gerstenberg-Verlages – auf 50 Werke von Anbeginn der Zeit an bis in die 80er Jahre. Was danach kommt, muss sich – so die Autoren – erst beweisen… ich gehe davon aus, daß zumindest implizit noch andere Kritierien in diese Sammlung eingegangen sind, vllt geographische oder auch persönliche. Interessanterweise setzen die beiden Verfasser wohl voraus, was unter „Erotisch“ zu verstehen ist und wo sie eine Grenze ziehen zu Texten, die nicht mehr darunter fallen.

Auf den inneren Umschlagseiten des Buches ist eine Zeitskala wiedergegeben, in der die angeführten Werke eingeordneet sind. Die älteste Dichtung ist das Hohelied von Salomo (ca. ein Jahrtausend vor Christus), das neueste der Roman Salz auf unserer Haut von Benoite Groult aus dem Jahr 1988. In der gesamten Aufmachung erinnert die Sammlung stark an Reiseführer, im übertragenen Sinn ist sie das ja auch, ein Führer durch die Beschreibungen der Landschaften bestimmter menschlicher Freuden und Leiden….

Einleitend skizzieren die Autoren einige Gedanken zum Thema „Erotische Literatur“, die immer und in besonderer Weise ja auch ein Spiegel der jeweiligen Zeiten sind. Die Beiträge zu den Werken selbst sind meist ca. vier bis sechs Seiten lang und bebildert. Soweit bekannt wird einiges zur Entstehungsgeschichte des Buches erzählt, bzw. natürlich auch über den Autor resp. die Autorin, denn es ist keineswegs so, daß die erotische Literatur eine Domäne der Männer wäre – und das ist gut so. Farblich abgesetzt gibt es jeweils eine zusätzliche Info-Seite zum Buch, die auch weiterführende Literatur aufführt.


Ich war erstaunt, beim Durchzählen festzustellen, daß ich immerhin die Hälfte der „Klassiker“ bei mir im Regal stehen habe, das ist schon bemerkenswert. Die Hetärengespräche des Lukian von Samosata (in einer schönen Ausgabe der „Anderen Bibliothek“), ein Büchlein, das ich schon einmal der Eselsgeschichte wegen erwähnte [2] ebenso wie zwei oder drei Ausgaben des Kamasutra (das eigentlich mehr technischen Handbüchern ähnelt und für mich kaum erotisch wirkt, eher ermüdend…). Das Dekameron, dieses der Pest geschuldete Erotikon. Das Jin-Ping-Mei ist ein in der Gesamtausgabe recht umfangreiches Werk, es kann eigentlich nur als stellvertretend für die zahlreiche erotische Literatur aus dem Reich der Mitte genommen sein, Jou Pu Tuan, Dschu-lin Yä-schi oder (was man sich besser merken kann) Der Traum der roten Kammer wären andere Werke. Viele dieser Romane und Erzählungen (die in entsprechenden Ausgaben auf dem Markt sind) sind von Adrian Baar ins Deutsche übertragen und uns so zugänglich gemacht worden. Überhaupt ist der Umgang mit Erotik in Fernen Osten viel freudvoller und unbefangener und auch abwechselungsreicher als im christlich geprägten Okzident, der den Leib zu dieser Zeit zumindest eher als Ballast empfand auf dem Weg zur Erlösung [3].

Tausendundeine Nacht – der Klassiker aus den alten Persien, Scheherzades Erzählen von Märchen um des Lebens willen, auch Casanova mit seiner Lebensgeschichte und seinen Amouren darf nicht fehlen – natürlich, sein Name ist ja fast zum Sprichwort, zum Synonym geworden. Weniger bekannt dürfte dagegen die Anti-Justine von Bretonne sein (die hier „braun“ zu sehen ist [3]), das Gegenstück – man ahnt es – zur Justine… des Marquis, von dessen Werken man viele hier hätte erwähnen können.

Die philosophische Therese die sich, wie viele andere Werke der Zeit, an Religion, Kirche und deren Vertretern auf Erden abarbeitet gehört zweifelsfrei in diese Liste, aber auch sie stellvertretend für einige andere, die man auch hätte einfügen können. Aus England sind Die Memoiren der Fanny Hill zu nennen, ein Buch, das sicherlich klassische Erotik ist, aber nicht mehr sonderlich prickelnd. Ähnliches gilt für die Josefine Mutzenbacher aus dem österreichischem Raum, deren Verfasser nicht bekannt ist. Da die „Kindheit“ im jetzt verstandenen Sinne im wesentlichen eine Erfindung der Neuzeit ist, schien es früher unproblematisch zu sein, wenn erste Erfahrungen schon in jungen Jahren gesammelt wurden, eine Tatsache, die man nicht nur in der Mutzenbacher so findet.

Unbestreitbar Klassiker sind auch die Viktorianischen Ausschweifungen (Mein geheimes Leben) von Walter, bei dem es von der ersten bis zur letzten Zeile seines durchaus umfangreichen Werkes (in der Ausgabe von Haffmann immerhin drei ordentlich dicke Bände, der originale Privatdruck hat es immerhin auf 4000 Seiten gebracht) nur um das „Eine“ geht… sowie einige Jahre zuvor die autobiographisch angehauchte Venus im Pelz von Sacher-Masoch, der überhaupt nicht glücklich darüber war, daß sein Name kurz darauf für den in diesem Roman beschriebenen Weg zum Glücks- und Lustempfinden synonymisiert wurde…. Die Traumnovelle von Schnitzler, ein sehr psychoanalytisches Stück, vor einigen Jahren mit Tom Cruise verfilmt, Lady Chatterleys Liebhaber, auch Notre-Dame-des-Fleurs von Genet. Das sind alles keine Ein-Hand-Bücher, bei denen man ohne Pause unter Strom gesetzt wird, es sind eher Werke, in denen allgemeine Grenzen gesellschaftlicher Konventionen verschoben und aufgebrochen werden.

Die Römerin habe ich vor geraumer Zeit hier schon vorgestellt, ebenso wie Erica Jongs Angst vorm Fliegen [5]. Erstaunlicherweise findet sich auch Tod in Venedig mit Manns sublimer Homoerotik in dieser Liste. Nabokovs Lolita, Millers Sexus und Réages Geschichte der O gehören unbestreitbar auf diese Klassikerauflistung, auch Nin mit ihrem Delta der Venus ist vertreten und wie schon erwähnt Groult mit dem Salz auf unserer Haut. … und dann noch die anderen Werke, die ich hier nicht erwähnt habe, weil sie nicht (nach Lektüre dieser 50 Klassiker…: noch nicht) in meinem Regal stehen.


50 Klassiker: Erotische Literatur ist eine Auswahl, es gibt mehr von diesen Klassikern, unbestreitbar. Nehmen wir Miller, der mit einem Roman vertreten ist, es könnten auch mehrere sein. Die stillen Tage von Clichy  [5], ein Text voller Lebensfreude und freudvollem Sex und das auf hohem sprachlichen Niveau, oder sein Skandalbuch Opus pistorum, wie Nins Delta der Venus Auftragsarbeit, durchaus pornografisch, aber trotzdem große Literatur. Dafür wäre bei mir Anais Nin nicht in der Liste, zumindest nicht mit dem Delta…. Ich habe das Büchlein vor einiger Zeit mal wieder aus dem Regal genommen und bald darauf zurückgestellt. Zugegeben, Nin ist eine Ikone, aber das Buch heutzutage einfach langweilig. Mein Erstaunen über Th. Mann habe ich schon geäußert, und ob man Fanny Hill und Die Mutzenbacherin beide in diese Liste aufnehmen muss, auch wenn sie – zugegeben – beide die Jahrhunderte überdauert haben…. ähnliches gilt m.E. für die Geschichte der O: bekannt, weil skandalös und verfilmt…  ich las sie mit Zwiespalt, weil es nicht die Geschichte von Menschen ist, deren sexuelle Präferenzen sich ergänzen, sondern weil es explizit darum geht, einem Menschen zu brechen, ihn zum Objekt der Willkür zu machen. Hier wäre de Bergs Die Frau [5] sicher eine Alternative gewesen, eine intelligentere sogar… ähnliches gilt vllt für Arsans Emanuelle…, die ich nur aus längst vergangen pubertären Tagen in der Kino-Softpornoversion in Erinnerung habe, wie sie als Buch ist, kann ich nicht sagen, aber ich könnte mir vorstellen, daß es für diese Liste hier Alternativen gegeben hätte….

Die umfangreiche erotische Literatur Chinas ist nur (aber immerhin) mit einem Werk vertreten, ähnliches gilt die japanische Literatur. Bei letzterer wäre zumindest die exemplarische Erwähnung eines der großen Werke der Holzschnittkunst, wie sie von Moronobu oder Utamaro geschaffen wurden und die seinerzeit in den bibliophilen Taschenbüchern aus dem Harenberg-Verlag zugänglich waren, schön gewesen… Erotische Literatur aus Arabien fehlt ganz. Ja, die gibt es, zumindest Scheik Nefzauis Der duftende Garten des Scheik Nefzaui [6] hätte Erwähnung verdient gehabt…. ähnliches gilt für den indischen Lebensraum, auch dessen erotischer Niederschlag in Literatur fehlt…

Leider gilt dies auch für die gesamten Surrealisten. Bataille mit seinem Das obszöne Werk [5b], sicher kein Mainstream, aber wichtig. Oder Iréne von de Routsie, von immerhin Camus als immerhin schönsten aller erotischen Texte geadelt…. es gäbe noch so viele Bücher, die sich angeboten hätten… von der moderneren Literatur her tut es mir leid, daß die Autoren 1988 den Schnitt gemacht haben, ein Jahr später, 1989, ist Lulu [5b] von Grandes erschienen, die sicherlich das Zeug zum Klassiker hat und ein Beispiel für die seinerzeit erblühende erotische Literatur aus dem frankobefreiten Spanien gewesen wäre…


Was sich hier so anhört wie Kritik soll solche nicht sein. Wie schon ausgeführt, liegt es im Wesen einer Auswahl, daß jeder sie anders treffen würde. Nicht umsonst haben wir ja im Fussball Millionen kompetenter Bundestrainer – aber eben einen, der letztlich verantwortlich ist. Und hier, in diesem Fall sind es die beiden Autoren, die ein sehr informatives, unterhaltsames und in diesem Sinne wertvolles Kompendium der erotischen Literatur zusammengestellt haben. Für alle, die sich für erotische Literatur interessieren (und nimmt man die Verkaufszahlen von z.B. Shades of Grey müssen das ja viele sein….), ist dieses Büchlein sehr zu empfehlen.

Links und Anmerkungen

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Klassiker
[2] Jutta Person: Esel in: https://radiergummi.wordpress.com/2013/11/10/jutta-person-esel/
[3] obwohl interessanterweise, wie im Klappentext zu Der Goldherr besteigt den weissen Tiger (Verlag Die Waage, Zürich) ausgeführt wird, daß die Verfasser solcher Romane im alten China wenig galten, diese Texte waren schi: Liebesromane ohne Bedeutung, Trivialliteratur, Schund. Folgerichtig bekannte sich auch kein Autor zu Lebzeiten zu seinen Texten…
[4] z.B. hier:  – Erotische Literatur bei facebook
– Jule Blum, Elke Heinicke: Warum es so schwer ist, gut über Sex zu schreiben und hier
Warum gibt es eigentlich so wenig gute erotische Literatur?
[5] Besprechungen von im Buch erwähnten Klassikern bei mir im Blog:
– Alberto Moravia: Die Römerin
– Erica Jong: Angst vorm Fliegen
– Henry Miller: Die Stillen Tage von Clichy
– Jeanne de Berg: Die Frau
– Georges Bataille: Das obszöne Werk
– Thomas Mann: Der Tod in Vendig und hier: Der Tod in Venedig (2)
– Pauline Réage: Die Geschichte der „O“
– Wilhelmine Schroeder-Devrient (zugeschrieben): Aus den Memoiren einer Sängerin
– Sacher-Masoch: Die Venus im Pelz
– Albert de Routisie (Louis Aragon): Irène
– Almudena Grandes: Lulú
– Georges Bataille: Das obszöne Werk
[6] Scheik Nefzaui: Der duftende Garten des Scheik Nefzaui; http://www.zeno.org/Literatur/M/Scheik+Nefzaui/Abhandlung

Barbara Sichtermann & Joachim Scholl
Erotische Literatur
Sinnliche Zeilen über die Liebeskunst
Reihe: 50 Klassiker
diese Ausgabe: Gerstenberg, Softcover, ca 270 S., 2011

Das 1940 geschriebene und später überarbeitete Büchlein von Miller ist über weite Teile ein Schätzchen. Er spielt im Paris der 30er Jahre, die beiden Hauptpersonen sind die Amerikaner Joey und Carl, die beide schreiben (wobei Carl noch einen Job hat). Das Geld ist meist so knapp wie der Kühlschrank leer, aber der Lebensfreude der beiden tut dies keinen Abbruch.

Episodenhaft schildert Miller das Leben der beiden, Frauen und Schreiben spielen darin die Hauptsache. Unschwer ist zu erkennen, daß sich Miller selbst in diesem Roman wiederfindet, er, der 9 Jahre in Paris lebte und dort diese „schrecklichen Bücher“ schrieb, die in Amerika nie, in Frankreich dagegen schon veröffentlicht werden konnten – zumindest, wenn der Verleger den Mut dazu hatte (vgl. dazu auch die „7 Minuten„).

Frauen spielen eine Hauptrolle in diesem Buch, meist Professionelle, die alle auf die eine oder andere Art „verrückt“ sind, liebenswert sind. Geld habe beide nicht, weder die Frauen, die es sich von Carl und Joey erhoffen, noch die beiden Kerle, die sich nicht zu fein sind, die Huren, die sie mit falschen Versprechungen aufgaben, zu betrügen. Gelacht wird viel in diesen Szenen, es wird ein trotz der materiellen Not glückliches Boheme-Leben gelebt.

In nachdenklichen Minuten philosophiert Joey über sich und Paris, das Buch ist auch eine einzige Liebeserklärung an diese Stadt, an ihre Häuser, Plätze, ihre Kirchen, ihre Straßen, ihre Menschen, ihre Frauen. Kein anderer Platz auf der Welt kann mit Paris konkurrieren und hier ist es besonders Montmatre, welches es Joey angetan hat. Ein Kurztrip nach Luxemburg, das ihnen öde und langweilig vorkommt, wo ihnen der aufkeimende Nationalsozialismus begegnet („Dieses Cafe ist judenfrei“, Miller hat das Buch 1940 geschrieben, die Handlung aber ein paar Jahre noch vorne verlegt), bestätigt ihnen dies, lieber in Paris auf der Straße leben als in Luxemburg im feinen Hotel.

Das Buch beginnt mit so einer Eloge auf Paris, das er in Gedanken mit seiner amerikanischen Heimat vergleicht. Der Broadway ist ihm eine sterile Lichtershow, Montmatre dagegen ist „…verbraucht, verblichen, verwahrlost, nacktes Laster, käuflich, vulgär. Es ist eher abstoßend als anziehend, aber so verführerisch abstoßend wie das Laster selbst….. Dieser hinterhältige Zauber ist… zum größten Teil dem Sex zuzuschreiben, der hier unverblümt gehandelt wird. …. viel betörender und viel verführerischer als der strahlend illuminierte Broadway““ Und hier lernt Joey „seine“ Huren kennen – und lieben, auf seine Art, wie die schöne Nye, der er seinen letzten Franc gibt.

Im zweiten Teil des Buches wird die Begegnung Joeys mit Mara beschrieben, die ihn an seine verlorene Liebe Christine erinnert. Es ist eine romantische Begegnung mit dieser etwas linkisch wirkenden Hure, die so ganz anders ist als die anderen, die Joey so kennt. Miller stellt uns diese Mara sehr detailliert vor, mit ihrem zerfressenen Umhang, ihrem Hunger, den sie leidet, dem nicht endenwollenden Radebrechen in Englisch, der Freude in Joey jemanden gefunden zu haben, der sie reden läßt…. die Freuden sind manchmal so klein, wie schlecht muss es Menschen gehen, die sich nach solchen Kleinigkeiten sehnen müssen.

Facit: Ein schönes, ruhiges, fröhliches, freches Buch mit besinnlichen Momenten, ein Klassiker, immer wieder gut mal in die Hand zu nehmen!

Verfilmungen:

1970, Dänemark
1990 Chabrol

Links:

Über den Autor

Henry Miller
Stille Tage in Clichy
Rowohlt Tb.
ISBN-10: 3499151618
ISBN-13: 978-3499151613

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