Kader Abdolah: Die Krähe

6. April 2016

kraehe cover

Kader Abdolah ist ein in den Niederlanden lebender und auf niederländisch schreibender iranischer Schriftsteller. In dieser 2011 erschienenen Novelle beschreibt er das Leben eines Iraners bzw. iranischen Flüchtlings. Unschwer ist sein eigener Lebenslauf [1] in dieser Geschichte zu erkennen.


Der Beginn dieser Novelle ist überfallartig, ein gar nicht höfliches, zögerliches oder gar einladendes, sondern mehr ein aufrüttelndes, anstoßendes ‚hey, du da‘: Leser!, hör´ mir zu und lies das jetzt hier gefälligst…. gefolgt von einer Kurzbiografie des Autoren bzw. der Person, die der Autor in den Mittelpunkt seines Textes stellt und die im Grunde schon eine Zusammenfassung des gesamten Büchleins darstellt.

Geboren wurde der Protagonist als Sohn eines Tischlers am Abend des Tages, an dem die CIA in seiner Heimat einen Putsch verübt hatte, das war im August 1953 [2]. Amerika hatte den gewählten Ministerpräsidenten  [Mohammad Mossadegh] abgesetzt und den Schah [Reza Pahlevi], der bereits geflohen war, wieder an die Macht gebracht. Zwar war er Sohn eines Tischlers, jedoch wollte der Vater nicht, daß er diesen Beruf ebenfalls erreicht, zum Vorbild des Jungen wurde sein Urgroßvater, einer der bedeutendsten Dichter des Landes. So fing der Junge schon früh an zu schreiben, ermuntert auch von seinem Großvater, der ihm Mut machte und ihm die Richtung wies.

Anstatt persische Literatur zu studieren, eine brotlose Kunst, schrieb sich der junge Mann ein paar Jahre später in Teheran für ein technisches Fach ein. Dies war gefährlich, denn Studenten dieser Fächer betrachteten es als ihre Aufgabe, sich für das Land einzusetzen, und sie waren davon überzeugt, dass, wenn Veränderungen notwendig waren, sie es wären, die sie in die Wege leiten. In der Tat bekam der junge Student schnell Kontakt zu illegalen ‚linken“ Gruppierungen, die gegen den Schah und damit auch die USA opponierten, es begann eine Zeit des politischen Kampfes, den der Autor aber nicht weiter beschreibt oder ausführt.

In groben Zügen beschreibt Abdolah diese Zeit im Iran, in der er eine junge Frau aus Isfahan kennenlernt – unter all den Beschränkungen, die ein islamisches Land solchen Kontakten auferlegt. Immerhin schreibt er unzählige Geschichten für sie, seine einzige Leserin…

Seine Frau lernt der Protagonist auf dramatische Art und Weise kennen. Er gerät in die Ereignisse um die Besetzung der amerikanischen Botschaft in Teheran [1979], wird zusammengeschlagen und durch eine junge Frau, die die Schläger zur Mäßigung anhalten kann, gerettet.

Während des Iran-Iraq-Krieges musste der Protagonist fliehen, die iranische Regierung fürchtete einen Putschversuch linker, mit der Sowjetunion sympathisierender Gruppen und ging daran, diese Gruppierungen zu eliminieren. Es war eine mühsame Flucht, geprägt von übersteigerten Hoffnungen, von Illusionen und Wünschen. Die Realität war trockener, die erhoffte Weiterreise nach Moskau zerschlug sich und nach einigen Monaten Aufenthalts in Istanbul war der junge Mann finanziell ausgeblutet, seine letzte Unterkunft war ein ehemalige Toilette…. Das Geld, das er noch hatte, reichte gerade dafür, einen Schlepper zu bezahlen, der eine Reise in die Niederlande, das unbeliebteste und damit billigste Fluchtziel, organisieren konnte.

So wurde er zu einem Flüchtling unter vielen in einem Lager. Langeweile, Heimweh, Traurigkeit… Er nahm die Gelegenheit war, an Sprachunterricht teil zu nehmen und dann hatte er eines Tages eine Eingebung: er sah im Fernsehen die niederländische Königin einen langen Text verlesen, von dem er kein Wort verstand. Aber er dachte, Schreiben in dieser Sprache der Königin könnte eine magische Erfahrung sein und griff instinktiv zu einem Kuli und schrieb Seite um Seite in sein Heft. Zum Schluss hatte er dreiundzwanzig Seiten auf Niederländisch geschrieben.

Schließlich fand er Arbeit in einer Kaffeerösterei, aber das Leben zermürbte ihn, tagsüber in der Rösterei und nachts schreiben. Es dauerte lange Jahre, bis seine Frau und die Tochter mit Intervention der UN aus dem Iran ausreisen konnten, die beiden hatten sich, um die Frau vor Verfolgung zu schützen, vor seiner Flucht geschieden. Beide hatten sich verändert, das Zusammenleben in Amsterdam  war nach eine Zeit des Glücks sehr problematisch geworden. Es musste sich etwas ändern…… er machte sich als Kaffeemakler mit einem kleinen Lädchen selbstständig, aber in Wirklichkeit schrieb er, in den Pausen, wenn niemand im Laden war, auch des nachts.. sein Traum von der niederländische Königin, die sein Buch in den Händen hält, ist so stark in ihm wie er am Anfang war.


Abdolahs Geschichte ist eine Geschichte der Hoffnungen, der Illusionen, der geplatzen Träume. Eine Geschichte der Entwurzelung und des schwierigen Versuchs, in einem anderen Land anzukommen. Die deutsche Geschichte mit ihren vielen von den Nazis ins Exil vertriebenen Autoren, von denen nur die wenigsten als Schriftsteller in der fremden Sprache Fuss fassen konnten, zeigt, wie existenzvernichtend die Vertreibung bzw. Flucht für einen Schriftsteller in einen anderen Kultur- und Sprachkreis normalerweise ist. Um so bewundernswerter, daß Kader Abdolah seine Geschichten in Niederländisch verfassen kann, wobei mich jetzt brennend interessieren würde, ob er noch in Farsi oder tatsächlich in Holländisch denkt….

Die Krähe, 2011 im Rahmen der niederländischen Bücherwoche 2011 als  Bücherwochengeschenk [3] publiziert (und in der deutschen Ausgabe als Novelle bezeichnet, womit ich – siehe Goethe/Eckermann – so ein klein wenig hadere, was aber dem Spaß an der Lektüre keinen Abbruch tut) ist unversehens aktuell geworden, ich muss kaum ausführen, warum. Ein Mensch, der vor politischer Verfolgung, sehr wahrscheinlich vor Einkerkerung, vor Folter und letztlich vor dem eigenen Tod floh, bis auf ein paar Tausend Dollar (immerhin…) alles zurückließ, sich in eine absolut unsichere Zukunft aufmachte, dessen Schicksal immer wieder von Ereignissen der Weltpolitik beeinflusst wurde und dem letztlich keine andere Möglichkeit mehr blieb, als sich wildfremden Menschen anzu“vertrauen“, Schlepper, die ihm das letzte Geld abnahmen gegen das Versprechen, ihn nach Europa zu bringen…. Schicksale, die im Moment zu Hundertausenden existieren.

In Europa angekommen wird es zwar besser, aber nicht gut. Die Unterkunft im Lager: ein Misch verschiedenster Nationen, Langeweile, Aggressivität, die Unsicherheit über die eigene Zukunft und das Schicksal der Zurückgebliebenen. Das fremde Land mit fremden Gebräuchen, die fremde Sprache: wie könnte da nicht das Gefühl des Ausgegrenztsein, des Ausgestoßenseins und damit Verzweiflung aufkommen.

Kader Abdolah jedoch unterscheidet sich von den meisten seiner Schicksalsgenossen: er hat einen Traum und er hat die Energie, die Kraft, sich daran zu geben, ihn auch zu verwirklichen. Dies schildert er in der Person seines Ich-Erzählers in einer ruhigen, einfachen, nichtsdestoweniger eindringlichen Sprache. Die kurzen Abschnitte der Erzählung wechseln häufig zwischen Jetztzeit und Vergangenheit und, damit endlich auch der Titel erklärt wird, Krähen, diese fast ubiquitären Vögel [4] tauchen immer irgendwo auf, auch in Amsterdam, wo ein uralter Vogel im Kastanienbaum gegenüber dem Haus von Anne Frank [5] wohnt und die ihn regelmäig besucht und sich ihr Futter abholt.

Ich bin durch Zufall an dieses Büchlein gekommen, eine Lesefreundin hat es mir in die Hand gedrückt. Ihr sein ein herzlicher Dank für die schöne Lektüre.

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Kader_Abdolah
[2] zur Geschichte Irans: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Irans
[3] vgl: https://de.wikipedia.org/wiki/Boekenweekgeschenk
[4] vgl: Cord Riechelmann: Krähen; Buchbesprechung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2013/07/05/cord-riechelmann-krahen/
[5] vgl: https://de.wikipedia.org/wiki/Anne-Frank-Baum

 

Kader Abdolah
Die Krähe
Übersetzt aus dem Niederländischen von Christiane Kuby und Herbert Post
Originalausgabe: De kraai, Breda, 2011
diese Ausgabe: Arche Literatur Verlag, HC, ca. 128 S., 2015

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2 Responses to “Kader Abdolah: Die Krähe”

  1. dasgrauesofa Says:

    Ein toller Lektüre-Tipp, der inhaltlich sehr gut zu Shila Bazyars Roman „Nachts ist es leise in Teheran“ passt, in dem die Umstürze im Iran auch eine Rolle spielen und Auslöser der Flucht nach Europa, hier nach Deutschland, sind.
    Viele Grüße, Claudia

    Gefällt 1 Person


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