Kirsten Wilczek: Und wenn es getan werden muss – Blicks’ Kosmos

21. Mai 2015

Blick cover

Wenn´s läuft, dann läuft´s.
(Alte Volksweisheit)
gilt auch für „schief“
(eigene Ergänzung)

… womit nicht gesagt sein soll, daß der Volkswirt Volkwart Blicks, Dr. Volkwart Blicks, auf die schiefe Bahn gekommen sei, sondern nur, daß von einem bestimmten Moment an nicht mehr alles in seinem Leben den Gang nahm, den er zu präferieren gewohnt war.

Dieser Moment war derjenige, in dem Blicks, den Blick wie gewohnt nach unten gesenkt in der Absicht, gleichnamigen und damit sozialen Kontakt mit anderen, z.B. Kollegen, zu vermeiden, den Teller mit Essensresten in der Hand durch die Kantine eilend einer Kollision mit dem Gerätewagen einer Bediensteten der mit der Reinigung der Örtlichkeit beauftragten Firma nicht mehr auszuweichen vermochte.

Die sich nun als Folge dieser Kollision an den Fasern des Anzugs klammernden Reste des Petersilien-Risottos folgten unvermeidlich den universellen Gesetzen der Schwerkraft und derart war bald ein höchst peinlicher Fleck auf der Anzugshose die Folge, welcher sich genau den falschen Zeitpunkt zum Erscheinen ausgesucht hatte, denn schon eine Viertelstunde später hatte Blicks einen Vortrag zu halten, höchst unpassend also dieses Missgeschick. Doch hatte er nicht mit der kleinen, energiegeladenen und schuldbewussten Frau hinter dem Gerätewagen gerechnet, die ihn keinen Widerspruch duldend in den Personalraum zerrte, ihn weiterhin verbal nötigte, sich des Anzuges zu entledigen, den sie als Fachkraft ebenfalls für Reinigungen von Textilien alsbald und rechtzeitig wieder in Form zu schaffen in Aussicht stellte. Der Anblick, den Blicks so ganz ohne tüchernes Beinkleid in direkter Nähe zur vollbusigen Reinigungskraft stehend dem Blick des Küchenchefs bot, als dieser die Tür aufriss und die beiden in eben dieser Position dort erblickte, war eindeutig vieldeutig und verlasste den Maitre, die Tür mit einem anerkennend/erstaunendem  „Jo, da geh´ her!“ wieder zu schließen.

Ist eine Ereigniskette erst einmal angestoßen, so ist sie kaum noch zu stoppen, Actio et Reactio ebenso universell wie die Gravitationskraft, so daß jede Wirkung umgehend zu einer erneuten Ursache wird für die nächste Wirkung… Und angest0ßen war sie, diese Verkettung nachfolgender Ereignisse und mithin angetreten, das Leben Dr. Blicks´, seines Zeichens Ministerialrat und Verhinderungsvertreter des Leiters der Grundsatzabteilung im Landwirtschaftsministerium gründlich aus den gewohnten, beschaulichen Bahnen zu werfen, in denen es seit Anbeginn der Zeiten vor sich hin verlief. Zumal Dr. Blicks erschwerenderweise seit geraumer Zeit seiner nur fünfundvierzig Jahren zum Trotz und zu allem Übel auch noch unter nicht erklärbaren Erschöpfungszuständen zu leiden begonnen hatte, denen auf den Grund zu gehen er sich anschickte.

Wer ist dieser Dr. Blicks nun? Oder was. Und überhaupt.

Jedenfalls ist er unauffällig, hat keine Freunde, keine Familie, keine Eltern. Der Rausch der Gefühle, der andere Menschen bei gewissen Begegnungen in höhere Sphären geleitet, deucht ihm nur sekundenlanger und unnötiger Kontrollverlust, Vereine sind ihm ein Graus, von Parteien reden wir erst gar nicht. Kollegen geht er vorzugsweise aus dem Weg, in die Kantine erst, wenn alle anderen sich schon dem Ende der Mahlzeit entgegen spachteln (haha: jetzt haben wir ja die Erklärung für sein spätes, müde wirkendes Erscheinen: der alte Schwerenöter legt wahrscheinlich vorher noch die Küchendamen und Praktikantinnen flach…. ja, ja: stille Wasser sind tief …. Blicks konnte sich das schadenfreudige Schenkelklopfen der Kollegen lebhaft vorstellen…). Ein Solitär also, dieser Dr. Blicks. Wäre einst ihm Leben eingehaucht worden, hätte es weder Kain noch Abel nie gegeben, Eva hätte ihre Äpfel zu Mus verarbeiten müssen und wäre als alte Jungfer mit Dutt gestorben.

Blicks antizipiert Leben. Er fährt nicht in Urlaub. Er stellt ihn sich vor. Und genießt den Vorteil, die Speisen der Länder, durch die er reist, in seiner eigenen Küche kochen zu können… denn nur dies, das Kochen sowie den Garten und Musik gönnt er sich. Muss extra erwähnt werden, daß sich Blicks dem Terror der Unterhaltungsindustrie, des Fernsehens entzog? Und genau diesem Mann, der Leben als einen Zustand empfand, der auszuhalten, zu ertragen war und nicht als ein Geschenk, das zu erleben war, widerfuhr der Zusammenprall mit Isodora del Castillo y Vasquez, in der, allein vom Namen her, nicht die vollbusige Reinigungskraft zu erahnen ist, der sich Dr. Blick wenige Minuten vor seinem Grundsatzreferat in anthrazitgrauen Hipshorts präsentierte.

Womit wir wieder am Beginn der Ereigniskette wären, die Blicks u.a. noch in das Zimmer seines Dienstvorgesetzten führen sollte, der sich über das wunderliche Benehmen seines Ministerialrats auslassen wollte, ferner sollte unser Held im weiteren Verlauf des Tages noch einen Schneewichtel kennenlernen, Diskussionen mit der Polizei führen, seinen Zimmerkollegen im Ministerium mit dessen Hang zum heimlichen Goutieren dienstfremder Bilder während der Arbeit erpressen und eine handfeste Auseinandersetzung mit einer Halbstarkenbande haben, um – ohne auf eigene Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen – einer bedrängte Frau in einer Gefahrenlage beizustehen.

Das ganze Geschehen wird von Wilczek als eine Abfolge trefflich formulierter Slapstick-Szenen serviert, mit geschliffenen Formulierungen, aus denen größtenteils zynischer Sarkasmus trieft. Als Juristin kennt sich die Autorin aus ihm Dschungel der Bürokratie, weiß sie funktioniert (falls sie dies tut…) und kennt die Schwachstellen, und – obwohl es für ein/e Autor/in schwer ist, die tägliche Realsatire, die in den Nachrichten praktisch live verfolgt werden kann, zu übertreffen – nimmt sie zielgenau auf´s Korn. Dabei bleibt das menschlich allzu menschliche nicht auf der Strecke, selbstverständlich haben auch die anderen Figuren des Stückes ihre eigenen, ganz persönlichen Schäden, die sie uns mehr oder weniger sympathisch machen. Das macht Spaß zu lesen, auch wenn der eine oder andere der Vergleiche, der Bilder, die Wilczek verwendet, etwas haken mag.

Das Büchlein erschöpft sich aber nicht in dieser partiellen Lebensgeschichte Blicks. Ich erwähnte weiter oben die mysteriösen Erschöpfungszustände des Ministerialen, denen dieser auf den Grund zu gehen versuchte. Er legt Rechenschaft ab über sein Leben, und in diesem Teil des von Wilczek als Novelle (?) eingeordneten Elaborats wird das Werk zum Brief“roman“: in Briefen an einen zuvörderst noch unbekannten Adressaten analysiert Blicks sein Leben, seine Einstellung zu selbigem und die eventuelle Urheberschaft diverser Aspekte für seine Erschöpfung, deren tieferer Ursache er selbstredend auch auf die Spur kommt – nicht ohne dann auch die Konsequenz für sich zu ziehen.

Diesen Teil des Buches nutzt die Autorin im Grunde für eine Kritik an diversen Phänomenen unserer Gesellschaft. Indem sie ihren Protagonisten begründen läßt, warum er dies und jenes macht oder nicht macht, prangert sie diese an, beschreibt sie, analysiert sie auch – was natürlich punktuell bleibt, die Kürze des Werkes bedingt dies. Diese beiden Komponenten des Buches, sprich: die Ereigniskette „Blicks“ und die Briefe desselben, sind miteinander verzahnt, auf jede Episode, die der Protagonist zu durchleben hat, folgt ein Brief, in dem er Rechenschaft ablegt.

Natürlich erfahren wir am Schluss, an wen er diese Briefe schreibt. Und auch wenn man dies vielleicht schon vorher ahnen kann, kommt es dann doch sehr schnell… wenn man aus eigener Erfahrung weiß, wie schwer es ist, eingefahrene Gewohnheiten zu ändern, muss man Blicks bewundern, wie ihm dies anscheinend mühelos gelingt…. aber dies so auszugestalten ist eben die Freiheit der Autorin, die am Ende das Füllhorn über unseren liebegewonnenen Helden ausschüttet….

wie auch immer: „… Blicks´ Kosmos“ ist ein intelligent formuliertes, unterhaltsames Stück Literatur, das keineswegs wie um Humor bemühte Bücher so oft seicht ist, sondern das bei aller (Situations)komik gut verpackten Stoff zum Nachdenken bietet.

Links und Anmerkungen:

Zur Autorenseite von Wilczek: http://kirstenwilczek.com

Kirsten Wilczek
Und wenn es getan werden muss – Blicks’ Kosmos
diese Ausgabe: Drei-Punkte-Verlag, Klappbroschur, ca. 120 S., 2015

Advertisements

... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: