Gertrud von le Fort: Die Abberufung der Jungfrau von Barby

Diese Erzählung der deutschen Schriftstellerin Gertrud von le Fort (1876 – 1971; https://www.deutsche-biographie.de/sfz49723.html) aus dem Jahr 1940 ist gerade mal knapp 90 Seiten in einem schmalen, kleinen Büchlein stark. Sie führt uns zurück in die Zeit der Reformation, der Auseinandersetzung der etablierten römischen Kirche mit der durch Martin Luther ins Leben gerufenen Neuausrichtung des Christentums. Zu den Begleiterscheinungen dieser Reformation gehört der ‚reformatorische Bildersturm‘ (z.B. hier: https://www.dhm.de/blog/2017/08/08/bildersturm-und-reformation/), zu dem u.a. reformatorische Theologen in Predigten und Traktaten aufriefen. Banden bildeten sich und zogen durchs Land, um Kirchen und Klöster zu schänden und zu verleumden. So auch ergeht es, und damit sind wir in der Handlung des Buches, dem Agnetenkloster in Magdeburg (https://de.wikipedia.org/wiki/Agnetenkloster_(Neustadt)). Die Bande Grewe Köppen behauptet, das Kloster hätte sämtliche Kleinodien, die es besaß, verkauft und zu Geld gemacht – was jedoch nicht stimmte. Um dem Volk das zu beweisen und um die Menschen wieder in die Kirche zu locken (deren Messen bei weitem nicht so gut besucht werden wir früher) beschließt die Äbtissin gegen den Rat des Probstes, eine prachtvolle Messe zu Ehren des Hl. Norberts zu zelebrieren.

Es kommt, wie es kommen muss. Keineswegs sind die Besucher der Messe so ehrfürchtig wie früher und die vorgeführten Kleinodien beeindrucken nicht, bzw. die Bande Grewe Köppens schon… Gerade noch kann die Äbtissin sich mit den Nonnen in einem Raum verschanzen, um sich derart zu retten, als auffällt, daß die Jungfrau von Barby nicht unter den Nonnen weilt. Sie, und dies fällt der Äbtissin mit großem Schrecken ein, wurde von ihr einer Unbotmäßigkeit wegen, in ihre Kammer verbannt mit dem Verbot, diese ohne die ausdrückliche Erlaubnis durch die Äbtissin zu verlassen. Die Jungfrau von Barby ist gehorsam und die zu ihr eilende Äbtissin kommt zu spät, in ihrer Kammer die Jungfrau ist tot. Es ist dies die endgültige Abberufung der Nonne, ein Terminus, den von le Fort in zwei Bedeutungen verwendet.

Denn die Jungfrau ist eine Mystikerin auf den Spuren der Mechthild von Magdeburg, einer Beghine aus dem 13. Jahrhundert [das auf ‚ihrer‘ Webseite zitierte Das fließende Licht der Gottheit http://www.mechthild-von-magdeburg.de spielt in der von le Fort’schen Erzählung auch eine kleine Rolle] und die mystische Innenschau, in die Jungfrau von Barby des öfteren verfällt, wird ebenfalls als Abberufung bezeichnet. Das Mystische ist die Sache der Abtässin jedoch nicht, diese ist eine ihrer Macht und Verantwortung bewusste Frau, das nicht Fassbare mystischen Erlebens ist ihr unheimlich und erscheint ihr als Ungehorsam. Insbesondere reagiert sie auf die letzte Vision der Jungfrau unwirsch, in der diese alle Bilder des Klosters ‚zernichtet‘ sieht, sie die Ereignisse des St.-Norbert-Tages also vorausschaut. Dieses ‚Ungehorsams‘ wegen also wurde die Jungfrau von der ‚großen Äbtischen‘ bestraft.

Eine weitere Nonne muss zumindest kurz erwähnt werden, die Pettinghoferin nämlich, die unscheinbar und verschüchtert wirkend der Äbtissin zur Hand geht, in Vertretung der vor sich hin siechenden Priorin. So zerbrechlich die Pettinghoferin auch wirkt, in der Stunde der Not sollte sie sich als Anker erweisen, der das Schiff der ‚Töchter‘ im Bildersturm in den ’sicheren‘ Hafen lotst.


Gertrud von le Fort war, liest man ihre Biografie (https://www.deutsche-biographie.de/sfz49723.html), wohl ein tief religiöse Frau, diese Erzählung ist ein Beispiel dafür. In ihr spiegelt sich die Auseinandersetzung zwischen der alten römischen Kirche und der neuen reformatorischen Bewegung, die in den Auswüchsen des Bildersturms gegen einen vorgeblichen Götzendienst eine durchaus gewalttätige Komponente aufweist. von le Fort, die selbst 1926 zum Katholizismus konvertierte, ging diesen Weg der Ablehnung und Bekämpfung nicht, im Gegenteil sagte sie: Dieser Schritt bedeutete keinen Bruch mit dem Protestantismus, sondern eine für mich persönlich vollzogene Vereinigung. [nach: Biographie, a.a.O.]. Daher dürfte ihr wohl dieses Wüten der Rotten gegen die alte Kirche ein Graus gewesen sein. Unschwer ist in diesem Vorgang aber ein Bild zu sehen gegen den ‚Bildersturm‘, der Jahrhunderte später stattfinden sollte, als die braunen Horden johlend und trampelnd, so wie es die Anhänger von Grewe Köppen in der Messe zum St. Norberts-Tag taten, durch die Straßen (und – etwas weniger auffällig – durch Galerien wider die ‚entartete Kunst‘) zogen: die Erzählung wurde 1940 erstveröffentlicht, inmitten der Judenverfolgung, der Verfolgung Andersdenkender und dem Verbrennen und Zerstören von Bildern und Büchern. [Natürlich habe ich herauszufinden versucht, ob Gertrud von le Fort selbst eine Autorin war, deren Werke von den Nazis verbrannt worden waren. Seltsamerweise ist mir das nicht wirklich gelungen, in den Namenslisten von 1933 habe ich die Autorin nicht finden können, im Flyer zur Gedenkveranstaltung der TH Köln zum 85. Jahrestag der Bücherverbrennung in Köln am 17. Mai 1933 [eine witterungsbedingte Verlegung des ‚eigentlichen‘ Termins…  https://buecherverbrennung.wordpress.com/2013/04/07/buecherverbrennung-in-koeln/%5D wird sie jedoch aufgeführt: https://moderneimrheinland.files.wordpress.com/2018/05/bodendenkmal_17mai_2018_web.pdf].


Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. (Lk 23,34)

Dieser Spruch aus dem Lukas-Evangelium, den der gekreuzigte Jesus trotz seines Schmerzes und seines Leids ausstößt, steht im Mittelpunkt der Erzählung. Die Äbtissin argumentiert rational, natürlich wissen ihrer Überzeugung nach Grewe Köppen und seine Bande, was sie tun, sie sind schließlich unterwiesen worden im Glauben, sie sind vom Kloster mit Nahrung und Medizin versorgt worden, sie kennen das Kloster und die Nonnen und wenn sie jetzt diese Lügen verbreiten über das Kloster und – wie woanders schon längst geschehen – die Kleinodien zerstören und rauben wollen, dann tun sie das im vollen Wissen. Ihr widerspricht der Probst, zwar wissen sie, daß sie rauben und zerstören, aber sie wissen nicht, was dies bedeutet, in einem tieferen Sinne wissen sie nicht, was sie damit anrichten. Deswegen auch sein Rat an die Äbtissin, diese Unwissenden nicht durch das Herausstellen der Kostbarkeiten herauszufordern. Aber das Selbstbewusstein der Äbtissin ist groß, sie läßt keine Zweifel zu und beharrt auf ihrem Beschluss… Man könnte es Hochmut nennen, der bekanntlich vor dem Fall kommt…

Ist es für diese starke Frau kein Problem, mit dem Probst umzugehen, so weiß sie dagegen nicht, wie sie die Jungfrau von Barby zu behandeln hat. Deren Zustände der mystischen Innenschau sind ihr suspekt und unerklärlich, die Erklärungen und Antworten der Barby zu unlogisch und widersprüchlich, zu verrätselt und über den Verstand nicht zu deuten. Die Jungfrau als Gegenpart zur Äbtissin dagegen ist sich ihrer sicher, zwar ist sie der Äbtissin gehorsam bei deren letzter Anweisung, aber sie ist gehorsam aus Stärke heraus und nicht aus einer Schwäche. Ihre Stärke ruht in Gott, für sie gilt wohl auch das, was die große Beghine als Antwort Gottes auf ihre Liebeserklärung an ihn schrieb: Daß ich dich oft minne, habe ich von meiner Natur, denn ich bin selber die Liebe. Daß ich dich gewaltig minne, das habe ich von meiner Begier, denn auch ich begehre, daß man mich gewaltig minne. Daß ich dich lange minne, daß ist von meiner Ewigkeit, denn ich bin ohne Ende. [zitiert nach Purpurmund und Honiglippen (Erotika von Frauen), Claudia Gehrke (Hrsg) Ffm, 1991]. Eine Sicht Gottes, mir der die Äbtissein erkennbar nichts anfangen kann… Der Tod, der von ihr mit zu verantwortende Tod der Jungfrau jedoch macht die größe Äbtische demütig, sie erkennt, daß der Ruf Jesu, denn sie wissen nicht, was sie tun, auch für sie gilt: auch sie wusste nicht, was sie tat!. Gefragt, was mit jenen losen Buben, die der Rat der Stadt schlussendlich doch gefasst hatte, geschehen soll, antwortet sie geläutert: Gnädiger Herr, vergebt ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!


Die Jungfrau von Barby (https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Abberufung_der_Jungfrau_von_Barby) ist ein alterthümlich geschriebenes Stück Literatur mit der entsprechenden Sprache, die heute etwas gewöhnungsbedürftig ist. Die Wortwahl wie exemplarisch das häufig auftauchende ‚Minne‘ und als Verb ‚minnen‘ tun ein übriges dafür, andererseits dieser Stil beim Lesen atmosphärisch sehr schnell in diese Zeit der Reformation zurück, läßt jedoch auch den Geist der großen weiblichen Mystikerinnen des Mittelalters, allen voran natürlich Mechthild von Magdeburg, ahnen [wobei nicht ganz unplausibel spritiuelle und sexuelle Ekstase miteinanderherzugehen scheinen (vgl.: https://books.google.de/books?…20mechthild&f=false)]. von le Fort verarbeitet in ihrer Geschichte mündliche und schriftliche Überlieferung, die Gestalt des Grewe Köppen ist historisch verbürgt (z.B. hier: http://www.unseres-herrgotts-kanzlei.de/Reformation.htm),

Mir hat das Buch bei der Lektüre die Zeit der Reformation ein wenig lebendiger werden lassen. Es waren eben nicht nur die an die Kirchentür geschlagenen Thesen Luthers, es kam auch zu gewalttätigen Akten wie diesem der Geschichte zugrunde liegenden Bildersturm. Und die Moral von der Geschicht‘: man sollte sich, auch wenn man Grund hat, selbstbewusst zu sein, davor hüten, vorschnell zu verurteilen und den Rat anderer in den Wind zu schiessen… als Facit kann ich festhalten, daß diese Erzählung natürlich eine ‚exotische‘ Lektüre abseits der ausgewiesenen Literaturpfade war, aber eine interessante auf jeden Fall. Es ist, wenn man so will, eine Möglichkeit, dem hektischen Alltag für ein paar Stunden zu entkommen, zu entschleunigen und abschalten. Something completely different zum Tagesaktuellen eben.

Gertrud von le Fort
Die Abberufung der Jungfrau von Barby
Erstveröffentlichung: Beckstein Verlag, München, 1940
diese  Ausgabe: Ehrenwirt Verlag, München, ca. 90 S., o.J.

 

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3 Kommentare zu „Gertrud von le Fort: Die Abberufung der Jungfrau von Barby

    1. rainer zufall. ich hatte irgendwann mal zwei schriftstellerinnen verwechselt und das erst gemerkt, als mir dieses buch ins haus geflattert ist…. ;-) frag jetzt bitte nicht, mit wem ich sie verwechselt habe…. ich glaube, mit Sophie von La Roche. klingt ja auch so ähnlich. *lol*

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