Aubrey Beardsley: Erotische Novelle

24. November 2015

Portrait of English illustrator Aubrey Beardsley (August 21, 1872 – March 16, 1898) by photographer Frederick Hollyer.

Portrait of English illustrator Aubrey Beardsley (August 21, 1872 – March 16, 1898) by photographer Frederick Hollyer.

Aubrey Beardsley, der schon im Alter von fünfundzwanzig Jahren an Tuberkulose starb, ist uns eher als Grafiker und Buchillustrator bekannt, eine Bildersuche in einer der bekannten Suchmaschinen zeigt seine dem Jugendstil verwandten Illustrationen, die häufig erotischen Motive aufweisen, Beispiele dafür sind Bücher von Oscar Wilde wie Salome, aber auch antike Stücke wie Aristophanes Lysistrata [1]. Sein künstlerischer Einfluss reicht über England hinaus, in Deutschland ist beispielsweise Heinrich Vogeler von ihm beeinflusst worden [2].

Als Dichter ist Beardsley nicht so bedeutend, sein schriftstellerisches Werk erschöpft sich in dieser Erotischen Novelle. In ihr greift er als Wagner-Verehrer den Mythos um Tannhauser und Venus, die im Venusberg lebt, auf. In diesem Mythos verbringt ein Ritter, eben jener Tannhauser, sieben Jahre bei Venus [3]:

1. Nun will ich aber heben an,
Tannhauser zu besingen
und was er wunders hat getan
im Venusberg darinnen.

2. Und wie er kam vor’n Venusberg,
da klopft er an die Pforte:
„Frau Venus, lasst mich freundlich ein,
mich verlangt nach diesem Orte!“

3. Dort blieb er sieben Jahre lang
und lebt in Freud’ und Liebe;
ein Sünder wurde er genannt,
dem der Himmel verschlossen bliebe.

Nach dieser Zeit verläßt Tannhauser den Berg und reist zum Papst, um dort um Vergebung seiner Sünden zu bitten. Diese Vergebung verweigert ihm der Papst mit den Hinweis, daß eher dieser dürre Pilgerstab wieder ergrünen würde. Darauf kehrt Tannhauser zurück in den Venusberg und nach drei Tagen geschieht das Wunder: der Pilgerstab schlägt aus, doch Tannhauser wird nicht mehr gefunden. Und die Moral von der Geschichte:

11. Drum sollt kein Papst, kein Kardinal
den Sünder nicht verdammen!
Der Sünder sei groß, wie er will,
Gott schenkt ihm Gnade – Amen!

beardsley cover


Beardsley hat seine Novelle in eine spätere Zeit als die, in der diese Volksballade spielt, angesiedelt, es ist ein Zeitalter der Ausschmückung, der Kleidung, der Frisuren, des Schminkens: eine Area des Äußeren, des Scheins. So auch beim Chevalier Tannhäuser [5]… dieser war von seinem Pferd gestiegen und säumte unschlüssige einen kleinen Augenblick im schattigen Torweg des mysteriösen Hügels; ihn bannte die höchste Furcht, des Reisetags Mühsal möge die sorgsam abgestimmten Einzelheiten seines Anzugs allzu grausam aus ihrer Harmonie gebracht haben. Seine Hand, schmal und graziös wie die der Marquis du Deffand in der Zeichnung von Carmontelle, strich nervös über das goldene Haar, das wie eine feingelockte Perücke auf die Schultern niederfiel, … Ich habe diesen den Text einleitenden Satz hier zitiert, weil er mehrerlei zeigt: zum einen die blumige, ja schwülstige Sprache, derer sich Beardsley bedient, zum zweiten seine vielfältigen Bezüge auf Personen wie hier die Marquis du Deffand (die eine französische Saloniere im Zeitalter der Aufklärung war, 1697-1780 [4]) bzw. den französischen Maler Carmontelle, 1717-1806) und in der Gesamtheit natürlich die artifizielle Art, sich zu kleiden und zu geben.

Doch trotz kleiner festzustellender „Unebenheiten“ in der äußeren Erscheinung, die – so seine Hoffnung – die an Vollkommenheit gewohnte Göttin, gerade ihrer Unvollkommenheit und der damit verbundenen Abwechselung wegen, nicht erzürnen mögen, folgt der Chevalier dem Säuseln aus dem Inneren des Berges, welches zart wie ein Atemzug …. fremdartig und seltsam wie die Märchen des Meeres … klingen und so überschreitet er die Schwelle zum Reich der Göttin mit der Bewunderung erweckender Sicherheit und der harmonischen Anmut eines Don Juan.. Ein Reich, welches uns der Autor samt seinen Bewohner in den farbenprächtigsten und wohlgesetztesten Worten beschreibt.

Venus selbst trifft er vor dem Toilettentisch an, in einem zierlichen Nachtgewand, umgeben von ihrem Hofstaat, dem Coiffeuer Cosmè, den Lieblingdienerinnen Pappelarde, Blanchemains und Loreryne, den Günstlingsknaben Claude, Claire und Sarrasine und vielen, vielen anderen mehr….. Priapusa fällt etwas aus dem Rahmen, bildet ein Gegengewicht zu all dieser Schönheit, gleichwohl wird auch sie, die fettige Maniküre und Schminkkünstlerin im Laufe des Abends noch zu ihrem Anteil kommen, einem Maul voll, gespendet vom Chevalier….

Derart herausgeputzt begibt sich die Gesellschaft des Abends zum Souper, das Beardsley entsprechend schwülstig ausmalt. Aber auch in dieser, einer einem Märchen gleichenden Art geschilderten Umgebung, in der Schmetterlinge, Nachtfalter und Blüten Zartheit und Leichtigkeit andeuten, macht der Autor im Fortgang der Geschichte nicht unbedingt beim Blümchensex halt, in entsprechend verklausulierten Formulierungen geht es auch an der einen oder anderen Stelle etwas „dirty“ zu….

Aber das mag jeder, der eventuell neugierig geworden ist, ja selbst herausfinden….

… der Text Beardleys jedenfalls ist kurz, keine Hundert Seit“chen“, er hat auch kein wirklichen Abschluss, als sei er irgendwo abgebrochen worden. Ein Ende gemäß der Ballade gemäß Strophe 11 ist nicht in Sicht, im Gegenteil, schien die letzte Szene der Novelle einen neuen Akt des Vergnügens und der Lustbarkeiten einzuleiten, erscheint doch ein Unflat auf der Bühne…

beardsley-beispiel

Die erste Übertragung ins Deutsche fand wohl 1908 als Privatdruck statt. Diese Ausgabe der Erotischen Novelle, die ich hier vorgestellt habe, ist mit einigen Illustrationen geschmückt, das Vorschaubildchen ist noch einmal ein Beispiel für den Stil Beardleys, wobei diese Illustration im Gegensatz zu den anderen im Buch eine sehr nüchterne und klare Linienführung aufweist.

Links und Anmerkungen:

[1] entweder macht man auch eine Bildersuche oder man schaut sich zum Beispiel diesen Blogbeitrag an: https://mywordlyobsessions.wordpress.com/2012/02/19/book-review-salome-by-oscar-wilde/
[2] Wiki-Beitrag zu Beardsley: https://de.wikipedia.org/wiki/Aubrey_Beardsley
[3] Wiki-Beitrag zum Tannhauser-Mythos: https://de.wikipedia.org/wiki/Tannhauser
[4] alle solche kurzen Angaben sind den entsprechenden Wiki-Artikeln entnommen
[5] Im Buchtext wird der Name des „Helden“ mit „Tannhäuser“ angegeben, nach Wiki ist jedoch eher der Begriff „Tannhauser“ zu verwenden, um Verwechselungen mit dem realen Minnesänger zu vermeiden. Auch mutiert der „Venusberg“ des Mythod (https://de.wikipedia.org/wiki/Venusberg_(Sage)) in diesem Text auch schon mal zum (zugegebenermaßen naheliegenden) kleinen Bruder, dem Hügel.

Bildquellen: aus der Wiki bzw. vom Schutzumschlag, nach Angaben der Wiki sind die Bilder gemeinfrei, da der Urheber seit über 70 Jahre tot ist.

Mehr erotische Literatur wird im Themenblog:           https://erotischebuecher.wordpress.com vorgestellt.

Aubrey Beardsley
Erotische Novelle
Übersetzt aus dem Englischen von ?
Originalausgabe: ?
diese Ausgabe: HC, Eichborn (Erotische Reihe), mit 9 Illustrationen, ca. 95 S., 1991

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One Response to “Aubrey Beardsley: Erotische Novelle”


  1. Ich habe gleich zu einem der drei älteren Bücher, die ich habe gegriffen, Das Bildnis von Dorian Gray, von 1922. aber der Grafiker hier war Lucian Zabel. An die Vignetten und Illustrationen von Beardsley kann ich mich aber noch lebhaft erinnern. Danke für diesen Hinweis…

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