Thomas Mann: Der kleine Herr Friedemann

12. Oktober 2014

Thomas Mann: Der kleine Herr Friedemann. Novellen.  Berlin: S. Fischer 1898, 198 Seiten. Erstausgabe  Bildquelle: [B]

Thomas Mann: Der kleine Herr Friedemann. Novellen.
Berlin: S. Fischer 1898, 198 Seiten. Erstausgabe
Bildquelle: [B]

Der kleine Herr Friedemann ist eine kurze Novelle Thomas Manns, mit der dieser 1898 seine erste Buchveröffentlichung hatte, nachdem die Geschichte schon ein Jahr zuvor in der Neuen Deutschen Rundschau abgedruckt worden war. Sie handelt – das überrascht nicht weiter – von Herrn Friedemann, dessen Schicksal sich schon in frühesten Tagen entschied und dies nicht zu seinem Gunsten. Die Amme hatte die Schuld – es nutzte nichts, darum herum zu reden. Mit vom Alkohole stumpf gewordenen Blick saß sie neben dem wimmernden, kaum einen Monat alten Johannes, der vom Wickeltisch auf den Boden gestürzt war. Eine Krankheit war die Folge, ernstliche Besorgnis bei der Mutter, die – schon durch den kürzlichen Tod ihres Mannes erschüttert – mit ihren drei Töchtern kaum die Hoffnung noch aufbrachte, der Knabe möge am Leben bleiben. Doch nach ein paar Tagen konstatierte der Arzt die Besserung des Zustandes und Johannes schien soweit gerettet, allenfalls eine Gehirnaffektion werde zurückbleiben und man müsse jetzt das Beste hoffen….

Die folgenden Jahre wuchs Johannes heran, doch zeigte sich bald, daß er klein bleiben sollte, gleichfalls bot er, beobachtete ihn die Mutter beispielsweise beim Spiel im Garten, einen höchst seltsamen Anblick mit seiner spitzen und hohen Brust, seinem weit ausladenden Rücken und seinen viel zu langen, mageren Armen.

Johannes ging zur Schule, er lernte dort gut, Freunde jedoch hatte der Verwachsene keine. Auch als die erste Schwärmerei für ein Mädchen, das ihm gefiel und ein bislang ungekanntes Gefühl in ihm weckte, nicht günstig für ihn ausfiel, war dies ein entscheidender Augenblick in seinem Leben: er beschloss innerlich, sich diesem Aspekt des Lebens zu versagen, weiteren Enttäuschungen damit vorzubeugen.

Nach der Schule lernte Johannes bei einem Kaufmann, nach dem lange betrauerten Tod der Mutter lebte er weiterhin zusammen mit seinen drei unverheirateten Schwestern, die ihn an Weibes statt umkümmerten. Ein paar Jahre darauf übernahm Herr Friedemann ein kleines Geschäft, das ihm aber nicht allzuviel seiner Zeit kostete. Seine Leidenschaft war die Kultur geworden, insbesondere der Besuch des Theaters, in dem er dem Leben, das er nicht führen konnte, beiwohnte, ferner spielte er selbst leidlich gut die Violine.

Der dreißigste Geburtstag sah unseren Herrn Friedemann in einer Stimmung, die von heiterem, zufriedenem Gemüt gekennzeichnet war. Wohl war sein Leben in besonderer Weise zu leben, doch hatte er sich dort gut eingerichtet und war mit den Umständen, unter denen er zu leben hatte, wohl einverstanden. Er erwartete nichts Besonderes mehr, die nächsten Jahre würden in ruhigem Gleichklang vergehen wie die letzten es ihnen wohl vorgemacht haben.

Doch sollte er sich täuschen.

Im selben Jahre noch wechselte in der Stadt der Bezirkskommandant. Oberstlieutnant von Rinnlingen hieß der neue, kinderlos verheiratet mit einer Frau, die im Städtchen für Gespräch, für Tuschelei sorgte ob ihres Benehmens und ihrer Sitten, die sie aus der Hauptstadt wohl mitbrachte. Es ließ sich nicht vermeiden und war ganz natürlich, daß auch Herr Friedemann dieser Dame, die des öfteren mit einer Kutsche ausfuhr, bei einer dieser Fahrten angesichtig wurde und dieser Anblick, dieser Eindruck, den Frau von Rinnlingen hervorrief, weckte das in Herrn Friedemann, was seit Jahrzehnten nun schon sorgsam in einem Winkel seines Herzens versteckt war: ein Gefühl, eine Verwirrung, eine Attraktion, ein Begehren auch…

Man musste gesellschaftlich miteinander verkehren, besuchte sich der Höflichkeit und des Kennenlernens halber, traf sich im Theater… Frau von Rinnlingen legte mal zuneigende Höflichkeit an den Tag, dann wiederum schien sie in abweisend und hart… in Herrn Friedemanns Herz jedoch fing der Aufruhr immer stärker an zu toben und anläßlich eines geselligen Abends bei den von Rinnlingens quoll es letzlich über. Doch verwundert es wenig, daß Frau von Rinnlingen das seltsam anmutende Geständnis Herrn Friedemanns und das dieses begleitende und untermalende Verhalten (ein Hinsinken vor ihr auf den Boden – man bei der abendlichen Schlenderei mittlerweile an einer Bank am See angelangt -, ein Ergreifen ihrer Hand und das Ablegen seines Kopfes in ihren Schoß) nicht erwiderte, nein sie ihn sogar mit einem kurzen, stolzen, verächtlichen Lachen von sich stieß wie einen räudigen Hund…

Ekel, Demütigung, Hass… Herrn Friedemanns Welt, sein inner Friede, war zerstört – und der See, das Ufer lagen nur wenige Schritte vor ihm…


Vor ein paar Wochen stellte ich hier eine bekanntere Novelle Manns vor: Der Tod in Venedig. Ebenso wie das Leben von Herr Friedemann endet auch diese Geschichte des Herrn von Aschenbach mit dem Tod, einem Tod, der als versteckter Suizid interpretiert werden kann (versteckt, weil von Aschenbach wissentlich das hohe Risiko der Infektion in Kauf genommen hatte), während Herr Friedemann direkter sich selbst im Affekt den Tod gab. Doch es gibt noch weitere Gemeinsamkeiten in beiden Texten, denn sowohl von Aschenbach als auch Friedemann hatten sich im Grunde in ihrem Leben eingerichtet, sie waren etabliert, hatte ihre Leidenschaften: es war ein Leben geworden ohne besondere Aufregungen und Höhepunkte. So sollte es bleiben.

Dann tritt etwas in ihr Leben, das sie von diesem schon seit vielen Jahren verbannt hatten: ein Gefühl, eine Liebe, eine verbotene, unmögliche Liebe, auf die sie beide in ähnlicher Weise reagieren, mit einem selbstzerstörerischen, sich selbst erniedrigendem Verhalten nämlich, welches letztlich – auf die eine oder andere Weise – ihren Tod bedingt, zumindest mit bedingt.

Im Klappentext des Buches wird Mann zitiert mit der Äußerung, daß diese kleine, melancholische Geschichte für ihn selbst ein Durchbruch in der literarischen Welt dargestellt habe, und daß das Grundmotiv, das sein gesamtes Werk durchziehe, hier zum ersten Mal auftauche. Ich gehe davon aus, mit diesem Grundmotiv sind die tief uns Innere verbannten Sehnsüchte gemeint, die im normalen Leben beherrscht werden, die aber jederzeit unbeherrschbar werden und das Kommando übernehmen können, wenn sie durch ein – möglicherweise an sich unbedeutenes und nur in Verbindung mit eben dieser Sehnsucht wichtiges – Ereignis wieder hervorgerufen werden. Hinter dieser verdrängten Sehnsucht (alle Mann-Experten mögen mir verzeihen, wenn ich mir anmaße, das mutzumaßen) könnte Sexuelles stehen, zumindest in den beiden Novellen, auf die ich hier kurz eingegangen bin, deutet sich das an.


Der kleine Herr Friedemann ist ein kurzer Text, ich denke nicht, daß man länger zum Lesen braucht als eine Stunde. Die mir vorliegenden Ausgabe ist als Buch einfach sehr schön, sie ist in der edition gutenberg der Büchergilde erschienen und mit Illustrationen von Karl-Georg Hirsch bebildert. Ein Schmuckstück als Buch und als Text ein lohnender!

 

Links und Anmerkungen

Text der Novelle in der Version der Ausgabe von 1898: http://www.gutenberg.org/files/36766/36766-h/36766-h.htm

Weitere Buchvorstellungen von Th. Mann bei aus.gelesen:

Lotte in Weimar: https://radiergummi.wordpress.com/2014/06/25/thomas-mann-lotte-in-weimar/
Der Tod in Venedig: https://radiergummi.wordpress.com/2014/08/18/thomas-mann-tod-in-venedig/

[B]ildquelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Der_kleine_Herr_Friedemann; «Wikimedia: Foto H.-P.Haack» [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Thomas Mann
Der kleine Herr Friedemann
mit Illustrationen von Karl-Georg Hirsch
Erstveröffentlichung als Buch: Fischer, 1898
dieses Ausgabe: Büchergilde Gutenberg, HC, ca. 100 S., 2000

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3 Responses to “Thomas Mann: Der kleine Herr Friedemann”

  1. fraupixel Says:

    Ich bin großer Mann Fan! Tolle Rezension, ich hab den Eindruck, du fängst mit deiner Sprache den Stil des Textes ein. :-) hat Spaß gemacht den Post zu lesen. Der Vergleich ist auch interessant.

    Gefällt 1 Person


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