Adalbert Stifter: Bergkristall

24. Dezember 2015

Adalbert Stifter Bildquelle [B]

Adalbert Stifter
Bildquelle [B]

Adalbert Stifter wurde 1805 im Südböhmischen als Sohn eines Leinwebers und Garnhändlers geboren und kam erst spät zum Schreiben, da er sich zuvor dem Malen gewidmet hatte. Sein Kennzeichen sind realistische Naturbeschreibungen, die vorliegende Erzählung Bergkristall ist eine von mehreren, die er 1853 unter dem Übertitel Bunte Steine zusammengefasst und veröffentlich hat und deren Inhalt meist Kindergeschichten mit einfacher Handlung sind. Er nennt sie selbst Spielereien für junge Herzen, die nicht einmal Tugend und Sitte predigen werden,…. wie es gebräuchlich ist, sondern sie sollen nur durch das wirken, was sie sind. [1]

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Ein Blick in „mein“ Kirchlein, in dem ich immer vorlese, auch diese Geschichte wieder

Bergkristall ist zumindest mir davon die bekannteste Erzählung, sie ist wohl auch eine der klassischen Weihnachtserzählungen, hieß in der Erstfassung auch Der Heilige Abend [3]. Ich habe mir den Text für meine alljährliche Lesung Zwischen den Jahren ausgesucht, mit der ich in meiner Kirchengemeinde das alte Jahr (lesetechnisch) noch einmal in gemütlicher Atmosphäre und ganz nostalgisch-besinnlich ausklingen lasse, begleitet übrigens von einer guten Freundin, die Harfe und Mondola meisterlich beherrscht. Die letzten zwei Jahre hatte ich bei dieser Gelegenheit Dickens mit seinem Chrismas Carol  [2] sowie ein Jahr früher einige Geschichten von Peter Rosegger gelesen. Dieses Jahr also Bergkristall.


Wie gesagt, es ist von der Handlung her eine einfache Geschichte. Sie spielt in den Bergen und führt uns ein ein abgelegenes Bergdorf namens Gschaid. Einführend beschreibt Stifter dieses Dorf und auch die Berge rundherum, ebenso charakterisiert er das Leben und vor allem die Menschen, die dort leben. Diese Beschreibungen haben wenig romantisches, sie sind realistisch, liest man beispielsweise die Passagen, in denen er die Bergwelt beschreibt, baut sich vor dem geistigen Auge langsam eine Landschaft auf, wie sie tatsächlich ausgesehen haben mag.

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Wichtig für die Geschichte ist der Schuster des Dorfes. In seiner Jugend ein – nach damaligen Maßstäben – unangepasster Mensch, der sich erst einmal umschaut, seine eigenen Wege sucht und sich geradezu nonkonformistisch verhält (einen grünen Hut anstelle eines schwarzen trägt!), ein junger Mann, der auch seinen Vergnügungen nachgeht anstatt nur zu arbeiten. Doch er ändert sich, wird fleißig und ein geachteter Mann in Gschaid und auch in anderen Dörfern. Trotzdem ist der Färber aus dem drei Fußstunden über einen Pass durch die Bergwelt entfernten Nachbarort Millstadt nicht bereit, dem Freien des Schusters um seine Tochter nachzugeben. Erst als die Mutter sich für die beiden jungen Leute (wobei nichts darüber steht, was die junge Frau überhaupt empfindet oder will) einsetzt, gibt der Färber nach und sein Einverständnis zur Hochzeit. Wobei er aber den Standpunkt vertritt, ein rechter Mann müsse selbst für seine Frau und seine Familie sorgen, die Tochter bekommt daher nur das aus dem Elternhaus mit, was gesellschaftlich geboten ist, nichts darüber hinaus. Aber da der Fleiß des Schusters und seine gute Arbeit ihn hinreichend wohlhabend gemacht haben, ist diesem das recht.

Im Lauf der Jahre bekommt das Paar zwei Kinder, den Knaben Konrad und das Mädchen Susanna, genannt Sanna. Doch da sich die Lebensverhältnisse der Schusterfamilie stark von denen der übrigen Gschaider unterscheiden und sich Mutter und Kinder auch viel zu den Großeltern nach Millstadt orientieren, bleiben sie immer so ein wenig fremd im Ort.

Eines schönen Jahres um Weihnachten bekommen die Kinder (Konrad ist ein verständiger, besonnener Junge) die Erlaubnis, da auch das Wetter gut ist, die Großmutter in Millstadt zu besuchen. Freudig machen sie sich auf den Weg, den Stifter uns ausführlich beschreibt. Besonders auch die Wegmarke, den umgefallenen, morsch gewordenen Pfahl auf dem Grat, den sie queren müssen, eine Erinnerung an einen Bäcker, der sich dereinst im Winter verlaufen hatte und vier Monate gefroren an Ort und Stelle hockte, bis man ihn auffand.

Früh schickt die Oma die Kinder wieder zurück nach Gschaid, be“laden“ mit Paketen, die Geschenke enthalten und auch Wegzehrung. Und schon bald nach ihrem Aufbruch fängt es an, leicht zu schneien. Was ein Spaß, die fallenden Flocken! Doch bald wird der Schneefall heftiger, bedeckt das Weiß die Bäume und die ganze Landschaft. So heftig wird er, daß die Kinder die Bäume am Wegrand nicht mehr sehen können… und müssten sie nicht schon längst an der Wegmarke sein? Sie stapfen weiter, immer Geradeaus, ganz sicher würden sie hinter der nächsten Ecke den Weg finden, der bergab ins Tal, nach Hause führt… Ja, Konrad. Sanna ist tapfer, sie vertraut ihrem Bruder, der ihr Zuversicht zu geben versucht.

Es geht immer nur bergan, sie finden keinen Weg nach unten. Sie kommen an Geröllfelder, sie erreichen die Zone des Eises, das auch im Sommer nicht wegtaut, das sie bläulich und grünlich schimmernd im Sommer vom Ort aus erblicken können…. Schon längst ist die Sonne nicht mehr zu sehen und bald überfällt sie die Dunkelheit. Doch sie haben ein wenig Glück: es geht kein Wind, der Schnee fällt senkrecht nach unten und so ist es unter dem Dach, das die großen Steine bilden, auf die sie treffen, trocken und windstill.

Hier erwarten sie die Nacht. Konrad weiß, daß sie nicht schlafen dürfen in dieser Eiseskälte, sonst würden sie erfrieren und er hält seine Schwester wach. Gottseidank hat die Oma für die Mutter einen starken Kaffeesud mitgegeben, den sie trinken können, der wärmt von innen und er hält die Augen offen…

Sie überstehen die Nacht und stapfen am nächsten Morgen weiter durch den Schnee, finden aber auch in der Helligkeit des neuen Tages keinen Weg, der ins Tal führt. In irgendein Tal, von dem aus sie sich nach Gschaid durchfragen könnten. Sie haben sich hoffnungslos verirrt im Gebirge. Hoffnungslos? Da erblickt der Knabe in weiter Ferne etwas, was zuckt und lebt wie eine Flamme… und sie meinen, Stimmen zu hören.. und sie schreien selbst, so laut sie können und die „Flamme“ kommt näher, entpuppt sich als rote Flagge, die sie kennen…. ein Suchtrupp aus dem Ort hat sie gefunden, weitab vom richtigen Weg….

So kehren sie glücklich zurück in den Ort, aus dem viele sich auf die Suche gemacht hatten, genau wie auch der Färber aus Millstadt, dem man vom Vermissen der Kinder berichtet hatte. Zum ersten Mal geht dieser daraufhin mit nach Gschaid. Gut haben die beiden Kinder das Abenteuer überstanden, das so böse hätte ausgehen können… und etwas verspätet holen sie die Weihnachtsnacht nach und die Bescherung und von nun an waren sie und die Mutter keine Fremden mehr im Dorf, sondern wurden als Gschaider angesehen.


Bergkristall hat im Grunde zwei Schwerpunkte. Stifter beginnt mit einer genauen Beschreibung von Landschaft und Gebräuchen der Gegend, in der die Erzählung spielt. Dabei beginnt er mit der Bedeutung der großen christlichen Feste Ostern und Weihnacht für die Menschen und schildert die Art und Weise in der vor allem das Weihnachtsfest gefeiert wird. Mit der Schilderung der Landschaft, der Berge, des Bergrückens „Hals“, über den die Kinder später in das Nachbardorf wandern müssen, bereitet er die Bühne für seine nachfolgende Geschichte von Konrad und Sanna. Die Landschaftsbeschreibungen sind genau und realistisch und lassen beim Lesen einen bildhaften Eindruck der Berge entstehen.

Er beschreibt auch die Menschen dieser Gegend, die zumeist arm sind und viel arbeiten müssen, um sich ihren Lebensunterhalt zu sichern. Hilfreich ist für sie der aufkommende (lokale?) Tourismus, bei dem sie sich zum Beispiel als Bergführer verdingen können, was ihnen Ansehen auch untereinander sichert. Auch Handwerker profitieren davon, als Beispiel sei der Schuster genannt, der passendes Bergschuhwerk an die Fremden verkaufen kann.

Unterschwellige Kritik ist aber auch im Text verborgen. Denn prinzipiell sind die Menschen dem Neuen gegenüber skeptisch eingestellt. Sie bilden eine eigene Welt und … sind sehr stetig, und es bleibt immer beim alten. Wenn ein Stein aus einer Mauer fällt, wird derselbe wieder hineingesetzt, die neuen Häuser werden wie die alten gebaut, die schadhaften Dächer werden mit gleichen Schindeln ausgebessert, und wenn in einem Hause scheckige Kühe sind, so werden immer solche Kälber aufgezogen, und die Farbe bleibt bei dem Hause.

So wird auch der junge Schuster verständnislos angesehen, der nach der Schule und dem Lernen etwas in der Welt herumgezogen war und nach der Rückkehr statt, wie es sich für einen Gewerbsmann ziemt, und wie sein Vater es zeitlebens getan hat, einen schwarzen Hut zu tragen, tat er einen grünen auf, steckte noch alle bestehenden Federn darauf und stolzierte mit ihm und mit dem kürzesten Lodenrocke, den es im Tale gab, herum, während sein Vater immer einen Rock von dunkler, womöglich schwarzer Farbe hatte, der auch, weil er einem Gewerbsmanne angehörte, immer sehr weit herabgeschnitten sein mußte. Das klingt wahrlich nicht nach revolutionärer Grundstimmung in der Bevölkerung.

Genausowenig wie man behaupten kann, die Stellung der Frau wäre auch nur annäherungsweise emanzipiert und gleichberechtigt. Daß des Schusters Auserwählte als Charakter praktisch gar nicht ausgeführt wird, ist ein Zeichen dafür, für sie muss reichen, daß der Schuster sie heiraten will – ob sie es auch will, ist so unwichtig, daß es nicht erwähnt wird. Auch fügt sie sich anscheinend ohne Widerspruch in den Willen des Vaters, der sie praktisch ans Haus fesselt, um sie vom Schuster fern zu halten. Natürlich ist sie eine gute Mutter und wird auch dem Mann eine „gute“ Frau sein, dies kann man wohl voraussetzen. Über beide „Susannas“ sagt Stifter: ….das Mädchen Susanne, nach ihrer Mutter so genannt, oder wie man es zur Abkürzung nannte, Sanna, hatte viel Glauben zu seinen [i.e. Konrad] Kenntnissen, seiner Einsicht und seiner Macht und gab sich unbedingt unter seine Leitung, gerade so wie die Mutter sich unbedingt unter die Leitung des Vaters gab, dem sie alle Einsicht und Geschicklichkeit zutraute. Von der Tochter Sanna jedenfalls ist nicht viel mehr zu hören als ein stetes: Ja, Konrad.

Die Natur ist das Beherrschende in dieser Welt, die Stifter uns beschreibt. Die hohen Berge, die das Tal und auch das Leben der Menschen umgrenzen und bestimmen, der Mensch ist ihnen noch weitgehend ausgeliefert, der erwähnte Bäcker erfror des Winters in der Natur, eine Mahnung für alle. Aber die Natur rettet auch: nicht die Säule, das Menschenwerk, rettet die Kinder, sie ist morsch, umgefallen und nutzlos, nein: die Natur bietet ihnen Schutz in dem Unterstand, den die Steine ihnen für die Nacht bieten.

Und am nächsten Morgen, dem Morgen nach der Weihnacht, geht die Sonne auf und die Kinder, dem Tod entronnen (und damit in einer Art Wiedergeburt) gehen mit neuem Mut dem Tag entgegen und werden auch bald gerettet. Nimmt man dieses als Bild für die Geburt Jesus in dieser Nacht, passt auch schön, daß die Kinder (Jesu) nach dieser (Wieder)Geburt keine Fremden mehr sind, sondern sie sind in den Herzen der Einheimischen aufgenommen.

Es ist eben eine Weihnachtsgeschichte, die den Hörern bzw. Lesern Hoffnung und Freude bescheren soll….

An einer Stelle ist Stifter jedoch ein kleiner logischer Fehler unterlaufen. Die Kinder dürfen ja zur Oma wandern, weil das Wetter so gut ist. Unterwegs jedoch sagt Konrad zu seiner Schwester, daß man schon am Morgen an der Sonne hätte sehen können, daß Schnee fallen würde….

Falls sich jemand eine ausführliche Analyse des Textes zu Gemüte führen will: dies ist (von den vielen, die man im Netz findet) mir als die ausführlichste erschienen, sie stammt aus den Reihen der Uni Düsseldorf [5].

So, und jetzt freue ich mich auf meine eigene Lesung, weil, das ist nämlich immer eine wirklich schöne, ruhige, etwas nostalgische Atmosphäre….

Links und Anmerkungen:

[1] Adalbert Stifter: Bunte Steine (Vorrede) ; http://gutenberg.spiegel.de/buch/bunte-steine-197/1
[2] Charles Dickens: Der Weihnachtsabend;  https://radiergummi.wordpress.com/2012/11/30/charles-dickens-der-weihnachtsabend/
[3] zu Adalbert Stifter:  http://www.adalbertstifter.at/Werke.htm sowie der Beitrag in der Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Adalbert_Stifter
[4] Text im Projekt Gutenberg:  http://gutenberg.spiegel.de/buch/bunte-steine-197/22
[5] und wer das Werk voll durchgedeutet haben möchte, dem sei diese Quelle empfohlen: http://wwwalt.phil-fak.uni-duesseldorf.de/germ4/tepe/tepeSite/mim/editionMIM/a02_jr_berg/jr_berg53.htm

Bildquelle:

Portraits: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Adalbert_Stifter_photo.jpg, Lizenz: gemeinfrei

Adalbert Stifter
Bergkristall
Erstausgabe: 1853 (im Rahmen der Sammlung Bunte Steine); 1845 unter dem Titel Der heilige Abend in der Zeitschrift Die Gegenwart
diese Ausgabe: Adalbert Stifter: Erzählungen, mit Illustrationen von Kurt Eichler,
Union Verlag Berlin, 1964, HC, ca. 350 S., 

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