Irène Nèmirovsky: Herbstfliegen

Irène Némirovsky war Kind gutsituierter Juden in Kiew, wo sie 1903 geboren wurde. Sie, die zu Hause ungeliebt und vernachlässigt wurde, begann früh zu schreiben, in die Welt der Gedanken und Worte zu wechseln. In der russischen Oktoberrevolution 1918 nutzte die Familie die Gelegenheit zur Flucht, vorerst nach Finnland, später dann ließen sie sich in Paris nieder. Dort studierte Irène Nèmirowsky Literaturwissenschaften, veröffentlichte Bücher und wurde zur anerkannten Schriftstellerin, die das Leben und die Gesellschaft liebte. Als Jüdin fiel sie nach der Okkupation Frankreichs durch die Nazis unter die Rassengesetze, der Übertritt zum Katholizismus, den sie 1939 vollzog, schützte sie nicht. Ihr großes Epos, Suite française [2], konnte sie nicht mehr vollenden. 1942 wurde sie interniert und nach Auschwitz deportiert, wo sie ermordet wurde [1]. Die zwei Töchter aus ihrer Ehe konnte sie in Sicherheit bringen.

herbstfliegen cover


Herbstfliegen ist eine kleine, aber sehr feine Erzählung über das Schicksal einer wohlhabenden russischen Familie, die (wie auch die Autorin mit ihrer Familie) den Wirren der Oktoberrevolution in Russland durch Flucht zu entkommen versuchte.

Némirowsky erzählt diese Geschichte in Bildern, die wie Szenen jeweils entscheidende Momente der Handlung wiedergeben.

Die Geschichte setzt im tiefen Winter, zu Weihnachten des Jahrs 1916 ein. Die beiden älteren Söhne der Familie, Kirill und Juri, sind einberufen worden und feiern ihren Abschied von zuhause mit einem rauschenden Fest. Die alte Dienerin Tatjana Iwanowna, die seit über einem halben Jahrhundert bei den Karins ist und als Amme den Vater Nikolai Kirillowitsch, seine Brüder und seine Kinder aufgezogen hat, hat den beiden die Koffer gepackt. Wehmütig läßt sie ihre Gedanken in die Vergangenheit zurück schweifen, die Zukunft scheint ihr wenig Aussicht auf Hoffnung zu geben. Einst, so denkt sie schwermütig, fand Alexander Kirillowitsch den Tod in einem Krieg, im Krieg 1877 gegen die Türken.. und auch jetzt ist die Stimmung von dunklen Ahnungen getrübt, es ist eine traurige Zeit….

Die Karins müssen fliehen, nicht vor dem Krieg, in den die Söhne zogen, sondern vor den „Roten“, die gegen die „Weißen“ revoltieren. Schon einige Monate lebt Tatjana allein im verbarrikadierten Haus der Familie, sah am Horizont Dörfer aufflammen, erlöschen und wieder lodern [—] jedesmal, wenn sie von den Roten in die Hände der Weißen und dann wieder in die der Roten fielen. Die kostbarsten Edelsteine der Familie hatte die Alte in den Saum ihres Kleides genäht.

Bist du es, bist du es, Jurotschka? Ja, die dunkle Gestalt in der Allee des verwildernden Gartens war Juri, zerlumpt, müde und ausgelaugt. Aus dem Gefängnis geflohen war er, erkrankte an Typhus, kämpfte sich durch in sein altes Elternhaus, um ruhig in [seinem] Bett zu sterben, ich bin müde….. Juri starb, ja, das tat er, an diesem Abend noch…. aber nicht in seinem Bett…

Durch einen Boten wird Tatjana von der Familie aufgefordert, nach Odessa zu kommen. Dort findet sie nach einem langem Marsch die Karins in ärmlichsten Verhältnissen, aber die Steine, die sie mitbrachte, ermöglichen der Familie die Überreise nach Europa. Über Konstantinopel und Marseille erreichen sie zu Beginn des Sommers 1920 Paris. Die Geldvorräte Karins nehmen langsam ab und wie im Herbst die Fliegen von einem Fenster zum anderen fliegen, so durchwandern die Karins die Zimmer ihrer kleinen, dunklen Wohnung von einer Wand zu anderen…. aber während sich die Familie mehr oder weniger in die neuen Verhältnisse einleben kann, bleibt die alte Tatjana ihrem Russland verhaftet.. sie vermisst es, dieses Paris ist nicht ihres, soll ich die Koffer der Kinder wieder auspacken? Wann reisen wir wieder ab?…. dieser Winter, der kein Winter ist, der nur Regen bringt, dessen Tropfen am Fenster herunterlaufen wie Tränen, keinen Schnee, keinen Frost zu kennen scheint….. kein Klirren gefrorener Zweige, die der Wind bewegt.. ach, der Schnee, sie vermisst ihn so… stundenlang sitzt die Alte bewegungslos in ihrem Zimmer und starrt in die Ferne… ihr geliebtes Russland, ihren Schnee, das Eis – sie sollte es nicht wiedersehen…


Herbstfliegen ist eine melancholische, elegische Erzählung. Wie ein Maler mit wenigen Pinselstrichen ein Bild skizzieren kann, so entwirft Nèmirovsky mit ihren kleinen Szenen und den wenigen Worten ein Bild von der Entwurzelung der Menschen, die in die Emigration getrieben sind. Während die jüngeren sich von außen gesehen noch umgewöhnen können auf die anderen Verhältnisse, wobei aber ihr Inneres leer bleibt, ist dies der alten Kinderfrau nicht mehr möglich. Deren Seele ist der alten Heimat auf ewig verbunden, diese andere Art, zu leben, die es in Paris gibt, die anderen Art zu wohnen, zu sprechen – all das versteht sie nicht, will sie nicht.

Nèmirowsky fängt all dies, die Melancholie des dräuenden Unglücks in Russland, die Gewalt des Umsturzes, die Trostlosigkeit der Flucht und die Entwurzelung in der Fremde meisterhaft ein. Herbstfliegen: ein Kleinod und der Beweis dafür, daß es, um viel auszudrücken, nicht unbedingt vieler Worte bedarf.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Irène_Némirovsky
[2] Buchvorstellung ihres Werkes Suite française hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com..suite-francaise/

Irène Némirowsky
Herbstfliegen
Übersetzt aus dem Französischen von Eva Moldenhauer
Originalausgabe: Les Mouches d`automne, 1931
diese Ausgabe: Manesse, HC, 95 S., 2008

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