Max Porter: Trauer ist das Ding mit Federn

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Der Mann, Dad, den wir später, an nur einer einzigen Stelle des Buches mit Namen gerufen lesen werden ist mit seinen zwei Jungs allein geblieben, die Mutter, Mum, ist gestorben. Ein Buch über Trauer also, über den unendlichen Verlust eines geliebten Menschen, über den Riss im Herzen, das Loch in der Welt, in das es denjenigen, der zurückbleibt, hineinzieht. Oder, wie es Grossmann nennt: dieses aus der Zeit gefallen sein[1].

Bücher, in denen Trauerschicksale geschildert werden, können unter verschiedenen Blickwinkel geschrieben sein. Man kann beispielsweise nüchtern darstellen, wie sich das Leben geändert hat, welche Probleme auftreten, wie man mit seiner Angst, seiner Einsamkeit, dem Schmerz umgeht – oder dies eben auch nicht schafft. Solche Bücher sind eher über die Ratio zugänglich. Man kann aber auch über andere „Kanäle“ vermitteln, was Trauer bedeutet, das oben erwähnte Buch von Grossmann über einen Vater, der um seinen Sohn trauert ist so ein Beispiel und auch dieses Büchlein (es ist sehr schmal und daher schnell gelesen) würde ich ebenso einstufen: es funktioniert über Wahrnehmung, Gefühl und Intuition.

Krähe und Raben (wir sehen eine Krähe auf den Cover abgebildet) gehören zu den Rabenvögeln und bilden dort eine eigene Gattung[2]. Sie sind mythologische Vögel – außer, daß er mit seinem Gekrächze ganz schön nerven kann: Hugin und Mugin sind wohl allgemein bekannt, Träger von Weisheit, auch dem Apoll war ein Rabe heilig. Später dann, im Mittelalter, änderte sich ihr Image, als Galgenvögel waren sie nicht mehr gut angesehen, auch heute haben sie nicht nur Freunde in dieser Welt. Dieser Ambivalenz begegnen wir auch bei Porter, der seinen drei Protagonisten, zuvörderst aber dem Mann, einen Trauerbegleiter der besonderen Art andient: nämlich eine Krähe.

Diese steht eines Abends vor der Haustür und klopft den Verzweifelten heraus. Keine Gestalt, kein Licht, überhaupt nichts Geformtes, bloß ein Gestank. … Ein starker Verwesungsgeruch strömte herein. … Ein blankes, nachtschwarzes Auge so groß wie mein Gesicht, träge blinzenlnd…. Ich gehe erst wieder, wenn du mich nicht mehr brauchst. … Da ist sie also, diese Krähe, unwiderstehlich angelockt vom vereinsamten Nest der Zurückgebliebenen, denn außer in der Trauer findet sie Menschen langweilig. Und sie bleibt fortan in diesem Nest, nistet sich dort ein, denn mutterlose Kinder sind Krähe pur. Und zum ersten Mal seit Tagen konnte Dad wieder schlafen.

Krähe ist ein anarchischer, wilder Trauerbegleiter, der nichts gibt auf die Meinung der anderen … ja, ich fresse Kaninchenjungen, plündere Nester, schlucke Müll, trotze dem Tod…. He, spieß dich auf. Ein scheiß Haufen vergeudete Zeit. Ein Begleiter also, der keine Rücksicht nimmt auf seine Nestlinge, der sie fordert, der sie mit Witz und Wahrheiten konfrontiert, der ihnen Erinnerungen entlockt und auch wieder Mut zu leben. Der ihnen den Tod der Mutter nicht erspart, diesen sinnlosen Tod aus nichtigem Anlass hervorholt aus den verrammelten Dunkelkammern der Seele, in die sie ihn gesperrt hatten, weil er nicht auszuhalten war.

Dad und die Jungs wachsen an diesen Herausforderungen dieses hochentwickelten Fürsorgeprogramms, das stets an den Grad der Genesung angepasst war. (Wollen wir einmal absehen davon, daß „Genesung“ nach Krankheit klingt und Trauer aber keine Krankheit ist), bis sie und Krähe eines Tages erkennen, daß die Trauer zwar noch da ist und sich stetig ändern wird, aber die ursprünglich damit einhergehende Hoffnungslosigkeit ist überwunden: Tauern wirst du weiterhin, aber dazu brauchst du keine Krähe.

Trauer ist das Ding mit Federn ist ein Buch, das man zulassen muss. Ein Galgenvogel selbst, ein Symbol für Tod, übernimmt es, den Überlebenden dabei zu helfen, ins Leben zurück zu finden. Ein Plädoyer dafür, sich seiner Trauer, dem Tod zu stellen, sie/ihn anzunehmen, sich auf sie/ihn einzulassen, sich führen zu lassen auch von der Wahrnehmung dessen, was jetzt gut für einen ist. Krähe zu akzeptieren bedeutet also gleichzeitig, den Tod zu akzeptieren. Das mag der Ratio widersprechen, unvernünftig aussehen, spontan sein und heftig – alles, was die Hoffnungslosigkeit überwinden hilft, ist gut.

Porter hat mit diesem kleinen Büchlein ein ungewöhnlichen, schönen, lebensbejahenden, anarchischen Ansatz gefunden, mit der Trauer um einen geliebten Menschen umzugehen, und ihn auch witzig in Szene gesetzt. Trauer ist sprunghaft, nicht verläßlich – sie kann von einem Moment auf den anderen verschwinden, nur um sich anzuschleichen und sich ein paar Stunden später wieder auf den Menschen zu stürzen. Trauer ist Wut und Dunkelheit, ist Lebenswille und Todessehnsucht, Trauer ist ungerecht und unfair, Trauer ist Erinnerung an das, was war und Angst vor dem, was werden wird, weil der Verlust von Etwas uns nämlich im Innersten trifft: Trauer ist die wohl größte Herausforderung, der wir Menschen als Individuen uns stellen müssen – müssen, denn meist werden wir nicht gefragt sondern von einer Sekunde in die andere in diese neue Lebenssituation gestellt. Dieser Satz in Porters Buch (den ich weiter vorne schon teilweise zitiert habe) hat mir so gut gefallen, denn er beschreibt genau das, worum es beim Trauern geht, was man verstehen muss und deswegen will ich damit auch meine Besprechung dieses empfehlenswerten Büchleins beenden:

Du hast die Hoffnungslosigkeit überwunden. Trauern wirst du weiterhin, aber dazu brauchst du keine Krähe.

Links und Anmerkungen:

[1] David Grossman: Aus der Zeit fallen; https://radiergummi.wordpress.com/2013/02/19/david-grossman-aus-der-zeit-fallen/
[2] Cord Riechelmann hat ihnen in seinem Buch ein würdiges Denkmal gesetzt: Cord Riechelmann: Krähen; https://radiergummi.wordpress.com/2013/07/05/cord-riechelmann-krahen/

Weitere Buchbesprechungen im Umkreis von Krankheit, Sterben, Tod und Trauer sind in meinem Themenblog zusammengefasst:  https://mynfs.wordpress.com

Max Porter:
Trauer ist das Ding mit Federn
Übersetzt aus dem Englischen von Matthias Göritz und Uda Strätling
Originalausgabe: Grief is the Thing with Feathers, London, 2015
diese Ausgabe: Hanser Literaturverlage, HC, 128 S., 2015

Ich danke dem Verlag über die Überlassung eines Leseexemplars.

 

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