Alberto Moravia: Römische Erzählungen

romische cover

Alberto Moravias Römische Erzählungen sind nicht neu, die italienische Originalausgabe stammt aus dem Jahr 1954. Das Buch enthält – sofern ich mich nicht verzählt habe – 60 Geschichten aus dem Rom der Nachkriegszeit. Es sind Geschichten der Menschen, die „unten“ sind, die arbeitslos sind, die in Hütten hausen oder gar in Höhlen, die sich als Tagelöhner verdingen oder deren Geschäfte schlecht gehen. Sie wollen das gleiche wie alle anderen: leben, satt werden, die Familie ernähren, sich verlieben, etwas Spaß und Freude haben… doch oft sind die Lebensumstände einfach nicht danach: die Menschen sind ungebildet, oft ungelernt und feste Arbeitsstellen sind selten. Manchmal wird ein Bote gebraucht, der ein oder andere kann als Taxifahrer arbeiten oder in einer Werkstatt …. So bleibt vielen  nur das Betrügen und Belügen, sie werden betrogen und belogen, manches Mal bleibt nur der Versuch, anderen etwas wegzunehmen, oder (etwas prosaischer gesagt), der Diebstahl. Man stiehlt aus Not, nicht aus Berufung: nur selten sind die Diebe so geschickt, daß sie nicht erwischt werden, manch einer wandert ins Gefängnis… wird er entlassen, geht der Teufelskreis wieder von vorne los…. das Denken der meisten Figuren ist einfach, zu einfach meist, als daß sie ihr Leben grundlegend ändern könnten…

Es gibt oftmals Händel untereinander, die Fäuste ersetzen hin und wieder Argumente, auch die Messer sitzen offen, von vermeintlichen Freunden aufgehetzt wird im Jähzorn schon mal zugestochen, hin und wieder bleibt jemand auf der Strecke. Im Gefängnis bekommt man wenigstens regelmäßig sein Essen…

Die Liebe, die Liebe… man verguckt sich in ein Mädchen, man versucht, es zu beeindrucken, es verliebt zu machen… es gibt Rivalen, die auszustechen sind und ist man dann glücklich ein Paar, bedeutet das nicht unbedingt, daß der Mann das Sagen hat. Mancher sitzt stumm zu Hause, wird von den Vorwürfen der Frau wie unter Geröll vergraben. Manch einer mag sich auch fragen, wo nur das Mädchen geblieben ist, in das er sich seinerzeit verliebt hatte, diese böse, zankende, keifende Frau, mit der er zusammenlebt, kann es doch nicht sein?

Rom, ein paar Jahre nach Kriegsende, das zivile Leben hat wieder Einzug gehalten, es geht wieder „aufwärts“. Man geht wieder in Lokale, auch wenn sie einfach sind, trifft sich mit Freunden in der Bar, auch wenn es nicht unbedingt Freunde sind, man plant wieder sein Leben, will Familie haben.. wie es eben so sein sollte. Nicht immer sind in Moravias Geschichten den Verhältnisse so, daß dies auch umgesetzt werden kann, meist sind seine Figuren die Pechvögel, die Ungeschickten, die, die trotz aller Bemühungen den Teufelskreis nicht durchbrechen können…

Die Geschichten sind unabhängig voneinander. Meist sind sie gleich aufgebaut, die Hauptfigur stellt sich und ihre Lebensumstände kurz vor, gleich so, als ob sie mit dem Leser redet. Dann beginnt die Geschichte, die erzählt werden soll. Moravia schreibt eine (den Geschichten angepasste) einfache, kraftvolle, bildhafte und klare Sprache, er erzählt meist nur, manchmal aber läßt er seine Figuren über das, über ihr Leben auch reflektieren, ins alltags-philosophische abschweifen…

Ich habe dieses Buch über viele Wochen hinweg gelesen. Immer mal wieder ein, zwei, vllt sogar mal drei Geschichten, mehr nicht, zu ähnlich sind sich die meisten der Stücke. Die Erzählungen „erden“ ein wenig, man spürt beim Lesen, wie gut es uns heutzutage geht, daß unsere Sorgen oft weit abgehoben sind von denen, bei denen es ums Leben, ja, ums Überleben geht… beim Lesen vermischen sich die Geschichten mit den Bildern, die man selbst von Italien hat und es entsteht oft eine leichte, mittelmeerische Stimmung in einem selbst…. Römische Erzählungen sind ein ideales Buch für „zwischendurch“, für den Strand, die Bahn, den Flieger… oder den Abend, wenn man für kompliziertes schon ein wenig müde ist….

Weitere Bücher von Alberto Moravia hier im Blog:

Ich und Er
Die Römerin

Alberto Moravia
Römische Erzählungen
Übersetzt aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn
Originalausgabe: Racconti romani, Mailand, 1954
dieses Ausgabe: Sammlung Luchterhand, TB, ca. 480 S., 2010

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