Peter Wilhelm: Wer zu uns kommt, hat das Gröbste hinter sich

1. Dezember 2014

Peter Wilhelm ist Leiter eines Bestattungsinstitutes und gleichzeitig ist er mit einen gewissen Erzähltalent gesegnet. Das ergänzt sich gut, denn Bestattungen sind immer auch Aktivitäten im Extrembereich menschlicher Nöte und Ängste, der Tod hat ein Loch gerissen, durch das – gewollt oder ungewollt – Einblicke möglich sind vergangene und noch bestehende Leben. Wer zu einem Bestatter kommt, will meist nicht nur eine Beerdigung organisieren, er will Hilfe, will jemanden, der ihm unauffällig, aber effektiv und einfühlsam unter die Arme greift, der etwas Zeit hat, der Rat weiß und der hilft, die notwendigen Entscheidungen zu treffen, er will jemanden, der zuhört und die richtigen Fragen stellen kann. Bestatter, gute zumindest, sind also immer auch in gewissen Sinn Seelsorger, sie müssen zuhören können, wissen, wann sie sich selbst zurück zu nehmen haben und sie müssen das nötige Maß an Toleranz aufbringen können, auch abweichende Verhalten ihrer Kunden zu akzeptieren.

Aus all dem ergibt sich, daß ein Bestatter etwas zu erzählen hat. Nicht immer sind die Menschen, die zu ihm kommen, einer Meinung, mag das zukünftige Erbe zwischen ihnen stehen oder die unterschiedliche Beziehung zum Verstorbenen, nicht immer sind sie sympathische Zeitgenossen/innen, nicht immer herrscht Frieden unter ihnen….

gröbste

Die Geschichten sind sicherlich nicht wörtlich zu nehmen, manches ist doch zu slapstickartig. Wenn etwa die geizige Schwiegertochter Henriette, die sich um die Wünsche der Verwandten und des Verstorbenen einen feuchten Kehricht kümmert (schließlich bezahlt sie ja…) vom Friedhofsarbeiter im Schweinegalopp zu allen möglichen Löchern im Boden geführt wird, weil sie doch ein kleines Grab für die Urne will…. da streitet man sich vor´m Bestatter auch schon mal, wer die komplette Karl-May-Sammlung bekommen soll und Hadschi Halefs Name wird zum Entscheider… tragisch wird es, wenn nach dem Unfalltod der Tochter auf einmal Gerüchte im Raum stehen von Missbrauch, weil der Vater sich öfter so seltsam verhalten hätte und das Verhältnis zur Tochter ausnehmend gut war… oder wenn sich ein Auszubildender im Betrieb doch nur als kleinkriminelles Element erweist, der später dann „Vergeltung“ üben will…. Andere Länder, andere Sitten: Paolo, 140 kg, ist gestorben, inmitten der italienischen Großfamilie, am Ende des Flures in der schmalen Wohnung, am Ende der verwinkelten Aussentreppen, über die man vom Hinterhof aus in die Wohnung gelangt: besinnlich geht anders – und trotzdem voller Liebe… da streiten sich schon mal Pfarrer und Organistin und herrscht Stille in der Andacht…. und die vermeintliche Witwe kann keine Trauungsurkunde vorweisen und ist voller Angst, weil jetzt herauskommen wird, daß….. und was machen wir, wenn der „Obba“ auf einmal wech is?

Geschichten aus dem prallen Leben, das plötzlich an die letzte Grenze stößt. Wenn auch teilweise etwas schematisch erzählt (der Friedhofswärter z.B. ist immer etwas einfach gestrickt, die Italiener sind so, wie wir uns die Italiener eben vorstellen….) geben sie doch außer daß sie witzig und unterhaltsam erzählt werden, auch Stoff zum Nachdenken, wenn man nämlich einfach die eine oder andere Situation auf die eigenen Verhältnisse überträgt. Und wenn man nachdenkt, überlegt man auch automatisch, wie man es besser machen könnte mit der Vorbereitung des eigenen Begräbnis z.B. oder mit dem anderer, bei denen man dies vielleicht erleben wird…..

Aber abgesehen von diesem pädagogischen Hintergrund sind die Geschichten einfach auch makaber-witzig, ich habe letztens in einem meiner Vorleseabende ein paar davon vorgelesen: sie haben meinen Gästen viel Spaß bereitet und abgesehen davon: es tut auch mal gut, über dieses an sich ja so traurige Thema zu lachen. Doch, das tut es, es verliert dadurch ein wenig von seinem Schrecken, die Berührungsangst wird kleiner: man merkt, auch der Tod, auch die Beerdigung, die Bestattung ist Leben mit all den Verwicklungen (aber auch den schönen Momenten!), die Leben haben kann…..

P.S.: Wer das Makabre liebt, ist auch mit den kleinen Taschenbücher von Sprang und Nöllke gut bedient, diese beiden sammeln Todesanzeigen, die etwas aus dem Rahmen fallen. Vor geraumer Zeit habe ich das erste TB hier vorgestellt:  https://radiergummi.wordpress.com/2009/09/11/christian-sprang-matthias-nollke-aus-die-maus/

Peter Wilhelm
Wer zu uns kommt, hat das Gröbste hinter sich
diese Ausgabe: Knaur, TB, ca. 270 S., 2013

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