François Loeb: Buchhandlung zum goldenen Buchstaben

5. November 2015

Loeb

Der Autor, François Loeb [1], kennt sich mit Kaufhäusern aus, war selbst dreißig Jahre lang Leiter eines Traditionskaufhauses in Bern. Auch wenn Buchhandlungen natürlich etwas Spezielles sind, ist das Grundlegende doch sehr ähnlich: der Kunde, der gleichzeitig auch König sein will, will entweder einfach nur herumschlendern, sucht möglicherweise etwas Bestimmtes oder will sich beraten lassen, was seinen Bedürfnissen (so er sie kennt) am ehesten entsprechen könnte. Er will also in Ruhe gelassen oder bedient werden und sein, äußert Mißfallen und Zustimmung, wird auch durchaus gelegentlich zornig oder ist im besten Fall glücklich und zufrieden. Und ist der Kunde zufrieden – und die Kundenzufriedenheit ist ein hohes Gut, das an erster Stelle steht – ist es der Verkäufer, oder gehen wir langsam zu Loebs Buch über: sind der Buchhändler, die Buchhändlerin es auch.

Loebs Geschichten ranken um dieses besondere Milieu einer Buchhandlung, die eher schon eine Art Biotop ist bei ihm, in dem sich Buchhändler/-in, Kunde und auch die Bücher, die mit ihren Bewohnern, den Buchstaben, hin und wieder als recht eigenständige Persönlichkeiten auftreten, arrangieren müssen. Das geht nicht immer ohne Probleme ab, wie man sich denken kann….

… da bekommt der Buchhändler schon mal Hühnerhaut (ob das die kleine Schwester der mir eher bekannteren „Gänsehaut“ ist?), wenn der verschrobene Kunde ein Aufklärungsbuch für seinen Dackelrüden sucht, da herrschen Hierarchien zwischen den Buchstaben, in denen das große „E“ deutlich höher steht als das kleine „c“, aber dann einer Epidemie zum Opfer fällt und sich als „F“ wiederfindet. Wobei es nicht das einzige Opfer unter den Buchstaben ist, die sich schließlich fieberglühend aus dem Gefängnis zwischen den Deckeln befreien und das ganze Regal infizieren….

Was machen, wenn die ältere Dame nach dem Kauf des Ratgebers, der verspricht, daß Lust kein Verfallsdatum hat, dies vom Geschäftsführer im Sinne seiner Verantwortlichkeit für die von ihm verkauften Produkte an sich überprüfen (lassen?) will und sich anfängt, zu entkleiden…. oder wenn der Herr Professor an jedem Wochenbeginn den Laden betritt und alle Schillerausgaben, die „Die Glocke“ enthalten, aufkauft, um mit deren Vernichtung ein immerwährendes Schülertrauma zu bekämpfen….

Bücher haben ein Eigenleben, darauf besteht der ehemalige Bibliothekar, der die Buchhandlung regelmäßig besucht und von dieser Welt der Bücher kann man für das Leben lernen…. in diesen Bücherwelten aber findet man in den Universen der Fantasie fremder Autorinnen und Autoren …. alles.. was glücklich macht.


Loebs schmales Büchlein enthält ein gutes halbes Hundert Geschichten und Fantasien rund um das Thema „Buch und Buchhandlung“. Sie sind fantasievoll bis skurril, liebevoll, weisen oft einen feinen Humor auf, wobei „seine“ Bücher keineswegs nur passiv im Regal stehende Objekte sind, sie sind ihm „Wesen“ mit einem Eigenleben. Loeb persifliert häufig Missverständnisse, die zwischen Personen entstehen, die aneinander vorbei reden, gleiche Begriffe mit unterschiedlicher Bedeutung verwenden; viele der Kunden treten als „Um-die-Ecke-DenkerInnen“ auf…. und des nachts entwickelt sich hin und wieder ein Eigenleben in den Regalen… Natürlich gibt es Unterschiede zwischen den Geschichtchen, die eine wird einem mehr als die andere zusagen. Aber ist es nicht letztlich Geschmackssache, welche Blume eines bunten Straußes einem am besten gefällt?

Die Geschichtensammlung ist in der Summe jedenfalls ein empfehlenswerter, kurzweiliger, unterhaltsamer, ja, manchmal auch nachdenklich machender Kosmos von fantasievollen Buch- und Buchhandlungserlebnissen; die ideale Lesekost sind für „zwischendurch“: wenn die 5-Minuten-Terrine schon nach zwei Minuten verfuttert ist, kann man sich die restlichen 180 Sekunden gut mit einer der Geschichtchen vertreiben. Man kann das Büchlein auch bedenkenlos jedem Buchliebhaber schenken, er wird es mögen und schätzen. Als zusätzliches „Schmankerl“ bieten Autor und Verlag ferner das Herunterladen von zehn ausgewählten Geschichten als QR-Code (bzw. Link) und damit die Versandmöglichkeit per pdf an Freunde an.

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite des Autoren: www.francois-loeb.com

François Loeb
Buchhandlung zum goldenen Buchstaben
diese Ausgabe: Allitera, Paperback, ca. 176 S., 2015

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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7 Responses to “François Loeb: Buchhandlung zum goldenen Buchstaben”

  1. saminana Says:

    Das ist jetzt schon das zweite Mal, dass bei mir Erinnerungsgedanken geweckt werden, die eigentlich gar nicht viel mit der Beschreibung des Buches, die ich gerade gelesen habe, zu tun haben.
    Wenn man im Loeb in Bern ist, dann ist die Buchhandlung nicht weit. Es genügt, lediglich die Treppe herunterzusteigen. Das ganze Gebäude, von oben bis unten, ist voller Kindheitserinnerungen, da meine Grossmutter dort gearbeitet hatte. Dass der Herr Loeb aber Bücher schreibt, dass wusste ich nicht. Das änderte sich aber vor zwei Tagen. In der Buchhandlung Thalia, im Untergeschoss des Loebs.

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