Rafik Schami (Hrsg): Sehnsucht

Sehnsucht – so eine Begriffsbestimmung – ist allgemein betrachtet ein inniges Verlangen nach einer Person, einer Sache, einem Zustand oder einer Zeitspanne, die bzw. den man liebt oder begehrt, wobei diese mehr oder minder mit dem schmerzhaften Gefühl verbunden ist, den Gegenstand der Sehnsucht nicht erreichen zu können. Menschen können dabei auch allgemeine Sehnsüchte haben, etwa die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, nach Gott oder einem höherem Wissen. [aus: Stangl, W. (2018). Stichwort: ‚Sehnsucht‚. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik; http://lexikon.stangl.eu/19576/sehnsucht/ (2018-04-11)]].


Diesem Gefühl, das wohl jeder kennt, ist dieses kleine, schmucke Büchlein in seinem blauen Leineneinband gewidmet. Das halbgeöffnete Fenster, der Blick in die Weite, offensichtlich auf eine am Horizont erst endende Wasserfläche, der angedeutete Luftzug, der den Vorhang etwas wehen läßt, symbolisiert das in der obigen Definition gegebene Gefühl der Unerreichbarkeit – obwohl ich diese Behauptung der Begriffsbestimmung nicht ohne weiteres zustimmen kann und auch einige der Geschichten dieses Büchleins sprechen dagegen, denn in ihnen erreicht der Sehnsüchtige letztendlich doch sein Ziel, befriedigt diesen Mangel in seiner Seele eben dadurch, daß er – möglicherweise gegen alle Vernunft – alles unternimmt, was ihn zu seinem Sehnsuchtsziel führt. So beispielsweise der Vater, der in einer Geschichte von Franz Hohler (Das weiße Spitzchen) in der Maturarede seiner Tochter durch die rezitierten Gedichtzeilen (Das Spitzchen, es ruft mich, sobald ich erwacht / Am Mittag, am Abend, im Traum noch der Nacht…) daran erinnert wird, wie er als junger Mann einen bestimmten Berg nach ihm rufen hörte, ihn locken hörte, aber er versäumte, jemals diesem Ruf zu folgen. Nun aber, geweckt und quälend lebendig, gibt er alles, diese Sehnsucht zu erfüllen.

Es ist sinnvoll, bevor man sich den Geschichten widmet, sich das Nachwort Schamis, der sowohl als Herausgeber des Bandes als auch als Autor vertreten ist, durchzulesen. Er läßt sich dort in kurzen Absätzen über das Wesen der Sehnsucht aus, über ihre Charakteristika, wie sie sich äußert, daß der Wortteil „-sucht“ auch auf einen Zustand hindeutet, der krankhaft sein oder werden kann, wenn sich nämlich das gesamte Ziel des Lebens dem Erreichen des Sehnsuchtsziels unterordnet: Sucht wird zur Obsession wie sie Monika Helfer in ihrer Geschichte  des Lastwagenfahrers erzählt, der sich an eine junge Frau bindet, die ihr Herz jedoch schon lange an einen anderen Mann vergeben hat, der ihr jedoch versperrt ist (Liebe am falschen Platz und das gleich zweifach)…

Einen Aspekt der Sehnsucht habe ich in Schamis Ausführungen ein wenig vermisst: Sehnsucht idealisiert. Die Sehnsucht nach einem geliebten Menschen vernachlässigt ’negative‘ Eigenschaften, die Sehnsucht, den Chomolungma zu besteigen ignoriert die Massenansturm, in dem dies wohl stattfinden wird. Wo ist die Trennung, wie unterscheidet man (wenn dies überhaupt wichtig ist), ob es Liebe ist, die eine Frau jahrelang auf ihren in den Krieg gezogenen Reitersmann warten läßt oder die Sehnsucht nach ihm (in der Geschichte Reiter in der Nacht von Michael Köhlmeier). Hier wird am Ende die Sehnsucht der Frau ‚erhört‘, doch unter Umständen, die die Frau nicht akzeptieren kann: Sehnsucht kann also auch enttäuscht werden, wenn sie nicht mehr nur das scheinbar unerreichbare Ziel ist, sondern sich die Realität ganz anders zeigen sollte als erwartet.

Dem krankhaften, obsessiven Charakter, den die Sehnsucht annehmen kann, begegnen wir auch in der Geschichte Ultramarin von Root Leeb mit seinem kleinen Zyklus Die Farben der Sehnsucht. Hier besetzt das Verlangen nach einer Frau einen Augenarzt, der ihr tief in die Konjunktivitis schaute und sich dann im Fortgang der Dinge selbst fragt, ob er langsam zum Stalker wird, sein eigenes Leben jedenfalls gerät aus den Fugen…

Nataša Dragnić widmet einen ihrer zwei Beiträge dem letzten schwimmenden Elefanten Rajan (https://www.travel4news.at/87096/indien-abschied-vom-letzten-schwimmenden-elefanten/), auf den sich die Sehnsucht einer berühmten Schauspielerin konzentriert, die – behütet von einem Bediensteten des Hotels – auf der Insel Urlaub macht, unerkannt und unauffällig, und die ihr eigenes Leben beim sehnsüchtigen Warten auf Rajan reflektiert…

Für Schami als Exilanten ist die Sehnsucht, die mit dem Wort ‚Heimweh‘ bezeichnet wird, eine große Rolle. Der kürzlich hier von mir vorgestellte Roman Sophia (https://radiergummi.wordpress.com/2018/03/07/rafik-schami-sophia/) ist um diese Sehnsucht herum geschrieben, auch die beiden Geschichten, die er abschließend der Sammlung beisteuert, kreisen um dieses Thema der Sehnsucht nach dem Heimatland, der Heimatstadt, die idealisiert wird, die in der Seele des im Exil Lebenden im Zustand der Kindheit verblieben ist, die romantisiert und idealisiert wird und die, wenn man Jahrzehnten ein Besuch möglich ist, enttäuscht, weil alles ganz anders ist (Syrisches Klassentreffen und Die merkwürdige Sehnsucht des Herrn Hamid). Sicherlich liegt man nicht allzu sehr daneben mit der Vermutung, daß sich in diesen Geschichen auch das Heimweh des Verfassers nach seinem Damaskus, seinem Syrien, selbst zeigt.


Die insgesamt zwanzig Geschichten der sechts Autoren des Bandes sind von unterschiedlicher Länge, reichen von der kurzen, kaum anderhalbseitigen Ausführung bis zu weit umfangreicheren Sehnsuchtsschilderungen. Da Sehnsucht als, ich möchte sagen: Hintergrundgefühl, in allen von uns vorhanden ist, findet man sich beim Lesen in den Geschichten wieder, kann zumindest das treibende Moment der Figuren nachvollziehen, auch wenn uns die geschilderte Umsetzung möglicherweise zu weit geht. Es liegt alles drin in den Geschichten, Dramatisches, Tragisches, Obsessiv-besetzendes, Beglückendes, Erfüllendes… das ganze Spektrum, das Sehnsüchte zum Klingen bringen können tritt uns in den Geschichten entgegen. Ein Schmuckstück als Buch, ein Verführer für die anderen Themenbände der Sechs-Sterne-Reihe, absolut geschenktauglich und ganz sicher ein wunderbarer Reisebegleiter… oder einfach nur ein Buch, das man gern in die Hand nimmt für einen kurzen Ausflug in eine Sehnsuchtswelt.

Rafik Schami (Hrsg)
Sehnsucht
diese Ausgabe: ars vivendi, HC, ca. 200 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Kurzlink zum Beitrag: https://wp.me/paXPe-9WR

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Ein Kommentar zu „Rafik Schami (Hrsg): Sehnsucht

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