Die Facezien des Florentiners Poggio

poggio cover

Facezien – ein Begriff, der aus dem Deutschen wohl verschwunden ist, auch google verweist eigentlich nur auf diese Textsammlung des Poggio. In älteren und größeren Lexika findet man dann aber als Erklärung die Stichworte: Scherze, Schwänke, Plaudereien oder auch Anekdoten.

Und das sind sie auch. Poggio Bracciolini [1], 1380, also in der Renaissance, bei Arezzo in der Toskana geboren, war ein hochgebildeter Mann und kirchlicher Würdenträger, der unter insgesamt acht Päpsten im Vatikan als Sekretär gerbeitet hatte. Im Nachwort zu seiner Textsammlung beschreibt er, es habe im Vatikan zu seiner Zeit einen Bereich gegeben, in dem sich in lockerer Runde versammelt wurde und wo dann ohne jede Rücksicht über jeden, auch den Papst, hergezogen und gelästert wurde.. Hierbei machte man sich über das ungebildete Volk lustig, aber auch Mönche und kirchliche Würdenträger bekamen ihr Fett weg genauso wie der weltliche Adel oder Berufe wie Notare und Ärzte. Gerade letztere waren ebenso wie Mönche ein dankbares Objekt für recht derbe Lästereien… denn man darf freilich nicht dem Irrtum unterliegen, es handele sich bei diesen Scherzen immer um Feingeistigen, nein – auch schon damals waren Sex und Liebe die No. 1. Wobei man unter Liebe wiederum nicht die hochgeistige Minne des Mittelalters verstehen darf, sondern ganz handfest das, was im Bett stattfindet – aber nicht nur im Bett…. Und so haben die allermeisten Geschichten genau das auch zum Thema…

Vom Vatikan verboten wurden die „Facezien“ übrigens erst so ungefähr 100 Jahre nach ihrem Erstdruck, dem Inhalt nach hätte man das Verbot durchaus früher erwarten können….

Bei über 270 solcher Facezien kann man jetzt nicht im Einzelnen erzählen, wovon sie handeln. Es sind aber im Nebensatz so manche interessante Aussagen enthalten… schon damals war es offensichtlich so, daß – auch in der Kirchenhierarchie – nicht unbedingt die fähigsten und geeignetsten aufstiegen, sondern wahrscheinlich eher die angepasstesten… in Florenz (Facezie 114) scheint es eine Behörde mit dem Namen „Sittlichkeitsamt“ gegeben zu haben, „… deren Hauptaufgabe es ist, in Sachen der öffentlichen Mädchen Recht zu sprechen und dafür zu sorgen, daß sie im gesamten Gemeinwesen unbelästigt bleiben.“ (In dieser Anekdote wird erzählt, daß eine Kurtisane auf Verdienstausfall gegen den Barbier geklagt hätte, der ihr bei der Intinrasur solche Schnitte zugefügt hätte, daß sie für einige Tage pausieren musste…). Die ärztlichen Methoden waren noch recht rau, in mehreren Geschichten wird davon berichtet, daß für die Heilung von Frauen der Beischlaf die beste sei, eine Verfahrensweise, die oft auch von Mönchen bei der Abnahme von Beichten ausgeübt wurde. Überhaupt sind Kirchenvertreter und das Geschlechtliche ein Hauptthema Poggios. Ob es nun ein Eremit ist, der den gesamten weiblichen Part des Fürstenhofes beschläft oder ein Priester, der einer Frau einredet, sie würde sich aufgrund seines ausgeübten Zaubers alles nur einbilden, was sie gleich glaubte, zu spüren, wenn er sie küssen.. und … und… würde: zwischen den großen Zehen der Herren mit dem Gelübde herrschte keineswegs nur eitle Ruhe… bei den Herren allgemein war übrigens der Eselshengst das Maß aller Dinge [3]: hemmungsloses Übertreiben der geschlechtsspezifischen Ausstattung ist also kein Phänomen der Neuzeit….

Einige der Geschichten bespotten die Venezianer, als seien sie damals so etwas wie die „Ostfriesen Roms“ gewesen, es gibt Berichte von Monstern, die aus dem Meer angespült worden sind und einige der kleinen Fabeln, die erzählt werden, sind uns auch heute noch bekannt…. Dies alles wunderschön illustriert mit Holzschnitten von Werner Klemke [2, auf dem Buchumschlag, siehe oben, ist eine zu sehen] sind die Facezien des Poggio einfach nur ein wunderschönes Buch, selbstverständlich mit Lesebändchen und in zweifarbigem Druck, der die Überschriften in Rot gegen den Text absetzt.

Links und Anmerkungen

[1] Wiki-Artikel zu Poggio Bracciolini: http://de.wikipedia.org/wiki/Poggio_Bracciolini
[2] Wiki-Artikel zu Werner Klemke: http://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Klemke
[3] ob sich über die Attraktivität des Esels als Geschlechtsspartner für Mann oder Frau schon mal jemand Gedanken gemacht hat? In Jutta Persons schönem Buch über Esel (https://radiergummi.wordpress.com/2013/11/10/jutta-person-esel/) habe ich zu diesem Thema seinerzeit zwei Minitaturen, eine aus unserem, eine aus dem persischen Kulturkreis verlinkt (am Ende des 5. Absatzes, NSFW!)

Die Facezien sind in einer alten Buchausgabe online zugänglich: https://archive.org/details/diefacezien00bracgoog

Poggio Bracciolini
Die Facezien des Florentiners Poggio
Mit Holzschnitten von Werner Klemke
und einer Einleitung des Übersetzers
Übersetzt von Hanns Floerke
Originalausgabe: ca. 1470 Rom (erste editierte Buchdruckausgabe)
diese Ausgabe: Faber & Faber, HC, ca. 254 S., 2004

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