Rafik Schami (Hrsg): Geburtstag

Ich habe vor kurzem eine Sammlung von Kurzgeschichten, die sich dem Thema Sehnsucht widmen und von Rafik Schami im kleinen fränkischen Verlag ars vivendi (https://arsvivendi.com/arsvivendi/Ueber-uns) herausgegeben worden sind, hier vorgestgestellt. Das Bändchen hatte mir so gut gefallen, daß ich mir gerne noch ein weiteres Exemplar dieser „Sechs Sterne“-Reihe angesehen habe, ausgesucht habe mich mir das leuchtend gelb eingebundene Büchlein, das sich dem Thema Geburtstag widmet.

Der Geburtstag gehört zu den festen Gegenheiten eines Menschen in unserer Kultur. Er erinnert an den Tag der Geburt, Verwandte, Freunde und Bekannte werden eingeladen oder kommen so, gratulieren und beschenken das Geburtstagskind. Er ist somit auch ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor, als Pech wird empfunden, wenn der Geburtstag in die Nähe des Weihnachtsfestes fällt oder gar auf das Fest selber: es verdoppelt sich nicht automatisch die Menge der Geschenke. Über letztere ließe sich trefflich philosphieren: welche Funktion haben Geschenke – für den Beschenkten, aber auch für den Schenkenden… aber das würde zu weit führen und ist auch nicht das Thema dieser Sammlung von Kurzgeschichten, die wiederum aus der Feder von Rafik Schami selbst, Monika Helfer, Franz Hohler, Root Leeb, Michael Köhlmeier und Nataša Dragnić stammen.


Auch in diesem Band ist es kein Fehler, das Nachwort Schamis den Geschichten vorauszuschicken. Rafik Schami, selbst zwar als Angehöriger der christlich-aramäischen Minderheit in Syrien geboren, lebte bis zu seiner Emigration im muslimischen Kulturkreis, der der jührlichen Wiederkehr des Geburtstags eines Menschen keine Bedeutung zumißt. Ein – zumindest für mich, obwohl ich kein Geburtstagsfeierer bin – ungewöhnlicher Gedanke, ist doch im westlichen Kulturkreis der Geburtstag ein Tag, ohne den nichts geht…

Schami verweist auf Hannah Arendt, die in ihrer Philosophie der Natalität die Geburt eines Menschen in den Mittelpunkt stellte, nicht, wie sonst so häufig, das Rätsel seines Todes Damit ein Anfang möglich ist, werden Menschen geboren. Während die Philosophen des Abendlandes das Leben als ein Vorlaufen zum Tode verstehen, erkennt Hannah Arendt: „Das ´Wunder` besteht darin, dass überhaupt Menschen geboren werden, und mit ihnen der Neuanfang, den sie handelnd verwirklichen können kraft ihres Geborenseins.“ (zitiert aus: http://www.hanna-strack.de/hannah-arendt-1906-1975/) Interessanterweise schließt Schami seine Betrachtungen mit diesem sehr sympathischen Ansatz Arendts ab, während ein Hauptteil – genau: dem Tod und dem Umgang des Menschen damit gewidmet ist, seinem Glauben an das ewige Leben, ein Paradies oder die Reinkarnation – je nachdem, welchem Glauben man anhängt.

In der ersten Geschichte aus der Feder des Herausgebers wird genau die oben erwähnte Tatsache, daß der Geburtstag im muslimischen Kulturen nicht gefeiert wird, zum Thema gemacht. Die Geschichte spielt in Damaskus und wie bei vielen Geschichten Schamis hat man wieder das Gefühl, daß er dies alles selbst erlebt hat. Na, jedenfalls schwärmt der Junge für das Mädchen aus dem Nachbarhaus und sie verstehen sich auch sehr gut. Wobei der jungen Dame die Eigenschaften des Jungen sehr nach Sternbild Krebs aussehen, was ihr durchaus zusagt, wenn da nicht noch die eine oder andere Komponente wäre, die die Reinheit der Krebseigenschaften stört. Es wäre daher wichtig zu wissen, wann genau der Junge geboren worden ist… doch damit fangen die Probleme an. Denn egal, wen er fragt, jede(r) weiß es, jede(r) ist sich sicher und jede(r) nennt  ein anderes Datum…

Ganz anders kommt Schamis zweite Kurzgeschichte daher, sie spielt – auch hier der Bezug zum Autoren deutlich erkennbar – im Milieu der Emigranten. Der fünzigste Geburtstag des aus Syrien stammenden Arztes soll gefeiert werden und Salma, seine Frau, überlegt sich einen Plan, die Feier hochkarätig zum Fanal zu machen, denn Habib, ihr Mann, betrügt sie schamlos. Doch als Habib auf der Feier in seiner Begrüßung davon spricht, daß er in seiner Rede ehrlich sein will, tritt er eine Ereigniskette los, die nicht mehr beherrschbar ist und Salma zuvorkommt….

Monika Helfer steuert die Erlebnisse einer Frau bei, die ihren fünfzigsten Geburtstag allein feiern muss. Die Ratschläge ihrer Töchter (Alpenverein, Kulturreise) bringen sie nicht weiter, sie bleibt solo, der Richtige findet sie nicht. Da fasst sie den Entschluss, sich bei einer Partnersuchsendung im Fernsehen zu bewerben…

Zum Fetisch eines Mannes wird der Geburtstag oder genauer gesagt, das Gratulieren zu selbigem bei einem Mann, der frisch pensioniert eigentlich seinen Hobbies nachgehen will, dies aber letztlich wenig befriedigend findet. Durch Zufall merkt er, daß sich die Menschen, gratuliert man ihnen zum Geburtstag, freuen und das wiederum freut ihn. So fängt er an, sich in langsam in den Zuständigkeitsbereich seiner Frau, die dies bislang im Namen beider managte, hineinzudrängen…

Ein Zyklus von vier kurzen Beiträgen stammt von Root Leeb. Es geht in ihnen zum Beispiel um die Belastung, die ein an sich harmloser Wunschgedanke der Eltern (‚Du wirst ein Großer‘) für ein Kind bedeuten können, um die Qual für ein Kind, wenn es seinen Geburtstag auf einen Tag fallen sieht, an dem schon anderes gefeiert werden soll.  Dem Mädchen Acerlit dagegen wird von den Eltern schon mit der Geburt eine virtuelle Existenz im Internet aufgebaut, eine – was die Eltern glücklich macht – ewige Existenz… und was sich aus dem Wunsch ergeben kann, in einen schon leicht fortgeschrittenen Lebensalter aufzuräumen und auszumisten (wobei man selbstredend auf Neues, also z.B. Geburtstagsgeschenke verzichtet), das schildert die letzte Geschichte Leebs.

Michael Köhlmeiers Beitrag hat mich etwas ratlos gemacht. Es ist ein Dialog zwischen… tja…. einem ?, das noch nicht geboren ist und einer Art Lehrer, die diesem ‚Wesen‘ schon ein wenig von der Welt, die ihn erwartet, beibringen will…

Klarer ist dagegen die die Sammlung abschließende Geschichte von Dragnić. Die Tür des Zugabteils, in deine eine Frau allein und lesend einem noch unentschiedenen Ziel entgegenfahrend sitzt (offensichtlich ist sie auf einer Art Flucht aus einer gescheiterten Beziehung) öffnet sich und ein Junge steht da, mit einer dieser Pappkronen auf dem Kopf. Wenig später drängt sich eine ausländische Familie in das Abteil, schmuddelig und stark riechend, Menschen nach zwanzigtägiger Flucht aus den Nahen Osten. Die Frau fühlt sich sehr belästigt, doch irgendwann schlägt das Pendel um, der Junge mit der Krone hat doch offensichtlich Geburtstag und das muss gefeiert werden. So kommt man sich trotz der olfaktorischen Grundbelastung langsam näher und für die Frau wird diese Gelegenheit immer mehr zum Ventil, innere Nöte abzureagieren…


Der Geburtstag als Tag, der das Leben bestimmt, als zyklisch wiederkehrender Tag, der gefeiert werden kann und an dem man eine Art kleinen Neubeginn starten kann, mit Vorsätzen und Plänen, ein Vorhaben, das in gewisser Weise den ‚großen‘ Start ins Leben nachahmt. Denn der Geburtstag im engen Sinn als Tag der Geburt ist der Tag und er ist etwas besonderes, ein Kind, in dem sich auch die Hoffnungen der Eltern manifestieren erblickt das Licht der Welt, kann etwas Besonderes werden, ein ‚Großer‘ beispielsweise… Solche Gedanken ziehen sich durch die Geschichten als roter Faden hindurch: das Leben noch einmal überdenken, ihm einen neuen (?), einen anderen (?) Sinn verpassen, es neu anpacken – aber auch einen Schlussstrich ziehen, etwas Beenden, was unsäglich geworden ist.

Es sind kleine, wohlformulierte Geschichten (wie erwähnt, hat mich die Köhlmeier’sche in Verwirrung gestürzt), die Denkanstöße geben können, die zum Teil slapstick-artig (Schami, Dragnić) daher kommen und durch Übertreibung einen Akzent setzen wollen. Sie regen zum Nachdenken an, zum Sinnieren, zum Überlegen, wie es bei einem selbst so ist, sie kommen aber nicht mit einem erhobenen Zeigefinger auf uns Leser zu: sie unterhalten und amüsieren. Sie eignen sich bestens zum Lesen ‚zwischendurch‘ und ganz sicher auch zum Vorlesen – zum Beispiel auf einer Geburtstagsfeier…

Rafif Schami (Hrsg)
Geburtstag
diese Ausgabears vivendi, HC, ca. 160 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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