Ian McGuire: Nordwasser

Der Autor des vorliegenden Romans, Ian McGuire, ist Literaturwissenschaftler und er legt mit Nordwasser seinen zweiten Roman vor. Es ist wohl nicht ganz zufällig, daß dieser Roman, der historische Elemente enthält, der als Abenteuerroman und auch als Kriminalstück gelesen werden kann, in Hull seinen Ausgang nimmt und sich des Themas vom Walfang (welch ein Euphemismus, eher ist es ja ein Walabschlachten gewesen) widmet: Hull ist sowohl die Geburtsstadt des Autoren, war aber auch einer der großen Häfen für die Walfangschiffe in England. In Hull gibt es dieser Vergangenheit geschuldet das Hull Maritime Museum, in dem das nebenstehende Gemälde des Englischen Malers William John Huggins (https://en.wikipedia.org/wiki/William_John_Huggins) zu bestaunen ist.

Whaling Barque Harmony of Hull William John Huggins (1781-1845), Oil on canvas [Bildquelle: http://blueworldwebmuseum.org/item.php?title=Whaling_Barque_Harmony_of_Hull&id=138]

Zu sehen ist ein Schiff, die ‚Harmony of Hull‘, die inmitten eines von Eis bedeckten Meeres ihrem blutigen Geschäft nachgeht: dem Abschlachten der Robben, dem Harpunieren der Wale…. Philip Hoare beschreibt dieses Bild des Grauens, das gleichwohl auch die Gefahren dieser Jagd, die treibenden Eisschollen, die Kälte, der dräuende Eisberg im Hintergrund, nicht verschweigt, in seinem wunderbaren Buch Leviathan oder der Wal (https://radiergummi.wordpress.com…wal/), das als Hintergrund für McGuires Roman nur empfohlen werden kann (natürlich lassen sich Infos über den Walfang früherer Jahrhunderte auch aus dem Internet ziehen, Hoares Buch ist jedoch viel stilvoller…). Die dargestellte Szenerie jedenfalls entspricht wohl dem, wie es damals ablief und wie es McGuire in seinem vorliegenden Roman darstellt und teilweise sehr explizit schildert.


Der Autor führt uns in mit seiner Geschichte in das Jahr 1859 zurück. Die Walfangindustrie, die aus London die nächtens am besten beleuchtete Großstadt auf Erden gemacht hat (Hoare, a.a.O.), ist im Niedergang begriffen. Zum einen ist das Petroleum auf dem Markt aufgetaucht und verdrängt das Öl des Wales aus den Funzeln, zum anderen hat der Raubbau der letzten Jahrzehnte die Bestände an Walen stark reduziert. Waren diese in früheren Zeiten so groß, daß die Jagd fast einem Abernten glich, so war es mittlerweile gar nicht mehr sicher, daß man überhaupt noch auf einen Wal traf. Zudem verdrängt die aufkommende Dampfschifffahrt die Segler immer mehr.

Solch ein Segelschiff, die ‚Volunteer‘, liegt nun in Hull am Kai und wird für`s Auslaufen fertig gemacht. Sie wird mit allem Notwendigen beladen, die Mannschaft, bis auf die drei Harpuniere, von eher mittlerer Qualität, wurde von Baxter, einem Finanzier, zusammengestellt. Einer dieser Harpuniere, Henry Drax, ist eine der zwei Hauptfiguren des Romans. Ein vierschrötiger, keineswegs dummer Mensch, der völlig empathielos seinen Bedürfnissen nachgeht. Er sieht sich selbst als Macher, schaut verachtend auf die Denker hinab, und reagiert auf jede als solche von ihm empfundene Notwendigkeit des Augenblicks, was auch schon mal ein Erwürgen seines Partners nach dem erzwungenen oder erkauften sodomitischen Akt sein kann.

Sein Gegenspieler ist anderer Natur. Der gesichtsalte, aber nach Jahren noch relativ junge Arzt Sumner, ist undurchsichtig, er hält seine Vergangenheit im Dunkeln. Immerhin weiß man, daß er in den indischen Kolonieren als Militärarzt tätig war und heftige Kämpfe durchlitten hat (im Mai 1857 kam es dort zum Aufstand der Sepoy gegen die Kolonialmacht). Daß er aufgrund einer Erbschaft nach England zurückgekehrt, dann aber auf Probleme beim Antritt des Erbes gestoßen sei, nimmt ihm keiner ab, jeder fragt sich, warum er als Arzt auf einer derartige Fahrt anheuert. Das Kommando auf dem Schiff hat ein gewisser Brownlee, auch dieser Kapitän ein Mann mit Vergangenheit. Ihm wird nachgesagt, ein Unglücksmensch zu sein, hat er doch unter schlimmen Umständen früher mal ein Schiff verloren, mit der gesamten Ladung und vielen Toten und verletzten Seeleuten…

McGuire läßt sein Schiff nordwärts in See stechen. Auf den Shetlands wird noch mal angelegt und die Seeleute amüsieren sich ein letztes Mal bei Schnaps und Huren, bevor es dann ins Eis weitergeht, ins Nordwasser. Es ist eine blutige Fahrt, man kann sie grob nachverfolgen, da McGuire die einzelnen Stationen nennt, die über google-maps leicht zu finden sind. Blutig nenn ich sie, weil alles abgeschlachtet wird, was dem Schiff in den Weg kommt, in der Robbenkolonie werden so viel Tiere wie möglich niedergemetztelt (Fünfzig Tonnen wären machbar, wenn er eine passable Mannschaft hätte…) weil bei Sichtung jedes Bären versucht wird, ihn zu töten… ein verwaistes Bärenbaby wird an Bord gebracht, es ist- wenn es überlebt – zwanzig Pfund wert, wenn man es in den Zoo bringt. Auch auf Wale treffen sie…. Daß bei solchen Aktionen immer wieder auch Besatzungsmitglieder sterben, wird in Kauf genommen…

Schon bald wird klar, daß hinter dieser Fahrt noch etwas mehr steckt als nur die Jagd auf Wale. Der Kapitän steuert das Schiff immer weiter ins Nordwasser hinein, trotz der Jahreszeit und gegen alle tradierten Erfahrungen…. Und es kommt so, wie man es erwartet: das Schiff wird eines Tages vom Eis eingeschlossen und letztlich zerstört. Die Männer müssen es verlassen und sind in der Eiseinöde auf sich gestellt.

Schon vorher war es auf der ‚Volunteer‘ zu einem Verbrechen gekommen. Der seit Tagen vermisste Bootsjunge wird tot aufgefunden, es kommt zu einer Auseinandersetzung zwischen Drax und Sumner, bei der letztlich Sumner die Oberhand behält – nicht ohne, daß es Opfer gibt… Aber alle sind sie jetzt ohne Schiff, im Eis, mit zuwenig Nahrung, sie sind der Kälte ausgesetzt, dem Wind, dem Hunger…

Diese Passage des Romans stellt letztendlich Sumner in den Mittelpunkt. Dieser durchlebt unter diesen extremen Bedingungen eine innere Entwicklung, zentrales Ereignis dabei ist seine Jagd auf einen Eisbären, die zu einem mythisch-archaischen Höhepunkt führt, zu einer Art Neu- bzw. Wiedergeburt: er ist danach ein anderer…


Nordwasser ist ein spannendes Buch, ganz ohne Zweifel. Es ist auch ein hartes Buch, ein – wie schon gesagt – blutiges.. mir haben diese Passagen weh getan, ich gebe es zu. Die Schilderung der Schlachtorgie in der Robbenkolonie, die Jagd der Besatzung auf die Eisbärenmutter, auch das Harpunieren und Schlachtes des Wals, das ist nicht schön. Für die Männer damals jedoch war genau dies das Ziel, der Zweck der Reise: jedes Fass mit Öl, mit Fett, jedes Fell war bares Geld, jede der Barten eines Wales wird als Fischbein im Korsett in der Zivilisation einer Dame zur Zierde verhelfen, einer Frau, die nicht ahnte, wieviel Blutvergießen damit verbunden war. Man war in dieser Gesellschaft weder wehleidig noch zimperlich, Hygiene war zweitrangig, Verdauungsprobleme an der Tagesordnung, es stank an allen Ecken und Enden, für Warmduscher war dies kein Biotop. Definitiv nicht.

Der arkane Zweck der Fahrt, er spielt keine allzu große Rolle, er erfüllt sich, weil er das Gesamtkonzept der Fahrt überlagert, letztlich wider Erwarten realistisch und glaubwürdig. Von daher ist er als Thema einer kriminellen Handlung allenfalls ein nettes Beiwerk des Romans, um zu zeigen, wie verworfen und böse, böse, böse man damals auch schon war. Es hat sich wenig verändert bis heute. In einzelnen Passagen schneidet der Autor andere Fragen an, so zum Beispiel das Phänomen, wie leicht sind Menschen zufrieden, wenn sie erstmal einen haben, den sie als Schuldigen bezeichnen können. Eine Abweichung vom Normverhalten – und schon ist man dabei. Auf der Verliererseite. Gut, wenn es dann einen Querulanten so wie Sumner gibt, der sich an den Ungereimtheiten stört und nachhakt…

In den Begegnungen der Walfänger mit den Eingeborenen ‚Yaks‘ zeigt sich ein Clash der Kulturen. Die Yaks kennen sich im Eis aus, sie wissen dort zu überleben, wissen, wie man jagen muss, wissen, die Wolken, den Schnee und das Eis zu lesen. Sie erscheinen den Männern, die doch selbst auf eine Stufe großer Primitivität gesunken sind, als kaum über den Tieren stehend mit ihrem Riten und Verhaltensweisen, allenfalls der Gedanke, daß auch diese Wesen von Gott geschaffene Menschen sind, XXXX

Ein interessanter Punkt ist auch, wie der Autor bei seiner Figur des Drax die beiden oft als Antagonisten bezeichneten Begriffe ‚Liebe‘ und ‚Tod‘ zusammenfließen läßt. Liest man eine aus ihrem Zusammenhang herausgelöste Passage wie … „Schenk mir ein letztes Stöhnen“, sagte er. „So ist es recht, meine Süße. Ein letztes Zittern, damit ich die richtige Stelle finde. Genauso Herzblatt, Noch zwei, drei Zentimeter, dann haben wir es geschafft.“ …. so werden wohl die wenigsten vermuten, daß dieses ‚abstoßende Liebesgeflüster‘ vom Töten handelt, nicht vom Lieben. Ist doch das Hineinstoßen der Harpune in den Leib des Wals hier wie das Einführen eines tödlichen Schaftes in einen warmen. lebenden Körper, der einen letzten ejakulativen Ausstoß einer Wolke reinen Herzbluts hoch in die Luft hervorruft… Dieser Vorgang des Töten des Wals gleicht dem des Töten eines Menschen nach dem Akt, in dem Drax seinem ‚Partner‘ in gleicher Weise blutig und brutal penetriert hat, einzig und allein einem unkontrollierten Trieb gehorchend.

Der Roman wird in dem meisten Besprechungen hochgelobt. Auch ich habe ihn gerne gelesen, habe ihn schnell gelesen, weil er mich packte. Und doch… ein paar Punkte haben mich gestört. Die Eingangssentenz beispielsweise, die für den weiteren Verlauf der Handlung unwesentlich ist, vor Blut nur so strotzt und außer der Tatsache, daß sie zeigt, daß es sich bei Henry Drax um einen gefährlichen, triebgesteuerten Zeitgenossen handelt (der jedoch nicht eindimensional ist), scheint im wesentlichen des bluttriefenden und schockierenden Effekts wegen geschrieben worden zu sein. Wie sagte meine Buchhändlerin: Ich habe das Buch nach ein paar Seiten weggelegt, das war nichts für mich. Für einen anderen Eindruck, den das Buch bei mir hervorgerufen hat (besser: nicht hervorgerufen hat) ist ein weiterer Autor schuldig: der Ransmayr nämlich. Ging mir doch in den „Eispassagen“ des Nordwassers seine Darstellungen zum Thema „Harte Männer im kaltem Eis bei wenig Essen, zerlumpter Kleidung und ansonsten ist es auch nicht einfach“ (Christoph Ransmayr: Die Schrecken des Eises und der Finsternis) nicht aus dem Kopf und daran gemessen empfand ich McGuire mit seinen Schilderungen blass und farblos.

So fass ich zusammen, was ich jetzt schon mehrfach geschrieben habe: Nordwasser ist ein publikumswirksamer, auf Schockeffekte angelegter Roman, der durchaus spannend ist, der unterhaltend ist und der ein Ende hat, bei dem der ‚Richtige‘ überlebt. Ein Abgesang auf die ‚große‘ Zeit des Walfangs, auf das Abschlachten dieser imposanten Tiere, eine Tätigkeit die nach Männer verlangte, die in dieser Brutalität und Rohheit entsprachen. Ein Abgesang auch auf die Zeit der großen Segler, eine Reminiszenz auf den einst so bedeutenden Walfanghafen Hull, die Geburtsstadt des Autoren. Das alles mit einem Protagonisten, der als Kontrapunkt zum bisherig Angemerkten durch das Purgatorium dieser Fahrt geläutert erscheint, der sich durch einen letzten barbarischen Akt retten und ein neues Leben anfangen kann.

Ian McGuire
Nordwasser
Übersetzt aus dem Englischen von Joachim Körber
Originalausgabe: The North Water, London 2016
diese Ausgabe: mare, HC, ca. 304 S., 2018

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