Alexander Osang: Winterschwimmer

Der 1962 im Osten Berlins geborene Journalist und Schriftsteller Alexander Osang gehört zu den von mir gern Gelesenen, seine Kolumne im Spiegel ist mir lieb. Daß er auch Schriftsteller ist und außerdem sowieso produktiv, war mir nicht so präsent. Selbstverständlich hat er seinen eigenen Wiki-Beitrag [1] und das Reporterforum [2] (auf das zu stoßen ein netter Nebeneffekt meiner ‚Recherche‘ zu Osang war) listet fast 600 Treffer zu ihm auf.


Die vorliegende Sammlung von vierzehn Geschichten, auf die ich neulich schon an anderer Stelle hingewiesen hatte [3], ist eine Auswahl von Erzählungen, die Osang seit zwanzig Jahren regelmäßig zu Weihnachten in der Berliner Zeitung schreibt. Es sind keine Weihnachtsgeschichten mir Maria, Josef und dem Kind in der Krippe, keine Adaptionen des Besuchs der Könige und die Hirten auf dem Felde sind auch nicht alarmiert. Osang greift das Fest in seiner heutigen Form auf, diese durch feste Rituale geprägte Institution des familiären Lebens. Denn genau das ist es in vielen Fällen: die Familie, das Jahr über getrennt, manchmal über den ganzen Erdball verstreut lebend, kommt für ein paar Tage zusammen, die Kinder besuchen die Eltern, die noch in der Wohnung wohnen, die von ihnen, den erwachsen Gewordenen, vor ein paar Jahren verlassen worden ist; die Eltern fahren zu den Kindern und treffen dort auf eine Welt, die sich von der ihren zunehmend unterscheidet. Man muss sich arrangieren, die gewohnten Rückzugsräume fehlen, dafür aber tauchen neue Herausforderungen auf: man muss die anderen daher aushalten. Gott sei dank gibt es die Rituale, die dabei helfen: den Weihnachtsbaum mit allem, was sich so um ihn herum abspielt, das Gänseessen, den Spaziergang… nur manchmal funktioniert das eben trotzdem nicht.

Die, die übrig bleiben bei dieser weihnachtlichen Familienzusammenführung, sind die Verlassenen, die Einsamen, die, die sich getrennt haben oder die getrennt worden sind. Und meist sind diese es, die in Osangs melancholischen (er selbst sieht sie eher tragikkomisch [4]) Geschichten im Mittelpunkt stehen. Der Immobilienmakler beispielsweise, der vor dem Haus, in dem er wohnt eine Wohnungssuchende trifft, die auf ein Zimmerfenster seiner Wohnung zeigt und davon überzeugt ist, daß eine Wohnung mit so einer Gardine vor dem Fenster schon seit langem leer stehen muss. Und, das wird ihm daraufhin klar, bis auf ein Bild an der Wand stimmt das, er hält sich auf in der Wohnung, aber er lebt dort nicht, nichts ist von ihm sonst dort… Die Titelgeschichte vom Winterschwimmer bzw. von den Winterschwimmern, denn das Wort ist Singular und Plural in einem, erzählt von Ruhl, der nach der Wende zusammen mit seiner Frau ein erfolgreicher Verkäufer von Solarien im deutschen Osten war, dessen Frau ihn aber, nachdem das Geschäft abflaute, verlassen hat und der jetzt, zum 15-jährigen Firmenjubiläum mit entsprechenden Rabattangeboten auf Kundschaft wartet. Ob die Frau, die er überzeugen kann, daß sie den Pool ruhig ausprobieren darf – in den er dann kurz darauf auch steigt-, länger bleiben wird, läßt Osang zwar offen, vorerst beläßt er es beim gemeinsamen Schwimmen…

Die Einsamkeit zu zweit, die sinnentleerten Rituale, gegen die sich niemand wehrt, die nur erduldet werden, um Streit zu vermeiden oder Enttäuschung beim anderen. So wird die Fischsuppe gegessen, obwohl man sie nicht ausstehen kann und während der Mann die Tür hinter sich zugeworfen hat, um draußen heimlich zu rauchen, holt die Frau schnell die Weinflasche hervor und kippt ein Glas hinunter. Aber wie der Zufall so spielt, ist es gerade ihr Mann, der vom mobilen Reporterteam für’s TV interviewt wird und der dort zum ersten Mal seit langem das sagt, was er wirklich denkt – und seine staunende Frau, die mit dem Weinglas mittlerweile vor der Glotze sitzt, findet, daß ihm das eigentlich gut steht und holt seinen Aschenbecher wieder aus dem Schrank…

Mal unsichtbar sein für die anderen und sie belauschen, hören, was sie sagen und erzählen – für Jo Friedrich geht diese Vorstellung in Erfüllung. Jo hat mittlerweile Karriere gemacht, vertritt eine Weltfirma in Indien, hat auch eine indische Frau. Um den Nikolaus für seinen Enkel aus erster Ehe zu spielen, fliegt er nach Deutschland. Er hat die perfekte Maske, in seiner Position ist es kein Problem, ein Kostüm zu bekommen, das sogar die eigene Stimme verändern kann. So steht er am Abend unerkannt im Zimmer vor der Familie, (aus)von der er vor Jahren (aus)geschieden ist, und hört und sieht Wahrheiten, die ihm zunehmend die Sprache verschlagen….

Eine altmodische Geste, der Dame zum Schutz gegen den Regen das Jackett umhängen, doch die Dame erhoffte mehr, was er ihr aber nicht gab. So landete das Jackett schließlich im Abfallcontainer, irgendwo musste die Enttäuschung hin, mitsamt des Geschenks für die Ehefrau, das in der Jackentasche steckte. Eine Ereigniskette, die das Leben Beckers von Grund auf erschütterte, nahm jetzt ihren Lauf, denn irgendwie musste er ja wieder an das Jackett kommen…


Es ist eine immer wieder auftauchende Grundstruktur in den Osangschen Geschichten: ein unvorhersehbares Ereignis (das auftauchende TV-Team; der Tod des Vater, der sich in Thailand aufhielt; die Wohnungssuchende; das weggeworfene Jackett; die verschlossene Tür, nachdem man mal kurz nach draußen gegangen war…) durchbricht den schützenden, aber auch einengenden Kokon der gewohnten weihnachtlichen Rituale und eröffnet, erzwingt manchmal auch, den Blick für Neues. Jedem Ende also wohnt ein Anfang inne, eine neue Lebensperspektive, die sich zeigt, zumindest aber ein neuer Blick auf das gewohnte Leben mit der Chance, etwas zu ändern… In diesem Sinne sind Osangs Geschichten trotz der Tragik, die ihnen innewohnt, hoffnungsvolle Geschichten, sie sind weihnachtlich in dem Sinne, daß auch vor gut zwei Jahrtausenden das Alte, Hergebrachte in seiner Erstarrung in Frage gestellt worden ist und ein neuer Blick, ein neuer Anfang sich aufgetan getan hatte. Und abgesehen von dieser in den Geschichten enthaltenen ‚Botschaft‘ ist Osang ein Meister darin, von diesen entscheidenden Weichenstellungen im Leben seiner Figuren unprätentiös, lakonisch, immer mit Sympathie für sie zu erzählen.

Links und Anmerkungen:

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Osang
[2] http://www.reporter-forum.de/index.php?id=119
[3] https://www.facebook.com/aus.gelesen.de/posts/1636988546380740
[4] http://www.zeit.de/2017/51/alexander-osang-schriftsteller-reporter-weihnachten-glauben

Alexander Osang
Winterschwimmer
Erstveröffentlichung der Geschichten (außer ‚Unsichtbar‘) in der Berliner Zeitung
diese Ausgabe: Aufbau-Verlag, HC, ca. 236 S., 2017

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3 Kommentare zu „Alexander Osang: Winterschwimmer

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