August Schmölzer: Der arme Ritter

3. Dezember 2015

ritter cover

August Schmölzer, der Autor dieses schmalen, aber leicht pikanten Werks, ist Fernseh- und Filmschauern vielleicht eher als Schauspieler bekannt, am Anfang seiner Karriere findet sich in der Filmographie ein Auftritt in Spielbergs Film „Schindlers Liste“ [1]. Aber Schmölzer ist auch Autor, wenngleich dieses Büchlein in der Liste seiner Veröffentlichungen nicht mehr aufgeführt ist. Zugegeben, es ist kein aktuelles Werk, sondern stammt aus dem Jahr 2005, aber trotzdem…

Sei´s d´rum! Der arme Ritter, eine einfache Speise aus altbackenen Semmeln, Eier, Milch, Zucker und Schmalz, dazu noch eine Füllung. Wie genau die Zubreitung ist, erfahren wir im Buch, ebenso wie die Liste der Zutaten. Ein wenig erinnert diese Idee an einen schon älteren Roman des vor einigen Jahren verstorbenen Johannes Mario Simmel: Es muss nicht immer Kaviar sein [2]; auch in diesem seinerzeit sehr erfolgreichen Buch erfuhr das Handeln des Protagonisten immer wieder durch Koch- und Esseinlagen eine spezielle Würzung. Eine Würzung, die auch eine erotische Komponente hatte, den ein besonderer Genuss war es für den Helden, diese Speisen in Gesellschaft schöner Frauen zu geniessen. Womit wir wieder den Übergang zu Schmölzers “ Der arme Ritter geschafft hätten….

… denn auch dessen Hauptfigur mit dem etwas affektierten Namen Karl Kater kocht gerne, ist hauptberuflich Koch. Meiden wir die inflationäre Verwendung des Begriffs „genial“ und beschränken uns auf ein „hochbegabt“: Karl Kater hat das Kochen im Blut, es ist sein besonderes Talent. Und sein Traum ist es, ein eigenes Restaurant zu führen, in dem er nur für die Menschen, die er mag, die er kennt, kochen will und für die er sozusagen „maßgeschneiderte“ Essen kreieren kann.

„Der arme Ritter“ in seiner zweiten, viel häufiger im Buch verwendeten Bedeutung ist nicht sein Alter Ego, aber doch etwas an ihm, das fast schon eigenständig agiert (und damit leichte Erinnerungen weckt an Albert Moravia: Er und Ich [3]) und seinen Namen der Speise verdankt, bei der er sozusagen initiiert wurde. Ein nostalgischer Name also, der Arme Ritter mit dem roten Helm und seinen beiden Knappen…..

Obwohl das Buch insgesamt vierzehn einzelne Kapitel mit eigenständigen Episoden umfasst, wird es doch durch eine Art Rahmenhandlung zusammengehalten. Wir lernen Karl Kater als Koch in einem Hotel kennen, der nach Dienstschluss in der hoteleigenen Bar noch auf Ansitz geht, alleinstehende, einsame Frauenherzen zu finden. Denn Karl Kater ist Frauenversteher, ein Mann, der sich in Frauen eindenken kann und der zudem das liebt und begehrt, was die Frau zur Frau macht. Auf diese Weise lernt er Regina kennen, die dort an der Theke sitzt, man kommt ins Gespräch, es gibt unabsichtlich wirkende Berührungen, nicht zu beherrschende Ausbeulungen und halbwegs trunken finden die beiden den Weg ins Zimmer der Dame. Dort divergieren die Interessen ein wenig: während Karl Kater sich eher verbal seinem Weltschmerz hingeben will, hat die Dame eher Lust auf den süßen Schmerz, den ihr der arme Ritter zufügen könnte, wenn… ja wenn dessen Träger sich nicht einfach an sie gekuschelt hätte und sanft eingeschlafen wäre. Das Erwachen für ihn ist unsanfter, die von ihm unbeglückte Regina schmeißt ihn hochkant hinaus, so steht Kater Karl (aber nicht dessen Ritter), nackt im Hotelflur. Er fleht an ihrer Türe um Einlass, und wie weiland die Ritter Lieder der Minne anstimmten, versucht er das Weib mit einer Speisefolge zu besänftigen, die er nur für sie erdenkt: Gänseleber á la Regina.

Es endet dramatisch, der Alkohol, die Aufregung, das hektische Leben als Koch insgesamt: das Herz streikt, es wird dunkel um ihn ….. bis wir ihn, Kater Karl, im letzten Abschnitt wieder treffen: im Krankenhaus, treu begleitet und besucht von … eben: jener Regina, die letztlich von der Singularität des Abends doch überwältigt worden war….

Zwischen diesen beiden Episoden liegen zwölf weitere, die den Lebensweg von Karl Kater, der sich, fragen ihn die Frauen nach seinem Namen, immer „John“ nennt, beschreiben. Es ist müßig, die jetzt alle hier zu beschreiben, deshalb nur soviel:

Karl lernt in einem Restaurant den Beruf des Koches. Es ist ein besondere Art der Lehre, denn sein Meister läßt ihm noch eine zweite, eher inoffizielle Ausbildung zukommen. Für diese Ausbildung ist Sarah verantwortlich, eine Dame aus dem Milieu, denn das Lokal, in dem er lernt, liegt in einschlägiger Umgebung und – obwohl nicht direkt an dessen Gewerbe beteiligt – man muss sich arrangieren uns so gibt es die eine oder andere Kooperation zwischen den Parteien. So gehen beide, Karl, der sich John nennt, und – falls die Gelegenheit es verlangt – auch der arme Ritter gut angeleitet ihrer Profession nach, lernen die unterschiedlichsten Frauen kennen, und auch wenn diese besondere Menage a trois durchaus nicht immer von „Erfolg“ gekrönt ist, sind es doch Begegnungen, die voller Leidenschaft und Erotik sind, gekrönt von der Fantasie einer dazu passenden Speise….

Schmölzer schildert abwechslungsreiche Settings mit „Riesinnen“ ebenso wie mit militärisch angehauchten Soldatinnen, es gibt Situationen mit mehr als einer Frau und solche mit weniger als einer…. Rendezvous´ in den Bergen ebenso wie im Schwimmbecken… das Kochen und das Lieben, beide Tätigkeiten verlangen nach Einfühlungsvermögen, nach Aufmerksamkeit, nach Fantasie… sie kommen in den Schmölzer´schen Episoden zum Tragen, auch wenn sich diese Bezeichnung „Der arme Ritter“ im Lauf der Seiten etwas aufbraucht genau wie der der „Freundin“…. Nie wird das Beschriebene vulgär oder gemein, stets bemüht sich der handelnde Kater, das Unverwechselbare, das Einmalige seiner Gegenüber wahrzunehmen. Insofern – auch wenn hie und da der männliche Blick nicht zu verleugnen ist – ist es ein einfühlsames erotisches Vergnügen, dieses Büchlein zu lesen, vielleicht sich sogar vorzulesen und animieren zu lassen, zum Kochen, zum Essen, zum Lieben…

… ach ja, der Vollständigkeit halber: zum Schluss erfüllt sich auch der Lebenstraum des Helden und das ist jetzt nicht nur erotisch gemeint, obwohl – so streng trennt Herr Kater dies ja sowieso nicht…

Die Speisen und deren Zutaten und Anwidmungen, gleichzeitig die einzelnen Episoden:

Menü 1:  Manna à la Mama
Menü 2: Gänseleber à la Regina mit Zuckererbsen und Salzburgernockerln
Menü 3: Der arme Ritter mit Füllung für Michi
Menü 4: Rinderfilet Sarah mit Reis
Menü 5: Soup Isabel
Menü 6: Kalbsnieren à la Lydia und Marie
Menü 7: Ochsenfleisch à la Bärbel mit Apfelkren
Menü 8: Auster Ulrike
Menü 9: Überbleibsel à la Katharina (eine improvisierte Küche aus dem Vorhandenen)
Menu 10: Palatschinken mit Marillenmarmelade für Harfe
Menü 11: Carpaccio Jeannine
Menü 12: Kaschubischer Rehrücken mit Serviettenknödeln für Tunjascha und ihren Freund
Menü 13: Forelle Julia
Menü 14: Gegrillter Lachs natur

Alle Rezepte vom Autoren…

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite des Autoren: http://augustschmoelzer.com
[2] wer etwas Zeit hat, kann sich z.B. bei Dieter Wunderlich die ausführliche Inhaltsangabe und Besprechung des Romans zu Gemüte führen:  http://www.dieterwunderlich.de/Simmel_kaviar.htm
[3] Albert Moravia: Er und Ich; Buchvorstellung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2012/09/04/alberto-moravia-ich-und-er/

mehr erotische Literatur ist im Themenblog: https://erotischebuecher.wordpress.com zu finden.

August Schmölzer
Der arme Ritter
mit Zeichnungen von Irene Brischnik
diese Ausgabe: morre & nöst medienverlag, Softcover, ca. 160 S., 2005

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