Anneliese Mackintosh: So bin ich nicht

15. Juni 2016

Eine spontane Assoziation zu diesem Buch stellt sich schon ein, bevor man die erste Zeile des Textes überhaupt gelesen hat und erinnert an die literarische (?) Peinlichkeit, die Charlotte Roche vor wenigen Jahren mit ihren Feuchtgebieten [2] in die Welt gesetzt hat: in beiden Werken findet sich der Hinweis auf einen hohen Anteil an Selbsterlebten. Roches glitt das seinerzeit wohl aus der Hand, sie ruderte bald zurück, Macintosh dagegen verspricht, nie etwas zu verraten…. Aber ok, das ist nur eine Assoziation, die ich hatte, vergesst es einfach, die beiden Bücher haben ansonsten nichts miteinander zu tun, man täte dem vorliegenden Buch von Mackintosh damit auch Unrecht….. ;-)

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Anneliese Mackintosh – der Vorname ist schließlich nicht ohne Grund so deutsch – wurde in Deutschland geboren, ebenso wie ihre Heldin Greta , die just diesen deutschen Namen aus nämlichen Grund hat, beide lebten an vielen Orten, zwischendurch auch in Berlin. Any Other Mouth, so der Originaltitel der Sammlung von Kurzgeschichten aus dem Leben Gretchens, wurde 2014 erstveröffentlicht und erschien dieses Jahr 2016 in deutscher Übersetzung [1]. Er sammelt Episoden aus Gretas Leben, Erinnerungen an ihren Vater, ihre Mutter, die Schwester, ihre eigene Kindheit und Jugend. Und natürlich kommen auch die Erlebnisse der Jetzt-Zeit nicht zu kurz. Es ist ein Leben auf der Grenze, soviel sei hier angedeutet, auf der Grenze zwischen ‚gerade noch‘ und ‚geht nicht mehr’…

eine zweite Assoziation…. Mackintosh goes Otsuka [3]:

Ich f*ckte einen,  der bekennender Nazi war
Ich f*ckte einen auf dem Badezimmerboden…
Ich f*ckte einen, der mir von seiner schönen Frau und den Kindern erzählte
Ich f*ckte einen, dessen Vater mich mit Ketaminen versorgte
Ich f*ckte einen, der einen Roman schrieb
Ich f*ckte einen, der mich mit Chlamydien ansteckte
….und ritt mich immer wieder und tiefer in die Scheiße,
weil das alles war, was ich konnte.

… aber das mit dem F*cken kam erst etwas später, nach dem Tod des Vater, nach dem sie Greta so sehnte wie nach der Liebe und vielleicht waren beide Sehnsüchte eigentlich die selben, die zweiten Seiten einer Medaille….. mit wieviel Zärtlichkeit und Wehmut sind Gretas Erinnerungen an ihren Vater, den sie bewunderte, geschrieben. Ein Computerfachmann, der sogar mal mit Bill Gates gesprochen hatte, aber dem der große (wirtschaftliche) Durchbruch versagt geblieben war. Der nicht treu sein konnte und im vergammelten Wohnwagen hinterm Haus die Pornohefte sammelte… der seinem kleinen Töchterlein: Wie funktioniert das, Daddy? alles erklären konnte, mit ihm im Garten arbeitete, Schafe hütete, Geschichten erzählte und mit seinen geheimen ‚Daddy-Kräften‘ dafür sorgte, daß die richtigen, die schönen Träume des Nachts zu Greta kamen…. Es war die Zeit, in der Greta in der ‚Mitbringstunde‘ in der Schule aus ihrem Lieblingsbuch, einem landwirtschafltichen Ratgeber, Bilder mitbrachte, von sich paarenden Schweinen, vom Verdauungstrakt der Hühner und sie damit gegen die fluoreszierenden Mickey-Mouse-Köpfe der anderen konkurrierte…. Der Krebs holte sich ihren Vater und hatte die Mutter das mit dem Fremdgehen auch noch irgendwie verkraftet, der Tod ihres Mannes war zuviel für sie….


Meine Trauer ist so groß, sie spannt die Haut. Meine Trauer ist so stark, sie bricht mir die Knochen. So hart, daß sie mir Veilchen schlägt. So kalt, daß ich Eiszapfen weine. Und meine Trauer ist so lang, sie baumelt überm Teller, wenn ich essen will, daß ich auf den Teller und auf die Trauer kotzen muss.

…Gretas Trauer ist unendlich, taucht immer wieder auf, die Trauer, sie kann schwimmen, denn das Glas Wein am Abend, aus dem so leicht auch vier oder fünf oder… werden, ersäuft sie nicht…. genauso wenig wie sie dagegen anf*cken kann, gegen das Gefühl des Alleinseins, der Angst vor dem Verlassenwerden, denn bevor sie verlassen wird, verläßt sie lieber selbst. Vielen Dank für alles. So reiht sich bei ihr Mann an Mann, nur selten jemand, bei dem sie länger bleibt (was nicht bedeutet: lange oder gar für immer) wie mit Simon, der vermutet, daß sie Borderline hat und ihr sogar das Versprechen abluchsen kann, zum Arzt zu gehen….

Die vierundzwanzig Jahr der Kindheit, der Jugend und der jungen Frau mit ihrer Familie im Cottage: die Zeitmaschine von Google Maps führt sie zurück. Sie zoomt sich heran an das Haus, sieht die Wäsche an der Wäscheleine hängen, die Liege im Garten, die Schubkarre an der Wand…. ihre Sehnsucht liefert ihr die fehlenden Bilder von den Menschen, von der Mutter in der Küche, dem Vater vor dem Computer, der Schwester, die mit dunklem Blick auf dem Boden handarbeitet….

Heilig Abend… o wie lacht…. hier wartet keine Idylle auf uns, kein Weihnachtsmärchen, kein Kind mit lockigem Haar. Obwohl – vielleicht hatte ja doch einer lockiges Haar von den Kerlen, die Greta und ihre Freundin, die sich mit zuviel Alk in den Pubs selbst abgeschossen hatten, ins Klo mitnahmen und ihnen ihr Fleisch reinsteckten, einer nach dem anderen, Gesichter spielten keine Rolle und in ihrem benebelten Geist machten sie, was ihnen gesagt wurde oder hielten einfach nur still…. Idylle ist relativ, mit zerrissenen Klamotten und völlig derangiert taucht Greta zur familiären Heilig Nacht auf. Frohe Weihnachten.


Harter Stoff, den Mackintosh präsentiert, nicht unbedingt kindertauglich. Borderline, Asperger, Mehrfachvergewaltigung, Ritzen, Alkoholsucht, wechselnde Geschlechtspartner in großer Zahl, Psychiatrie, Suizidalität, Wahnvorstellungen: Gretas Familie bietet von allem etwas und dann reichlich. Immer wieder Versuche, den eigenen Platz in der Welt zu finden – und immer wieder auch ein Scheitern, ob im Fitnessstudio, in der vegan lebenden WG, bei der Promotion, in den Beziehungen…. darüber zu lesen, tut oft weh, ist oft traurig, ist oft witzig. Denn Mackintosh kann schreiben und formulieren, rau, derb und direkt manchmal, skurril und witzig ein andermal. Zärtlich und sehnsuchtsvoll, voller Liebe aber auch voll mit Hass – manches mal, vllt sogar häufig, auf sich selbst. Ein Leben auf der Suche nach dem Glück, nach dem Vater, der sie zu früh verlassen hat, nach dem Gefühl des Behütetseins der Kindheit. Ein Leben als steter Kampf mit einem Gegner: sich selbst und ihrer Angst. Der Angst, verlassen zu werden, einsam zu sein, das Glück festzuhalten, wenn es sich mal zeigt. Ein Leben im Schleudergang also, up and down; wenn es eine Stoptaste für Greta gibt, scheint es das Schreiben zu sein. So bin ich nicht ist also auch ein Auffangbecken für jemanden, der genau so ist, aber so wohl nicht sein will.


Mackintosh präsentiert uns dieses Leben in 30 Episoden [4], aus denen sich sukzessive ein Gesamtbild von Greta herausschält. So ist das Buch mehr als nur eine Sammlung von Kurzgeschichten, es ist eher ein Mosaik, das letztlich ein Ganzes ergibt, auch wenn dieses Ganze dann wiederum nicht als Roman bezeichnen kann. Natürlich hat man beim Lesen immer die einleitende Anmerkung der Autorin im Kopf, zweidrittel des Erzählten seien wirklich passiert und man fragt sich, was nun unter diese Kategorie fällt… eher die glücklichen Momente, eher die traurigen oder die schockierenden? Wahrscheinlich von allem etwas….. Jedenfalls darf man Mackintosh nach dieser beinharten „Beinahe-Biographie“ für die Zukunft viel Glück wünschen; die Katzen hat sie ja mittlerweile, verheiratet ist sie auch [1] und als Leser darf (oder muss, angefüttert ist man ja durch So bin ich nicht) man auf ihren ersten Roman sehr gespannt sein.

Links und Anmerkungen:

[1] über die Autorin:  http://www.anneliesemackintosh.com/#!about/c1j3z
twitter-account: https://twitter.com/anneliesemack?lang=de
[2] wer dieses Werk nicht kennt (es ist ja immerhin schon über acht Jahre her): Charlotte Roche: Feuchtgebiete; Besprechung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/tag/feuchtgebiete/
[3] wer hier nachschaut, weiß, was ich meine: Julie Otsuka: Wovon wir träumten (Link zur Buchbesprechung hier im Blog)
[4] Ich habe es nicht selber nachgezählt (Leider fehlt so etwas wie ein Inhaltsverzeichnis), sondern mich auf eine andere, fleißige Leserin verlassen:  http://buchlingreport.de/2016/06/03/anneliese-mackintosh-so-bin-ich-nicht-gretas-storys/

Anneliese Mackintosh
So bin ich nicht
(Gretas Storys)
Übersetzt aus dem Englischen von Gesine Schröder

Originalausgabe: Any Other Mouth, Glasgow
diese Ausgabe: Aufbau-Verlag, HC, ca. 256 S., 2016

 

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One Response to “Anneliese Mackintosh: So bin ich nicht”

  1. literatwo Says:

    Meine Meinung?
    Ich mag es sehr und ich mag deine Worte. Am 24.06. stelle ich das Buch in der Buchhandlung Findus vor. Mal sehen, was die Zuhörer und Baldleser so sagen.
    Grüße – Bini

    Gefällt mir


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