Guus Kuijer: Die Bibel für Ungläubige: Genesis

bibel cover

Die Bibel – wer kennte dieses Buch, ja, dieses Buch der Bücher, nicht? Die meisten wohl… den Titel schon, aber wann zum letzten Mal in der Hand gehabt und gar gelesen? Und auch der Kirchenbesuch, bei dem darauf vorgelesen und gepredigt wird, ist ja auch nicht mehr so häufig wie anno dazumal. Dabei stehen, das muss man zugeben, eigentlich sehr schöne Geschichten in diesem Buch. Sicherlich, die Sprache ist unmodern, der Aufbau der Geschichten umständlich und das Ganze wirkt doch etwas altbacken. Andererseits findet man in diesen alten Geschichten das ganze Spektrum menschlicher Verhaltensweisen und menschlicher Charaktere wieder, sie sind in vielerlei Hinsicht archetypisch für uns. Begegebenheiten, die von Eifersucht zeugen, von Neid, von Hass und Konkurrenz, von Liebe und Freundschaft, von Vertrauen und Betrug, von Strafe und Belohnung, von Mut und Feigheit, von Klugheit und Dummheit, von Toleranz und Ignoranz. Denken wir nur an die Figur des Hiob, sprichwörtlich geworden für Menschen, denen ein unergründliches Schicksal alles, was sie lieben, nimmt….

Der Niederländer Guus Kuijer [1], ein vielfach ausgezeichneter Kinder- und Jugendbuchautor, hat sich der Bibel angenommen. Mit dem auf den ersten Blick irritierenden Zusatz ….für Ungläubige erzählt er aus dem Blickwinkel von Figuren, die in der „richtigen“ Bibel [2] eher am Rand stehen, einige dort geschilderte Episoden in moderner Prosa wieder. In den Niederlanden sind bis dato die ersten vier Bände (zumindest habe ich nicht mehr gefunden) erschienen, in Deutschland sind bis dato Band 1: Der Anfang – Genesis und Band 2: Exodus [3] im Antje Kunstmann Verlag erschienen, bei Reclam werden offensichtlich die Taschenbuchausgaben zeitversetzt publiziert.

Genesis also, das erste Buch Mose [2a], das von der Schöpfung der Welt berichtet, von Adam und Eva, von Noah, Abraham, Isaak und Jakob bis zu Josef und seinen Brüdern. Natürlich erzählt Kuijer die Geschichte der Erschaffung der Welt, die am Anfang ein Wort war, als Adams Geschichte. Dies ist in der Literatur nichts neues, ich habe selbst in diesem Blog schon die wunderschöne Adaption Mark Twains vorgestellt, auch Ted Hughes hat sich dem Thema gewidmet, sicherlich fände man noch mehr Autoren, würde man suchen [4].

Es folgt die Geschichte von Noah, dem Bau der Arche und der Sintflut aus der Sicht von Ham, einem der Söhne Noahs, und zwar der, der immer etwas eigenständiger war als seine beiden Brüder Sem und Japhet. Ein Urenkel Noahs, ein Enkel Sems schließlich war für den Turmbau von Babel verantwortlich, der wie die Arche sowohl als göttlichen Auftrag missverstanden wurde, der aber auch als ein technologisches Großprojekt war, das neugierige Menschen aus aller Herren Länder anlockte und wirtschaftlichen Aufschwung verhieß.

Für mich die schönste Geschichte ist die, die Sarah erzählt, die Frau von Abraham, die damals noch Sarai und Abram hießen. O ja, Sarai ist ganz hibbelig (um ein harmloses Wort zu verwenden) bei dem Gedanken, mit einem Gott zu schlafen.. wie aufregend muss das sein, wo sie doch nur das langweilige Gebu**e mit ihrem eigenen Mann kennt… der Pharao, in Ägypten, wird es sein, der sie, die Schöne, begehrt…. aber das ist nur eine Episode aus Sarahs Erzählung, die auch die Geschichte um Sodom und Gomorrha, um Lot und seine Familie enthält und die Probleme, eigenen Nachwuchs in die Welt zu setzen. Sarah ist nicht ohne Fehler und menschliche Schwächen, Hagar, ihre Sklavin, die mehr ist als eine Sklavin, die ihr wie eine Tochter ist, die sie ihrem Mann zuführt, damit dieser endlich ein Kind mir ihr zeugt und die nachher von Eifersucht aufgefressen wird: diese Hagar beispielsweise verjagt sie in die Wüste, mit ihrem Balg…. Abram ist der, der sich immer mit Gott unterhält, der Weisungen von diesem Gott erhält, der die Beschneidung einführt für die Männer seines Stammes. Und es ist dieser Gott, der von Abram verlangt, den Sohn, den Sarah ihm endlich doch geboren hat, zu opfern. Und Abraham ist bereit dazu und Isaak auch dazu, geopfert zu werden. Als Sarah davon erfährt, bricht es ihr das Herz.

Isaak erzählt seine eigene Geschichte, die in vielen Teilen die ist von Esau, dem Erstgeborenen und Jakob, den Fersenhalter, der als Zweiter auf die Welt kam. Für ein Linsengericht gegen den beissenden Hunger verkaufte der triebhafte Esau dieses Recht an Jabob und durch eine List, die Rebecca, seine Mutter und er ausheckten, täuschten sie den blinden Isaak, so daß dieser seinen Segen nicht an Esau, sondern an Jakob verteilte.

Er floh vor der Rache es Bruders zu seinem Onkel, wo er Rahel traf. Und er freite sieben Jahre um Rahel und in der Hochzeitsnacht schob man ihm Lea, die ältere Schwester, unter. Ein Betrug, wie er ihn weiland begang…. und er freite noch einmal sieben Jahre um Rahel, bis er seine Liebe endlich heiraten konnte. Aber während Lea ihm einen Sohn nach dem anderen gebar, dauerte es viele Jahre, bis Rahel im zwei Söhne schenkte: Josef und Benjamin.

Und letzter gibt in diesem Buch den Thomas Mann und erzählt die Vorkommnisse von Josef und seinen Brüdern, in denen Niedertracht und Verrat eine Rolle spielen sowie auch Geilheit und Klugheit. bis sich schließlich alles zum Guten gewendet hat.


… für Ungläubige ist eine Nacherzählung ausgewählter Episoden aus dem 1. Buch Mose. Man wird daran erinnert, daß Gott damals nur einer von vielen Göttern war, der Gott eines Clans, einer Familie so wie jeder Stamm seinen Götter hatte und verehrte. Noch ist längst nicht absehbar, daß dieser Gott Jahrhunderte später zum Gott der Juden und danach der Christen avancieren sollte, während alle anderen der Stammesgötter nur noch als Erinnerungen an einst (wenn überhaupt) überleben sollten.

Kuijer bezeichnet sich selbst als ungläubig. Er sucht in den Geschichten gezielt nach Zweifeln, Widerspruch, Ungehorsam, ja sogar Unglauben und formt damit eine plausible Entwicklungsgeschichte der alttestamentarischen Religion. Diese ist nicht vom Himmel gefallen, auch sie hat sich entwickelt, unterlag Änderungen und Einflüssen, bis sie schließlich in einem feststehenden Kanon schriftlich fixiert war. Dies wird durch die besondere Art Kuijers, die den Zweifeln und der Verwunderung der Menschen viel Raum läßt. Auch in dieser Hinsicht ist die Geschichte Sarahs sehr hübsch, vermutet diese doch lange Zeit eher eine spinnerte Marotte im manchmal seltsamen Verhalten ihres Mannes. Und daß ihr (ihr!), der Paarundziebzigjährigen, die drei seltsamen Männer verheißen, daß sie in einem Jahr einen Sohn auf die Welt bringen wird – einfach nur lächerlich!

Eine Nacherzählung bzw. eine in Prosa umgewandelte Geschichte ist immer auch eine Interpretation, vielleicht sogar eine Ausdeutung. Schwerpunkte sind anders gesetzt, der Leser bzw. die Wirkung der Geschichte auf den Leser, sind wichtig: die Episode Sarahs mit dem göttlichen Pharao nimmt in der Genesis eher wenig Platz ein (1 Mose 12, 14-18), in Kuijers Nacherzählung ist sie dagegen deutlich ausgeschmückt und umfangreicher.

Ein zweites Beispiel noch, weil damit auf der hinteren Umschlagseite „geworben“ wird: Jakob hat mit Gott gekämpft und der Kampf ging unentschieden aus. Wie es der Zufall wollte, habe ich genau um die Zeit, in der ich das Buch las, einen Vortrag eines Benediktinermönchs gehört, der justament auch über diese Bibelstelle redete. Dort wurde gesagt, daß der Originalbegriff nicht eindeutig ist, er könne mit Gott übersetzt werden, aber auch mit Dämon oder Schuld, dieser (vorgebliche) Kampf mit Gott könne daher auch ein Bild sein für den inneren Kampf Jakobs mit der Schuld, die er gegenüber Esau auf sich geladen hat. Überhaupt vernachlässigt man meist, daß das Lesen solch alter Bücher oft eine Art „Stille Post“ ist, in der die jeweiligen Übersetzer von einer Sprache in die andere jeweils ihre eigene Sinnfärbung mit eingebracht haben, bis der Text dann schließlich auf Deutsch (Englisch, Dänisch…..) vorliegt.

Das soll mich aber nicht hindern, das Buch Kuijers als kurzweilig, unterhaltsam, interessant und auch lehrreich zu empfehlen. Kaum jemand wird heutzutage freiwillig noch die Bibel lesen, dieses Büchlein jedoch kann jeder – und wenn er nur schöne Geschichten hören will – zur Hand nehmen. Well done!

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Guus Kuijer:  https://de.wikipedia.org/wiki/Guus_Kuijer
[2] online-Ausgabe der Bibel z.B. hier: http://www.bibel-online.net
[2a] Genesis: http://www.bibel-online.net/buch/elberfelder_1905/1_mose/1/#1
[3] Exodus: http://www.kunstmann.de/titel-0-0/die_bibel_fuer_unglaeubige-1144/
[4] Buchvorstellungen hier im Blog:
Mark Twain: Das Tagebuch von Adam und Eva
Ted Hughes: Der Rüssel

Guus Kuijer
Die Bibel für Ungläubige
Der Anfang: Genesis
Übersetzt aus dem Niederländischen von Anna Carstens und Angela Wicharz-Lindner
Originalausgabe: De Bijbel vor ongelovigen. Het Begin. Genesis; Amsterdam 2012
diese Ausgabe: Reclam, Philipp, jun. GmbH, TB, ca. 320 S., 2016

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