Paul Auster: Unsichtbar

Wieder so eine Empfehlung meiner Buchhändlerin…. aber freitags gekauft und sonntag mittag schon gelesen, also kann es ja garnicht so schlecht gewesen sein. Ein Danke also in meine Handlung zur -in, die wissen wird, daß sie gemeint ist….

1967

Der wesentliche Teil des Buches spielt sich im Jahr 1967 ab. Die USA befanden sich mitten im Vietnam-Krieg, im Land selbst wuchsen Widerstände dagegen, die Hippie-Bewegung begann, Drogen wurden en Vogue. In diesem Umfeld schildert Auster in seinem stark autobiographischen Buch [1] die schicksalhafte Begegnung zwischen dem 20-jährigen Studenten und angehenden Dichter Adam Walker und dem Mittdreißiger Rudolf Born sowie dessen Begleiterin Margot.

Frühling

Diese erste Begegnung findet auf einer langweiligen Party statt, anscheinend bedeutungslos. Born ist undurchsichtig, aber nicht uncharmant, Margot scheint einfach nur langweilig zu sein. Wenige Tage später treffen sich Walker und Born zufällig wieder, kommen ins Gespräch und Born bietet Walker an, für ihn mit großzügigem Etat ausgestattet eine anspruchsvolle Literaturzeitschrift zu gründen und zu etablieren. Nach kurzem Zögern willigt Walker ein. Ergreift er, der gegenüber Born zwiespältige Gefühle hat, hier seine Chance oder verkauft er sich, läßt sich kaufen? Die nächsten Tage jedenfalls trifft man sich, auch Margot gibt sich gesprächiger und als Born überraschend für einige Tage nach Paris muss, ist Margot sogar recht offen. So offen, daß – ich will es mal so formulieren – Walker nach den 5 Tagen bis Born wiederkommt, eine ziemlich vollständige Übersicht über das hat, was Menschen miteinander treiben können, um Lust zu spenden und zu empfinden.

Bei einem nächtlichen Spaziergang werden Walker und Born überfallen, mit einer Waffe bedroht. Born, der plötzlich ein Messer zückt, sticht einmal auf den Dieb ein. Der geschockte Walker holt Polizei und Notarzt, aber beide, Born und sein Opfer sind nach seiner Rückkehr weg. Der Dieb wird kurz danach tot aufgefunden, mit vielen Stichwunden. Trotz Bedrohung durch Born geht Walker zur Polizei, aber Born flieht nach Paris.

Sommer

Auster wechselt jetzt die Erzählstruktur, er führt mit James Freeman einen ehemaligen Studienkollegen Walkers ein, der, nachdem er Jahrzehnte nichts mehr von Walker gehört hatte, Post von dem mittlerweile schwer Erkrankten bekommt, in dem dieser ihm das Manuskript seines geplanten Buches über seine Erlebnisse im Jahr 1967 zusendet. Das zweite Kapitel mache ihm Probleme, vielleicht, daß der Freund ihm helfen könne. Freeman rät Walker daraufhin, Abstand zu schaffen zwischen sich und seiner Figur und so schreibt Walker diesen zweiten Abschnitt in der dritten Person.

Er erzählt darin die Geschichte seiner Kindheit und Jugend, die geprägt ist vom Unfalltod des kleinen Bruders. Die Mutter flüchtet sich daraufhin in Depressionen, der Vater in Arbeit. Adam und seine Schwester Gwyn haben nur noch sich, und sie entwickeln ein sehr inniges Verhältnis zueinander, dessen Höhepunkt „Das Experiment“ ist.

Ein paar Jahre später, 1967 (Walker plant in der Folge der Ereignisse des Frühjahrs, ein Auslandsjahr in Paris zu studieren) führen Adam und Gwyn dieses Experiment weiter. Auster schildert das intensive inzestuöse Verhältnis ausführlich, ohne es zu werten. Im Gegenteil läßt er Freeman (und dessen Frau) ausdrücklich sagen, daß ihn dieses nicht anwidere noch daß er es brutal oder häßlich fände. Nach einem Monat hört dieses Verhältnis auf, Walker will nicht mehr nach Paris fahren, aber er tut es doch.

Herbst

Wir sind wieder in der Jetztzeit. Freeman fliegt zu Walker, die beiden sind zu einem Essen verabredet. Aber Walker ist wenige Tage zuvor gestorben und seine Stieftochter gibt ihm die Notizen zum dritten Teil seines Buches, mit dem Vermächtnis Walkers, er, Freeman, könne damit machen, was er für richtig hielte. Freeman formuliert die Notizen um und Auster gibt diesen Text hier wieder. Er handelt von der Pariser Zeit Walkers, in der er Born wiedertrifft, die Affäre mit Margot aufleben läßt, in der er die zukünftige Frau Borns und deren Tochter kennenlernt. Immer noch sinnt er auf Rache an Born und ihm fällt ein perfider Plan ein, der aber scheitert, zumindest ihm mehr schadet als er Born zu schaden scheint….

Winter

Im letzten Kapitel spielt Walker praktisch nur noch eine Nebenrolle. Freeman schildert hier, wie er Kontakt zu Gwyn herstellt, ihr von Adams Buch erzählt und es ihr zu lesen gibt. Gwyn ist schockiert, der Sex, den sie so exzessiv mit ihrem Bruder gehabt haben soll – nur der Phantasie entsprungen. Es stimme nicht…. In Paris schließlich sucht er noch Lebende der Zeit von 1967 und er findet Cecile, die Tochter der seinerzeitig zukünftigen Frau Borns, die ihm von den Geschehnissen nach der Abreise Walkers aus Paris berichtet und ihm letztlich ihre Tagebuchaufzeichnungen zu lesen gibt, in der sie ihr letzte Begegnung mir Born festgehalten hat.

—————-
Ende der letzten 60er Jahre des letzten Jahrtausends war eine unruhige Zeit. Daniel Cohn-Bendit, heutzutage MdE, lief damals noch als roter Dany auf den Barrikaden herum, unser Ex-Außenminister Fischer hatte handfeste Kontakte mit der Ordnungsmacht und unter dem Pflaster lag noch der Strand. Ebenso in den Staaten. Die Hippie-Bewegung blühte, „Hair“ wurde in dieser Zeit aufgeführt, die Regierung Johnson wurde bei den jungen Menschen wegen ihres Vietnam-Krieges immer verhasster. Protest, Ungewissheit, die Suche nach Neuem, nach Alternativen war angesagt, der junge Student Adam Walker steht dafür. Und er gerät an ein Fossil aus dem Kalten Krieg, voller Geheimnisse, gewalttätig, aber auch verführerisch, Born ist der, der den Krieg liebt, ihn zum leben braucht, in ihm lebt, so wie ihn (den Krieg) sein mittelalterlicher Namensvetter preist. Verführt Born Walker, oder nutzt Walker – unbedarft, wie er in seiner Jugend war – nur eine Chance? Jedenfalls spielt er mit dem Feuer und unterschätzt Born sträflich als er aus moralischem Antrieb heraus gegen ihn vorgeht, eine Moral, die er bei anderer Gelegenheit dann wiederum nicht aufweist. Born ist aber für ihn nicht zu treffen. Zwar kann er dessen Pläne stören, aber um was für einen Preis und für seinen Feind ist es nur eine Irritation, da er seine wirklichen Vorhaben – so er solche hat – sowieso immer an die Situation, so wie sie ist, anpasst. Born ist da, aber nicht zu fassen, er ist zu sehen, aber unsichtbar, weil man nicht weiß, wo der „eigentliche“ Born sitzt und wo die Hülle aufhört….

Alles ist ungewiss in diesem Roman. Da er nicht einfach nur eine Geschichte erzählt, sondern dieses Buch selbst Teil der Geschichte ist [2], verwirrt Auster dadurch, daß er die Wahrhaftigkeit des Geschriebenen immer wieder in Frage stellt. Ist es nun geschehen oder nur eine niedergeschriebene Phantasie Walkers und wenn es geschehen ist, ist es so passiert, wie geschildert? Gibt es eine unsichtbare Wahrheit hinter der Geschichte? Born jedenfalls, das Fossil, der Repräsentat der etablierten Gesellschaft, überlebt alles, dick und fett geworden, als eine Art Monster, Walker dagegen muss seine Pläne aus der Jugend begraben und verdient sich seinen Lebensunterhalt als Jurist abseits der großen Öffentlichkeit. So ist auch er, der als Student für Großes vorgesehen schien, für viele Jahre unsichtbar geworden, bis er mit seinem Manuskript kurz vor seinem Tod wieder ans Licht tritt.

Facit: ein intelligentes Spiel mit Sein und Schein, mit Sichtbar und Unsichtbar.

[1] Christian Kunst, Rhein-Zeitung 162/2010
[2] diese Selbstbezüglichkeit des Romans bezeichnet Urs Jenny im Spiegel (29/2010, S. 130) sehr feinfühlig als „sich selbst ins Knie fickend“…

Paul Auster
Unsichtbar
Rowohlt, HC, 2010, 320 S.

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5 Kommentare zu „Paul Auster: Unsichtbar

  1. Paul Auster mag ich eh. Die 60er und 70er Jahre faszinieren mich. Da scheint das doch die ideale Lektüre für mich zu sein! :-)
    Herzlichen Dank für die ausführliche Besprechung. Da weiß ich wenigstens genau, was mich erwartet. Was ich allerdings noch nicht so ganz verstanden habe, ist, warum der Roman autobiografisch ist. Bezieht sich das auf die damalige Zeit/Gesellschaft oder auf die Handlung?

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    1. Das ist jetzt die gute Frage.. also, zum einen habe ich nur den Papageien gegeben und das wiedergekaut, was die beiden zitierten Rezis vorgegeben haben.

      Andererseits ist Fakt, daß Auster selbst 1967 als 20jähriger Student auf der Columbia Univ. war, daß er in Paris war und dort gelebt hat, auch, daß er als Übersetzer geabeitet hat und Lyrik schrieb.

      Ich denke, er hat einfach viele Elemente in die Geschichte eingeflochten, die er selbst erlebt hat bzw. die ihm aus eigener Anschauung bekannt waren. Ob die Handlung autobiographisch angehaucht ist – ich denke nicht, aber wissen tu ich es auch nicht…

      hab ein schönes Wochenende!

      lg

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    1. Danke…… ;-)

      ja, ich habe mir deine schöne Rezi auch angesehen, ich hoffe jetzt nur, daß mein Kommentar nicht gefressen worden ist…. ;-)

      lg
      fs

      p.s.: ich setz dich gleich auch in meine blog´n´roll rein….

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