Tilman Jens: Vatermord

Anfang des Jahres hatte ich das Büchlein von Tilman Jens, in dem er die Alzheimererkrankung seines Vater Walter thematisiert sehr interessiert gelesen und hier ja auch in einer längeren Besprechung vorgestellt. Nun hat das Buch in der Kulturlandschaft des Landes für einigen Aufruhr gesorgt, demontiert es doch durch seine Darstellung eine Ikone der deutschen Intellektualität und reduziert sie auf normal menschliches Maß.

Der Satz, den ich in meiner Besprechung schrieb:

Über Verwirrte, Alzheimerkranke kann man heute reden, ohne schief angesehen zu werden. [1]

stimmt (so zumindest) wohl doch nicht.

„Statt einer Unterlassungsklage“, da einige der Anwürfe unter anderem der des Vatermordes (im übertragenen Sinne) durchaus justitiabel seien, so versteht Jens seine Schrift, mit der er auf diese Wucht der Vorwürfe reagiert. Es ist schon imponierend, mit welcher zum Teil auf moralische Vernichtung hin zielend die Kritiker mit ihm umspringen, Kritiker, die – so schreibt er – das Buch garnicht kennen konnten, da es zum gegebenen Zeitpunkt noch garnicht veröffentlich gewesen sei. In der Spiegel-Besprechung zum Buch sind ein paar der Vorwürfe zitiert, das soll hier reichen [2].

Bei Jens gibt es natürlich eine breitere und vollständigere Palette der auf ihn zielenden Äußerungen, allesamt nicht freundlicher oder verständnisvoller. Am härtesten trifft ihn wie gesagt der Vorwurf des „Vatermordes“, den er auch als Titel für sein Buch wählt.

Jens nimmt sich dieses Begriffes und der hinter ihm stehenden Taten an. Vatermord ist – so arbeitet er heraus – das Urverbrechen schlechthin, der Gehorsam des Sohns zu seinem Vater hat unbedingt zu sein, so wie Isaak Abraham willig zur Schlachtbank bzw. de Opferaltar folgte und sich 2000 Jahre später Jesus nicht gegen den Willen seines Vaters auflehnte. Ist der Gehorsam des Sohnes gegen den Vater derart konstituierend für eine Gesellschaft, ist zu ermessen, was es bedeutet, wenn ein Sohn gegen den Vater aufbegehrt, ihn sogar tötet. Dies geschieht nicht aus einer Laune heraus, dazu bedarf es einen guten Grundes. Zu diesem Thema bringt Jens eine Vielzahl von Beispielen an unglücklichen Vater-Sohn Beziehungen, angefangen von Goethe (J.W. und August) über Schrebers (der mit dem Garten…Moritz und Daniel Paul) und Manns (Thomas und Klaus) bis hin zu Havemanns (Robert und Florian). Allen Verhältnissen liegt die Problematik zugrunde, daß Söhne an genialen Vätern zerbrechen, ein Vorwurf, mit der ja auch er bis zum Überdruß konfrontiert wird und den er explizit von sich weist: „Es war nicht schwer, diesen Vater zu haben, der groß war – und der mich nie erdrückte… Wieso also sollte ich, wie unterstellt, an diesem Mann Rache nehmen? Er hat Stärken, an die ich nie heranreichen werde. Und das beschwert mich nicht im Geringsten.

Widmet sich Jens in seiner Schrift ausführlicher der Erläuterung dessen, was man ihm vorwirft und natürlich auch den Vorwürfen selbst, so kommt die Verteidigung, die Erläuterung seiner Motive meines Erachtens etwas kurz.

Vielleicht hat Jens, als er über seinen Vater schrieb, die möglichen Reaktionen darauf unterschätzt, da er (und seine Mutter auch) Walter Jens immer auch als Menschen, nie nur als Geistesgröße gesehen haben. Und krank werden ist etwas absolut natürliches, so bedauerlich es ist. Eine Krankheit ist eine Krankheit, sie hat keine moralische Dimension. Aber genau diese wird unterstellt, wenn man das Öffentlichmachen dermaßen geißelt und damit implizit (oder auch ausdrücklich) fordert, derartiges gefälligst im privaten zu halten, den Kranken also zu quasi zu verstecken. Dies wäre der eigentlich Vatermord: den Vater ins Kämmerchen verbannen, ihn beseitigen aus der Öffentlichkeit, ihn derart zu eliminieren aus dem Bewusstsein seiner Freunde und Bewunderer.

Wenn Alzheimer eine Krankheit ist (und das ist sie zweifelsohne), dann kann, dann muss man drüber reden, zumal sie das Potential hat, DIE Krankheit der Zukunft zu werden. Wenn eine öffentliche Person sie bekommt, ist es vielleicht sogar eine Verpflichtung, darüber zu reden, sie zumindest nicht zu verschweigen, damit die z.b. gesundheitspolitische Auseinandersetzung in Gang kommt, Fragen der Pflege, der Betreuung, Begleitung und Unterstützung der Angehörigen diskutiert und gelöst werden.

Natürlich kann man sich über die Art und Weise, in der Tilman Jens das Schicksal seines Vaters publik gemacht hat (und damit ja auch Geld verdient hat) streiten, damit muss man nicht einverstanden sein. Und genauso ist die Publikation dieses Folgebandes auch eine neuerliche Vermarktung und sicherlich einträglicher als eine Unterlassungsklage. Das ist der Punkt, der mich persönlich stört, daß ich einfach immer den Gedanken im Hinterkopf habe, hier wird das Schicksal von Walter Jens vermarktet. Aber vielleicht (ich weiß es nicht) läßt Jens das Geld, das er mit den Büchern verdient, ja einem Alzheimer-Stiftung zugute kommen, vielleicht braucht die Familie das Geld sogar für den Vater, denn die Pflege eines Alzheimer-Patienten ist teuer. Wie gesagt, diese Frage „nagt“ in mir und wäre – wenn überhaupt, denn es gibt ja auch plausible Begründungen, warum und warum gerade so – der Punkt, an dem u.U. moralisch zu argumiertieren ist.

Nein, Tilman Jens hat das Schicksal seines Vater Walter zu Recht und gottseidank öffentlich gemacht. Es und damit ihn (gegen die eigende Überzeugung!) zu verschweigen, wäre Walter Jens nicht würdig, wäre der eigentliche Vatermord gewesen. Und vielleicht drückt sich in der überbordenden Kritik, die Tilman Jens einstecken musste, einfach nur die Angst der Kritiker aus, vor der Krankheit und vor ihren Söhnen….

Facit: Wer eine Verteidigungsschrift gegen die Kritiken über das Buch „Demenz“ erwartet, wird enttäuscht sein, dieser Punkt ist relativ kurz. Die Analyse dessen, was man ihm vorwirft, nimmt den (sehr interessanten) Hauptaspekt des Buches ein. Trotzdem (oder gerade deswegen) lohnt sich die Lektüre.

Links und Anmerkungen:

[1] Tilman Jens: Demenz
[2] Buchvorstellung im Spiegel

Tilman Jens
Vatermord
Gütersloher Verlagshaus, 2010, HC, 192 S.
ISBN-10: 3579068709
ISBN-13: 978-3579068701

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2 Kommentare zu „Tilman Jens: Vatermord

  1. Danke für die freundliche Rezension. Kleiner Hinweis nur: Ich schreibe mich mit einem „l“ und einem „n“. Über die vermeingtliche „Vermarktung“ kann ich gern per Mail Auskunft geben. Gruss tj

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    1. Herzlichen Dank Ihnen für den Kommentar. Den Namensfehler habe ich korrigiert, es ist ein Fehler der Art, denen ich selbst, wenn sie anderen unterlaufen, immer mit Unverständnis begegne… Entschuldigung!

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