Mary Miller: Süßer König Jesus

„Ist er in dir?“
Ihre Standardantwort flüsterte sie mir wie immer ins Ohr.
„Falls ja, spür ich ihn noch nicht.“

miller cover


Montgomery, Alabama, im Süden der USA, ist der Ausgangspunkt für diese viertägige Road Novel, auf der wir als Leser die Familie Metcalf nach Kalifornien [2] begleiten. Es sind nach dem festen Glauben der Eltern ebenso die letzten Tage der Menschheit überhaupt, denn Ziel der Reise ist die Teilnahme an der „Entrückung“, der Auffahrt in den Himmel, die verbunden ist mit dem irdischen Armaggedon: Was uns bevorsteht, ist unvorstellbar. Es ist drei Mal 9/11 am selben Tag – Tornados an Orten, die noch nie einen Tornado gesehen haben, und Erdbeben in eigentlich erdbebenfreien Gebieten. Und die Sonne wird sich blutrot färben. Oder in den spöttischen Worten von Elise: es ist eine Pilgerreise, in der die Gläubigen errettet und die Ungläubigen Feuersbrünste und Erdbeben zu durchleiden hätten und die Erde dann zum absoluten Nichts explodieren werde.

Die USA, in die uns die junge amerikanische Autorin Mary Miller in ihrem Erstlingsroman (denen einigen Erzählungen voran gingen) erfahren wir aus zwei Perspektiven: es ist zum einen die Innenwelt des Autos, mit dem die vierköpfige Familie ihre Fahrt zum letzten Ziel unternimmt und es die Landschaft und die Umgebung, durch die sie fahren, die sie durch die Scheiben ihres Wagens erleben und in die sie punktuell eintauchen an den Tankstellen, Motels und Raststätten.

Die Geschichte folgt streng der viertägigen Fahrt, die zwar an einem Mittwoch in Alabama ihren Anfang nahm, uns Leser aber erst ab Louisiana teilhaben läßt [3]. Erzählerin der Geschichte ist die jüngere der beiden Töchter, die aufgeweckte fünfzehnjährige Jessica, genannt Jess, aus ihrer Perspektive wird dieses Roadmovie geschildert. Sie und Elise, ihre zwei Jahre ältere Schwester sitzen hinten im Wagen, die beiden Mädchen sind sehr vertraut miteinander, sie bilden zusammen den Gegenpol zu den Eltern John und Barbara.

Merkwürdig.
All diese Leute schauten uns an, als seien wir düster.
Dabei waren wir handfeste Mittelklasse.
Unsere Eltern hatten Collegeabschlüsse.

Ich habe dieser Buchvorstellung ein Zitat vorangestellt, daß recht doppeldeutig ist. Es ist natürlich ein wenig aus dem Zusammenhang gerissen, im Kontext der Unterhaltung der beiden Mädchen ist es die Frage nach dem Glauben an Gott, an Jesus, ob man ihn „innen“ spürt. Aber diese Doppeldeutigkeit des Zitats, und deswegen habe ich es als eine Art ‚Motto‘ ausgewählt, ist exemplarisch für das, was Miller uns schildert. Hinter der Fassade des stets frisch angezogenen bügelfreien Hemdes des Vaters und der König-Jesus-kehrt-Zurück!-T-Shirts der Mädchen verbirgt sich eine kaputte, heuchlerische und in den Abgrund trudelnde Welt persönlicher Niederlagen.

Zwei Streifen. Mit einem wäre alles in Ordnung gewesen, aber zwei Streifen auf dem Schwangerschaftstest bedeutet: Elise, Vegetarierin, mit Reinheitsring am Finger, den sie wie Jess feierlich angesteckt bekommen hatte, ist schwanger. Von Dan, wie sie behauptet, von Abe, wie Jess vemutet. Sie hat nicht nur Sex gehabt, sie hat auch ein neues Leben im Bauch. Jess, die Schwester, der sie das anvertraut, ist keineswegs sonderlich schockiert, eher ein wenig neidisch auf den erlebten Sex ihrer Schwester, die sie anhimmelt. Mit ihren fünfzehn Jahren ist der Gedanke an Jungs Jess nicht fremd… noch hadert sie mit ihrem Körper, der ihr zu pummelig erscheint (…Schellen scheppern…), noch zu viele Pickel hat, um, wie sie glaubt, für Jungs attraktiv zu sein…

Schmierige Tankstellen, Fast-Food-Läden, öffentliche Klos mit Prostituierten, die sich dort schminken, billige Motels (… An Orten wie diesen bringen die Leute sich um…. sagt sich Jess)…. es ist nicht die Sonnenseite des Lebens, die sich ihnen bietet. Manchmal müssen alle in einem Zimmer schlafen, dann beschallen die Geräusche der Toilette das Zimmer…. manchmal macht sich Elise selbstständig, sie hat einen falschen Ausweis, mit dem sie sich so alt machen kann, daß sie Alkohol kaufen kann. Manchmal treffen die beiden Schwestern, die sich ansonsten von Fast-Food und Diet-Coke ernähren, am Pool eine Jungensclique auf Kurztrip… manchmal findet Jess einen davon süß und hofft, daß er sie bemerkt und hübsch findet, und einmal… – nun ja, wie gesagt, das Zitat ist doppeldeutig…. und noch einmal…

Für die Eltern, vor allem für den Vater, ist die Fahrt zweierlei: sie ist eine Reise zum Ort der erhofften Entrückung und sie ist eine Flucht aus seinem bisherigen Leben. Denn das bügelfreie Hemd bedeckt einen Versager, einen, der seinen Job verloren hat, der trinkt, der spielt, den es nicht kümmert, wenn seine Tochter auf Tour geht, der keinen Reifen wechseln kann… und Barbara, die Mutter? Lehrerin ist sie, weiß wohl um die Grenzen ihres Mannes, hat aber nicht die notwendige Kraft. Sie ist die blasseste aller Figuren im Kosmos des Autos…

Während Jess noch mit sich selbst beschäftigt ist, mit ihrem Selbstzweifeln, ihre Unsicherheit, ihrem mangelnden Selbstbewusstsein, ist Elise schon ein Stück weiter und desillusionierter, scheut letztlich auch die Auseinandersetzung nicht: „Wir sind nicht wie ihr“ sagte Elise, „Wir wollen nicht so leben“ – „Wie?“ – „Mit Lügen und so – so tun, als hätten wir Geld und wir haben gar keins, als seien wir diese perfekten Christen, die nie etwas falsch machen.“ – „Das ist keine Lüge.“ – „Eine Täuschung“, sagte Elise. – „Es ist unser Ruf“, sagte meine Mutter. ‚Unser Ruf‘: der Schein bestimmt das Leben…..Und auch ihren Vater konfrontiert sie mit der Realität seines kleingeistigen Verlogenheit: „Du bist also morgens aus dem Haus gegangen und direkt in den Park?“, fragte Elise. „Oder in die Bibliothek?“.

Es überrascht nicht weiter: die angekündigte Entrückung, das Wiedererscheinen von Jesus, bleibt aus. Was bleibt, ist die Rückkehr zum trostlosen Alltagsleben in Montgomery, dessen Fassaden und Blendscheiben Risse bekommen haben und kaum noch aufrecht gehalten werden können. Die Täuschung von der handfesten Mittelklasse ist aufgeflogen und so, wie Elise jetzt zum Bacon greift und ihn ißt, als wäre sie nie Vegetarierin gewesen, so hat auch Jess mittlerweile zum ‚Fleisch‘ gegriffen und ist keine Jungfrau mehr….


Süßer König Jesus – ein lakonischer, ungeschönter Blick auf das Amerika einer Mittelklasse des Plastikzeitalters im Niedergang, einer Mittelklasse,  die sich einer Illusion ihres eigenen Wertes hingibt, die versucht, eine Fassade aufrecht zu erhalten, hinter der sie sich selbst etwas vormacht. Dazu eine zur Schau getragene, eiferische und heuchlerische Frömmigkeit, verbunden mit der Hoffnung und dem Glauben, durch eben diese Frömmigkeit dem Jammertal Erde entrissen zu werden. Vor den Klippen und Gefahren des realen Lebens kann diese Art des Glaubens offensichtlich nicht retten, Zeremonie und Ring erweisen sich als ungeeignete, zu schwache Abwehrtotem.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht ganz unzweifelhaft die pubertierende Jess, die ihre Schwester bewundert und doch nicht nachahmen kann. Elise ist Jägerin, sie macht sich abends auf und davon, flieht das Gefängnis elterlicher Bevormundung, das ihr keinen Halt gibt und sie nicht beschützt hat. Jess dagegen wartet, ist sich ihrer nicht sicher, versucht, das, was sie sieht, in ihre Art, die Welt zu verstehen, einzuordnen. Immer ist ihr dabei die Schwester ein Vorbild, so wie diese möchte sie auch sein und kann es doch nicht. So ist es dann folgerichtig auch Elise, die sie nachholt an diesem Abend in die Gruppe, und die damit ihrem „Sündenfall“ Vorschub leistet.

Miller erzählt ihre Geschichte dieser vier Tage lakonisch, ohne Wertung und ohne erhobenen Zeigefinger. Es ist so, wie sie erzählt und sie erzählt so, wie es ist. Man möchte seitenweise aus dem Text zitieren, so gut macht sie das, so fesselnd und packend – obwohl es eine einfache Geschichte ist, die Geschichte einer Suchenden unter vier Verlierern. Mary Miller – den Namen merke ich mir, ihr nächster Roman steht jetzt schon auf meiner Leseliste!

Links und Anmerkungen:

[1] Infos zur Autorin: – https://de.wikipedia.org/wiki/Mary_Miller
– http://maryumiller.tumblr.com/bio
[2] Jedem unterlaufen Fehler, aber manche sind schon amüsant… so läßt der Rezensent der DIE ZEIT die Reise der Protagonisten in seiner (empfehlenswerten) Besprechung einfach mal in Florida enden… liegt ja auch viel näher an Alabama als Kalifornien: 

Mary Miller

Süßer König Jesus
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Alissa Walser
Originalausgabe: The Last Days of California, NY, 2014
diese Ausgabe: TB, dtv, ca. 256 S., 2015

Anmerkung: Interessant ist, daß die deutsche Übersetzung als Erstausgabe schon 2013 im Metrolit-Verlag, Berlin, vor der Originalausgabe, die erst ein Jahr später auf den Markt kam, erschienen ist.

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Benedict Wells: Fast genial

Mit „Fast genial“ hat Wells, der mit seinem „Becks letzter Sommer“ 2009 ein fulminantes Debüt hingelegt hat, 2011 ein weiteres Road-Movie vorgestellt, das er diesmal in Amerika angesiedelt hat.

Es ist das Amerika des „White Trash“, wie er es an einer Stelle bezeichnet, die Realität jenseits des sogenannten „amerikanischen Traums“ von der Tellerwäscherkarriere zum Millionär. Es ist das Ende der Stufenleiter von den Träumen der Jugend über den gescheiterten Versuch, sie zu verwirklichen und dem täglichen Erwachen im Trailerpark am Rand einer unbedeutenden, miesen kleinen Stadt irgendwo in der Nähe von New York, umgeben von Arbeitslosen, von Dealern und ähnlichen Losern auf der Schattenseite des Lebens.

Francis gehört zu ihnen. Er ist siebzehn Jahr alt, auf der Schule, in der er früher gar nicht so mies war, hat er mittlerweile große Schwierigkeiten, seine „Karriere“ als Ringer hat er an den Nagel gehangen, weil er gemerkt hat, daß ihm das gewisse Extra, der unbedingte Willen zum Sieg fehlte. Seinen Vater kennt er nicht, die Ehe der Mutter mit dem Stiefvater, einem Anwalt, ist gescheitert, der Kontakt zwischen beiden mittlerweile eher mäßig. Francis also, die Hauptperson des Romans sitzt in der Psychiatrie, im Wartezimmer, weil seine Mutter, Katherine Angela Dean, wieder mal eine manische Phase und einen Zusammenbruch gehabt hat und er sie einweisen lassen musste. Die Situation ist nicht neu für ihn, es ist das Bleigewicht, das an seinem Leben hängt….

Auf der Station lernt er Anne-May kennen, eine junge Frau, ein wenig älter als er, die nach einem Suizid dort hin gekommen war. Er freundet sich mit ihr an, es ist eine seltsame Freundschaft, bei der man das Gefühl nicht los wird, sie gehe nur einseitig von Francis aus, für den das Mädchen ein täglicher Lichtblick ist auf dieser Station. Und tatsächlich, das Mädchen warnt Francis, sich in sie zu verlieben….

Die Wende kommt mit dem Suizidversuch der Mutter. In ihrem Abschiedsbrief erzählt sie Francis Einzelheiten über seinen Vater, es ist ein letzter, hilfloser Versuch, ihren Sohn aus seiner Schicksalsergebenheit aufzuwecken, indem sie ihm sagt, was für Möglichkeiten doch in ihm stecken. Zwar ist sein biologischer Vater auch ihr nicht bekannt, aber sie wurde seinerzeit im Rahmen eines obskuren „Züchtungsversuchs“ mit dem Sperma eines hochintelligenten Mannes befruchtet und daher wären dessen Anlagen auch in ihm vorhanden…

Diesen Mann, seinen Vater, will Francis nun unbedingt finden, auch wenn die Hinweise nur spärlich sind. Anne-May, der er davon erzählt, bietet ihm ein Geschäft an: sie will mit ihm schlafen, wenn er sie mitnimmt…. natürlich kann Francis dem Angebot nicht widerstehen, es geschieht an ihm in einem absolut dunklen Raum, ohne jede Romantik, ohne Liebe, er ist enttäuscht und frustriert. Aber er hält sein Wort, überredet Glover, seinen einzigen Freund, mitzukommen und mit dem Auto samt Kreditkarte, die dieser seinen Eltern unter Vorwänden entlockt, geht es los: sie „entführen“ Anne-Mary auf ihrem täglichen Freigang in der Klinik und machen sich zu dritt auf auf den Weg nach Süden, nach Kalifornien.

Sie sind alle drei aus unterschiedlichen Beweggründen unterwegs. Glover, der linkische, schüchterne Typ, vllt weil er einmal Mut beweisen, aus seinem Schatten treten will, Anne-May weil sie aus der Klinik heraus und ihren Eltern entkommen will, die sie völlig vereinnahmen und natürlich Francis, der seinen Vater sucht und damit die große Leere in sich füllen will – und der einem zweiten, tatsächlichen Traum nachjagt: dem großem Gewinn, den er am Roulettetisch in Vegas machen wird…

… endlose Straßen, Junk-Food, billige Motels, Alkohol… Schweigen und Reden… das abgerollte Asphaltband weist ihnen den Weg. Es gibt unbeschwerte Momente, wenn sie zu dritt im Pool der billigen Unterkünfte baden, es gibt spannungsgeladene Augenblicke, wenn Anne-May sich in Kneipen anflirten läßt und Francis die Eifersucht in sich aufsteigen spürt… Am Grand Canyon wird der schüchterne Glover, ein Einzelgänger wie er selbst, zum Star, zum Minutenstar, als er halsbrecherisch und selbstmörderisch für ein gutes Fotomotiv sein Leben riskiert, „Mut“ beweist…., Francis dagegen kann nicht verstehen, daß Anne-May ihn nicht liebt, seine Liebe nicht erwidert… Es ist alles etwas vorhersehbar, Höhen und Tiefen wechseln sich in diesen wenigen Tagen der Fahrt ab, bis sie endlich in Los Angeles sind. Auch der Zwischenstopp in Vegas und das Spiel am Roulette bieten nicht wirklich überraschende Momente.

Schließlich gelingt es Francis aber tatsächlich, nach all den Jahren noch Zeugen des damaligen Experiments aufzutreiben und von ihnen Informationen zu erhalten, zu guter Letzt erhält er eine Adresse in Mexiko, in Tijuana, die ihn in eine alte, mit Möbeln vollgestellte Garage führt…..

Der Rückweg ist schweigsam. Francis hat Klarheit über seine Herkunft gewonnen, auch weiß er jetzt endgültig, daß Anne-May seine Liebe nicht erwidert. Glover hat einen Geistesverwandten getroffen, ihn wird eine gehörige Abreibung zu Hause erwarten, all die Kreditkartenbrechnungen…. Anne-May.. sie wird die kurze Freiheit des Trips eintauschen müssen gegen die fürsorgliche Abschirmung der Eltern.

… in diesem Moment überrascht uns Wells mit einer Weiterentwicklung der Geschichte… die eine Nacht, in der Francis seine Unschuld verlor, blieb nicht ohne Folgen, Anne-May ist schwanger.  Zwar ist Francis bereit, die Verantwortung zu übernehmen, er strengt sich an in der Schule, macht einen Abschluss, kann aber nicht weiter auf  die Uni, sonder muss arbeiten und strampelt sich ab: allein, Anne-Mays Eltern wollen den Loser nicht in ihrer Familie und versuchen, den Kontakt zwischen den beiden jungen Menschen möglichst zu verhindern. Schließlich sieht Francis nur noch eine Möglichkeit, mit Anne-May und seinem Sohn John eine Familie zu gründen..

Vegas… beim ersten Mal stimmte das „Setting“ nicht mit seinem Traum überein, aber jetzt hat er die Möglichkeit, das zu ändern. Mit seinem vom Mund abgesparten Geld kommt er noch einmal nach Vegas zum Spielen, er braucht eine Million, um das Haus zu kaufen, das er damals zusammen mit Anne-May sah und in dem ihre Träume sich verwirklichen könnten… Er als Angehöriger des „White Trash“, der zappeln und strampeln kann, der aber keine Chance hat, kann nur hier, in Vegas, in der Hauptstadt des White Trash sein Los verändern… und verändern wird sich sein Leben, entweder er gewinnt (und hechelt dann einem neuen Traum nach) oder er geht ins Rekrutierungsbüro….

Drei junge Menschen auf der Suche nach ihrer Identität, das ewige Thema, von Wells hier locker, flott und einfühlsam in Szene gesetzt. Es ist nichts Neues, was uns Wells erzählt, aber er verpackt das Alte gut, die Geschichte läuft, ist flüssig konstruiert (siehe unten) und unterhaltsam. Mit seiner Story, die auf wahren und realen Fakten beruht (es gab solche speziellen Samenbanken), streift er oberflächlich an (offene) Fragen wie, welchen Anteil Vererbung und welchen Anteil die Umwelt an den Eigenschaften eines Menschen haben. Natürlich ist auch ein gerüttelt Maß an Sozialkritik an den amerikanischen Lebensumständen im Roman formuliert, sie bedient genau das, was wir alle zu wissen meinen und wäre aus der Feder eines Amerikaners sicherlich authentischer.

Wells umgeht die letzte Klippe seiner Geschichte, es gilt sozusagen: alia iacta non est…. das Buch hat also weder einen unwahrscheinlichen noch einem deprimierenden Ausgang, das Ende bleibt offen. Die letzten Seiten sind vllt die eindrucksvollsten Szenen des Romans, sehr dicht schildert Wells die aufgewühlte Gefühlswelt seines Protagonisten am wirklichen Scheidepunkt seines Lebens, das er, da ihm Arbeiten und Fleiss nichts genutzt haben, dem Glück anvertraut, das Auf und Ab der Emotionen zieht beim Lesen in Bann….

So ist „Fast genial“ ein sehr unterhaltsamer, flott, fast routiniert geschriebener Roman, der keine höheren Ansprüche stellt, da er dafür nicht genügend in die Tiefe geht (als trivial würde ich ihn jedoch auch nicht bezeichnen). Aber davon sollte man sich nicht abschrecken lassen, das Buch zu lesen lohnt in jedem Fall, denn mitreissend und fesselnd zu schreiben, das kann Wells ….

Was mir aufgefallen ist, sprich: offene Fragen:

– wenn man bedenkt, daß Anne-May den Trip von ihrem Freigang in der Anstalt aus gestartet hat und ihre beiden Begleiter vorher sicher nicht bei ihren Eltern zu Hause waren, um Kleider auszusuchen, kann ich mir nicht so richtig erklären, wo sie das phantastische dunkelgrüne Kleid von S. 145 her hat….
– wenn man sich die Einzelheiten von Francis` Vater und seiner Karriere als Spender vor Augen hält, ist es erstaunlich, daß nach über 20 Jahren jemand ihn innerhalb weniger Stunden ausfindig machen kann….

Hinweis:

BBC-Bericht über die „Samenbank der Genies“ (Spiegel-TV)

Benedict Wells
Fast genial
Diogenes-Verlag, Sonderausgabe, HC, 321 S., 2012

Edgar Rai: nächsten sommer

… in the summertime…. der Ich-Erzähler, dessen Namen man später im Buch erfährt, Bernhard, Marc und Zoe sitzen rum, langweilen sich vorm Fernsehen bei einem dieser absolut unbedeutenden Spielen von Bayern München. In diese schlurige Atmosphäre hinein erzählt Felix seinen Freunden, daß er von seinem Onkel Hugo, den er seit 18 Jahren nicht gesehen hat, ein Haus geerbt hat. In Südfrankreich. „Und was machen wir dann noch hier?“ Gute Frage…. am nächsten Tag geht es los, bis auf Zoe, die kurzfristig absagt, da sie lieber mit ihrem Chef Ludger auf Tagung fährt..

Die drei Jungs, irgendwo so im Alter Mitte/Ende Zwanzig sind unterschiedliche Typen. Sie haben noch keinen festen Platz im Leben (leben wie Felix sogar im Bauwagen…) und versuchen sich noch, sich in dieser komplizierten Herausforderung „Leben“ zu orientieren. Marc ist der Musiker, der seine positiven Energien aus seiner Gitarre schöpft, der Lebenskünstler, der sich am Leben erfreut und damit ist er genau das Gegenteil von Bernhard, der zwar ein Muskelpaket ist, aber auch der festen Überzeugung, ihm sei das Unglück und Ungemach dieser Welt zugeteilt worden. Freude und Spontanität sind nicht seine Stärken, zumal er die unglückliche und einseitige Liebe zu Zoe ebenso wie jetzt das Sterben seiner Mutter ertragen muss. Dazwischen steht Felix mit seiner Mathematikbegabung, der schon was sagen könnte, aber oft erst die Worte suchen muss und da er sie nicht immer findet, auch oft schweigt. Erinnert er sich deswegen an Benno, das autistische Kind, als er nach einem Glücksmoment gefragt wird, den er erlebt hat? Ihn belasten die Wunden seiner Kindheit unter seinem tyrannischen Vater, einem Vater, der ihn in den Heizungskeller einsperrte und der das Kind dort mit der Angst allein ließ, entweder im Öl des platzenden Tanks zu ertrinken oder ihn überhaupt nicht mehr hinauszulassen. Und so flüchtet sich Felix seit dieser Zeit, wenn es kompliziert wird, in seine Mathematik, er zählt im Geiste die Pentagonalzahlen oder die ungeraden Quadratzahlen auf, bei denen er sich sicher fühlt….

Irgendwie gehört der altersschwache VW-Bus zu einem richtigen Roadmovie dazu und so starten die drei von Berlin aus nach Südfrankreich. Gras haben sie offensichtlich genug dabei, Marc probiert sich an einem neuen Song, Felix fährt die meiste Zeit (was ihn davon entbindet, sich allzu aktiv an Unterhaltungen zu beteiligen) und Bernhard gibt sich seinen Zweifeln hin….

Ein Roadmovie, eine Reise ist immer auch und vielleicht sogar in der Hauptsache eine Reise ins Innere der Protagonisten, eine Entwicklung, die sie durchleben. Sie sind aus dem Alltagstrott ausgebrochen, offen für neue Erfahrungen, haben ein Ziel, das sie erreichen wollen und sie haben Schwierigkeiten zu überwinden. Ein Haus, ihr Ziel (oder genauer, das von Felix): ist es das Haus, das Zuhause, das Felix sucht, nachdem er es bei seinem Vater nicht hatte? 18 Jahre hat er seinen Onkel, der ihm viel bedeutete, nicht mehr gesehen, es ist genau die Zeitspanne, nach der man volljährig wird. Er überwindet diese zeitliche Distanz, indem er die räumliche überwindet, auch wenn sein Onkel tot ist, ist die Überschreibung des Hauses auf ihn eine Botschaft: du bist jetzt erwachsen, dies ist dein zuhause. Mach es besser als dein Vater!

Sie bleiben nicht allein, die drei im Bus. Zuerst gabeln sie Lilith auf, die auf dem Autobahnrastplatz wutentbrannt den Maserati verläßt, da dessen Fahrer vor allem unter ihrem Rock schalten und walten wollte. Und dann ruft Zoe an und will aufgegabelt werden, da sie gemerkt hat, wie der Hase läuft bei Ludger: ihr war die Rolle zugedacht, sich im Stand-By für den Quickie zwischendurch bereit zu halten, wenn er sich mal von Frau und Kind loseisen kann. So geht die Reise zu fünft weiter….

Das Leben, der Sinn desselben ist ihr Thema, wo ist der eigene Platz und was will man vom Leben. Musik machen, sich den dicksten Fisch im Teich an Land ziehen, die weibliche Indiana Jones werden…. Felix will den Tod annehmen und er will niemandem geschadet haben. Er ist bereit loszulassen, aber er ist nicht bereit, etwas festzuhalten, wie Lilith schnell feststellt. Er schläft nicht, er isst nicht, er trinkt nicht, er nimmt keine Drogen – er ist der „Nicht-Mensch“, er zieht sich zurück, er ist derjenige, der beim Schach bewusst darauf hinspielt, zu verlieren, damit der andere gewinnt. Felix definiert sich (noch) durch das „Nicht(s)“-Sein….

Sie kommen an an ihrem Ziel, Felix neues Haus. Aber es ist schon einer da, der es ihm streitig macht, der sein ganzes Leben beherrscht und bis jetzt zerstört hat, sein Vater, der ihm das Haus nicht gönnt, sondern es sich selbst unter den Nagel reißen will. Jetzt aber, nach dieser Fahrt und den Abenteuern, die er erlebt hat mit seinen Freunden, jetzt zeigt Felix Stärke, jetzt nimmt er diesen letzten Kampf, den er ausfechten muss, um zu sich selbst zu finden, an. Er stellt die Bedingungen, auf die sein despotischer Vater in seiner Selbstüberschätzung eingeht und dann begeht er es, das ultimative Verbrechen: den (symbolischenen) Vatermord (an dieser Stelle könnte man noch mal den Jens lesen zum Thema….). Der Vater verläßt das Haus und damit das Leben von Felix.

Natürlich muss man das Buch von Rai garnicht so deuten (und es gibt noch viele andere Stellen, die sehr symbolhaft sind), man kann es auch einfach als flott geschriebene Geschichte lesen, in der viel passiert, in der ein Gefühl von Freiheit und Ungebundenheit vermittelt wird, in der alles geschehen kann und die den Wunsch weckt, auch in diesem Bus zu sitzen. Es passiert einiges in diesen Tagen, die Helden verlieben sich, bekommen zeitweise noch Zuwachs durch eine traurige-liebenswerte Französin, sie sterben fast, liefern sich haarsträubende Verfolgungjagden durch Pyrenäendörfer und müssen sich mir Jürgen auseinandersetzen. Und der Bus ist immer dabei…. Aber das lest jetzt selber!

Facit: Eine gelungene Mischung aus Selbstfindungstrip und Abenteuer, die keine Minute langweilig ist. Das richtige für den Sommer, mit garantiertem Fernweh-Effekt….

Link:

mehr für´s Auge als meine Besprechung bietet dieses Video von lettratv….
… und auch der offizielle Trailer des Aufbau-Verlages ist nicht schlecht….

(Bei dem besprochenen Buch handelt es sich um ein Rezensionsexemplar des Verlages.)

Edgar Rai
nächsten sommer
Kiepenheuer, 2010, 236 S.