Sandór Márai: Die Glut

20. Januar 2013

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Der äußere Rahmen dieses wie ein Kammerspiel aufgebauten Romans ist in Ungarn, auf einem alten Landsitz, angesiedelt. Die Zeit, die nicht wirklich eine Rolle spielt, ist der Anfang des 2. Weltkriegs, aus einzelnen Äußerungen im Text läßt sich dies zurückrechnen. Die viel wichtigere Zeit ist ein Zeitraum von 41 Jahren und 43 Tagen… Ein Kammerspiel mit im Grunde einer Person, die einen großen Teil der „Handlung“ des Romans in einer Art Monolog bestreitet, dazu noch zwei Personen, die zwar für das Geschehen wichtig sind, die aber im wesentlichen als Stichwortgeber funktionieren

Dem General wird gemeldet, daß Konrád ihn zu besuchen wünscht. Dieser Konrád war/ist sein Jugendfreund, den er nun diese Zeitspanne eines halben Lebens nicht mehr gesehen hat. Kennengelernt haben sich die zwei Jungs im Alter von 10 Jahren in der Kadettenanstalt in Wien, der Hauptstadt der k.u.k. Monarchie, die im 1. Weltkrieg dann untergehen sollte. Im Gegensatz zu Henrik, der als geliebter Sohn eines Gardeoffiziers ohne jegliche finanzielle und materielle Sorgen aufwuchs, war Konrád das Kind eines verarmten Paars aus niedrigem Adel, das sich das letzte Brot vom Mund absparte, um ihren Sohn zu unterstützen. Dieses Faktum war das einzige, was einen gewissen Schatten auf die tiefe Freundschaft der beiden Jungs bzw. jungen Männer warf, denn Konrád war stolz, nie nahm er Geld oder Geschenke von Henrik an, die Ansprüche der Gesellschaftsschicht, in die er als angehender Offizier hinwuchs, erfüllten er und seine Eltern durch Sparen und persönliche Genügsamkeit.

Waren die beiden trotz oder wegen ihrer Unterschiede so tiefe, enge Freunde? Henriks Vater, der Gardeoffizier nahm den Freund seines Sohnes seinerzeit per Handschlag praktisch in die Familie auf, merkte aber schnell, daß jener „anders“ war, nicht so war wie er oder Henrik. Konrád war, so kristallisierte sich im Lauf der Jahre heraus, Künstler. Das Militärische, die Jagd, die gesellschaftlichen Konventionen, die Henrik im Blut lagen, deren Anforderungen er von innen heraus erfüllte, waren Konrád fremd, er musste alles lernen und gezwungenermaßen das entsprechende Benehmen zeitigen.

Vor 41 Jahren und 43 Tagen also [1] verließ Konrád Henrik, jetzt, im Alter kehrt er noch einmal an die Stätte zurück, an der er zusammen mit Henrik und dessen Frau Krisztina so viele Stunden verbracht hat. Henrik hat ihn erwartet, all die Jahre, jetzt, wo sein Kommen avisiert wurde, läßt er Nini, seine alte Amme, das Abendessen herrichten, in dem Saal, mit der Tischdekoration, die auch damals, am besagten Abend, aufgelegt war.

Was nach dem Eintreffen Konráds und dessen Begrüßung passiert, ist eine Rückschau Henriks auf sein Leben, vor allem aber auf sein Leben mit Konrád. Es war fast symbiotisch, trotz aller Unterschiede in den Charakteren und Verhalten. So passiert in den Rückblenden des monologisierenden Erzählers noch einmal die k.u.k. Monarchie, deren etwas behäbige und gemütliche Atmosphäre vor den Augen des Lesers Revue, vor allem über Wesen und Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen hat sich der General Klarheit zu schaffen versucht. Er hatte Jahrzehnte lang Zeit, sich solche Gedanken zu machen, denn der wortlose Weggang von Konrád, den er Flucht nennt, hatte ihn tief getroffen. So sinniert er über den Stellenwert und die Bedeutung wahrer Freundschaft, über den der Liebe, der Ehre, der Treue auch, wobei Freundschaft für ihn das wertvollste, weil tiefste Gefühl ist, dem ein Mensch folgen kann. Ja, selbst jetzt, nach all dem Geschehen, fühlt er immer noch die Freundschaft zu Konrád in sich, egal, was geschehen war und noch geschehen sollte. Und er ist überzeugt, daß es auch seinem Freund so ergeht, denn aus welchem Grund sonst hätte er nach all der langen Zeit noch einmal den Weg zu ihm finden sollen? Ist das Leben der beiden mittlerweile alten Männer damit erfüllt? Fast scheint es so, als ob sie nach diesem Zusammentreffen ihre Aufgabe auf Erden erledigt haben…

Konrád hat nach seinem unerklärlichem Weggang lange in den Tropen gelebt, dort etwas Geld verdient und sich in London niedergelassen, ist auch englischer Staatsbürger geworden. Die Tropen.. hat nicht an ihrem letzten gemeinsamen Abendessen eine intensive Unterhaltung stattgefunden zwischen dem Freund und Krisztina, seiner Frau, eine Diskussion über ein Buch, das von den Tropen handelte und von der er ausgeschlossen war? Krisztina, seine Liebe, die aus ärmlichen Verhältnissen stammte und die seine Liebe nicht mit ihrer vergolt, sondern mit Dankbarkeit dem Mann gegenüber, der sie ihr alles bieten konnte…

Für Henrik, den General, fügt sich eins ins andere in seinen jahrzehntelangen Grübeleien. Die Jagd vom Tage, bei der er – ohne es beweisen zu können (was er aber auch nie wollte) – das sichere Empfinden hatte, daß Konrád ihn töten wollte, das Erstaunen seiner Frau, als er am Abend, nach der Jagd, zu ihr ins Zimmer tritt, die versteckte Wohnung Konráds, zu der er nach dessen Verschwinden fährt, um nach Hinweisen zu suchen und in der er auf Krisztina trifft…

Die Lösung aller Fragen, die Antworten, könnte das Notizbuch seiner Frau geben, die acht sprachlose Jahre nach diesem schicksalsschweren Abend, in denen der Mann im Jagdhaus wohnte und ihr das Haupthaus überließ, verstarb. Um dieses Notizbuch gab es ein Versprechen der absoluten Ehrlichkeit zwischen den Eheleuten… doch die beiden alten Männer lassen es ungeöffnet, schauen zu, wie die Flammen des Kamins es langsam verzehren…. da auch Konrád sich weigert, die Fragen, die Hendrik an ihn hat, zu beantworten, bleibt alles in Ungewissen, im Ahnungsvollen. Wenn es Antworten gibt, dann hat sie das Leben selbst gegeben….

„Die Glut“ ist ein langsamer Roman, ein behäbiger, der viele Schleifen enthält, viele Wiederholungen. Ein Mann, der Jahrzehnte grübelt, nach Erklärungen sucht, sein eigenes Leben zu deuten sucht, der auf ein Ereignis wartet, sicher ist, daß es eintritt, aber über das Warten hinweg alt wird… das gebiert melancholische, redundante Gedanken, denen zu folgen ab und an Geduld verlangt. In der Rückschau des Generals prallen zwei Welten aufeinander, die der alten, prachtvollen k.u.k. Monarchie, der Etikette dieser Gesellschaft verpflichtet und die der „Anderen“, die sich nur anpassen, um in dieser Gesellschaft leben zu können. Sie ist dem Untergang geweiht, im 1. Weltkrieg ist sie in Flammen aufgegangen, der jetzt, zur Zeit des Romans tobende 2. Weltkrieg besorgt den Rest: „Vielleicht ist diese Welt am Ende.“ resümiert der General, diese Welt mit ihren Ehrbegriffen, den alten Vorstellungen von Freundschaften, von Ehre und Treue….

Der Morgen ist angebrochen, Konrád und Henrick verabschieden sich wieder in ihr jeweiliges Leben. Sie tun es mit einer tiefen Verbeugung voreinander. Beide, Henrik und Konrád, haben die Antworten durch ihr Leben gegeben. Nach der Abfahrt des Freundes bittet Henrik Nini, das Bild der Verstorbenen wieder an seinen Platz zu hängen, er scheint ausgesöhnt mit seiner toten Frau.

Links und Anmerkungen:

[1] 41 und 43 gehören zu den Primzahlzwillingen, wenngleich ich mir nicht vorstellen kann, daß Márai diese aus diesem Grund so gewählt hat. Aber wer weiß… vielleicht doch. Denn Primzahlzwillinge sind sich so nahe, wie sich Primzahlen nur kommen können und doch bleibt immer diese Distanz zwischen ihnen, diese eine, andere Zahl, die zwischen ihnen steht…. und 42 ist ja schon bei „Deep Thought“ die Antwort auf alle Fragen, stünde also hier für Krisztina, bzw. ihr Notizbuch….. je mehr ich darüber nachdenke, dest mehr gefällt mir diese Interpretation….
…die Zahl 41 spielt im Leben von Márai aber noch eine andere Rolle, 41 Jahre nach seiner Emigration aus Ungarn unternahm er 1989 in seinem Exilland USA einen Suizid. Ihm schien die Rückkehr nach Ungarn nicht möglich, im Gegensatz zu Konrád….
[2] Wiki-Artikel zu Sandór Márai

Bei dem Titelbild handelt es sich nicht um das Buchcover. Dessen Wiedergabe wurde aus Urheberrechtsgründen unterlassen.

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10 Responses to “Sandór Márai: Die Glut”

  1. Susanne Haun Says:

    Ich bin ein sehr großer Márai Fan, mein Lieblingsbuch von ihm ist Hund mit Charakter!

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    • flattersatz Says:

      ah.. ich habe das büchlein mehr durch zufall in einer ramschkiste gefunden und zugegriffen. und durch einen ähnlichen zufall ist mir neulich „Bekenntnisse eines Bürgers“ in die hände gefallen… das liegt auch noch auf meinen SuB, aber ziemlich weit oben.. ;-)
      dann notier ich mir jetzt mal diesen charakterhund ebenfalls….

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  2. Karin Says:

    Die Erzählweise von Marai erinnert an Zweig, Hoffmansthal…es ist eine Sprache, die sich Zeit läßt, alle Hektik im Erzählen ist außen vor auch wenn es manchmal dramatische Szenen sind….
    mir hat die Glut ebenfalls sehr gut gefallen und bei mir steht noch das Vermächtnis der Eszter im Regal, den Hund mit Charakter kenne ich auch noch nicht.

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  3. Obwohl langsam und behäbig, so hat mich dieser Roman gefesselt. „Die Glut“ war damals mein erstes Buch, was ich von Márai hatte. Mit diesem wurde er auch wieder entdeckt -zumindest in Dtschl. Danke für diesen schönen Rückblick!

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  4. Mariki Says:

    Márai ist wunderbar. Ich kenne von ihm Wandlungen einer Ehe und Die Glut: http://buecherwurmloch.wordpress.com/2009/10/20/sandor-marai-die-glut/

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    • flattersatz Says:

      … und ich bald noch die bekenntnisse eines bürgers…. ;-)
      marai hat diese alterthümliche, langsame, reflektierende, sich zeit nehmende sprache, in die man sich erst einmal wieder einlesen muss… aber dann ist es sehr erholsam, eine gedankenwelt so behutsam und sorgfältig erforschen zu können….

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      • Mariki Says:

        Stimmt! Das fand ich auch. Trotzdem aber angenehm, denn das allzu Langatmige liegt mir nicht, da werde ich ungeduldig. Ich finde Màrai so herrschaftlich-ungarisch, das ist sehr schön.

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  5. Ach wie schön, deine Rezension hat das Buch noch einmal bei mir aufleben lassen. Es ist gefühlt Jahrhunderte her, dass ich es in der Hand hielt – aber dass es mich damals in seiner erzählerischen Dichte schwer beeindruckt hat, habe ich nicht vergessen. Danke für die Erinnerung!

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  6. Alex Says:

    „Die Glut“ war damals auch mein erster Márai, und seitdem habe ich fast alle seiner Bücher verschlungen. Sehr empfehlen kann ich auch „Wandlungen einer Ehe“ und vor allem „Die jungen Rebellen“.

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