Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen

Der Name Irmgard Keun (http://berlin-woman.de/index.php/2015/02/03/berlin-women-irmgard-keun-das-kunstseidene-maedchen/) ist mir zum ersten Mal in Bettina Baltschevs sehr empfehlens- und lesenwerter Arbeit über die Emigration deutscher Künstler nach Amsterdam (Bettina Baltschev: Hölle und Paradies) begegnet. Sie, d.h. die ebenfalls in die Emigratin gegangene Irmgard Keun, hatte sich dort mit Joseph Roth angefreundet (Die Legende vom heiligen Trinker (https://radiergummi.wordpress.com/2017/04/16/joseph-roth-die-legende-vom-heiligen-trinker/) und Hiob (https://radiergummi.wordpress.com/2016/11/02/joseph-roth-hiob/) sind die beiden Titel Roths, die ich hier im Blog schon vorgestellt habe), der so tragisch sein Ende fand – und, Ironie des Schicksals (?), das ein Ende war, das auch Keun in Teilen und in ferner Zukunft erleben sollte.

Seit dieser Zeit ist Keun auf meiner Wunschliste, und jetzt endlich habe ich es auch mal umgesetzt und ihren wohl bekanntesten Roman von Doris, dem ‚kunstseidenen Mädchen‘, das von der mittleren Stadt nach Berlin geht, um dort ein „Glanz“ zu werden, gelesen.

Das kunstseidene Mädchen spielt nach der Weltwirtschaftskrise in den Endjahren der Weimarer Republik, die Handlung setzt im Sommer 1931 ein und geht bis zum Frühjahr 1932. Doris ist achtzehn Jahre alt, arbeitet, muss von dem Geld, das sie verdient, zu Hause abgeben, der Vater (wobei fraglich ist, ob es der Vater ist, es gibt Auswahl an Kandidaten) versäuft das meiste davon. Und auch draußen, in der Stadt, auf der Straße… Die Zeiten sind furchtbar, keiner hat Geld und es herrscht ein unsittliches Fluidum – denkt man bei einem, den kannst du anpumpen – pumpt er einen im Augenblick schon selber an.

Doris träumt davon, aus diesem Milieu zu entkommen, ein „Glanz“, etwas Besseres, zu werden, Geld zu haben, Bekannte zu haben, eingeladen zu werden, sich intelligent unterhalten zu können. Aber wie? … immerzu sind in meinem Leben Dinge, die ich nicht weiß, und immer muss ich tun als ob und bin manchmal richtig müde vor lauter Aufpassen, und immer soll ich mich schämen müssen, wenn Worte und so Sachen sind, die ich nicht kenne und nie sind Leute gut und so, dass ich Mut hätte zu ihnen, um zu sagen: ich weiß ja, dass ich dumm bin, aber ich habe ein Gedächtnis, und wenn man mir was erklärt, gebe ich mir Mühe es zu behalten. So setzt Doris notgedrungen auf das, was ein junges Mädchen hat, das sonst nichts hat, nämlich, das, war ihr die Natur mitgegeben hat an Körper und Aussehen. Nicht, daß sie an der Straße steht und Freier wartet oder daß sie eine wird wie Hulla, die sich von ihrem Zuhälter das Gesicht zerschlagen lassen muss und die später dann einmal aus dem Fenster springen sollte, eines Goldfisches wegen.. nein, Doris sucht einen Begleiter, einen mit Geld, der sie einlädt, sie mit ins Hotel nimmt, ihr Kleider schenkt und zum Essen einlädt. Wobei sie bedauernd konstatieren muss, daß die Galane beim Ausgeben von Wein und Sekt viel großzügiger sind als beim Einladen zum Essen…

Doris muss die mittlere Stadt verlassen, genauer gesagt, sie muss fliehen, denn sie hat den Feh mitgenommen, diesen weichen, wunderbaren Pelz, in den sie sich schmiegen kann und der zu ihrem Fetisch wird. Sie wird von der Polizei gesucht, geht nach Berlin. Sie lernt dort Männer kennen, weil sie überleben muss, Männer mit Geld, deren Frauen zu früh zurück kommen und sie aus dem Bett schmeißen, in dem sie überrascht wird, Männer, die blind sind, denen sie Berlin erzählen muss, Männer, die selbst arm sind und ihr nichts bieten können außer, daß sie sie lieben. Männer, die den weggelaufenen Frauen nachtrauern und sie mit nach Hause nehmen, damit die Wohnung nicht so leer ist, ein Wesen dort drin schläft, badet, isst und sich bewegt. Ausgerechnet hier, bei Ernst, wie er heißt, ein Mann, der nichts von ihr will, fängt sie an, sich heimisch zu fühlen, von „wir“ zu reden und zu denken und zu reden und auch so zu leben: gemeinsam spazieren zu gehen, gemeinsam einzukaufen, zu kochen, zu putzen – und irgendwann auch, Liebe zu machen…

Keun schenkt ihrer Doris kein Happy End, das Ende ihrer Geschichte ist offen, Doris ist desillusioniert, die unsichere Rückkehr zu Karl, dem, der selbst nichts hat, außer sie lieb, scheint ihr noch die einzige Möglichkeit für sich zu sein. Ich will alles mit ihm zusammen tun. Wenn er mich nicht will – arbeiten tu ich nicht, dann gehe ich lieber auf die Tauentzien und werde ein Glanz. – Aber ich kann ja auch eine Hulla werden – und wenn ich ein Glanz werde, dann bin ich vielleicht noch schlechter als eine Hulla, die ja gut war. Auf den Glanz kommt es nämlich vielleicht gar nicht so furchtbar an.


Das kunstseidene Mädchen ist ein Roman, der mich berührt hat. Keun hat ihn als nicht datiertes Tagebuch geschrieben, ihre Protagonisten Doris vertraut diesem Heft ihre Gedanken und Gefühle an, wir bekommen ihre Geschichte, die im Abgesang der Weimarer Republik und in der braunen Morgendämmerung spielt, in ihrer Sprache erzählt, die immer mal wieder knapp daneben liegt, die vom Berliner Dialekt geprägt ist und die andererseits häufig wunderbare Sprachbilder und Ausdrücke parat hält. Aber zuvörderst ist eine Geschichte unerfüllter Träume, unerfüllter Sehnsüchte nach Liebe [Liebe ist noch so ungeheuer viel mehr, dass es sie wohl gar nicht gibt, vielleicht kaum gibt.], nach dem Geliebtwerden, nach auch materieller Sicherheit, nach einem Leben, das sich nicht nur nach der Befriedigung der momentanen Nöte orientieren muss. Aber wie das erreichen in einer Stadt, in der monatlich über dreihundert Menschen an Schwindsucht sterben, der Suizid ganzer Familien aus purer Not zu vermelden ist [Materialien, S. 158]? Die Männer, die Doris trifft, jedenfalls bieten die Chance, ihre Sehnsucht zu erfüllen, nicht. Sie sind selbstverliebt wie der dilletierende Poet, dem Doris immerhin ein paar Hemden klauen kann, bevor sie sich abmacht, sie werden von der Polizei geholt wie der Geschäftsmann, dessen Frau sie zu gleicher Zeit aus seinem Bett jagt… und bei Ernst wagt sie den Schritt nicht in ein anderes Leben, wagt nicht das Risiko, ihn auf sich aufmerksam zu machen, oder – wie Keun es selbst formulieren läßt -: … so richtige Gefühle, das sollte man nur mit seinesgleichen, denn sonst geht es glatt schief.

Ich hasse alle, ich hasse alle 
– schlag doch die Welt tot,
Mutter,
schlag doch die Welt tot.

Keuns Buch spielt in den sogenannten Goldenen Zwanziger Jahren in Berlin, die offensichtlich so golden gar nicht waren, wenn man nicht zu den wenigen gehörte, die ganz oben mitschwammen. Es gibt (für uns Bücherfreunde interessant) eine kleine Passage im Roman, in dem Keun das Publikum des Romanischen Cafes beschreibt [vgl. meine Buchvorstellung von Jürgen Scheberas: Damals im Romanischen Café] und aus der erkennbar wird, daß die meisten der Gäste dort den Tag bei einer Tasse Kaffee verbringen mussten, mehr war nicht drin… Wenn man von „unten“ kam, so wie Doris, (und es gab viele, die wie Doris waren und an den Straßen standen und warteten, daß sie gesehen und angesprochen wurden), sah man wenig vom Glanz der Stadt, war man der heuchlerischen Moral ausgeliefert: Wenn eine junge Frau mit Geld einen alten Mann heiratet wegen Geld uns nichts sonst und schläft mit ihm stundenlang und guckt fromm dann ist sie eine deutsche Mutter von Kindern und eine anständige Frau. Wenn eine junge Frau ohne Geld schläft mit einem ohne Geld, weil er glatte Haut hat und ihr gefällt, dann ist sie eine Hure und ein Schwein.  

Das kunstseidene Mädchen ist ein Roman über eine Zeit mit wenig Licht und viel Schatten, von der meist nur das Licht überliefert wird, Keun hat, so wird sie wiedergegeben, Beobachtetes in ihrem Werk verarbeitet [Materialien, S. 136], die der von mir gelesenen Ausgabe beigefügten „Materialien“ geben einen Einblick in die Armut und das Elend dieser großen Stadt, in der so viele auf der Strecke blieben und in der sich zu dieser Zeit die braune Brut breitzumachen begann, an einigen Stellen fließt dies mit in die Handlung ein. In einer Szene beispielsweise erzählt Doris ihrem Galan (Fragt mich die Großindustrie [i.e. ihr Begleiter], ob ich auch ein Jude bin. Gott, ich bin’s nicht – aber ich dachte: Wenn er das gerne will, tu ihm den Gefallen. … ), sie sei Jüdin – was dem strammen Nationalen wenig gefiel. Es bedurfte (eine entlarvende Szene, die Keun hier konstruiert hat] einiger Überredung und einiger Alkohlika, bis dann der Trieb die Ideologie wieder verdrängte: Wie die Großindustrie dann betrunken war, kam es ihr nicht mehr so drauf an, und sie wollte. … Aber mir war die Lust vergangen, denn wenn er wieder nüchtern wird … man kann nie wissen, ob man nicht politisch ermordet wird, wenn man sich da reinmischt. 

Irmgard Keun
Das kunstseidene Mädchen
Textausgabe mit Materialien
Erstausgabe: Berlin, 1932
diese Ausgabe: Klett, TB, 176 S., 2004

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Franziska Tausig: Shanghai-Passage

Wer meinen Blog halbwegs regelmäßig besucht, dem wird der Name der Autorin dieses Buches möglicherweise bekannt vorkommen: Franziska Tausig [https://de.wikipedia.org/wiki/Franziska_Tausig] ist eine wichtige Person des Romans Shanghai fern von wo von Ursula Krechel, den ich vor einigen Wochen hier vorgestellt hatte.

Shanghai, diese große Stadt im Mündungsgebiet des Jangtsekiang, war Ende der 30er Jahre durch eine Besonderheit zur letzten Zufluchtsstätte für Juden aus Europa geworden, denn alle anderen Orte dieser Welt waren ihnen zwischenzeitlich aus den verschiedensten Gründen versperrt. In Shanghai jedoch gab es eine „Internationale Siedlung“ (https://en.wikipedia.org/wiki/Shanghai_International_Settlement),mit weitreichenden Befugnissen der westlichen Staaten Großbritannien und Amerika. Hierhin flohen Flüchtlinge aus aller Welt und bildeten ein Vielvölkergemisch, das in einer völlig fremden und man möchte fast sagen, (für Europäer) lebensfeindlichen Umwelt überleben musste. Lebensfeindlich, weil kaum jemand der Flüchtlinge chinesisch sprechen lernte, weil das Klima und die hygienischen Bedingungen extrem belastend waren (abgesehen von den Krankheiten, die man sich fangen konnte), weil man im Grunde mit den Armen und Ärmsten der Chinesen um die verfügbaren Resourcen kämpfen musste – und viele der Flüchtlinge hatte kaum mehr aus der Heimat retten können, als ihre Haut und ein paar Koffer… Im Vorwort zum vorliegenden Bericht Tausigs gibt Helmut Opletal einen Überblick über dieses Shanghai, wie es bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges „funktionierte“.

Wer einen möglichst praktischen Beruf bzw. solche Fähigkeiten hatte, hatte eventuell die Möglichkeit, eine Stellung zu finden. So wie Franziska Tausig, die die meiste Zeit ihrer Jahre in Shanghai aus Köchin arbeitete, aber auch zeitweise als Putzkraft oder als Wäscherin. Ihr Mann dagegen, ein (ungarischer) Rechtsanwalt, zudem noch schwerhörig und körperlich schwach, hatte keine Chance auf irgendeine Arbeit, Last und Verantwortung ruhten fast die ganze Zeit auf den Schultern Franziskas. Aber es war ihr Mann, es war viele Jahre zuvor eine Liebesheirat gewesen, und der Verlust des Mannes, der eines Tages an Heimweh und Entkräftung starb, traf sie schwer…

Die Tausigs stammten noch aus dem 19. Jahrhundert, Franziska war 1895 im (späteren) ungarischen Temesvar in guten Verhältnisse geboren worden. Entsprechend wohlbehütet wurde sie groß, sie heiratete im damaligen Habsburger Reich einen jüdischen Rechtsanwalt aus Ungarn. Der erste Weltkrieg kostete diesen sowohl einen Großteil des Hörvermögens und seine Arbeit, denn das Habsburger Reich zerfiel und seine Kenntnisse des ungarischen Rechts waren in Österreich, wo das Paar lebte, nicht mehr gefragt. Und dann kam der Anschluss ans „Reich“ und die Juden, also auch die Tausigs, mussten um ihr Leben fürchten. Der mittlerweile schon 16jährige Sohn Otto konnte noch nach England in Sicherheit gebracht werden, die Eltern dagegen standen vor lauter Hoffnungslosigkeit kurz vor dem Suizid und ausgerechnet ein Suizid rettete sie: zwei Schiffspassagen nach Shanghai waren derart tragisch frei geworden!

Franziska Tausig erzählt nach dieser Einleitung von ihren Erlebnissen auf der Passage selbst und dann von ihrem Leben in Shanghai. Während Krechel in ihrem Buch (siehe oben) ein weiteres Spektrum an Personen als nur die Tausigs betrachtet und auch die politischen Hintergründe zu analysieren versucht, beschränkt sich Franziska Tausig in ihren Aufzeichnungen verständlicherweise auf die Ereignisse, die sie ganz persönlich angingen und betrafen. Die großen Zusammenhänge der Weltpolitik sind allenfalls im Hintergrund zu erahnen, die Emigranten in Shanghai hatten genug damit zu tun, ihr Überleben zu sichern, das immer fragil war und auch, wenn Arbeit und Unterkunft vorhanden war, von einem auf den anderen Tag gefährdet sein konnte.

Wie schon angedeutet überlebte Franziska Tausigs Mann Aladar die Emigration nicht. Zu allem Unglück kam für ihn noch die Tatsache hinzu, daß er aufgrund seiner Schwerhörigkeit keine Arbeit fand, er von seiner Frau abhängig war und (wohl auch infolge der Tatsache, daß er dadurch viel Zeit hatte) er sehr an der Trennung zum Sohn litt und wohl auch depressiv war. Seine Frau Franziska dagegen war viel zu sehr mit Arbeit eingespannt, um sich dieser Trauer so sehr widmen zu können. Briefe vom Sohn kamen selten an in Shanghai – dies war den Zeiten geschuldet. Auch die Antwortbriefe der Eltern und später der Mutter enthielten nicht die Wahrheit über die Verhältnisse, man kann es den Tausigs bzw. Franziska nicht verargen.

Eine Verschärfung der Lebensumstände trat nochmals ein mit der Herrschaft der Japaner ab 1941 über Shanghai, die alle Juden auf Betreiben der Nazis in ein Ghetto umsiedelten, in dem die Lebensverhältnisse noch einmal armseliger waren. Da die Japaner den Vernichtungswillen der Nazis jedoch nicht nachvollziehen konnten, blieb wenigstens das Äußerste aus für die jüdischen Flüchtlinge – hart genug war es trotzdem.

Nach dem Ende des Krieges – was tun, wohin gehen? Auch Franziska stand vor dieser Frage… der Mann tot, der Sohn in England, die Eltern in Theresienstadt ermordet, Wien in Trümmern. Da jedoch der Sohn nach Wien zurückwollte, entschied sich auch Franziska, in ihre alte Heimatstadt zurück zu kehren.


Interressant ist das Nachwort des Sohnes Otto [https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Tausig] im Buch. Es ist keins der üblichen, zu erwartenden Nachworte, die die Verfasserin rühmen oder einen Mantel des Verklärens über sie legen. Ehrlich schildert er die Probleme, die er als Sohn mit seiner Mutter nach dem Wiedersehen hatte: Franziska, so wurde ihm später klar, hatte Mann und Eltern verloren, den Sohn in die Emigration schicken müssen, die alte Existenz in Wien war ausgelöscht, hatte jahrelang selbst in armseliger und fremder Umgebung gelebt: sie wollte jetzt, nach dem Krieg, nicht auch noch ihren Sohn verlieren und klammerte sich an den mittlerweile Erwachsenen und Verheirateten, den sie nicht in ein eigenständiges Leben loslassen konnte…

Man muss Otto Tausig dankbar sein für diese Ehrlichkeit, denn sie verdeutlicht noch einmal, welchen seelischen Verheerungen auch die Überlebenden ausgesetzt waren, Traumata, die das weitere Leben nach dem Krieg entscheidend mitprägten. Aber auch abgesehen von Otto Tausigs Nachwort natürlich sind die Erinnerungen von Franzsika Tausig, die um die Wende zum 20. Jahrhundert einsetzen, lesenswert und – weil Shanghai als Fluchtort nicht jedem präsent ist – auch sehr informativ, da die Franzsika auch sehr anschaulich erzählen und schildern kann. Ich könnte mir auch gut vorstellen, daß diesen Buch für Jugendliche oder junge Leser sehr interessant ist, eben wegen dieser Anschaulichkeit und weil Shanghai allen vom Namen her eine gewissen Exotik ausstrahlt, die in diesem Buch durch die bittere Realität jedoch gründlich zerstört wird.

Franziska Tausig
Shanghai-Passage
Emigration ins Ghetto
Vorwort von Helmut Opletal
Nachwort von Otto Tausig 
diese Ausgabe: Milena-Verlag, brosch., mit Abb., ca. 208 S., 2007

Gertrud von le Fort: Die Frau des Pilatus

Und Pilatus erschrak und wollte sich von seinem Richterstuhl erheben. Da ließ ihm seine Frau durch einen Boten sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; ich habe in der Nacht viel erlitten seinetwegen. Da rief Pilatus die Juden heran und sprach zu ihnen: Ihr wißt, daß meine Frau gottesfürchtig ist und es in der Religion mehr mit euch Juden hält. Hört, was sie mir sagen ließ: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; ich habe in der Nacht viel erlitten seinetwegen. Doch die Juden antworteten dem Pilatus: Wir haben dir gesagt, daß er ein Magier ist! Siehe, er hat deiner Frau einen Traum geschickt! 

So steht es im zweiten Kapitel der apokryphen Schrift des Evangeliums nach Nikodemus, eine Episode, die in den kanonischen Evangelien nur bei Matthäus noch auftaucht, aber dort deutlich kürzer: Während Pilatus auf dem Richterstuhl saß, sandte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit jenem Gerechten! Ich habe heute seinetwegen im Traum viel gelitten. (Mt 27,19).

Das neue Testament ist nicht besonders reich an Frauengestalten, die Zeiten waren damals so. Maria natürlich, die Mutter Jesu, ferner Maria von Magdala (vgl. hier:http://www.seinetoechter.de/?page_id=632) , die eine sehr bedeutende Rolle spielt, auch wenn sie in späteren Jahrhunderten von einer männlich dominierten Kirche als Prostituierte verunglimpft wurde. Andere Frauen, die Jesu folgten, werden erwähnt, bleiben aber meist im Anonymen, auch an die Frau des Pilatus erinnert sich wohl kaum jemand.

Dabei ist es doch interesssant, was beispielsweise bei Nikodemus steht: sie als Römerin, hält es mehr mit dem jüdischen Glauben, sie hat ferner einen Traum, der sie quält und uns zu der Frage führt, woher dieses Gesicht, daß ihr die Zukunft des nächsten Tages offenbarte, herrührt? Und wer war diese Frau überhaupt? [Eine schöne Analogie findet man übrigens bei Calpurnia und Cäsar vor dessen Ermordung: In der Nacht plagten Cäsars Frau Calpurnia böse Träume. Alle Türen und Fenster des Schlafzimmers sah sie plötzlich aufspringen, den Giebel des Hauses einstürzen – ihren Mann wähnte sie leblos auf ihrem Schoß: erdolcht. (http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelgeschichte/d-84408274.html)]

Ich bin auf Claudia Prokula, so Name dieser Frau (https://de.wikipedia.org/wiki/Claudia_Procula) erstmals gestoßen durch einen Roman von Eric-Emmanuel Schmitt: Das Evangelium des Pilatus (das ich hier im Blog aber erst aus gegebenen Anlaß zu Ostern vorstellen werde, es dauert also noch ein wenig….) und über diesen Einstieg (und weil ich kurz danach schon einen Roman von dieser fast vergessenen deutschen Schriftstellerin gelesen hatte) auf die Novelle Gertrud von le Forts: Die Frau des Pilatus.


Jesus vor Pilatus, der seiner Frau zuhört.

Die Novelle ist geschrieben als Brief: Die freigelassene Griechin Praxedis zu Rom an Julia, die Gattin des Decius Gallicus zu Vienna. … und gibt Bericht über das Leben ihrer geliebten Herrin Claudia Procula. Die Geschehnisse setzen mit dem Traum Claudias ein: nach einer erfüllten Liebesnacht dämmert Claudia noch einmal leicht ein, Pilatus selbst ist am Morgen schon aufgestanden und zur Verhandlung gegangen. So glücklich Claudia nach der Nacht war, so schreckensbleich erwacht sie nach dem Traumgesicht, das sie durch unbekannte Zeiten und bis dahin ungesehene Tempelarten führte, begleitet von dem Ausruf: Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben…. als sie den Lärm der Straße hört und Praxides ihr sagt, das dies die Leute sind, die zur anstehenden Gerichtssverhandlung kommen, erbleicht sie und schickt ihre vertraute Dienerin zu ihrem Mann: O ich wusste, daß die Morgenträume Wahrträume sind … durch diesen Gefangenen wird sich mein Traum erfüllen, der Prokurator darf ihn nicht verurteilen!

… nun ja, man weiß, wie die Geschichte ausgegangen ist…

Zurück in Rom… die Jahre sind vergangen, die Jahrzehnte… auf Claudia lastet ein schwerer Schatten, die grübelnde, nachdenkliche stille Frau passt nicht mehr in die römische Gesellschaft; auch die Ehe leidet, wird aber nicht geschieden. Claudia ist auf der Suche nach einer – so würden wir heute vielleicht sagen – spirituellen Heimat, doch jeder Glaube, dem sie anzuhängen versucht, enttäuscht sie. Dann wird sie eines Tages von einer Wahrsagerin in das ärmste Viertel der Stadt geschickt… verhüllt gehen sie und ihre treue Dienerin dorthin, zu den Ärmsten der Armen und hören dort im Gebet die seinerzeit im Traum gehörten Worte: Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben…. Auch wenn Claudia und ihre Dienerin verhüllt bleiben und sie sich nicht als Gattin des Pilatus zu erkennen gibt, findet sie in dieser Gemeinschaft ihren Glauben und ihren Halt. Doch dann kommt es zu den Verfolgungen der Nazarener, wie sie hier heißen, durch den jungen Kaiser Nero, man macht sie für den Brand Roms verantwortlich (https://de.wikipedia.org/wiki/Neronische_Christenverfolgung). In ihrer klandestinen Gruppe verlangt man jetzt, ihren Namen zu hören, sie nennt ihn, doch als sie um Gnade und Vergebung für ihren Mann fleht – denn auch er wusste nicht, was er tat – weist man sie ab: … dein Gatte ist verurteilt, weil der den Herrn verurteilte ….

Noch einmal träumt Claudia diesen alten Traum, durchmisst jetzt die zerfallenen Kathedralen der Zukunft und sieh Jesu als sich erbarmenden Richter auf dem Richterstuhl. Wiederum versucht Claudia, ihren Mann umzustimmen, denn dieser erhält vom Kaiser den Auftrag, die Nazarener zu verfolgen. Und wieder hört ihr Mann nicht auf sie… So kann sie nur noch die Verfolgten warnen, heimlich verläßt sie das Haus, wohlwissend um die Gefahr, in die sie sich begibt. Und tatsächlich, sie wird gefangen genommen und der Kaiser weidet sich bald darauf an den Qualen des Pilatus, den er mit in seine Loge im Circus nimmt, wo beide der Zerfleischung der Gefangen, unter ihnen Claudia, durch die Löwen zusehen.


Claudia, so erfahren wir bei Nikodemus, hängt dem Glauben der Juden mehr nach als dem der Römer. Inwieweit sie Jesus kennt, ihm vielleicht sogar folgt, darüber schweigt der Text. Der Traum, den sie hat, ist jedenfalls rätselhaft. Haben sie und ihr Mann, dem der anstehende Prozess unangenehm war, da er durchaus spürte, daß er hier vom Sanhedrin funktionalisierte werden sollte, am Abend darüber gesprochen? Spekulationen… in von le Forts Novelle jedenfalls erlebt Claudia ein Wechselbad der Gefühle: nach einer offensichtlich sehr befriedigenden und anstrengenden Liebesnacht (sie schlummert nach dem Aufwachen noch einmal ein) träumt sie diesen rätselhaften Traum, der mit der Durchmessung der vielen offensichtlich sakralen Räume weit in die Zukunft deutet und das Schicksal Jesu, das sich noch nicht erfüllt hat, vor dem sie ihn zu bewahren sucht, offenlegt: Gekreuzigt und gestorben…

Der Traum, ihr vergeblicher Versuch, den Lauf der Dinge zu ändern, und der Tod Jesu erschüttern Claudia, sie ist ein anderer Mensch geworden, dem Äußerliches nichts mehr gilt. Somit entfremden sich die Eheleute, Kinder gibt es keine, aber eine Trennung nehmen sie auch nicht vor. von le Fort schildert in ihrer Novelle die Suche der Frau nach Gott, den sie in den vielen Religionen, mit denen Rom konfrontiert wird, nicht findet, bis sie eben auf die Nazarener trifft. Aber auch dort wartet dann eine Enttäuschung auf sie, das dogmatische Verweigern der Gnade und Barmherzigkeit, die dem Predigen Jesu so sehr widerspricht, sie jedoch auf dessen Lehre zurückführt. Die Taufe, für die sie der Gruppe nicht bereit war, erlebt sie dann schließlich in der Manege, sie wird Märtyrerin.


Die Frau des Pilatus ist leises, nachdenkliches, im Stil alterthümliches Stück Literatur über ein sehr religiöses Thema. Die Novelle rückt eine Persönlichkeit in den Mittelpunkt, die meist unbeachtet bleibt, die in der offiziellen Bibel nur mit einem rätselhaften Satz erwähnt wird, der jedoch viele Fragen aufwirft und damit viele Möglichkeiten zum Spekulieren, bis hin zu der Deutung der Frau als Symbol dafür, daß Pilatus im Grunde überhaupt keinen Grund sieht, diesen Juden Jesu zu verurteilen (es dürfte in der Tat recht ungewöhnlich gewesen sein, daß eine Frau/Dienerin/Bote während der Verhandlung zum Prokurator vordringt und sich mit ihm bespricht….). Es ist auch die Geschichte einer Suche nach Gott, die mit der Begegnung mit Jesu (auch wenn sie ’nur‘ indirekt stattfand) eine Erfüllung fand, nachdem sie mit dem alles verzeihenden, barmherzigen Blick des Todgeweihten in Jerusalem begonnen hatte. Möglicherweise spiegelt sich in diesem Vorgang auch ein wenig das eigene Schicksal der Autorin, die – evangelisch geboren – 1926 selbst zum Katholizismus übertrat. In der Figur der Claudia findet sich, wenn man mag, ein weibliches Pendant zu Jesu selbst, sie erleidet den Märtyrertod, um damit ihren Mann zu erlösen. Da spielt ihr letztlich sogar der sadistische Zug Neros in die Hände, der Pilatus mit in den Zirkus nimmt, damit er den grausamen Tod der Gattin dort miterleben muss…

Links und Anmerkungen:

Bildquelle: In dieser Darstellung aus einem Manuskript des 15. Jahrhunderts,  das sich heute in der Bodleian Library in Oxford befindet, wird der gefesselte Jesus von einer übergroßen Menge bewaffneter Soldaten  bewacht.  Die prächtige Kleidung derjenigen, die bei Pilatus steht, läßt darauf schließen, daß seine Frau hier selbst gekommen ist, um ihm von dem Traum zu erzählen und ihn zu warnen. (Bild und Text aus: http://brautdeslammes.blogspot.com/2011/04/der-traum-der-frau-des-pilatus.html?m=1)

ferner:

http://www.gertrud-von-le-fort.eu: die Webpräsenz der Literaturgesellschaft Gertrud von le Fort e. V.
https://www.deutschlandfunkkultur.de/frau-pilatus-hatte-einen-traum….Frau Pilatus hatte einen Traum von Herma Brandenburger (Kirchensendung im Deutschlandfunk, 2010)

Gertrud von le Fort
Die Frau des Pilatus
diese Ausgabe: Insel-Verlag, HC, ca 60 S., 1956

 

Anthony McCarten: Licht

Um 1890 tobte in den USA ein Krieg, der sogenannte war of currents, der Stromkrieg (https://de.wikipedia.org/wiki/Stromkrieg). Kontrahenten dieses Krieges waren auf der einen Seite der Erfinder Thomas Alva Edison, dessen Einfluss auf die technische Entwicklung der modernen Industriegesellschaft, die damals am Anfang stand, kaum zu überschätzen ist und auf der anderen Seite Nicola Tesla, ein genialer Techniker mit, sagen wir einmal, etwas exzentrischen Eigenschaften. Beide Erfinder hatten ihre Geldgeber: bei Edison war dies der Bankier J.P.Morgan, bei Tesla war es der Bankier und Industrielle Westinghouse, beides Namen die heute noch geläufig und (als Firmen) bedeutend sind. Dieser Stromkrieg, die Auseinandersetzung, ob zur Nutzung der immer noch mysteriösen Elektrizität zur Erzeugung von (elektrischem) Licht Gleichstrom – Edisons Überzeugung – oder Wechselstrom – wie Edisons Kontrahenten meinten – geeignet sei, steht im Mittelpunkt des biographischen Romans des Neuseeländers McCarten.

Die Geschichte als solche, die hinter diesem Roman steht, ist kein Geheimnis, sie ist in vielen Publikationen nachlesbar (z.B. hier: https://www.geo.de/magazine/geo-kompakt/6553-rtkl-erfinder-nikola-tesla-das-betrogene-genie oder auch im SpON: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/duell-der-erfinder-gleichstrom-gegen-wechselstrom-a-549109-2.html, andere Quellen sind leicht zu finden). Es ist die Auseinandersetzung zweier genialer Erfindert, Edison und Tesla, wobei McCarten letzteren von  nur am Rande in der Geschichte erscheinen läßt, Licht ist ein Roman, der den Berühmteren der beiden in den Mittelpunkt stellt [Im gewissermaßen Ausgleich für die geringere Popularität ist das „Tesla“ aber 1960 als SI-Einheit für die magnetische Flussdichte festgelegt worden, wird die Stärke von Magnetfeldern beschrieben, stößt man immer wieder mal auf diese Einheit]. Die Zeitumstände waren damals revolutionär: die technische Entwicklung begann mir Siebenmeilenstiefeln voran zu schreiten, der Charakter der Wirtschaft änderte sich fundamental, Morgan, der Geldgeber von Edison, steht exemplarisch für diesen Wandel: er war der Meinung, daß die weitgehend korrupte Klasse der Politiker sowie die Industriemagnaten wie Rockefeller ausgedient hätten und jetzt die Bankiers die ‚Macht‘ übernehmen sollten. Gerade Morgan, dies wird gegen Ende des Romans in einer kurzen Episode geschildert, war beim Aufbau solcher Industriekonglomerate, die er mit seinem Bankenimperium beherrschte, sehr erfolgreich, so erfolgreich, daß sie durch Gerichte zerschlagen werden mussten: er war so beherrschend, daß  Konkurrenz und Wettbewerb quasi ausgeschaltet waren [ein Zustand, der von/in bestimmten Bereichen des heutigen Wirtschaftslebens nicht ganz unbekannt sein dürfte], die beschäftigten Arbeiter wurden ausgebeutet und schlecht behandelt.



Licht spielt auf zwei Ebenen. In der Rahmenhandlung finden wir den achtzigjährigen Edison, der mit einem Sonderzug in der Begleitung seiner Frau Mina zu einer ehrenvollen Feier fährt: dem 50. Gebutstag seiner [was angezweifelt werden kann] wohl größten Erfindung, der Glühbirne. Diese Feier ist ihm keineswegs recht, am liebsten würde der eigenbrötlerisch Gewordene ihr entkommen. Und genau das setzt er auch in die Tat um: er verläßt den an einem Zwischenstopp haltenden Zug heimlich genau in dem Moment, in der er wieder zur Weiterfahrt in Bewegung setzt.

So sitzt er jetzt da auf einen sich im Prozess des Verfalls befindlichen Bahnhof, an den er sich als ein früher erinnert, als hier Menschen hin und her wuselten und Leben herrschte. Aber die Ruhe ist dem alten Mann recht, auf einer Bank sitzt er nun und die Erinnerung an sein Leben drängt nach oben… Er weiß, daß er nur wenig Zeit hat, wenn man sein Verschwinden bemerkt, wird der Zug zurückkommen, ihn abzuholen….. Was hat er aus seinem Leben gemacht, was ist aus seinen Idealen geworden, wieso hat er sie ein ums andere Mal verraten, ist schuldig geworden an den Menschen, an vielen, auch an besonderen?

Wir als Leser begleiten Edison auf dieser Erinnerungstour in die Vergangenheit, die ein Ausflug wird in die Geschichte der Elektrifizierung der Welt, in die Geschichte der Konkurrenz zweier genialer Erfinder, die unterschiedliche Systeme entwickelt haben, bei der Eifersucht und Neid eine große Rolle spielen und die in der wirklich sehr abscheulichen Geschichte der Entwicklung des elektrischen Stuhls durch Edison und sein Labor als Verleumdungskampagne gegen Tesla und Westingouse gipfelt [hier kann man sich diese Geschichte per Video ansehen: Link zu youtube], denn der Gleichstromverfechter Edison entwickelt den Stuhl mit dem Teslaschen Wechselstrom, um diesen unverkennbar mit dem Begriff „tödlich“ zu diffamieren. Und sozusagen als i-Tüpfelchen auf diesem moralischen Abgrund noch folgende Infamie: Edison schlug damals sogar vor, das Hinrichten auf dem elektrischen Stuhl „to westingouse“ zu nennen. Diese Episode zu lesen ist anstrengend, weil hier wissenschaftlich-technisches Procedere pervertiert wird. Es eine Geschichte der Heuchelei, der Amoralität und der Grausamkeit ist: die Hinrichtung mit dem elektrischen Stuhl wird unter Ignorieren aller praktischen Erfahrung mit Tieren und dem ersten Delinquenten [das Facit McCartens nach seiner quälenden Darstellung der Exekution … Sie hatten ihn geröstet; der Raum füllte sich mit dem Geruch von angebranntem Rinderbraten. …] als zivilisiert, schnell und schmerzlos per Gesetz eingeführt.

Dieses Ereignis ist ein Wendepunkt im Leben Edisons. Schon die Entwicklungsarbeiten [i.e. das Rösten von Haustieren bis hin – im Roman – zu einem Orang-Utan] führten ihn an den Rand dessen, was er eigentlich ertragen konnte, doch er brauchte unbedingt den wirtschaftlichen Erfolg seines Systems, diesem vermeintlichen Zwang ordnete er alles unter, war er auch zum absoluten Verrat an seinen Idealen bereit: Wissenschaft und Technik, die der Menschheit dienen sollten, missbrauchte er zum (grausamen) Töten. Danach entfloh Edison der Welt, verließ seine junge Frau, ging in die Berge, wo er völlig sinnfrei nach Erz grub. Nach drei Jahren konnte ein ehemaliger Mitarbeiter ihn wieder in die Zivilisation zurückholen, seine Frau nahm ihn wieder auf – jedoch zu ihren Bedingungen. Ich denke, was besseres konnte ihm nicht mehr passieren, zumindest nicht in der Konstellation, wie sie McCarten darstellt.

Sein Geldgeber J.P. Morgan hatte mittlerweile die Fronten gewechselt, das System Teslas und Westinghouse‘ war besser und Morgan schlug Westinghouse die Zusammenarbeit vor. Edison wurde ausgebootet und ausgezahlt, es war nicht mehr allzuviel Geld, das ihm gehörte, er war im Vernichten von Kapital nicht weniger gut wie im Erfinden, eine Legende blieb er dennoch für ganz Amerika.


Der deutsche Titel des Romans, der im Original Brilliance heißt, was ja eher Brillanz bedeutet, führt ein wenig in die Irre, denn es geht nur im Vordergrund um die Elektrifizierung von Stadt und Land. Die grundlegende Frage, der McCarten am Beispiel Edisons nachgeht, ist die der Ambivalenz von Wissenschaft und Technik auf der einen Seite (die altbekannte Auseinandersetzung zwischen ‚Gut‘ und ‚Böse‘, hier: Licht vs. elektrischer Stuhl) und die nach der Bereitschaft eines ehrgeizigen, eifersüchtigen Menschen, seine Ideale – gegen besseres Wissen – über Bord zu werfen und zu verkaufen.

McCarten schildert den Menschen Edison als leicht verschroben, als genial zwar, aber auch als Menschen, der sich für einige Silberlinge, sprich: das durchaus angenehme Leben im Kreise von Morgan und seinen Kumpanen, verkauft, der seine Ideale verrät, der auch privat nicht einfach war. Es gibt einiges an skurrilen Situationen. Edison war von Jugend an schwerhörig („80 Dezibel“), durch Zufall und schon damals moralisch zweifelhafte Handlungsweisen bekommt er eine Stellung beim Telegraphenamt und lernt Morsen. Dieses Morsen wird sein Kommunikationskanal, mit seiner ersten Frau verständigt er sich nur über Morsen, man legt sich Hände unterm Tisch auf die Oberschenkel und morst… seine zweite Frau Mina schließt er aus, sie sitzt auf der ersten Gesellschaft, die sie nach der Hochzeit gibt, mit den Gästen und ihrem Mann am Tisch, kein Gespräch ist zu hören, alle klopfen nur auf dem Tisch ihre Botschaften, man unterhält sich glänzend – bis auf eben Mina.

Solche biographischen Romane sind immer schwierig zu lesen: man weiß als Leser nie, was der Fantasie des Autoren entsprungen ist und was real belegbar ist. Oder, wie McCarten selbst es in einer Nachbemerkung formuliert: Wie stets, wenn ein fiktives Werk auf realen Fakten beruht, ist der Leser gefragt, diese beiden Elemente gegeneinander abzuwägen. Jedenfalls tritt der Mensch Edison in McCartens Romans deutlich stärker in den Vordergrund als in anderen Zusammenfassungen übe den Erfinder, die sich auf mehr auf seine erfinderischen und geschäftlichen Aktivitäten konzentrieren [wie z.B. dieser Wiki-Beitrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Alva_Edison]. Zudem fand dieses Leben in einer Epoche statt, in der viele Weichen für technische und gesellschaftliche Entwicklungen gestellt wurden, deren Auswirkungen bis in die heutige Zeit reichen, auch dies macht den Roman interessant und lesenswert. 

Daß McCarten ein großartiger Erzähler ist, ist eigentlich mittlerweile ein Allgemeinplatz und muss nicht wiederholt werden. Dies gilt natürlich auch für diesen Roman, den man, hat man mal angefangen, nicht mehr aus der Hand legen will: er ist eine intelligente, spannende, unterhaltende und fesselnde Lektüre über eine herausragende Persönlichkeit, die viel Licht, aber auch viel Schatten warf. 

Weitere Romane von McCarten, die ich hier im Blog schon vorgestellt habe:

– Englischer Harem
– Hand aufs Herz
– Ganz normale Helden
– funny girl
– Jack 

Anthony McCarten
Licht
Übersetzt aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
Originalausgabe: Brilliance, London, 2012
diese Ausgabe: Diogenes, TB, ca. 360 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Philip Roth: Portnoys Beschwerden

Philip Roth, einer der wichtigsten der Nicht-Nobelpreisträger (wobei diese Auszeichnung ja im letzten Jahr heftig beschädigt worden ist…) hat viele wichtige Bücher geschrieben, ein paar sehr wenige davon habe ich im Lauf der Jahre hier im Blog vorgestellt [Mein Leben als Sohn; Jedermann – Everyman und Der menschliche Makel]. Wenngleich Roth schon 1950 den National Book Award zugesprochen bekam, wurde er einer großen Öffentlichkeit weltweit wohl durch das vorliegende Werk Portnoys Beschwerden [Portnoy’s Complaints], das im Original 1969 veröffentlicht wurde und schon ein Jahr später in deutscher Übersetzung bei Rowohlt erschienen war, bekannt. Die von mir gelesene und im nachfolgenden vorgestellte Buchclubausgabe beruht auf der ersten Übersetzung von Kai Molvin, der später dann noch eine Übersetzung von Werner Schmitz folgen sollte. Beide Übersetzung werden jedoch, so steht es geschrieben [https://de.wikipedia.org/wiki/Portnoys_Beschwerden], als …“gute und verlässliche, aber mit Notwendigkeit je unvollkommene Arbeit…“ bezeichnet.

Das der Roman so erfolgreich wurde, ist nicht verwunderlich. Oder vielleicht doch, denn im Grunde ist das ganze Buch eine einziger Monolog, den der 1933 geborene Alexander Portnoy auf der Couch seines Psychoanalytikers Dr. Spielvogel hält, der selber nur an einer einzigen Stelle im Roman, auf der letzten Seite, persönlich in Erscheinung tritt, als er nämlich vorschlägt: Dann wollen wir mal anfangen. Ansonsten gibt es wenige Stellen im Text, in denen der monologisierende Portnoy sein Gegenüber direkt anspricht.

Was soll man zu diesem Roman schreiben? Sagen wir einfach was zur Person Portnoys. Dieser wurde 1933 geboren als Sohn jüdischer Eltern, der in einem jüdischen Viertel New Yorks aufwächst. Der Vater, ähnlich wie der Vater des Autoren, ist als Versicherungsvertreter im Aufschwatzen von Versicherungen auch an Menschen, die gar nicht wissen, was das ist, so erfolgreich, daß er von diesem Posten nie wegbefördert wird. Ansonsten leidet er unter chronischer Obstipation, gegen die er mit strenger Diät vorgeht. Wie auch sein Sohn steht er im Schatten der Mutter, die wie eine Karikatur jüdischer Mütter alles vereinnahmend unumschränkt über die Familie herrscht bis hin zu Handlungen, die heutzutage als sexuell übergriffig gewertet würden, sicherlich aber auch seinerzeit schon aus dem Rahmen des Üblichen fielen. Aus dieser heiklen Konstellation entwickelt Roth köstlich-beklemmende Szenen, wenn etwa die Mutter durch tätige Mithilfe dem Sohn beibringt, wie ein Mann im Stehen zu Pinkeln…

Der Sohn, nämlicher Alexander, Bruder einer älteren Schwester, fühlt sich zunehmend bedrängt von dieser Mutter, von dem jüdischen Leben der Familie, von den Einschränkungen und Massregelungen – und von seiner erwachenden Sexualität. Sein Protest gegen diese Zwänge ist ein von ihm proklamierter Atheismus, der sich an kommunistischen Idealen orientiert und die exzessive Extremmasturbation, nachdem er das entsprechende Alter erreicht hat. Auch bei letzterem weiß Roth dem Akt die peinliche Note weitgehend zu nehmen und ihn in ein groteske Slapstickstück zu wandeln: beispielsweise läßt er Alex während des gemeinsamen Mittagsessens der Familie unter der fadenscheinigen Entschuldigung eines diarrhörischen Anfalls aufspringen und aufs Klo rennen. Dort, mit einer über den Kopf gezogenen getragenen Unterhose seiner Schwester, deren BH er zwischen Türklinke und einem Haken aufgespannt hat, befriedigt er sich. Im Rubbelwahn sieht er sogar deren Brüste wackeln, doch es ist nur die Mutter, die an der Klinke rüttelt, nach dem kranken Sohn (hat er unkoscher gegessen? Schweinefleisch?) zu sehen. Während sie also diesen auffordert, seine Hinterlassenschaft nicht in die Kanalisation zu spülen, sie wolle sie kontrollieren, murrt im Hintergrund lautstark der Vater, der gerade jetzt auf die vom onanierenden Sohn blockierte Toilette könnte und wollte…. von solchen absurden Szenen gönnt uns Roth eine ganze Menge.

WEIL IHR VERDAMMTEN JÜDISCHEN MÜTTER EINFACH NICHT ZU ERTRAGEN SEID.

Alexander Portnoy ist sehr intelligent, weit über MENSA-Eingangsniveau. So ist er beruflich (biografisch überspringe ich jetzt viel) durchaus erfolgreich, jedoch weit davon entfernt, mit seinem Leben zufrieden zu sein. Ein jüdischer Mann, dessen Eltern noch leben, ist immer so hilflos wie ein Säugling. Wobei es in Portnoys Fall nicht wirklich um die Eltern geht, sondern um die Mutter, die ihren Sohn wie ein Dibbuk in den Klauen hält und der alle dessen Versuche, ihr zu entkommen, nichts anhaben können. Der Versuche sind es viele, der Unglaube ist einer davon, das Masturbieren ein anderer, der sich mit zunehmendem Alter immer stärker entwickelnde Drang, Schicksen an die Brüste und unter die Unterwäsche zu gehen, ein anderer. Auch dies schildert Roth in einer Art und Weise, daß man beim Lesen nicht weiß, ob man Lachen oder Weinen soll, daß sich bei Portnoy eine ausgewachsene Beziehungsunfähigkeit aufgebaut hat, muss wohl kaum betont werden… Wie auch immer, letztlich landet Alex beim „Äffchen“, einem Unterwäschemodel, das weniger durch intellektuelle Leistungen als mehr durch eine hemmungslose Sexualität auffällt. Aber selbst diese so lang von Alex erträumte Konstellation endet nicht glücklich, sondern mit einer Suiziddrohnung.

In Israel schließlich, einem Land voller Juden, einem Land, in dem eigentlich glücklich sein sollte, nein, auch dort klappt es nicht. Die hysterische Angst vor einem Schanker, den er sich beim flotten Dreier in Rom mit Äffchen und einer Prostituierten zugezogen haben könnte, lähmt den Hauptdarsteller seiner Fantasien, der einfach weiter abhängt und seinen Dienstantritt bei der Leutnantin der israelischen Armee verweigert….


Roth zeichnet Portnoy als tragische Figur, die sich nie von dem Unglück, eine jüdische Mutter zu haben, lösen kann. Hat diese ihn als Jüngling und jungen Mann in eine Art Sexsucht getrieben, führt sie später zu seiner Impotenz. Denn nie kommt Portnoy gegen das Gefühl der Scham auf, gegen Schuldgefühle und auch gegen die Angst, für seine exzessive Lust bestraft zu werden, nicht zuletzt seine fast schon manische Fixierung auf Schicksen, von denen er eine sogar mal nach Hause mitbringt, um ihr jüdisches Leben zu zeigen.

Dieses jüdische Leben zeigt eine Familie, die nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges darauf bedacht ist, das Jüdische an ihre Kinder weiterzugeben. Es ist auch für uns Leser der Hintergrund der Geschichte. Als Kind noch unterwirft sich Alex diesem Ideal, später rebelliert er dagegen, fühlt sich andererseits als Jude anderen überlegen. Es ist daher für ihn selbstverständlich, daß eine Schickse, wollte sie von ihm geheiratet werden, zum jüdischen Glauben konvertiert, was diese jedoch natürlich ablehnt – dahin die Beziehung. Überhaupt ist Portnoy unfähig, Beziehungen einzugehen. Das Äffchen beispielsweise ist für ihn nur eine Spielwiese für seine erotischen Bedürfnisse, eine Ehe, die sich die Frau insgeheim wünscht, für ihn unvorstellbar. So ist es wenig verwunderlich, daß die jüdische Leutnantin ihn nach seinem verunglückten Vergewaltigungsversuch (den sie, die ihm körperlich überlegen ist, locker abwehrt) einfach nur als „Schwein“ tituliert, das sich selbst hasst.

In seinem Monolog bietet Portnoy vielfache Interpretationen seines Handelns, seiner Gedanken, seiner Süchte. Spielvogel, sein Psychiater, dagegen bleibt stumm, er läßt seinen Patienten schwadronieren, ihn gedanklich hin- und herspringen, der biographische Pfeil Portnoys weist daher kleiner Schleifen auf. Die ganze Geschichte ist witzig geschrieben, sie scheut sich nicht vor Obszönem, das jedoch nie obszön daher kommt, sondern das so skurril erzählt wird, daß es einfach nur zum Lachen reizt. Bei aller Unterhaltsamkeit, die Roth uns mit seinem Werk gönnt, ist der Roman jedoch an keiner Stelle seicht ober oberflächlich, im Gegenteil denke ich, man kann ihn (und dies wird wohl auch geschehen sein) in extenso interpretieren und deuten.

Obwohl also schon nicht mehr ganz frisch, kann ich jedem, der sich intelligent unterhalten lassen möchte, diesen Roman nur ans Herz legen.

Philip Roth
Portnoys Beschwerden
Übersetzt ins Deutsche von Kai Molvig
Originalausgabe: Portnoy’s Complaint, NY, 1969
diese Ausgabe: Deutsche Buchgemeinschaft, HC, ca. 250 S., (nach der Ausgabe bei Rowohlt von 1970)