Pat Barker: Niemandsland

8. März 2017

niemandsland

Das 20. Jahrhundert war für uns in Europa ein seltsam geteiltes Jahrhundert. Die erste Hälfte ist geprägt durch zwei menschenverachtende, menschenmordende Kriege, in denen unfassbare Grausamkeiten geschahen, deren Schrecken sich jedoch anscheinend so tief in die Psyche der Menschen eingeprägt haben, daß die zweite Hälfte (zumindest, was die Mitte und den Westen angeht) durch herrschenden Frieden und wachsenden Wohlstand charakterisiert werden kann. Der Fall des ‚Eisernen Vorhangs‘ gegen Ende des Jahrhunderts bestärkt diesen Eindruck.

Der Roman Niemandsland der englischen Autorin Pat Barker [1], den ich hier vorstellen will, ist Teil einer Trilogie, die sich mit dem 1. Weltkrieg aus englischer Sicht auseinandersetzt [2]. England war bei jedem der beiden Kriege auf Seiten der Sieger, nie jedoch gab es Bodenkämpfe auf englischem Territorium. So schlimm die Luftangriffe der Deutschen sowie die durch den U-Boot-Krieg hervorgerufenen Versorgungsengpässe für die englische Bevölkerung auch gewesen sein mögen, an Schrecken und Grausamkeit, wie sie auf den (Ab)Schlachtfeldern des Kontinents herrschten, gemessen, war dies geringfügig.

Pat Barker übernimmt diese Situation für ihren Roman. So wie der Engländer auf der Insel den Krieg nicht bzw. kaum direkt erlebt, so werden auch wir als Leser nicht auf die Schlachtfelder geführt, sondern wir werden mit den Folgen dieser Gemetzel konfrontiert und erleben das Grauen nur indirekt in den Schilderungen und Alpträumen der Soldaten mit.

Als rote Fäden zieht sich durch die Handlung von Niemandsland – der (deutsche) Titel des Romans [3] bezieht sich auf die apokalyptische Landschaft zwischen den Fronten, die völlig zerstört tot erscheint, obwohl tausende Soldaten auf beiden Seiten verschanzt sind und sich versteckt halten – das Schicksal dreier Personen. Dies sind der Schriftsteller und Dichter Siegfried Sassoon (1886 – 1967), [4]), ferner die fiktive Figur des Billy Prior, eines Offiziers, der durch seine Erlebnisse an der Front traumatisiert worden ist und dann als zentrale Persönlichkeit aller drei Bände der Psychiater William Halse Rivers Rivers ([1864 – 1922, [4]), der außerdem noch Anthropologe, Ethnologe und Neurologe war. Der Ort an dem ein Großteil der Handlung spielt ist, Craiglockhart, ein psychiatrischen Krankenhaus für Offiziere in der Nähe von Edingburgh.

Was soll ich mit diesem Lutschbonbon machen?

Die aus völlig unterschiedlicen Gründen in das Krankenhaus eingewiesenen Sassoon und Prior sind völlig unterschiedliche Charaktere. Während Prior aus einfachen Verhältnissen stammend durch seine Kriegserlebnisse in Frankreich die Sprache verloren hat und von Alpträumen gequält wird, hat sich der Dichter Sassoon in einem öffentlichen Aufruf gegen die Weiterführung des Krieges ausgesprochen, in dem politischer Irrtümer und Heucheleien willen sinnlos Frontkämpfer geopfert werden. Die von ihm erhoffte Verhandlung vor dem Kriegsgericht und die damit verbundene Diskussion seines Aufrufs blieb aus, ein Freund von ihm, der Dichter Robert Graves, konnte es arrangieren, daß ihm ein Nervenschock (Shell Shock bzw. Kriegsneurose) attestiert und er zur Behandlung nach Craiglockhart kam.

Beide werden Patienten von Rivers. Rivers ist ein besonderer Arzt, der zur Behandlung seiner Patienten ‚moderne‘ Methoden einsetzt, wie modern, erfahren wir als Leser gegen Ende des Buches in einer schlimmen Passage, in der Parker uns die konventionelle Behandlung damaliger Traumapatienten durch Elektroschocks schildert, die sich allenfalls im Ziel und in der euphemistischen Bezeichnung von einer sadistischen Folterorgie unterscheidet. Rivers dagegen setzt auf Gespräche, auf das Zulassen von Gefühlen auch wie Angst, er versucht, mit seinen Patienten über deren Alpträume zu reden, um die verschütteten und verdrängten Erlebnisse wieder hervorzuholen. Der Begriff der ‚Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)‘ existierte zur damaligen Zeit noch nicht, die ‚Störung‘ als solche natürlich schon, ihr wurden Begriffe wie beispielsweise ‚Kriegsneurose‘ zugeordnet. Stummheit oder Stottern waren häufige Symptome, aber auch Lahmheiten und weitere körperliche Beeinträchtigungen traten auf. Viele der Patienten litten an Alpträumen, Schlaflosigkeit und/oder Halluzinationen. Barker schildert uns diverse Ausformungen des Krankheitsbildes in den Figuren verschiedener Patienten, die sie in ihre Handlung einführt, diese Beschreibungen sind in ihrer Klarheit, die keineswegs nach Sensation haschen, erschreckend.

Der potentielle Aufwiegler Sassoon wurde also für krank erklärt, eine Vorgehensweise, die auch in heutiger Zeit nicht unbekannt ist, wenngleich mit anderer Motivation. Seine Ablehnung der Fortführung des Krieges war weder religiös bedingt noch ein Zeichen persönlicher Feigheit, im Gegenteil war Sassoon ein anerkannt guter Zugführer und Vorgesetzter, der wegen bemerkenswerter Tapferkeit ausgezeichnet worden war. Seiner Einweisung nach Craiglockhart zuzustimmen, fiel ihm sehr schwer, schließlich verbrachte er dadurch seine Tage in Sicherheit und relativer Bequemlichkeit, während seine Leute in Frankreich im Schlamm und unter dem Granatenhagel der Deutschen verreckten. In der Klinik bleibt Sassoon weitgehend für sich, einzig mit dem Dichter Wilfred Owen (1892 – 1918), ebenfalls Patient in der Klinik, freundet er sich locker an, die beiden werden in späteren Jahren als ‚War poets‘ bezeichnet [6].

Rivers ist die unermüdliche, ruhende, überforderte Seele des Krankenhauses. Langsam gelingt es ihm, eine Vertrauensbasis zu Sassoon herzustellen, auf deren Grundlage sie kommunizieren können. Dieser Kontakt mit Sassoon führt Rivers selbst an Grenzen und an einen tiefen Zwiespalt in ihm, denn dem Inhalt des Sassoonschen Aufrufs stimmt er im Grunde zu, aber seine Aufgabe im Krankenhaus ist es, die Offiziere wieder fronttauglich zu machen, damit sie in die sinnlos gewordene Schlacht zurück geschickt werden können.

Die Auseinandersetzung  Rivers mit der zweiten Hauptfigur auf Seiten der Patienten, Prior, ist anders geartet. Prior gibt sich aggressiv, feindselig, wirkt arrogant und ablehnend. Seine Stummheit überwindet er recht schnell, hartnäckig aber verweigert er dem Arzt Auskünfte über sein ‚Innenleben‘. Schließlich wendet Rivers, wie von Prior gewünscht, Hypnose an und deckt so das letztlich zum Trauma führende Erlebnis von Prior auf. Aber das ist nicht das einzige, denn Prior ist intelligent und teilweise verletzend offen: schnell hat er gemerkt, daß auch Rivers traumatische Erlebnisse in seiner Psyche zu verstecken scheint. Damit konfrontiert muss Rivers akzeptieren, daß Prior möglicherweise mit seiner Beobachtung recht hat…

Frauen spielen in dem Buch eine sehr untergeordnete Rolle. Sie kommen vor, sicherlich, als Krankenschwestern, als gelbgefärbte Arbeiterinnen in den Munitionsfabriken, die dort teilweise mit Gasmasken vor dem Gesicht arbeiten mussten. Zu ihnen gehört auch Sarah, die Prior in einem Cafe kennenlernt. Zwischen beiden entwickelt sich eine zarte Liebesbeziehung. Ansonsten durchzieht das gesamte Buch in seinen Männerfiguren eine mehr oder weniger latente Neigung zur gleichgeschlechtlichen Liebe. Wie erklärt es Lizzie, einer der Freundinnen von Sarah, so anschaulich, in Bezug auf ihren eigenen Freund?: … er hatte keine Schwestern, also hat er nie mit Mädchen zu tun gehabt. Auf der Schule keine Mädchen. Auf der Universität keine Mädchen. Und als er schließlich mich kennengelernt hat, da war´s natürlich zu spät. Die Sache war gelaufen. … Ist mir schleierhaft, wie die sich fortpflanzen. Auch Prior erscheint trotz seiner Annäherung zu Sarah weiterhin auch homoerotisch interessiert.

Immer wieder, teil unvermittelt, werden wir als Leser mit den Inhalten von Träumen, von Erinnerungen der Soldaten konfrontiert. Sie sind meist sehr erschreckend, das von mir vorstehend etwas zusammenhanglose Zitat ‚Lutschbonbon‘ gehört dazu, in die Details will ich hier gar nicht gehen. Die Schilderung des ‚Niemandslandes‘, das immer wieder in den Erinnerungen der Soldaten auftaucht, jedenfalls ist von äußerster Dystopie, es ist eine Landschaft nicht mehr von dieser Welt, in die hinein sie durch unsinnige Befehle gezwungen werden. Sie versinken dort symbolisch und förmlich im Schlamm, der sich durch die immer immerwährenden Regen aufgeweichte Erde, durch die in ihm versunkene, ausgelösten Leichname, durch Dreck, Unrat und Ausscheidungen gebildet hat. Allein der Geruch, der Gestank, der ihm entweicht…

Die englische Klassengesellschaft spiegelt sich auch auf dem Schlachtfeld, die höheren Offiziere bekommen von diesen Verhältnissen wenig mit, sie sitzen bei Rotwein und Pastete und schwadronieren, während die kaum ausgebildeten Soldaten, die in dieses Inferno geschickt werden, verrecken. Sie spiegelt sich auch in der Kleinwüchsigkeit (Barker redet an einer Stelle von kaum einem Meter fünfzig Körpergröße) vieler Rekruten, die aus dem armen Schichten Englands stammen und den – wenngleich auch einen andersgearteten – Überlebenskampf auch in der Heimat auszufechten haben. Zwischen diesen Soldaten und ihren unmittelbaren vorgesetzten Offizieren, den Zugführern und Kompaniechefs, zu denen Sassoon gehört, aber auch Prior, bildet sich unter diesen Bedingungen ein besonderes Verhältnis, ein besonders stark ausgeprägtes Verantwortungsgefühl der Offiziere zu ihren Soldaten.

Für die meisten der Offiziere ist der Aufenthalt in Craiglockhart eine Belastung. Sie empfinden ihren nervlichen Zusammenbruch als persönliche Schwäche, fürchten, daß man sie als Feiglinge ansieht. ‚Was hast du im Krieg gemacht, Siegfried?‘ Nun ja, ich habe drei sehr angenehme Jahre in einer Klapsmühle verbracht ich Mehlpudding gegessen und Golf gespielt habe. Während andere – darunter sehr enge Freunde draufgegangen sind. … äußert sich Sassoon im Gespräch mit dem einzigen anderen Patienten, mit der er sich in der Klinik anfreundet, dem Dichter Wilfred Owen. Kaum nachvollziehbar heutzutage der häufig geäußerte Wille der Offiziere, nach Frankreich zurückzukehren, selbst im Wissen um das, was einen dort erwartet. Dies liest man ja auch in anderen (Anti)Kriegsromanen, Frontsoldaten, die auf Heimaturlaub sind, fühlen sich allein, unverstanden und entwurzelt, ihre ‚Heimat‘, der Ort, an dem sie sich ‚richtig‘ fühlen, ist der Schützengraben, die Gemeinschaft derjenigen, die allesamt dem sinnlosen Tod entgegensehen.

Am Ende des Romans werden sie als geheilt, d.h. verwendungsfähig, zurück geschickt in den Krieg. Sassoon sollte den Krieg überleben, Owen stirbt eine sinnlosen Tod kurz vor dem Waffenstillstand. Prior wird  seines Asthmas wegen nicht mehr an die Front abkommandiert wird, sondern an das Rüstungsministerium in London. Selbst Rivers verläßt, völlig erschöpft, die Nervenheilanstalt und nimmt ein Angebot seines früheren Kollegen an, wieder mit ihm zusammen zu arbeiten.


Barker hat auf der Grundlage verschiedener Dokumente einen sehr beeindruckenden Roman über die Grauen des Ersten Weltkrieges geschrieben, der Fakten und Fiktion mischt. In ihm treten historische Persönlichkeiten (Siegfried Sassoon, Wilfried Edward Salter Owen, Dr. W. H. R. Rivers u.a.) auf, aber auch fiktive wie Billy Prior, deren Schicksale sie auf der Grundlage von Akten und Fallbeschreibungen hochdifferenziert ausformt. Man muss sich dabei vor Augen halten, daß der 1. Weltkrieg mehr Opfer forderte, weit mehr Opfer, als der 2. Weltkrieg. So starben zwischen 1914 und 1918 insgesamt 710.000 britische Soldaten, während im 2. Weltkrieg dagegen ’nur‘ ca. 271.000 Soldaten fielen (bei 31.000 bzw. 62.000 zivilen Opfern) [5], die Schrecken der dystopischen Abschlachtfelder Frankreichs, über die noch nicht einmal mehr Krähen fliegen wollten, die der Regen in unüberwindbare Schlammgefilde verwandelte, über die Gas waberte und die Schreie der Verstümmelten, die niemand bergen konnte, grub sich tief ein in die Psyche der Völker. Es ist dies, was Sassoon in seinem Aufruf anklagt: nicht den Krieg an sich, sondern ihn unter diesen Bedingungen sinnlos fortzuführen, die Menschen zu Material zu degradieren und das Schlachten nicht zu beenden, obwohl die ursprünglichen Kriegsziele mittlerweile (der Aufruf wurde 1917 geschrieben) durch Verhandlungen erreichbar seien.

Gleichzeitig vermittelt Barker neben der indirekten Darstellung der Kriegsgräuel auch ein Bild des damaligen Englands, dem sie sich dann im zweiten Band der Trilogie ausführlich widmet. Das damalige England zeichnet sie als ausdrückliche Klassengesellschaft mit der Arbeiterklasse, in dem Menschen vor lauter Not und Armut kleinwüchsig bleiben. Billly Prior entstammt dieser Schicht, er kommt aus dem Norden, einer Landschaft, die in ihrer Armseligkeit in mancher Beziehung so lebensfeindlich wirkt wie die Felder Frankreichs. Dagegen stehen die höheren Gesellschaftsschichten, denen materielle Sorgen fremd sind, die ihr Leben der Jagd und der Politik widmen können. Es ist aber auch eine Gesellschaft, in der es gärt, in der z.B. Frauen Rechte einfordern, in der in der Kunstszene ein Mann wie Oscar Wilde (der häufiger im Roman erwähnt wird) Homosexualität zum Thema macht – und die Gegenreaktion provoziert.

Solche homoerotischen Stimmungen durchziehen die Handlung des gesamten Buches. Insbesondere Prior (als Kind von einem Priester vergewaltigt) ist – obschon mit Sarah liiert – weiterhin empfänglich für gleichgeschlechtliche Reize, aber auch die Beziehung zwischen Sassoon und Owen und selbst in den Gesprächen mit Rivers schwingt immer solch verborgene Sexualität mit.

Rivers ist die zentrale Gestalt des Romans, ja, der gesamten Trilogie. Er, der völlig Erschöpfte, der Ausgelaugte und Überforderte, ist der ruhende Pol, obschon er selbst eigene innere Kämpfe auszufechten hat, denn das Schicksal seiner Patienten läßt ihn keineswegs unberührt. In ihm wird der Kampf zwischen Barbarei und Zivilisation ausgefochten, er ist Abraham, der Isaac opfern, sprich: die ihm Anvertrauten an die Front zurück schicken muss und der darauf wartet, das befreiende Wort ‚Gottes‘ zu hören, das den Beginn der Zivilisation, die Grenze zur Barbarei markiert.

Summa summarum: Pat Barker ist mit ihrer Trilogie (die nächsten Bände werde ich bald hier auch vorstellen) ein zeitloses Meisterwerk über die Grausamkeit eines Krieges gelungen, das weit über den 1. Weltkrieg hinausreicht. Zudem ist es ein kluges und tiefgründiges zeitgeschichtliches Werk über das England dieser Epoche.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zu Pat Barker:  https://de.wikipedia.org/wiki/Pat_Barker
[2] Hier im Blog vorgestellte Bücher, die sich mit dem 1. Weltkrieg auseinandersetzen: https://radiergummi.wordpress.com/tag/1-weltkrieg/
[3] der Originaltitel des Buches lautet Regeneration, was u.a. sowohl mit ‚Wiederherstellung‘ als auch u.a. mit ‚Aufarbeitung‘ übersetzt werden kann und dem Inhalt des Buches besser entspricht als das deutsche ‚Niemandsland‘.
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Siegfried_Sassoon
https://de.wikipedia.org/wiki/William_Halse_Rivers_Rivers
https://de.wikipedia.org/wiki/Craiglockhart_Hydropathic
[5] nach http://www.science-at-home.de/wiki/index.php/Die_Opfer_des_1._Weltkriegs und https://de.wikipedia.org/wiki/Tote_des_Zweiten_Weltkrieges. Selbst wenn die Erhebungsgrundlagen für die Daten der beiden Quellen unterschiedlich sein mögen, sind die Unterschiede doch deutlich erkennbar. Sogar was die Gesamtzahl aller Gefallenen angeht, war der 1. Weltkrieg grausamer.
[6] vgl. z.B. hier:    https://theredanimalproject.wordpress.com/2011/03/09/poets-of-the-great-war-siegfried-sassoon-and-wilfred-owen/

Pat Barker
Niemandsland
Übersetzt aus den Englischen von Matthias Fienbork
Originalausgabe: Regeneration, London, 1991
diese Ausgabe: dtv, ca. 325 S., 1999
(anscheinend nur noch antiquarisch erhältlich)

 

Berlin in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, dem Deutschland der Weimarer Republik, das ist in der ersten Assoziation verknüpft mit urbanem Leben, mit einer pulsierenden Metropole, die sich gleichrangig sieht mit anderen Weltstädten wie Paris, London oder New York. Große Varietees, Theater, Kinos, Kleinkunstbühnen ohne Zahl verliehen ihr Glanz, speziell wir Literaturfreunde denken beispielsweise an das Romanische Café als Treffpunkt einer städtischen Bohemé aus Künstlern und Kreativen. Aber dieser Glanz überstrahlt anderes: Berlin war auch eine Industriestadt (AEG, Siemens u.a.) mit bedrückenden sozialen Verhältnissen. Das Wort von der Stadt, die niemals schläft, galt in anderer Bedeutung auch hier: knapper Wohnraum wurde schichtweise als Schlafstätte vermietet, das Bett wurde nie kalt…. die Arbeiter, die in Berlin lernten, nach der Stechuhr zu leben, sollten zu denen werden, die später dann im Stechschritt durch die Stadt marschierten.

Groß-Berlin war 1920 durch einen Verwaltungsakt entstanden, diese erweiterte Stadt von der Größe des Ruhrgebiets beherbergte um die vier Millionen Einwohner, in ihr fand sich urbanes Leben genauso wieder wie idyllisches, zu ihrem Stadtgebiet gehörten Wälder, Seen und Wiesen. Das urbane Leben konzentierte sich jeweils in bestimmten Bezirken, in der südlichen Friedrichsstraße das Filmquartier, nicht weit entfernt, Koch- und Zimmerstraße, das Zeitungsviertel, das quartier latin mit den Klinken und Instituten nördlich vom Friedriechsbahnhof von der Luisenstraße bis zur Invalidenstraße, um die Gedächtniskirche und die Tauentzienstraße das Amüsier- und Luxusviertel, dann die dunkle zweifelhafte Gegend zwischen Münzstraße und Rosenthaler Platz [3].

Diese ‚dunkle, zweifelhafte Gegend‘ begann direkt hinter dem Alexanderplatz. Es ist das Viertel, in das Franz Biberkopf direkt, nachdem er aus dem Gefängnis entlassen worden war, eintauchte, eintauchen musste. In einem finsteren Hofe stehend überkam es ihn und er fing an zu singen, laut zu singen, etwas, was er im Gefängnis nie hätte tun dürfen. Im Hof beachtet ihn niemand, aber am Tor nahm ihn der Jude in Empfang. Er folgte ihm auf der Straße, nahm ihn beim Arm, zog ihn unter unendlichem Gespräch weiter, bis sie in die Gormannstraße einbogen, der Jude und der starkbauchige Kerl im Sommermantel, der den Mund zusammenpreßte, als ob er Galle spucken müßte. [4]

Gormannstraße, Münzstraße, Rosenthaler Platz, Mulackstraße, Grenadierstraße: unter anderen diese Straßen bildeten das Scheunenviertel [5] in Berlin, in dem sich ein Bodensatz des Kleinkriminellen und der Prostituierten tummelte. Enge, verwinkelte Straßen, alte, teils baufällige Häuser, kleine Geschäfte und Handwerker, Unübersichtlichkeit und Gedränge: das Scheunenviertel war also nicht originär ein jüdisches Viertel. Die Berliner Juden lebten mehrheitlich im Westen der Stadt, hatten sich im Gegenteil ‚assimiliert‘ und sollten sich, als nach dem ersten Weltkrieg ihr Glaubensbrüder aus dem Osten Europas nach Berlin kamen, derer schämen. In einem umfangreichen und nicht immer leicht zu verstehenden Essay widmet sich der Soziologe Eike Geisel der Geschichte und dem Charakter des Scheunenviertels im Allgemeinen und seiner Bedeutung für das deutsche bzw. osteuropäische Judentum im Besonderen.

Mir hatte sich bis dato dieses Scheunenviertel literarisch erst einmal bemerkbar gemacht, in Israels J. Singers Die Familie Karnovski ist es ein Schauplatz der Handlung. Mit dem Worten In den altersgrauen, zerfallenen Gebäuden der Dragonerstraße im Scheunenviertel, dem Viertel der Altkleiderhändler, das die Nichtjuden spottend die Jüdische Schweiz nannten, lagen eng nebeneinander Läden, Märkte, Metzgereien Gasthäuser und Bethäuser…. leitet er eine Beschreibung des Viertels und seiner Bewohner ein [6]. Für diese (und weitere zum Viertel gehörende Straßen) hält die Statistik für das Jahr 1929 (dem Jahr, in dem der Roman spielt) tatsächlich auch fest, daß die Wohndichte fünfmal höher ist als in der ganzen Stadt, die hygienischen Verhältnisse sind katastrophal….

In Martin Beradts Straße der kleinen Ewigkeit (ein weichgespülter Titel des Buches, das ursprünglich Die Beiden Seiten der Straße heißen sollte), sind es nicht die vorstehend genannten Straßen, sondern die Grenadierstraße, die im Mittelpunkt steht. Martin Beradt (1881 – 1949) war selbst Jude, 1913 zog die Familie, als es ihr besser ging, in den Westen. Beradt wurde später auf zwei Tätigkeitfeldern erfolgreich: er reüssierte sowohl als Schriftsteller und kam andererseits als Notar und Rechtsanwalt zu Wohlstand. Beides wurde nach 1933 sukzessive durch Berufs- und Publikationsverbote (1933 verlor er seine Zulassung als Notar, 1938 die als Rechtsanwalt zunichte gemacht. Der vorliegende Roman war 1933 (angeblich) fertig gestellt, der Rowohlt-Verlag, bei dem Beradt publizierte, war jedoch zu dieser Zeit der Auffassung, einige Stellen des Romans könnten tendenziös aufgefasst werden und lehnte eine Veröffentlichung ab. Daß Beradt am 10. Mai 1933 von den Machthabern und ihren studentischen Schergen nicht übersehen wurde, versteht sich danach von selbst. In seinem Nachruf geht Eike Geisel auf die Publikationsgeschichte des Buches ein.

Es erscheint schon fast ironisch, daß auch nach dem Krieg erhebliche Schwierigkeiten auftauchten, den Roman zu veröffentlichen, jetzt weil potentiell Antisemitisches darin gesehen wurde: Eine hiesige [i.e. New York, wohin Beradt 1939 geflohen war] jüdische Buchorganisation wollte ihn nicht veröffentlichen, wie ich unter der Hand erfuhr, weil er antisemitisch, sei, das heißt offenbar, daß er nicht aus Marzipan besteht: ich hatte gute und schlechte Juden geschildert und wende die Mittel des modernen Romans an Stelle der Sentimentalität an. … War dies noch Anfang der 40er Jahre, so lehnte Beradts alter Verleger Rowohlt noch 1957 eine Veröffentlichung aus nämlichen Gründen ab, auch andere Verlage zuckten zurück, erst 1962 fand ein kleiner Verlag in der Herausgabe des Romans ‚eine Freude und schöne Aufgabe‘ [Verlag Heinrich Scheffler, Frankfurt]. Eine weitere Buchausgabe erschien 1993 unter dem ursprünglich vom Autor gewählten Titel, 2000 schließlich gab Enzensberger den Roman zusammen mit den beiden umfangreichen Begleittexten von Geisel in Die Andere Bibliothek heraus, diese Ausgabe ist es, die bei mir im Regal wohnt.

beradt


…. mit den Juden dieser Gasse, die neben ihrem bescheidenen irdischen Dasein noch ein zweites, hohes, übersinnliches Leben führten.

Im Mittelpunkt des Romans steht – so deutet es der ursprüngliche Titel schon an – eine Straße und deren Bewohner. Sehr locker wird der Text durch eine Person zusammengehalten, dem jungen Ephrain, genannt Frajim, der schon früh eine unbeherrschte Unterlippe aufwies, der dazu gehörige Mund verriet die gröberen Instinkte, die Nase aber war edel, die Stirn klug – so überlegte sich die Mutter. Dieser Frajim sollte nach dem Willen der Eltern Karriere machen, erfolgreich sein, das ging nur als Kaufmann, aber nicht natürlich im litauischen Elend des Dorfes, in dem sie lebten, sondern vielleicht in Krakau oder Lodz? Man entschied sich letztlich dann für Berlin, denn Deutschland stand in ihren Augen sehr hoch, vor allem stand Polen in ihren Augen sehr viel tiefer. Und wo ging man als Ostjude in Berlin hin, wo zog es einen hin? Dorthin zog es einen, wo schon andere waren, mithin kam auch Frajim ins Scheunenviertel hinter dem Alexanderplatz. Nur zeigte sich dort, daß Deutschland vielleicht sehr hoch stand, doch sicher nicht in diesem Viertel, in dem er, der junge Frajim keinen Erfolg hatte, keine Arbeit fand, obwohl sich seine Zimmerwirtin selbstlos um ihn kümmerte, ihn vermittelte, anpries und in Lohn und Arbeit brachte. Meist jedoch nur für kurze Zeit, was Frajims Ungeschicklichkeit geschuldet war oder der Tatsache, daß wirtschaftliche Probleme zur Entlassung von Beschäftigten zwangen.

Im Umfeld von Frajim führt Beradt eine Vielzahl weiterer Figuren ein. Der achtbare Bettler Fischmann zum Beispiel, dessen Berufung es war, Menschen Gelegenheit zu geben, großzügig und mildtätig zu sein und der wahrnehmen muss, sie sein Berufsethos hier in der Fremde verloren geht. Die Schwägerinnen Riwka und Julchen, die stundenlang auf einem harten Stuhl vor ihrem Verkaufstand mit Wäsche, Unterwäsche (darunter auch orangefarbene (!) Schlüpfer) und Trikotagen stehen und meist vergeblich darauf warten, daß jemand nicht nur schaut, sondern auch kauft. Joel, der Wirt, mit seinem weitbekannten Gasthaus, in dem er auch Zimmer vermietet, an drei, vier der armseligen Gestalten einen Raum….

Sie lebten elend dort in ihrem Viertel, in dem sie nicht unter sich waren, sondern das sie sich teilten mit anderen verschlissenen und unscheinbaren Existenzen. Christliche Minderheiten waren dies, aber auch alteingesessene Juden, darunter ganz arme, halb arme, wohlhabende, aber auch zugewanderte und wohlhabend gewordene und diese noch nicht einmal vereinzelt. Ganz abgesehen vom höchsts bedenklichen Gesindel der gewerbs- und gewohnheitsmäßigen Verbrecher samt ihrem weiblichen Anhang. Es gab Bordelle und es wurde Alkohol getrunken und die Glaubensfestigkeit der Juden auf schärfste geprüft wurde. Sie waren ein Fähnlein Aufrechter, im Quartier mit der Unzucht und dem Verbrechen, eine letzte Kompanie vor Gott. Und warum kommen sie jetzt aus Europas Osten nach Berlin? Nun, ihnen erschien die Wahrscheinlichkeit, in Berlin zu verhungern immer noch attraktiver als die Sicherheit, es in Polen zu müssen….

Zwar war Berlin für manche der Ostjuden der halbe Weg zum eigentlichen Ziel, das New York hieß, aber für die meisten war im Scheunenviertel Endstation. Die Welt außerhalb dieser wenigen Straßenzüge war schon Exil, sie vermieden es, in diese Welt zu gehen, aber diese Welt kam zu ihnen: in Gestalt der Polizei und der Baubehörden. In Joels Wirtshaus wurde Schwamm festgestellt bei einer Inspektion, die Existenz dieses Fleckens an der Wand wird zum Gerücht, es wuchs und verbreitete sich als Angst und Schrecken. Noch einmal gab es später ein ähnliches Gerücht, der Putz der von der Decke rieselte in das Zimmer, in dem Fischmann die Nacht selig entschlafen war, wurde zum Loch in der Decke, dessen Steine ihn erschlugen, das Loch wurde zur Wand, die umgefallen war, die umgefallene Wand wurde zum Haus, das praktisch schon einstürzte! Ausgerechnet zu der Zeit, in dem zusätzliche Zugvögel, die ein Ticket nach New York in der Tasche hatten und hier nur einen Zwischenhalt einlegten, zu all den sowieso schon eng Einquartierten gepackt worden waren. Welch eine Panik, welch eine Unruhe entstand dort. Wie brüllende Rinder, über derem Haupt der Stall in Feuer steht, so schrien alle. Ausgelöst durch einen anonymen Brief, der bei der Polizei eingegangen war, von einem Menschen mit seltsamen Namen… natürlich wusste man gleich, wer diese gewesen sein konnte, nein: musste! Jeder wusste es außer dem Betreffenden, der den geballten Zorn zu spüren bekam.

Es gäbe eine Anordnung der Polizei, das Haus zu verlassen, auch das Bethaus sei zu räumen. Ist sie das jetzt, die Austreibung? Dieses schreckliche Wort fiel, wenn auch nur im Ton der Frage bei denen, die aufgeregt durch Hintertüren in die Schankstuben strömten, um über das Geschehen zu reden. Es ist dies die immanente, ständig über ihnen schwebende Angst vor Vertreibung, die ganz real in diesen Jahren 1928/29 am Horizont erschienen ist.

Es war keine homogene Gemeinschaft. Zwar einte die Not die meisten darin, daß sie genug damit zu tun hatten, zu überleben, aber sie waren, obschon das Scheunenviertel ihre Welt war, nicht abgeschlossen. Im Osten, in Krakau beispielsweise, lebten sie abgeschlossen in ihren Vierteln, lebten die Juden streng unter sich, mit den Andersgläubigen im Verkehr nur durch den Handel. … Es war kühn, von dort auszubrechen, waren auch viele im Laufe des Jahrhunderts von Ost nach West gezogen. Die Mehrheit saß noch da, fromm und strng wie einst, …. hier aber? Inmitten der Unzucht, im Angesicht der Frauen, die von den Männern nur stundenweise besucht wurden, im engen Kontakt – schließlich war überall ähnliche Not – mit christlichen Handwerker, mit Ganoven auch…? Der junge Seraphim, mit dem sich Frajim ein wenig angefreundet hatte, beispielsweise trat für Änderungen ein, die Religion sollte eine freiere und reiner Form erhalten. .. Er galt als Ketzer, er hetze die Jugend auf. Wirklich sagte er: seht euch Herrn Lämmchen an …. bei den Worten Heilig, Heilig, heilig! möchte er höher hüpfen als sie alle, er faßt, wie man sagt, Gott an die Füße, aber zu Hause schlägt er die Frau, und im Geshäft macht er zweifelhafte Sachen! Oh ja, Seraphim hatte ein dezidiertes Urteil, viel forderte er, aber auch er, selbst er, konnte ohne die Gasse nicht leben.

Einige der Personen, die Beradt in seinem wie in einer Art Mosaik als Einzelbildern zusammengesetzten Panorame der Grenadiergasse in das Geschehen einführt, seien noch wenigstens erwähnt.  Beispielsweise Tauber mit seinem Bauchladen, Frau Warszawski, die Vermieterin, Geppert, der Polizeispitzel, Wahrhaftig, der mit Tüchern handelt und jetzt unbändige Angst hat, weil welche dabei sind, die aus der Beute eines erschossenen Diebes sind, der wohlhabende, aber fast blinde Weichselbaum, der nach Berlin der Ärzte wegen kam, der ebenfalls nicht arme Lumpenhändler Lewkowitz, bei dem Frajim zeitweilig, aber nicht lange, arbeitete, der Rabbi Jurkim mit seiner schwermütigen Frau. Dieser betete, wie andere atmeten, es fehlt ihm die Wärme, sein Blick war Eis, entsetzlich, Bett an Bett mit ihm zu schlafen, wahrscheinlich schlief man im Keller wärmer. Dann war da noch Boas, der Arzt, der sich für seine Patienten aufrieb und selbst früh starb. Früh starb? Ein Arzt, der sich selbst nicht helfen konnte und sich früh sterben ließ? O Weh! Ein kollektiver Aufschrei ertönte und die Sicherheit stellte sich in der Menge ein, daß dieser Betrüger dann ja wohl auch seinen Patienten nicht helfen konnte, und war nicht der oder die, trotzdem sie zu ihm gegangen, gestorben? Wieviel vertrauenswürdiger erschien da doch der Heilkundige Jankuhn, der allerdings eher den Aberglauben der Menschen bediente als sie zu heilen….

Am Ende all dieser Geschichten, hiermit schließt sich dann der lockere Rahmen, der durch die Existenz von Frajim gebildet wird, reist dieser mit Weichselbaum, der von den Ärzten Berlins enttäuscht ist, wieder zurück in die Heimat, aus der er ausgeschickt worden war. Er hatte trotz aller Enttäuschungen doch manches gelernt – vielleicht gab es dann doch noch einmal einen Aufstieg für ihn – in Polen.


Es sind Zwiegespräche, innere Monologe, Diskussionen, auch Beschreibungen, die Beradt in Art einer Collage zu einem Gesamtbild der Grenadierstraße, nolens volens also des Scheunenviertels zusammengefügt hat. Des Scheunenviertels, in dem sich die Ostjuden sammelten (es ist an mehreren Stellen von dreitausend die Rede), in der Hoffnung auf einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg, der ihren Glaubensbrüdern rund zweihundertfünfzig Jahre vorher gelungen war. Doch – so schreibt Geisel bitter weiter – statt auf Aufklärung und Lessing treffen sie auf Antisemitismus und Ludendorff, die Austreibung als Schreckgespenst immer im drohend im Hintergrund. Ein paar Jahre später, 1939, besuchte Beradt die Grenadiergasse noch einmal, diesen Besuch fügte er seinem Text als Epilog bei: … Ich habe sie [i.e. die Grenadiergasse] im Juli 1939, wenige Wochen vor dem Ausbruch des Krieges, gesehen, sie war nicht wiederzuerkennen. Es war ein Nachmittag, keine besonders lebhafte Zeit, aber auch keine stille für die Gasse. Wieviel Hunderte standen sonst um diese Zeit in ihr herum! Nun waren sie tot! …Die befürchtete Austreibung war wahr geworden, nicht nur hatte man sie aus Berlin, aus ihrem Viertel getrieben, man trieb sie aus aus Frankreich, aus den Niederlanden, aus allen Ländern, in die Deutschland mit seiner Militärmaschine kam, ja, man hatte begonnen, ihnen allen, einem ganzen Volk, sogar das Leben aus dem Leib zu treiben…

Beradt war herumgereist und hat für seinen Roman gesammelt: Witze, Anekdoten, Gespräche, Diskussionen, Episoden und anderes mehr. So ist dieser Roman von jüdischem Leben durchzogen, liest sich an vielen Stellen auch humorig, geprägt auch von diesem ‚typisch‘ jüdischen Humor, der die Hürden des Alltags offenlegt und gleichzeitig zu ertragen und hin und wieder zu überwinden vermag. Beradts Juden sind nicht aus Marzipan, wie er später schreiben sollte. Es sind Menschen, und es gibt gute Menschen und nicht so gute. Es gibt welche, die ihren Vorteil über alles stellen, es gibt welche, die helfen, wo sie helfen können. Menschen eben. Martin Beradt, der selbst 1939, kurze Zeit nach seinem oben geschilderten Besuch in der Grenadiergasse nach New York emigierte, hat dem Berliner Scheunenviertel und den dort wohnenden Juden mit Der Straße der kleinen Ewigkeit ein Denkmal gesetzt, hat ihnen, den von der Erde Vertilgten zumindest ein literarisches Überleben gesichert.

Links und Anmerkungen:

[1] Zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Beradt
[2] —
[3] Willi Jasper: Berlin Alexanderplatz, in: Manfred Görtemaker: Weimar in Berlin, be.bra verlag, Berlin, 2002
[4] Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz, zitiert nach: dtv, 24. Aufl., 1980
[5] als Beispiel eine Touristentour durch´s Scheunenviertel:  http://travel.nationalgeographic.com/travel/city-guides/berlin-walking-tour-3/
[6] Israel Joshua Singer: Die Familie Karnovski, Besprechung hier im Blog

 

Martin Beradt
Die Straße der kleinen Ewigkeit
Ein Roman aus dem Berliner Scheunenviertel
Mit einem Essay und einem Nachruf von Eike Geisel.
diese Ausgabe: Eichborn (Die Andere Bibliothek, Bd. 190), HC, ca. 370 S., 2001.

Vier Stunden Flugzeit wollen überbrückt werden, bei mir normalerweise (das klingt jetzt fast so, als sei ich Vielflieger…. ) mit Dösen oder mit leichterem Lesestoff. So habe ich mir nach langer Zeit mal wieder einen Krimi gegönnt, einen isländischen zumal, der möglicherweise etwas interessanten Lesestoff zu beherbergen versprach. Denn Krimis, wer meinen Blog verfolgt, ahnt dies, gehören nicht zu meinem Beuteschema.

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Bevor der Morgen graut, ein nicht mehr ganz neuer Roman aus dem Jahr 2005 also sollte es sein vom 1955 geborenen isländischen Autoren Viktor Arnar Ingólfsson, der hauptamtlich bei der isländischen Straßenbauverwaltung tätig ist [1]. Diese Zeit vor dem Morgengrauen ist in Island nicht gerade gemütlich, die Dunkelheit und die Kälte, aber dann andererseits wieder das schöne Gefühl, wenn die aufgehende Sonne die Schultern ein wenig wärmt. Die Schultern des Jägers nämlich, der seit längerem ansitzt auf der Jagd nach Gänsen, die auf ihrem Morgenstrich bei der Herde von Locktieren, die er vorher aufgestellt hat, landen sollen…

Doch unvermutet wird aus dem Jäger ein Gejagter, sieht sich der Mann als Ziel für Schrotladungen, die immer dichter bei ihm einschlagen, deren Körner seine Kleidung schließlich nur notdürftig abhalten kann, weil der Schütze immer näher an ihn heran kommt. Eigene Versuche, den Mann durch Schüsse zu vertreiben, sind erfolglos, auf die Signalpatronen hin rührt sich in der einsamen Gegend nichts und auf der Flucht erwischt den Mann eine Ladung ins Bein. Hilflos erlebt er mit, wie sein Mörder naht, sich neben ihn stellt und ihm mit einem weiteren Schuss den Kopf zermetzgert.

Ein grausamer Mord also, den Hendriksen und Mariusson, die zwei Inspektoren aus Reykjavik, aufzuklären haben….

Erst einmal die Routinearbeit: Spurensicherung, wer ist verdächtig, könnte ein Motiv haben (es gab Streit um das Grundstück, auf dem noch ein alter Bauer lebt, der es aber verlassen muss…), Befragungen, Zeugenaufnahmen etc pp… doch am nächsten Tag wird ein weiterer Gänsejäger erschossen. Porca miseria und Schluss mit lustig, denn das könnte sich ja fast zur Mordserie ausweiten!

Viel mehr will ich zum Inhalt gar nicht schreiben. Natürlich gibt es verschiedene Verdächtige, Lügen werden aufgedeckt, es wird noch eine schon etwas ältere Leiche entdeckt, die in das Schema der Morde passt und schließlich wird der Fall – das ist keine sonderliche Überraschung – gelöst. Aber nicht bevor der Täter Gelegenheit hat, in einem langen, sich selbst beweihräucherndem Monolog alles zu erklären…. genau das ist es, was ich an Krimis so liebe: alles ist vorhersehbar und ewig gleich…. es gibt viele Motive, der erste Verdächtige ist es nie, und zum Schluss wird für die Begriffstutzigen noch einmal alles genau dargelegt.


Die erwähnten Kommissare Hendriksen und Mariusson sind typische Buddys: von gegensätzlicher Sta- und Natur sind sie befreundet und ergänzen sich in ihren kriminalistischen Fähigkeiten. Der deutschstämmige Mariusson (bei der Gelegenheit erfährt man, daß nach dem Ende des letzten Krieges viele deutsche Frauen nach Island gekommen sind) ist groß, dick, ewig hungrig und auf dem besten Weg, ein Alki zu werden, der kleine, drahtige Hendriksen dagegen gehört zu den Boatpeoplen, die vor dem Vietnamkrieg aus dem Land geflohen und dann in einem europäischen Land, in diesem Fall Island, aufgenommen worden sind. Er kam als kleines Kind, ist jetzt ‚Isländer‘, spricht auch perfektes Isländisch, fällt aber als Asiate natürlich auf. Im Gegensatz zu seinem schlampigen Kollegen kompensiert er wohl seine sexuelle Energie im abendlichen Bügeln seines Dienstanzuges für den nächsten Tag.

Ansonsten begegnen uns die üblichen Verdächtigen: die kettenrauchende und im Beruf gealterte Gerichtsmedizinerin, die schon alles gesehen hat, der nichts Verwesendes mehr fremd ist und die die Welt dadurch mit anderen Augen betrachtet; der Chef, der seine Aufgabe im wesentlichen darin erblickt, seine Mitarbeiter bei der Arbeit nicht zu stören und natürlich die diversen Verdächtigen mit ihren Anverwandten, die den Ermittlern im Lauf der Arbeit unterkommen und die ein weites Spektrum menschlicher Charakterschwächen erkennen lassen.

Der NDR hat (so steht´s geschrieben auf dem Cover) im Roman einen ‚tiefen Einblick in die Psyche der Isländer‘ erhascht. Das kann man natürlich so sehen, aber wenn man diesen Einblick wirklich sucht, greife man lieber zum Original, also beispielsweise zu Laxness. Bevor der Morgen graut war für mich jedenfalls nicht mehr als ein vorhersehbarer Krimi mit weitgehend stereotypen Figuren, der in der nicht immer kuscheligen Atmosphäre Islands spielt. Aber immerhin hat er mir die Zeit im Flieger doch ganz gut vertrieben. Is ja auch was….

Links und Anmerkungen:

[1] zur Biographie des Autoren siehe hier: http://www.schwedenkrimi.de/viktor_arnar_ingolfsson_biografie.htm

Viktor Arnar Ingólfsson
Bevor der Morgen graut
Übersetzt aus dem Isländischen von  Coletta Bürling
Originalausgabe: Afturelding, 2005
diese Ausgabe: editionnova, TB, ca. 335 S., o.J.

Elena Ferrantes Auftaktroman zu ihrer vierbändigen ‚Neapolitanischen Saga‘ hat letztes Jahr, so kann man wohl sagen, große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Er war ein kommerzieller Erfolg, wurde auch von den meisten Kritikern hochgelobt. Andererseits kam es auch zu dem – für mich – typischen deutschen Reflex, daß nämlich, was erfolgreich ist, nicht gut sein kann, mit anderen Worten, es gab auch Stimmen, die die vom Verlag geförderte (hashtag: #ferrantefever) Hype missbilligten und die dem Roman ankreideten. Sicherlich ist es zutreffend, daß Suhrkamp das Buch gepusht hat, als kommerziellem Unternehmen kann man das dem Verlag wohl kaum vorwerfen, er wäre schlecht beraten, wenn er einen potentiellen Verkaufserfolg nicht realisieren und optimieren wollte. Mir jedenfalls hat Ferrantes Roman gut, sehr gut gefallen und ich weiß mich damit auch in guter Gesellschaft. Daß außerdem die Autorin die Öffentlichkeit scheut und ihr Pseudonym nicht lüftet, heizte die Diskussion zusätzlich an bis hin zur moralisch fragwürdigen Enttarnung im Herbst letzten Jahres, die dann auch folgerichtig von den meisten Medien und Lesern verurteilt worden ist.

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Jetzt also Band 2: Die Geschichte eines neuen Namens, ein Roman von immerhin deutlich über 600 Druckseiten, der gerade mal sechs Jahre im Leben der beiden Heldinnen, Elena Grecco (‚Lenù‘) und Rafaella Cerrulo (‚Lila‘ bzw. ‚Lina‘) umfasst. Wobei ich hier schon einen Fehler gemacht habe, denn Lilas Nachname lautet seit dem Ende des ersten Bandes Meine geniale Freundin [1] Carracci. Sie war dort mit Stefano Carracci, dem Besitzer der Salumeria, die Ehe eingegangen und daß dieser Ehe kein glücklicher Verlauf beschieden sein sollte, wurde schon am Tag der Hochzeit deutlich.

Der vorliegende Band der Tetralogie beginnt mit einem Vertrauensbruch. 1966 vertraute Lila ihrer Freundin eine verschlossene Schachtel mit Schreibheften an, die diese nicht, so das Versprechen, das ihr abgenommen wurde, öffnen durfte. Lenù tat es trotzdem, las die Hefte und – vernichtete sie. Für uns Leser ist dieser Vertrauensbruch (der spät im Roman eine Erklärung erhält) natürlich ein Gewinn, denn ein großer Teil des Inhalts beruht auf diesen Aufzeichnungen der Freundin.

Der Inhalt des Buches ist recht schnell erzählt, er schließt nahtlos an Band 1 [1] an:

Die Schuhe, die Lila und ihr Bruder in der Schuhmacherei der Familie unter Lilas ‚Federführung‘ heimlich hergestellt haben, spielen insofern eine große Rolle in Lilas Leben, da sie am Hochzeitstag am Fuß eines der Brüder Solara, der örtlichen Camorra, auftauchen. Für Lila, die mit den Brüdern Solara auf Kriegsfuß steht, ist dies ein unverzeihlicher Vertrauensbruch ihres Mannes Stefano, dem sie die Schuhe gegeben hatte. So überrascht es nicht, daß die Hochzeitsnacht disharmonisch verlief und mit einer Vergewaltigung endete.

Stefano Carracci macht Geschäfte mit den Solaras, es werden sowohl neue Schuhläden als auch eine neue Salumeria eingerichtet. Insofern Lila sich (aus Langeweile?) an solchen Projekten beteiligt, hat sie sehr unkonventionelle Vorschläge und Ideen, Michele Solara, der ein Auge auf sie geworfen hat, verteidigt und fördert sie gegen die Ablehnung der anderen Beteiligten. Die Gestaltung der Geschäfte durch Lila sorgt für viel Gesprächsstoff, ist jedoch immer erfolgreich.

Lilas Bauch bleibt flach, die von allen im Rione (Stadtteil) erwartete Schwangerschaft will sich nicht einstellen. Man, vor allem die Frauen, unterstellt Lila, deren Leben im relativen Wohlstand ihr ermöglicht, zum Missfallen aller sehr exzentrisch und launisch aufzutreten, durch eine ihr innewohnende böse Kraft eine Schwangerschaft zu verhindern. Als sie dann doch schwanger wird, verliert sie das Kind.

„Die Signora ist noch jung, sie muss zu Kräften kommen.“ Der Arzt, zu dem man Lila gegen ihren Willen ’schleift‘, trifft den Nagel auf den Kopf, Lila ist mit ihren sechzehn Jahren schließlich weniger Frau als vielmehr noch Mädchen. Ein Aufenthalt am Meer soll sie stärken, Lenù kann sie überreden, nach Ischia zu fahren. Denn dort hält sich auch Nino auf, der heimliche Schwarm Lenùs, wovon allerdings niemand weiß…

Das Verhältnis der beiden Freundinnen ist wechselhaft, ihr Leben allzu unterschiedlich geworden. Lenù hat zwar auch Phasen, in denen sie am Sinn ihres Schulbesuchs zweifelt, nicht weiß, was das alles soll, sie wieder ins Rione eintauchen will, aber letztlich gelingt es ihr, sich wieder zu fangen. Gelegentliche Kontakte mit Menschen ausserhalb ihres Viertels machen ihr deutlich, wie sehr sie doch die intellektuelle Herausforderung lockt.

Der Aufenthalt der Mädchen (sie sind ja erst sechzehn, siebzehn Jahre alt) in Ischia sollte entscheidend werden für beide. Ja, sie treffen Nino, der mit einem Freund dort ist, und Lenù ist glücklich, wenn der angehimmelte Nino sie beachtet. Doch mehr noch beachtet dieser schließlich Lila, so lange, bis mehr Beachtung nicht mehr geht….

Die beiden setzen ihr Verhältnis nach der Rückkehr nach Neapel fort, schließlich wird Lila wieder schwanger. Das Verhältnis mit ihrem Mann wird für sie immer untragbarer, schließlich kommt es zum Bruch und sie verläßt ihn. Aber auch ihre gemeinsame Zeit mit Nino ist nur von kurzer Dauer, dann wird sie von Enzo, einem Jugendfreund, wieder nach Hause, zu Stefano gebracht, nicht jedoch ohne daß dieser schweigsame junge Mann ihr ein Versprechen gibt…

Lenù hat in der Zwischenzeit ihr Abitur gemacht, ihr wird geraten, sich an einer Hochschule in Pisa um ein Stipendium zu bewerben. Sie besteht die Aufnahmeprüfung, fängt das Studium an und als junge Frau aus einem Armenviertel Neapels ist sie eine Ausnahme dort, die auffällt: die Kleidung, das Benehmen, die Sprache… Lenù hat viel zu lernen, ihr Vorteil ist, daß sie gut auf die Menschen wirkt, ihnen sympathisch ist, daß man ihre Intelligenz (von der sie selbst nicht sonderlich überzeugt ist) schätzt und bewundert. Mit Lila besteht in dieser Zeit kaum noch Kontakt, überhaupt kommt Lenù nur zu den hohen Feiertagen wie Ostern und Weihnachten ins Rione, wo sie immer mehr zur Auswärtigen wird, zur Frau aus Pisa.

In Pisa dagegen ist sie hin und wieder Opfer von Spott und Häme, bei einer solchen Gelegenheit lernt sie Pietro kennen, der sich für seine Kameraden bei ihr entschuldigt. Pietro ist nicht gerade der Draufgänger, die sich entwickelnde Beziehung bleibt lange Zeit recht platonisch und hat den Schwerpunkt auf der intellektuellen Ebene; die schlussendlich erfolgende Verlobung der beiden ist an Impulsivität und Gefühlsreichtum kaum zu unterbieten.

Die beiden jungen Frauen sind jetzt dreiundzwanzig Jahre alt. Während sich für Lenù mit ihrem Hochschulabschluss und dem Verlobten aus einer angesehenen Familie das Leben in all seinen Möglichkeiten zu entfalten beginnt, geht es für Lila in die andere Richtung. Gegen Ende des Buches besucht Lenù ihre Freundin auf deren miesen, dreckigen Arbeitsplatz. Lenù hat sich mit der Ausrede eingeschlichen, sie wolle zum Chef und Lila erwidert ihr: „Gut so, jetzt denken sie [die anderen Arbeiter/-innen], dass ich dem Juniorchef einen blase, und lassen mich eine Weile in Ruhe.“ – „Was soll das heißen?“ – „So läuft das eben.“ – „Hier drin?“ – „Überall. ….“


Die Geschichte eines neuen Namens, Teil 2 einer der ‚Neapolitanischen Saga‘. Ob diese Bezeichnung zutreffend ist, mögen andere entscheiden, die Übertragung des Begriffes ‚Saga‘, der ja eher auf nordische Dichtungen gemünzt ist denn auf die Lebensgeschichte zweier Frauen aus Neapel und dann auch noch nicht nur ‚einer‘, sondern ‚der‘ Saga, erscheint mir schon etwas hoch gegriffen. Sei´s drum, auch dieser Band der Tetralogie las sich – wie man bei uns in der Region etwas flappsig sagt – wie ‚geschnitten Brot‘, ein paar wenige Abende und die gut sechshundertzwanzig Seiten waren vertilgt. Und somit stand für mich die Frage am Horizont, was uns die Dichterin mir ihren Worten sagen wollte…..

In erster Linie ist er die weitgehend parallel erzählte Geschichte zweier junger Frauen, die in einem der neapolitanischen Armenviertel (‚Rione‘) geboren wurden, zusammen in die Schule gingen und deren Lebenswirklichkeit sich nach dem Ende der Grundschule aufplittete. Eine von ihnen, Lenù, wurde gefördert, ihr wurde der weitergehende Besuch von Schule und später Universität ermöglicht, dieser Bildungsweg aus dem Rione heraus war ihrer Freundin Lila versperrt, sie wurde nicht in gleicher Weise von der Lehrerin unterstützt und die Eltern, besonders der Vater, erachteten Bildung für Frauen als entbehrbar, Lila sollte lieber sehen, daß sie Geld verdient und zum Familieneinkommen beitragen.

Wenn man so will, kann man den Roman also als Beispiel dafür nehmen, daß es möglich ist, mit entsprechender Förderung und Unterstützung sowie natürlich unermüdlichem Fleiß schlechten sozialen Bedingungen zu entkommen, vulgo: in gewissem Sinn Karriere zu machen. An Lenù macht Ferrante aber auch deutlich, daß die Herkunft sich nicht einfach verleugnen läßt: die Sprache, der Dialekt, verrät die Herkunft, die Kleidung und das Schuhwerk den sozialen Status, das Benehmen die Erziehung. Einiges davon kann man sich mit viel Selbstdisziplin abgewöhnen oder abtrainieren, bei Lenù, von Natur aus zurückhaltender und schüchterner, blieben aber immer Hemmungen zurück, ihr Selbstbewusstsein litt unter ihrer Herkunft. Nur bei seltenen Gelegenheiten schildert Ferrante ihre Heldin spontan und offen, meist schweigt sie lieber, weil sie sich anderen gegenüber ‚unterlegen‘ fühlt. Diese ‚Anderen‘ agieren so, wie man in dieser Gesellschaftsschicht aufwächst und groß wird: was für diese selbstverständliches Leben ist, ist für Lenù auf das Vermeiden von Fehlern ausgerichtetes, konzentriertes Handeln.

Lila ist das Gegenteil von Lenù: sie offensiv bis hin zur Aggressivität, sie ist furchtlos, bereit, auch negative Konsequenzen ihres Handelns zu tragen. Sie läßt andere ihre Überlegenheit spüren, sie leidet unter der Tatsache, daß sie ihre Möglichkeiten nicht ausschöpfen kann, nutzt jede sich auftuende Gelegenheit, die sich ihr intellektuell bietet. Sie macht Fehler in ihrem Leben, große Fehler, sie ist nicht in der Lage, langfristig zu planen und vorauszudenken: die Hochzeit, die Affäre mit Nino…. Ereignisse, die ihr gesamtes Leben prägen sollten.

In ihrem Potential sind sich Lenù und Lila ebenbürtig, auch wenn jede die jeweils andere als offensichtlich ‚begabter‘ einschätzt. Dabei projiziert Lila ihre für sie nicht realisierbaren Möglichkeiten auf Lenù: sie fördert sie, kauft ihr Schulbücher und als sie davon erfährt, daß Lenù einen Roman veröffentlichen wird, küsst sie ihr die Hände. Stellvertretend für sie, die gescheitert ist, hat es Lenù geschafft, denn in ihrer Freundin ist immer auch Lila und ihr Wirken präsent.

Ebenbürtig, aber nicht gleich. Wie schon die Charakterisierung der beiden Figuren zeigt, sind diese eher komplementär: Und ihr Leben taucht beständig in meinem auf, in den Worten, die ich gesagt habe, und in denen häufig ihre Worte widerklingen; in jener entschlossenen Geste, die eine Nachahmung einer ihrer Gesten ist; in meinem Weniger, das als solches wegen ihres Mehr das ist; in meinem Mehr, das die Umkehrung ihres Weniger ist. … reflektiert Lenù in ihrer Pisa-Zeit. Gleichzeitig ist das Schicksal Lilas für sie immer auch Antrieb gewesen, zu lernen, sich anstrengen. Der Rione hing eine zeitlang, als sie noch zur Schule ging, wie ein Gewicht an ihr, sie wälzte Gedanken, aufzugeben, in die Geborgenheit des Bekannten zurückzukehren, die Armut, die sie kannte, den Möglichkeiten, die ihr offenstanden, vorzuziehen. Durch Lilas negatives Beispiel und durch die geistigen Freiheiten, die sie bei entsprechenden Gelegenheiten spürte, überwandt sie dieses Tief.

Wie dagegen strampelte sich Lila ab, gierig, wie eine Verhungernde, Verdurstende griff sie nach jeder Gelegenheit, sich zu beweisen. Das Schuhmodell, das sie kreierte, später die Geschäfte, die sie ausstattete, die Diskussionen mit Nino, am Ende des Romans dann kniet sie sich zusammen mit ihrem Begleiter Enzo in das Erlernen der aufkommenden Computersprachen, weil dieser sich auf diesem Gebiet weiterbildet…

Komplementär die beiden Mädchen/Frauen, zugespitzt könnte man sagen, Lila repräsentiert die ‚dunkle‘ Seite von Lenù bzw. Lenù die helle von Lila.

Interessant fand ich auch die Rolle und Funktion, die Ferrante der Sprache in ihrem Roman zuweist. Die beiden Mädchen werden im Rione groß, in dem ‚Dialekt‘ gesprochen wird. Insbesondere Lenù fällt immer dann in diesen Dialekt (ich gehe davon aus, daß damit das Neapolitanisch gemein ist [2]), wenn es um Emotionen, Gefühle geht, meist negative. So reagiert sie gegen Ende des Buches äußerst derb und vulgär auf plumpe Anmachversuche in der Straßenbahn, da man sie in ihrem Rione nicht mehr als Dazugehörige erkennt, sondern als Auswärtige behandelt. Auch an der Uni in Pisa geht sie ‚dialektisch‘ gegen Häme und Anfeindungen vor, hier wird ihre ‚Muttersprache‘ für sie ein Stigma. Das Italienische, das von den Kindern wie eine Fremdsprache gelernt werden muss, ist dagegen die Sprache der Diskussion, der intellektuellen Auseinandersetzung, die Sprache einer anderen Welt ausserhalb des Rione.

Das Neapolitanische: eine entsprechende Saga sollte das zumindest im Hintergrund ausmalen. Das habe ich vermisst, muss ich zugeben. Die Solaras beispielsweise, als Angehörige der Camorra, treten einfach nur als mehr oder weniger gewiefte Geschäftsleute auf, die ihren Vorteil suchen. Den oder die Schilderung eines mafiösen Hintergrunds unterläßt Ferrante weitestgehend, allenfalls fallen vereinzelte Andeutungen. Auch über Neapel selbst erfährt man kaum was. Ein paar Straßennamen, den Hinweis darauf, daß auch in anderen Vierteln eine möglicherweise etwas anders ausgeformte Armut herrscht – damit hat sich´s.

Einzig die Herrschaft des Mannes über die Frau, die aus Gewohnheit oder weil der Mann sich ärgert oder weil er der Frau was Gutes tun will, auch mit häuslicher Gewalt verbunden ist, sie tritt deutlich in der gesamten Geschichte auf. Die Frauen im Rione altern schnell, verlieren schnell die Form, die vielen Kinder, die Arbeit, die Not, die Sorgen, die Schläge…. Auch Lila und Lenù können sich nicht frei davon machen. Stefano, Lilas verhasster Mann, ist zwar bequem und will viel lieber seine Ruhe haben, aber auch er schlägt seine Frau grün und blau, es steht zu vermuten, daß er sich wie in der Hochzeitsnacht auch dieses ‚Recht‘ häufig mit Gewalt einfordert. Bei Lenù ist es etwas anders, da sie keinen Freund hat, hat sie etwas größere Freiheiten, aber auch sie wird angemacht und angepöbelt. Im Unterschied zu ihrer Freundin, die nicht müde wird, ihren Mann zu provozieren, ordnet Lenù sich unter: um dem angehimmelten Nino zu gefallen, versucht sie krampfhaft, sich so zu benehmen, wie sie glaubt, daß es diesem gefällt….


Wie schon der Vorläuferband Meine geniale Freundin [1] zeichnet auch diese Geschichte eines neuen Namens das Unspektakuläre aus: hier wird einfach eine Geschichte aus dem Leben erzählt, sie könnte so, genau so passiert sein, hat möglicherweise sogar reale Grundlagen, man kann als Leser die Gefühle, Irrungen und Wirrungen, der Protagonistinnen nachempfinden. Man möchte vielleicht selbst dann und wann alle Konventionen über den Haufen werfen und ausbrechen, wie es Lila im Roman vormacht, man hat unter Umständen unter Selbstzweifeln gelitten wie es Lenù ergeht. Dieses hohe Identifikationspotential fesselt beim Lesen und läßt den Roman trotz seines Umfangs gut lesbar sein.

… und doch. Und doch tauchte bei mir hin und wieder die Frage auf, ob dieses Buch wirklich so ausführlich hat sein müssen. ‚Es ist alles schon einmal gesagt worden, aber nicht von mir!‘ Jeder kennt diesen Spruch wohl, an den ich an solchen Stellen denken musste. Übertragen auf das Buch meine ich damit, daß die Autorin ein und dasselbe Grundverhalten ihrer Figuren, insbesondere trifft dies auf Lila zu, der der Hauptanteil der Handlung zukommt, immer wieder in leicht differierenden Situationen schildert. Natürlich sind beispielsweise die Wochen auf Ischia für das Leben der beiden Mädchen entscheidend. In Ferrantes Darstellung (weit über hundert Seiten widmet sie dieser Episode) liest sich dieser Aufenthalt fast wie ein taggenaues Protokoll, obwohl die Tage meist ähnlich verlaufen. Hier (aber auch an anderen Stellen) wäre eine Straffung des Textes und ein Konzentrieren auf das Wesentliche sicher möglich gewesen.

Daher fällt für mich dieser zweite Teil der ‚Saga‘ gegen den ersten ein wenig ab, das jedoch weiterhin auf einem hohem Niveau, das auch diese Geschichte eines neuen Namens einhält. Natürlich endet dieser Teil wieder mit einem Cliffhanger, schließlich ist Ferrante eine versierte Autorin und hat mit Suhrkamp einen profilierten Verlag, der auf solches geachtet haben wird: die Bände 3 und 4 sind ja noch auf den Markt, bzw. die Frau/den Mann zu bringen. Das wird sicher gelingen, das Schicksal der beiden Frauen läßt wohl niemanden unberührt, ich jedenfalls werde es weiterverfolgen.

Links und Anmerkungen:

[1] zu meiner Besprechung dieses ersten Teils: Elena Ferrante: Meine geniale Freundin, hier sind auch weiterführende Links zu finden.
[2] vgl. Wiki-Beitrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Neapolitanisch

Elena Ferrante
Die Geschichte eines neuen Namens
Band 2 der Neapolitanischen Saga

übersetzt aus dem Italienischen von  Karin Krieger
Originalausgabe: Storia del nuovo cognome, Rom, 2012

diese Ausgabe: Suhrkamp, HC, ca 624 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Was ein Buch, was für ein Roman, was für eine Geschichte… sie führt zurück ins Jahr 1976 jenseits der im Jahre neunzehnhundertneunundvierzig anscheinend endgültig befestigten Grenze in eine gemütliche Wohnung, in der sich Therese Schlupfburg (sic!) und ihre Urenkelin Josepha in ihrer eigenen Welt eingerichtet haben. Das ’sic!‘ steht dort nicht von ungefähr, wir werden es im Verlauf des Buches bzw. dieser Besprechung zu deuten wissen bzw. gedeutet bekommen.

Die jüngere der beiden Frauen, Josepha also, ist zu zweit: in ihrem Inneren wächst ein schwarz-weißes Kind heran, der Vater, der werdenden Mutter bekannt nur für eine Nacht, ist Angolaner, spielt aber im weiteren Verlauf keine Rolle mehr, wird von Josepha den neugierigen Offiziellen gegenüber, die sich um die Schwangere und deren Gesundheit kümmern, hartnäckig verschwiegen, so hartnäckig, daß auf der Schwangerenpappe – zumindest zeitweilig – ein ‚A‚ erscheint, für Asozialenkartei. Überhaupt spielen die Männer in dieser Geschichte allenfalls die von der Natur her als notwendig erachtete Rolle der Besamer und Befruchter, die wahre Macht obliegt den Frauen, der Geschlechtlichkeit zu wahren Wundertaten fähig ist.

Da härtet schon einmal eine Achtzigjährige das Gemächt des über Neunzigjährigen, um sich lustvoller Umarmung zu erfreuen, da empfangen über Sechzigjährige nach der Menopause noch Kinder, die nach wenigen Monaten geboren werden und deren ultraschnelle Entwicklung zu Sensationsmeldungen Anlaß gibt. In Sturzgeburten auf die Welt gekommene Zwillinge werden mit solch nahrhafter und mit unfassbarem Druck der Drüse entweichender Milch genährt, daß man ihrem Wachsen zusehen kann. So erregend der Anblick, daß dem anwesenden Amtmann spontan Sperma entweicht und sich in der Luft mit der Milch mischt, einer Milch, die just jenen spillerigen Amtmann süchtig macht, ihn zu athletischer Form bringt und seinen Stoffwechsel so umstellt, daß er nur noch mit Muttermilch funktioniert. Muttermilch, die ihm aus anscheinend nie versiegender Brust verabreicht wird….

Auch die Kinder, deren Väter wie erwähnt meist unwichtig sind und die ohne den Segen von Staat und Kirche die Welt erblicken, sind nicht ohne. Ottilies, der Therese lang vermisste und diesseits der im Jahre neunzehnhundertneunundvierzig anscheinend endgültig befestigten Grenze lebende Tochter beispielsweise schenkt (vorstehend schon erwähnt) spät in ihrem Leben einem Sohn noch selbiges, einem Säugling, dessen ausgeschiedene verdaute Nahrung den Geruch der jeweilig herrschenden Uniform annimmt – was beim Besuch der Mutter, d.h. jenseits der … etc pp, in der Öffentlichkeit zu heftiger Verwirrung unter den Menschen führt, ja, zu Panik fast. Überhaupt ist dieses Kind ein Kind mit drei Vätern, einen biologischen, einem Ziehvater und einem Zahlvater. Wie ist es überhaupt zu diesem Kind gekommen, dies ebenso eine wunderlich-magische Begebenheit, denn in Ottilies Nähe implodierten neuerdings sämtliche Bildschirme. Was wiederum zur Bekanntschaft mit dem Fernsehmechaniker Revenslueh führt, der zwar noch verheiratet war, aber doch bald zu den drei Vätern zählen sollte… das mit dem Verheiratetsein gab sich jedoch schnell, stürzte die Frau sich in ihrer Verzweiflung ob der Untreue des Gatten doch aus dem heimischen Fenster, fiel zwar relativ weich, war trotzdem verletzt. Es gab noch eine Versöhnung zwischen den Eheleuten, doch just in dieser versetzt Revenslueh seiner Frau unbeabsichtigt – sozusagen – den Todesstoß. So starb sie glücklich, der kleine wurde für sie zum großen Tod… und für den Mann hieß es jetzt: Leinen los, Ottilie ahoi!

Man sieht, es geht durchaus deftig zu, keine der Körperflüssigkeiten, die der Mensch absondert, bleibt unerwähnt und ohne Bedeutung. Nun passiert das Ganze aber nicht ohne Plan. Den beiden Frauen, Therese und Jospha, kommt nicht nur aufgrund ihrer Weiblichkeit Macht zu, ihnen wohnt auch Magisches inne, auf einer imaginären Leinwand nämlich in das Leben ihrer Vorfahrinnen blicken zu können. Diese Sitzungen, die die beiden abhalten, ihre Familiengeschichte zu erforschen, stellen die Stationen der titelgebenden Gunnar-Lennefsen-Expedition dar.

Sie beginnt 1914 in Ostpreusen mit einem Brudermord, die junge Therese nämlich sieht sich den Bruder mit einem Holzschuh erschlagen, um ihm den Gastod im tobenden Krieg zu ersparen. Therese arbeitete damals als Dienstmädchen und wurde vom Sohn des Gutsbesitzers geschwängert, besagte Ottilie war die Frucht dieser Nächte, doch eine Heirat zwischen Magd und Junker kam natürlich nie in Frage….. ein älterer Kürschner und Steineschneider wurde ihr angetraut, aber dieser Erbs machte es nicht lange, schon an der Hochzeitstafel zeigte er Schwächen, kotzte das gerade Verzehrte quer über den Tisch – nur weil Therese etwas schmatzte beim Essen… Nach seinem baldigen Tod wurde die Ehe annulliert, Fritz (der ein ungefähres anderthalb Jahrzehnt später beim Wettmasturbieren seines verkrümmten Penisses wegen Hemmungen haben sollte), die Frucht der beiden, wurde somit von einer ledigen Mutter als eheliches Kind geboren….

Die Tochter Ottilie selbst lernte die Liebe ebenfalls früh kennen, ihr Erwählter war der jüdische Fahrende Avraham Rautenkrantz aus Riga, der gelegentlich in Königsberg weilte. 1933 sollte sie ihn zum letzten Mal sehen, Rudolph nannte sie das Kind, das sie einem Deutschen Beischläfer unterschob. Dieser Rudolph ist wichtig für die Geschichte des Buches, denn er sollte später zum Vater werden von Josepha, deswegen wäre das Verschweigen seiner Herkunft hier ein Fehler gewesen. Verschweigen bzw. nur darauf hinweisen will ich jedoch darauf, daß es Ottilie nach dem Krieg nach Bayern verschlagen hat, daß Josphas Mutter bei der Geburt verstarb und Rudolph selbst sein Kind bei der Oma ließ, um mit einer anderen Frau noch einmal sein Glück zu finden, einer Frau, die ihr eigenes, tragisches Schicksal mit sich zu tragen hat…..

Aber bevor es dazu kam, war der zweite Weltkrieg zu überstehen, die Reihe der Ahnen geschlossen zu halten, was nicht einfach war, folgerichtig ist die Geschichte oder wäre sie es, würde ich es unternehmen hier an dieser Stelle, kompliziert zu erzählen. Jedenfalls ist die Mutter Josephas ein weiteres, ein Wasserkind der schon hier erwähnten Sturzgebärenden, Wasserkind, weil sie durch das Badewasser empfangen wurde, in dem sich vorher der ejakuliert habende, nur noch durch Muttermilch nährende Amtmann gereinigt hatte…. Eaulalia nannte sie ihre Mutter, die Kleine war bei der Geburt nur wenige Zentimeter groß, aber voll entwickelt – zum Erstaunen aller.

Es ist kompliziert und das Vorstehende nur ein auf wenige der vielen Figuren konzentrierter Auszug. Es gab Situationen, an denen wäre die Kette der Ahninnen fast unterbrochen worden, weil sie z.B. verdampften in der Hitze des Dresdener Infernos, der Krieg zerriss die Familien, es kam zu Vergewaltigungen und ‚Judenf***s‘, Kinder wurden mit versteckt und mit anderen Identitäten in andere Leben geworfen, in Leben, in denen sie gleichzeitig Tochter, Adoptivtochter und Vergewaltigungsopfer ein und desselben Mannes wurden….

Ohne die Hilfe eines speziellen Kosmos von Göttinnen wäre es nicht gelungen, wäre die Linie der Schlupfburgs irgendwann geendet. Göttinnen wie Inklinatia, die Göttin der Gleichgewichtsstörung, Diploida, die Göttin der Abstammungslehre, Östromania, die Göttin der weiblichen Tollheit, Fidelia, die Göttin der grundlos heiteren Stunden, Exkrementia, die Göttin … na ja, gut, das wird wohl jeder ahnen…. ein bunter Göttinenkosmos also (ich habe nur Beispiele genannt), der sich in der Gestaltung, Begleitung und Behütung der Weiberschicksale hin und wieder  über die Jahrzehnte hinweg in die Quere kam, weil die Interessenlage manchmal etwas unterschiedlich war, der aber summa summarum das Projekt ‚Schlupfburg‘ erfolgreich in die Gegenwart geführt hat.

Es sind nur winzig kleine Leckerbissen, Appetizer sozusagen, des Inhalts, auf die ich hier eingegangen bin. Das Buch ist so randvoll mit Episoden, Geschichten und Ereignissen, daß eine nur halbwegs vollständige Inhaltsangabe ziemlich lang geriete, sofern sie überhaupt möglich ist, ohne das halbe Buch zu referieren…. aber ich wiederhole mich….


In Schmidts Roman wechseln sich die Erzählebenen ab. Die Rahmenhandlung spielt im Jahr 1976 in der DDR, in den einzelnen Etappen der Gunnar-Lennefsen-Expedition führt uns die Autorin anhand der Schicksale der diversen Vorfahrinnen zurück in die deutsche Vergangenheit, in das Ostpreussen anfangs des 20. Jahrhunderts, in den Zeit zwischen den Kriegen, in den Zweiten Weltkrieg mitsamt seinen Gräueln des Holocaust, die direkt in die Familiegeschichte hineinwirken. Die Teilung Deutschlands dann mit Ottilie auf jenseitiger und den anderen noch lebenden Gliedern der Familie auf diesseitiger der im Jahre neunzehnhundertneunundvierzig anscheinend endgültig befestigten Grenze, eine Formulierung, die sich häufig im Text der selbst 1958 in Gotha gebürtigen Autorin findet.

Die neunzehnjährige Josepha arbeitet in einer Druckerei, der ‚VEB Kalender und Büroartikel Max Papp‘ in der thüringischen Kleinstadt W.. Im Verlauf des Romans erfahren wir eine Menge über das Leben in dieser damaligen DDR, über die Arbeitsbedingungen, über soziale Umstände, über das Alltagsleben. Natürlich fällt Josepha durch die hartnäckige Verweigerung, den Vater des (wie nur sie weiß) schwarzweißen Kindes zu nennen, auf, hat Nachteile, will sich ganz aus der staatlichen Betreuung herausziehen und kann nur durch Not und Mühe von einer Freundin überredet werden, sich zu arrangieren mit dem staatlichen System. Auch hier, in der Umgebung der DDR, spart Schmidt nicht mit wunderlichen und slapstickartigen Einlagen: die Faust Josephas, die im Zimmer der Meisterin bei Gelegenheit voller Wut in die Fruchtmarmelade schlägt, expediert beispielsweise eine Kirsche auf das wandhängige Bild des Staatsratvorsitzenden, dessen Mund sich daraufhin unabwischbar kirschrot färbt. Nicht nur dies…. mit unzüchtigen Aufforderungen, die fortan den gespitzten Lippen des formals zu Spröden entweichen, treibt das Bild später die Meisterin, die das Bild bei sich zu Hause seiner marmeladigen Schändung wegen verstecken wollte, zu unerhörten Manipulationen am eigenen Körper an, bis schließlich rauchverzehrte Gestalten, von den ‚zuständigen Stellen‘ ausgesandt, sich ihrer annahmen und sie nie mehr gesehen wurde…. immer waren es die ‚zuständigen Stellen‘, durch geheime Nummern alarmiert, die für Ordnung im Sinne der Ordnungsmacht sorgten, für eine Ordnung, die ängstigte….

Zeitgeschichte also aus weiblicher Sicht. Aber mehr noch stellt der Roman eine Hommage an die Macht der Frauen dar, einer Macht, die sich auch und gerade ihrer Geschlechtlichkeit bedient. Die schlupfburgischen Frauen bekennen sich zu ihrer Lust, viele ihrer Kinder sind unehelich (zumindest gemacht worden), werden ohne Vater erzogen. Sie bedien(t)en sich der Männer so wie es selbst Josepha mit dem schwarzweißen Kind im Bauch (der ‚Schlupfburg‘) noch praktiziert: im Urlaub auf der Luftmatratze in der Ostsee schaukelnd lädt sie in plötzlich erregter Lust den unerwartet auftauchenden Schnorchler ein, seinen anderen Schnorchel doch flugs (oder besser schwimmend und klammernd) in ihr zu versenken… derart tauscht Schmidt in diesen Passagen ihres Roman die übliche Rollenverteilung: der Mann wird hier zum Objekt, dessen sich die Frau bedient. In anderen Episoden retardiert der Mann zum Säugling, dessen Leben voll und ganz von der Mutter(milch) abhängt: der erwähnte Amtmann Thalerthal beispielsweise, der sich nur noch von Muttermilch nähren kann. Auch Erbs, der später annullierte Ehemann Thereses war so ein schwaches Geschöpf, das neben seiner Frau nicht existieren konnte und von dannen ging….


Die Gunnar-Lennefsen-Expedition war als Buch ein großer Erfolg, die Kritik (mit wenigen Ausnahmen) feierte es, es 1998 beim Ingeborg-Bachheim-Wettbewerb mit dem Preis des Landes Kärnten ausgezeichnet [2]. Es ist in der Tat ein Lesespaß, ein Roman, der beim Fabulieren und Erzählen keine Grenzen kennt und vor nichts scheut. Attribute wie ‚derb‘, ‚prall‘, ’sinnenfroh‘ (so wie es die aus- und einladende Rückenansicht auf dem Buchcover suggeriert), aber auch ‚phantastisch‘ charakterisieren diesen Roman durchaus treffend, dabei hat er ebenfalls genügend ernste und tragische Passagen, in denen sich Bilder und Beschreibungen historischer Zeiten formen. Die Art und Weise in der Schmidt geschrieben hat, entspricht dem teilweise märchenhaften Inhalt: es ist zwar kein Text ohne Punkt und Komma, aber über weite Strecken ohne Absatz und Unterbrechung, häufig ein nur spärlich strukturierter Fließtext über viele Seiten, so wie ein atemloser Erzähler sein Werk eben verrichten würde. Ob man es dagegen tatsächlich als Geschichtsschreibung aus weiblicher Sicht (so im Klappentext des Romans) nehmen kann, sei dahin gestellt oder ob der Roman doch eher ein in den historischen Kontext eingebundenes Fabulat ist, mag jeder für sich selbst entscheiden. Jedenfalls ist Schmidts Roman ein opulenter Lesespaß, wenngleich der Spaß für mich genauso groß gewesen wäre, wäre das Buch ein wenig kürzer geraten. Denn da auch eine Autorin wie Schmidt nicht immer nur Neues oder Altes neu erzählen kann, verliert der Verstoß gegen übliche Inhalte und Beschreibungen im Lauf der Episoden an manchen Stellen an Reiz und wiederholt sich, die Magie der beiden Frauen Therese und Josepha verflacht sozusagen. Abgesehen davon jedoch kann ich aus meiner Sicht das Studium dieses ganz speziellen Expeditionsberichts nur anraten.

Links und Anmerkungen:

[1] Autorenseite bei ihrem Verlag: https://www.randomhouse.de/Autor/Kathrin-Schmidt/p77677.rhd
[2] http://archiv.bachmannpreis.orf.at/bp98/fs_autoren.html

ferner gibt´s bei mir im Blog noch die Besprechung von Kathrin Schmidts Roman: Du stirbst nicht aus dem Jahr 2009:  https://radiergummi.wordpress.com/2009/11/03/kathrin-schmidt-du-stirbst-nicht/

Kathrin Schmidt
Die Gunnar-Lennefsen-Expedition
diese Ausgabe: btb, TB, ca. 428 S., 2007

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