Vorbemerkung: der 1895 von Hardy veröffentlichte Roman Jude the Obscure ist im Deutschen auch unter folgenden Titeln publiziert worden: Im Dunkeln, Herzen in Aufruhr und Juda, der Unberühmte. Ein weiteres ‚Problem‘ ist der Name der Hauptperson, die im Original ‚Jude‘ heißt, was als Eigenname im Deutschen unbekannt ist und als Wort eine völlig andere, im Zusammenhang mit dem Roman irritierende Bedeutung hat. So wird der Protagonist der Geschichte in der Übersetzung also kurzerhand in ‚Juda‘ umbenannt, auch das ein Name, der biblische Assoziationen aufkommen läßt, was aber im Gesamtzusammenhang des Romans gar nicht so unpassend ist. (btw: ich habe mich in jungen Jahren in dieser Hinsicht auch mit dem Beatles-Titel Hey Jude sehr schwer getan….)

Mit dem Titel Im Dunkeln steht dieser Roman schon länger bei mir im Regal, als ich neulich bei Waters in ihrer Muschelöffnerin [3] dieses Buch erwähnt fand (was zeitlich ja sehr knapp ist, da der Roman erst 1895, also in der Endzeit der Romanhandlung Waters‘ erschienen ist) habe ich ihn mir endlich aus dem Regal geholt und das schon länger geplante Lesen auch umgesetzt….


Juda Fawley also ist die Hauptperson, deren Leben wir in diesem Roman verfolgen können. Er wird nach dem Tod der Eltern, über den wir im Lauf der Geschichte kurz aufgeklärt werden, bei der Tante groß, einer Tante, die ihn nicht besonders liebt, aber immerhin dafür sorgt, daß er gekleidet ist, zu essen hat und später dann auch arbeiten kann. Das große Idol des kleinen Juda ist der örtliche Lehrer und so beginnt der Roman gleich mit einer Trennung, der Schulmeister zog aus dem Dorfe fort; das schienen alles zu bedauern. Er; Phillotson mit Name, wollte in der recht nahe gelegenen Stadt Christminster (=Oxford), nichtsdestotrotz jedoch einer anderen Welt, weiterkommen, einen akademischen Grad erringen und Geistlicher werden. Mit diesem Begehr setzt er für den jungen Schüler Juda einen Traum in die Welt, dem dieser fortan nachjagen sollte. Die nächsten Jahre versucht der Junge, der im Dorf seines Traumes wegen ein wenig verlacht wird, sich Bildung anzueignen, er besorgt sich Bücher, lateinische und griechische und bringt sich diese Sprachen bei. Das Pferd beispielsweise, mit dem er später Brot für seine Tante, die eine Bäckerei hat, ausfährt, kennt bald den Weg und so läßt er es allein laufen und sitzt derweil auf dem Kutscherbock und lernt…

Aber Juda ist nicht nur Lernender, er hat auch ein funktionierendes endokrines System, auch wenn Hardy diesen Ausdruck im Roman natürlich nicht verwendet. Und dieses System wird durch Arabella im wahrsten Sinne des Wortes angeworfen. Als Tochter eines Schweinehalters hilft sie dem Vater und wäscht zusammen mit Freundinnen am Fluss, just in dem Moment, in dem Juda auf seinem Weg dort vorbei kommt, Schweinedärme aus und bewirft den Vorbeikommenden mit dem, was den Eber zum Eber macht. Ein fürwahr köstliche Szene mit Folgen: Christminster war  jetzt vergessen. Sich mit Arabella über den gewöhnlichen Dorfklatsch zu unterhalten, gewährte ihm größeren Genuß, als es eine Diskussion über sämtliche Philosophiesysteme mit sämtlichen Professoren der kürzlich noch an angeschwärmten Universität vermocht hätte; … und die Sonne war nicht weiter als eine praktische Lampe zur Beleuchtung von Arabellas Antlitz. …

Juda hängt wie der Köder an der Angel Arabellas und was Arabella fischen will, ist die Ehe. Und da Juda ein Ehrenmann ist, gelingt Arabella der Fischzug, ein subtiler Hinweis auf ihren neuen Mitbewohner, den Juda ihr (… beide hatten sich in der Zwischenzeit of und oft getroffen …) eingepflanzt hat, nimmt den jungen Mann (er ist kaum neunzehn Jahre alt, noch Lehrling in einer Steinmetzwerkstatt) in die Pflicht. Kurz und gut, es gibt eine Hochzeit, es gibt eine kurze Zeit des Glücks, eine längere des Unglücks, ein schockierendes Geständnis, eine Trennung, ein hilfloser Suizidversuch des von seiner Frau Verlassenen, ein Besäufnis und danach der große Weltschmerz. Und die Erinnerung an seinen früheren Traum, der er für dieses fehlgeleitete Intermezzo aufgegeben hat.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.. Nach dem Ende der Lehrzeit beschließt Juda, in sein verehrtes Christminster umzuziehen. Es ist ein Zauber, mit dem die Stadt ihn umfängt, all die berühmten Gelehrten, die dort gewirkt, erscheinen ihm in den Gassen, den Colleges, den hohen Toren, auf den Brücken…. ein Hochgefühl erfasst ihn, diese Atmosphäre des Wissens und der Weisheit….

Am Tag erscheint die Stadt dann schon nüchterner, die Fassaden bröckliger, für ihn als Steinmetz kann das nur von Vorteil sein. Aber nicht nur die Fassaden bröckeln, es bröckelt auch Judas fester Wille. Denn stetig höhlt die Erinnerung an das Bild der Cousine, das bzw. die ihm so schön und – er muss es sich eingestehen – begehrenswert dünkt, seine Zielstrebigkeit. Er hat das Bild noch bei der Tante zuhause gesehen und es sich von ihr erbeten, gegen das Verbot der Tante, Kontakt mit diesem Abkömmling des verfeindeten Teils der Familie aufzunehmen.

Auch hier jetzt nur die Kurzversion: Juda und Sue treffen sich zwar, aber noch ist er zu schicklich, verheiratet immer noch, und sie eine Verwandte… und so macht er sich mit seinem alten Idol, dem Lehrer gebliebenen Schulmeister bekannt und verschafft ihr dort eine Arbeit. Selbige hatte sie nämlich am Tag davor einiger Götzenbilder wegen verloren. Aber was passiert, wenn ein mittelalter Mann und eine junge, schöne Frau zusammenarbeiten? Eben, eben… und Juda muss dem hilflos zuschauen….. Und nicht nur hier bleibt der junge Mann aussen vor: sein (erstmalig) aktives Bemühen, auf einem College als Student angenommen zu werden, scheitert grandios: Schuster, bleib bei deinem Leisten, so die einzige Antwort, die er erhält. Und wieder lockt der Alkohol…. schließlich verläßt Juda Christminster und kehrt zurück in sein altes Dorf. Dort wenigstens macht man ihm Hoffnung, als Laie könne er durchaus auch in der Kirche dienen.

So widmet sich unser Held wieder der Theologie, wenngleich diesmal eher in Bezug auf ihre praktische Anwendung in einer zukünftigen Gemeinde. Bis ihn eine Nachricht Sues erreicht, sie sei unter strenger Zucht in einem Lehrerinnenanwärterseminar und er solle sie doch… na ja, besuchen halt. Ach, so wie die Sonne die Dunkelheit vertreibt, vertreibt die Sehnsucht nach der still Geliebten die Hingabe an das Studium der Theologie – natürlich folgt Juda sofort dem Ruf des Weibes. Welches er ernster, farbloser antrifft als er es aus Christminster kannte. Seltsam geschlechtslos scheint Sue ihm, wankend in ihren Bemerkungen und ihrem Reden, während er…. und dann noch dies: sie habe ihm, dem alten Lehrer Phillotson, die Heirat versprochen!

Kann man sich vorstellen, wie die Welt des Juda jetzt ins Wanken kommt, ins Schwanken, ins Trudeln und Rotieren? Und wie er doch nichts sagen kann, ist sie doch eine Verwandte und er auf dem Weg zum Hilfspriester, und außerdem: er hat ein Weib vor dem Gesetz und der Kirche… so fährt er tief geknickt, aber dies nicht zeigend, zurück in seine so trostlose Heimstatt, die ihm vor kurzem noch so sicher beherbergte.

Was soll man sagen? Einer Dummheit wegen, die zu einfältigem Gerede führt, wird Sue des Seminars verwiesen, also ist auch für Phillotson kein Grund mehr, mit der Hochzeit zu warten: Ob er denn den Brautvater spielen könne, fragt Sue ihren Vetter… denn er sei doch ihr einziger verheiratete Verwandter, den sie hier habe. Denn auch das geschah noch: er beichtete ihr seinen Status als verheirateter Mann.

So geht es hin und her, sie ruft ihn, auch wieder an den neuen Wohnort, an den sie zusammen mit ihrem neuen Manne lebt, und sie schickt ihn wieder weg, obschon in Juda die Gewissheit immer größer wird, das sie unglücklich ist in ihrer Ehe so wie er es war in der mit Arabella. Der er – so sei es hier vermerkt, ohne näheres dazu zu sagen bis auf die Tatsache ihrer Juda verblüffenden neuerlichen Verheiratung in Australien – durch Zufall in einer Wirtschaft, in die er in der Absicht, sich mit zumindest mal einem Hochprozentigen über die Not zu helfen, eingetreten war, zu seiner großen Überraschung wieder begegnet.

Es kommt jedoch bald die Stunde jetzt des Ehemanns Phillotson, der als tragischer Held über sich hinauswächst: Sue, die immer unglücklicher wird in ihrer Ehe, die, als ihr Mann ihr Zimmer betritt, lieber aus dem Fenster springt, als ihn zu empfangen, bittet ihren Mann, sie gehen zu lassen. Und dieser Mann, seiner Zeit (und in den meisten Fällen wohl sogar noch unserer) voraus, will kein Gefängniswärter sein für die von ihm so geliebte, sieht kein Sinn in Zwang und Gewalt und läßt sie bedingungslos gehen – gegen den Rat aller anderen, gegen die herrschenden Vorstellungen von Sitte und Moral, obwohl er davon ausgehen muss, davon ausgeht, daß Sue zu ihrem Vetter gehen wird, dessen Liebe zu seiner Frau er wohl gespürt hat.

So kommt es. Sue und Juda leben fortan zusammen, auch wenn Sue sich schwer damit tut, zu lieben und Juda darunter leidet. Immerhin werden ihrer beiden Ehen geschieden, aber sie gehen keine neue Ehe miteinander ein, Sue scheut dies wie der Teufel das Weihwasser: dieser Vertrag, der zur Liebe zwingt, würde gerade die Liebe zwischen den Vertragspartnern töten…

Diese ‚wilde Ehe‘ ist für die beiden eine Zeitlang eine Blase des Glücks, in der sie leben und auskommen. Aber wie jede Blase platzt auch diese irgendwann… Sie sind eines Tages plötzlich und überraschend zu dritt: Arabella teilt Juda in einem Brief mit, daß er Vater sei, sie sei damals acht Monate nach der Trennung niedergekommen und schicke ihm jetzt seinen Sohn, damit er ihn aufziehe. So kommt der ‚kleine Gnom‘ – wie er genannt wird – in diese ungewöhnliche Zweisamkeit, ein Kind noch und doch schon so alt wie ein alter Mensch, ein Kind voller Traurigkeit und Depression, ein Kind, das nicht lachen kann noch sich freuen… doch Sue liebt ihn wir ein eigenes Kind und diese Liebe wird von Kind erwidert.

Die Leute fangen über zu tuscheln über die drei… wechseln die Straßenseite, wenn sie ihnen begegnen, sie werden gemieden, geschnitten, nicht mehr gegrüßt… die Aufträge für den Steinmetz Juda Fawley nehmen ab. Daß Sue und Juda nach einigen Tagen Abwesenheit wieder zurück nach Hause kommen und sagen, sie hätten in dieser Zeit geheiratet, hilft nicht mehr.. es beginnt ein Wanderleben, Juda arbeitet sozusagen als freischaffender Handwerker mal hier, mal dort….

Nach Jahren trifft Sue, die auf einem Markt Backwaren verkauft, welche der kranke Juda (seine Tante war ja Bäckerin) gebacken hat, auf Arabella, die die Situation der Familie, die mittlerweile zwei eigene Kinder hat und sichtbar ein drittes erwartet, intuitiv richtig einschätzt. Und Arabella trifft auf dem Heimweg wiederum Phillotson, mit dem sie sich unterhält…..

Sue, Juda und die Kinder leiden Not. Sie gehen auf Judas Wunsch nach Christminster zurück, das sie vor Jahren verlassen haben. Und diese Stadt empfängt sie kalt und mit Regen. Durchnäßt, schmutzig, mit dem dickem Bauch Sues sieht man sie für sonderlich an und nicht vertrauenswürdig, so daß sie kaum eine Unterkunft finden. In dieser Not kommt es zu einem verhängnisvollen Gespräch zwischen Sue und dem kleinen Gnom…

Welch ein Unglück, welch ein Unglück….. die Kinder sind tot, Sue verfällt einer Art religiösem Wahn und sieht ihr gesamtes Leben als versündigt an. Die Ehe, früher für sie ein verabscheuungswürdiger Vertrag zwischen Vertragspartnern, wird jetzt für sie ein heiliges, nicht lösbares Sakrament. In ihrer neuen Welt sieht sie immer noch mit Phillotson verheiratet, und so wie sie diesen einst verließ für Juda, verläßt sie Juda nun und geht zurück zu ihrem früheren Mann, der ihr verzeiht und sie aufnimmt. Sie erneuern die Ehe vor dem Priester und Sue nimmt auch die letzte Konsequenz ihrer selbst auferlegten Buße auf sich und begibt sich ‚freiwillig‘ nächtens zu ihren Mann aufs Zimmer.

Und Juda? Die Geschichte wiederholt sich…. So wie Arabella den jungen Juda einsponn und fing in ihrem Netz, so fängt sie sich ihn auch jetzt wieder. Sie füllt den gebrochenen Mann mit Alkohol ab, packt ihn an der Ehre und schleift ihn wiederum vor das Standesamt… Es bringt ihr kein Glück, Juda, an Leib und Seele gebrochen, siecht bald krank vor sich hin und während sie sich bei dem großen Spektakel in Christminster lieber eine Regatta anschaut, haucht er allein gelassen sein Leben aus.


Thomas Hardys Im Dunkeln bzw. Jude… ist ein umfangreicher Roman. Nicht nur weist er fast fünfhundert Seiten Text auf, er ist auch recht eng gesetzt, trotzdem liest er sich sehr gut und mit großem, freilich durch das schlimme Ende mit Traurigkeit durchsetzten Vergnügen. Die übergeordneten Kapitel benannt nach den jeweiligen Wohnorten sind ihrerseits aufgeteilt in kleinere Abschnitte, die das Lesen sozusagen ‚portionsweise‘ erlauben. Dazu ist der Text flüssig formuliert, mit vielen Beschreibungen und Erläuterungen, aber auch Dialoge und Gespräche zwischen den einzelnen Figuren nehmen einen großen Raum ein. Mich hat diese Art des Textes lange an ein anderes Buch erinnert, ohne daß ich wusste, an welches, bis es mir dann plötzlich einfiel: nämlich an Manzonis wunderbaren italienischen Roman Die Verlobten [5]. Hier wie dort steht ein junges Paar im Mittelpunkt des Geschehens (auch wenn Manzoni seinen Roman im Gegensatz zu Hardy glücklich ausgehen läßt), die Handlung wird streng chronologisch geschildert, beide Autoren streuen immer wieder Erläuterungen, Betrachtungen, erklärende Ausführungen, aber auch offene Fragen und Problemstellungen in ihren Text ein.

Hardys Roman schildert nicht nur eine Lebensgeschichte, er hat auch selbst eine und auch diese ist eher eine ‚dunkle‘. In der Nachschrift zur Neuausgabe des Romans im Jahre 1912 (die erste Ausgabe erscheint 1895) stellt Hardy die Rezeption seines Romanes bei Kritik und Publikum dar.  Er rief schon wenige Tage nach Erscheinen ein „schrilles Crescendo“ bei der Kritik hervor (die sich das Lesen des Romans aber weitestgehend gespart hatte), auch „wurde [der Roman] von einem Bischof verbrannt – wahrscheinlich [mutmaßt Hardy], weil der Kirchenfürst verzweifelt darüber war, daß er nicht mich selber verbrennen konnte.“ Eine andere Kritikerin „zeterte“ in einer „weltbekannten Zeitschrift“ über das Buch und taten kurz darauf brieflich an den Autoren den sehnlichsten Wunsch kund, diesen kennen zu lernen….. summa summarum haben diese (und weitere) Reaktionen der Kritik eine (für uns Leser) verhängnisvolle Wirkung auf Hardy gehabt: „… das Erlebnis heilt mich von jeder weiteren Neigung, Romane zu schreiben.“ In der Tat ist Jude, the Obscure das letzte Romanwerk Hardys geblieben, die Änderungen der Ausgabe von 1912 sind, so hält Hardy fest, nur stilistischer Art, „größere Änderungen allgemein- kritischer Art“ hat er nicht vorgenommen, wohl, weil er auch nach den vergangenen Jahren nichts anderes zu sagen hatte. Dieser Nachschrift ist ebenfalls zu entnehmen, daß der Roman in Deutschland als Fortsetzungsroman erschienen ist. Hardy zitiert einen Kritiker, der in Sue Bridehead den Phänotyp der modernen, intellektuellen, emanzipierten nervösen Frau sieht, die Notwendigkeit, die Ehe als Beruf zu begreifen, leugnet. Daß Sue im Roman am Ende zusammenbricht, wäre, so hält der Kritiker bedauernd fest, einer Frau als Autorin nicht untergekommen.


In Dunkeln hat zwei Hauptthemen. Dies ist zum Anfang des Romans, der gegen Ende der viktorianischen Epoche spielt, die Undurchlässigkeit, Arroganz und Hochmut der ‚besseren‘ Gesellschaft, die es nicht zuläßt, einen Menschen aus niedriger Herkunft zu akzeptieren und zu fördern. Der Autodidakt Jude Fawley, der sich mit viel, sehr viel Mühe und Durchhaltevermögen eine zugegebenermaßen willkürliche Bildung angelesen hatte, wird abgewiesen, auf seinen Stand und seine soziale Schicht verwiesen als demjenigen Platz in der Gesellschaft, in der er sein zufriedenes Auskommen finden kann. Erst gegen Ende des Romans wird davon geredet, daß sie diese (für den jungen Jude noch undurchdringliche) Ausgrenzung lockert, daß unter Umständen auch begabte Menschen aus unteren sozialen Schichten die Chance auf Weiterbildung erhalten können. Für Jude kommt das zu spät, auch wenn gegen Ende der Geschichte deutlich wird, wie sehr es ihn immer noch nach Christminster zieht, nach den so abweisend und dunkel über der Stadt dräuenden Gebäuden der Colleges…

Das Hauptthema des Romans ist freilich der Angriff des Autoren auf Institution der Ehe. Hardy schildert, wie sich Jude als junger Mann durch die sinnlich-erotische Arabella einfangen läßt, einer Frau, mit der ihn sonst nichts verbindet als die körperlichen Freuden, die er mit ihr wohl erleben darf [6]. Die schildert Hardy zwar nicht, aber da Arabella ihn mit einer Schwangerschaft zur Eheschließung bringt, darf man diese sicher vermuten. Diese Schwangerschaft Arabellas ist ein Schlüsselelement in der ganzen Geschichte, in Leben von Juda und (durch den ‚alten Gnom‘) später auch im Leben von Juda und Sue. Letztlich kann man noch nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob Arabella Juda und Sue nicht sogar belogen hat mit der Behauptung, dieses Kind sei Judas Kind, so wie sie Juda ja auch in frühen Jahren belog… Es sei an dieser Stelle nur angemerkt, daß Hardy im Übrigen sämtliche Ehen bei den Fawleys als schlecht bezeichnet.

So wie Judas erste Ehe scheiterte, so scheitert auch die Ehe Sues, die sie nicht mit dem Mann eingeht, den sie liebt – insofern sie zu diesem Gefühl überhaupt fähig ist, so etherisch, ja, fast asexuell sie gezeichnet wird -, sondern den älteren Mann, ihren Lehrer und Mentor Phillotson, zu dem Juda sie geführt hat. Sue betrachtet die Ehe keineswegs als Sakrament, für sie ist es ein Vertrag, der obendrein noch zum Lieben verpflichtet und damit die Liebe zerstört. Ihrer Meinung nach bleibt die Liebe zwischen Menschen, die freiwillig und nicht unter dem Zwang der Ehe miteinander leben, viel lebendiger und stärker, eine Ansicht, deren Folgen Juda und Sue Jahre später ins gesellschaftliche Abseits und Unglück stürzen lassen werden. In den vielen Diskussionen zwischen Juda und Sue geht Hardy später immer wieder auf diesen Punkt ein, so wie er die halbherzigen Versuche der beiden, sich doch der gesellschaftlichen Norm zu unterwerfen, immer wieder scheitern läßt. Dieses Lebensmodell der ‚wilden Ehe‘, die Hardy schildert, sie sollte noch Jahrzehnte brauchen, bis es gesellschaftlich halbwegs akzeptiert worden ist.

Die angestrebte (und dank Phillotsons generöser Art erreichte) ‚Flucht‘ aus der Ehe ist ein Skandal. Eine Frau der damaligen Zeit hat sich zu fügen, einzurichten – so wie der Mann sie zu fügen hat, notfalls auch mit Zwang. Das ich nicht mit ihm als Ehemann leben kann […] es ist eine Marter für mich […] Was mich so maßlos quält, ist die Pflicht, diesem Mann jedesmal zu Willen zu sein, wenn er es möchte, so gut er auch sonst ist! – dieser schreckliche Vertrag, der einen zwingen will, auf eine bestimmte Art zu empfinden, in einer Sache, deren eigentliches Wesen ihre Freiwilligkeit ist. Diese Sue in den Mund gelegte Aussage dürfte deren revolutionäre Ansicht hinreichend belegen. Den von ihr angesprochenen Willen des Mannes, dem sie sich zu unterwerfen hätte, den übte Phillotson übrigens nicht aus…


Der junge Juda träumt von Bildung, von der Karriere als Theologe und später dann als Pfarrer: beide Male wird er jedoch durch den Lockruf der Liebe und der Körper daran gehindert: seine Sehnsucht nach den jeweiligen Frauen besetzt ihn völlig und lenkt ihn vom Geistigen ab. Er ist ein ‚weicher‘ Mensch, ein nachgiebiger, ein Träumer auch, gegen Arabella mit ihrer rustikalen und stabilen Art hat er keine Chance, sich durchzusetzen, und auch Sue, die Zerbrechliche, setzt – zumindest in der Frage der Eheschließung – ihre Ansicht gegen ihn durch, weil er aus Liebe zu ihr immer nachgibt.

So wie im Lauf der Jahre wurde der Hang zum Theologischen bei Juda geringer wurde, nimmt er langsam aber sicher die Ansichten Sues über die Untauglichkeit einer Ehe als auch seine an. Die radikale Änderung der Ansichten Sues ausgelöst durch die unermessliche seelische Verletzung dieser empfindsamen Frau nach dem Tod der Kinder ist daher um so schockierender für Juda: daß sie ein einmal gegebenes Eheversprechen nun als ewig gültig ansieht, bedeutet nicht nur, daß sie und Phillotson in ihrem Geist noch verheiratet sind, sondern auch Juda noch mit Arabella. Und so wiederholt sich die Geschichte, so wie Sue einst von Phillotson die Freiheit erbat, fleht sie nun den verzweifelnden Juda an, sie gehen zu lassen. Daß sie zu ihrem Mann, den sie weltlich erneut heiratet, keine Liebe verspürt, ist nicht mehr wichtig, wichtig ist, daß sie die ihr selbst auferlegte Buße ableistet… und so führt die Romanhandlung zu den Konstellation, die es schon anfangs gab: sowohl Juda als auch Sue, die sich erneut in unglücklichen Ehen wiederfinden.

Der Roman hat neben dem beiden Hauptfiguren Juda und Sue noch die beiden Figuren des Phillotson und der Arabella mit wichtigen Funktionen.

Der Schulmeister Phillotson verläßt zu Beginn des Romans, wie Jahre später auch Juda, das Dorf, um in Christminster Karriere zu machen. Ebenso wie später Juda scheitert er damit, bleibt letztlich auch bei ’seinem Leisten‘, sprich, er bleibt Lehrer. Er verliebt sich in dieselbe Frau wie Juda, er weigert sich (obwohl die Gesellschaft dies erwartet), Zwang gegen diese Frau anzuwenden und er verliert die Frau an einen anderen, eine weitere Parallelität in beider Leben. An diesem Verlust gehen beide zugrunde: Phillotson wird auf Grund seiner Entscheidung aus der Gesellschaft ausgestoßen und sanktioniert, kann sich gerade noch mit Hilfe eines letzten Freundes fangen, Juda jedoch bricht zusammen, wacht als Ehemann einer ungeliebten Frau wieder auf und wartet körperlich geschwächt nur noch auf seinen Tod.

Die Haltung Phillotsons, mit der er auf die Bitte seiner Frau reagiert, sie gehen zu lassen, ist bemerkenswert. Ich denke, ich behaupte nicht zuviel, wenn ich sage, daß sie in dieser Weise auch heute noch ungewöhnlich wäre. In der damaligen Zeit ist es sicher eine skandalöse Einstellung, einen ‚Wahnsinnsgedanken‘ nennt es sein Freund, … es wird überall Anstoß erregen. Großer Gott, was wird Shaston [die Stadt, in der sie leben] sagen! dies ficht Phillotson jedoch nicht an: Wenn ein Mensch blindlings in einen Sumpf [i.e. in diesem Fall die Ehe…] gelaufen ist und um Hilfe ruft, bin ich geneigt, ihm Hilfe zu bringen, wenn es mir möglich ist. … ich bin ein fühlender Mensch, kein logisch denkender. … ich sehe nicht ein, warum nicht die Frau und die Kinder die soziale Einheit bilden sollen, ohne den Mann… weitet er seine Gedanken später noch aus. Fass den Entschluß, die mit ein paar Weiberlaunen abzufinden. … Laß sie nicht fort! so der abschließende Rat des Freundes. Doch der nächste Morgen kam heran…: Du kannst gehen – mit wem du willst. Du hast meine völlige, bedingungslose Einwilligung. 

Will man an Phillotson Eigeninteresse feststellen, so ist es später möglich, da er Sue noch einmal heiratet, obwohl im klar ist (sein muss), daß sie in einem Zustand ist, der diesen von ihr behaupteten Willen dazu und die Freiwilligkeit, sich diesmal unter ihn zu legen, Lügen straft. Vielleicht denkt er auch, daß das Verweigern dieser ‚Buße‘ für Sue noch schlimmer wäre, daß die erneute Heirat gesellschaftlich für ihn vorteilhaft ist, daß wird er in jedem Fall sehen.

Ist Sue die etherische, zerbrechliche, fragile Figur mit scharfen Intellekt und mit eigener Meinung, eine Frau wie ein Blatt im Wind der Gefühle, so ist ihre Gegenspielerin Arabella auch äußerlich ihr Gegenteil: prall, sinnlich, erotisch, durchsetzungsfähig und skrupellos. Sie steht mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität, das Sinnieren, Zweifeln und Grübeln einer Sue ist ihr völlig wesensfremd. Was sie will, bekommt sie – auf die eine oder die andere Art und Weise. Daß auch sie damit nicht glücklich wird, verschmerzt sie, es sind schließlich noch andere Männer da, die sie sich angeln kann…..


„Jude the Obscure is an angry book, and a deeply radical one. To write it, Hardy went further into himself than ever before, exposed his deepest feelings …“ schreibt der Guardian zu dem Roman in seiner Liste der einhundert besten englischen Romane [4], in die er zweifelsohne gehört – was eine kühne Bestätigung meinerseits ist, da ich dafür ja keinerlei Grundlage habe, sprich die anderen Romane kenne. Aber Im Dunkeln ist in der Tat ein wunderbares Buch, das in seiner Konsequenz, mit der die geheiligte Institution der Ehe in Frage gestellt wird, auch heute noch weit mehr ist als ’nur‘ Unterhaltung: es ist eine Lektion in Toleranz ebenso wie in der Frage nach der Sinnhaftigkeit der Ehe (bei uns ja jetzt in gewisser Weise durch die „Ehe für alle“ sogar eine aktuelle Frage). Ebenso ist Jude…. eine Darstellung der viktorianischen Epoche, die langsam den Ende zugeht und sich moderneren Fragen stellen muss wie dem Zugang zu Bildung für alle oder der Rolle der Frau in der Gesellschaft. Dies alles ist eingebunden in tragische Lebensläufe, die – bedingt durch die gesellschaftlichen Umstände – schon von Anfang an kaum Chancen auf ein gutes, selbstbestimmtes Leben ließen. So endet der Roman traurig, Sue gebrochen, sich selbst auf dem Altar eines fehlgeleiteten Glaubens opfernd und Juda sogar den Tod suchend. Phillotson wird als Ehemann nicht wirklich glücklich sein, sieht jedoch gesellschaftlich/beruflich wieder eine Zukunft und einzig für Arabella geht die Welt weiter mit allen Chancen, die sich einer Frau wir ihr bieten.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Eintrag zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Hardy
[2] —
[3] Sarah Waters: Die Muschelöffnerin; Besprechung im Blog ‚aus.gelesen‘
[4] Robert McCrum: The 100 best novels: No 29 – Jude the Obscure by Thomas Hardy (1895); in:  https://www.theguardian.com/books/2014/apr/07/100-best-novels-jude-obscure-thomas-hardy
[5] Alessandro Manzoni: Die Verlobten; Besprechung im Blog ‚aus.gelesen‘
[6] Im Klappentext wird von einer ’schamlos pornographischen Darstellung der modernen Frauen‘ geredet. Das Wort ‚pornographisch‘ ist was Im Dunkeln betrifft, jedoch wohl  (unterstellt man nicht, es sei aus rein vermarktungstechnischen Gründen genannt) anders zu lesen, über die seltene Verwendung des Wortes ‚Busen‘ geht der Text nicht hinaus. Insofern ist also Entwarnung zu geben bzw. darauf hinzuweisen, daß möglicherweise diesbezügliche Erwartungen enttäuscht werden.

Thomas Hardy
Im Dunkeln
Jude the Obscure
Übersetzt aus dem Englischen von Eva Schumann
Originalausgabe: Jude the Obscure, London 1895 (1894/95 gekürzt als Fortsetzungsroman im Harper’s New Monthly Magazine)
diese Ausgabe: Greno, HC, ca. 490 S., 1988; mit ausführlichen Anmerkungen

Magic Hoffmann ist ein kleiner, feiner Roman des viel zu früh verstorbenen deutschen Schriftstellers Jacob Arjouni (1964 – 2013), der unter anderem durch seine Figur des Kommisars Kayankaya (z.B. in Happy Birthday, Türke) bekannt geworden ist. Der vorliegende Roman wurde 1996 erstveröffentlicht, hat also schon etwas Patina angesetzt und führt uns beim Lesen zurück in die Zeit vor dem Euro, in die Area des Walkmans, in die Zeit vor der Erfindung des Smartphones und auch das Internet wurde erst in dieser Zeit langsam größer. Es ist also etwas nostalgisch, diesen Roman heute zu lesen. Aber trotzdem (oder darum?) macht es Spaß… 


Magic Hoffmann, das ist Fred Hoffmann. Mitte Zwanzig, hat er vier Jahre im Knast verbracht wegen eines bewaffneten Banküberfalls. Erwischt hat man ihn damals, weil er, nun ja: dumm und eitel war… seine beiden Komplizen waren dagegen entkommen, sie – davon ist er felsenfest überzeugt, da Abkommen unverbrüchlich sind, erwarten ihn, wenn sich die Tore der Haftanstalt für ihn öffnen. Diese Überzeugung (und diverse Eigenschaften von ihm, die im Gefängnis nützlich sind) hielt ihn die vier Jahre aufrecht – ebenso wie der Plan, zusammen mit der Beute nach Kanada auszuwandern.

Fred also durchschreitet das Tor in die Freiheit und will, ohne daß er darüber nachdenkt, genau an dem Punkt anknüpfen, an dem er sich vor Jahren vorübergehend von der Welt verabschiedet hat. Daß ‚Nickel‘ und Anette nicht warten beunruhigt ihn erst einmal nicht, schließlich ist die Kommunikation aus dem Gefängnis heraus etwas diffizil und kann zu Missverständnissen führen, zumal damals die Beute des Überfalls nicht aufgetaucht war, sondern immer noch irgendwo versteckt ist, was die Verwendung verklausulierter Botschaften notwendig machte…

Was Fred die folgenden Tage zur Kenntnis nehmen muss, ist die Tatsache, daß die Welt sich weiter gedreht hat in diesen vier Jahren und daß, auch dies muss man sagen, nicht wirklich jemand auf ihn gewartet hat. Anette und Nickel haben sich mittlerweile getrennt, sind beide in Berlin, in das Fred ihnen – immer noch guter Hoffnung – aus Dieburg, in der hessischen Provinz, nachreist. Berlin hat sich geändert so wie sich die ganze Welt zwischenzeitlich geändert hat: die Mauer war gefallen, große Teile des Osten in den Westen geströmt. Mit seinem rustikalen, leicht aufschneiderischen Provinzcharme, der daheim das eine oder andere Mädchen amüsierte, tappst Fred in der großen Stadt nur von Fettnapf zu Fettnapf. Schon bald prangt sein Fahndungsfoto in einer Zeitung – dies infolge einer Episode, in der Arjouni den Zufall etwas arg strapaziert.

Die Anette, die er in Berlin trifft, hat mit der, die er aus Dieburg kennt, nur noch wenig gemein. Sie arbeitet etwas naiv, aber engagiert und enthusiastisch in einer Filmproduktionsfirma und mit ihrem neuen Bekanntenkreis (… würd gern mal einen Film machen, wo gar nichts drin vorkommt, aber gut geschnitten…) kann Fred (der bestaunte Exot aus der Provinz) nun mal gar nichts anfangen. Die Adresse von Nickel, die Anette ihm gibt, ist veraltet, Fred findet ihn aber trotzdem: als brav studierenden Familienvater, der das Geld gewinnbringend in hochverzinslichen Papieren angelegt hat. In diesem Moment platzt Fred endgültig der Kragen.

In der ganzen Zeit in Berlin ist vielleicht die spielsüchtige, in obskuren Kreisen verkehrende Moni, die einzige, die Verständnis für ihn hat, ein Verständnis, das sich zu einer Art Liebe entwickelt, immerhin so sehr, daß Moni mit nach Kanada kommen will – wenn Fred erst einmal dort ist. Und seine Apfelweinkelterei eingerichtet hat….


Arjouni – so viel sei verraten – gönnt seinem Helden kein Happy End, im Gegenteil, er muss all seine Träume begraben. Am Schluss des Romans treffen die drei Jugendfreunde noch einmal aufeinander, in der alten Heimat, in Diebüll… aber es ist kein Treffen von Freunden mehr.

Dieses verkorkste Leben eines jungen Mannes, dem es Mühe macht, Traum von Realität zu unterscheiden, schildert Arjouni unaufgerecht, nicht wertend, mit einer gewissen Sympathie sogar für den Träumer. Der strampelt nämlich mitleiderregend heftig im ’neuen‘ Leben, um einen Fuß auf den Boden zu bekommen, aber die Umstände sind gegen ihn, weil er nicht wahrnehmen will, daß auch er sich ändern muss, um zu überleben. Entsprechend wächst seine Verachtung für die ehemaligen Freunde, die sich unter den veränderten Verhältnissen ein neues Leben geschaffen haben. Während für Hoffmann die alten Werte nach wie vor gültig sind, hat bei Nickel und Anette eine Verschiebung der Werte eingesetzt, Sicherheit vor Risiko, Engagement vor Kindereien und Dummheiten. Es ist ja nicht so, als hätten ihn die alten Kumpane betrogen, nur die Vorstellung, wie mit der Beute zu verfahren ist, die haben sich geändert….

Arjouni greift in seinem Text aber über die Darstellung dieses persönlichen Schicksals hinaus und geht zumindest andeutungsweise auf gesellschaftlich relevante Themen ein. In Berlin begegnet Fred nämlich auch einem aufkommenden Nazirevival in Form gewaltbereiter Glatzen, die unheilvoll in sein Leben eingreifen, auch der Dunst aufkeimenden Antisemitismus‘  ist wahrzunehmen. Das Hauptgewicht des Romans jedoch bleibt das Schicksal Freds.

Magic Hoffmann: ein, weil er gut, packend und flüssig geschrieben ist, ein auch heute noch gewinnbringend zu lesender Roman aus dem Anfang des vereinten Deutschlands.

Jakob Arjouni
Magic Hoffmann
diese Ausgabe: diogenes TB, ca. 280 S., 1997 [soweit die Angaben im Buch. Auf der hinteren Umschlagseite wird jedoch die Jahreszahl 2013 genannt, das Todesjahr des Autoren…]

Die Autorin der Janus-Kammer ist keine ganz Unbekannte. Lange Jahre war sie einer der Stars der Hardcore-Industrie im Bereich der Erwachsenenunterhaltung, wie man es mit jugendfreien Begriffen umschreiben könnte. Aus diesem Bereich der Sexindustrie stieg sie jedoch aus, um sich dem Schreiben und der Musik zu widmen. Aus ihrem ersten literarischen Gehversuch ist mit der Juliette-Society [2] ein Buch entstanden, das sicherlich keine Weltliteratur darstellt, das aber durchaus lesbar ist und für mich über dem Durchschnitt des Grossteils der aktuellen erotischen Literatur anzusiedeln ist.

Die vorliegende Janus-Kammer führt die Geschichte der seinerzeitigen Protagonisten Catherine weiter. Kennt man deren Vorgeschichte, sind einige der Andeutungen bzw. Namen, die einem hier wieder begegnen, leichter zugänglich, aber ein unbedingtes ‚Muss‘ ist die Kenntnis der Juliette-Society nicht (möglicherweise hilft meine Besprechung des Buches ja ein wenig: [2]). Catherine jedenfalls hat sich aus ihren im Erstling geschilderten erotischen Abenteuern zurückgezogen und lebt seitdem mit ihrem Freund Jack zusammen, der ihre momentanen sexuellen Bedürfnisse offensichtlich befriedigend bedienen kann; Grey versäumt nicht, uns zu erzählen, auf welche Art und Weise.


Catherine arbeitet mittlerweile als Journalistin und ist auf der Suche nach einer Story. Dabei stößt sie auf den Namen eines verstorbenen Top-Models: Inana Luna [4]  hat sich nach offizieller Lesart suizidiert, ihre Schwester dagegen ist fest davon überzeugt, daß sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Catherine, die sich über Irana informiert, sich ihre Clips, die im Internet veröffentlicht sind, anschaut, gerät immer mehr in den Bann dieser Frau, die so ganz offensichtlich ihre Grenzen auszutesten versuchte und sie damit die Erinnerung an die Catherine vergangener Jahre wieder hervorruft. Als die Schwester Inanas ihr das Tagebuch der Verstorbenen gibt und sie die Einträge der Toten liest, erkennt sie sich in dieser Gedanken- und Wunschwelt endgültig wieder: in Catherine reift der Plan, den Weg Inanas zu (sexueller) Entgrenzung zu rekonstruieren und selbst zu gehen.

Sie folgt den durch das Tagebuch gelegten Spuren und gelangt an einen mysteriösen Ort in der Wüste, ein geheimes Hotel mit einem Luxusstandard, der die gewöhnliche Sterneeinteilung sprengt: ‚La Notte‘. Aufgrund ihres Aussehens und einer gewissen Kaltschnäuzigkeit erhält sie auch gleich eine Anstellung an der Rezeption, bewährt sich einigen ‚kritischen‘ Situationen bei der Betreuung der Gäste und wird vom geheimnisvollen Besitzer des Hotels, Max Gold, sukzessive in die geheimen Ort dieses Hauses geführt.

Es sind dies diverse Clubs, Kammern und Zimmern, in denen sexuellen Spielarten aller Couleur nachgegangen wird. Die Reichen und Mächtigen der Welt sind dort unter sich, es gibt keine Geheimnisse mehr so wie es keine Tabus gibt. Diese arkane Welt der Sexualität, die nur für ausgewählte Eingeweihte zugänglich ist, ist eine dunkle Welt der Erniedrigung, der Beschmutzung, des Schmerzes bis hin zu dem Punkt, an dem Schmerz und Lust ununterscheidbar und eins werden und aus dem malträtierten Körper sich das wahre Ich herausgeschält hat.

Auf Catherine übt diese Welt schnell einen unwiderstehlichen Sog aus, der sie dem heimischen Blümchensex immer mehr entfremdet. Obwohl, Blümchensex ist relativ, auch Jack kennt natürlich mehr als nur die Art der Missionare. Vor dem, was sich Catherine jedoch wünscht, die härtere Gangart nämlich, scheut er: sie widert ihn an. So kommt es sukzessive zu tiefgehenden Differenzen zwischen beiden, zumal Jack für den Intimfeind von Catherine, de Ville, arbeitet, der für die nächste Präsidentschaft in den Staaten kandidieren will. Wobei für mich die letzte verbale Auseinandersetzung zwischen Catherine und Jack noch zu den gelungensten Passagen des Romans zählt.

Das soll als grobes Muster des Plots der Janus-Kammer reichen, den zu skizzieren, war die leichtere Aufgabe. Aber was sag ich nun zu diesem Buch ‚an sich‘?


Die Janus-Kammer hat mich gelangweilt. Es ist einfach so. Ein Roman von fast vierhundert Seiten, in denen sich die Autorin in langen Passagen einer schwurbeligen Kultur- und Gesellschaftskritik hingibt, die über Allgemeinplätze meist nicht hinauskommt: die Verlogenheit und Scheinheiligkeit der Gesellschaft im allgemeinen und der Mächtigen im besonderen, der unheilvolle Einfluss der Religion auf die (sexuelle) Entfaltung der Menschen, der Feminismus, der leugnet, daß Frauen (passive) Gewaltfantasien haben dürfen…

Ein Roman, in dem die Protagonisten (und damit wohl auch die Autorin) nicht müde wird, darauf hinzuweisen, daß sie sich im europäischen Kunstkino vergangener Jahrzehnte auskennt und diese alten Schwarz/Weißfilme liebt. Immer wieder, wie schon in der Juliette-Society, nimmt sie Filmszenen als Hilfsmittel, um ihren Roman zu erklären. Ein explizit erotischer Roman, der ‚dafür‘ praktisch nur den Begriff ‚f*cken‘ verwendet, der einem im Laufe des Romans langsam zum Hals raushängt (es wäre interessant zu erfahren, ob dies auf die Autorin oder auf den Übersetzer zurückzuführen ist)… und dann das immerwährend aus der gerade damit gefüllten Körperöffnung tropfende/laufende Come (auch im Original kursiv gehalten)….

Dabei hat dieser Roman durchaus ein Anliegen: er plädiert für die Entgrenzung der Sexualität, des sexuellen Erlebens, für die Überwindung aller Tabus und für die Anerkennung aller sexuellen Bedürfnisse als gleichwertig: letztlich soll in einer Art mystischer Offenbarung die Erlösung erfolgen. Jeder Mensch hat das Recht darauf, sich auch und gerade sexuell auszutesten – so wie es die Autorin als achtzehnjährige selbst getan hat, als sie anfing, in der gesellschaftlich geächteten Sexindustrie zu arbeiten. Da Männern in der Gesellschaft dieses Recht auf frei gelebte Sexualität meist eher zugebilligt wird, ist das Anliegen Greys gleichzeitig auch eine Forderung nach Gleichberechtigung und Gleichstellung der Frau in sexuellen Dingen.

… und selbstverständlich könnte man jetzt auch anfangen, davon zu schwadronieren, daß dieses Luxushotel ‚La Notte‘ ein Bild ist für die Untiefen der eigenen Bedürfnisse, die man sich selbst nicht eingestehen will… könnte man, man muss aber nicht.

So will ich zusammenfassend festhalten, das Die Janus-Kammer zwar ein respektables Anliegen vertritt, aber die Umsetzung in Literatur aufgrund einer schwurbeligen, teilweise langatmigen Sprache mit eintönigem Vokabular wenig gelungen erscheint. Die Tatsache, daß Grey durch in den Text eingestreute rhetorische Fragen permanent versucht, den Leser direkt anzusprechen, macht das Ganze nicht besser. Und daß der Roman ein offenes Ende hat, läßt zudem ein weiteres Abenteuer Catherines befürchten… wobei mir als noch nicht vorkommende Grenzüberschreitung eigentlich nur noch Kopro- und Nekrophilie (sowie Verwandte davon) einfallen…. Wollen wir hoffen, daß Greys Fantasie in andere Richtungen weist.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorin
[2] Sasha Grey: Die Juliette Society (Besrpechung hier im Blog)
[3] —
[4] Grey hat diesen Namen natürlich nicht ohne Hintersinn gewählt, galt Inan(n)a den Sumerern doch u.a. als Göttin der Liebe und des Geschlechtslebens: https://de.wikipedia.org/wiki/Inanna, auch der Nachname ‚Luna‘ passt mythologisch für eine Tochter der Mondgötter…

Sasha Grey
Die Janus-Kammer
Übersetzt aus dem Englischen von Daniel Müller
Originalausgabe: The Janus Chamber,
diese Ausgabe: Heyne, (Reihe: Heyne Hardcore), Softcover, ca. 384 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Der vorliegende Roman Die Muschelöffnerin (im Original Tipping the Velvet) ist der Erstling der britischen Schriftstellerin Sarah Waters [1] aus dem Jahr 1998. Im Englischen noch mehr als im Deutschen deutet der Titel das Genre an, in dem der Roman spielt. So ähnlich wie bei D.H.Lawrence der Titel John Thomas und Lady Jane [in einer anderen Version als Lady Chatterley bekannt; 3] eine umgangssprachliche Umschreibungen der damaligen Zeit für die Geschlechtsteile auf den Einband hob, war ‚Tipping the Velvet‘ in der Zeit, in der der Roman spielt, eine Bezeichnung für Cunnilingus. Man braucht wohl nicht viel Fantasie, um auch den deutschen Titel in diese Richtung zu interpretieren, er hat jedoch im Zusammenhang mit der Handlung auch eine ganz reale Bedeutung.

Aber noch einmal kurz zurück zur Autorin. Diese wurde 1966 in Wales geboren, studierte mit mehreren Abschlüssen englische Literatur und promovierte über lesbisch-schwule Literatur ab 1870. Mit ihrer Lebenspartnerin lebt sie heute in London; ihr Werk ist vielfach ausgezeichnet, einige ihrer Romane, unter anderem auch dieser, wurden verfilmt.


Im Mittelpunkt der Muschelöffnerin steht die Figur der Nancy Astley, mit ihr lassen wir uns von Waters in die Vergangenheit zurückführen, in die Jahre um 1890 nach London. Wir beginnen diese Reise zurück jedoch in Kent, in der Nähe der Stadt Canterbury an der Küste. Dort nämlich betreiben die Eltern von Nancy ein bekanntes Austernlokal, in dem die 17jährige als Muschelöffnerin arbeitet. Es ist eine harmonische Familie, in der Nancy ihre ältere Schwester bewundert, die harte Arbeit in der Küche oder beim Servieren findet sie normal und erledigt sie gerne. Zu den wenigen Vergnügungen, die das Leben für sie bereit hält, gehört der Besuch der Music Hall im nahegelegenen Canterbury…

Dort, an diesem Ort, in dieser Music Hall, sollte sich ihr Leben entscheiden. Eines Tages tritt dort nämlich eine gewisse Kitty Butler auf. Man klatschte und johlte … und ich hörte das Knistern und Rauschen des sich hebenden Vorhangs. Gegen meinen Willen öffnete ich die Augen – dann riss ich sie auf und hob den Kopf. Die Hitze und meine Müdigkeit waren augenblicklich vergessen. Ein einziger rosiger Lichtstrahl durchdrang das Dunkel der leeren Bühne, und mitten darin stand ein Mädchen, das wundervollste Mädchen – ich wusste es sofort – das ich je gesehen hatte. 

Ohne daß man das zu diesem Zeitpunkt schon hätte sagen können, aber mit diesem Moment ist die Weiche für Nancys Leben umgestellt worden. Alle Kapriolen und Volten (und es sind einige), die jetzt noch folgen werden, finden auf der neuen Lebensbahn statt, nie wird zur Diskussion stehen, umzukehren und ein ’normales‘, sprich: konventionelles Leben mit Mann und Kind zu führen.

Nancy jedenfalls versuchte (und es gelang ihr) so viele Vorstellungen von Kitty Butler, wie es für sie möglich war, zu besuchen. Und sie fiel der Sängerin, die mit kurzen Haaren im Kostüm eines Dandys, eines Mannes also, auftrat, auf, sie lernten sich kennen, waren sich sympathisch und als Kitty ein neues Engagement in London annimmt, fragt sie Nancy, ob diese nicht als ihre Garderobiere mitkommen möchte.

So kommt Nancy nach London in die Welt des Theaters. Es zeigt sich nämlich, daß auch sie eine Begabung hat zum Singen und zum Tanzen und so treten die beiden jungen Frauen eines Tages mit viel Erfolg als Duo in Männerkleidung auf. Und auch außerhalb der Bühne überwinden sie diese Grenze, die davor steht, sich dem dem anderen zu öffnen, zumal wenn dieser andere gleichen Geschlechts ist und diese Variation einer Liebe gesellschaftlich stark geächtet ist [2]… Kitty und Nancy werden daher ein heimliches Paar, das in der Öffentlichkeit alles vermeidet, als ‚kesse Väter‘ erkannt zu werden. Doch dann kommt es zum Bruch, Kitty kann sich nicht zu Nancy bekennen, sie heiratet – ob aus Berechnung für die Öffentlichkeit oder aus Liebe, darüber läßt sich diskutieren – ihrer beider Agenten Walter.

Für Nancy bricht die Welt zusammen. Sie flieht, nimmt nur ein paar Kostüme mit. In einem der schmuddeligsten Viertel Londons findet sie schließlich ein unsagbar dreckiges Zimmer, hier verwahrlost sie in überwältigendem Selbstmitleid: Seht nur, was ihr mir antut! Sie wäscht sich nicht mehr, wechselt ihr Kleid nicht, isst kaum… aber auch diese Periode geht vorbei und eines Tages geht sie gebadet und mit geschnitten Haaren, gekleidet in eins der schönen ihrer Männerkostüme als Husar vor die Tür und streift durch die Straßen.

In schmuddeligen Vierteln gibt es Männer mit Gelüsten auf schöne Knaben. Von so einem wird sie angesprochen. Erst ziert sich Nancy, der Husar, doch dann…. so also schmeckt Walter, denkt sie, spuckt das Zeug aus und steckt das Geld ein… ab diesem Zeitpunkt findet man Nancy regelmäßig auf Abtritten, in dunklen Ecken, schummrigen Hauseingängen vor Männern knien… sie lernt die Tricks und Kniffe, die sie in diesem Milieu zum Überleben braucht. Doch eines Tages fühlt sie sich von einer Kutsche verfolgt, die sie nicht abschütteln kann. Sie verweigert sich der Einladung des offensichtlich wohlhabenden Passagiers, bis … ja, bis sie die Stimme einer Frau hört: Du kleine Närrin … steig schon ein.

Diana, die Nancy auf diese Art in ihr luxuriöses Haus holt, ist eine reiche Witwe mit Neigung zum Exzentrischen, auch im Erotischen. Zusammen mit anderen Frauen bilden sie einen sapphischen Club und Nancy wird zum Jungen Dianas, ein Spielzeug, mit dem diese vor ihren Freundinnen angibt, das mit Lust und Luxus ausstaffiert und verwöhnt wird und das die Art von Lust, die ihre Herrin wünscht, zu schenken hat. Und das ungerührt weggeschickt wird, wenn der Dame nicht mehr danach ist.

Setzt Nancy dieses Leben einer Sexdrohne aus Dummheit auf´s Spiel oder will sie unbewusst ein Ende herbeiführen? Diana jedenfalls schlägt sie blutig und schmeißt sie noch in der Minute der Entdeckung aus dem Haus. Die Frauen stülpen Nancy noch eins der alten muffigen Kleider aus dem Seesack über, mit dem sie damals zu Diana kam, und jagen sie in die eiskalte Dunkelheit der Winternacht, die sie im Obdachlosenasyl überlebt.

Nancy erinnert sich in dieser Notlage an eine Frau, mit der sie am Tag, als sie von Diana mitgenommen worden war, eine kurze Unterhaltung und eine nicht eingehaltene Verabredung zu einem Rendevouz hatte. Sie kann sich die Adresse dieser Florence erschleichen, die sie mit ihrem blauen Auge und der blutverkrusteten Wange natürlich nicht wiedererkennt, als sie in der Tür steht. Mit Hartnäckigkeit, Unverfrorenheit, vielen gebrochenen Versprechen, die Wohnung wieder zu verlassen, aber auch mit Saubermachen und Reinigen der vernachlässigten Wohnung in einem armen Viertel, mit dem Versprechen, sich um das Kind zu kümmern, nistet sich Nancy bei Florence und Ralph dann doch ‚auf Probe‘ ein.

Sie bleibt, wird bald Teil der Familie und fängt auch irgendwann an, Florence, die (so würde man heute vllt sagen) Sozialarbeiterin ist und die sich in ihrer Freizeit politisch für Frauen und die Verbesserung der Lebensverhältnisse engagiert, zu helfen. Und sie bekommt wieder Lust darauf, Hosen zu tragen. Eines Tages belauscht Nancy unbeabsichtigt ein Gespräch von Florence mit einer Freundin, die ihr vorhält, sich zu sehr an ihre verstorbene Liebe zu klammern, das Mädchen in den tollen Hosen nicht für sich zu beanspruchen und wenn das schon so wäre, solle sie es doch für ihre Freundinnen ‚freigeben‘. Aber besser wäre es, sie, Florence, würde Nancy bitten, mir ihr zum Stammlokal der Frauen zu gehen und einen lustigen Abend miteinander zu haben.

Diese Ermahnung ist (nicht weiter überraschend) der erste Riss in der Mauer gegenseitiger Abschottung bei Florence und Nancy. Und hat der Damm erst mal einen Riss, dann wird er auch bald geflutet. Und so sollte es nach diesem Abend auch kommen….

Waters läßt ihren Roman, ihre Geschichte von Nancy, in einer Art ‚Showdown‘ enden. Es gibt eine große politische Versammlung im Park, auf der Nancy im Laufe des Tages sämtliche ihrer Liebhaberinnen sieht bzw. trifft, auch Kitty, nach der die Sehnsucht in ihr immer noch zu leben scheint. Doch Nancy ist reifer geworden, hat zu viele Erfahrungen gemacht, um in dieser Konfrontation, in der Begegnung mit ihrer ersten Liebe, nicht deutlich zu erkennen, wo jetzt ihr Platz ist.


Die Muschelöffnerin ist ein Entwicklungsroman, der sieben Jahre im Leben der Nancy Astley schildert, in denen sie vom unschuldigen Mädchen vom Lande zur reifen, ihren Platz im Leben kennenden 25jährigen Frau wird. Die Zwischenzeit, diese Periode des Erwachsenwerdens, weist Höhen und Tiefen auf, die einander zum Teil sehr plötzlich ablösen, Nancys Leben wird mehrfach in den Grundfesten erschüttert: die Erkenntnis, daß sie sich durch ihre Liebe zu Frauen und ihre Arbeit am Theater der eigenen Familie entfremdet hat und die Entdeckung, daß sie von ihrer Liebe, von Kitty, betrogen und belogen wird, findet am selben Tag statt, gefolgt vom Abstieg aus relativ gesichertem und komfortablem Status in die soziale Unterschicht bis schließlich hin in die Prostitution. In der sie in gewisser Weise verbleibt, als die reiche Diana sie aus dem Strichermilieu innerhalb von Minuten in eine Welt des Luxus, des reinen Sexes ohne jegliches Gefühl katapultiert. Monate des raffiniert konstruierten Genusses, gefolgt von einem weiteren Absturz, aus dem heraus Nancy dann endlich in eine gesicherte Existenz gelangt.

Der Charakter eines Entwicklungsromans ist das eine, das andere ist selbstverständlich die (in den Augen des viktorianischen Zeitalters) Verwirrung der sexuellen Orientierung der Nancy Astley, die sich nicht zu Männern, sondern zu Frauen hingezogen fühlt und damit – das deutet Waters als Autorin des Romans an – bei weitem nicht allein steht [2]. Sofern sie überhaupt offen gelebt werden konnte, wurde Homosexualität zwischen Frauen damals entweder geächtet (Waters stellt dies dar in der Figur vor den Frauen ausspuckender Männer), ignoriert (zusammenlebende Frauen wurden konsequent als ‚gute Freundinnen‘ bezeichnet, die offensichtlich keine Sexualität hatten) oder als medizinisches Problem behandelt – durch männliche Vergewaltigungen, damit sie, sozusagen, auf den Geschmack kommen [nach 2]. In diesem Zusammenhang sei an das traurige Schicksal Oscar Wildes erinnert, der 1896 seines Lebenswandels wegen zu harter Zwangsarbeit (zwei Jahre waren das übliche Maß) verurteilt wurde und der letztlich daran zugrunde ging und starb.

Der Roman Walters enthält einige Bett- und Sexszenen, insbesondere im dunklen Dian’schen Zeitalter. Die Eingangsszene mit dem ledernen Strap-on Dildo läßt an Deutlichkeit kaum zu wünschen übrig und genießt wohl einen gewissen Ruf. Aber auch sonst geht es nicht prüde zu im herrschaftlichen Ambiente Dianas, überraschender ist da schon der forsche … ähem… Eingriff von Florence bei Nancy, den ich in dieser Ausgestaltung so nicht erwartet hätte. Die Visualisierung der Tätigkeit Nancys als ‚Stricher‘ auf Abtritten etc pp sind wie zu erwarten wenig schön, aber ich gehe davon aus, daß Waters hier schildert und darstellt, was sich seinerzeit genauso abgespielt hat.

Interessant ist die Rolle der Kleidung im Roman bzw. in Nancys Leben. Nancy sieht Kitty zum ersten Mal in Männerkleidung, als Dandy, mit kurzen Haaren und ist begeistert. Auch sie selbst trägt später als Partnerin von Kitty Männerkleidung, die sogar durch Änderung des Schnitts weiblicher gemacht werden muss, da man sie sonst für einen echten Jungen halten würde. Nach der depressiven Periode ihres exzessiven Selbstmitleids geht sie in Männerkleidung wieder auf die Straße und ‚arbeitet‘ sogar als Junge dort. Ebenso kleidet Diana sie als Jungen mit massgeschneiderten Anzügen ein, sie ist es, die den Dildo umschnallen muss und die Männerrolle zu übernehmen hat: “I tore it from her, her gown of black and white and silver… [then] she had me kneel upon it and fuck her, until she came and came again” heißt es im Original. Und ebenso: „Nancy is cast in the role of the male aggressor who takes control of the female victim by undressing her forcefully, ironically inverting the established dynamic of dominant Diana who exercises her power by dressing her “kept boy”“. Dient die Kleidung Nancy im ersten Teil des Romans also dazu, ihre Sexualität auszudrücken, kehrt sich deren Funktion bei Diana insofern um, als sie die Hierarchie in dieser Beziehung spiegelt: Diana ist diejenige, die Nancy anzieht bzw. ihr Anweisungen gibt. Nach der Zeit bei Diana trägt Nancy dann erst einmal wieder konventionell Röcke, bis sie eines Tages wieder unbändige Lust verspürt, eine Hose anzuziehen, nach wenigen Tagen sogar außer Haus, ein Symbol für ihre sich langsam wieder normalisierende Gefühlswelt. Jetzt dient die Kleidung wieder dazu (ebenso wie die Haare) Sexualität auszudrücken, der Sehnsucht einen Ausdruck zu geben, denn selbstverständlich war eine derartige Kleidung damals für andere – Männer wie Frauen – ein Signal, es sein denn, die Menschen waren so arm, daß sie auf derartige Feinheiten keine Rücksicht nehmen mussten, sondern anzogen, was gerade überhaupt da war. Wer Ausführlicheres zu diesem interessanten Aspekt der Geschichte lesen möchte, den verweise ich auf den Aufsatz von Joanna Waszczuk, dem ich auch die beiden englischen Zitate entnommen habe [4].

Womit ich bei einem weiteren Punkt des Romans wäre, denn durch die gesamte Geschichte zieht sich eine Schilderung der Lebensverhältnisse im damaligen London. Meist waren diese Verhältnisse erbärmlich schlecht, die Menschen wurden ausgenutzt, lebten in ungesunden, beengten, muffigen Wohnungen, die völlig überbelegt waren, arbeiteten für einen Hungerlohn und wurden im Schnitt nur halb so alt wie die wohlhabenden Londoner, die sich für Geld alles kaufen konnten. Im letzten Abschnitt des Buches, der unter dem Aspekt der gesellschaftlichen Verhältnisse ein totales Gegenstück zur degenerierten, blasierten sapphischen Gesellschaft um Diana darstellt, die mit ihrem Luxus nicht weiß, wohin, wird das Erwachen eines politischen Bewusstseins unter den Armen Londons beschrieben: politische Versammlungen werden abgehalten, Gewerkschaften werden gegründet und werben Mitglieder/innen, Flugblättern geschrieben und verteilt, Menschen, die in Not geraten sein, werden unterstützt. Bei all diesen Aktivitäten ist Florence mit ganzem Herzen und viel Einsatz dabei. Sie weiß, daß der Erfolg nur langsam kommen wird, aber für sie ist die Arbeit an sich schon Erfolg und Befriedigung.

So wird parallel zur Geschichte der Nancy Astley auch das London um 1890 lebendig: geschäftig ist es, Kutschen und Droschken rumpeln durch die Straßen, es ist an vielen Ecken und Enden dreckig und versifft, es ist prächtig in den großen Theatern, laut und lustig in den kleineren, schmuddeligeren. Dem Alkohol wird gefrönt, dem Tabak ebenso und die Reichen können sich auch andere Drogen leisten. Wer Sex braucht und keinen Partner hat, kauft ihn sich; die Londoner Halbwelt kann jedes Bedürfnis befriedigen… es ist ein farbenprächtiges, ein lebendiges Bild einer pulsierenden Millionenstadt, die auf dem Rücken der Armen und Geknechteten errichtet ist.


Ich war skeptisch bei diesem Buch, zu groß das Lob, das es allgemein einheimst, obwohl es doch so schwierig ist, einen guten erotischen Roman zu schreiben. Und obwohl ich das Buch gar nicht mal als explizit erotischen Roman ansehe – die Erotik ist nur Teil der Handlung, der Entwicklung Nancys – muss ich bestätigen, daß Sarah Walters mit Die Muschelöffnerin in der Tat einen schönen, einen guten Roman geschrieben hat. Sprachlich zwar ist er nicht sonderlich anspruchsvoll, die Schilderung der Ereignisse ist streng chronologisch, aber die Schauplätze der Handlung sind lebendig und farbig geschildert, daß man sie sich sofort vorstellen kann und viele der Figuren, auch der Nebenfiguren wie beispielsweise Mrs Miles, eine der Zimmervermieterinnen mit ihrer behinderten Tochter Gracie erwecken spontane Sympathie.

Dabei ist Nancy keineswegs ohne Fehl und Tadel… auch wenn sie bei ihrem letzten Besuch der Eltern gemerkt hat, wie anders ihre Lebenswelt doch geworden ist, so ist es doch sehr grausam von ihr, für diese praktisch wie vom Erdboden verschluckt zu verschwinden. Man kann nur hoffen, daß Florence ihr da gehörig die Meinung sagt…. ;-)

Die Muschelöffnerin ist also ein atmosphärisch dichter Roman mit gut und differenziert gezeichneten Figuren, der einen beim Lesen leicht in Bann schlägt.

Links und Anmerkungen:

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Sarah_Waters
[2] es ist mir leider nicht gelungen, die Dissertation von Waters im Internet ausfindig zu machen. Ein interessanter Überblick über Homosexualität im England dieser Zeit (über dessen Qualität ich nichts sagen kann) ist hier zu finden: http://the-gaiety-girl.blogspot.com/2013/02/homosexualitat-im-viktorianischen.html
[3] Besprechung des Buches hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2017/05/21/d-h-lawrence-john-thomas-lady-jane/
In beiden Roman geht es (vor dem Hintergrund sozialer Probleme) um eine die gesellschaftlichen Konventionen sprengenden Liebesbeziehung. Unter diesem Gesichtspunkt wäre möglicherweise sogar in Vergleich beider Romane interessant.
[4] Joanna Waszczuk: Cross-Dressing as an Expression of Lesbian Sexuality in Sarah Waters’ Tipping the Velvet; in:  http://www.ia.uw.edu.pl/…Waters_Tipping_the_Velvet.pdf

Sarah Waters
Die Muschelöffnerin
aus dem Englischen übersetzt von Susanne Amrain
Originalausgabe: Tipping the Velvet, London 1998
diese Ausgabe: Daphne, HC, ca. 480 S., 2002

 

 

Wein, Weib und Gesang… ob der Geheimrat seinerzeit gesungen hat, das weiß ich nicht, das Internet ist in dieser Hinsicht nicht sehr ergiebig mit Aussagen. Daß Goethe Wein und Weib aber genossen hat, ist bekannt, man muss nur einmal die Briefe lesen, die er mit seiner Gefährtin und späteren Ehefrau Christiane wechselte. Nicht nur die Vorräte im Weinkeller waren hier Thema, auch die Bestellung des Schreiners, der das mal wieder zusammengebrochene Bett zu richten hatte… [4]. Möglicherweise wurde dabei ja gesungen (womit ich mit dem ‚dabei‘ jetzt nicht das Richten des Betten meine…) genauso, wie ja auch der Wein die Stimme zum Singen beflügelt (was ich mehrfach im Selbstversuch verifiziert habe.). Sei’s drum, in diesem kleinen, liebevoll aufgemachten Büchlein geht es jedenfalls um das Weib und die Freuden, die sich Männlein und Weiblein gegenseitig bereiten können.

Entstanden sind die Verslein (mit wenigen Ausnahmen) in der Reihe der venezianischen Epigramme im Zusammenhang mit der zweiten Reise Goethes nach Italien, auf der er der heimkehrenden Herzogin Anna Amalie entgegenreiste. Diese zweite Italienreise entfaltete beim Dichter nicht den Zauber der ersten (1786-88), der wir den Spruch vom Land, in dem die Zitronen blühen, verdanken. Goethe kam nur bis Venedig, die Eindrücke des Landes auf ihn mäßig bis schleicht. So notiert er über seinen Veronaaufenthalt (25.-28. März 1790):

….. Campanò heißt das unerträgliche Gebimmele, das sie drey Tage zu verschiedenen Zeiten von den Thürmen der Kirche hören lassen, welcher ein Fest bevorsteht.

De Monti Colonnari e altri fenomeni vulcanici dello Stato Veneto. Memoria di Giov. Strange. 1778.

In der Baukunst in Verona außer an den ältesten Gebäuden eine unschickliche Nachahmung der Rustica, welche an der noch stehenden Außenseite des alten Amphitheaters mit großem Verstand gebraucht ist. Die Gebäude des M. Sanmicheli verdienen alle Achtung und ein besonder Studium.

Die Architektur des neuen Hospitals ist nicht glücklich. Es scheint mir kein Theil derselben wohl räsonnirt zu sein, überhaupt in denen neuern Gebäuden scheint nur noch ein Gespenst der alten Kunst nachzuspuken. Beyspiele von dem schlimmsten Geschmack der mittlern Zeiten, ….. [1]


… aber im Grunde ist dies ja auch nicht das Thema im Büchleins, mit dessen Inhalt der Dichter sich möglicherweise die eigene Befindlichkeit verbessern wollte. Auf Venedig bezogen und des Dichters Impression von der Stadt wird man in den Eprigrammen ebenalls fündig. So heißt es z.B. …. Hättest du Mädchen wie deine Kanäle, Venedig und Vötzchen / Wie die Gäßchen in dir, wärst du die herrlichste Stadt.

Als Motto stellt Goethe seiner Sammlung folgende Spruch voran, datiert auf das Jahr 1790, geschrieben in der Lagunenstadt:

Wie man Zeit und Geld verthan,
Zeigt das Büchlein lustig an.

Daß uns Nachkommen die Verslein überhaupt erhalten geblieben sind, ist nicht selbstverständlich. Im erläuternden Nachwort des Markuskreises, der 1924 die Erstausgabe verantwortete [3] wird festgehalten, daß Goethe die Verse versiegelt an seinen Sohn August reichte, damit dieser sie prüfte (oder prüfen lasse) und sie ggf. vernichte oder auch publiziere. Publiziert wurden sie nicht, aber eben auch nicht vernichtet, letztlich sorgte die Großherzogin Sophie dafür, daß diese Epigramme zum einen zensiert und entschärft, zum andern auch nicht in die ihren Namen tragende Gesamtausgabe aufgenommen wurden. Erst auf Betreiben späterer wurden die Verse in den letzten Bänden der Ausgabe sozusagen ‚vergraben‘.

Dem ‚Markuskreis‘ (zu dem ich keine Informationen finden konnte) kommt jedenfalls der Verdienst zu, die Epigramme 1924 in konzentrierter Form und illustriert zusammengestellt zu haben, wenngleich auch in einer limitierten Privatausgabe [3]. Heute gibt es natürlich eine Reihe von Publikationen, die mehr oder weniger schön sind, zu den schönen, repräsentativen rechne ich diese Ausgabe von Walde+Graf, die in diesem Jahr als Sonderausgabe erschienen ist [s.u.].

Die Illustrationen sind wie auch der Text in einem gedämpften Blau gehalten, die Radierungen stammen von Walter Günteritz (i.e. Carl Heinz Roon), einem 1888 in Neubrandenburg geborenen Maler, der Jahre nach dieser Arbeit in der SA dienen sollte [2]. Einige wenige der Illustrationen findet man über die Google-Bildersuche, so daß man einen Eindruck von ihrer Art gewinnen kann.

Die Qualität der Verse… wer bin ich, daß ich dazu was sagen könnte? Goethe selbst scheint sich jedenfalls des Pikanten seiner dichterischen Ergüsse bewusst gewesen zu sein, brachte er sie ja selbst nicht an die Öffentlichkeit, es findet sich auch ein Vers, in dem es gefragt wird: Wagst du deutsch zu schreiben unziemliche Sachen? worauf er die folgende Antwort gibt: Mein Guter / Deutsch dem kleinen Bezirk, leider ist griechisch die Welt …. Man sieht, es bleibt genug Anregung, das eine oder andere auszudeuten. Eine gewisse Grundkenntnis der antiken Mythologie schadet ebenfalls nicht, sondern erleichtert das Verständnis wenn etwa Priapus angerufen wird, der Fruchtbarkeitsgott der Lampsaken, was andererseits der Römer mit ‚mentula‘ bezeichnet, läßt sich leicht aus dem Zusammenhang erschließen…

Goethes geheime erotische Epigramme gehören für mich zu den Büchlein, die man einfach mal aufschlägt, in denen man blättert und sich für ein paar Minuten erfreuen kann. Für den einen oder anderen mag es ebenso als schönes Geschenk geeignet sein, ein kleines, pikantes Mitbringsel aus Venedig….

Links und Anmerkungen:

[1] http://www.zeno.org/Literatur….Reise
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Günteritz
[3] die Beschreibung des Büchleins: 29,3 x 19,8 cm. Blaue Halbleinenkassette, seitlich in Silber gefasst, mit Extra-Abdeckungspappe für die Kassette und Pergamentschnalle. Inliegend: 1 w. Bl., Titelblatt, 77 (1) Seiten, 1 w. Blatt. Die Seiten sind einseitig bedruckt mit insgesamt 36 Versen und einem 2seitigen Nachwort. Des Weiteren 37 Blätter mit jeweils einer handsignierten Radierung (7×5 bzw. 4×5 cm groß), diese liegen jeweils zwischen zwei Versen. Texte und Radierungen in Blaudruck. …. Begleittext: Von diesem Werke wurden 30 Exemplare in Venedig im Jahre 1924 als Privat-Ausgabe für den Markuskreis auf der Manutius-Presse gedruckt. Carl Heinz Roon radierte die Platten und druckte und signierte eigenhändig die Abzüge. …[entnommen aus einen Antiquariatsangebot bei ZVAB (Wegner, Berlin)]
[4] vgl hier: Sigrid Damm: Christiane und Goethes Ehebriefe;  https://radiergummi.wordpress.com/…ehebriefe/

Goethes geheime erotische Epigramme
Mit 37 Radierungen von Carl Heinz Roon
Originalausgabe: Venedig, Privat-Druck für den Markuskreis, 1924
diese Ausgabe: Frölich&Kaufmann (Sonderausgabe), HC, ca. 40 S., 2017

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