Jan Kjærstad: Rand

Auf diesen Roman bin ich durch Zufall (Vorbestimmung?) gestoßen, sammle ich doch hin und wieder alte Ausgaben der Reihe Die Andere Bibliothek. Weder vom Titel noch vom Namen des Autoren, Jan Kjærstad [1], wäre ich wohl sonst auf diesen außergewöhnlichen Roman getroffen. Außergewöhnlich, weil schon der erste Satz ohne jede weitere Einleitung schockiert (berührt? verwirrt? irritiert?), so direkt und unvermittelt findet man das selten formuliert, zumal das Sujet der Frage kein Alltagsproblem berührt [2]….


Ich weiß plötzlich, ich sehe – und ich schreibe dies in vollem Ernst –
eine Milliarde Milchstraßen in der Hülle namens Mensch.

Das Buch spielt in Norwegen, genauer Oslo, zur Zeit des Ölbooms [5], in dem viel Geld in das Land fließt und sich die Stadt baulich erneuert und stetig verändert. So ist sie neben dem Erzähler die zweite Hauptperson des Romans, man müsste diesen Roman mit einem Stadtplan an der Hand lesen, denn  Kjærstad führt uns auf vielen Spaziergängen, die seine Hauptfigur unternimmt, durch die Stadt, schildert die Gebäude, die Aussichten, die Baustellen… Ist es verwunderlich, daß der namenlos bleibende Protagonist bei seinen Spaziergängen auch auf einen Architekten trifft und mit ihm ins Gespräch kommt? Nein, ist es nicht, auch wenn der Erzähler dieses Faktum erst posthum, nach dem gewaltsamen Tode Beckers durch die Zeitung erfährt. Der Tote ist der Zeitung eine Meldung wert, in der ein wenig über ihn geschrieben wird, genauso wie über einen weiteren durch Gewalt verursachten Todesfall, bei dem ein ??? stirbt. Als dann eine dritte Leiche, diesmal eine Frau, gefunden wird, wächst die Aufregung (Angst? Besorgnis? Empörung?) unter den Einwohnern, eine Serie wird vermutet, die Zeitung stellt Spekulationen (Holmen!) an und die Polizei setzt ihren erfolgreichsten Vermittler auf den Fall an. Auch unser Protagonist rätselt über die Geschehnisse, verfolgt die Theorien und Hypothesen in Presse, Funk und Fernsehen (Tonga? Deutsche Nachnamen der Opfer? Juden?), die auf Gemeinsamkeiten und damit potentielle Spuren hindeuten, die jedoch durch den nächsten Toten immer wieder obsolet (wie komme ich auf das Wort? .. ein wirklich treffender Ausdruck…) werden.

Schwitzen Sie denn nicht an der Nasenwurzel?

Der Ich-Erzähler lebt in guten Verhältnissen, ist in einer EDV-Firma mit Sonderprojekten betraut. Ingeborg, seine Lebensgefährtin (Frau? Freundin? …) ist meist in der Welt unterwegs (Reiseführerin? Stewardess? Flugbegeiterin?). Sie scheinen glücklich miteinander zu sein, kehrt Ingeborg von einer Reise zurück, nimmt sie sich kaum Zeit, sich der Kleider zu entledigen, um den Erzähler sofort zu Höchstleistungen zu treiben. So reitet sie ihn (ein-zwei-drei) mit Barett auf dem Kopf, oder erregt ihn maßlos durch Küsse der besonderen Art, immer jedoch ist der Erzähler der passive Part des Spiels.

Die Düfte, die Dichte, die Fruchtbarkeit. Die Verwesung.

Aktiv ist dagegen die Beziehung, die er zu seinen flüchtigen Zufallsbekanntschaften eingeht. Er hat keinen Plan (aber das Fatum (ein wunderbares Wort) vielleicht… möglicherweise herrschen Zusammenhänge, die es noch zu finden und zu ergründen gilt… zu sehr wirken die Umstände, als wäre nur blinder Zufall im Spiel…?), den wir erkennen können, erst im Nachhinein fallen Gemeinsamkeiten auf, die sich für den Erzähler wie Spalten darstellen, die den Vorhang zu einer hinter unserer Realität liegenden weiteren Wirklichkeit eröffnen.

Wo sind deine Schwänke? deine Sprünge? deine Lieder? deine Blitze von Lustigkeit?

Die Beziehung, die der Täter zwischen sich und den Opfern knüpft, endet nicht mit deren Ableben, im Gegenteil beginnt sie dort erst. Denn das gelebte Leben seiner Toten interessiert den Erzähler, er recherchiert, macht sich kundig über sie, wo sie gelebt, gearbeitet haben, wohin sie reisten (Tonga?), was sie taten… je mehr er erfährt, desto näher kommt er ihnen, als desto intensiver empfindet er diese Beziehungen. Hier ist er so aktiv, wie er bei unter Ingeborg passiv bleibt.

Diese Stearinkerzen sind schlechter als die alten,
die noch aus dem Tran des Pottwals gemacht wurden.

Sein Idol jedoch ist Zakariassen, der charismatische Ermittler der Osloer Polizei, ihn bewundert, ja verehrt er. Seine Arbeit, seine Hypothesen, die Spuren, die er verfolgt: wenn jemand diesen Fall löst, dann wird es Zakariassen sein, so ist sich der Erzähler sicher… eine Wertschätzung, die in gewisser Weise erwidert wird: auch der Kommissar hat vor dem Mörder einen großen professionellen Respekt…

Wenn ich überlege, bin ich in erster Linie inspiriert.

Es ist seine Chance… Bei der Polizei wird eine EDV-Stelle ausgeschrieben, der Protagonist bewirbt sich, wird angenommen und imponiert seinem Idol durch seine Äußerungen so sehr, daß Zakariassen ihn als eine Art Joker in sein Ermittlungsteam holt. Mit dem unvorbelasteten Blick das Aussenstehenden soll er eingefahrene Gleise der Routine aufbrechen. Eine Aufgabe, die ihn packt, die ihn in Beschlag nimmt, in die er alle Energie steckt. Und wirklich, er fördert Querbeziehungen unter den Opfern zu Tage, an die kein Mensch vorher gedacht hat. Zwar findet auch der Erzähler den Täter nicht, doch – das ist eine Ironie des Buches – so manch anderes Verbrechen wird im Lauf der Wochen, wenn den ansonsten unergiebigen Spuren nachgegangen wird, aufgeklärt…


Das ist schon eine schräge Story: ein Mann, der auf seinen Spaziergängen durch Oslo auf Menschen trifft, mit ihnen ins Gespräch kommt und dann auf einmal sind sie tot, mit einem Stein erschlagen, von -zig Tritten totgetreten, mit einer Hutnadel durchs Ohr ins Hirn oder einem Messer in den Bauch gepiekt… nicht immer weiß unser ‚Held‘, wie das genau nun passiert ist, vor der einen oder anderen Leiche scheint er genauso verblüfft zu stehen wie wir als Leser. Es sind Tötungen (Morde sind es ja zumindest für die deutsche Gesetzgebung eigentlich nicht, es fehlt die niedere Gesinnung, er raubt die Toten ja nicht aus, allenfalls Kleinigkeiten nimmt er mit wie Bergmanns Feuerzeug, mit dem er später dann den Kollegen auf dem Präsidium immer Feuer geben sollte…), die dem absoluten Zufall entspringen, zwischen Täter und Opfer gibt es keine Beziehung ausser den wenigen gemeinsamen Minuten vor der Tat. So zufällig wie die Taten sind, so sinnlos sind sie: es gibt kein Motiv außer dem Stein, der herumliegt, dem Messer, das auf den Boden fiel, die Hutnadel, die den Hut im Haar fixierte…

Entsprechend hilflos sind die Reaktionen der Öffentlichkeit und der Polizei. Letztere hat ihre Ermittlungsroutinen, die aber in diesem Fall ins Leere laufen. Die Öffentlichkeit (Holmen!) spekuliert, teilweise durch originell und intelligent und setzt die Polizei damit unter Druck, zumal diese auch manchmal an der Grenze ihrer Befugnisse operiert. Und in dieser Situation wird ausgerechnet der gesuchte Täter als Ermittler zur Verstärkung ins Team geholt und er erweist sich dort als einer der eifrigsten. Nicht, daß er irgendetwas sabotieren würde, im Gegenteil, er setzt alles daran, den Täter zu ermitteln und seinem Freund (ja, das kann man so sagen, es hat sich eine reine und unbefleckte Beziehung zwischen dem Erzähler und dem Kommissar entwickelt) damit zu helfen. Diese Konstellation zieht Kjærstad dermaßen konsequent durch, daß man als Leser sehr verunsichert ist: weiß der Erzähler überhaupt, was passiert ist und welche Rolle er dabei spielt?

„Ganz am Anfang war ich sicher, der Täter sei verrückt“, sagt Zakariassen. „Diese Verbrechen hatten etwas so … Nutzloses, daß es gewissermaßen menschlich unmöglich war. Ich habe den Betreffenden als einen verwirrten Menschen betrachtet, der versucht an Gottes STelle zu treten. Oder einen, der gegen Gott kämpft. – „Und jetzt?“ … „Wir stehen einem Genie gegenüber. Einem Menschen, der jahrelang kalkuliert und geplant hat. Einem Meister in der Detailberechnung von Effekten, einer Person mit eiskalter Geduld. „

Der Täter ist krank, sicherlich. Ich denke, das kann man auch als Laie konstatieren, obwohl wir ja jetzt gelernt haben, daß Ferndiagnosen prinzipiell abzulehnen sind (Trump). Der Tod seiner Opfer ist für ihn das Eintrittstor in ihr Leben, er interessiert sich dafür, recherchiert es, informiert sich, die diversen Theorien, die die Öffentlichkeit suchen (Holmen!) faszinieren ihn und regen ihn an, weiter zu denken, Assoziationen nachzuspüren. Er lernt seine Opfer immer besser kennen, sie werden ihm immer sympathischer, je mehr er von ihnen weiß.#


Genau hier, in dieser Sekunde sah ich es. Ich bin nicht imstande, es zufriedenstellend zu erklären. […] Als erschiene in der Wand, die du ein Leben lang angestarrt hast, plötzlich ein Spalt. Kurze Zeit siehst du etwas Phantastisches, ganz Unbeschreibliches … wohlgemerkt, als etwas Potentielles oder vielleicht Hypothetisches – in Form eines Lichts, eines Scheins, eines Glanzes – durch diesen Spalt. Dann ist er weg. Oder du findest ihn nicht wieder. Alles ist wie vorher.

Es sind dies die Momente, in denen er tötet, als könne er dadurch den Spalt öffnen, Zugang zu diesem anderen, phantastischen erlangen, das ihn so anzieht, das so unbeschreiblich ist, daß er im Lauf der Wochen und Monate und Toten immer größere Probleme bekommt, es in Worte zu fassen, er sogar an der Potenz von Worten zweifelt, es überhaupt fassen zu können…


Der Roman erinnerte mich schon in den ersten Seiten an die wenigen surrealistischen Romane, die ich gelesen habe (es ist gut, daß ich das jetzt gesagt habe. Zwar bin ich kein Experte, aber dieser Eindruck lag einfach nahe, der Gedanke ist einfach großartig, jedes andere Wort wäre zu wenig…)… Irene [3], Ingeborg (Zufall? Notwendigkeit? Monod? Monade? Gonade? Sonate? Wie doch schon ein Buchstabe ganze Welten ändert, hin und her springt zwischen Entitäten, die so fern voneinander liegen und doch nur einen winzigen möchte ich sagen, Buchstaben von einander entfernt. Oder zwei. Unerahntes…)… Die Hölle… Das Vaterland und der Samenspritzer, der wie ein Schussfaden durch das Gewebte dringt… Oslo-City, die Kräne, die wie Arme schwenken und wie Dirigenten ein Orchester der Bauarbeiter führen, den Himmel über Oslo strukturieren. Wieso hat sich Bergman nicht gewehrt, der Kampfsportler? Ein Horn ist im Koffer, o Leser, o Leser – Ein Horn ist im Koffer, o Leser – Ein Horn! Ich denke an ein Schiffsdeck oder an Amerika, ich denke an große Tanzsäle, ich denke an … Ich suche lange: Ich denke an Kirchenmusik. Das Gestreifte des Tigerfells. Spalte über Spalte, in feuerrotem Hintergrund. Hurz.


Kjaerstad ist ein reflektionsbewußter Schriftsteller, der die Poetik der Postmoderne in Opposition zu den literarischen und weltanschaulichen Idealen der vorausgegangenen Generation konstruiert. Die Postmoderne ist bei Kjaerstad keinesfalls Unterbrechung, sondern eine Weiterentwicklung der Moderne, ein Ausdruck der pluralisierenden Reflexion angesichts der Heterogenität der Zeit. Sie entzieht sich jeder zentrifugalen Kraft und damit auch jeder Definition. Dies alles spiegelt sich auch im vorliegenden Roman Rand. Mir ist zwar – ich gebe es unumwunden zu – nicht ganz klar, was das alles bedeutet, aber ich finde diesen Satz in der Textanalyse von Miluse Jurickova [4] einfach wunderbar, er ist so… ja, genau, genauso ist er!

Jedenfalls hat Kjaerstad mit seinem Roman eine fantastische Reise in das Hirn und in die Gedankenwelt eines Menschen geschildert, der einerseits auf der Suche ist nach der Wahrheit hinter der Realität und der andererseits ganz offensichtlich Probleme hat, Beziehungen zu knüpfen, denn solches gelingt ihm erst mit den Toten, die er sich selber schafft. Daneben ist das moderne Leben im Oslo des Jahres 1988 [5] Thema, die Veränderungen in der Stadt, die Bautätigkeit, die das Alte zum Verschwinden bringt und Neues bringt. Der namenlos Bleibende hadert damit, ihm ist das Zwischenstadium, das ihm Raum gibt für Assoziationen, für Phantasien, wertvoller: Ich sah zu dem Betonskelett, mir gefiel der Gedanke nicht, daß sie anfangen würden, es mit Fassadenplatten und Spiegeln zu verkleiden. Drittes Element des Kjaerstadschen Romanes ist die Öffentlichkeit. Sie ist in Form von Zeitung und TV-Berichten (die Mordserie beunruhigt Bevölkerung und Politik natürlich stark) an der Jagd auf den Täter beteiligt, in einer Art Einflüsterung wirkt sie (Holmen!) sogar auf den Gang der Ermittlungen ein, die (herrliche Ironie) eine Vielzahl von Verbrechen aufklärt, nicht jedoch das eine. Bezeichnend wird der Kommissar zum Star, sogar zum Norweger des Jahres gewählt, er ist das Idol des Erzählers, ihm wünscht er aus ganzem Herzen Erfolg…

Der Roman wird, so über ihn geschrieben wird, teilweise als Krimi bezeichnet. Das ist er aber meiner Meinung nach nicht, mit gleicher Berechtigung könnte man ihn dann ebenfalls als erotischen Roman einstufen, denn die Schilderung dessen, was geschieht, wenn des Täters Ingeborg mal wieder in der gemeinsamen Wohnung eintrifft (leider zu selten….), erheben sich vom Niveau her meilenweit über das, was man mittlerweile in der Masse der erotischen Literatur antrifft. In welches Genre Rand nun ‚eigentlich‘ gehört, ich weiß es nicht, es ist aber auch egal, denn es ist so oder so ein faszinierendes, irritierendes, befremdliches Stück Kunst. Wer die Gelegenheit hat, das Buch zu lesen, sollte sie auf jeden Fall nutzen!

… und mir verzeihe man die etwas skurrile Art des vorstehend stehenden Textes, wer das Buch liest, wird die hingestümperten Anspielungen verstehen.

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren die Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Jan_Kjærstad
[2] https://twitter.com/flattersatz/status/893384862345940992
[3] zu Irene: Albert de Routisie (Louis Aragon): Irènehttps://radiergummi.wordpress.com/2015/07/27/albert-de-routisie-louis-aragon-irene/
[4] Miluse Jurickova: Text als Ornament. Zu Jan  Kjærstads Roman Rand. in: https://digilib.phil.muni.cz/bitstream/handle/11222.digilib/106010/1_BrunnerBeitratgeGermanistikNordistik_10-1996-1_8.pdf?sequence=1
[5] Eröffnungsdatum des im Roman erwähnten Einkaufszentrums ‚Oslo City‘ war der 11. November 1988, so daß man einen guten Anhalt hat, in welcher Zeit der Roman spielt.

Weitere Werke von Jan Kjærstad sind z.B. im kleinen österreichischen Septime-Verlag auf deutsch erschienen:  http://www.septime-verlag.at/autoren/kjaerstad.html

Jan Kjærstad
Rand
Übersetzt aus dem Norwegischen von Angelika Grundlach
Originalausgabe: Rand, Oslo, 1990
diese Ausgabe: Eichborn (Die Andere Bibliothek Bd. 110), HC, ca. 400 S., 1994

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Leïla Slimani: Dann schlaf auch du

Die französisch-marokkanische Schriftstellerin Leïla Slimani wurde 1981 in Rabat geboren und ging mit achtzehn Jahren, 1999, nach Paris, um dort zu studieren. 2014 veröffentlichte sie ihren ersten Roman, auch dieser schon (in ihrem Geburtsland) mit einem Literaturpreis ausgezeichnet, bevor sie zwei Jahre später mit Chanson douce einen großen Erfolg in Frankreich erzielte. Die deutsche Übersetzung mit dem für mich auch nach dem Lesen immer noch rätselhaften Titel Dann schlaf auch du steht diesem Erfolg nicht nach, die Kritiken überschlagen sich auch hierzulande mit Lob und Ehre für Autorin und Buch.

Dann schlaf auch du von Leila Slimani

Das Baby ist tot.

In der Tat, schon dieser erste Satz des Buches hat es in sich, läßt kaum noch einen Zweifel aufkommen, was uns wohl erwartet: eine Tragödie offensichtlich antiken Ausmasses. Die Kleine dagegen war noch am Leben … wobei die Betonung – auch dies wird sehr schnell deutlich – eindeutig auf dem ’noch‘ liegt… blutend und ohnmächtig findet man zudem das Kindermädchen auf dem Boden liegend. In den Zimmern herrscht großes Durcheinander, das kleine Mädchen, Mila, hat sich heftig gewehrt. Die Mutter, die früher nach Hause gekommen war und das Verbrechen entdeckte, steht unter Schock, alles Leid der Welt tobt in dieser dem Wahnsinn nahen Frau, deren Schrei dem eines im Tiefsten verwundeten Tieres glich.

Wie hat alles angefangen, wie konnte es zu dieser Tragödie kommen: dies zu schildern hat sich die Autorin als Aufgabe gesetzt. Ausgangspunkt ist eine Familiensituation, wie man sie heutzutage häufig findet… Das junge Ehepaar, er, Paul, Tontechniker, sie, Myriam, Juristin, bekam ein Kind und über die Wiege gebeugt, vergaß Myriam den Rest der Welt und sie stellte es so an, daß sie nach anderthalb Jahren wieder ein Kind erwartete. Die Belastung durch zwei Kinder jedoch hatte sie unterschätzt, außerdem lockte das Angebot eines ehemaligen Kommilitonen, der sie gerne als Mitarbeiterin in seine Kanzlei geholt hätte. Schweren Herzens entschließen sich Myriam und Paul also, ihre Kinder tagsüber, wenn sie auf der Arbeit sind, einem Kindermädchen, einer Nanny, einer Nounou, anzuvertrauen. Unter allen Bewerberinnen macht Louise den besten Eindruck, eine Mittvierzigerin mit ausgezeichneter Referenz. Außerdem war es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick: die Kinder schlossen diese Frau sofort in ihr Herz. Das eigene Kind von Louise, Stéphanie, war schon aus dem Haus.

Schon bald merken die Massés, daß sie eine Perle an Land gezogen haben: Louise kann nicht nur wunderbar mit den Kindern umgehen, die sie bald vergöttern, sie schafft auch Ordnung im Haus, putzt, wäscht, kocht… Sie wird eine kleine Legende in ihrer Bekanntschaft, die Massés zeigen sie herum wie ein Schmuckstück, auf das sie stolz sind. Manchmal zwar empfinden die beiden eine gewisse Übergriffigkeit, haben das Gefühl, daß es ein wenig zuviel des Guten ist, aber sie sind unsicher, sind in der Rolle des Arbeitgebers unerfahren und wollen schlussendlich auch keinen Ärger mit Louise riskieren – sie könnte ja sie ja verlassen. Man war also abhängig geworden oder – von Louises Seite aus gesehen – hatte diese es geschafft, das heimliche Kommando in der Wohnung zu übernehmen mit der für Paul und Myriam angenehmen Folge, sozusagen nur die Sonnenseiten eines Familienlebens (gemachtes Essen, geputzte Wohung, frisch gebadete, zufriedene und liebe Kinder) genießen zu können.

Spätestens mit dem gemeinsamen Urlaub auf einer griechischen Insel verschwimmt in Louises innerer Welt die Abgrenzung gegen die Familie immer mehr. Denn Louise ist – was aber niemand merkt, da am Mensch ‚Louise‘ niemand Interesse zeigt – eine grundeinsame Frau, deren bisheriges Leben im Wesentlichen dadurch gekennzeichnet ist, daß es zu erdulden war. Der ungeliebte Mann war tot, die renitente Tochter weggelaufen, sie selbst ‚wohnte‘ in einem heruntergekommenen Zimmer, in dem sie ihre Frustration und ihre Einsamkeit durch Putzen abreagiert.

Daß Louise auch andere Seite hat, kommt in kleinen, hingetupften Szenen zum Ausdruck. Ihren Mann beispielsweise, der Blut hustete, beruhigte sie damals: Es ist nichts Ernstes, obwohl ihr erster Gedanke war: Es ist Ernst. Drei Monate später starb er – und hinterließ Louise einen Haufen Schulden. Selbst den Kindern der Massés gegenüber, Mila im besonderen, gibt es Situtionen, in denen sie Gewalt anwendet, es ist eine stille, unauffällige Gewalt, ein sehr fester Griff, eine sehr feste Umarmung, die die Luft abschnürt beispielsweise…

So wie ihr eigenes Leben immer mehr zusammenbricht – sie hat kaum Bekannte, der Vermieter kündigt ihr, das Finanzamt verliert die Geduld, weil sie ihre Post nie öffnet, das Geld reicht nicht – so wird die Familie Massé immer mehr zu ihrem Anker. Der Plan, sich ein Nest in dieser Familie zu bauen, wird zur Obsession bis hin zu dem Manipulationsversuch, Paul und Myriam Zeit und Gelegenheit zu geben, ein neues Baby zu machen (sozusagen als Arbeitsplatzgarantie für sich selbst), indem sie mit den Adam und Mila ausgeht…


Der Roman Slimanis ist schmal, der Text in ca. vierzig kurze Abschnitte unterteilt, die jeweils einer Episode gewidmet sind. So wie sich bei den Pointillisten das gemalte Bild aus den einzelnen auf die Leinwand getupften Farbenflecken ergibt, fügen sich Slimanis Textabschnitte zu einem (grob skizzierten) Gesellschaftsportraits zusammen, das über das Einzelschicksal der Familie und Louises hinausgeht.

Eingebettet ist dies in die Welt der jungen Paare, die beide ihrem Beruf nachgehen und Karriere machen wollen und dies mit ihrem Privatleben irgendwie unter einen Hut bringen müssen. Auf der Strecke bleibt dabei das Häusliche: da sie nicht mehr in der Lage sind, für Ordnung zu sorgen, geschweige denn, ihre Kinder zu betreuen, brauchen sie Hilfe. So fließt ein großer Teil des Geldes, das durch den zweiten Verdienst in die Familie kommt, gleich wieder ab so wie in Slimanis Roman zu Louise, dem Kindermädchen. Diese lebt in einer völlig anderen sozialen Schicht, es ist eine Art Nebenkosmos: die Kindermädchen des Viertels begegnen sich nachmittags im Park, beim Spazierengehen, in den Geschäften, es herrscht Klatsch und Tratsch über die jeweiligen Arbeitgeber, nicht immer ist die volle Aufmerksamkeit den Kindern gewidmet. Louise trifft ihre Kolleginnen zwar auch, hält sich jedoch abseits, knüpft keine Kontakte – mit einer Ausnahme: Wafa läßt sich einfach nicht abschütteln… über Wafa sollte Louise später dann sogar einen Mann kennenlernen, aber auch diese Bekanntschaft hilft ihr nicht weiter…

Die Angestellten entstammen meist der Migrantenszene, leben und arbeiten teils legal, teils illegal. Den Massés war es wichtig, daß ihr Kindermädchen legal arbeitet, da sie andernfalls  im Notfall möglicherweise zögern würde, Polizei oder Krankenwagen zu benachrichtigen… Louise ist eine Ausnahme, sie gehört zu der ins Prekariat abgeruschten  Schicht des weißen Bürgertums an, die in den Vorstädten, den Banlieues, lebt. Hier schafft Slimani schon einen fast ironischen Gegensatz zum Üblichen, denn ihre Arbeitgeberin Myriam hat nordafrikanische Wurzeln. Die aktuelle soziale Schichtung jedenfalls bestimmt das Verhältnis, als Mensch interessiert Louise die Massés nicht, von ihren erbärmlichen Lebensverhältnis erfahren sie nichts, sie erkundigen sich nicht danach. Daß sie Louise mit in ihren Urlaub nach Griechenland nehmen (und damit evtl. selbst den Keim der späteren Katastrophe säen) ist eher einem schlechten Gewissen der Angestellten gegenüber als wirklichem menschlichem Interesse geschuldet.

Louise andererseits ist unfähig, ihr eigenes Leben in die Hand zu bekommen. Die vom Mann hinterlassenen Schulden erdrücken sie, ihre versuchte Flucht vor dem Finanzamt via Umzug und Adressenänderung wirkt fast schon rührend naiv. Die einzige Struktur, die ihr hilft, ist die Aufrechterhaltung äußerer Ordnung mit Sauberkeit und Ordentlichkeit. Bei den Massés hat sie schnell gemerkt, welche heimliche Macht ihr zukommt, die Unsicherheit von Paul und Myriam als Arbeitgeber kommt ihr da sehr gelegen. Nur ist Kindermädchen ein Job mit Verfallsdatum, ihr irrwitziger Plan, ihre Arbeitsstelle (und damit ihr eigenes ‚Nest‘) zu sichern, zeigt, wie kurzfristig und naiv sie denkt und wie falsch sie ihre Situation einschätzt.

In Rückblicken erzählt Slimani das trostlose Schicksal ihrer Protagonistin. Die ärmliche Kindheit, die Ehe mit den ungeliebten Mann, die Tochter, mit der sie nicht fertig wird; einmal war sie wegen einer psychischen Erkrankung in Behandlung, daß sie sich ihren Kolleginnen gegenüber nicht öffnet, mag damit zu tun haben. Immer wieder auch sind Szenen eingeflochten, die Louises als Kindermädchen bei früheren Anstellungen beschreiben, der Unterschied, zwischen ihrer Fähigkeit, mit fremden Kindern umzugehen und bei der eigenen Tochter zu ‚versagen‘, ist frappant. Immer wieder aber auch ganz kurze Blicke darauf, daß unter der Oberfläche Louises ein hohen aggressives Potential lauert.


Dann schlaf auch du erzählt diese zweifache Geschichte in distanziertem Ton, wirkt fast wie eine um Objektivität und Neutralität bemühte Reportage, die Sprache des Romans stellt keine besonderen Ansprüche. An keiner Stelle urteilt Slimani, schon gar nicht verurteilt sie, da der erste Satz des Romans dessen Ende vorwegnimmt, erlebt man als Leser das intensive Gefühl, wie hier ein Leben direkt auf einen Abgrund zuläuft, an der es zerschellen wird. Sie zeigt konsequent und unerbittlich auf, wie sich die miteinander verbundenen Schicksale auf Kollisionskurs bewegen, schildert Schlüsselstellen aus Louises Leben, stellt auch dar, wie die Unentschiedenheit Paul und Myriams, die einerseits Arbeitgeber sind, andererseits aber auch willkürlich hin und wieder eine Nähe schaffen, die Lousie verwirrt, Voraussetzungen zu dieser Katastrophe schaffen, wie aus Liebe zu den Kindern Hass wird. So wissen wir zwar am Ende des Buches, was und wie alles passiert ist, aber ähnlich der ermittelnden Kommissarin im letzten Abschnitt des Textes, bleiben wir doch rat- und fassungslos.

Leïla Slimani ist mit ihrem Roman ein Text gelungen, der nachwirkt.

Links und Anmerkungen: 

[1] zur Autorin: https://de.wikipedia.org/wiki/Leïla_Slimani
[2] die Geschichte der Namensgeberin für Louise: https://en.wikipedia.org/wiki/Louise_Woodward_case

 

Leïla Slimani
Dann schlaf auch du
Übersetzt aus dem Französischen von Amelie Thoma 
Originalausgabe: Chanson douce, Paris, 2016
diese Ausgabe: Luchterhand, HC, ca. 220 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Werner Fuld: DAS BUCH DER VERBOTENEN BÜCHER

Der 1947 in Heidelberg geborene Schriftsteller und Literaturkritiker Werner Fuld ist ein Freund der dezidierten Meinung und der klaren Aussage, auch wenn sie – vielleicht sogar gerade dann – gegen vorherrschende Ansichten verstößt. Dieses im Deutschlandfunk „Kultur“ [2] veröffentlichte Interview mit ihm, das sich auf das vorliegende Buch bezieht, gibt ein wunderbares, erfrischendes Beispiel für die Vehemenz, mit der Fuld auch unpopuläre Thesen vertritt. Unpopuläre Thesen: das ist schon fast eine Überleitung zu dem vorliegenden Werk Fulds, in dem es nicht nur um unpopuläre Thesen geht, sondern um die durch alle historischen Erfahrungen widerlegte Überzeugung von Machthabern, man könne mit der Existenz von Büchern (und Autoren) auch die zugrunde liegenden missliebigen Ideen auslöschen.

Daß sich diese Ansicht durch alle Jahrtausende und alle Kulturkreise zieht und schon früh aufgekommen ist, belegt Fuld durch diverse Beispiele wie das des Kaisers Augustus, der durch Verbote der frühen Schriften Cäsars dessen „Bild in der Öffentlichkeit bestimmte“, der aber auch sich aber auch nicht scheute, missliebige Autoren zu unterdrücken und auszuschalten. Unter dem Nachfolger von Augustus wurden die entsprechenden Gesetze dann zu einer regelrechten Gesinnungsjustiz ausgeweitet.

Gut zwei Jahrhunderte vor Augustus kommt dem chinesischen Kaiser Quin Shihuangdi die zweifelhafte Ehre zu, einer der ersten Bücherverbrenner zu sein: „Schriften, die das Alte verherrlichen und das Neue herabsetzen, wurden kurzerhand vernichtet.“

Fulds Buch ist gespickt mit Informationen zu Bücher und zu Autoren, die er in insgesamt zwölf Kapiteln unter den verschiedensten Aspekten aufbereitet. Einer der Hauptdarsteller im großen Zirkus der Zensur ist naturgemäß die katholische Kirche mit ihrem Index, auf den sie über Jahrhunderte die verschiedensten Titel setzte. Die letzte Ausgabe des nach dem Zweiten Vatikanischen Konzils abgeschafften Liste enthielt immerhin ca 6000 Titel [7]. Man findet bzw. fand dort einen großen Teil der Weltliteratur wieder, für Autoren gab es kaum eine bessere Werbemöglichkeit. Vom Index entfernt zu werden, verurteilte ein Werk nicht selten zu Bedeutungslosigkeit, wie Fuld es für z.B. die Lady Chatterley konstatiert. Ja, es war zeitweise so, daß Autoren förmlich darum nachsuchten, mit ihrem Buch indiziert zu werden.

„Eine Zensur findet nicht statt.“ verspricht uns das Grundgesetz, trotzdem gibt es in Deutschland eine „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien“ [3], bei der jedermann auch Vorschläge machen kann. Eine Liste der indizierten/verbotenen Bücher ist nicht offen zugänglich, aus oben schon erläuterten Grund: „die ausführenden Behörden [möchten] vermeiden , daß damit erst ein Markt/eine Nachfrage entsteht.“ Einen Über- und Einblick vermittelt jedoch diese Internetseite Liste verbotener Medien in der BRD [4]. Jedenfalls lernen wir durch Fuld, daß das Grundgesetz die Vorzensur meint, die nicht stattfindet: jeder kann schreiben, was er will, eine staatliche Beurteilung findet ggf. erst nach der Veröffentlichung statt. Daß in den Anfängen der BRD sogar Tarzan-Hefte indiziert waren, sei nur des Gags wegen erwähnt und um die Absurdität einer Zensur zu zeigen.

Findet, wie in totalitären Staaten üblich, eine Vorzensur statt, muss der Autor sein Werk vor der Veröffentlichung dem Zensor vorlegen, als Ergebnis folgt daraus nach Fuld, daß die gesamte Literatur dieses Staates glatt gebügelte Einheitsliteratur im Sinne des Regimes ist [2]. Werke wie ein Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch von Alexander Issajewitsch Solschenizyn verdanken ihre Existenz kurzfristigen Perioden politischer Freiheiten.

Hört man den Begriff „Zensur“ denkt man unwillkürlich an erotisches/pornografisches Material, das jedoch mengenmäßig bei weitem nicht die größte Rolle spielt. Viel häufiger werden Werke zensiert, die gegen die herrschende politische und weltanschauliche Meinung der Machthaber verstoßen. Die Bücherverbrennung des Dritten Reiches ist dafür ein herausragendes Ereignis. Sie umfasst ja nicht nur die punktuelle öffentlichkeitswirksame Verbrennung am 10. Mai, sie bedeutet in realiter das Auslöschen einer ganzen Generation von Schriftstellern, die in der Zeit des 3. Reiches in Vergessenheit geraten sind und die Auslöschung der gesamten jüdischen Literatur in Deutschland.

Einige Jahrhunderte früher stand in Frankreich das Riesenprojekt der Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences von Diderot und d’Alembert immer am Rand des Verbots, insbesondere Diderot legte sich und seiner Meinung keine Zügel an. Ausgerechnet dem Hauptzensor ist es jedoch zu verdanken, daß dieses Hauptwerk der Aufklärung letztlich erscheinen konnte – für den Normalmenschen unerschwinglich und daher in seiner ’staatsgefährdenden‘ Wirkung begrenzt.

Aber natürlich – was wäre eine Zensur schon wert, wenn der Staat nicht ebenso die Entscheidung darüber anmaßen würde, was für das moralische und ethische Empfinden seiner Bürger zuträglich ist – dem weiten Feld der erotisch-pornographischen Literatur widmet sich Fuld ebenfalls ausführlich. Hier habe ich an einer Stelle aufgemerkt: Henry Millers Opus Pistorum wurde selbstverständlich auch ein Opfer dieser staatlichen Fürsorge für seine Bürger – sage und schreibe über 700 Polizisten wurden 1985 aufgeboten, die Linzenzausgaben im Buchhandel zu konfiszieren. Die Originalausgabe aus dem Rowohl-Verlag allerdings blieb unbehelligt, der für diese zuständige Richter wog die Kunstfreiheit höher als ein vermeintliches Schutzbedürfnis der Bürger. Und exakt diese Entscheidung machte es möglich, das dieses Buch, das ich mir just zu dieser Zeit kaufte, bei mir heute noch im Regal steht. Aber auch deutsche Autoren von Romanen gibt und gab es, die geeignet sind, das Scham- und Sittlichkeitsgefühl gesund empfindender Menschen in geschlechtlicher Hinsicht zu verletzen. wie es die Staatsanwaltschaft im Falle von Pocahontas formulierte [6]. Dies aber nur zwei Exemplar für viele mehr, auf die Fuld eingeht, daß ebenso die Mutzenbacher, Fanny Hill, Irene und auch O prominent vertreten sind, ist wohl selbstverständlich [8]…

Interessant ist die anfangs erwähnte These Fulds, in einem Staat, der (Vor)Zensur ausübt, wäre eine Literatur in dem Sinne, wie wir die westeuropäische Literatur  [kennen, nicht möglich] … Die Zensur, durch die diese Texte gegangen sind, bringt eine ganz bestimmte Art von Literatur hervor, und die ist nicht vergleichbar mit der Literatur, die zur gleichen Zeit in anderen westeuropäischen Ländern erschienen ist. Sie ist eindimensional und sie kann natürlich ganz bestimmte Probleme nicht behandeln, und sie kann ganz bestimmte Formen nicht annehmen. … [2]. Das ist ein sehr radikal zu Ende gebrachter Gedanke, der im Grunde davon ausgeht, daß Zensur, wenn sie existiert, sowohl direkt auf Literatur einwirkt (… bestimmte Probleme, bestimmte Formen…), aber auch indirekt, in dem das ganze künstlerische Klima, in dem Literatur geschaffen wird, durch den Geist der Zensur geprägt ist. Mir selbst – ich bin kein Literaturwissenschafter o.ä., von daher ist meine Meinung letztlich irrelevant – erscheint Fulds Rigorosität wie dem Interviewer auch etwas übertrieben, da sie sich jedoch schon im Bereich des Definitorischen befindet (ich, Fuld, definiere: in einem Staat mit Zensur gibt es keine unserer vergleichbare Literatur) und Definitionen nie falsch, allenfalls unpraktisch sind, muss man seine Meinung letztlich akzeptieren. Wie das provokante Interview mit Frank Meyer zeigt, regt sie aber zu Widerspruch und Diskussion ein.

Der Autor beschließt seinen Überblick mit einigen Gedanken und Ausblicken zum Thema „Selbstzensur“, die Schere im Kopf und der vorauseilende Gehorsam im Sinne einer ‚political correctnis‘, die beispielsweise die Darstellung rauchender und Alkohol trinkender Figuren im künstlerischen Werken ächtet [5]. Die formierte Gesellschaft wird das für selbstverständlich halten und erst eine zukünftige Geschichte der Zensur wird sich darüber wundern. Hoffentlich.

Fulds Übersicht ist faktenreich, der gute Mann kann eigentlich nichts anderes machen als lesen, lesen, lesen… DAS BUCH DER VERBOTENEN BÜCHER ist ja nicht sein einziges Werk. Uns als Lesern wird es durch umfangreiche Personen- und Werksregister sowie ein Sachregister erschlossen, dazu kommt noch ein Literaturverzeichnis. Das Buch ist voller Fakten und Informationen, pointiert geschrieben und damit auch ein im besten Sinne unterhaltsames Kompendium eines traurigen Kapitels innerhalb der Kulturgeschichte der Menschheit. Ist es doch einzig ein Zeichen der Dummheit, Bücher und Autoren (im übertragenen Sinn oder auch ganz real) zu verbrennen: die Ideen bleiben am Leben.

Links und Anmerkungen:

[2] Fuld: DDR-Literatur war nur „Lebenshilfe“: Werner Fuld im Gespräch mit Frank Meyer; in http://www.deutschlandfunkkultur.de/fuld-ddr-literatur-war-nur-lebenshilfe.954.de.html?dram:article_id=147173
[3] http://www.bundespruefstelle.de
[4] http://de.metapedia.org/wiki/Liste_verbotener_Medien_in_der_BRD
[5] wenn auch in anderem Zusammenhang, hat sich die Autorin Thea Dorn neulich über solchen ‚moralischen Totalitarismus‘ geäußert:  http://www.deutschlandfunkkultur.de/debatte-ueber-sexuelle-belaestigung-metoo-moralischer.2162.de.html?dram:article_id=400969
[6] Arno Schmidt: Pocahontas, Zitatquelle hier:  https://radiergummi.wordpress.com/2014/03/02/arno-schmidt-seelandschaft-mit-pocahontas/
[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Index_Librorum_Prohibitorum
[8] zumindest über die Geschichte der O und über Irene habe ich schon etwas geschrieben:
https://erotischebuecher.wordpress.com/2014/08/07/regine-deforges-pauline-reage-die-o-hat-mir-erzahlt/ und
– https://radiergummi.wordpress.com/2015/07/27/albert-de-routisie-louis-aragon-irene/

Weitere Titel, die ich zum Themenkomplex ‚Bücher über Bücher‘ hier im Blog schon vorgestellt habe:

Weitere Bücher über Bücher, die auf diesem Blog  aus.gelesen besprochen sind:

Werner Fuld
DAS BUCH DER VERBOTENEN BÜCHER
Universalgeschichte des Verfolgten und Verfemten von der Antike bis heute
diese Ausgabe: Galiani, HC, ca. 350 S., 2012

Kazuo Ishiguro: Alles, was wir geben mussten

Der 1954 in Japan geborene und seit 1960 in Großbritannien lebende Kazuo Ishiguro gehört einem exklusiven Club an, dem der Nobelpreisträger für Literatur nämlich. Dieser wurde ihm in diesem Jahr 2017 mit der Begründung verliehen, er sei ein Schriftsteller, der in Romanen von starker emotionaler Wirkung den Abgrund in unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt aufgedeckt hat. Das bekannteste Werk von ihm ist wohl der Roman Was vom Tage übrig blieb, dem vorliegenden, 2005 erschienen Buch Alles, was wir geben mussten (Never Let Me Go) wurde seinerzeit von vielen Kritikern das Prädikat „wichtigste Erzählung des Jahres“  verliehen. [1] Beide Romane sind verfilmt worden.


Eine Baumallee führt den Blick zu einem großem Gebäude hin, der Eindruck des Umschlagbildes ist freundlich und einladend. Auf der Rückseite ist der Blick ähnlich, als stünden wir im Zentrum und könnten nach einem Schwenk aus Richtung des Gebäudes nach ‚außen‘ schauen, ein Außen, das jedoch in einer Art Nebel versunken ist und nichts von sich preisgibt. Der Nebel scheint wie über die Baumreihen gestülpt, die dadurch bleich werden, ihre Äste wie Knochen in das diffuse Weiß weisend.

Ich heiße Kathy H. Ich bin einunddreißig Jahre alt und arbeite inzwischen über elf Jahre als Betreuerin. So fängt dieser Roman Ishiguros an. Kathy ist die Erzählerin der Geschichte, daß sie schon seit elf Jahren Betreuerin ist (von wem oder in welchem Zusammenhang bleibt vorerst offen), ist etwas Aussergewöhnliches, kommt (wie erklärt wird) nicht häufig vor und auch Kathy wird ihre Aufgabe bald beenden.

Alles, was wir geben mussten ist in drei Teile aufgeteilt. Der erste Teil umfasst einen Zeitraum von ungefähr zehn Jahren, in denen Kathy das Heranwachsen einer Gruppe Kinder in einem englischen Internat schildert, Kinder, die dann als Jugendliche die Einrichtung in Hailsham verlassen werden. Ich schrieb ‚Einrichtung‘, denn es ist anfangs nicht ganz klar, was dies für eine Einrichtung ist, in normalen Internaten werden die Lehrer schließlich nicht als ‚Aufseher‘ bezeichnet, eine Funktion, die eher auf ein Gefängnis schließen ließe. Und tatsächlich schält sich im Lauf der Erinnerungen Kathys heraus, daß Hailsham beides ist: Internat sowohl als auch eine Art ‚Lager‘, dessen einziger Kontakt zur Aussenwelt der regelmäßig erscheinende Lieferdienst ist. Von Eltern ist nie die Rede, die englischen Landschaften und Regionen lernen die Schüler/-innen nur über Kalenderbilder kennen, auf das spätere Leben außerhalb Hailsham werden sie über Rollenspiele eingeübt.

Natürlich gibt es ein paar Personen, die einen besonderen Status in den Erinnerungen Kathys haben: ihre beste Freundin Ruth und Tommy, mit dem sie sich so gut verstand, die Aufseherin Lucy spielt eine große Rolle und hin und wieder auch eine rätselhafte ‚Madame‘, die keinen Namen hat, Hailsham mehr oder weniger regelmäßig besucht, dann Zeugnisse der kreativen Arbeit (die offensichtlich sehr wichtig ist) der Schüler für ihre ‚Galerie‘ mitnimmt und die weinen muss, als sei eines Tages heimlich sieht, wie Kathy mit einem Kissen vor die Brust gedrückt zu einen Lied tanzt.

Ishiguro erzeugt eine düstere, unheilschwangere, rätselhafte Atmosphäre: man merkt, daß etwas nicht ’stimmt‘, kann es aber nicht packen, da die Kinder/Jugendlichen im Grunde so sind (oder fast so sind) wie alle Menschen in diesem Alter, sich so verhalten, so pubertieren, so auch zu Erwachsenen reifen. Bis es dann eines Tages deutlich ausgesprochen wird: diese jungen Menschen haben keine Eltern denn sie sind Klone, sie sind Organersatzteillager.

Mit sechzehn Jahren ist die Zeit in Hailsham für die jungen Erwachsenen vorbei, sie kommen in sogenannte Cottages, in denen sie auf ‚Kollegiaten‘ aus anderen Einrichtungen treffen. Ruth, Tommy, Kathy und noch ein paar andere bleiben zusammen, man merkt jedoch schnell, daß Hailsham etwas besonderes war. Sie versuchen sich ihr Leben einzurichten, Sex wird wichtig für sie, er ist ohne großes Risiko, da sie keine Kinder bekommen können. Tommy und Ruth werden ein Paar, Kathy ist beunruhigt über die Tatsache, daß sie ‚es‘ manchmal so stark braucht, daß ihr egal wird, wer es ihr besorgt. Es wird die Frage gestreift, wer oder was ihre ‚Möglichen‘ sind, die Menschen also, von denen sie geklont wurden. In einem Ausbruch versteift sich Ruth darauf, daß sie vom Abschaum stammen und Kathy schaut sich daraufhin die Pornohefte, die einer der älteren Kollegiaten einst gesammelt hatte, nach Gesichter durch, die ihr ähneln. Es bleibt genauso ohne Ergebnis wie der Ausflug nach Norfolk, wo einer der Älteren eine ‚Mögliche‘ von Ruth gesehen zu haben meint.

Und noch ein Gerücht beschäftigt die drei: wenn ein Paar sich sehr liebt und diese Liebe beweisen kann, dann kann es – so das Gerücht – zurückgestellt werden, um diese Liebe ein paar Jahre zu leben. Nach Tommys Theorie (Welche Grundlage haben die Auseher, das zu entscheiden?) dienen die Werke der Schüler, die Madame seinerzeit für die Galerie gesammelt hat, als Entscheidungsgrundlage, denn sie erlauben einen Blick in die Seele… und Tommy selbst war damals nicht kreativ, hat nie was für die Galerie geschaffen und versucht verzweifelt, dies nachzuholen… Die drei leben sich jedoch bald auseinander, bis Kathy sich entschließt, Betreuerin zu werden.

Der dritte Teil des Romans spielt jetzt sieben Jahre später, Kathy ist immer noch Betreuerin und fährt in ganz England herum, um sich um die Spender zu kümmern. Selten trifft sie jemanden von damals, aus Hailsham, aber von Julia erfährt sie, daß ihre Schule mittlerweile geschlossen worden ist. Sie hört auch von Ruth und entschließt sich, deren Betreuerin zu werden. Das Verhältnis ist nicht unkompliziert und auf einem Ausflug zusammen mit Tommy, der auch Spender ist und den Ruth unbedingt wiedersehen will, bittet Ruth die beiden um Verzeihung, daß sie sich zwischen sie gestellt hat, sie Tommy und Kathy auseinander gehalten hat; sie gibt ihnen die Adresse von Madame, die sie herausgefunden hat und ermutigt sie, dort um eine Rückstellung zu bitten.

Nach dem Tod von Ruth werden Tommy und Kathy in Paar, Kathy wird auch Betreuerin von Tommy. Es kommt zu dieser Begegnung mit Madame, die jetzt auch einen Namen erhält – und sie treffen die ehemalige Schulleiterin in Madames Haus. Von ihr erfahren sie (und damit wir) einen ganz groben Hintergrund der ganzen Geschichte um die geklonten Menschen – und sie erfahren, daß es keine Rückstellungen gibt, daß dies einzig und allein ein Gerücht ist, das nie zutreffend war…

Danach leben sich Tommy und Kathy auseinander, bis Tommy, obwohl sie Freunde bleiben, sogar einen anderen Betreuer für sich haben möchte – seine nächste Spende steht an. Aber auch für Kathy wird die Zeit als Betreuerin jetzt enden, sie wird blad eine Benachrichtigung erhalten, und wenn ich erst in dem Zentrum bin, in das sie mich dann schicken, und ein ruhigeres Leben führe, werde ich Hailsham bei mir haben, sicher verwahrt im Kopf, und das wird mir niemand mehr nehmen können. 


Wir haben diesen Roman des diesjährigen Literatur-Nobelpreisträgers Kazuo Ishiguro bei uns im Lesekreis, dem ich hiermit auch für die Diskussion, die in meine Besprechung mit einfließt, bedanke, besprochen: die Begeisterung hielt sich in Grenzen.

Das übergeordnete Thema des Buches zielt auf die Auswirkungen, Ergebnisse – es ist schwierig, hier das richtige Wort zu finden – gentechnischer Manipulationen, hier der seit 1996 mit dem Klonschaf Dolly demonstrierten Möglichkeit, auch ein hochentwickeltes Säugetier (und damit prinzipiell auch den Menschen) zu klonieren [2]. „.. es ist schwierig… “ weil Ishiguro konsequent jegliche Erklärung oder Einbettung seiner Geschichte in einen (fikitiven) historischen Kontext verweigert. Einzig, daß dieses Programm nach dem Krieg gegründet worden ist und daß die Handlung des Romans in den achziger Jahren spielt, konkretisiert er – kaum mehr ist dem Roman zu entnehmen. Ishiguro erzählt seine Geschichte ausschließlich aus der Sicht seiner Hauptperson Kathy, wir wissen zu keinen Zeitpunkt mehr als diese – wenn man mal von dem Wissen absieht, daß es eben genauso ist. Dieser etwas spitzfindig auf eine Metaebene deutende Satz ist insofern angebracht, als daß Kathy zwar auch wissen könnte, daß sie nichts weiß, daß es jedoch für Kathy – und auch für alle anderen – überhaupt keine Frage ist, sie thematisieren diese Frage nur äußerst selten. Allenfalls die immer wieder gerüchteweise vermutete Existenz von ‚Möglichen‘ könnte man in diese Hinsicht interpretieren.

Die jungen Menschen wie Kathy, Tommy, Ruth sind seltsam gefühlsreduziert. Spätestens wenn in der Pubertät normalerweise eine Auflehnen gegen äußere Zwänge erfolgt, der eigene Weg ins Leben gesucht wird, fällt dieser Mangel auf: obwohl die Kinder durch ihre Aufseherin Lucy genau um ihr Schicksal wissen, stellen sie es nie in Frage oder revoltieren gar dagegen. Klaglos akzeptieren sie, daß ihr Schicksal ist, als junge Erwachsene ausgeweidet zu werden und zu sterben.

So gefühlsreduziert bzw. was den Sex angeht, sogar ins animalische hineinreichend (wenn Kathy – später wird auch Ruth das zugeben – es unbedingt braucht, dann ist ihr egal, wer es ihr besorgt) ihr Verhalten ist, so zäh ziehen sich teilweise die Schilderungen Ishiguros in den ersten beiden Abschnitten des Romans. Es geschieht nur wenig, und wenn, dann hat man das Gefühl, es ist wieder das Gleiche, nur mit anderen Worten. Schlüsselstellen sind zweifelsohne der ‚Tanz‘ Kathys mit dem Kissen, der von der emotional berührten Madame beobachtet wird, die Eröffnung ihres Schicksals durch die Aufseherin Lucy, später dann die Fahrt nach Norfolk, um die ‚Mögliche‘ von Ruth zu suchen…

Der dritte Abschnitt, in dem alles auf ein Ende hinläuft, in dem die Protagonisten, auf jeden Fall aber Kathy, etwas aus der Isolation des Programms herausgenommen ist und mit der Welt in Berührung kommt (und wenn es nur durch die vielen Autofahrten durch das Land ist) ist lebhafter, wird dramatischer. Die Konflikte zwischen den drei Protagonisten treten zu Tage, die intrigante Ruth verspürt ein Gefühl der Reue und der Schuld Kathy und Tommy gegenüber, eine Schuld, die sie dadurch abtragen will, daß sie ihnen die Adresse von Madame gibt, die sie selbst mühsam herausgefunden hat. Hier sollen die beiden eine ‚Rückstellung‘ beantragen, sollen zeigen, daß sie zur Liebe fähig sind und daß sie eine Seele haben… es kommt zum Aufeinandertreffen von Kathy und Tommy einerseits mit der alten Internatsleiterin und Madame. Es ist ein seltsam anmutendes Gespräch zwischen den Vieren: auf der einen Seite existentielle Fragen, auf der anderen Seite die stete Sorge, die im Haus arbeitenden Möbelpacker könnten das Nachttischchen beschädigen…


Möglicherweise, so meine Gedanken jetzt während des Schreibens, tue ich dem Autoren mit meiner verhaltenen Bewertung jedoch unrecht. Möglicherweise lautet die grundlegende Frage des Romans ja doch anders: Was schaffen eigentlich (würden wir schaffen), wenn wir Mensch klonten? Die Frage ist durchaus nicht akademisch, daß Klone als Organspender dienen könnten, wird nicht nur im künstlerischen Umfeld thematisiert [3]. Wären es Wesen wie ‚richtige‘ Menschen mit Gefühlen, mit Wünschen, mit Hoffnungen, mit Ängsten – mit einer ‚Seele‘? Oder wären es Automaten, die einfach nur funktionierten? Müßte man diese Klon-Menschen menschwürdig behandeln (wie in Hailsham), oder könnte man die Ansprüche senken (wie in nicht näher beschriebenen Anstalten des Romans offensichtlich)? Wie viel Menschliches steckt tatsächlich in ihnen, eine Frage, die nicht neu ist, Stichwort: Blade Runner (bzw. der ihm zugrunde liegende Roman von Dick) und gäbe es bei diesen Wesen die Sehnsucht, ein „richtiger“ Mensch zu sein?

Ihr armen Geschöpfe.
Was haben wir euch angetan
mit all unseren Plänen
und Manipulationen.

Alles, was wir geben mussten, ein sich etwas ziehender, zäher, intelligenter Roman über die Verantwortung des Menschen gegenüber seinem Tun, auch wenn die Frage der Klonierung von Menschen sicherlich nicht das aktuellste Thema eines wie auch immer definierten medizinischen „Fortschritts“ ist.

Links und Anmerkungen:

[1] zitiert nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Kazuo_Ishiguro
[2] zu Dolly gibt es natürlich unendlich viele Fundstellen im Internet. Hier verlinke ich ausnahmsweise mal nicht die Wiki, sondern: http://www.wissensschau.de/stammzellen/stammzellen_kerntransfer.php
[3] https://www.welt.de/gesundheit/article116272121/Das-Ersatzteillager-fuer-Organe-ist-jetzt-moeglich.html oder auch hier: http://www.zeit.de/2013/21/klonen-mensch-durchbruch/komplettansicht

Kazuo Ishiguro
Alles, was wir geben mussten
Übersetzt aus dem Englischen von Barbara Schaden 
Originalausgabe: Never Let Me Go, London, 2005
diese Ausgabe: Heyne, TB, ca. 350 S., 2017

Mathias Menegoz: Karpathia

Der junge französische Autor Mathias Menegoz hat mütterlicherseits eigene Wurzeln, die in die Weltgegend, das östliche Europa, reichen, in der sein vorliegender Erstling spielt: seine Mutter ist Donauschwäbin (der Vater Franzose) und der Roman führt uns in den südlichen Karpatenraum, nach Transsilvanien bzw. nach Siebenbürgen, heute in Rumänien gelegen, damals, zur Zeit, in der der Roman spielt, an der Aussengrenze des Habsburger Reiches.


Die Handlung setzt jedoch im Wien des Jahres 1833 ein. Der Hauptmann im Generalstab, Alexander Korvanyi, fühlt sich durch das unbedachte Wort eines Offiziers gekränkt: eine junge Dame der Gesellschaft, die er kennt (und offensichtlich mag) wurde in seinen Augen beleidigt. Was nun folgt, ist eine Frage der Ehre und die war seinerzeit das Leben eines Menschen wert. Vor dem Duell (und ohne daß Clara von Amprecht von diesem Duell überhaupt Kenntnis hat) macht er dieser im Wissen, daß er – dies eine conditio sine qua non Claras – den Militärdienst dann quittieren muss, einen Heiratsantrag, den die junge Frau annimmt. Die Zukunft des Paares wird sich also auf dem alten Besitz der Korvanyis  in Transsilvanien abspielen, der Korvanya, die die Familie Korvanyi vor einem halben Jahrhundert nach Unruhen verlassen hat und die seitdem von Verwaltern aus niederem Adel bewirtschaftet wird. Diesen Besitz will der Graf wieder persönlich leiten und zur Blüte bringen.

Die Übersiedlung des Paares vom herrschaftlichen Wien, einem der großen Zentren Europas, in das düster wirkende Transilvanien ist eine kleine Reise in das Herz der Finsternis. Denn keineswegs zieht mit dem Grafenpaar auch Glück und Freude bei den Einheimischen ein: der Verwalter fürchtet um seine Position und sein bequemes Leben, die Leibeigenen der Umgebung und die Dienerschaft bekommen die fremde Art des Grafen zu spüren und fürchten ihn bald.

Die Vorstellungen des Grafen stören die seit Jahrzehnten eingespielten Routinen der Menschen. Und seltsamerweise häufen sich seit der Ankunft des Paares Unglücke und unerklärbare Vorgänge: Kinder verschwinden und einer jungen Frau mit Namen Auranca wird Gewalt angetan. Zwar kann anscheinend der von der Gräfin, einer begeisterten und guten Jägerin, erlegte Wolf, der von der Leiche des Kindes aufgeschreckt wurde, das Verschwinden der Kinder erklären, doch hat dieses in Verbindung mit den sichtbaren Verletzungen Aurancas bei der abergläubischen Bevölkerung schon längst eine andere Deutung erfahren: ein Vampir sei es, der umgeht.

Da der Tod des Wolfes die Menschen nicht beruhigt, ist der Graf immer überzeugter von seinem heimlichen Verdacht, daß er nämlich einen Gegenspieler hat, der im Untergrund gegen ihn arbeitet, ihm schaden will. Ohne Wissen seiner Frau entwickelt er einen Plan, wie er das große Jagdfest, das das Paar zur Begrüßung der Nachbarn ausrichten will, für seine Zwecke einspannen könnte. Damit jedoch setzt er eine verhängnisvolle Ereigniskette in Gang, denn daß sein Grundgedanke zutrifft, zeigt sich bald: er hat einen mächtigen Gegner zu fürchten – und sich gegen ihn zur Wehr zu setzen…


Man kann den Roman von Menegoz natürlich ganz einfach als spannende Geschichte lesen, die vor einer Kulisse vergangener Zeiten spielt. Die Walachei – redewendlich geworden in Deutschland durch ‚Hier sieht´s ja aus wie in der Walachei‘ – ist Sinnbild für die Armut, die Rückständigkeit der Region. Sie ist in Karpathia vertreten durch ihre Landsleute, die Walachen, die als Leibeigene des Grafen in seinem Besitz in armseligen Behausungen leben und für ihn zu arbeiten haben. Sie gehören nicht zu den drei ‚Nationen‘ in dieser Region (neben dem ungarischen Adel, den Szeklern und den Siebenbürger Sachsen [2]). Unter diesen Volksgruppen herrschen Eifersüchteleien und Abgrenzung, man bleibt unter sich und wacht darüber, daß die anderen nicht bevorzugt behandelt werden, der Adel sieht sich sowieso als über allem stehend. Als unterste in der Hierarchie sind die Leibeigenen diejenigen, die als als Zielgruppe Aufständischer zu sehen sind: sie waren es schon 1783, den damals gegen ihre Herren revoltierten und sie zur Abwanderung brachten. Die Skelette der damals ermordeten Vorfahren in der Krypta des schwarzen Teil der Burg sind dem jungen, heimgekehrten Grafen ein stetig bohrender Schmerz im Herz.

So ist der Roman eingebettet in eine Schilderung der Zustände dieses Grenzgebietes zweier Kaiserreiche, weit weg von der ‚fortschrittlichen‘ Zentralgewalt der Hauptstadt, unter einem fast noch archaischen Feudalsystem mit einem standesbewussten und arroganten Adel stöhnend. Die Grenznähe bedingt die Existenz einer im Untergrund lebender Schmuggelorganisation, deren Führer charismatisch als Inkarnation des legendären Vlad [3] angesehen wird, diese Bande sollte sich dann auch als Gegenspieler des Grafen entpuppen.

Die von mir als Reise ins Herz der Finsternis bezeichnete Rückkehr des jungen Grafen auf die Burg und in die Ländereien der Vorfahren führt zu nichts anderen als zu einem ‚Clash of Cultures‘. Graf Alexander Korvanyi, mit besten Vorsätzen, gutem Willen und den Menschen gegenüber keineswegs feindlich gesinnt, zeichnet sich durch ein völliges Fehlen von Einfühlungsvermögen aus. Unsicherheit wird durch Härte kompensiert, auf berechtigte Belange der Bevölkerung kaum Rücksicht genommen, deren Eigenheit und Interessen werden übergangen. Er merkt, daß er als störendes Element empfunden und daß ihm Misstrauen entgegen gebracht wird, allein verleitet ihn das, noch unnachgiebiger zu werden, gnädig sein wäre für ihn unverzeihbare Schwäche. Ein Nicht- bzw. Falschverstehen also, das durchaus wechselseitig ist: auch die Leibeigenen interpretieren die Handlungen des Grafen in ihren gewohnten Mustern… So bauen sich schnell Fronten auf zwischen Herrn und seinen Leibeigenen… ein Muster, das sich in der Geschichte immer wieder wiederholt, wenn Kulturen unterschiedlichen Charakters und Entwicklungsstandes aufeinander treffen, hier von Menegoz in seine Geschichte eingeflochten.

Die blutigen und gewalttätigen Auseinandersetzungen, die Menegoz schildert, zeigen ganz deutlich das gegenseitige Unverständnis, die Unfähigkeit jeder Seite, ihren Gegner bzw, hier durchaus ihren Feind, richtig einzuschätzen. Mag der jeweilige Hochmut auch anders ‚begründet‘ sein, so führt er doch bei beiden Parteien dazu, die jeweils andere zu unterschätzen, was zu bitteren Folgen und Niederlagen führt. Auch dieser Aspekt der Geschichte läßt sich sehr leicht in die Moderne übertragen, daß Hochmut vor dem Fall kommt, hat sich nicht geändert, wird sich nicht ändern…

Mir war beim Lesen des Buches der erste Teil, der in Wien spielt, mit seinem ausführlichen Beleuchten des Aspektes ‚Ehre‘ etwas langatmig erschienen. Erst beim weiteren Lesen erkannte ich, daß der Autor mit dieser längeren Schilderung zum einen den Gegensatz zwischen dem Leben in Wien und dem in Transsilvanien herausgearbeitet hat und daß er zum zweiten natürlich die Bedeutung dieses Faktors ‚Ehre‘ für zum einen den Offizier Alexander Kolvanyi und später dann die Adligen, den Grafen und die Gräfin Kolvanyi herausstellt. Die Auswirkungen der Bedeutung dieses Begriffes kann man kaum überschätzen, letztlich ist es die aus dem Ehrbegriff abgeleitete Verpflichtung zur gegenseitigen Unterstützung, die Kolvanyi seinen Feldzug erst ermöglicht: die Bewahrung der Ehre steht über dem Leben. Im übrigen, ohne daß ich das jetzt weiter vertiefen möchte, ist ein – wenn auch anders gearteter – Begriff von ‚Ehre‘ auch bei der Schmugglerbande um Vlad zu finden – sozusagen als Antiphon zur Ehre der Adligen.


Nun hat Menegoz nicht einfach nur seine Geschichte erzählt. Immer wieder geht er ausführlich auf das Innenleben seiner Figuren ein, legt ihre Motive dar, ihre Gedanken, ihre Ängste, Hoffnungen und Befürchtungen. Als Leser bewahrt man Abstand zu den Charakteren, Alexander tut einem wegen der Beschränktheit seiner Möglichkeiten und der Unausweichlichkeit der Situation, die ihm aufgezwungen wird, etwas leid, ohne daß er wirklich mit ihm sympathisiert. Die Gräfin, anfangs eher eine verwöhnte junge Frau, die Spaß haben will, geht durch eine harte Lebensschule und reift im Gang der Ereignisse, was auf die Ehe der beiden nicht ohne Auswirkungen bleibt. Keine der Figuren handelt wirklich aus freiem Willen, alle sind eingebunden in über(k,n)ommene Verhaltensmuster und Rollenbilder, aus denen sie nicht ausbrechen können, um so weniger, je mehr sich die Lage zuspitzt.


Die relativ kurzen Abschnitte, in die der Roman geteilt ist, wechseln jeweils zwischen den Parteien, dadurch gewinnt die Handlung mit Fortschritt an Tempo und Spannung bis hin zur finalen Auseindersetzung der Feinde. So wie es der Autor versteht, die Gedankenwelt seiner Figuren offenzulegen, so anschaulich schildert kann er auch die Kämpfe schildern, die blutrünstig und gewalttätig sind. Es ist anschaulich, was er schreibt, das Beschriebene entsteht in der eigenen Vorstellung, manchmal vermeint man, ihm tatsächlich beizuwohnen, an den Kämpfen teilzunehmen.

Das Buch ist düster wie sein gelungenes Umschlagbild, das ganz hervorragend mit dem Inhalt korrespondiert. So düster es auch ist, ich war gefangen von ihm und wurde, je mehr ich gelesen habe, um so mehr in seinen Bann gezogen.

 

Links und Anmerkungen:

[1] Menge und Umfang der Infos über den Autoren halten sich im Netz noch im überschaubaren Rahmen, hier z.b.  https://www.histo-couch.de/mathias-menegoz.html
[2] Die Handlung spielt wohl in der nordöstlichen, grenznahen Region Siebenbürgens (alte Karte von 1857!):  https://de.wikipedia.org/wiki/Siebenbürgen
[3] vgl hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Vlad_III._Drăculea

 

Mathias Menegoz
Karpathia
Übersetzt aus dem Französischen von Sina de Malafosse
Originalausgabe: Karpathia, Paris, 2014
diese Ausgabe: FVA, HC, ca. 640 S., 2017

Ich danke dem Verlag für dieses mir (irrtümlicherweise ;-) ) überlassene Leseexemplar.