Meir Shalev: Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger

Nahalal… es ist ganz sinnvoll, sich mal auf der Karte anzuschauen, wo dieser Ort (https://de.wikipedia.org/wiki/Nahalalder hier zu sehende Wasserturm geht übrigens auch auf ein frühes Familienmitglied zurück), der nicht jedem geläufig sein wird, liegt. In Israel, das ist keine Überraschung bei einem Buch Shalevs, aber da diese Geschichte von Tonia aus Russland und dem Sweeper aus den USA biographisch ist, da viele Orte erwähnt werden, kann man sich einfach ein besseres Bild machen – auch wenn Jahrzehnte vergangen sind und sich alles verändert hat:  https://goo.gl/maps/ypBE9LvAwQN2. Es ist inmitten der Jesreelebene  (https://de.wikipedia.org/wiki/Jesreelebene) zwischen Haifa und Nazareth. Jerusalem, wo der Autor einige Jahre als Kind lebte, liegt ziemlich genau im Süden des Dorfes, vielleicht hundert Kilometer Luftlinie entfernt. Nahalal ist der älteste israelische ‚Moschaw‘, eine Siedlung also, die genossenschaftlich organisiert ist, die aber auch Güter im Privateigentum zuläßt (http://www.hagalil.com/israel/kibbutz/siedlung.htm). Wie Großmutter Tonia (Großmutter bezieht sich hier natürlich auf den Verfasser dieser Erinnerungen) es spät in ihrem Leben ausdrücken sollte, haben viele Kibbuzim ihren Kibbuz verlassen und sind in eine Moschaw gezogen. Den umgekehrten Weg ist keiner gegangen. Offensichtlich also entspricht diese Organisationsform der menschlichen Psycho wohl besser.

Dieses Buch setzt ein Denkmal. Es ist eine kleine Familiengeschichte (eine größere zu schreiben, so der Verfasser, ist noch seine Aufgabe für die Zukunft), in der die schon erwähnte Großmutter Tonia die entscheidende Rolle spielt. Sie ist früh in den Zwanziger Jahren mit der dritten Einwanderungswelle (vgl. hier: http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/laenderprofile/57631/historische-entwicklung?p=all) aus Russland nach Palästina gekommen. Ein junges Mädchen, noch in der Uniform des Gymnasiums, das es verschlagen in eine Region, in der es außer sommerlichem Staub, der im Winter zu kniehohem Matsch mutiert, kaum etwas gegeben hat. Von einem Tag auf den anderen war sie und waren ihre Schicksalsgenossen Pioniere, die ein Land urbar und bewohnbar zu machen hatten, unter einfachsten, ja, primitiven Bedingungen. Daß Tonia mit der dritten Alija kam ist insofern wichtig, da es in ihren späten Jahren ihrer ‚Verewigung‘ Probleme machte: der Dokumentation der frühen Siedler der vorangegangenen Alija, zu der sie eben nicht gehörte, was der eigensinnigen Dame nicht wirklich einleuchtete, denn verdient, davon darf man überzeugt sein, hätte sie diese Verewigung gehabt.

Sie war das entscheidende Glied der Sippe, hat ihr Rückhalt gegeben. Ohne sie wäre die Familie nicht in Nahalal geblieben. Sie hatte ihre Eigenarten (um es milde auszudrücken) und sie hatte einen Feind, den sie erbarmungslos bekämpfte: den Schmutz. Den Staub. Den Dreck. Den Schlamm. Den Unrat. Und der Bekämpfung dieses Feindes widmete sie einen Großteil ihres Lebens – unter Anwendung einer gängigen Regel: Vorbeugen ist besser als Heilen. Also wurde der Dreck ausgesperrt und mit ihm die Träger des Drecks: die Menschen. Sprich: es gab nur wenige, streng vorgeschriebene Wege, die ins Haus führten, viele Zimmer waren abgeschlossen (das Bad zum Beispiel) und erlangten im Lauf der Jahrzehnte mythischen Status. Die Klinken der Türen waren mit Lappen umwickelt, auf der Schulter Tonios wachte der Wächterlappen über den Glanz von und auf allem. Und wehe, ein Fingerabdruck oder ein Staubkörnchen hatte es gewagt…

Die Sippe ist groß, Onkel und Tanten und deren Kinder, die Brüder der Oma (die etwas verwirrend auch als Onkel tituliert werden): wir erfahren von ihnen, von ihren liebenswerten und auch von den weniger liebenswerten Eigenschaften, die sie selbstverständlich auch hatten. Doch halt: es gab da einen Abtrünnigen, einen doppelten Verräter, einen, der weder Zionist noch Sozialist geworden war, sondern Kapitalist, einen, der sich jetzt ‚Sam‘ nannte und im mythischen Amerika, das sich dem verachtenswerten Hedonismus ergeben hatte, fußend auf der Ausbeutung der Menschen: Onkel Jeschajahu, der in Amerika zu Geld gekommen war und für General Electrics arbeitete. Ich will es kurz machen, die Präliminarien weglassen und gleich zum Casus knacktus kommen: dieser Mensch schickte (nachdem Nahalal 1936 elektrifiziert worden war) aus niederen Beweggründen der Rache eine ‚Sweeper‘ [der mythischen Bedeutung, die dieses Gerät im Lauf der folgende Jahrzehnte noch erlangen sollte, wird die profane Übersetzung des Begriffs mit ‚Staubsauger‘ im übrigen nicht gerecht] auf  die lange Reise von Amerika in die Jesreelebene… verpackt nach allen Regeln der Packkunst und in der Innersten der Verpackungen verziert mit dem Bild einer Frau im rotgepunkteten Kleid mit einem Lächeln auf den Lippen und manikürten Fingernägeln [vgl. hier https://radiergummi.files.wordpress.com/2018/04/meir-400.jpg]! Welche Abgründe für den einfachen Moschawim, das war der ungebremste Hedonismus, der damit klandestin ins Dorf eingeschleust worden ist… Ein Sieg für Onkel Jeschahjahu. Denn welche Versuchung für die Umstehenden… wie würde es sich wohl anfühlen, um eine solche Taille den Arm zu legen auf der einen Seite, wie würde es sich wohl anfühlen, in so einem Kleid mit solchen Schuhen, einem solchen Lächeln durchs Leben zu gehen auf der anderen Seite…

Einzig Tonia konzentrierte sich auf die praktischen Aspekte, nahm den Sweeper beim Schlauch, zog daran und er folgte ihr wie ein Haustier zu seiner Bestimmung. Mit Leichtigkeit bestand er die schwere Prüfung des nach dem Probesaugens abgehaltenen Wischtests und Tonia war begeistert… bis nächtens sich ein nagende Zweifel bemerkbar machte, nämlich… aber lest selbst, wie es weiterging, was soll ich das jetzt hier alles erzählen….


Fabulierer – ich habe diesen Begriff jetzt des öfteren im Zusammenhang mit Shalev gelesen und er trifft zu, seine Sprache ist lebhaft, anschaulich, sehr lebensnah. Shalev erzählt seine Geschichte, die nicht unbedingt auch die Geschichte ist, die andere Familienmitglieder erzählen würden, denn in dieser Sippe hat jeder seine eigenen Version, die sich von der anderer unterscheidet, was mitunter zu Streit und Meinungsverschiedenheiten führt. Ja, sogar die noch nicht geboren Gewesenen streiten mit, denn selbstverständlich haben auch diese ein Recht auf ihre Version des Geschehenen. Aber gehen wir davon aus, daß Shalevs Darstellung recht nahe an der Wahrheit (was ein schwammiger Begriff, Wahrheit, was soll das schon sein, wenn jeder auf seine eigene Wahrheit besteht?) ist, hat er mit seiner Mutter doch eine vertrauenswürdige Zeugin und vieles hat er letztlich auch selbst erlebt und gesehen.

In dieser Familiengeschichte ist alles beseelt, die Menschen ebenso wie die Tiere. Hier hat der alte, gutmütige Zosse seine Persönlichkeit, hier fliegt der Esel Ah durch die Lüfte nach … ich glaube, es war Istanbul oder eine andere Stadt, nachdem er sich mit einem Draht (oder war es doch ein Schlüssel?) das Tor geöffnet hat, hier trauert der Staubsauger seinem verlorenen Schicksal nach und kommt zu der Erkenntnis, daß die Aufregung, das Besondere der Reise das, was folgen sollte, nicht aufwiegt… Es wachsen die Maiskolben an Zitrusbäumen, Shalevs Vater wird, wenn er stört, zum Schreiben von Gedichten weggeschickt, und Großmutter Tonia ist der Überzeugung, ein junger Mann solle die Freundinnen wechseln wie die Socken…

Neben dieser Familiengeschichte gibt Shalevs Erzählung aber auch einen direkten Einblick in das harte Leben der Pioniere im frühen Palästina, weit vor der Gründung Israels. Unbeugsam ist deren Geist, unbeirrbar ihre Einstellung. Man sagt, sie macht auch Maniküre ist eins der vernichtendsten Urteile, das sie über Frauen fällen, wenn diese sich – was selten genug, bei vielen nie vorkommt – auch nur ein wenig hübscher anziehen. Denn in dieser Gegend waren Sümpfe trockenzulegen, war der harte Boden für die Saat aufzubrechen, die Häuser mussten gebaut werden wie die Ställe. Es musste gefüttert werden und gemolken, die Eier waren einzusammeln, die Milch zu liefern, das Unkraut musste gerupft werden, gesät und geerntet, gepflanzt und gehegt… nichts wurde weggeworfen, alles konnte noch einmal Verwendung bringen, ein Drahtstück beispielsweise war geradezu ein Universalwerkstück, das für alles dienen konnte. Im Sommer die unendliche Hitze und der Staub, der in der Regenzeit zu knietiefem Morast wurde….

Die Geschichte endet ein wenig traurig, da der Gang der Dinge halt so ist und der Mensch ihm unterliegt und immer unterliegen wird. So berichtet Shalev von den Beerdigungen, die im Lauf der Jahre stattgefunden hatten, die der Großeltern, aber auch die der eigenen Mutter, Bestattungen, die immer auch mit Lachen und Geschichten von früher begleitet wurden…

Was mit dem Staubsauger geschah, wollt ihr wissen? Nun, es sei nur soviel verraten: das würde Meir Shalev auch gerne wissen, denn die Sache war so: das Haus der Großmutter gab nach deren Tod zwar viele Geheimnisse frei – aber eben nicht alle,  ….  ;-)

Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger ist ein Buch, bei dem man gar nicht aufhören will mit der Beschreibung. Es wäre noch so viel zu erwähnen, die besonderen Redewendungen in der Familiensprache beispielsweise oder Jerusalem als Stadt des Irrsinns, der Blindheit und der Verwaistheit, als die es der junge Shalev als Kind wahrnahm…. das Leben und das Gelebtwerden ist so anschaulich geschildert, mit so viel Liebe und auch Humor die Menschen, die Tiere und der Sweeper ebenso… untermalt ist das Ganze mit Fotos aus dem Familienalbum… ach, Schluss jetzt, einmal muss Ende sein mit dem Schwärmen: es ist einfach ein schönes Buch. Punkt. Aus.

Meir Shalev
Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger
Übersetzt aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
Originalausgabe: Ha-davar haja kacha, Tel Aviv, 2009
diese Ausgabe: Diogenes, TB deluxe, 384 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Ausser dieser kleinen Familiengeschichte habe ich von Shalev auf dem Blog zwei weitere, sehr lesenswerte Bücher vorgestellt:
Judiths Liebe und
Zwei Bärinnen

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Jesmyn Ward: Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt

Die Autorin dieses in den Südstaaten der USA angesiedelten Romans, die auch ihre eigene Heimat sind, ist schon mit ihrem Erstling wie ein Sturm durch die Blogs und Feuilletons gegangen. Die Geschichte dieses Debüts, die das Leben einer Familie vor dem großen Hurrikan Katrina schildert, erntete großes Lob und Begeisterung [Jesmyn Ward: Vor dem Sturm]. Mit ihrem vorliegenden neuen Roman, ebenfalls mit dem „National Book Award“ ausgezeichnet [vgl hier: http://www.nationalbook.org/nba2017-finalist-fic-ward-sing-unburied-sing.html#.WsriQMWsbcs], führt uns Ward wiederum in die Südstaaten, und obwohl er in unsere heutige Zeit spielt, wirkt die Handlung seltsam zeitlos ist…

‚Pop‘ und ‚Mam‘ kümmern sich um die Erziehung von Joseph, genannt Jojo. Die Großeltern springen für ihre Tochter Leonie ein, der, so wird es die von Krebs gezeichnete Mam am Ende ihres Lebens festhalten, der Mutterinstinkt fehlt. In Jojo ist deutlich das Erbe, die Verwandtschft mit Pop zu erkennen, seine Haltung, sein gerader Rücken, seine Blick. Er ist dreizehn Jahre alt und das Buch beginnt sozusagen mit seiner Initiation: Pop nimmt ihn mit, als eine Ziege geschlachtet wird. Jojos Vater ist im Gefängnis, in Parchman, einer Hölle auf Erden, er heißt Michael und ist weiß, im Gegensatz zu Leonie. Für Michaels Vater Big Joseph ist diese Beziehung etwas Unmögliches, eine ‚Niggerschlampe‘ kommt ihm nicht auf Hof und als Michael doch einmal mit seiner Familie dort erscheint, kommt es zu einer üblen Schlägerei zwischen den beiden. Michael, Leonie und die beiden Kinder Jojo und Kayla (die eigentlich Michaela heißt) leben bei Pop und Mam. Kayla ist Jojos Schwester, um die dieser sich liebevoll kümmert. Wie ein Klammeräffchen hängt die Dreijährige an ihm, der für sie quasi die Mutterrolle angenommen hat und der das Versagen der eigenen Mutter deutlich spürt und verurteilt.

Die drei Jahre Parchman, dem gefürchteten Staatsgefängnis in Mississippi [vgl. hier:  https://de.wikipedia.org/wiki/Mississippi_State_Penitentiary], sind für Michael um, er wird entlassen. Leonie packt ihre beiden widerstrebenden Kinder ins Auto und sie machen sich auf den Weg, um ihren Mann bzw. Vater abzuholen. Begleitet werden sie von Misty, der Kollegin von Leonie aus der Bar, in der sie arbeitet, auch ihr Mann ist dort inhaftiert.

Aus dieser Konstellation heraus entwickelt Ward eine typische Road-Novel, eine Reise durch den unerträglich schwül-heißen Süden der USA, eine Reise auch durch drei Generationen Familienschicksal und Rassenhass.

Sie läßt ihre Familiengeschichte mit Pop beginnen, der als Jugendlicher einer Nichtigkeit wegen nach Parchman gekommen war. Und dabei hatte er noch Glück gehabt muss man feststellen, andere sind (oder sollten es noch Jahre später werden) größerer Kleinigkeiten wegen als einer Prügelei in einer Bar gelyncht worden. Wobei ‚Lynchen‘, also Aufhängen, fast noch human klingt, wenn Ward erzählt, daß nur noch das aufgehängt wurde, was nach der bestialischen Vorbehandlung übrig geblieben war…

Parchman war ein riesiges Areal, auf dem Baumwolle angebaut wurde. Es gab keine Zäune oder Mauern, die Weite war Mauer genug und dann waren da noch die Wärter mit ihrem Gewehren und der Lust am Töten und die Hunde… Nur die stärksten und widerstandsfähigsten überstanden die Zeit dort, Richie gehörte nicht dazu, obwohl sich Rivers, der später zu Pop wurde, wie ein Vater um ihn kümmerte und ihn zu schützen suchte. Richie war erst zwölf, halb verhungert und aus diesem Grund in Parchman, weil er für sich und seine vielen Geschwister Essen gestohlen hatte.

Rivers blieb nach seiner Zeit im Süden, er wollte das Meer, das Bayou, nicht verlassen. Mit Philomene hatte er zwei Kinder. Given, der Sohn, sollte als junger Mann erschossen werden, weil ein Weißer sich für eine verlorene Wette rächen wollte. Ein Mord, der zum Jagdunfall wurde… Leonie verliebte sich in den Cousin des Mörders, der als Schweißer auf der Deepwater Horizon [https://de.wikipedia.org/wiki/Deepwater_Horizon] arbeitete und der durch deren Explosion, bei der viele seiner Freunde starben, tief traumatisiert war. Und danach kamen ein paar Jahre Parchman für Michael…


Ward erzählt ihre Geschichte aus der Sicht dreier Personen: Jojo, Leonie und hin und wieder Richie wechseln sich ab. Es sind oft dieselben Situationen, die sich aus der Sicht der Erzähler ganz unterschiedlich darstellen, es sind aber auch verschiedene Lebensstationen, die sich auf die jeweiligen Erzähler konzentrieren. Jojo und Pop sind oft zusammen und Pop erzählt Jojo von seiner Zeit in Parchman und seinem besonderen Verhältnis zu Richie – was er jedoch nicht erzählt, das Ende der Geschichte. Das auch Richie selbst nicht kennt, das seinen ‚Geist‘ – denn Richies Körper ist schon lange tot und vergangen – unruhig sein läßt, auf der Suche nach seinem Schicksal zu Jojo führt. Und so wie Jojo Richie sehen kann, kann Leonie ihren toten Bruder Given sehen, beide haben sie diese Gabe von Mam geerbt, ebenso wie Kayla sie hat. Pop hat sie nicht, auch Michael natürlich nicht… Sie können die Toten nicht sehen, die Geister nicht spüren und hören so wie die Frauen – und Jojo es können…

Wie der Ozean. Nicht wie euer Ozean – ich meine, im Ernst, den sollte man nicht mal Golf nennen, so schlammgrau wie der ist. Ich meine echtes Wasser. Ich meine Jamaika, Santa Lucia, Indoniesen, Zypern. Schlammig, modrig, faulig, der Boden mit verrottenden Pflanzenresten bedeckt, so wie das Wasser in dieser Gegend und darüber die Luft, die aus Hitze und Schwüle besteht, so erscheint auch die Atmosphäre dieser Geschichte. Es gibt keinen Blick in die Zukunft, es gibt keine Zukunft, es scheint nur den Augenblick zu geben, in dem alle Zeit verschmilzt und dann den nächsten und dann den folgenden… die Vergangenheit zerrt an ihnen, hält sie, blockiert sie, die Gestorbenen sind nicht wirklich tot, sie sitzen auf den Bäumen, sie erscheinen denen, die mit der Gabe, sie zu sehen gesegnet (oder geschlagen) sind und verlangen Erlösung, verlangen Aufklärung… oder sind gekommen, jemanden abzuholen wie beispielsweise Mam, für die Leonie das alte Ritual, die alte Beschwörung durchführt. Für Maman Brigitte, Mutter der Ghede. Herrin der Friedhöfe und Mutter aller Toten. … es sind die alten Götter der Yoruba, die beschworen werden, die hier noch herrschen, die ihre Hand über die Menschen halten. Ich wusste, sie rief Unsere liebe Frau von Regla an. Den Stern der Meere. Beschwor Yemayá, die Göttin der Meere und des Salzwassers, mit ihrem Schsch und mit ihren Worten und sie hielt mich wie diese Göttin, ihre Arme waren die lebenspendenden Wasser der ganzen Welt. 

Eine Welt der Konflikte, der Arbeitslosigkeit, der Drogen, des Hasses der Hautfarbe wegen… Er hat mich vergewaltigt und gewürgt bis ich tot war ich habe die Hände hochgenommen und er hat achtmal auf mich geschossen sie hat mich im Schuppen eingesperrt und dort verhungern lassen während ich zuhörte wie meine Kinder im Garten mir ihr spielten sie kamen mitten in der Nacht in meine Zelle und haben mich erhängt sie merkten daß ich lesen konnte und da zerrten sie mich nach draußen zur Scheune und stachen mir die Augen aus bevor sie mich totschlugen … klagen die Geister an. 

Jojo und Kayla erinnern an die vierhändigen und -beinigen Wesen aus Platons Gastmahl, sie sind kaum zu trennen, Kayla umklammert Jojo und klettert auf ihm herum und beide halten sich im Schlaf umschlungen. Nur widerwillig gibt Jojo seine Schwester her wenn Leonie (oder später dann Michael) danach verlangen, meist auch mit Recht, denn es tut Kayla, die dann zu Michaela wird, nur selten gut, von Jojo getrennt zu werden. Die meiste Zeit leidet Kayla/Michaela in dieser Geschichte Hunger, was Leonie weitgehend egal ist, allenfalls stopft sie ihre Tochter mit Cheetos voll, die dann kurze Zeit später in einem Schwall zusammen mit dem eingeflößten Brombeersud lilafarben wieder aus ihr hervorbrechen. So wie bei Leonie Milch mit zerstoßener Grillkohle das Crystal Meth wieder zu Tage fördern, das diese bei der Polizeikontrolle in Panik verschluckt hatte… es wird viel gekotzt auf dieser Fahrt, die Menschen drehen ihr Innerstes nach außen, entleeren sich, bis nur noch die Hülle vorhanden zu sein scheint und alles andere ausgespuckt ist.

Eine Road-Novel, die die Frage offen läßt, was sich verändert hat in diesen Tagen. Jojo ist erwachsen geworden durch alles, was er auf dieser Fahrt erlebt und gesehen hat, inclusive der Pistolen des Streifenpolizisten an seinem Kopf, seine Initiation ist beendet. Und was hat sich für die anderen ergeben?


Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt ist ein packender Roman und das ist die Kunst Wards, denn im Grunde wird eine unspektakuläre Familiengeschichte erzählt, wie  im Süden der USA wahrscheinlich gang und gäbe ist. Aber Ward hebt die Grenzen des Alltäglichen auf, in ihrer Geschichten weilen die Gestorbenen noch unter uns, Vergangenheit und Zukunft verschmelzen mit der Gegenwart, die Zeit verliert ihre Grenzen, was aber erst die Gestorbenen erkennen, die Lebenden glauben noch an eine Zukunft – oder auch nicht, denn welchen haben sie schon, wenn die Hautfarbe nicht stimmt? Die alten Götter leben neben den neuen weiter, auch wenn nicht jeder die Gabe des Sehens hat. Der Hass hat sich nicht verändert, nach wie vor bestimmt die Hautfarbe den Wert des Menschen und damit sein Leben, seine Möglichkeiten. Und die sind für die, die dunkler sind, beschränkt. In der Bar kellnern, ein bischen was mit Drogen, Gelegenheitsarbeiten. Armut ist der Standard. So wird es weitergehen, wenn es Hoffnung gibt auf Änderung, dann erst bei Jojo, Kayla und deren Generation…

Ist es diese schwülfeuchte, alles erstickende Atmosphäre, in der sich die Geschichte abspielt, ist es dieses Durchbrechen der Rationalität, in dem die Geister der Gestorbenen genauso eine tragende Rolle spielen in der Handlung wie die Lebenden, ist es die Polarität, die sich zwischen Leonie und Jojo symbolisiert, zwischen dem sich Aufgegebenhaben und der Rebellion dagegen? Der Roman fasziniert auf vielen Ebenen, die Figuren werden in der Geschichte lebendig und die Handlung saugt einen beim Lesen ein, das Kopfkino, in dem sich alles spiegelt, springt sofort an. Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt ist ganz sicher einer der Höhepunkte in diesem Lesejahr.

Jesmyn Ward
Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt
Übersetzt aus dem Englischen von Ulrike Becker
Originalausgabe: Sing, Unburied, Sing; NY 2017
diese Ausgabe: Kunstmann, HC, ca. 300 S., 2018

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Rafik Schami (Hrsg): Sehnsucht

Sehnsucht – so eine Begriffsbestimmung – ist allgemein betrachtet ein inniges Verlangen nach einer Person, einer Sache, einem Zustand oder einer Zeitspanne, die bzw. den man liebt oder begehrt, wobei diese mehr oder minder mit dem schmerzhaften Gefühl verbunden ist, den Gegenstand der Sehnsucht nicht erreichen zu können. Menschen können dabei auch allgemeine Sehnsüchte haben, etwa die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit, nach Gott oder einem höherem Wissen. [aus: Stangl, W. (2018). Stichwort: ‚Sehnsucht‚. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik; http://lexikon.stangl.eu/19576/sehnsucht/ (2018-04-11)]].


Diesem Gefühl, das wohl jeder kennt, ist dieses kleine, schmucke Büchlein in seinem blauen Leineneinband gewidmet. Das halbgeöffnete Fenster, der Blick in die Weite, offensichtlich auf eine am Horizont erst endende Wasserfläche, der angedeutete Luftzug, der den Vorhang etwas wehen läßt, symbolisiert das in der obigen Definition gegebene Gefühl der Unerreichbarkeit – obwohl ich diese Behauptung der Begriffsbestimmung nicht ohne weiteres zustimmen kann und auch einige der Geschichten dieses Büchleins sprechen dagegen, denn in ihnen erreicht der Sehnsüchtige letztendlich doch sein Ziel, befriedigt diesen Mangel in seiner Seele eben dadurch, daß er – möglicherweise gegen alle Vernunft – alles unternimmt, was ihn zu seinem Sehnsuchtsziel führt. So beispielsweise der Vater, der in einer Geschichte von Franz Hohler (Das weiße Spitzchen) in der Maturarede seiner Tochter durch die rezitierten Gedichtzeilen (Das Spitzchen, es ruft mich, sobald ich erwacht / Am Mittag, am Abend, im Traum noch der Nacht…) daran erinnert wird, wie er als junger Mann einen bestimmten Berg nach ihm rufen hörte, ihn locken hörte, aber er versäumte, jemals diesem Ruf zu folgen. Nun aber, geweckt und quälend lebendig, gibt er alles, diese Sehnsucht zu erfüllen.

Es ist sinnvoll, bevor man sich den Geschichten widmet, sich das Nachwort Schamis, der sowohl als Herausgeber des Bandes als auch als Autor vertreten ist, durchzulesen. Er läßt sich dort in kurzen Absätzen über das Wesen der Sehnsucht aus, über ihre Charakteristika, wie sie sich äußert, daß der Wortteil „-sucht“ auch auf einen Zustand hindeutet, der krankhaft sein oder werden kann, wenn sich nämlich das gesamte Ziel des Lebens dem Erreichen des Sehnsuchtsziels unterordnet: Sucht wird zur Obsession wie sie Monika Helfer in ihrer Geschichte  des Lastwagenfahrers erzählt, der sich an eine junge Frau bindet, die ihr Herz jedoch schon lange an einen anderen Mann vergeben hat, der ihr jedoch versperrt ist (Liebe am falschen Platz und das gleich zweifach)…

Einen Aspekt der Sehnsucht habe ich in Schamis Ausführungen ein wenig vermisst: Sehnsucht idealisiert. Die Sehnsucht nach einem geliebten Menschen vernachlässigt ’negative‘ Eigenschaften, die Sehnsucht, den Chomolungma zu besteigen ignoriert die Massenansturm, in dem dies wohl stattfinden wird. Wo ist die Trennung, wie unterscheidet man (wenn dies überhaupt wichtig ist), ob es Liebe ist, die eine Frau jahrelang auf ihren in den Krieg gezogenen Reitersmann warten läßt oder die Sehnsucht nach ihm (in der Geschichte Reiter in der Nacht von Michael Köhlmeier). Hier wird am Ende die Sehnsucht der Frau ‚erhört‘, doch unter Umständen, die die Frau nicht akzeptieren kann: Sehnsucht kann also auch enttäuscht werden, wenn sie nicht mehr nur das scheinbar unerreichbare Ziel ist, sondern sich die Realität ganz anders zeigen sollte als erwartet.

Dem krankhaften, obsessiven Charakter, den die Sehnsucht annehmen kann, begegnen wir auch in der Geschichte Ultramarin von Root Leeb mit seinem kleinen Zyklus Die Farben der Sehnsucht. Hier besetzt das Verlangen nach einer Frau einen Augenarzt, der ihr tief in die Konjunktivitis schaute und sich dann im Fortgang der Dinge selbst fragt, ob er langsam zum Stalker wird, sein eigenes Leben jedenfalls gerät aus den Fugen…

Nataša Dragnić widmet einen ihrer zwei Beiträge dem letzten schwimmenden Elefanten Rajan (https://www.travel4news.at/87096/indien-abschied-vom-letzten-schwimmenden-elefanten/), auf den sich die Sehnsucht einer berühmten Schauspielerin konzentriert, die – behütet von einem Bediensteten des Hotels – auf der Insel Urlaub macht, unerkannt und unauffällig, und die ihr eigenes Leben beim sehnsüchtigen Warten auf Rajan reflektiert…

Für Schami als Exilanten ist die Sehnsucht, die mit dem Wort ‚Heimweh‘ bezeichnet wird, eine große Rolle. Der kürzlich hier von mir vorgestellte Roman Sophia (https://radiergummi.wordpress.com/2018/03/07/rafik-schami-sophia/) ist um diese Sehnsucht herum geschrieben, auch die beiden Geschichten, die er abschließend der Sammlung beisteuert, kreisen um dieses Thema der Sehnsucht nach dem Heimatland, der Heimatstadt, die idealisiert wird, die in der Seele des im Exil Lebenden im Zustand der Kindheit verblieben ist, die romantisiert und idealisiert wird und die, wenn man Jahrzehnten ein Besuch möglich ist, enttäuscht, weil alles ganz anders ist (Syrisches Klassentreffen und Die merkwürdige Sehnsucht des Herrn Hamid). Sicherlich liegt man nicht allzu sehr daneben mit der Vermutung, daß sich in diesen Geschichen auch das Heimweh des Verfassers nach seinem Damaskus, seinem Syrien, selbst zeigt.


Die insgesamt zwanzig Geschichten der sechts Autoren des Bandes sind von unterschiedlicher Länge, reichen von der kurzen, kaum anderhalbseitigen Ausführung bis zu weit umfangreicheren Sehnsuchtsschilderungen. Da Sehnsucht als, ich möchte sagen: Hintergrundgefühl, in allen von uns vorhanden ist, findet man sich beim Lesen in den Geschichten wieder, kann zumindest das treibende Moment der Figuren nachvollziehen, auch wenn uns die geschilderte Umsetzung möglicherweise zu weit geht. Es liegt alles drin in den Geschichten, Dramatisches, Tragisches, Obsessiv-besetzendes, Beglückendes, Erfüllendes… das ganze Spektrum, das Sehnsüchte zum Klingen bringen können tritt uns in den Geschichten entgegen. Ein Schmuckstück als Buch, ein Verführer für die anderen Themenbände der Sechs-Sterne-Reihe, absolut geschenktauglich und ganz sicher ein wunderbarer Reisebegleiter… oder einfach nur ein Buch, das man gern in die Hand nimmt für einen kurzen Ausflug in eine Sehnsuchtswelt.

Rafik Schami (Hrsg)
Sehnsucht
diese Ausgabe: ars vivendi, HC, ca. 200 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Dan Marshall: Meine scheißkranke Familie

Nachdem ich meinen eigener Lesekreis an altersbedingtem Teilnehmerausscheiden schliessen musste, bin ich Mitglied in einem anderen Lesekreis geworden. Dort, so habe ich seinerzeit zu meinem Erstaunen gehört, werden keine Biographien gelesen, was ich damals nicht so richtig verstand. Nachdem ich jedoch dieses Buch von Dan Marshall, das ja eine verdammt wahre Geschichte erzählt, gelesen habe, habe ich mehr Verständnis für diese Einschränkung meines Lesekreises gefunden.

Denn bei einem Roman kann ich die Figuren interpretieren, ich kann mir überlegen, was der Autor mir mit seinen Worten sagen will, ich kann Symbole, Metaphern, Bilder suchen und deuten – in einer Biographie oder einer solchen Familiengeschichte, wie sie Dan Marshall erzählt, ist nichts zu interpretieren, gibt es keine Figuren, keine Symbole, es gibt nur das Faktische, das man nehmen muss, wie es dargeboten wird.


Die Marshalls sind eine siebenköpfige Familie in Salt Lake City, Nichtmormonen unter Mormonen. Sie sind finanziell abgesichert, der Vater Rob Marshall besitzt mit einem Freund zusammen Zeitungen, mit denen er gutes Geld verdient. Auf andere Art und Weise sind die Marshalls jedoch geprüft worden: die Mutter Debi erkrankte, als die Kinder noch klein waren, an Non-Hodgkin-Lymphom, als wahre Kämpfernatur unterzog sie sich im Lauf der Jahre vielen Chemotherapien, die den Krebs weitgehend in Schach halten.

Der Vater Rob ist ein sportlicher Typ, ein Marathonläufer. Sein großes Ziel war die Qualifikation für den Boston-Marathon, die er auch schaffte. Rätselhafter Muskelbeschwerden wegen ging er zum Arzt, der ihn zum Neurologen weiterschickte, die vernichtende, durch eine zweite Meiung bestätigte, Diagnose war ALS, diese unweigerlich zum Tode führende Krankheit, die durch den kürzlich verstorbenen Stephen Hawkings bekannt geworden war.

Der Autor des Buches, Daniel Marshall, lebte zu dieser Zeit in Los Angeles, er hatte einen guten Job, eine Freundin, die er liebte und ein von Sorgen freies Leben, das er in vollen Zügen genoss – und aus dem ihn der Anruf der Mutter, mit dem sie ihn über die ALS-Diagnose informierte, herauszuholen drohte. Drohte, denn eine ganze Zeit lang weigerte er sich einfach, den Ernst der Lage zur Kenntnis zu nehmen, zu akzeptieren, daß er als Sohn in der Pflicht war bzw. in die Pflicht genommen wurde. Letztlich konnte er sich aber nicht weigern, die anderen Geschwister waren schon ins Elternhaus zurückgekehrt und auch ‚Drecksack Dan‘ bat bei seinem Chef um unbezahlten Urlaub, wechselte bei seiner Freundin auf Fernbeziehung und zog zurück nach Salt Lake City.

Meine scheißkranke Familie erzählt aus dieser Konstellation heraus die Geschiche der Marshalls über die nächsten anderthalb Jahre hinweg. Der Krankheitsverlauf bei Bob ist schnell fortschreitend, die Pflegebedürftigkeit nimmt rasch zu, bis er letztlich rund um die Uhr betreut werden muss: er kann sich kaum noch bewegen, nicht mehr essen (schlucken), kann praktisch nicht mehr sprechen, seine Ausscheidungen nicht mehr kontrollieren, das Atemvermögen nimmt stark ab…. damit wird die Beanspruchung der Familie, die trotz mittlerweile engagierter Hilfe, den größten Teil der Pflege übernimmt, immer größer, die Überforderung immer offensichtlicher. Schließlich teilt Bob seiner Familie seinen definitiven Wunsch  mit, daß die künstliche Beatmung eingestellt werden soll und er sterben darf. So schrecklich die Vorstellung des Todes des Vaters für die Kinder auch ist, mischt sich doch das (ein schlechtes Gewissen verursachende) Gefühl mit ein, daß der Tod des Vaters auch Entlastung bedeuten würde und die Möglichkeit, wieder ein eigenes Leben zu führen. Am 22. September 2008 wurde ihm sein Wunsch erfüllt [http://www.legacy.com/obituaries/saltlaketribune/obituary.aspx?n=robert-wendell-marshall&pid=117845193].


Mir ist es schwer gefallen, dieses Buch zu lesen. Wenn man gerade ein so bewegendes Lebenszeugnis wie die Briefe von Daniela Berg nach dem Tod ihrer Tochter gelesen hat, wenn der neue Roman von Jesmyn Ward auf einen wartet, fällt es schwer, sich dieser Familiengeschichte, in der ein in der Pubertät irgendwo hängengebliebener Mittzwanziger das zugegeben sehr schwere Schicksal seiner Familie schildert.

Ob eine Familie funktioniert, stellt sich am schnellsten in einer Krisensituation heraus. Den Marshalls geht es finanziell gut, die Erkrankung des Vaters an ALS mit seiner infausten Prognose wirft jedoch das gesamte Familiengefüge durcheinander, den Kinder und der Mutter gelingt es auch nicht mehr, den neuen Alltag auf einen halbwegs funktionierenden Zustand einzupegeln. Zu allem Überfluß muss sich die Mutter in dieser Zeit erneut einer harten Chemo unterziehen, die sich sehr anstrengt und nach deren Beendigung sie sich an hohe Dosen Fentanyl gewohnt hat.

Obwohl sich die Familie professionelle Pflege wohl hätte leisten können, nimmt sie sich selbst in die Pflicht – und erweist sich sehr schnell als überfordert. Das Haus verwahrlost völlig (Dan war mit dem Auswechseln einer Glühbirne schon völlig überfordert), der Alkoholkonsum nicht nur von Dan nimmt zu, die jüngere Schwester Jessica wird von den Brüdern Dan und Greg häufig volltrunken aufgelesen und ins Bett getragen; den Schulbesuch hat sie de facto eingestellt.

Die Pflege des Vaters ist anstrengend und anspruchsvoll, Begriffe wie Intimsphäre, Schamgefühl und Peinlichkeit spielen keine Rolle mehr, wenn es um den Ausfall der Funktion der Ausscheidungsorgane geht. Die beiden Brüder teilen sich in diese Arbeit („Daddydienst“), es ist eine 24/7-Pflege, da auch das Beamtungsgerät rund um die Uhr in Auge behalten werden muss.

So aufopferungsvoll dieser Teil der Pflege und Betreuung auch erledigt wird, ist anderes nicht nachzuvollziehen. Einige wenige Beispiele: Die Einführung der Betreuer in die Funktion des Beatmungsgerätes nach der Tracheotomie dauert in der Reha normalerweise eine Woche, Dan und Greg werden nach knapp sechs Wochen von den Ärzten mit ungutem Gefühl nach Hause entlassen. Sie fuhren halt lieber auf den Fluren mit Rollstühlen Wettrennen… man muss sich einfach nur mal in die Situation des Vater versetzen, der dies ja alles mitbekam. Oder dies: Ein Ausflug soll mit dem Vater unternommen werden. Er wird mit Mühe in den Van gehievt, man fährt los, kommt am Parkplatz an und muss feststellen, daß der Akku vom Beatmungsgerät fast leer ist… also schnellstens wieder zurück… zwei Beispiele, die leicht erweitert werden können und zeigen, daß insbesondere Dan, der als ältester Sohn sozusagen die erste Geige spielte, überfordert war.

Dan Marshall – ich gebe es zu – ist mir mit seiner kacke-, piss- und furzorientierten Sprache, mit der seinen Gegenüber häufig einfach nur verletzen will (ich habe seine Info, daß er im Hauptfach Psychologie belegt hatte, zweimal nachgelesen, weil ich es nicht glauben wollte), schlicht und ergreifend unsympathisch. Trotzdem tut er, der einer etwas skurrilen Logik folgen muss, mir auch leid. Skurrile Logik, damit meine ich folgendes: seine Familie erinnert ihn daran, daß er gut aufgewachsen ist, studieren konnte und damit die Chance auf eine berufliche Karriere hat, daß er jetzt an der sonnigen Pazifikküste mit seiner Abby das Leben genießen könne. Und nun erwartet sie, daß er aus Dankbarkeit für diese Möglichkeiten genau dies alles in die Tonne tritt: er seinen Job aufgibt, wieder ins ungeliebte Salt Lake City kommt, er seine Beziehung zu Abby aufs Spiel setzt und mithilft, den Vater zu pflegen. Wobei die Rückkehr ins Elternhaus nicht nur bedeutet, daß er die Poleposition bei der Pflege des Vaters einnehmen muss, sondern er auch für seine jüngeren Schwestern Verantwortung übernehmen muss (was zumindest bei Jessica gründlich schief geht) und die Mutter erst mit ihrer Chemo und später dann mit Fentanyl ist auch nicht gerade eine Hilfe. Und natürlich, was absehbar war, trennt sich Abby nach einiger Zeit von ihm, eine Fernbeziehung unter diesen Randbedingungen hatte sie nicht durchgehalten. Zu der Überforderung durch die Pflege kam also noch eine Fülle eigener Verluste, die zu verkraften waren bzw., die, da genau dies nicht wirklich gelang, in Depression, Alkohol und Burn-out führte.

So konnte ich mich bei der gesamten Lektüre des Buches nicht entscheiden, ob ich es als Krankengeschichte des Vaters lesen sollte oder als Versuch des Autoren, seinen Part und sein Schicksal darin zu schildern, lesen sollte. Man muss ihm dabei zubilligen, daß er ehrlich ist, auch und gerade die negativen Aspekte nicht verschweigt. Sein stetig steigender Alkoholkonsum beispielweise, sein immerwährendes Schielen auf Aussenwirkung, daß sich selber auf die Schulterklopfen, wie toll es doch ist, daß er dies alles macht…. Gerade die Aussenwirkung scheint wichtig zu sein für Dan, noch bei seinen Überlegungen für die Abschiedsrede bei der Bestattung sinniert er darüber, ob er sie so anlegen soll, daß die Leute weinen oder sollte er doch eher etwas Unsinniges sagen oder etwas so Braves, als würde er sich um das Amt des Schulsprechers bewerben. Immer sucht er nach einer Rolle, die er spielen könnte, dabei ist er doch der Sohn, eigentlich sollte das reichen. Ach ja, und als Symbol sieht er sich letztlich auch noch: … das Spiegelbild einer ziellosen und verwöhnten Generation, die Amerika in eine Abwärtsspirale zog.


Ich habe es angedeutet, bin aber nicht weiter darauf eingegangen, Dan unternimmt auch im Buch jeden Versuch, seinen Spitznamen „Drecksack Dan“ Ehre zu machen. Wer Meine scheisskranke Familie liest, sollte sich darauf gefasst machen, daß häufig die Sprache der Gosse gesprochen wird, daß der Humor, der herrscht, entweder als „schwarz“ oder auch als „geschmacklos“ eingestuft werden kann, auch wenn es durchaus Passagen gibt, in denen sich andeutet, daß Dan auch anders kann, intelligenter, sensibler, reflektierter. Ebenso wenig bin ich auf die anderen Kinder der Marshalls eingegangen, denn Dan war einfach die Hauptperson, die auch die größte Last zu tragen hatte, wenngleich sein Bruder Greg den „Daddydienst“ mit ihm teilte. Aber im Gegensatz zu Dan, der praktisch rund um die Uhr im Einsatz stand, schufen sich (oder hatten) die Geschwister kleine Oasen, in denen sie etwas eigenes, nicht von der Krankheit des Vater und der Mutter dominiertes hatten: Greg arbeitete als Reporter, Chelsea hatte ihre Schule und die Tanzerei, Tiffany, die älteste, lebte nicht im Haus und Jessica… hatte wohl Glück im Unglück…

Womit ich wieder bei meinen Intro wäre: wer bin ich eigentlich, daß ich mir anmaße, über andere Menschen zu urteilen, ihr Verhalten zu bewerten? Aber irgendwie liest sich das Buch, diese verdammt wahre Geschichte, eben doch wie ein Roman…. Bleibt also schlussendlich die Frage, was man aus dieser Familiengeschichte lernen kann. Eine Antwort liegt auf der Hand: die Überforderung meiden, sich nicht selbst körperlich und seelisch in den Ruin treiben oder treiben lassen. Hilfe in Anspruch nehmen, Entlastung suchen, eigene Freiräume behaupten, das eigene Leben nicht völlig vernachlässigen… Was geschehen kann, wenn man das nicht beachtet, nun dafür (und für sonst wohl wenig) kann diese Geschichte ein mahnendes Beispiel sein.

Ein allerletztes Wort zum Buch selbst. Es ist weitgehend chronologisch aufgebaut, in eingeschobenen Rückblenden eröffnet sich ein umfassenderes Bild zum Schicksal der Familie. Literarisch ist die Geschichte solider, lesbarer Durchschnitt, der keine sonderlichen Akzente setzt.

Nun, damit ist von meiner Seite aus alles gesagt, Meine scheisskranke Familie wird bei mir nicht in die Highlights des Lesejahres 2018 aufgenommen werden.

Weiere Links:

Dan Marshall im Interview über sein Buch: https://www.jetzt.de/literatur/buch-ueber-kranke-eltern
Videoporträt von Bob Marshall bei youtube: zum clip –> video

Dan Marshall
Meine scheißkranke Familie
Eine verdammt wahre Geschichte
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Eva Kemper
Originalausgabe: Home is burning, NY, 2015
diese Ausgabe: Atrium, HC, ca. 450 S., 2016

Kurzlink zum Beitrag: https://wp.me/paXPe-9Wf

Nadeem Aslam: Die goldene Legende

Der Roman des 1966 geborenen britisch-pakistanischen Autoren Nadeem Aslam spielt in seinem Geburtsland, das er als Vierzehnjähriger aus politischen Gründen verlassen musste. Pakistan ist ein Staat mit schlechtem Ruf – im Westen. Entstanden nach dem Abzug der Briten aus ihrer ehemaligen Kolonie aus der blutigen Geburt zweier Staaten, eben Pakistan und dem modernen Indien  [Salman Rushdie hat dies ja in seinem wunderbaren Roman Mitternachtskinder so packend geschildert], gilt es heute als Staat, der für fundamentalistische Muslime Heimat und Unterschlupf geworden ist. Andererseits arbeitet er – zumindest klandestin – wohl mit amerikanischen Einrichtungen zusammen, er verfügt über Atomwaffen und ist in der Summe einer der politischen Brennpunkte auf dieser unserer Erde. Daß immer wieder Spannungen zum Nachbarn Indien auftreten, trägt dazu natürlich noch bei. Harmonischer dagegen funktioniert die Zusammenarbeit mit China, hier ist der Begriff „Chinesisch-Pakistanischer Wirtschaftskorridor“ bezeichnend für gemeinsame Interessen [z.B. hier: http://www.dw.com/de/china-treibt-wirtschaftskorridor-durch-pakistan-voran/a-38964812%5D. Falls jemand außerdem noch interessiert ist, zu erfahren, wie das aktuelle Verhältnis zwischen den USA und Pakistan ist, kann er dies beispielsweise in diesem Beitrag der SZ nachlesen [Arne Perras: Wie China den Streit zwischen USA und Pakistan nutzt; http://www.sueddeutsche.de/politik/pakistan-wenn-zwei-sich-streiten-1.3815740]


Die Handlung des vorliegenden Romans, dessen Cover in einer der Farbe der Nationalflagge und damit des Propheten gehalten ist, spielt zum größten Teil in der fiktiven Stadt Zamana im Norden Pakistans, in der Nähe der „Grand Trunk Road“ [die ich in jungen Jahren selbst schon in Teilen bereist habe; zur Geschichte dieser wichtigen Straße vgl hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Grand_Trunk_Road ], auch das umstrittene und zeitweise in blutigen Auseinandersetzungen umkämpfte Kaschmir ist nicht weit. Zamana ist eine pulsierende, wachsende Stadt, in der viele Christen leben, die in einfachen Tätigkeiten arbeiten, beispielsweise als Hausmädchen, Kanalarbeiter u.ä. Das Viertel, in dem sie wohnen, ist mittlerweile eine Art Getto geworden: die Stadt ist um die kleinen Häuschen herum gewachsen und hat sie eingeschlossen. Christ sein ist nicht einfach in dieser Stadt, in der ein Brunnen als verunreinigt gilt, wenn ein Christ daraus getrunken hat…

Die Geschichte, die Aslam erzählt, verknüpft das Schicksal vieler Personen miteinander. Da sind zuerst zu nennen Nargis und Massud, aufgeklärte Muslime der Mittelschicht, die als Architekten viele Bauwerke geplant und errichtet haben. Bei ihnen geht ein und aus wie eine Tochter die junge Christin Helen aus dem Nachbarhaus, die von ihnen gefördert wird. Sie ist die Tochter von Lily (hier ein Männername) und Grace, die vor einiger Zeit von einem Muslim getötet worden war. Lily, der Analphabet ist, verdient sein Geld mit seiner Rikscha. In ihm regen sich mittlerweile wieder Gefühle für eine Frau, die er eines Abends mit seiner Rikscha nach Hause gefahren hat. Aysha ist Witwe, ihr Mann aus unglücklicher Ehe hatte sich den Dschihadisten angeschlossen und ist bei einem Drohnenangriff der Amerikaner getötet worden. Sie ist die Tochter des Geistlichen der gegenüberliegenden Moschee, bewohnt dort mit ihrem bei einer Explosion verkrüppelten Sohn ein Zimmer und wird von ihrem fundamentalistsichen Schwager, der ebenfalls dort lebt, streng bewacht. Letzte, aber nicht unwichtigste der Hauptfiguren ist Imram, eine junger Mann aus Kaschmir, der dort als Jugendlicher die Unterdrückung durch die indische Armee miterlebt hat, der verfolgt und gefoltert worden war und der sich ebenfalls dem Untergrund angeschlossen hatte. Jedoch bekam er Zweifel und er floh aus dem Ausbildungslager; daß er auf Nargis und Helen stieß, war Zufall.

Am falschen Platz zur falschen Zeit. Auslöser der Geschichte ist ein schreckliches Unglück. Die Bibliothek Zamans zieht um ein neues, von Massud und Nargis geplantes Gebäude. Um die Bücher, in denen der Name des Propheten vorkommt, schonend und sicher umzuziehen, baut sich eine Menschenkette durch die Straßen auf, die die Bücher weiterreichen. Ausgerechnet an der Stelle, an der Massud und Nargis sich eingereiht haben, kommt es zu einer Schießerei auf der Straße und Massud wird von einer Kugel getroffen und stirbt…

In diese Schießerei war ein Amerikaner verwickelt, damit erhält das ganze eine politische Dimension, u.a. der militärische Geheimdienst nimmt sich der Angelegenheit an. Was bedeutet, daß Nargis als Witwe von einem Offizier aufgesucht wird, der ihr sehr handgreiflich klar macht, daß sie dem Amerikaner öffentlich zu verzeihen hat, das islamische Recht sieht eine solche Möglichkeit vor. Bevor es jedoch dazu kommt, werden der Christ Lily und die Muslima Aysha von dem Unbekannten, der nachts per Lautsprecher vom Minarett der Moschee aus Verfehlungen der Menschen im Viertel öffentlich macht, beschuldigt, ein Verhältnis zu haben. In der Folge kommt es zu Ausschreitungen, in einer offensichtlich lang vorbereiteten Aktion, fast ein Progrom, werden alle Häuser der Christen niedergebrannt, es gibt auch viele Tote und Verletzte, Lily jedoch konnte rechtzeitig fliehen. Die aufgebrachten und angestachelten Menschen suchen gleichfalls seine Tochter Helen, Nargis kennt jedoch ein Versteck, in dem sie mit Helen unterschlüpfen kann, Imran begleitet sie, läßt sich nicht abweisen.

Dort, auf einer Insel, in einer verfallenden Moschee, warten sie ab, schweifen mit ihrem Gedanken in die Vergangenheit, unterhalten sich, nähen die Seiten eines alten Buches, das der Geheimdienst gefleddert hatte, wieder zusammen. Imran besorgt Lebensmittel in der Stadt, er und Helen kommen sich näher, erzählen sich ihre Lebensgeschichten. Lebensgeschichte – auch Nargis hat natürlich eine und die weist eine schlimme Bruchstelle auf, ihr großes Geheimnis, das sie noch nicht einmal mir Massud teilen konnte – was ihr jetzt große Schuldgefühle verursacht.

Die relative Sicherheit des Verstecks endet mit einem Schlag. Zum einen dringt der Geheimdienstmajor langsam zu dem Geheimnis Nargis‘  vor, zum anderen kommt es auf einem religiösen Fest, zu dem Helen mit Imran geht, da sie hofft, dort auf Lily zu treffen, zu einem Selbstmordattentat…


Die Szenerie, die Aslam in seiner fiktiven Stadt Zamana entwirft, hat, was seine christlichen Einwohner angeht, einen fast schon leicht dystopischen Einschlag. Überall lauern Gefahren, Denunziationen, Diskriminierung oder körperliche Attacken auf sie. Sie sind umgeben von Verboten, werden als billige Arbeitskräfte missbraucht, von Fundamentalisten als Zielscheibe eines bewusst erregten Volkszorns genutzt. Daß sich ein solcher Mob auch gegen andere aufgeklärte Menschen, und seien sie auch Muslime, ausrichten läßt [diese ganz aktuellen Berichte über den Besuch der muslimischen Friedensnobelpreisträgerin Malala in ihrer Heimat zeigen es nur zu gut:  http://www.spiegel.de/politik/ausland/malala-yousafzai-friedensnobelpreistraegerin-reist-nach-pakistan-a-1200416.html bzw. http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/nobelpreistraegerin-malala-yousafzai-wieder-in-pakistan-15518210.html oder auch hier: http://www.zeit.de/news/2018-03/29/nobelpreistraegerin-malala-in-pakistan-180329-99-682164] kann da kein Trost sein und der Gedanke, daß das Bild einer weitgehend von Hass und (religiöser) Irrationalität geprägten Gesellschaft wohl weitgehend der Realität entspricht, deprimiert und macht mehr als traurig.

Wenige Menschen dieser Gesellschaft bewahren sich eine von Vorurteilen und Hass freie Einstellung, sie ist – dies läßt sich andeutungsweise aus dem Buch herauslesen – auch vom Bildungsstand abhängig. Das Paar Massud und Nargis beispielsweise, aber auch der Museumsdirektor Fargis verkörpern diese Humanität, die zum tieferen Kern eines Glaubens durchgedrungen ist. Woraus sich folgern ließe, daß eine verbesserte Bildung ein Mittel sein könnte, dem dumpfen Hass von Menschen an der Wurzel zu begegnen.


Polizisten hatten sich in einem großen Raum um ihn [i.e. den gefangenen Gotteslästerer] herum aufgestellt … Sie kamen auf ihn zu, die Waffen schussbereit. Sie alle beanspruchten das Privileg, den Gotteslästerer zu töten, wollten, daß ihnen ihre vielen Sünden mit dieser Tat genommen wurden; also beschloß man, sich in einem Kreis um ihn zu stellen und gleichzeitig zu feuern. Auf drei. … Ihr Leben lang hatten sie gelogen und betrogen, waren neidisch gewesen, hatten Gebete und Fastenzeiten ignoriert, hatten die Alten nicht geehrt, muslimische Glaubensbrüder brutal misshandelt und zahllose widerliche Tagten begangen; sie hatten Frauen geschlagen, Kinder vergewaltigt, hatten von den Kranken und Hungernden gestohlen, aber hier winkte die Rettung, die garantierte Aufnahme ins Paradies.

In diesem Absatz meint man die Verzweiflung des Autoren an den Verhältnissen förmlich körperlich zu spüren, deswegen habe ich ihn mit nur wenigen Kürzungen hier zitiert.

Aber – dies sei der Gerechtigkeit wegen gesagt – auch Muslime sind Opfer. Imram als Kaschmiri erzählt und berichtet von der Unterdrückung und Verfolgung der Muslime durch die indische Armee in Kaschmir [zur wechselvollen Geschichte dieses Himalaya-Tals z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Kaschmir]. Zu nennen ist ebenfalls der Drohnenkrieg der Amerikaner, der viele zivile Opfer fordert, auf der anderen Seite jedoch auch instrumentalisiert wird, in dem die Amerikaner für alles mögliche andere verantwortlich gemacht werden.


Der Roman enthält aber nicht nur diese schmerzhaften Passagen und Handlungsstränge, er stellt auch Schönes dar. Allein die beiden Zimmer im Zimmer Massuds, gebaut gegen die Kälte, die in diesem großen Raum im Winter herrscht… an die Decke ziehbare Modelle zweier Moscheen, die so groß sind, daß man ihn ihnen, wenn sie auf dem Boden stehen, gegen die Winterkälte geschützt sitzen und arbeiten kann… das Buch, das Massuds Vater einst geschrieben hat und das voll ist von schönen Legenden, von Warnungen auch an die Leser. Es spielt eine große Rolle in diesem Roman, ist selbst ein starkes Symbol in seiner Zerstört- und Versehrtheit, gegen die Nargis, Helen und Imram ankämpfen… die alte verfallene Moschee auf der Insel, einst gedacht als Symbol der Toleranz gegen Menschen die anders glauben, die an Anderes glauben… Immer wieder erzählt uns der Autor in die Geschichte eingestreut Legenden, die seit Generationen überliefert und bewahrt werden…

Enthält das Buch eine Botschaft? Für mich sind es zwei Aspekte der Geschichte: zum einen – wie erwähnt – die Rolle von Bildung und Ausbildung, die möglicherweise [es gibt ja auch Gegenbeispiele, da brauchen wir nicht allzuweit zu gehen] gegen primitive Propaganda schützt und die Kraft der Liebe, die in der Lage ist, Trennendes zu überwinden, weil sie den Menschen erkennt, der hinter all dem Glauben, hinter aller Überzeugung steckt.


Die goldene Legende ist ein schönes Buch, kein unbedingt fröhliches für unbeschwerte Stunden. Dazu ist die Handlung wohl zu authentisch, zu nah an der Realität vor Ort. Zwar weist sie meiner Meinung nach ein paar Stolperstellen auf, an denen man ins Stutzen kommen kann (wenn beispielsweise dem muslimischen Geistlichen ein urkatholischer Rosenkranz (mit seinen 59 Perlen und einem Kreuz) in die Hand gegeben wird anstatt einer Misbaha / Tasbih mit ihren meist 33 Perlen [S. 68]), aber solch leichtes Geholpere schadet dem Gesamteindruck nicht. Nadeem Aslam ist eine starke Stimme, die in diesem Roman Hass und Intoleranz in seinem Geburtsland anprangert und der erkennbar an diesen Gegebenheiten leidet. Und uns Lesern ermöglicht er einen Blick in ein Land, das ansonsten eher in den Nachrichten als in der Literatur auftaucht.

Nadeem Aslam
Die goldene Legende
Übersetzt us dem Englischen von Bernhard Robben 
Originalausgabe: The Golden Legend, London, 2017
diese Ausgabe: DVA, HC, ca. 410 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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