Carmen Korn: Töchter einer neuen Zeit

Die gelernte Journalistin Carmen Korn ist als Schriftstellerin recht produktiv, Schwerpunkte ihrer Arbeit liegen im Bereich der Kriminal- und der Jugendliteratur (siehe hier die Werkliste: https://de.wikipedia.org/wiki/Carmen_Korn). Der vorliebende Roman Töchter einer Neuen Zeit ist der Auftakt einer Trilogie, die zum Ende des Ersten Weltkrieges einsetzt und vier Frauen in den Mittelpunkt stellt. Zugleich ist der Roman aber auch eine Hommage an Hamburg (Uhlenhorst), wo praktisch die gesamte Handlung spielt, viele der Szenen, an denen Korn ihre Figuren agieren läßt, erinnern an historische Ort oder Lokalitäten in dieser Stadt, die es häufig nicht mehr gibt und die nur noch in der Erinnerung der Menschen, die sie noch kennen, existieren.


Die vier Frauen…. das sind Henny Godhausen, eine Krankenschwester, die sich an der Frauenklinik Finkenau zur Hebamme weiterbilden will. Sie ist Halbwaise, der Vater ist im Krieg gefallen, sie lebt mit ihrer Mutter Else zusammen. Ihre beste Freundin ist Käthe Laboe aus der Nachbarschaft. Deren Vater ist durch einen Unfall versehrt, die Mutter hält die Familie mit Putzen über Wasser, Käthe beginnt mit Henny zusammen die Ausbildung zur Hebamme.  Lina Peters und ihr jüngerer Bruder Lud sind verwaist, ihre Eltern verhungerten im Krieg, um das viel zu wenige Essen ihren Kinder zu lassen. Letzte im Bunde der Frauen ist Ida Bunge, Tochter aus wohlhabenden bis reichem Haus, die von der Langeweile ihres Lebens gelangweilt ist und die das Hausmädchen unter Druck setzt, sie dorthin mitzunehmen, wo das ‚richtige‘ Leben stattfindet, beispielsweise in der Hafengegend…

Diese Frauen sind etwas gleich alt, alle um die vorletzte Jahrhundertwende geboren. Sie unterliegen den gesellschaftlichen Zwängen ihrer Zeit. Lina beispielsweise, die Lehrerin werden möchte und der Reformpädagogik anhängt, muss als Lehrkraft unverheiratet bleiben, Ida dagegen wird als Sicherheit eines Kredits ihres Vaters, dessen Laufzeit eng mit der Dauer ihrer Ehe mit dem von ihr ungeliebten Kreditgebers Camphausen korrespondiert, verschachert. Henny und Lud ihrerseits, die sich durch einen Zufall treffen, heiraten viel zu schnell, ein Kind ist unterwegs… und die rebellische Käthe, die sozialistischem Gedankengut gegenüber aufgeschlossen ist, heiratet ebenfalls, wenngleich eher gezwungenermaßen: sie und ihr gedichteliebender Freund Rudi Odefrey, den sie in der sozialistischen Arbeiterjugend kennen gelernt hat, bekämen sonst keine eigenen Wohnung vermietet. Kein Kind zu bekommen (was der innige Wunsch Rudis ist), das schafft Käthe jedoch, schließlich ist sie als angehende Hebamme vom Fach…

Es sind sehr viel Figuren in diesen Roman eingeführt, denn die Frauen haben wenigstens zum Teil noch Familie, sie haben Bekannte oder wie Bunges Personal, später kommen die Ehemänner bzw. Partner dazu und auch Kinder. Weiter wichtig sind die beiden Ärzte in der Finkenau, Kurt Landmann und Theo Unger, Alle diese Personen (und weitere!) spielen eine Rolle in dem Roman, so da man teilweise schon aufpassen muss, den Überblick nicht zu verlieren.


Die Handlung setzt im März 1919 ein und endet im Dezember 1948, überstreicht also drei Jahrzehnte, die Frauen haben in ihren knapp fünfzig Lebensjahren zwei Weltkriege, eine Zeit zwischen den Weltkriegen und die ersten drei großen Jahre der Not nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt. Es ist müßig, an dieser Stelle die vielen politischen und wirtschaftlichen Ereignisse dieser Jahrzehnte zu schildern, Stichworte sollen reichen: Weimarer Republik, die Weltwirtschaftskrise, der Aufstieg der Nazis, die immer brutalere Verfolgung der Juden, der Zweite Weltkrieg mit dem Bombenkrieg an der ‚Heimatfront‘, die ersten Nachkriegsjahre bis zur Währungsreform.

Das Schicksal meint es nicht immer gut mit den Frauen, es teilt Schläge aus, die nur schwer ertragen werden können. Aber das Leben geht weiter, auch wenn manchmal nicht klar ist, wie. Und es hält Unvorhergesehenes bereit, beispielsweise für Ida, die auf ihren heimlichen Streifzügen durch Hamburgs Straßen Tian kennenlernt, einen Chinesen… Daß Hitler eine wirkliche Gefahr werden sollte und nicht nur eine vorübergehende Eintrübung der  Lebensumstände war, das wurde nur sehr langsam realisiert. Kurt Landmann beispielsweise, Jude, wurde als Pessimist angesehen, erst als Gesetze wie das zum Berufsbeamtentum brutal und ohne Rücksicht auf Verluste durchgesetzt wurden, drang der Ernst der Lage langsam in das Bewusstsein der Menschen. Und selbst Landmanns Befürchtungen waren noch nicht realistisch genug. Käthe und Rudi dagegen kämpften mit ihren kommunistischen Freunden gegen die Faschisten, sie druckten Flugblätter, sie gerieten in blutige Straßenkämpfe und natürlich immer wieder in das Visier der Gestapo.

Korn arbeitet mit Momentaufnahmen. Sie greift bestimmte Zeitpunkte heraus, teilweise sind die historisch bedingt wie die Reichsprogromnacht oder der fürchterliche Bombenangriff der Briten auf Hamburg im Juli 1943 („Operation Gomorrah“), und schildert das Leben und die Lebenssituation ihrer Figuren in dieser Zeit. In Rückblenden entblättert sich so im Lauf der Seiten das gesamte Leben der Figuren und ihrer Familien.


Töchter einer neuen Zeit ist ein unaufgeregtes Buch. Bei aller Dramatik der Lebensumstände: sie waren nichts Besonderes in dieser Zeit, in der jeder sein Päckchen zu tragen hatte. Worin liegt also der Bezug des Titels: … einer neuen Zeit, was ist an dieser Zeit neu? Kleinigkeiten vielleicht nur wie die Berufstätigkeit der Frauen auch nach ihrer Geburt mit den Problemen, die wir auch heute kennen, nämlich der notwendigen Organisation der Kinderbetreuung (vgl hierzu z.B. https://www.gewerkschaftsgeschichte.de/frauen-erwerbstaetigkeit.html).  Lina beispielsweise nahm sogar (auch wenn sich dies im Verlauf der Jahre später als geringes Opfer erwies) in Kauf, daß sie als Lehrerin unverheiratet bleiben musste. Das sich wandelnde Frauenbild in dieser Zeit (ein Phänomen, das sich wohl generell nach Kriegszeiten zeigt, da die Verluste an Männern in Wirtschaft und Handwerk durch Frauen aufgefangen werden müssen, damit es überhaupt weiterläuft. In englischen Romanen beispielsweise kann man dies, wenn sie in solchen Epochen spielen, auch beobachten). deutet Korn schon ganz am Anfang ihrer Geschichte an, in dem sie ihrer Henny die Haare kurz schneidet: der Bubikopf als Frisur einer neuen Epoche. Die Frau auch als politische Engagierte in der Figur der Käthe, all dies im Gegensatz zu den jeweiligen Müttern, die noch völlig in der Rolle der bloßen Hausfrau gefangen sind. Fast hätte ich es vergessen: Käthe mit ihrer erfolgreichen Empfängnisverhütung ist sicherlich ebenfalls ein Beispiel für ein neues Selbstverständnis von Frauen.

Diese Generation hat es nicht geschafft, die Lehren aus dem Ersten Weltkrieg zu ziehen, sie ist in eine falsche Richtung gelaufen, auch das wird in dem Roman deutlich. Nationalsozialistisches Gedankengut in Verbindung mit charakterlichen Mängeln dringt auch in die Familien dieses Romans ein und schafft bitteres Unheil. Es gibt die Ausnahmen des Einzelfalls, der sich unter persönlicher Gefahr für andere, die verfolgt werden, einsetzt, die alten Ungers, Guste Kimrath, der olle Hansen… wichtige Nebenfiguren, die den Glauben an eine vielleicht doch noch kommende, wiederum neue Zeit am Leben halten…

Korn schildert das Leben aus der Sicht der kleinen Leute. Einzig Camphausen, Idas Mann, ist als Banker in einer anderen Gesellschaftsschicht angesiedelt, Idas Vater dagegen hat alles verloren und auch seine Bemühungen, wieder auf die Beine zu kommen und wirtschaftlich zu reüssieren, geraten zu Fehlschlägen. Die Machtlosigkeit dieser ‚kleinen Leute‘ wird deutlich, kaum gelingt es ihnen, Unglück aus ihrem privaten Bereich fernzuhalten. Die, die sich dagegen mit dem Regime arrangieren und mit der ‚Bewegung‘ mitmarschieren, sie haben auf einmal Macht: waren sie vor kurzem noch Jungs in kurzen Hosen, jetzt zittern die jüdischen Ladenbesitzer vor ihnen… und dann gibt es noch diese klandestine, noch schmutzigere Macht, die der Denunziant hat – und die er nutzt, um zu verraten, um Vorteile zu bekommen gegen die man sich nicht wehren kann, wenn die Gestapo dann kommt und abholt. Der Denunziant geht über Leichen, selbst, wenn er das nicht wollte – wie er sich selbst zu beschwichtigen trachtet.


Töchter eine neuen Zeit vermittelt ein stimmiges Bild ohne Brüche. Die Figuren des Romans werden einem schnell vertraut und kommen nah, man fühlt mit ihnen. Zudem entsteht langsam im Hintergrund das Bild eines verschwundenen Hamburgs, von dem in der Katastrophennacht des Feuersturms 1943 so viel vernichtet worden ist – ganz abgesehen von den vielen, vielen Toten. In der Summe also eine Lektüre, die möglicherweise zwar keinen großen Zuwachs an Erkenntnis liefert, die aber eben doch ein offensichtlich intensiv recherchiertes, einfühlsames Portraits von Menschen, Stadt und Epoche darstellt.

Carmen Korn
Töchter einer neuen Zeit
diese Ausgabe: rororo, TB, ca. 550 S., 2017; mit Stadtplan Hamburg 1919 und Glossar

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Rafik Schami (Hrsg): Geburtstag

Ich habe vor kurzem eine Sammlung von Kurzgeschichten, die sich dem Thema Sehnsucht widmen und von Rafik Schami im kleinen fränkischen Verlag ars vivendi (https://arsvivendi.com/arsvivendi/Ueber-uns) herausgegeben worden sind, hier vorgestgestellt. Das Bändchen hatte mir so gut gefallen, daß ich mir gerne noch ein weiteres Exemplar dieser „Sechs Sterne“-Reihe angesehen habe, ausgesucht habe mich mir das leuchtend gelb eingebundene Büchlein, das sich dem Thema Geburtstag widmet.

Der Geburtstag gehört zu den festen Gegenheiten eines Menschen in unserer Kultur. Er erinnert an den Tag der Geburt, Verwandte, Freunde und Bekannte werden eingeladen oder kommen so, gratulieren und beschenken das Geburtstagskind. Er ist somit auch ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor, als Pech wird empfunden, wenn der Geburtstag in die Nähe des Weihnachtsfestes fällt oder gar auf das Fest selber: es verdoppelt sich nicht automatisch die Menge der Geschenke. Über letztere ließe sich trefflich philosphieren: welche Funktion haben Geschenke – für den Beschenkten, aber auch für den Schenkenden… aber das würde zu weit führen und ist auch nicht das Thema dieser Sammlung von Kurzgeschichten, die wiederum aus der Feder von Rafik Schami selbst, Monika Helfer, Franz Hohler, Root Leeb, Michael Köhlmeier und Nataša Dragnić stammen.


Auch in diesem Band ist es kein Fehler, das Nachwort Schamis den Geschichten vorauszuschicken. Rafik Schami, selbst zwar als Angehöriger der christlich-aramäischen Minderheit in Syrien geboren, lebte bis zu seiner Emigration im muslimischen Kulturkreis, der der jührlichen Wiederkehr des Geburtstags eines Menschen keine Bedeutung zumißt. Ein – zumindest für mich, obwohl ich kein Geburtstagsfeierer bin – ungewöhnlicher Gedanke, ist doch im westlichen Kulturkreis der Geburtstag ein Tag, ohne den nichts geht…

Schami verweist auf Hannah Arendt, die in ihrer Philosophie der Natalität die Geburt eines Menschen in den Mittelpunkt stellte, nicht, wie sonst so häufig, das Rätsel seines Todes Damit ein Anfang möglich ist, werden Menschen geboren. Während die Philosophen des Abendlandes das Leben als ein Vorlaufen zum Tode verstehen, erkennt Hannah Arendt: „Das ´Wunder` besteht darin, dass überhaupt Menschen geboren werden, und mit ihnen der Neuanfang, den sie handelnd verwirklichen können kraft ihres Geborenseins.“ (zitiert aus: http://www.hanna-strack.de/hannah-arendt-1906-1975/) Interessanterweise schließt Schami seine Betrachtungen mit diesem sehr sympathischen Ansatz Arendts ab, während ein Hauptteil – genau: dem Tod und dem Umgang des Menschen damit gewidmet ist, seinem Glauben an das ewige Leben, ein Paradies oder die Reinkarnation – je nachdem, welchem Glauben man anhängt.

In der ersten Geschichte aus der Feder des Herausgebers wird genau die oben erwähnte Tatsache, daß der Geburtstag im muslimischen Kulturen nicht gefeiert wird, zum Thema gemacht. Die Geschichte spielt in Damaskus und wie bei vielen Geschichten Schamis hat man wieder das Gefühl, daß er dies alles selbst erlebt hat. Na, jedenfalls schwärmt der Junge für das Mädchen aus dem Nachbarhaus und sie verstehen sich auch sehr gut. Wobei der jungen Dame die Eigenschaften des Jungen sehr nach Sternbild Krebs aussehen, was ihr durchaus zusagt, wenn da nicht noch die eine oder andere Komponente wäre, die die Reinheit der Krebseigenschaften stört. Es wäre daher wichtig zu wissen, wann genau der Junge geboren worden ist… doch damit fangen die Probleme an. Denn egal, wen er fragt, jede(r) weiß es, jede(r) ist sich sicher und jede(r) nennt  ein anderes Datum…

Ganz anders kommt Schamis zweite Kurzgeschichte daher, sie spielt – auch hier der Bezug zum Autoren deutlich erkennbar – im Milieu der Emigranten. Der fünzigste Geburtstag des aus Syrien stammenden Arztes soll gefeiert werden und Salma, seine Frau, überlegt sich einen Plan, die Feier hochkarätig zum Fanal zu machen, denn Habib, ihr Mann, betrügt sie schamlos. Doch als Habib auf der Feier in seiner Begrüßung davon spricht, daß er in seiner Rede ehrlich sein will, tritt er eine Ereigniskette los, die nicht mehr beherrschbar ist und Salma zuvorkommt….

Monika Helfer steuert die Erlebnisse einer Frau bei, die ihren fünfzigsten Geburtstag allein feiern muss. Die Ratschläge ihrer Töchter (Alpenverein, Kulturreise) bringen sie nicht weiter, sie bleibt solo, der Richtige findet sie nicht. Da fasst sie den Entschluss, sich bei einer Partnersuchsendung im Fernsehen zu bewerben…

Zum Fetisch eines Mannes wird der Geburtstag oder genauer gesagt, das Gratulieren zu selbigem bei einem Mann, der frisch pensioniert eigentlich seinen Hobbies nachgehen will, dies aber letztlich wenig befriedigend findet. Durch Zufall merkt er, daß sich die Menschen, gratuliert man ihnen zum Geburtstag, freuen und das wiederum freut ihn. So fängt er an, sich in langsam in den Zuständigkeitsbereich seiner Frau, die dies bislang im Namen beider managte, hineinzudrängen…

Ein Zyklus von vier kurzen Beiträgen stammt von Root Leeb. Es geht in ihnen zum Beispiel um die Belastung, die ein an sich harmloser Wunschgedanke der Eltern (‚Du wirst ein Großer‘) für ein Kind bedeuten können, um die Qual für ein Kind, wenn es seinen Geburtstag auf einen Tag fallen sieht, an dem schon anderes gefeiert werden soll.  Dem Mädchen Acerlit dagegen wird von den Eltern schon mit der Geburt eine virtuelle Existenz im Internet aufgebaut, eine – was die Eltern glücklich macht – ewige Existenz… und was sich aus dem Wunsch ergeben kann, in einen schon leicht fortgeschrittenen Lebensalter aufzuräumen und auszumisten (wobei man selbstredend auf Neues, also z.B. Geburtstagsgeschenke verzichtet), das schildert die letzte Geschichte Leebs.

Michael Köhlmeiers Beitrag hat mich etwas ratlos gemacht. Es ist ein Dialog zwischen… tja…. einem ?, das noch nicht geboren ist und einer Art Lehrer, die diesem ‚Wesen‘ schon ein wenig von der Welt, die ihn erwartet, beibringen will…

Klarer ist dagegen die die Sammlung abschließende Geschichte von Dragnić. Die Tür des Zugabteils, in deine eine Frau allein und lesend einem noch unentschiedenen Ziel entgegenfahrend sitzt (offensichtlich ist sie auf einer Art Flucht aus einer gescheiterten Beziehung) öffnet sich und ein Junge steht da, mit einer dieser Pappkronen auf dem Kopf. Wenig später drängt sich eine ausländische Familie in das Abteil, schmuddelig und stark riechend, Menschen nach zwanzigtägiger Flucht aus den Nahen Osten. Die Frau fühlt sich sehr belästigt, doch irgendwann schlägt das Pendel um, der Junge mit der Krone hat doch offensichtlich Geburtstag und das muss gefeiert werden. So kommt man sich trotz der olfaktorischen Grundbelastung langsam näher und für die Frau wird diese Gelegenheit immer mehr zum Ventil, innere Nöte abzureagieren…


Der Geburtstag als Tag, der das Leben bestimmt, als zyklisch wiederkehrender Tag, der gefeiert werden kann und an dem man eine Art kleinen Neubeginn starten kann, mit Vorsätzen und Plänen, ein Vorhaben, das in gewisser Weise den ‚großen‘ Start ins Leben nachahmt. Denn der Geburtstag im engen Sinn als Tag der Geburt ist der Tag und er ist etwas besonderes, ein Kind, in dem sich auch die Hoffnungen der Eltern manifestieren erblickt das Licht der Welt, kann etwas Besonderes werden, ein ‚Großer‘ beispielsweise… Solche Gedanken ziehen sich durch die Geschichten als roter Faden hindurch: das Leben noch einmal überdenken, ihm einen neuen (?), einen anderen (?) Sinn verpassen, es neu anpacken – aber auch einen Schlussstrich ziehen, etwas Beenden, was unsäglich geworden ist.

Es sind kleine, wohlformulierte Geschichten (wie erwähnt, hat mich die Köhlmeier’sche in Verwirrung gestürzt), die Denkanstöße geben können, die zum Teil slapstick-artig (Schami, Dragnić) daher kommen und durch Übertreibung einen Akzent setzen wollen. Sie regen zum Nachdenken an, zum Sinnieren, zum Überlegen, wie es bei einem selbst so ist, sie kommen aber nicht mit einem erhobenen Zeigefinger auf uns Leser zu: sie unterhalten und amüsieren. Sie eignen sich bestens zum Lesen ‚zwischendurch‘ und ganz sicher auch zum Vorlesen – zum Beispiel auf einer Geburtstagsfeier…

Rafif Schami (Hrsg)
Geburtstag
diese Ausgabears vivendi, HC, ca. 160 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Ian McGuire: Nordwasser

Der Autor des vorliegenden Romans, Ian McGuire, ist Literaturwissenschaftler und er legt mit Nordwasser seinen zweiten Roman vor. Es ist wohl nicht ganz zufällig, daß dieser Roman, der historische Elemente enthält, der als Abenteuerroman und auch als Kriminalstück gelesen werden kann, in Hull seinen Ausgang nimmt und sich des Themas vom Walfang (welch ein Euphemismus, eher ist es ja ein Walabschlachten gewesen) widmet: Hull ist sowohl die Geburtsstadt des Autoren, war aber auch einer der großen Häfen für die Walfangschiffe in England. In Hull gibt es dieser Vergangenheit geschuldet das Hull Maritime Museum, in dem das nebenstehende Gemälde des Englischen Malers William John Huggins (https://en.wikipedia.org/wiki/William_John_Huggins) zu bestaunen ist.

Whaling Barque Harmony of Hull William John Huggins (1781-1845), Oil on canvas [Bildquelle: http://blueworldwebmuseum.org/item.php?title=Whaling_Barque_Harmony_of_Hull&id=138]

Zu sehen ist ein Schiff, die ‚Harmony of Hull‘, die inmitten eines von Eis bedeckten Meeres ihrem blutigen Geschäft nachgeht: dem Abschlachten der Robben, dem Harpunieren der Wale…. Philip Hoare beschreibt dieses Bild des Grauens, das gleichwohl auch die Gefahren dieser Jagd, die treibenden Eisschollen, die Kälte, der dräuende Eisberg im Hintergrund, nicht verschweigt, in seinem wunderbaren Buch Leviathan oder der Wal (https://radiergummi.wordpress.com…wal/), das als Hintergrund für McGuires Roman nur empfohlen werden kann (natürlich lassen sich Infos über den Walfang früherer Jahrhunderte auch aus dem Internet ziehen, Hoares Buch ist jedoch viel stilvoller…). Die dargestellte Szenerie jedenfalls entspricht wohl dem, wie es damals ablief und wie es McGuire in seinem vorliegenden Roman darstellt und teilweise sehr explizit schildert.


Der Autor führt uns in mit seiner Geschichte in das Jahr 1859 zurück. Die Walfangindustrie, die aus London die nächtens am besten beleuchtete Großstadt auf Erden gemacht hat (Hoare, a.a.O.), ist im Niedergang begriffen. Zum einen ist das Petroleum auf dem Markt aufgetaucht und verdrängt das Öl des Wales aus den Funzeln, zum anderen hat der Raubbau der letzten Jahrzehnte die Bestände an Walen stark reduziert. Waren diese in früheren Zeiten so groß, daß die Jagd fast einem Abernten glich, so war es mittlerweile gar nicht mehr sicher, daß man überhaupt noch auf einen Wal traf. Zudem verdrängt die aufkommende Dampfschifffahrt die Segler immer mehr.

Solch ein Segelschiff, die ‚Volunteer‘, liegt nun in Hull am Kai und wird für`s Auslaufen fertig gemacht. Sie wird mit allem Notwendigen beladen, die Mannschaft, bis auf die drei Harpuniere, von eher mittlerer Qualität, wurde von Baxter, einem Finanzier, zusammengestellt. Einer dieser Harpuniere, Henry Drax, ist eine der zwei Hauptfiguren des Romans. Ein vierschrötiger, keineswegs dummer Mensch, der völlig empathielos seinen Bedürfnissen nachgeht. Er sieht sich selbst als Macher, schaut verachtend auf die Denker hinab, und reagiert auf jede als solche von ihm empfundene Notwendigkeit des Augenblicks, was auch schon mal ein Erwürgen seines Partners nach dem erzwungenen oder erkauften sodomitischen Akt sein kann.

Sein Gegenspieler ist anderer Natur. Der gesichtsalte, aber nach Jahren noch relativ junge Arzt Sumner, ist undurchsichtig, er hält seine Vergangenheit im Dunkeln. Immerhin weiß man, daß er in den indischen Kolonieren als Militärarzt tätig war und heftige Kämpfe durchlitten hat (im Mai 1857 kam es dort zum Aufstand der Sepoy gegen die Kolonialmacht). Daß er aufgrund einer Erbschaft nach England zurückgekehrt, dann aber auf Probleme beim Antritt des Erbes gestoßen sei, nimmt ihm keiner ab, jeder fragt sich, warum er als Arzt auf einer derartige Fahrt anheuert. Das Kommando auf dem Schiff hat ein gewisser Brownlee, auch dieser Kapitän ein Mann mit Vergangenheit. Ihm wird nachgesagt, ein Unglücksmensch zu sein, hat er doch unter schlimmen Umständen früher mal ein Schiff verloren, mit der gesamten Ladung und vielen Toten und verletzten Seeleuten…

McGuire läßt sein Schiff nordwärts in See stechen. Auf den Shetlands wird noch mal angelegt und die Seeleute amüsieren sich ein letztes Mal bei Schnaps und Huren, bevor es dann ins Eis weitergeht, ins Nordwasser. Es ist eine blutige Fahrt, man kann sie grob nachverfolgen, da McGuire die einzelnen Stationen nennt, die über google-maps leicht zu finden sind. Blutig nenn ich sie, weil alles abgeschlachtet wird, was dem Schiff in den Weg kommt, in der Robbenkolonie werden so viel Tiere wie möglich niedergemetztelt (Fünfzig Tonnen wären machbar, wenn er eine passable Mannschaft hätte…) weil bei Sichtung jedes Bären versucht wird, ihn zu töten… ein verwaistes Bärenbaby wird an Bord gebracht, es ist- wenn es überlebt – zwanzig Pfund wert, wenn man es in den Zoo bringt. Auch auf Wale treffen sie…. Daß bei solchen Aktionen immer wieder auch Besatzungsmitglieder sterben, wird in Kauf genommen…

Schon bald wird klar, daß hinter dieser Fahrt noch etwas mehr steckt als nur die Jagd auf Wale. Der Kapitän steuert das Schiff immer weiter ins Nordwasser hinein, trotz der Jahreszeit und gegen alle tradierten Erfahrungen…. Und es kommt so, wie man es erwartet: das Schiff wird eines Tages vom Eis eingeschlossen und letztlich zerstört. Die Männer müssen es verlassen und sind in der Eiseinöde auf sich gestellt.

Schon vorher war es auf der ‚Volunteer‘ zu einem Verbrechen gekommen. Der seit Tagen vermisste Bootsjunge wird tot aufgefunden, es kommt zu einer Auseinandersetzung zwischen Drax und Sumner, bei der letztlich Sumner die Oberhand behält – nicht ohne, daß es Opfer gibt… Aber alle sind sie jetzt ohne Schiff, im Eis, mit zuwenig Nahrung, sie sind der Kälte ausgesetzt, dem Wind, dem Hunger…

Diese Passage des Romans stellt letztendlich Sumner in den Mittelpunkt. Dieser durchlebt unter diesen extremen Bedingungen eine innere Entwicklung, zentrales Ereignis dabei ist seine Jagd auf einen Eisbären, die zu einem mythisch-archaischen Höhepunkt führt, zu einer Art Neu- bzw. Wiedergeburt: er ist danach ein anderer…


Nordwasser ist ein spannendes Buch, ganz ohne Zweifel. Es ist auch ein hartes Buch, ein – wie schon gesagt – blutiges.. mir haben diese Passagen weh getan, ich gebe es zu. Die Schilderung der Schlachtorgie in der Robbenkolonie, die Jagd der Besatzung auf die Eisbärenmutter, auch das Harpunieren und Schlachtes des Wals, das ist nicht schön. Für die Männer damals jedoch war genau dies das Ziel, der Zweck der Reise: jedes Fass mit Öl, mit Fett, jedes Fell war bares Geld, jede der Barten eines Wales wird als Fischbein im Korsett in der Zivilisation einer Dame zur Zierde verhelfen, einer Frau, die nicht ahnte, wieviel Blutvergießen damit verbunden war. Man war in dieser Gesellschaft weder wehleidig noch zimperlich, Hygiene war zweitrangig, Verdauungsprobleme an der Tagesordnung, es stank an allen Ecken und Enden, für Warmduscher war dies kein Biotop. Definitiv nicht.

Der arkane Zweck der Fahrt, er spielt keine allzu große Rolle, er erfüllt sich, weil er das Gesamtkonzept der Fahrt überlagert, letztlich wider Erwarten realistisch und glaubwürdig. Von daher ist er als Thema einer kriminellen Handlung allenfalls ein nettes Beiwerk des Romans, um zu zeigen, wie verworfen und böse, böse, böse man damals auch schon war. Es hat sich wenig verändert bis heute. In einzelnen Passagen schneidet der Autor andere Fragen an, so zum Beispiel das Phänomen, wie leicht sind Menschen zufrieden, wenn sie erstmal einen haben, den sie als Schuldigen bezeichnen können. Eine Abweichung vom Normverhalten – und schon ist man dabei. Auf der Verliererseite. Gut, wenn es dann einen Querulanten so wie Sumner gibt, der sich an den Ungereimtheiten stört und nachhakt…

In den Begegnungen der Walfänger mit den Eingeborenen ‚Yaks‘ zeigt sich ein Clash der Kulturen. Die Yaks kennen sich im Eis aus, sie wissen dort zu überleben, wissen, wie man jagen muss, wissen, die Wolken, den Schnee und das Eis zu lesen. Sie erscheinen den Männern, die doch selbst auf eine Stufe großer Primitivität gesunken sind, als kaum über den Tieren stehend mit ihrem Riten und Verhaltensweisen, allenfalls der Gedanke, daß auch diese Wesen von Gott geschaffene Menschen sind, XXXX

Ein interessanter Punkt ist auch, wie der Autor bei seiner Figur des Drax die beiden oft als Antagonisten bezeichneten Begriffe ‚Liebe‘ und ‚Tod‘ zusammenfließen läßt. Liest man eine aus ihrem Zusammenhang herausgelöste Passage wie … „Schenk mir ein letztes Stöhnen“, sagte er. „So ist es recht, meine Süße. Ein letztes Zittern, damit ich die richtige Stelle finde. Genauso Herzblatt, Noch zwei, drei Zentimeter, dann haben wir es geschafft.“ …. so werden wohl die wenigsten vermuten, daß dieses ‚abstoßende Liebesgeflüster‘ vom Töten handelt, nicht vom Lieben. Ist doch das Hineinstoßen der Harpune in den Leib des Wals hier wie das Einführen eines tödlichen Schaftes in einen warmen. lebenden Körper, der einen letzten ejakulativen Ausstoß einer Wolke reinen Herzbluts hoch in die Luft hervorruft… Dieser Vorgang des Töten des Wals gleicht dem des Töten eines Menschen nach dem Akt, in dem Drax seinem ‚Partner‘ in gleicher Weise blutig und brutal penetriert hat, einzig und allein einem unkontrollierten Trieb gehorchend.

Der Roman wird in dem meisten Besprechungen hochgelobt. Auch ich habe ihn gerne gelesen, habe ihn schnell gelesen, weil er mich packte. Und doch… ein paar Punkte haben mich gestört. Die Eingangssentenz beispielsweise, die für den weiteren Verlauf der Handlung unwesentlich ist, vor Blut nur so strotzt und außer der Tatsache, daß sie zeigt, daß es sich bei Henry Drax um einen gefährlichen, triebgesteuerten Zeitgenossen handelt (der jedoch nicht eindimensional ist), scheint im wesentlichen des bluttriefenden und schockierenden Effekts wegen geschrieben worden zu sein. Wie sagte meine Buchhändlerin: Ich habe das Buch nach ein paar Seiten weggelegt, das war nichts für mich. Für einen anderen Eindruck, den das Buch bei mir hervorgerufen hat (besser: nicht hervorgerufen hat) ist ein weiterer Autor schuldig: der Ransmayr nämlich. Ging mir doch in den „Eispassagen“ des Nordwassers seine Darstellungen zum Thema „Harte Männer im kaltem Eis bei wenig Essen, zerlumpter Kleidung und ansonsten ist es auch nicht einfach“ (Christoph Ransmayr: Die Schrecken des Eises und der Finsternis) nicht aus dem Kopf und daran gemessen empfand ich McGuire mit seinen Schilderungen blass und farblos.

So fass ich zusammen, was ich jetzt schon mehrfach geschrieben habe: Nordwasser ist ein publikumswirksamer, auf Schockeffekte angelegter Roman, der durchaus spannend ist, der unterhaltend ist und der ein Ende hat, bei dem der ‚Richtige‘ überlebt. Ein Abgesang auf die ‚große‘ Zeit des Walfangs, auf das Abschlachten dieser imposanten Tiere, eine Tätigkeit die nach Männer verlangte, die in dieser Brutalität und Rohheit entsprachen. Ein Abgesang auch auf die Zeit der großen Segler, eine Reminiszenz auf den einst so bedeutenden Walfanghafen Hull, die Geburtsstadt des Autoren. Das alles mit einem Protagonisten, der als Kontrapunkt zum bisherig Angemerkten durch das Purgatorium dieser Fahrt geläutert erscheint, der sich durch einen letzten barbarischen Akt retten und ein neues Leben anfangen kann.

Ian McGuire
Nordwasser
Übersetzt aus dem Englischen von Joachim Körber
Originalausgabe: The North Water, London 2016
diese Ausgabe: mare, HC, ca. 304 S., 2018

Anthony McCarten: Jack

Ich muss zugeben, daß ich vor diesem Buch gescheut habe, obwohl ich den Autoren McCarten natürlich kenne (siehe unten) und hoch schätze. Aber das Bild auf dem Schutzumschlag trifft so wenig meinen Geschmack, daß ich es einfach nicht haben wollte…. erst als ich die wirklich durchgängig guten Besprechungen gelesen habe, habe ich mir einen Ruck gegeben… und – um das vorweg zu nehmen – es hat sich gelohnt. Yes.


Ihre Hühnerpastete. die war der Schlüssel.
Die hat alle angelockt.
Ohne die hätte es keine Beat Generation gegeben.
Mannoman!

Die aktuelle Story, die das Buch erzählt, ist im Jahr 1968 angesiedelt. 1968 war ein wichtiges Jahr, eine ganze Generation (zumindest in Deutschland) ist danach benannt, eine ‚Revolution‘, die aus den USA herübergeschwappt war, der Protest gegen den Vietnam-Krieg, die ‚Hippies‘, um einige Stichworte zu geben und auch den Bogen zu spannen zu diesem Roman. Auch die Hippies sind nicht einfach vom Himmel gefallen, haben ihre Vorläufer, auf die sie sich berufen. Und davon erzählt dieser pseudobiographische Roman um Jack Kerouac und die fiktive Jan Weintraub.

Auf Jack Kerouac nämlich geht der Begriff des Beatnik zurück, der ihn 1948 in einem Interview prägte. „Das Adjektiv beat aus dem Slang der Kriminellen, den Herbert Huncke in die Gruppe um Kerouac, Ginsberg und Burroughs einbrachte, hatte die Bedeutungen „besiegt“, „müde“ und „heruntergekommen“, aber Kerouac prägte zusätzlich die Bedeutungen „euphorisch“ (upbeat), „seligmachend“ (beatific) und in Bezug auf Musik, vor allem Bebop, auch being on the beat („im Rhythmus sein“).“ [Quellehttps://de.wikipedia.org/wiki/Beat_Generation]. Bibel dieser Generation, die mit einem „Höchstmaß an innerer und äußerer Bewegung agierte, die ständig unterwegs war und auf der Suche nach einer von Tempo, Jazz, Marihuana, Sex und Freiheit berauschten Existenz, auf endloser Entdeckungsreise durch ein Amerika, für dessen Schönheit ihnen die Verachtung des Utilitarismus ihrer Zeitgenossen, des Establishment der Saturierten die Augen geöffnet hatten.“ [nach dem Text auf dem Vorsatzblatt der 68er rororo-TB-Ausgabe von Unterwegs; siehe Abbildung], war diese Roman Unterwegs (On the Road) von Jack Kerouac, der sich damit als „Romancier einer Generation vorstellte, die inmitten der schlechtesten aller Welten ein dröhnendes Bekenntnis zum glücklichen Leben ablegte, das den ehrbaren Bürger erschauern ließ.“ [a.a.O.]. Kerouac hatte (so legt es McCarten seiner Protagonistin in den Mund), als die Trümmer des Krieges noch rauchten, deutlich erkannt, dass zu lernen war, dass man nach vorn blicken muss, nach vorn und immer nur nach vorn … unsere Augen auf die nächste Biegung der Straße geheftet, weil wir sicher sein können, dass dahinter eine hübsche Zerstreuung wartet, etwas Flüchtiges, Schönes, dessen einziger Zweck auf Erden darin besteht, dass es uns – uns Neurotiker! – alles Traurige vergessen acht, das hinter uns liegt.

Vorderes Umschlagbild der 68er TB-Ausgabe von rororo
Hinteres Umschlagbild der 68er TB-Ausgabe von rororo

Es ist also 1968. Die junge Literaturwissenschaftlerin Jan Weintraub hat gehört, daß sich ihr Idol Kerouac auf dem stark absteigenden Ast befindet. Mit der sich aus den Beatniks herausgebildeten Hippie-Bewegung konnte er nichts anfangen, das war nicht mehr seins, die enge Freundschaft mit Neal Cassidy (z.B.: http://www.beatmuseum.org/cassady/nealcassady.html bzw.  https://de.wikipedia.org/wiki/Neal_Cassady), den er in seinen Romanen verewigt hatte, war zerbrochen und Kerouacs verbliebenes Lebensziel war es, sich von der Welt abgeschottet zu Tode zu saufen. Wo er sich aufhielt, war unbekannt [In der nebenstehend abgebildeten deutschen TB-Ausgabe beispielsweise steht, daß er zur Zeit in New York lebe, mittlerweile weiß man es besser]. Höchste Zeit also, ihr Ziel, eine autorisiere Biografie zu schreiben, anzugehen. Jan hatte durch Zufall erfahren, daß der Dichter für seine Mutter ein Haus gekauft hat und kommt so auf seine Spur. Kurzentschlossen fährt sie quer durch Amerika nach St. Petersburg, Florida, ein zerlesenes Exemplar von On the Road unter dem Arm – in der Hoffnung, dies würde der Eitelkeit des Schriftsteller genügend schmeicheln, um sie nicht direkt und brüsk abzuweisen.

Sie hatte den richtigen Riecher, erstaunlich einfach war das Haus der Mutter zu finden und in ihm tatsächlich der saufende Kerouac, der sie nicht abwies. Wohl hätte er auf sie verzichten können, doch gewährt er ihr Einlass und redet mit ihr, beantwortet ihre Fragen. Nur, und das ist schockierend für Jan, behauptet er, von dem beispielsweise sein Freund Ginsberg sagte, er würde ein Archiv führen wie ein Buchhalter, er hätte alles an Briefen, die er geschrieben und erhalten habe, verbrannt! Ein unersetzlicher Verlust für die Literaturgeschichte, aber stimmt die Behauptung Kerouacs? Jan kann sich in einem günstigen Augenblick Zugang zum Haus verschaffen, Jack ist mit seiner Mutter in der Kirche, es ist Allerheiligen [S. 102, wir haben jedoch den 25. Mai (!) 1968]. Doch die beiden kommen früher zurück als Jan erwartet hatte und sie erwischen Jan, wie sie im Schlafzimmer die Schränke mit den (wie vermutet) noch vorhandenen Briefen durchwühlt, auf der Suche nach einem oder zwei ganz bestimmten.

Standen bis jetzt die Geschichte Jacks und seines Schreibens im Vordergrund, stellt McCarten im zweiten Teil seines Buches das Schicksal Jans in den Mittelpunkt. Sie wird nach dem unerlaubten Eindringen zwar in einem ersten Impuls rausgeschmissen, doch letztlich erlaubt man ihr doch, zu bleiben, bietet ihr sogar ein Zimmer im Haus an. Es entsteht in dieser Periode dann tatsächlich so eine Art Familienleben zwischen Kerouac, seiner dritten Frau, der Mutter und Jan, ja, selbst  der heruntergekommene Poet strengt sich an… nur Petey, in dessen Zimmer Jan schläft, und der ein paar Tage später auf Heimaturlaub aus Vietnam kommt, tritt Jan gegenüber reserviert auf, ist und bleibt misstrauisch…

Für den Kerouac des Romans ist diese Zeit, sind diese Tage, eine Art letztes Zwischenhoch, aus dem er abrupt herausgerissen wird und der Trost, den er findet, wohnt in der Flasche und er tröstet ihn letztlich zu Tode. Wenige Menschen nur kommen zu seiner Beerdigung, mit deren Schilderung der Roman sowohl anfängt als auch endet, Jan ist unter ihnen, sie hält sich im Hintergrund…


McCartens Roman Jack behandelt zwei große Fragen am Beispiel seines eigenes schriftstellerischen Helden: „Von Kerouac lernte ich zu schreiben. Seine Engel und Dämonen waren meine eigenen. Er ist der Held meines Buches über die Frage, wer wir wirklich sind.“ wird er zitiert. Ist die eine Frage also die nach der Identität, so spielt auch die Frage nach Schuld eine Rolle, nach Verantwortung zum Beispiel am traurigen Schicksal Neal Cassidys oder dem seiner Tochter.

Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?
(Precht, 2007)

Kerouac wird im Roman als Mensch beschrieben, der in alle möglichen Rollen schlüpfen konnte, das perfekte Chamäleon. Die multiple Persönlichkeit. Der Verwandlungskünstler. Dadurch steht die Frage im Raum, wer war er wirklich, wer war dieser Held einer ganzen Generation eigentlich, welche Identität hatte er, der so viele Rollen spielen und annehmen konnte? Aber wie definiert man diesen Begriff ‚Identität‘ eigentlich? Wie unterscheidet man ihn von den Rollen, die man/jeder in seinem Leben einnimmt? Eine schwierige Frage, die dieser Roman natürlich auch nicht beantwortet [Precht mag sie beantwortet haben, das Buch steht jedoch zwar bei mir im Regal, aber leider ungelesen…]… möglicherweise ist die Summe aller Rollen ja das glitzernde Facettenkleid der Identität, von der nichts übrig bliebe, wenn ich alle Rollen, die eingenommen werden können/wurden, wegnehme…. 

Die Frage nach der Identität taucht ebenso bei der zweiten, dem Roman im Geheimen sogar dominierenden, weil als Erzählerin auftretenden Jan Weintraub, auf. Traf man bei Kerouac auf eine Unzahl von Rollen, die er im Lauf seine Lebens ausgefüllt hatte (bis er schließlich bei der einzigen verbliebenen des mit der Welt grummelnden Säufers gelandet war), so überschreitet Jan Grenzen: sie nimmt nicht nur Rollen ein, sondern tatsächlich andere Identitäten, ein Übergang gar ins Pathologische findet bei ihr statt.

Letztlich kann man auch das traurige Schicksal Neal Cassidys unter diesem Aspekt betrachten. Der vormals kleinkriminelle Frauenheld, der in die Gruppe der intellektuellen, gesellschaftliche Normen sprengenden Dichter und Schriftsteller gerät, von Kerouac als literarische Figur verewigt wird, bemühte sich anfangs, dem Bild gerecht zu werden, das sein Schriftstellerkumpel ihm angehängt hatte. Später dann kann er sich allerdings nicht mehr von seinem Alter Ego Dean Moriarty lösen und befreien und geht daran zugrunde. Seine Umwelt nimmt ihn nur noch als Moriarty wahr und er hat sich resignierend in diese Funktion gefügt.

Sir, sollte die Literatur die Verantwortung für ihre Opfer übernehmen? lautet eine der Fragen, die Jan an Kerouac richten wollte…. Die Frage bezieht sich in erster Linie zwar auf Neal Cassidy, aber ist nicht auch Kerouac selbst ein Opfer seines Erfolgs, der ihn in eine Rolle gezwängt hat, die er am Ende seines kurzen Lebens (er wurde ja gerade mal siebenundvierzig Jahre alt) nicht ausfüllen wollte? Dabei kann man nicht behaupten, McCarten würde seine Hauptfigur besonders sympathisch darstellen, eher beschreibt er seinen Helden als am Erfolg gescheiterten Schriftsteller, der wieder zurück zu Muttern gegangen ist und sich dort gehen läßt, sich langsam zu Tode säuft und sich vor der Welt versteckt. Nur in der kurzen Phase, in der Jan im Haus mit lebt, erwacht noch einmal ein anderer Jack Kerouac, der empathisch ist, mitfühlend, sich sorgend, der auch sein Selbstmitleid vergessen hat…


Wie von McCarten nicht anders zu erwarten, ist Jack ein sehr professioneller Roman. Gut, abwechslungsreich und spannend geschrieben, mit überraschenden Wendungen der Handlung, mit gut gezeichneten Figuren kann man ihn problemlos in einen ‚Rutsch‘ durchlesen, intelligente Unterhaltung auf hohem Niveau also. Im Gegensatz zu seinem Helden jedoch, der mit Unterwegs die amerikanische Literatur revolutionierte (oder sollte man sagen, es war Neal Cassidy, der dies tat, denn Kerouac goss letztlich dessen Art zu reden in eine literarische Form) und zum Leitbild einer Generation wurde, bleibt McCarten literarisch im Rahmen des Üblichen: keine Experimente, kein Aufsprengen von Grenzen. Wohl wechselt er zwischen inneren Monologen Jans, nachempfunden Interviewsequenzen zwischen Jack und Jan und Beschreibungen von Handlungen und Situationen, grundlegend Neues findet man jedoch nicht.

Jack ist kein historischer Roman und keine Biografie, was er über die Geschichte des Buches Unterwegs (im ersten Teil des Romans) schreibt, gibt jedoch einen anschaulichen Einstieg in die Historie der Beatniks, die nach dem Krieg einen Neuanfang für sich suchten, die Grenzen und Konventionen sprengten, für die Literatur wichtig war. Die Beatniks mögen selbst an ihren Anspruch gescheitert sein wie Kerouac oder Cassidy, sie fanden aber Nachfolger. Der Protest gegen den Vietnamkrieg mit den Studentenunruhen, die Bewegung der Hippies beispielsweise waren beides gesellschaftliche Phänomene, die auch nach Europa überschwappten und hie wie da die Gesamtgesellschaft veränderten.

Schrieb ich vorstehend, daß McCartens Roman dem Konventionellen verhaftet bleibt, so soll dies keine Abwertung sein, sondern ist als reine Feststellung zu nehmen, die dem Vergnügen, dieses Buch in die Hand zu nehmen und zu lesen, keinen Abbruch tut. Ich war und bin jedenfalls froh, daß ich meine Abneigung gegen das Bild auf dem Schutzumschlag überwunden habe [ein post-it, das es gnädig verdeckte, hat mir dabei geholfen…;-)]

 

Anthony McCarten
Jack
Originalausgabe: American Letters, 2018

Übersetzt aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
diese Ausgabe: Diogenes, HC, ca. 256 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Weitere Roman von McCarten, die ich im Blog schon vorgestellt habe:

– Englischer Harem
– Hand aufs Herz
– Ganz normale Helden
– funny girl

Kurzlink des Beitrags: https://wp.me/paXPe-9Xz

Celeste Ng: Kleine Feuer überall

Celeste Ng… dieser Autorinnenname hat sich eingeprägt, nicht nur, weil er als Name, als Wort natürlich auffällig ist, sondern weil gleich der Erstling der Autorin ein so wunderbares Buch war (Celeste Ng: Was ich euch nicht erzählte). Entsprechend hoch waren bei mir die Erwartungen an ihren neuen Roman… und ich will diese Frage gleich beantworten und schon hier sagen, daß Kleine Feuer überall für mich die Erwartungen noch übertroffen hat. Auch wenn es pathetisch ist, ich habe mir gedacht, so lange es Menschen gibt, die solche Bücher schreiben können (und solche, die das lesen wollen), ist noch nicht alles verloren…. ;-)

Es war für mich – noch eine (nicht die letzte) Vorbemerkung – eine seltsame Erfahrung, in dem Roman die Beschreibung eines Hauses zu lesen und mir gleichzeitig dieses Haus anzuschauen: Ngs Geschichte spielt in Shakers Heights, Ohio (https://de.wikipedia.org/wiki/Shaker_Heights), wo die Familie Richardson zwei Häuser besitzt, eins in der Winslow Road 18434 (https://goo.gl/maps/n3eA41h538J2) und ein zweites in der nicht weit davon entfernten Sedgewick Road (https://goo.gl/maps/6WBQJBKNMoF2), in dem sie selbst wohnen. Auch hier fließen persönliche Erfahrungen der Autorin mit in ihre Geschichte ein, Ng wohnte viele Jahre lang in diesem besonderen Viertel von Cleveland. Womit wir jetzt bei den „Shaker“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Shaker_(Religion)) wären, eine aus der Quäker-Bewegung hervorgegangene Glaubensgemeinschaft mit einer hohen Arbeitsethik. Arbeit wurde als Gottesdienst angesehen, auf Bildung wurde Wert gelegt, technischer Fortschritt nicht abgelehnt. Dies alles führte dazu, daß Shaker-Gemeinden wohlhabend und wirtschaftlich erfolgreich waren. Shaker Heights war eine nach ihren Prinzipien aufgebaute Siedlung, mit einer strengen Ordnung. Noch heute (sprich zu Zeiten, in denen der Roman spielt und das waren die, in denen eine gewisse Praktikantin im Weißen Haus die Endnote „befriedigend“ erhielt und die Zigarren eben nicht ihrem bestimmungsmäßigen Gebrauch zugeführt worden waren….) wurden zum Beispiel die Mülltonnen zum Leeren nicht an die Straße gestellt, sondern von den Müllarbeitern mit speziellen Wagen von hinter dem Haus geholt.


Elena Richardson – jetzt komme ich endlich zum Buch – stammt aus dieser Siedlung, ihre Familie wohnt dort schon seit einigen Generationen. Sie hat diese Prinzipien mit der Muttermilch aufgenommen und verinnerlicht, Regeln und deren Befolgung, das Einhalten der Ordnung sind für sie Lebensprinzipien, die sie nicht aufgibt. Die große Gelegenheit, aus diesem System auszubrechen, wehrte sie einst mit einem Kuss ab, Larry, ihr Mitschüler und Schwarm, der eines Tages die Schule hinschmiss und mit einem kleinen VW-Bus nach Kalifornieren fuhr, musste alleine fahren…

Zu den Richardson gehören neben der bei einem Lokalblatt als Journalistin arbeitenden Elena ihr Mann, der als Jurist in einer Kanzlei arbeitet und die vier Kinder Lexie, Trip und Moody einerseits sowie Izzy, die Jüngste, die für Elena das Sorgenkind ist: sie ist unangepasst, aufmüpfig, hat ihren eigenen Willen und der Konflikt zwischen ihr und ihrer Mutter ist ein Dauerzustand. Geld ist kein Problem für die Richardsons, sie haben es. Und da es zur Ethik Elenas gehört, denen, die es nicht so reichlich haben, zu helfen, vermietet sie ihr Zweithaus in der Winslow Street (das wie alle anderen dort so gebaut ist, daß es wie ein normales Haus für eine Familie aussieht, um zu kaschieren, daß dort zwei Parteien zur Miete wohnen) an Menschen, denen sie damit etwas Gutes tun will.

Und das sind im Moment die alleinerziehende Künstlerin Mia Warren und ihre fünfzehnjährige Tochter Pearl. Die beiden sind so ziemlich das Gegenteil von allem, was die Richardsons sind. Sie sind ruhelose Wanderer, zigmal haben sie in den letzten Jahren ihren Wohnort gewechselt, immer wenn ein Projekt der Fotografin fertig ist, wird der Besitz, den sie haben, in einen alten VW Golf gepackt. Es reicht zum Leben – die Ansprüche der beiden sind gering.

Es ist Moody, der auf Pearl aufmerksam wird und sich in sie verliebt, auch wenn er das selbst vielleicht so nicht formulieren würde. Jedenfalls wusste er beim ersten Aufeinandertreffen, daß es von nun an ein ‚Davor‘ und ein ‚Danach‘ geben würde. So wie Moody verblüfft war, daß man Reparaturen und Handwerkliches, so wie Mia und Pearl machten, auch selbst erledigen kann, so ungläubig starrte Pearl beim ersten Besuch bei den Richardson auf deren Wohnung, die einem Hochglanzmagazin entstiegen schien, und auf das lässige Selbstverständnis, die Selbstsicherheit der Bewohner und die Selbstverständlichkeit, mit der sie von der gesamten Familie, fast, als gehöre sie schon immer dazu, behandelt wird.

Mit den Warrens und den Richardsons hat Ng zwei Antagonisten, zwei Pole, die sich anziehen und die sich dann jedoch auch Abstoßung einschleicht. So wie sich Pearl zur leichten Sorge ihrer Mutter eng an die Richardsons anlehnt, oft ganze Tage bei ihnen verbringt, so sollte Izzy später in Mia einen Menschen erkennen, der sie einfach so akzeptiert, wie sie ist und der sogar ihre innere Wut zu verstehen scheint. Es sollte schließlich ein dummer Zufall sein, der das fragile Miteinander aus dem Gleichgewicht bringen sollte und den Stein ins Rollen brachte, auch wenn man die Konsequenzen erst später ganz erfassen sollte.

Moody und Pearl besuchen eines Tages mit ihrer Klasse ein Museum und dort hängt ausgestellt an der Wand die Fotographie einer berühmten Fotokünstlerin, Pauline Hawthorne, „Jungfrau mit Kind“, auf der ganz eindeutig Mia Warren zu sehen ist, die einen Säugling im Arm hält… und als Izzy, die mehr über das Foto erfahren will, nicht weiterkommt, sie ihre Mutter bei der Berufsehre packt und bittet, dies doch mal als Journalistin zu recherchieren, greift Elena dies freudig auf, vermutet sie doch selbst ein Geheimnis im Leben dieser verschlossenen, so ganz anders als sie ‚gestrickten‘ Mia Warren….

Je tiefer Elena in die Vergangenheit Mias eindringt, desto mehr nehmen Ablehnung und moralische Verurteilung zu.  Eine Steigerung erfährt dies noch durch einen Skandal, der Shakers Heights in diesen Tagen, in denen ein blaues Kleid mit Flecken nationales Thema war, aufregt: die McCulloughs, Freunde der Richardson, kinderlos, haben die Chance, ein Baby zu adoptieren, die Formalitäten sind fast abgewickelt. Da taucht auf einmal die biologische Mutter wieder auf und möchte das Kind zurück. Bebe ist eine junge, mittellose, alleinstehende Chinesin, die ihr Baby in einem psychischen Ausnahmezustand (Geburtsdepression) seinerzeit vor einer Feuerwache abgelegt hatte. Sie ist eine Arbeitskollegin von Mia in einem Imbiss, in dem Mia ein wenig Geld dazu verdient, und Mia hatte, nachdem sie von den Umständen der Adoption erfahren hatte, eins und eins zusammengezählt und Bebe alles erzählt. Es kommt zum Prozess um das Kind, für Elena ein Kampf des Guten, Ordentlichen, den Regeln Gehorchenden (i.e. die McCulloughs) gegen das Chaos, die Unsicherheit, das Regellose (die alleinstehende, mittellose Bebe) – und wer war’s gewesen? Nein, nicht die Schweizer, aber für Elena trägt Mia die Schuld daran….


Regeln gab es aus einem bestimmten Grund:
Wer sie befolgte, kam voran;
wer es nicht tat,
drohte die Welt in Asche zu legen. 

Dieser grundsätzlichen Lebenseinstellung hält Ng an einer Stelle entgegen, daß Regeln nur dann absolut gelten, wenn die Welt schwarz und weiß wäre, es nur richtig und falsch gäbe – aber die richtige Welt hat Zwischentöne, in denen diese Regeln ihre Eindeutigkeit verlieren. Der Adoptionsfall zeigt dies sehr deutlich, es gibt Argumente für jede der beiden Parteien, die sich um das Baby streiten, und außer Elena und den streitenden Parteien ist zum Schluß praktisch jeder unsicher, was die ‚richtige‘ Entscheidung ist. Sogar Mr. Richardson, der vor Gericht die Sache der McCulloughs vertritt, entwickelt im Lauf des Prozesses Verständnis für Bebe.

Und noch eins zeigt Ng, eine Amerikanerin mit chinesischen Wurzeln, an dieser Episode. Schon in ihrem Debüt Was ich euch nicht erzählte verarbeitete sie die Erfahrungen des täglichen Rassismus, den sie in ihrer normalen Umwelt erlebt hat, sie betonte seinerzeit, daß sie alles, was sie in diesem Roman eingearbeitet hat, persönlich oder aus ihrem persönlichen Umfeld erlebt hat bzw. kennt. In der Sorgerechtsverhandlung wird dies auch in diesem Roman thematisiert: Wie können die McCulloughs sicherstellen, daß ein chinesisches Baby nicht von seinen Wurzeln abgeschnitten wird, wird gefragt? Eine der hilflosen Antworten dazu ist die Aussage, man würde gerne chinesisch Essen gehen… Ng nutzt diesen Streit, den alltäglichen, dem normalen Leben inhärente Rassismus aufzuzeigen: es gibt (gab) u.a. keine Puppen, die chinesisch aussahen, keine Bilderbücher mit chinesisch aussehenden Kindern. Eine persönliche Erfahrung der Autorin dazu: My mother „bought every children’s book she could find that had Asian characters in it … she always tried to buy me an Asian doll, but there weren’t any. So at one point I got a black doll, because at least she wasn’t blond.“ (https://www.theguardian.com/books/2017/nov/04/celeste-ng-interview-little-fires-everywhere)

Elena Richardson scheitert letztlich an ihrem Glauben an Regeln, weil der nicht einschließt, daß andere Menschen Regeln dehnen, sie gar übertreten. So prallt sie mit der Realität zusammen, hinterfragt nicht, was sie erfährt bzw. was für sie offensichtlich ist. Sofort ist sie mit einem Urteil zur Stelle und löst damit eine Katastrophe aus. Zudem verunsicherte sie diese so völlig andere Person Mia Warren, die all das war, was sie, Elena, in sich unterdrückt hatte und gegen das sie sich an jeder Wegerkreuzung ihres Lebens entschieden hatte, der Sicherheit anderer Entscheidungen (Ehepartner, Wohnort, Beruf, Stellung) untergeordnet. Kaum auch Neid auf? Uneingestandener würde ich sagen, denn Mia öffnete in der ansonsten fast hermetischen Shaker Heights-Welt Elenas ein Fenster zu einer anderen Welt mit anderen Ansprüchen, anderen Chancen und Risiken, anderen Möglichkeiten. Shaker Heights erlaubte keine Entwicklung, die Regeln, die strenge Ordnung war wie ein Zaun, hinter dem ein dröges, bequemes Leben geführt werden konnte, das blind machte für alles außerhalb dieser Ordnung. Die Erlebnisse und Schicksale der Kinder (auf die ich hier nicht eingehe) sind dafür beredtes Beispiel: sie liegen ausserhalb der Vorstellungswelt Elenas.

Ng läßt ihr Buch völlig offen enden, ich hätte sie **** können dafür! Natürlich will ich wissen, was aus Mia und Pearl wird, wie es Izzy ergeht, will wissen, ob Pearl ihren Vater und ihre Großeltern kennen lernen wird (und wie reagiert/en die?) , wie entwickelt sich das Leben für Lexie, Moody und Trip weiter? Und Elena? Hat sie was gelernt aus dem Unglück, wird sie Izzy finden und treffen Mia und sie noch einmal aufeinander? Herrgott, das will doch gefälligst erzählt bekommen!!! An die Arbeit, liebe Frau Ng!


Ngs Sprache ist – zumindest in der Übersetzung – nicht kompliziert, sondern klar und strukturiert. Sie erzählt ihre Geschichte chronologisch und streut an den entsprechenden Stellen Rückblicke ein, die uns im Lauf der Handlung die Schicksale ihrer Personen nahe bringen und aufzeigen. Das Leben ist nicht immer einfach, gerade Mias Leben war es nie und ist damit schon von Anfang an ein strikter Gegensatz zum Lebensweg Elenas. Diese Rückblicke sind nüchtern und wirken fast wie Reportagen, Ng wertet nicht und arbeitet dadurch die Charakteristika ihrer Figuren um so deutlicher heraus. (Wer das in extenso duchdeklininiert haben möchte, sollte mal auf diese Seite schauen:  https://www.litcharts.com/lit/little-fires-everywhere). Peu a peu gewinnen die Figuren an ‚Leben‘, scheinen immer plastischer und vielschichtiger in der eigenen Phantasie, besonders galt dies bei mir für Izzy, dieses junge Mädchen, das mir vorkam wie ein Tiger, der in einem Gitterkäfig eingesperrt war und mit jedem Atemzug an den Eisenstäben rüttelt…

Es ließe sich noch viel über dieses Buch sagen. Viele der Personen, die eine Rolle spielen, habe ich noch nicht einmal erwähnt: die Ryans, die Wrights, Mr. Yang, ‚Mrs. Pisser‘, Pauline und ihre Lebensgefährten u.a.m., es würde einfach zu viel. Was ich aber mit meiner Buchvorstellung deutlich machen wollte, ist kurz gesagtdies: Kleine Feuer überall ist ein Kleinod, ein wunderbares, spannendes, intelligentes, lebensweises Buch, das ich jedem nur empfehlen kann.

Celeste Ng
Kleine Feuer überall
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Originalausgabe: Little Fires Everywhere, NY, 2017
diese Ausgabe: dtv, HC, ca. 380 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.