Carmen Korn: Zeiten des Aufbruchs

Carmen Korns Romantrilogie um die vier Hamburger Frauen Henny Lühr, Else Godhusen, Lina Peters und Ida Yan wird vom Verlag etwas doppeldeutig als „Jahrhundert-Trilogie“ beworben. Daß diese drei Romane ein Jahrhundert überstreichen sei unbestritten (auch wenn der dritte Band noch aussteht), ob sie aber auch eine Trilogie sind, die vom Niveau her so anspruchsvoll ist, daß sie mehr als eine Eintagsfliege sein wird, muss sich noch erweisen. Ich deute es hier an, ich habe meine Zweifel (trotz des offensichtlichen Verkaufserfolgs) daran.

Den ersten Band Töchter einer neuen Zeit (https://radiergummi.wordpress.com/2018/05/27/carmen-korn-toechter-einer-neuen-zeit/) hatte ich neulich hier vorgestellt, der hier beschriebene zweite Teil schließt nahtlos an. Korn hat den allermeisten ihrer Figuren einen ‚guten‘ Ausgang gegönnt: sie haben den Krieg mehr oder weniger unbeschadet überlebt. Selbst von der verschwundenen Käthe, die ja von Hennys Mann denunziert worden war, gibt es eine ‚Sichtung‘, auch von Rudi, ihrem Mann, der in russische Gefangenschaft gekommen ist, traf ein Lebenszeichen ein.

Zeiten des Aufbruchs umfasst einen Zeitraum von ca. 20 Jahren, von 1948 bis zu den Studentenunruhen der Jahre 1968/69. Es geht aufwärts, auch für die Protagonisten, die Zeiten werden besser, auch für Käthe und Rudi, die – niemand wird dies überraschen – schließlich wieder zurückkehren und den Kosmos um die vier Frauen komplettieren. Es ist müßig, hier in dieser Buchvorstellung auf die Handlung einzugehen, die Geschichte, die nach wie vor viele Figuren hat (möglicherweise noch mehr als der erste Band) ist eine Art Parforceritt durch die bundesrepublikanischen Anfangsjahre: Währungsreform, Bundeswehr, Wiederbewaffnung, Atomwaffen, Strauß, Adenauer, Brandt, Berlin-Blockade, Kubakrise, Kennedy-Attentat, 17. Juni, Ungarn, Sturmflut in Hamburg… um nur einige Stichworte zu nennen, die mir jetzt nach der Lektüre noch einfallen. Aber vielmehr ist bei Korn auch nicht zu lesen, sie hetzt mit ihrer Handlung durch die Jahre, als ob es kein Morgen gäbe… Dabei beschreibt sie soch die meisten ihrer Hauptfiguren als TV-Verweigerer, die gerne zusammen sitzen und Wein trinken (über dessen Provenienz wir jeweils aufgeklärt werden…) und die dabei genügend Gelegenheiten gehabt hätten, über solche Ereignisse zu diskutieren…

Wenn sich etwas wie ein roter Faden durch diesen Mittelband der Trilogie zieht, dann ist es zum einen die Liebe der Autorin (?) zum Jazz, der sie in der Figur des Klaus, dem Sohn Hennys aus zweiter Ehe, frönt. Dieser ist Radiomann geworden und moderiert dort im NWDR (bzw. später dann seinem nordischen Nachfolger) Jazzsendungen, auch privat ist er mit dem Jazzmusiker und -komponisten Alex liiert. Eine Beziehung, die sehr heimlich gelebt werden muss, denn noch gibt es den Paragraphen des 17. Mai, der männliche Homosexualität unter Strafe stellt und die Betroffenen gesellschaftlich vernichtet. Dies und die heimtückische Krankheit von Alex bilden eine Art zweiten roten Faden durch das Buch.

Was sind sie alle so gut, die Gutheit der Figuren ist manchmal kaum zu ertragen! Wenn da nicht ein Ernst Lühr wäre, der einem aber in seinem Schwulenhass fast schon wieder leid tun kann… ok, auch die Figur der Ida hat ihre Brüche, aber zum Bruch selbst läßt es Korn nicht kommen und Florentine mit ihrer exotischen Ausstrahlung, ein Erbteil ihres Vater Tian, mit dem Ida jetzt verheiratet ist, bringt als Fotomodel so ein wenig die große, weite Welt mit ihrem Glamour ins Buch…

Am Ende der Geschichte gehen die Hauptfiguren des ersten Bandes auf das Ende ihres sechsten Lebensjahrzehnts zu. Die berufliche Karrieren hat sich schon oder ist dabei, sich dem Ende zuzuneigen: das Alter steht vor der Tür, während draußen die Jugend rebelliert und in der BRD Brandt Kanzler geworden ist und der Paragraph 175 abgeschafft wurde. Was natürlich nicht verhindert, daß ein männliches Pärchen in der Öffentlichkeit Hamburgs (und nicht nur dort) immer noch schief angesehen wird…


Die Taschenbuchausgabe des Romans hat ca. 600 Seiten, von denen man beim Lesen prinzipiell hie und da beruhigt einige Seiten überschlagen könnte. Möglicherweise versäumt man dann ein paar Fakten, aber das ist für den Wiedereinstieg kaum ein Problem, da der Roman so unruhig und unstetig geschrieben ist, daß man das Fehlen überlesener Seiten nicht weiter merkt [diese Anmerkung bedeutet nicht, daß ich das Überblättern auch empfehle….] Korn gönnt ihren Figuren nämlich fast immer nur wenige Seiten, bevor sie wieder zu anderen Schauplätzen wechselt, es geht hin und her, ein Lesefluss stellt sich nur selten ein. Diese erwähnten stichwortartigen Hinweise auf politische und/oder gesellschaftliche Daten passt in diesen Rahmen. So bleibt alles sehr an der Oberfläche, und mag auch bei älteren Lesern durch die Beschränkung auf eine bloße Erwähnung doch so manche Erinnerung angetriggert werden, so können jüngerer Leser selbst davon nicht profitieren… die Hamburger, die können dem Roman wahrscheinlich mehr entnehmen, denn wie schon der erste Band ist auch Teil 2 eine kleine Hommage und Erinnerung an die vergangenen Zeiten dieser Stadt.

… und mir bleibt am Ende des Romans die Frage, ob ich aus systematischen Gründen auch noch den dritten Teil des Kornschen Werkes lesen soll oder ob ich mir sage, mein Restleben ist zu kurz, um dafür Zeit zur Verfügung zu stellen… Summa summarum, um zum Ende zu kommen, war und bin ich von diesem Mittelteil der Trilogie Korns enttäuscht worden.

Carmen Korn
Zeiten des Aufbruchs
diese Ausgabe: rororo, TB, ca. 600 S., 2018 (mit Glossar und Personenverzeichnis)

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Connie Palmen: Die Sünde der Frau

Die niederländische Schriftstellerin Connie Palmen ist auf meinem Blog keine Unbekannte. Mit  I. M., Ischa Meijer, In Margine, In Memoriam und dem Logbuch eines unbarmherzigen Jahres hat sie zwei autobiographische Werke vorgelegt, in denen sie ihre selbst durchlittenen existentielle Verluste jeweils eines geliebten Mannes schildert, in Du sagst es stellt sie in einem biographischen Roman das Leben des Ehepaares Sylvia Plath / Ted Hughes dar. Alle drei Bücher sind keine leichte Literatur; das letztere der erwähnten Titel leitet inhaltlich schon über auf das vorliegende schmale Bändchen mit vier Essays Die Sünde der Frau über, welches der Klappentext kurz und knapp charakterisiert: „Vier Frauen, vier Tragödien – ein Muster. / Originalität, Ruhm und Selbstzerstörung / Über Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patracia Highsmith“.

Der zitierte Klappentext suggeriert eine Art Unabwendbarketi, die sich im Schicksal dieser Frauen verbergen mag. Natürlich bin ich einem vorgefassten Gedanken gefolgt. Mit diesem Satz leitet die Autorin ihr Büchlein ein, ihr erklärtes Ziel ist es, ... in der Beschreibung ihrer Leben eine Erklärung für ihr selbstzerstörerisches Verhalten zu finden. Warum Palmen gerade diese vier Frauen in ihre Betrachtung einbezieht, bleibt leider im Dunkeln ebenso wie die Tatsache, daß sie mit Marily Monroe eine Schauspielerin unter ansonsten drei Literatinnen gewählt hat. Jane Bowles beispielsweise dürfte von nur wenigen Literaturbegeisterten wirklich gelesen worden sein, in der Blogosphäre jedenfalls habe ich keine Besprechung eines ihrer überhaupt wenigen Werke gefunden… (http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/jane-bowles/).


Die Sünde der Frau ist ein schmales, schön aufgemachtes Bändchen, das der Verlag herausgegeben hat, insgesamt kaum neunzig Textseiten, davon noch ein Abschnitt Handreichungen für die Lektüre… roundabout also zwanzig Seiten pro biographischer Notiz. Das ist nicht viel, führt das oben zitierte … in der Beschreibung ihrer Leben … etwas ad absurdum. Palmen fokussiert sich von Anfang an auf gemeinsamen Aspekte im Lebens der Frauen, in denen sie ihrem …vorgefassten Gedanken… nach die Gründe für den selbstzerstörerischen Charakter sieht. Sie seien kurz genannt (nachfolgend dem Sinne nach zitiert): macht sie ihr Talent ungeeignet für ein traditionelles Frauenleben, leiden sie unter daher unter ihrer Aussenseiterrolle, suchen sie die Freiheit der Selbstbestimmung, auch die Freiheit, sich zugrunde zu richten? Mit letzterem Aspekt berührt sie implizit den Begriff des latenten Suizids.

Daß Menschen, die (latent) suizidal sind, Gemeinsamkeiten aufweisen, kann nicht wirklich überraschen. Die wenigsten selbstzerstörerisch agierenden Menschen werden eine glückliche, behütete Kindheit gehabt haben, werden in erfüllenden Partnerschaften gelebt haben und werden durch berufliche und/oder künstlerische Erfolge in ihrem Selbstwertgefühl gestärkt worden sein. So überrascht es nicht, daß dies auch auf die von Palmen ausgewählten Frauen zutrifft, die sich entweder suizidiert haben (Monroe) bzw. sich bewusst [“Ich weiß, dass ich langsam verfalle. Es ist mir völlig klar, und keiner kann mich vom Gegenteil überzeugen. Ich merke den Unterschied von einem Monat zum anderen. Erzähl mir nicht, dass es mir irgendwann besser gehen wird” Jane Bowles 1957 zu Paul. In: http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/jane-bowles/] durch Alkohol und andere Drogen geschadet haben. [Leider wird im Buch noch durchgängig von ‚Selbstmord‘ geredet, (wahrscheinlich durch eine nicht ausreichend reflektierte Übersetzung des niederländischen ‚zelfmoord‘), obwohl doch mit dem Begriff ‚Suizid‘ ein neutraler Ausdruck zur Verfügung steht. In diesem Zusammenhang ist folgende Untersuchung interessant: Suizid-Prävention: Wortwahl in Nachrichten beeinflusst Wahrnehmung und Bewertung des Suizids durch die LeserInnen inhttps://www.meduniwien.ac.at/…leserinnen/, oder: Jakob Wetzel: Die Wortwahl entscheidet in: https://www.sueddeutsche.de/…entscheidet-1.3894877]

Die Vermutung, daß selbstzerstörerischem Verhalten (von Suizidanten) ein bestimmtes Muster zugrunde liegt, ist jedoch nicht neu. Schon vor Jahren formulierte Gert Raeithel  als Ergebnis seines Buches: Selbstmorde und Selbstmordversuche amerikanischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller: „…. ergeben sich bei der Mehrheit der Suizidanten wiederkehrende Lebensmuster. Dazu gehören eine problematische Kindheit; der frühe Verlust einer vertrauten Umgebung; der unzeitige Tod eines Elternteils oder tiefsitzende Konflikte in der engeren Familie oder im persönlichen Umfeld; ein zähes Ringen um Anerkennung, oftmals abrupter Erfolg, dann Nachlassen der Kreativität und Zweifel am Sinn des Erreichten; die Unfähigkeit, stabile Bindungen aufzubauen oder zu erhalten; Alkoholismus und Drogensucht; seelische Erkrankungen.“ Die Ausgangsfrage Palmens ist damit im Grunde schon beantwortet, zumindest liegt die Antwort nahe, aus den Niederlanden ist also in dieser Arbeit nichts wirklich Neues zu erwarten. [Gert Raeithel: Selbstmorde und Selbstmordversuche amerikanischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller (von Sylvia Plath bis David Foster Wallace); Aachen 2008, S. 39 / das ein im übrigen sehr deprimierendes Büchlein ist, das ähnlich wie Palmen es hier in Essayform versucht, die (auf den das Leben beendenden Suizid ausgerichteten) Lebenswege von drei Autorinnen und 8 Autoren skizziert. Hinweisen will ich in diesem Zusammenhang auch noch auf das Buch von Pilar Baumeister:  Wir schreiben Freitod… | Schriftstellersuizide in vier Jahrhunderten, in dem erschreckende 423 Namen aufgeführt werden…]

Die Namen der vier von Palmen berücksichtigten Frauen sind schon genannt: Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patracia Highsmith. Ich will hier nicht weiter auf deren Lebensläufe eingehen, Palmen schildert diese sehr knapp unter der Berücksichtigung ihrer Arbeitshypothese. Die Leben (und das Sterben) sind jeweils gekennzeichnet durch eine besondere, spezifische Tragik, die bei der Monroe im Siuzid mündet, während die Duras ein ums andere Mal durch Alkohol und Depressionen an den Rand des Abgrunds [getrieben wird], und sie wird mit Delirium, Lähmungen , Emphysemen , Leberversagen, Hirnblutungen, Psychosen ins Krankenhaus eingeliefert, Gleich drei mal kommt es vor, dass sie ins Koma fällt, … . Die gleichgeschlechtlich orientierte Jane Bowles bindet sich in Marokko an eine aggressive Frau, die ihr nach dem Leben trachtet – was sie weiß. Trotzdem kehrt sie nach einem Schlaganfall zu ihr zurück. Übermäßiger Alkoholgenuss und Rauchen bringen sie immer wieder in Kliniken, die Diagnose lautet Schizophrenie. Sie stirbt in einer Klinik in Malaga. Patricia Highsmith schließlich umgibt sich mit der glorreichen Triade Schreiben, Sex und Alkohol, und schafft sich in ihrem Mr. Ripley ihr literarisches Alter Ego. Sie bindet sich an Frauen, die schlecht für sie sind, sie ist vom Bösen fasziniert, manisch-depressiv. „Ich bin sehr unglücklich – aus reiner Unentschlossenheit. Daher trinke ich“ zitiert Palmen eine Tagebucheintrag von 1953. Sie [i.e. Highsmith] weiß schlichtweg nicht, wie sie leben soll, sterben jedenfalls tut sie viele Jahre später als misanthropischer, unausstehlicher Mensch allein und spindeldürr in einem Krankenhaus in Locarno.


Die Sünde der Frau… ich bekenne, daß ich mit dem Titel des Büchleins Probleme habe. In der „Handreichung“ geht Palmen zurück bis zu Adam und Eva und stellt Eva in die Reihe ihrer vier Frauen: sie ist die erste vaterlose Frau… und sie bricht Regeln – so wie es die Monroe Jahre später sagen sollte: „Wenn ich mich an alle Regeln gehalten hätte, hätte ich es nie zu etwas gebracht.“ Andererseits bescherte die Sache mit dem Obstteller Eva genau das, dem die anderen Frauen sich später weitgehend entziehen sollten bzw. mit dem sie sich sichtlich schwer getan haben: Kinderkriegen und Haushalt. Ansonsten taucht der Begriff „Sünde“ in den Ausführungen der Autoren nicht mehr auf… möglicherweise ist mein Blick dafür auch zu sehr aus der männlichen Warte heraus auf die Problematik gerichtet. Es ist mir beim Aufarbeiten des Textes voller Entsetzen (das sage ich nicht nur so dahin) aufgefallen, wieviele und welche bekannten Schriftsteller sich suizidiert haben, man kann das leicht ergoogeln. Ein spezifisch weibliches Phänomen scheint dieses Selbstzerstörerische daher nicht zu sein. Oder ist es bei Männern keine Sünde, weil sie keine Regeln brechen? Ratlosigkeit bei mir…

… und noch etwas möchte ich anmerken, weil ich damit meine Schwierigkeiten habe. Ebenfalls in den „Handreichungen“ fragt sich Palmen: „…suchen sie die Freiheit der Selbstbestimmung, auch die Freiheit, sich zugrunde zu richten?“ Wirklich beantwortet wird diese Frage im Text nicht, ich vermisse – wenn schon zu Beginn eine Anleitung zum Lesen an die Hand gegeben wird – sozusagen eine Art Zusammenfassung, in der Palmen die Antwort auf ihre Eingangsfragen hätte noch einmal aufarbeiten können. Mir jedenfalls fällt es schwer, bei diesen teilweise heftigen Krankheitsbildern von der Freiheit zu Entscheidungen, die die Frauen getroffen haben, auszugehen. Hier von Freiheit zu reden ist so unsinnig wie einen Suizid als Freitod zu bezeichnen. Was von außen als „freiwillig“ erscheinen mag, ist für den/die Betroffene/n die letzte aller verbliebenen Handlungsalternativen.


Puhhh.. jetzt bin ich ganz schön über das Buch hergefallen, ich bin selbst ein wenig erschrocken. Denn die Lebensskizzen, die uns Palmen von den vier Frauen als Fallbeispiele zeichnet, sind als solche sehr interessant, gerade durch die Fokussierung auf die Suche nach Gründen für das Selbstzerstörerische, das sich in ihnen zeigt. Sie sind pointiert geschrieben, mit Abstand zu den Frauen, aber doch mit Mitgefühl, sie bringen deren Tragik auf den Punkt. Die Skizzen ersetzen keine Biografie, sie schildern nicht das Leben (dazu sind sie zu kurz), sie verdeutlichen jedoch die Probleme und das Wechselspiel zwischen dem Lebensunglück der Frauen und ihre Flucht in ein Leben als Star (Monroe) bzw in das Schreiben, das ihnen Gelegenheit gab, in andere Existenzen zu wechseln. Das beides nicht geholfen hat, daß für die Monroe der Abstand zwischen der immer extremer werdenden Funktion als Projektionsfläche (feuchter) Männerträume und der inneren Leere, die sie quälte, immer größer wurde und bei den anderen nach Beendigung des Manuskripts der Schock, wieder in die Realität absteigen zu müssen, sie erneut aus der Bahn warf, ist die Tragik dieser Leben. Da Palmen bekanntermaßen eine hervorragende, intelligente und gut formulierende Autorin ist, ist die Lektüre des Buches eine Freude, die jedoch – der Kürze wegen – schnell vorbei ist.

Möglicherweise merkt man es meiner Besprechung an, Palmens Büchlein hat Widerspruch in mir erregt, hat mich andererseits und gerade dadurch zum Nachdenken, zum Nachschlagen und zum Nachlesen animiert; es sind Fragen unbeantwortet geblieben, die Palmen selbst aufgeworfen hat – all dies wahrlich nicht das Schlechteste, was man einem Buch nachsagen kann. Und da die Thematik meist ja doch nicht präsent ist (ich war – nochmals – erschrocken, über welche Autoren/-innennamen ich in diesem Zusammenhang gestoßen bin) ist die Lektüre von Palmens Essays (nicht zuletzt der literarischen Qualität wegen) trotz all meiner Anmerkungen auf jeden Fall empfehlenswert.

Connie Palmen
Die Sünde der Frau
Übersetzt aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Originalausgabe. De zoende van de vrouw, Amsterdam 2017
diese Ausgabe: diogenes, HC, ca. 90 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Gertrud von le Fort: Die Abberufung der Jungfrau von Barby

Diese Erzählung der deutschen Schriftstellerin Gertrud von le Fort (1876 – 1971; https://www.deutsche-biographie.de/sfz49723.html) aus dem Jahr 1940 ist gerade mal knapp 90 Seiten in einem schmalen, kleinen Büchlein stark. Sie führt uns zurück in die Zeit der Reformation, der Auseinandersetzung der etablierten römischen Kirche mit der durch Martin Luther ins Leben gerufenen Neuausrichtung des Christentums. Zu den Begleiterscheinungen dieser Reformation gehört der ‚reformatorische Bildersturm‘ (z.B. hier: https://www.dhm.de/blog/2017/08/08/bildersturm-und-reformation/), zu dem u.a. reformatorische Theologen in Predigten und Traktaten aufriefen. Banden bildeten sich und zogen durchs Land, um Kirchen und Klöster zu schänden und zu verleumden. So auch ergeht es, und damit sind wir in der Handlung des Buches, dem Agnetenkloster in Magdeburg (https://de.wikipedia.org/wiki/Agnetenkloster_(Neustadt)). Die Bande Grewe Köppen behauptet, das Kloster hätte sämtliche Kleinodien, die es besaß, verkauft und zu Geld gemacht – was jedoch nicht stimmte. Um dem Volk das zu beweisen und um die Menschen wieder in die Kirche zu locken (deren Messen bei weitem nicht so gut besucht werden wir früher) beschließt die Äbtissin gegen den Rat des Probstes, eine prachtvolle Messe zu Ehren des Hl. Norberts zu zelebrieren.

Es kommt, wie es kommen muss. Keineswegs sind die Besucher der Messe so ehrfürchtig wie früher und die vorgeführten Kleinodien beeindrucken nicht, bzw. die Bande Grewe Köppens schon… Gerade noch kann die Äbtissin sich mit den Nonnen in einem Raum verschanzen, um sich derart zu retten, als auffällt, daß die Jungfrau von Barby nicht unter den Nonnen weilt. Sie, und dies fällt der Äbtissin mit großem Schrecken ein, wurde von ihr einer Unbotmäßigkeit wegen, in ihre Kammer verbannt mit dem Verbot, diese ohne die ausdrückliche Erlaubnis durch die Äbtissin zu verlassen. Die Jungfrau von Barby ist gehorsam und die zu ihr eilende Äbtissin kommt zu spät, in ihrer Kammer die Jungfrau ist tot. Es ist dies die endgültige Abberufung der Nonne, ein Terminus, den von le Fort in zwei Bedeutungen verwendet.

Denn die Jungfrau ist eine Mystikerin auf den Spuren der Mechthild von Magdeburg, einer Beghine aus dem 13. Jahrhundert [das auf ‚ihrer‘ Webseite zitierte Das fließende Licht der Gottheit http://www.mechthild-von-magdeburg.de spielt in der von le Fort’schen Erzählung auch eine kleine Rolle] und die mystische Innenschau, in die Jungfrau von Barby des öfteren verfällt, wird ebenfalls als Abberufung bezeichnet. Das Mystische ist die Sache der Abtässin jedoch nicht, diese ist eine ihrer Macht und Verantwortung bewusste Frau, das nicht Fassbare mystischen Erlebens ist ihr unheimlich und erscheint ihr als Ungehorsam. Insbesondere reagiert sie auf die letzte Vision der Jungfrau unwirsch, in der diese alle Bilder des Klosters ‚zernichtet‘ sieht, sie die Ereignisse des St.-Norbert-Tages also vorausschaut. Dieses ‚Ungehorsams‘ wegen also wurde die Jungfrau von der ‚großen Äbtischen‘ bestraft.

Eine weitere Nonne muss zumindest kurz erwähnt werden, die Pettinghoferin nämlich, die unscheinbar und verschüchtert wirkend der Äbtissin zur Hand geht, in Vertretung der vor sich hin siechenden Priorin. So zerbrechlich die Pettinghoferin auch wirkt, in der Stunde der Not sollte sie sich als Anker erweisen, der das Schiff der ‚Töchter‘ im Bildersturm in den ’sicheren‘ Hafen lotst.


Gertrud von le Fort war, liest man ihre Biografie (https://www.deutsche-biographie.de/sfz49723.html), wohl ein tief religiöse Frau, diese Erzählung ist ein Beispiel dafür. In ihr spiegelt sich die Auseinandersetzung zwischen der alten römischen Kirche und der neuen reformatorischen Bewegung, die in den Auswüchsen des Bildersturms gegen einen vorgeblichen Götzendienst eine durchaus gewalttätige Komponente aufweist. von le Fort, die selbst 1926 zum Katholizismus konvertierte, ging diesen Weg der Ablehnung und Bekämpfung nicht, im Gegenteil sagte sie: Dieser Schritt bedeutete keinen Bruch mit dem Protestantismus, sondern eine für mich persönlich vollzogene Vereinigung. [nach: Biographie, a.a.O.]. Daher dürfte ihr wohl dieses Wüten der Rotten gegen die alte Kirche ein Graus gewesen sein. Unschwer ist in diesem Vorgang aber ein Bild zu sehen gegen den ‚Bildersturm‘, der Jahrhunderte später stattfinden sollte, als die braunen Horden johlend und trampelnd, so wie es die Anhänger von Grewe Köppen in der Messe zum St. Norberts-Tag taten, durch die Straßen (und – etwas weniger auffällig – durch Galerien wider die ‚entartete Kunst‘) zogen: die Erzählung wurde 1940 erstveröffentlicht, inmitten der Judenverfolgung, der Verfolgung Andersdenkender und dem Verbrennen und Zerstören von Bildern und Büchern. [Natürlich habe ich herauszufinden versucht, ob Gertrud von le Fort selbst eine Autorin war, deren Werke von den Nazis verbrannt worden waren. Seltsamerweise ist mir das nicht wirklich gelungen, in den Namenslisten von 1933 habe ich die Autorin nicht finden können, im Flyer zur Gedenkveranstaltung der TH Köln zum 85. Jahrestag der Bücherverbrennung in Köln am 17. Mai 1933 [eine witterungsbedingte Verlegung des ‚eigentlichen‘ Termins…  https://buecherverbrennung.wordpress.com/2013/04/07/buecherverbrennung-in-koeln/%5D wird sie jedoch aufgeführt: https://moderneimrheinland.files.wordpress.com/2018/05/bodendenkmal_17mai_2018_web.pdf].


Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. (Lk 23,34)

Dieser Spruch aus dem Lukas-Evangelium, den der gekreuzigte Jesus trotz seines Schmerzes und seines Leids ausstößt, steht im Mittelpunkt der Erzählung. Die Äbtissin argumentiert rational, natürlich wissen ihrer Überzeugung nach Grewe Köppen und seine Bande, was sie tun, sie sind schließlich unterwiesen worden im Glauben, sie sind vom Kloster mit Nahrung und Medizin versorgt worden, sie kennen das Kloster und die Nonnen und wenn sie jetzt diese Lügen verbreiten über das Kloster und – wie woanders schon längst geschehen – die Kleinodien zerstören und rauben wollen, dann tun sie das im vollen Wissen. Ihr widerspricht der Probst, zwar wissen sie, daß sie rauben und zerstören, aber sie wissen nicht, was dies bedeutet, in einem tieferen Sinne wissen sie nicht, was sie damit anrichten. Deswegen auch sein Rat an die Äbtissin, diese Unwissenden nicht durch das Herausstellen der Kostbarkeiten herauszufordern. Aber das Selbstbewusstein der Äbtissin ist groß, sie läßt keine Zweifel zu und beharrt auf ihrem Beschluss… Man könnte es Hochmut nennen, der bekanntlich vor dem Fall kommt…

Ist es für diese starke Frau kein Problem, mit dem Probst umzugehen, so weiß sie dagegen nicht, wie sie die Jungfrau von Barby zu behandeln hat. Deren Zustände der mystischen Innenschau sind ihr suspekt und unerklärlich, die Erklärungen und Antworten der Barby zu unlogisch und widersprüchlich, zu verrätselt und über den Verstand nicht zu deuten. Die Jungfrau als Gegenpart zur Äbtissin dagegen ist sich ihrer sicher, zwar ist sie der Äbtissin gehorsam bei deren letzter Anweisung, aber sie ist gehorsam aus Stärke heraus und nicht aus einer Schwäche. Ihre Stärke ruht in Gott, für sie gilt wohl auch das, was die große Beghine als Antwort Gottes auf ihre Liebeserklärung an ihn schrieb: Daß ich dich oft minne, habe ich von meiner Natur, denn ich bin selber die Liebe. Daß ich dich gewaltig minne, das habe ich von meiner Begier, denn auch ich begehre, daß man mich gewaltig minne. Daß ich dich lange minne, daß ist von meiner Ewigkeit, denn ich bin ohne Ende. [zitiert nach Purpurmund und Honiglippen (Erotika von Frauen), Claudia Gehrke (Hrsg) Ffm, 1991]. Eine Sicht Gottes, mir der die Äbtissein erkennbar nichts anfangen kann… Der Tod, der von ihr mit zu verantwortende Tod der Jungfrau jedoch macht die größe Äbtische demütig, sie erkennt, daß der Ruf Jesu, denn sie wissen nicht, was sie tun, auch für sie gilt: auch sie wusste nicht, was sie tat!. Gefragt, was mit jenen losen Buben, die der Rat der Stadt schlussendlich doch gefasst hatte, geschehen soll, antwortet sie geläutert: Gnädiger Herr, vergebt ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!


Die Jungfrau von Barby (https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Abberufung_der_Jungfrau_von_Barby) ist ein alterthümlich geschriebenes Stück Literatur mit der entsprechenden Sprache, die heute etwas gewöhnungsbedürftig ist. Die Wortwahl wie exemplarisch das häufig auftauchende ‚Minne‘ und als Verb ‚minnen‘ tun ein übriges dafür, andererseits dieser Stil beim Lesen atmosphärisch sehr schnell in diese Zeit der Reformation zurück, läßt jedoch auch den Geist der großen weiblichen Mystikerinnen des Mittelalters, allen voran natürlich Mechthild von Magdeburg, ahnen [wobei nicht ganz unplausibel spritiuelle und sexuelle Ekstase miteinanderherzugehen scheinen (vgl.: https://books.google.de/books?…20mechthild&f=false)]. von le Fort verarbeitet in ihrer Geschichte mündliche und schriftliche Überlieferung, die Gestalt des Grewe Köppen ist historisch verbürgt (z.B. hier: http://www.unseres-herrgotts-kanzlei.de/Reformation.htm),

Mir hat das Buch bei der Lektüre die Zeit der Reformation ein wenig lebendiger werden lassen. Es waren eben nicht nur die an die Kirchentür geschlagenen Thesen Luthers, es kam auch zu gewalttätigen Akten wie diesem der Geschichte zugrunde liegenden Bildersturm. Und die Moral von der Geschicht‘: man sollte sich, auch wenn man Grund hat, selbstbewusst zu sein, davor hüten, vorschnell zu verurteilen und den Rat anderer in den Wind zu schiessen… als Facit kann ich festhalten, daß diese Erzählung natürlich eine ‚exotische‘ Lektüre abseits der ausgewiesenen Literaturpfade war, aber eine interessante auf jeden Fall. Es ist, wenn man so will, eine Möglichkeit, dem hektischen Alltag für ein paar Stunden zu entkommen, zu entschleunigen und abschalten. Something completely different zum Tagesaktuellen eben.

Gertrud von le Fort
Die Abberufung der Jungfrau von Barby
Erstveröffentlichung: Beckstein Verlag, München, 1940
diese  Ausgabe: Ehrenwirt Verlag, München, ca. 90 S., o.J.

 

Antje Wagner: Hyde

Antje Wagner gehört zu den Autorinnen, die ich auf meinem Blog schon des öfteren mit ihren für ältere Jugendliche geschriebenen Titel vorgestellt habe ( Unland,  Schattengesicht und Vakuum) und die sich auch in diesem Genre einen guten Namen gemacht hat, Auszeichnungen, die sie für ihre Romane erhalten hat, zeigen dies. Daneben schreibt Wagner unter (offenen) Pseudonymen auch in anderen Themembereichden. Mit Hyde (https://www.hyde-das-buch.de) stellt sie jedoch wieder einen Roman vor, für den der Verlag eine Altersempfehlung ab 15 Jahren gibt, das Buch ist aber auch durchaus für Erwachsene spannend, sofern man ein paar Abstriche an der Logik der Geschichte macht… Wagner selbst ordnet ihr Buch sogar als eher ein Erwachsenenroman ein: „In meinen Augen ist es „crossover“, also ein Buch für Erwachsene, das aber auch Jugendliche lesen können.“ (persönliche Mitteilung).


Der Autorin Bücher spielen oft mit dem Unheimlichen, mit einem subtilen Grauen, so auch hier. Hyde wie Dr. Jekyll, Hyde wie Park (wenn man ihn für Natur ansehen mag), Hyde wie to hide, verstecken, verbergen, verborgen halten, verheimlichen…. schon in den ersten Absätzen merkt man auch sofort, daß in der Geschichte unter der Oberfläche des Erzählten weitere Geschichten lauern und zwar keine schönen…

Die Protagonisten Katrina, eine achtzehnjährige junge Frau, begegnet uns als Tischlergesellin auf der Walz, Begriffe wie „Kriegskasse“, „Gefangenschaft“, „mich kriegt niemand klein“ deuten darauf ebenso auf diese verborgene Dimension der Geschichte hin wie die Sprachbehinderung und vor allem die Tatsache, daß Katrina (aus deren Sicht wir die Geschichte erzählt bekommen) nie das Tuch vor ihrem Gesicht herunternimmt, außerdem noch hinkt sie. So steht sie im Schneegestöber an der Straße und hält den Daumen raus und tatsächlich hält irgendwann ein Wagen, ein vollgemülltes Auto mit einer extravagant gekleideten Frau am Steuer, Josefine, die sie zur Mitfahrt einlädt. Von ihr erhält Katrina letztendlich den Tip, es beim „Kartoffelparadies“ zu versuchen, ein Motel/Restaurant, bei dem es immer Arbeit gab. Josefine, die beim Radio eine Sendung als „Hellseherin“ hat, hatte Recht, es gab Arbeit, aber was für eine Scheißarbeit. Roland, der Besitzer mit leicht sadistischer Ader, delektierte sich daran, Katrina als eine die Gäste animierende Bedienung einzustellen. Katrina biss die Zähne zusammen und fügte sich … nicht allzulange, bis es nicht mehr erträglich war und sie mit Rolands Auto floh.

Sie hielt sich abseits der Straßen, Rolands Auto war auffällig, Schnee und Kälte nahmen zu und irgendwann stand sie vor einem Hinweisschild, das zu einer Pension leiten sollte und einen Job in Aussicht stellte: Verwalter gesucht. Doch das Haus machte einen unbewohnten Eindruck, bis auf eine räudige Katze gab es kein Leben, die Fensterläden waren zugenagelt. Da der Tank des Autos leerer wie leer war, blieb Katrina jedoch nichts anderes übrig, als in das seltsame Haus einzudringen, wenn sie in der klirrenden Kälte überleben wollte…

Katrina bleibt fürs Erste in diesem Haus und richtet sich dort ein, der Bürgermeister des Ortes ist offensichtlich heilfroh, daß sich überhaupt jemand für den Posten des Verwalters interessiert, er gibt Katrina weitgehend freie Hand bis auf die Einschränkung, daß aufgrund einer obskuren testamentarischen Bestimmung ein bestimmtes Zimmer im Haus geöffnet werden darf. Es dürfte kein Spoiler sein, wenn ich hier schreibe, daß sich in diesem Zimmer das Geheimnis des seltsamen Hauses, dessen verfallende Schönheit Katrin, die Tischlerin und Naturliebhaberin schnell erkennt, und in dem sie jetzt zusammen mit der Katze lebt und sich einzurichten versucht, verbirgt. Mit diesem kurzen Einstieg in die Geschichte ist das Eingangszenario grob umrissen und dabei möchte ich es auch belassen, um dem Buch die Spannung nicht zu nehmen.


Der zweite Teil des Romans hat – im Gegensatz zum ersten – sogar einen eigenen Titel: Das weiße Zimmer, die Zählung der Kapitel ist an dieser Stelle etwas unkonventionell, aber das tut der tatsächlich immer weiter steigenden Spannung keinen Abbruch. Schnell wird klar, daß wir hier mit zwei Geschichten konfrontiert werden: der Katrinas, die immer wieder in Rückblenden in ihr vorheriges Leben, das offensichtlich durch eine große Katastophe aus der Bahn geworfen worden ist, zurückschaut. Und dann hat auch dieses Haus eine eigene Geschichte, die sich langsam mit der Katrinas verbindet, im Grunde sogar notwendigerweise, denn sie lebt und arbeitet in diesem Haus, in dem hin und wieder Sachen geschehen, die sie sich nicht erklären kann, ja, die bedrohlich wirken. Und stetig lockt das Geheimnis um das bewusste, verbotene Zimmer… [ein fast biblisches Motiv wie das des verbotenen Baums im Paradies….]

Wagner versteht es, ihre Story (die übrigens fast tagesaktuell im Winter 2018 in der Region um Heidelberg spielt), langsam aufzubauen. Sie greift dabei auf bewährte Stilmittel zurück, indem sie beispielsweise einfach erst einmal beschreibt, ohne zu erkären und damit bei uns Lesern Fragen hervorruft, was dahinter steckt. Mit den Hypothesen, die man sich selbst macht, liegt man schnell falsch, soviel will ich verraten. Da Wagner ihre Protagonist als Ich-Erzählerin führt, die natürlich mehr – wenngleich auch nicht alles – weiß als wir Leser, die jedoch erst einmal kein Interesse daran hat, zu erklären, ist weniges in der Geschichte so, wie es auf den ersten Blick scheint, Insbesondere im zweiten Abschnitt des Romans, in dem sich die Schicksale von Katrina und dem Haus vermengen, führt dies zu einem rasant steigendem Spannungsbogen, zu dem auch der häufige Wechsel zwischen den Zeitebenen, sprich der Kindheit und frühen Jugend Katrinas und der Jetztzeit, beiträgt.

Auf Fragen gibt es Antworten, auf Rätsel Lösungen und bei Mysterien den Glauben….Wagner geht mit dem Ende ihrer Geschichte ein kleines Risiko ein: sie löst sie und damit Mysterium des verbotenen Zimmers tatsächlich auf. Die Auflösung der Geschichte des Hauses ist für ältere Leser (so wie ich einer bin) selbst ein neues Mysterium und da wir als Erwachsene ja doch eher mit der Ratio lesen und daher vllt bereit sind, eine unwahrscheinliche, jedoch mögliche Erklärung zu akzeptieren; die Auflösung, wie sie Wagner uns in Hyde anbietet, hat mich – ich gebe es zu – verwirrt… aber wie Wagner bis sie an diesen letzten Abschnitt kommt, ihre komplexe Geschichte immer schneller und atemloser werden läßt, ist beeindruckend, da habe ich das Buch auch nicht mehr aus der Hand gelegt.

Ja, es findet sich natürlich auch Moral in der Geschichte: beurteile  einen Menschen nie nach seinem Äußeren, Rachegefühle mögen verständlich sein, bringen dich jedoch nicht weiter… sie sind unaufdringlich eingebaut in die Geschichte um Katrina, die selbst ja eine Figur ist mit Ecken und Kanten, die aber im Verlauf der Ereignisse reift. Auch wenn man glaubt, das Ende der Geschichte zu erahnen, so überrascht Wagner dann doch, denn in ihrer Story ist (fast) nichts so, wie es scheint. Sicherlich läßt sich auch dies zu einem moralischen Leitfaden spinnen: sei nicht vorschnell in deinem Urteil!

Hyde ist also, kurz und schmerzlos festgehalten, ein sehr empfehlenswertes, weil unterhaltsames, intelligentes, mit vielen Wendungen in der Story bestücktes, mit interessanten Figuren bevölkertes Buch für Jugendliche und (wenn man ein paar kleine Abstriche macht,) ist es auch für jung Gebliebene sehr spannend lesend. Well done!

Antje Wagner
Hyde
diese Ausgabe: BELTZ & Gelberg, HC, ca. 406 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

 

 

 

 

 

 

Anne Tyler: Launen der Zeit

Die amerikanische Autorin Anne Tyler, 1989 mit dem Pulitzer Price ausgezeichnet (http://www.pulitzer.org/prize-winners-by-year/1989; eine Würdigung, die der Verlag auf seiner Autorenseite kurzerhand in das Jahr 1988 vorverlegt hat, er wird seine Gründe dafür haben…. https://keinundaber.ch/de/autoren-regal/anne-tyler/) war mir bis dato unbekannt. Dabei ist die in Baltimore lebende Anne Tyler eine produktive Schriftstellerin, auf der schon zitierten Autorenseite wird die Zahl von zweiundzwanzig Romanen angegeben. Nun ja, man kann nicht alles und jede/-n kennen und das hat sich ja nun auch mit diesem Roman geändert.


2013 erschien in der ZEIT eine lesenswerte Würdigung der Autorin (Ilka Piepgras: Der Wert des Schweigens; in: https://www.zeit.de/2013/11/Schriftstellerin-Anne-Tyler-Gegenwartsliteratur/komplettansicht), in der ich vieles, was den vorliegenden Roman angeht, wieder erkannt habe, Tyler ist ganz offensichtlich ihrem Sujet treu geblieben. Es geht um Familie, um Geborgenheit, um Beziehungen, um das komplexe Leben miteinander, um die Frage auch, wie man mich in dieser Familienstruktur platziert. ‚Man‘ ist in diesem Fall Willa, die wir als elfjähriges Mädchen kennenlernen, im Jahr 1967. Sie leidet mit ihrer jüngeren Schwester Elaine (und ihrem Vater) unter der Sprunghaftigkeit, der Unzuverlässigkeit der Mutter, die hin und wieder einfach verschwindet, nicht mehr da ist und die so in den Kindern Angst hervorruft, was dieser, was jeder anbrechende Tag bringen mag. Kommt sie wieder, wann und in welcher Stimmung ist sie dann? Zusammen mit dem ruhigen und leisen Vater überbrücken sie diese Zeit der Verlorenheit, bis die Mutter dann wieder da ist als ob nichts gewesen wäre.

Damit hat mich Tyler – ich muss es zugeben – anfangs in die Irre geführt, dachte ich doch, es ginge um eine ’normale‘ Mutter-Tochter-Beziehung. Doch dem ist nicht so. Dafür sind die Sprünge, in denen Tyler durch das Leben ihrer Protagonistin zieht, zu groß. So begegnen wir Willa im nächsten Abschnitt erst zehn Jahre später als Studentin wieder, die mit ihrem Freund Derek zusammen ist und diesen mit zu ihrer Familie nimmt. Die beiden sind heftig verliebt, Derek macht Willa einen Antrag, sie zögert, aber als Verlobte betrachten sie sich, aber dieses Vorhaben wird von den Eltern Willas nicht gutgeheißen. Sie wollen, daß Willa ihre Ausbildung fertig macht, aber letztlich ist der Zug zu Derek stärker, die Fassade der Freundlichkeit, die den Besuch bei Willas Eltern dato beherrschte, bricht zusammen…

Wieder ein großer Zeitsprung von zwei Jahrzehnten, Derek und Willa haben zwei Söhne, Sean und Ian. Derek ist beruflich erfolgreich, Willa, jetzt Anfang vierzig, hat nach ihrer frühen Schwangerschaft nie fertig studiert. Ein wenig aufbrausend ist ihr Derek, wäre es gelassenere gewesen, wäre es nie zu diesem schlimmen Unfall gekommen. Jetzt steht Willa allein mit ihren Söhnen da, denen sie in Erinnerung an ihre eigene Kindheit immer versucht hat, eine unauffällige Mutter zu sein, bei der man keine Überraschungen zu befürchten hat, die verlässlich ist, die sich selbst zurücknimmt als Person. Der Verlust ihres Mannes wiegt schwer, nur langsam schafft es Willa, aus ihrer Trauer heraus wieder ein aktives Leben zu führen.

Im (so möchte ich sagen) Hauptteil des Romans, der dann ins Jahr 2017 gelegt ist, finden wir Willa erneut als Ehefrau wieder. Peter ist Rechtsanwalt, hat sich weitgehend aus seiner Kanzlei zurückgezogen und frönt in der Hauptsache dem Golfen, einer Tätigkeit, der Willa nichts abgewinnen kann. Und in Tucson, wohin das Paar der guten Golfbedingungen wegen hin gezogen ist, ist ein Kaktus ihr bester Freund. Auch in dieser Ehe sind die Verhältnisse klar, für Peter ist Willa ein ‚Kleines’…

Ein Anruf als Baltimore (der Stadt in der auch die Autorin lebt) sollte dies ändern, auch wenn das natürlich nicht von Anfang an absehbar ist. Denise, eine Verflossene von Willas Sohn Sean, ist angeschossen worden, die neunjährige Tochter Cheryl muss betreut werden und die damit völlig überforderte Nachbarin hat ausgerechnet die Telenonnummer von Willa auf einem Notizzettel in Denises Wohnung gefunden und diese in der Annahme, sie sei die Oma, angerufen und um Hilfe, vor allem aber Ablösung bei der Kinderbetreuung, gebeten.

Warum eigentlich nicht? Sie hat ja sonst nichts zu tun… Willa entschließt sich, nach Baltimore zu fliegen, Peter versteht das zwar nicht, aber da Willa in seinen Augen ja doch unselbstständig ist, fliegt er kurzentschlossen mit. In Baltimore finden die beiden sozusagen das richtige Leben vor: einen Mikrokosmos von Menschen mit unterschiedlichsten Eigenschaften, von liebenswürdig bis seltsam, sozusagen eine richtige kleine Lindenstraße (obwohl ich mich bei diesem Vergleich auf dünnem Eis bewegen, habe ich doch keine einzige Folge dieser Serie gesehen…). Peter ist und bleibt ein Fremdkörper in diesem Biotop, während Willa sich im Lauf der Tage immer wohler fühlt. Sie organisiert, kauft ein, kocht, versteht sich blendend sowohl mit der ‚Enkel’tochter Cheryl als auch mit dem Hund des Hauses.

Willa hat bei Denise und Cheryl eine Aufgabe gefunden, sie stellt sich den Herausforderungen dieses speziellen Alltags, in den sie hineingeraten ist, und in demselben Maß, in dem sie zunehmend Handlungskompetenz gewinnt, tritt der innerliche Abstand zu ihrem bisherigen Leben als Peters Frau (und auch als Seans und Ians Mutter) hervor und in den Telefonaten mit Peter, der inzwischen entnervt zurück nach Tucson geflogen war, verläuft der Heilungsprozess von Denises Schusswunde sehr, sehr langsam…


Launen der Zeit ist ein hübscher, kleiner Roman über eine Frau, die erst in fortgeschrittenem Alter zu sich selbst findet. Tyler vermittelt uns in den einzelnen Abschnitten prägende Epochen oder Ereignisse dieses Lebens. Die Kindheit, geprägt durch die Sprunghaftigkeit der Mutter, die nie das Gefühl einer schützende Sicherheit und Geborgenheit bei den Kindern entstehen ließ; der Flug mit Derek zu den Eltern, auf dem Willa ein schlimmes Erlebnis hatte, das ihr aber niemand glaubte, man gab ihr eher das Gefühl, ein kleines Dummchen zu sein; dann dieser schlimme Unfall, der sie zwang, ihr Leben neu zu organisieren, was offensichtlich in einer weiteren Ehe mündete, in der sie wiederum unselbstständig die ‚Kleine‘ war, die sich unterzuordnen hatte. Von ihrem Mann als Spleen abgetan, findet Willa jedoch in dieser seltsamen Konstellation als Pseudo-Großmutter etwas, was sie bisher noch nicht erlebt hatte: Menschen, die sie so nahmen, wie sie ist, die sie akzeptierten, die ihr Erfolgserlebnisse vermittelten und die sie emotional einhüllten.

Es geht in dem Roman um Willa, die anderen Figuren werden nur insoweit dargestellt, wie sie für Willas Geschichte wichtig sind. Das läßt Fragen offen, die einen interessieren würden, warum beispielsweise ist Elaine, Willas Schwester, so schroff geworden, oder auch nach den Söhnen, die kein besonders inniges Verhältnis zur Mutter zu haben scheinen, obwohl Willa sich die große Mühe gegeben hatte, gerade anders zu sein wie ihre eigene Mutter, um den Kindern eine ‚gute‘ Kindheit zu geben….

Tyler schreibt in diesem flüssigen Erzählstil, der einem beim Lesen mitnimmt. Es gibt keine tiefgründigen philosophischen Gedankengänge zu ergründen, alles ergibt sich automatisch aus den Schilderungen der jeweiligen Situationen und den vielen Dialogen, die die Lektüre der Geschichte kurzweilig machen. Es entsteht in der Tat so eine Atmosphäre, als ob man ‚dabei‘ sei, mittendrin, wie im Film sich eine Kameraeinstellung von oben in eine Situation hineinzoomt, bis man ‚drin‘ ist. Tylers Bücher sind Gratwanderungen, denn mit Rechtschaffenheit geht schnell Biederkeit einher, mit Häuslichkeit spießige Behaglichkeit schreibt Piepgras  in ihrem Aufsatz, konstatiert aber, daß Tyler diese Gratwanderung gelingt, insofern sollten ihre Geschichte auch einen Blick freigeben auf die Gesellschaft des amerikanischen Alltags. Gilt dies auch für diesen neuen Roman? Ich kann es nicht sagen, ich kann nur festhalten, daß mir automatisch der Begriff „eine nette Geschichte“ zu Willas Schicksal in den Sinn kam, eine Geschichte, die ich gerne gelesen habe. Das Ende von Willas Geschichte läßt Tyler unentschieden, im wahrsten Sinne des Wortes: ihr stehen auf einmal viele Möglichkeiten offen, ihr Leben selbst zu gestalten und in die Hand zu nehmen. Dazu ist es, dies kann man auf jeden Fall aus der Geschichte mitnehmen, nie zu spät.

Anne Tyler
Launen der Zeit
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Michaela Grabinger
Originalausgabe: Clock Dance, NY, 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.