T Cooper: Lipshitz

Der vorliegende Roman Lipshitz ist der dritte Roman T Coopers [http://t-cooper.com/]. Lipshitz ist eine Familiensaga der besonderen Art, sie ist nicht dokumentarisch, sondern fiktional an plausiblen Erklärungen und Darstellungen des Schicksals der einzelnen Familienmitglieder orientiert: The New York Times: „Ist das alles wahr?“ – T Cooper: „Nicht ein Fitzel ist wahr, auch wenn einige Vorfälle stimmen, und andere auch, obwohl ich sie erfunden habe.“ [https://www.mare.de/buecher/lipshitz-433]. Zu dieser „Verwirrung“ trägt die Person T Coopers nicht unerheblich bei: T Cooper ist transgender und tritt im zweiten Teil des Buches gleichzeitig als männliche Figur in der Handlung auf, einer Figur, bei der jedoch das offensichtlich scheinende Geschlecht ebenfalls nur oberflächlich so ist. Aber nun zum Roman:

Dessen Geschichte setzt im Ansiedlungsrayon der Juden im zaristischen Russland ein. Dort leben Hersch und Esther Lipshitz mir ihren vier Kindern Ben, Schmuel, Miriam und Ruben, sie teilen sich ein Haus mit Avi, dessen Frau Ruth und der kleinen Tochter Leah. Avi und Esther sind Geschwister mit einer sehr engen Bindung aneinander.

Die Zeit nach der Wende vom 19. in das 20. Jahrhundert ist für Russland voller Unruhen, es gibt Aufstände und 1905 setzt die russische Revolution ein. Wie so häufig richtet sich die Wut und die Aggression vieler gegen die jüdische Bevölkerung, die Literatur ist voll von Romanen, in denen die aufflammenden Verfolgungen und Progrome beschrieben werden, viele Juden fliehen, verlassen Russland in Richtung Amerika, sowohl nach Nord-, aber auch nach Südamerika [dazu gibt es bei im Blog auch Beispiele wie z.B. Edgardo Cozarinsky: Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich….]

Das Dorf, in dem die Lipshitz‘ leben, bleibt nicht verschont. Der zurückhaltende Hersch schätzt die Gefahr realistisch ein, als er die Zusammenrottung der Christen sieht und flieht für die Nacht mit seiner Familie. Avi dagegen glaubt sich durch seine Bekanntschaft mit der Polizei, für die er viel arbeitet, geschützt und bleibt. Dies wird ihm zum Verhängnis, er wird selbst niedergeschlagen und schwer verletzt, seine Tochter wird zu Tode misshandelt und seine Frau begeht später in der Folge dieser Katastrophen Suizid. Avi verstummt bis er auf einem Flugblatt liest, daß es eine Gelegenheit gibt, nach Amerika auszuwandern. Diese Chance nutzt er, er kommt nach Texas und lernt dort auch eine andere Frau kennen.

Hersch und Esther bleiben vorerst in ihrem russischen Dorf, aber ein paar Monate später entscheiden auch sie sich zur Flucht. Sie lassen fast alles zurück, es ist eine sehr quälende und gefahrvolle Reise, bis sie endlich in Bremerhaven sind und auf das Schiff kommen. Unter unsäglichen hygienischen Bedingungen erreichen sie schließlich Ellis Island…

Dort, im Gedränge und Durcheinander vor den diversen Kontroll- und Untersuchungsstationen bei der Einreise ist auf einmal Ruben, der weizenblonde, so überhaupt nicht jüdisch wirkende Sohn verschwunden. Im einen Moment war er noch da, im nächsten spurlos weg. Alles suchen ist vergebens, über ein Jahr leben die Lipshitz‘ in New York bei einer Cousine Esthers und versuchen, Ruben zu finden… Dann geben sie praktisch auf, nur Ben, der eh nicht mit nach Texas will, bleibt in NY, sozusagen als Alibi, mit dem Auftrag, weiterhin regelmäßig das Büro der jüdischen Hilfsorganisation zu besuchen und nach den Ergebnissen der Suche zu fragen.

So landet die Lipshitz-Sippe in Amarillo, Texas.

Im ersten Teil des Romans schildert T Cooper nach der Beschreibung der Ausgangssituation das Leben der Ausgewanderten in der neuen Umgebung. Es ist nicht einfach, Hersch, der nicht sehr durchsetzungsfähig ist, eher ein Dulder und Erdulder, verliert immer wieder seinen Arbeitsplatz, Es ist ferner nicht so, daß Juden direkt willkommen geheißen werden, ein unterschwelliger Antisemitismus ist allzeit präsent. Die Ehe von Hersch und Esther kann man nicht als glücklich bezeichnen, Esther verachtet ihren Mann für seine vermeintliche Schwäche und Hersch kann sich Esther nicht (mehr) erklären, er weiß nur, daß er der Ersatzkandidat ist, da Avi als Bruder unerreichbarer Traum Esthers bleiben musste…

Und Ruben, der verlorene Sohn? Er kehrt nicht mehr zurück, in der gesamten Situation, die insbesondere Esther sehr mitnimmt, verschwindet oder versteckt sich die Trauer um diesen tragischen Vorfall immer wieder, man gewinnt aus T Coopers Beschreibung eher den Eindruck, daß – zumindest phasenweise – dieses fehlende Kleinkind auch eine nicht vorhandene Belastung darstellt. Vergessen jedoch ist Ruben nicht… Esther geht sogar (heimlich) zu einen Scharlatan (was sie nicht glaubt), der ihr aus der Hand liest….

Jahre später (Ben ist mittlerweile auch bei der Familie in Texas, Schmuel ist nach seinem Kriegseinsatz an der Spanischen Grippe gestorben) ist Amerika im Taumel: Charles Lindbergh hat als erster den Atlantik im Alleinflug bezwungen. Und als Esther das Bild Lindberghs in der Zeitung sieht, 25jährig, blond, steht für sie unzweifelhaft fest, daß dieser junge Held ihr Ruben ist…


Die Lipshitz‘, die mit vier Kindern nach Amerika gekommen sind, hätten a priori die große Chance auf viele Nachkommen gehabt, durch die drei Söhne sogar auf viele Lipshitzs. Es sollte so wohl nicht sein. Nach T Cooper wird wohl niemand mehr Lipshitz-Blut in sich tragen (lassen wir den tragischen Fall Ruben mal aussen vor), schon nach zwei Generationen ist die Familie ans Ende gekommen.

Im zweiten, völlig anders gearteten Teil des Romans, schildert T Cooper zweierlei: durch einen tragischen Autounfall sind seine Eltern (Miriam war T Coopers Großmutter, deren Tochter Anne-Rose seine Mutter), verstorben, zusammen mit seinem (Adoptiv)Bruder muss der in NY lebende Rapper den Nachlass der immer noch in Amarillo ‚lebenden‘ Eltern regeln. Zum anderen hatten ihm seine Eltern, als sie über ein Interview von seinen Plänen, evtl über die Familiengeschichte zu schreiben, alle möglichen und unmöglichen Dokument, die die Großmutter Esther aufgehoben hatte (vor allem über den Fall Lindbergh), anvertraut…

So sitzt T Cooper, Eminem-Verehrer und -Imitator, der in NY als Rapper auf Bar-Mizwas aufspielt, der sich immer bemüht, möglichst wütend und böse zu sein, aber dann doch heimlich ein Trinkgeld auf den Tisch legt, der beim Rechtsanwalt festlegt, das das Geld fürs Pflegeheim des Opas von seinem Konto abgebucht wird (und nicht von dem des unzuverlässigen Bruders), er also in Amarillo, im verlassenen Haus der Eltern, vor -zig Fernbedienungen, die er nicht zuordnen kann, muss schauen, daß er den Junkie-Bruder halbwegs klar hält (was nicht immer gelingt) und bastelt einen Modellbausatz der Spirit of St. Louis zusammen…

Der amerikanische Traum hat sich für die Familie nie wirklich erfüllt. Das New York, in das sie Anfang des Jahrhunderts flohen, war ein einziges, dreckiges, stinkendes Loch, in dem es ums Überleben ging. Völlig beengte Wohnungen, schlimme hygienische Verhältnisse, Arbeit, die kaum entlohnt wurde – wenn man sie überhaupt fand. Von Tellerwaschen, geschweige denn Millionärwerden keine Spur. In Texas war es etwas besser, Avi, der Bruder Esthers, konnte der Familie etwas unter die Arme greifen, aber wirklich besser wurde es wohl erst mit Sam Lazarus, der sich so tief in Mariam verliebte und der es als Geschäftsmann wohl selbst faustdick hinter den Ohren hatte.

Lindbergh, der amerikanische Superstar, der sich später dann mit Nazi-Gedankengut anfreundete und der u.a. die Juden dafür verantwortlich machte, daß die USA in den Zweiten Weltkrieg eingriffen. Als Redner und Agitator fand er in den Arenen sein Publikum. Lindbergh machte seinerzeit durch zwei Ereignisse Schlagzeilen: durch seinen Flug natürlich und durch die Entführung seines Kindes. Beides dokumentiert Cooper im Roman durch (übersetzte) Zeitungsartikel, die einen Blick auf diese Vorgänge und auf die Person Lindbergh ermöglichen, in die Amerika Heldentum projizierte so wie er für Esther Ruben war. Insofern ist dieser Roman auch eine kleine Geschichtsstunde.


Der Roman liest sich gut, ist nach Daten gegliedert, an denen entscheidendes in der Familiengeschichte geschah. Eindringlich stellt er die Schrecken der Progrome und der Flucht dar, sind die unterschiedlichen Charaktere in der Familie beschrieben. Am zerrissensten ist der der Mutter Esther, die ihren Mann nicht (mehr) liebt, ihre Kinder wohl auch nicht besonders. Die ein schlechtes Gewissen deswegen hat und bei der nach Jahrzehnten der Wahn einsetzt, ihren verlorenen Sohn gefunden zu haben. So zerrissen wie Esther ist – in anderer Weise – auch T Cooper, die/der zwischen den Geschlechtern steht. Geplagt von der Furcht, von der Frau, die er liebt (jetzt kann ich das personalpronomen doch nicht vermeiden) verlassen zu werden so wie Esther und ihre Familie seinerzeit in der Furcht lebten, von den Russen, den Kosaken, massakriert zu werden. Eine weitere Analogie zwischen beiden (die T Cooper sogar durch eine Gegenüberstellung dokumentiert) ist der enge Bezug zu Lindbergh/Eminem: beide blond und von gleichem Alter, beide extrem wichtig für die Protagonisten.

Der zweite Teil des Buches, der auch von dem Hintergrund von 11/9 spielt, ist härter, wütender und aggressiver formuliert als der erste Teil. Das transgendere T Coopers spielt eine große Rolle darin, der Versuch, sich über die Ähnlichkeit zu Enimen zu definieren und die Wut auf die Gesellschaft, die manchmal recht angestrengt wirkt.

Der Roman wurde/wird in den seinerzeitigen Kritiken sehr gelobt, dieses hohe Lob kann ich so nicht nachvollziehen. Ich habe den Text gerne gelesen, er ist spannend, streift mit der Schilderung des latenten Antisemitismus in den USA ein Thema, das man so nicht unbedingt immer auf dem Schirm hat, es ist auf jeden Fall lohnend. Aber allein die Tatsache, daß ich mir praktisch keine Notizen gemacht habe, ist für mich ein Zeichen, daß mir Lipshitz zwar ein schöner Roman, aber kein wirklich erkenntnisbringendes Highlight war. Als Empfehlung für das Buch verlinke ich auf das 2006 im Spiegel abgedruckte Interview mit T Cooper: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-48753386.html.

T Cooper
Lipshitz
Deutsch von Brigitte Jakobeit
Originalausgabe: Lipshitz Six, or Two Angry Blondes, NY, 2006
diese Ausgabe: mare, HC, ca. 490 S., 2006

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Fischl Schneersohn: Grenadierstraße

So grob weiß man ja Bescheid (oder glaubt es zumindest) über die Verhältnisse der Juden in Deutschland am Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts. Da gab es zum einen die assimilierten Juden z.B. in Berlin, die geschäftlich erfolgreich waren und die irgendwie von oben und etwas fremdverschämt auf die immer zahlreicher aus dem Osten nach Berlin strömenden chassidischen Juden mit ihrem wilden, oft ungepflegt wirkenden Äußeren und dem seltsamen Benehmen herabschauten. Diesen begegnet man beispielsweise in Romanen wie Die Straße der kleinen Ewigkeit von Martin Beradt oder Die Familie Karnovski von Israel Joshua Singer, die ich beide hier vor längerem schon vorgestellt habe. Diese Annahme ist nicht direkt falsch, hat man jedoch Scheersohns Roman gelesen, erkennt man, daß es jedoch nicht die ganze Wahrheit ist.

Der Autor, Fischl Schneersohn [der keinen (!) Eintrag in der Wiki hat, was man ja nicht so häufig findet, jedoch hat der Verlag eine kleine Autorenseite online gestellt: https://www.wallstein-verlag.de/autoren/fischl-schneersohn.html], wurde 1887 in der heutigen Ukraine in ein frommes Elternhaus geboren. Er war ein Überflieger, kommentierte schon mit zehn Jahren den Talmud in der großen Synagoge und bekam kurz nach seinem fünfzehnten Geburtstag die Ernennungsurkunde zum Rabbiner ausgehändigt (so schreibt er selbst in seinem Lebenslauf). Jedoch schlug er letztendlich nicht die religiöse Karriere, die sich damit andeutete, ein, sondern verschrieb sich der Wissenschaft, denn in ihm war die Überzeugung gewachsen, dass mir der allumfassende Talmud nur wenig half, die Welt zu begreifen, dass seien Philosophie in eine für mich als Jüngling undurchdringliche mystische Schutzschicht gehüllt war. So ging er 1908 (1910 ?) nach Berlin, um dort wie viele andere jüdische Russen auch Medizin zu studieren. Später spezialisierte er sich auf Fragen der kindlichen Sozialpsychiatrie insbesondere auch nach Traumata. Ich schreibe dies deshalb so relativ ausführlich, weil der vorliegende Roman Grenadierstraße einige diese biografischen Elemente aus Schneersohns Leben enthält. Der Vollständigkeit halber sei noch gesagt, daß Schneersohn beide Kriege überlebte und 1937 letztlich nach Palästina ausgewandert war, wo er 1958 in Tel Aviv verstarb.


Grenadierstraße ist zweierlei. Es ist zum einen die Geschichte des Johann Ketner, Sohn eines reichen assimilierten Juden, der als Bankier Macht und Einfluss hat. Die Mutter ist bzw. war eine zarte, stille Frau, die die Übermacht ihres Mannes nicht ertragen konnte und letztlich daran psychisch erkrankte und starb, als Johann acht Jahre alt war. Sie entstammte einer konservativen jüdischen Familie aus Hamburg. Dieser Tod der Mutter hatte Johann tief verstört, insbesondere trieb seine Seele der „tote Blick“ der Mutter um, den er bei einem heimlichen nächtlichen Besuch am Krankenbett wahrnahm und der ihn im innersten seiner Seele verletzte. Möglicherweise selbst erblich dafür disponiert sollte er immer wieder an ‚melancholischen Anfällen‘, sprich tiefer Verzweiflung und Depression, leiden. Das Verhältnis Johanns zu seinem Vater ist schwierig, gleich dem Autoren sollte er später Medizin studieren, er versucht sich im studentischen Milieu der damaligen Zeit mit ihren Burschenschaften einzufinden, fremdelt aber. Auch ein sich immer deutlicher artikulierende Antisemitismus vertreibt ihn letztlich aus der Burschenschaft, auch die zionistische Bewegung verläßt er wieder, nur Kunst (er scheint ein Talent als Maler zu haben) und Wissenschaft seien geeignet, die Welt zu verstehen.

Ich überspringe jetzt vieles…. Johann überlebt den ersten Weltkrieg in einer psychiatrischen Klinik. Der Ausbruch des Krieges hat ihn auf seiner Welt-/Hochzeitsreise erwischt. Nach Hause geeilt triggern zwei Ereignisse das nie verarbeitete Kindheitstrauma des „toten Blickes“ an: der Tod des Vaters und die Reihen der einer Maschine gleich in die Schlacht marschierenden Soldaten verursachen einen absoluten, Jahre dauernden Zusammenbruch bei ihm.

Die Tatsache, daß der Roman 1935 auf jiddisch erschienen ist, weist auf die andere, die meines Erachtens wichtigere Zielrichtung des Buches hin. Hier will ein jüdischer Autor nicht den Deutschen das Judentum oder die Juden (oder die Grenadierstraße…) erklären, sondern hier soll den jiddisch sprechenden Juden das westlich assimilierte Judentum in Deutschland (insbesondere in Berlin) beschrieben und erklärt werden. Insofern verwundert es auch nicht, daß die titelgebende Grenadierstraße nur als Metapher, als Bild für den Ostjuden, das Ostjudentum, vorkommt, Schneersohn führt uns kein einziges Mal in dieses Zentrum des Berliner chassidischen Judentums. Überhaupt treten Chassiden nur an wenigen Stellen im Geschehen auf: in der Eingangsszene zum Buch mit dem Eintreffen eines berühmten Rabbis, der in Berlin ärztlich behandelt werden soll, mit den Mitstudenten Johanns im Anatomiekurs und mit dem meschulech, der für eine Jeschiwa Geld sammelt und von den Schwiegereltern Johanns zum Schabbatessen eingeladen worden war.

Die deutschen Juden waren seinerzeit keineswegs eine homogene Gesellschaftsschicht, im Gegenteil bestanden erhebliche Differenzen: Auf dem Heimweg [von besagtem Schabbatessen] dachte Johann darüber nach, dass er ebenso wie sein Vater, der Liberale, die „fanatischen“ Gerbers [i.e.  die Schwiegereltern], die Konservativen, wegen ihrer ernsthafteren Frömmigkeit hasst, die Gerbers selbst die „wild-fanatischen“ misjech-jidn [Selbstbezeichnung der Ostjuden] aufgrund ihrer echteren Frömmigkeit, die zu den feurigen Tiefen der Religion führt, hassen. Die „fanatischen“ misjech-jidn ihrerseits vergleichen das deutsche konservative Judentum mit einer Fotografie, so erklärt es der meschulech seinen Gastgebern mit einem Bild: eine exakte, aber leblose Kopie echter Jüdischkeit, kein bischen fehlt, es ist nur nichts lebendig.

Noch ein zweites Zitat zu diesem Thema, das auch aufzeigt, wie sehr die Liberalen ihre Situation als Deutsche jüdischen Glaubens falsch einschätzen, (andere Figuren des Romans sind da weitsichtiger): In jedem Land haben mutige Juden zusammengefunden, die sich zu Staatsbürgern jüdischen Glaubens erklärt und moderne Chorschulen eingerichtet haben. Und jetzt das! Mitten in Berlin, im Zentrum des in seiner Blüte stehenden liberalen Judentums, entsteht vor unserer Nase eine Grenadierstraße, ein gefährliches Nest langbärtiger Fanatiker, die unsere Luft verpsten. Erinnern Sie sich nur, als in Wien und Berlin plötzlich fanatisch Zionisten unter unseren Füßen wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, die die Juden schon wieder zu einem Volk erklären und uns nach Asien verschleppen wollen, um dort einen jüdischen Staat zu gründen …  Der Geist der Grenadierstraße wildert in unseren Reihen, drängt sich unter unsere Dächer. Er entwickelt sich eine große Katastrophe für das liberale Judentum. … Die Erwiderung darauf, daß diese Anpassung letztlich nicht schützen wird, erfolgt auf dem Fuß, denn – so das Gegenargument – das liberale Judentum (so die Hetze) zerstört das Deutsche, in dem es von innen heraus, z.B. durch Mischehen, zersetzt, sprich: es ist noch gefährlicher als das offensichtliche, fanatische Judentum.

Verbindendes Element der beiden Handlungsstränge ist eben erwähnter Johann Ketner mit seiner Suche nach Erlösung und Erkenntnis. Findet er sie letztlich in der Grendadierstraße? Hier schließt sich der Kreis des Buches, bei den fern der Heimat lebenden und dennoch verwurzelten bärtigen Juden, in der wundersamen Atmosphäre bei der Ankunft des Gralnier Rebben, bestätigte und vertiefte sich in ihm die gläubige Sehnsucht….


So ist Grenadierstraße eine in einen Roman gepackte Darstellung der verschiedenen Strömungen der seinerzeit in Deutschland lebenden Juden. Dies erklärt auch die teilweise ausführlicheren Erklärungen und Beschreibungen, die das Buch enthält. Ein weiteres Stilelement ist erst einmal befremdlich: immer wieder – in der Art eines mündlichen Erzählers, der die nachlassende Aufmerksamkeit seiner Publikums wieder anfachen will – leitet Schneesohn mit Sätzen wie: Die Geschichte ging so: oder auch: Es trug sich aber Folgendes zu: Einschübe ein, die bestimmte Handlungselemente verdeutlichen sollen. Das alles kann dem Roman aber schnell nachgesehen werden, denn ebenso wie dem jiddischen Leser, für den Schneersohn den Text verfasst hat, sind wahrscheinlich den meisten deutschen Lesern diese Einzelheiten fremd und so lernt man viel aus dem Roman über jüdisches Leben in Deutschland als auch über den allzeit virulenten Antisemitismus, der mit diesem Leben einherging – und leider immer noch einhergeht.

Der 1935 in Warschau publizierte Text wurde offensichtlich erst 2012 ins Deutsche übertragen, er wird von einer Einführung ein- und von einem Nachwort ausgeleitet. Beides sind wertvolle und informative Ergänzungen und Erläuterungen, die Text und Autor in einen größeren Sinnzusammenhang stellen. Zusätzlich ergänzt ein Glossar den Textteil. Grenadierstraße: ein schönes Buch, ein interessantes Buch, auch ein wichtiges Buch.

Fischl Schneersohn
Grenadierstraße
Herausgegeben von Anne-Christin Saß (die auch die Einführung verfasst hat)
Nachwort von Mikhail Krutikov
Übersetzt aus dem Jiddischen von Alina Bothe
Originalausgabe: Grenadir-Schtrase. roman fun jidischn lebn in dajtschland; Warschau, 1935
diese Ausgabe: Wallstein, HC, ca. 280 S., 2012

Doris Dörrie: Das blaue Kleid

Ich habe von Doris Dörrie noch nie etwas gelesen, gäbe es meinen Lesekreis nicht, wäre dies wohl auch so geblieben. Doch, wie gesagt, im Lesekreis wurde dieses schmale Bändchen vorgeschlagen  – und es hat sich gelohnt, auch wenn das Cover des Buches kaum zum Inhalt passt, die von Henri Matisse 1923 gemalte Schönheit in Hindu-Haltung (La pause Hindou: http://www.henri-matisse.net/paintings/cp.html) führt auf ein völlig falsche Gleis, wie man schnell merkt, wenn man den Roman aufschlägt.


Das blaue Kleid ist ein Roman über den Verlust eines geliebten Menschen, über die Zeit danach, über das Fallen ins Bodenlose, das einen ohne Halt zu geben zu verschlingen droht: es ist ein Buch über die Trauer am Beispiel zweier Protagonisten. Babette hat durch einen Unfall ihren Mann verloren, das Paar war über Weihnachten nach Bali geflogen, und während sie sich am ersten Urlaubstag einer Massage am Strand (und ihren Fantasien hinsichtlich des bewussten Chinesen aus dem Flieger…) hingab, fiel Fritz dem Linksverkehr zum Opfer…

Florian dagegen erlebte über Jahre hinweg die Krankheit und das langsame Sterben seines Lebensgefährten Alfred, mit dem er ein Modegeschäft betrieb, mit. Alfred starb schließlich in seinen Armen und obwohl die Zeit da war, sich an den Gedanken des Todes zu gewöhnen, war der Verlust, als er real da war, natürlich unermesslich und riss Florian wie auch Babette aus dem Leben heraus – der Sturz ins Bodenlose, das keinen Halt mehr bot.

Über das blaue Kleid treffen die beiden aufeinander, Babette war Kundin im Laden der beiden Männer, Alfred hatte ihr das Kleid seinerzeit in seiner Begeisterung ‚aufgedrängt‘, es würde ihr Leben verändern. Florian, der plant, eine Modenschau mit jeweils einem Kleid aus jeden gemeinsamen Jahr zu organisieren, besucht Babette mit der Bitte, ihm diese Kleid für dieses Schau zu überlassen.

Wunderbar leicht und doch nicht seicht schildert Dörrie in der Geschichte die Trauer der beiden Figuren in all ihrer Ausprägung: Verdrängung, Wut, Verzweiflung, Schuldgefühlen… Das nach einiger Zeit wieder langsame Herantasten an das Leben, der Gedanke an einen anderen Menschen, für den sich auf einmal Gefühle regen, das Unverständnis der Umwelt und der Rückzug von Menschen, die bis dahin den Freundeskreis bildeten… das schlechte Gewissen, weil man in Gedanken (und auch real) damals das Kopfkino laufen liess und den Partner ‚betrog’…

Langsam bröckelt im Lauf der Monate die Mauer der Trauer, die sich um ihre Seele gebildet hat, auf, das Leben (und die Liebe) klopfen wieder an, schließlich bricht sie und die nach innen gestreckten Fühler orientieren sich wieder vorsichtig in die Umwelt hinein. Auch das ist nicht einfach, denn Thomas, den Babette kennengelernt hat, hat seine eigenen Erfahrungen mit dem Leben und dem Tod, ihn spröde zu nennen wäre schmeichelhaft, er wird von der Angst vorm Leben mit all seinen Unwägbarkeiten und der einzigen Sicherheit, daß man nämlich so oder so sterben wird, beherrscht.

Florian und Babette, die beiden Trauernden, dagegen verstehen sich, ihr Umgang miteinander ist völlig ungezwungen und vorbehaltlos. Als sie von den „Día de los Muertos“ (https://www.wissen.de/froehliches-totenfest-mexiko-feiert-den-dia-de-los-muertos) dem großen Fest der Toten in Mexiko erfahren, beschließen sie spontan, dorthin zu fliegen. Was sie hier vorfinden, stellt alles, was sie bis dato über das Sterben, den Tod und die Trauer kennen, auf den Kopf: sie geraten in einen riesigen, bunten, lärmenden Jahrmarkt der Erinnung an die Verstorbenen…. ein krasser Gegensatz zu den Todesritualen in der Heimat oder auch zum Beerdigungsritual, das Babette auf Bali kennengelernt hatte…


Doris Dörrie hat ein Buch geschrieben über trauernde Menschen, über die Trauer, darüber, was sie mit den Menschen macht, aber auch darüber, daß früher oder später das Leben wieder Gewicht gewinnt und man dem Labyrinth, in dem man sich gefangen hatte, wieder entrinnt und insofern ist Das blaue Kleid auch ein tröstliches Buch. Die Autorin weiß, worüber sie schrieb, sie selbst verlor ihren Mann schon früh im Leben, im vorliegenden Roman formuliert sie diesen Verlust (http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/doris-doerrie/). Herausgekommen ist ein – auch wenn es angesichts des Themas seltsam klingt – unterhaltsamer Roman, Dörrie schildert das Leben ihrer Protagonisten nach dem Tod der Partner mit großer Leichtigkeit, so daß sogar hin und wieder die Gefahr besteht, über das „Eigentliche“ hinwegzulesen. Das blaue Kleid ist menschlich, es ist im Alltag von Menschen verankert, der chaotisch ist und jeden Tag eine neue Herausforderung darstellt, der man sich stellen muss. Auszuweichen, in dem man sich im Leben schon tot stellt, ist keine Lösung – auch dies läßt sich aus dem Buch herauslesen.

Der Tod bekommt ein Gesicht in diesem Roman. Während bei uns die Trauerrituale immer mehr zurück gedrängt werden („Wir bitten, von Beileidsbekundungen am Grab Abstand zu nehmen“), bilden sie in anderen Kulturen einen festen Bestandteil des Lebens und des Abschieds daraus. Zwei Beispiele, die uns hier beide – so verschieden sie sind – fremd erscheinen, machen dies deutlich. Und dann wieder dieser chaotische Alltag mit skurrilem Einschlag: der Mann Babettes versinkt endgültig im Meer, als das japansche Touristenpaar mit seinem Motorboot das Papierschiffchen mit Fritzens Asche versenkt….

Durch das Thema ist Das blaue Kleid ein zeitloses Buch, durch die Leichtigkeit der Autorin ein Buch, bei dem man  nicht fürchten muss, daß es einen deprimiert, der genauen Beobachtungsgabe Dörries geschuldet ein Roman, aus dem man lernen kann. Man darf ihn nur nicht zu schnell lesen…

Doris Dörrie
Das blaue Kleid
diese Ausgabe: Diogenes, HC, ca. 176 S., 2002

Nancy Mitford: Liebe unter kaltem Himmel

Nancy Mitfords Thema ist die englische Gesellschaft, vor allem die ‚höhere‘ in der Zeit zwischen den Weltkriegen. Sie weiß, wovon sie schreibt, ist selbst auf einem Gut aufgewachsen und hat diese Gesellschaftsklasse am eigenen Leib erlebt. Ob man sie als Chronistin bezeichnen darf, wird selbst von ihrem ersten deutschen Herausgeber bezweifelt, der den dokumentarischen Wert dieses Romans als gering einstuft, aber das Atmosphärische dieser Zeit und dieser Leben hat die Autorin mit bravouröser Eleganz und mit boshaft-liebevoller Distanz einzufangen vermocht, wie es an dieser Stelle geschrieben steht: https://www.die-andere-bibliothek.de/Originalausgaben/Liebe-unter-kaltem-Himmel::517.html.


Die Erzählerin der vorliegenden Geschichte ist eine junge, gerade in die Gesellschaft eingeführte Frau, Fanny. Fanny lebt nicht bei ihren Eltern, ihre Mutter führt (in der deutschen Übertragung) den sehr anschaulichen Spitznamen ‚Hopse‘, ein Name, der sich auf die Frequenz, mit der sie die Betten diverser Herren durcheilt, bezieht. So wächst Fanny im Kreis ihr Cousinen bei Onkel und Tante auf einem Gut auf. Dieser Landadel lebt noch relativ bodenständig und ist nichts im Vergleich zu der Familie der Montdores, die in der Nachbarschaft auf den Hamptons lebt. Der Hausherr, ein ehemaliger Vizekönig in Indien und seine Frau, leben in anderen Dimensionen, haben Zugang zum Hof und ähnliches. Aber das ist jetzt von mir etwas verzerrt wiedergegeben, die treibende Kraft der Montdores ist Sonia, die Frau, der Mann ist in der Wahrnehmung seiner Umwelt gerade durch den Gegensatz zu seiner Gemahlin nahezu ein Heiliger geworden. Sonia Montdore und ihr Mann haben ebenfalls eine Tochter und damit nähern wir uns der Geschichte, die Mitford hinreißend zu erzählen weiß.

Diese Polly nämlich, gut befreundet mit Fanny, welche sich daher auch oft auf dem Anwesen der Montdores aufhält und dort sogar ein eigenes Zimmer hat, versteht sich hervorragend schlecht mit ihrer Mutter. So macht sie zu deren Verdrus von ihrer übergroßen Schönheit macht keinen Gebrauch, was man heute als Flirten bezeichnen würde, gibt es für sie nicht. Im Gegenteil, ein unsichtbarer Wall scheint sie zu umgeben, auch die jungen Männer, die Lady Montdore immer wieder für sie einlädt, meiden Polly und widmen sich lieber den kurzkiefrigen und kichernden jungen Frauen der Abendgesellschaft, als daß sie sich um diese sowohl materiell als auch visuell äußerst attraktiven jungen Polly bemühen.

Lady Montdores hat es nicht mit der Heirat aus Liebe, denn Liebe vergeht, dafür hat man Liebhaber und Geliebte, wichtig für die Hochzeit ist „das alles hier“, der weltliche Besitz, der Bequemlichkeit, Reichtum und Einfluss, sprich: Macht, sichert. Lady Montdore ist eine Mutter, die – im späteren Verlauf der Geschichte – ihrer Tochter nach einer Fehlgeburt zum Trost verkündet, Kinder würden eh nur Dreck machen und Geld kosten…. womit ich schon angedeutet habe, daß Polly irgendwann doch eine Wahl aus dem Angebot des anderen Geschlechts getroffen hat….

… und die fiel auf den ehemaligen Geliebten der Mutter. Was für diese, das ist durchaus nachvollziehbar, eine Art Weltuntergang darstellt. Und in der Tat, die Montdores leiden unter dieser Entscheidung der Tochter (für den schon etwas ältlichen Bräutigam galt eher, daß er zu seinem Glück getragen werden musste: sozusagen 8/9tel zog sie ihn, den Rest stolperte er dann hin….), die zum Bruch zwischen Kind und Eltern führt und auch nach außen hin den Glanz vom Haus Montdore nimmt. Dieser kehrt erst wieder als der nach dern Enterbung Pollys jetzt in der Nachfolge stehende, bis dato unbekannte Cedric (den man, man musste sich erst aufwändig um die Ermittlung des Sachstandes bemühen, in Kanada (Stichwort: Holzfällerhemd) verortete, was sich aber nicht bewahrheitete….)

Damit will ich die Kurzdarstellung des Inhalts beenden, ein bisschen Spannung soll ja noch bleiben. Selbstverständlich werden wir auch das weitere Schicksal von Polly und der Erzählerin Fanny, deren Leben sich im Lauf der Zeit als eine Art Gegenentwurf zu dem Pollys herauskristallisiert, in Kenntnis gesetzt, denn Mitford erzählt ihre Geschichte vor dem Hintergrund der englischen Adelswelt, einer nach außen hin fast hermetisch abgeschlossenen Gesellschaft, mit großer Meisterschaft. Fanny selbst heiratet einen Universitätsprofessor aus Oxford, doch auch ihre Hoffnung, an dieser Stätte des Geistes auf entsprechende niveauvolle Gesellschaft und Gespräche werden enttäuscht: hier dienen Frauen in erster Linie stumm in Bett und Küche, wenn Männer zu ernsteren Gesprächen überwechseln, haben Frauen das Zimmer zu verlassen…

Nancy Mitfords Liebe unter kaltem Himmel ist ein sehr amüsantes Sittengemälde einer Gesellschaftsschicht, die vor ihrem Untergang steht. Verkrustet, versnobt, verschroben hat sie sich selbst ins Abseits manövriert und Mitford schildert dies mit böser Ironie und extrem unterhaltsam. Mitfords Stil ist diesem Ambiente angepasst, nun ja, der Roman ist ja auch nicht mehr ganz frisch, sondern hat schon weit mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel. Das er dabei immer noch lesenwert ist spricht für seine Qualität.

Mit Englische Liebschaften habe ich übrigens vor geraumer Zeit hier schon ein Werk der Autorin vorgestellt, auf das ich gerne noch einmal verweise.

Nancy Mitford
Liebe unter kaltem Himmel
Übersetzt aus dem Englischen von Reinhard Kaiser
Originalausgabe: Love in a Cold Climate, London, 1949
Deutsche Erstveröffentlichung: Die Andere Bibliothek, Bd. 69, 1988

diese Ausgabe: List TB, ca. 345 S., 2014 

Joyce Carol Oates: Die Lästigen

Vielleicht doch? Ich habe vor einigen Wochen hier ein Buch vorgestellt, in dem Romanautor Geschichten (man vermied den Begriff „Erzählungen“; Bendict Wells: Die Wahrheit über das Lügen) zusammengestellt und veröffentlicht hat. Im Gegensatz zu den meisten war ich nicht sonderlich angetan von dem Buch, zweifelte schon an mir, ob ich ein geeigneter Leser sei für kürzere Prosastücke. So testete ich das aus und nahm Die Lästigen, eine Zusammenstellung  von Erzählungen der Amerikanerin Joyce Carol Oates, der in der Die Andere Bibliothek erschienen ist, zur Hand. Und ich musste schon nach den ersten Stücken sagen: das sind Geschichten, die an die Nieren gehen!

Es sind Geschichten von Menschen, oft – aber nicht nur – aus der Unterschicht (eine der Stories ist auch White Trash betitelt), deren Leben (oder auch deren Sicht darauf) durch ein im Grunde häufig nichtiges Erlebnis durcheinander gewirbelt wird. Die nach außen hin präsentierte Oberfläche, die Lebenslüge, die man sich selbst vorspielt, wird auf einmal zerrissen. Man geht als Paar ins Konzert und der Mann verkündet urplötzlich, er ertrage das nicht mehr und führe jetzt nach Hause. Die konsternierte Frau denkt, er würde wenigstens draußen auf sie warten, aber das tat er nicht und so macht sie sich völlig verunsichert zu Fuß auf den Weg nach Hause, trifft unterwegs auf einen Mann, der früher einmal für sie im Garten gearbeitet hat, der sie zwar nicht wieder erkennt, sie aber wegen ihrer sichtbaren Verzweiflung anspricht. Sie, der auf einmal die Kraft abhanden gekommen ist, nach Hause zu gehen, läßt sich von ihm durch die Gegend fahren, widerspricht nicht mehr der falschen Vermutung, ihr Ehemann habe sie geschlagen, verhindert nicht, daß dieser fremde Mann den Wagenheber herausholt, sagt ihm sogar die Adresse ihres Hauses. Sie fahren hin…

Hier endet die Geschichte, wie so oft wie in diesem Buch im Ungefähren: man weiß nicht, was jetzt passieren wird. Genausowenig, wie Oates die Vorgeschichte zu ihren Stories darlegt, nichts analysiert und offenlegt, sondern einfach nur schildert, wie Menschen auf einmal mit einer Wahrheit konfrontiert werden, die sie teilweise jahrelang verdrängt haben.

Schon die erste der Geschichten ist erschütternd. In Nackt wird eine weiße Frau im Park, wo sie spazieren geht, von einer Bande von Kindern überfallen. Die Frau ist keine Rassisten, aber die Kinder sind afroamerikanisch und sie muss sich dies eingestehen. Es ist ein eingeübter Überfall, die Frau anerkennt in einem abgespaltenen Teil ihres Bewusstseins, die ausgefeilte Choreographie der Schläge und Tritte, die auf sie einprasseln, die sie schmerzen und verletzen. Die schlimmste Verletzung jedoch ist die letzte: man reißt ihr sämtliche Kleidung vom Leib, sie bleibt nackt zurück, blutend und verschmutzt. Die Frau ist damit aufs Tiefste gedemütigt, sie wagt es nicht, aus dem Gebüsch heraus nach Hilfe zu rufen, niemand darf sie in diesem Zustand sehen, es würde als Gerücht in der Nachbarschaft herumgehen, sie würde dies nicht ertragen. So beschließt sie, die wenigen Meilen zu ihrem Haus heimlich und versteckt durch die Hintergärten, vorbei an den Abfallhaufen der Menschen, zu ihrem Haus, ihrem Mann und den Kindern zu laufen. Eine Wanderung, in der sie sich selbst mit der Wahrheit ihres Lebens konfrontiert sieht, bis sie hinter einem Gebüsch hockend die Lichter ihres Hauses sieht, die Schattenrisse von Mann und Kindern – und sie bleibt dort hocken in ihrem Versteck…

Es ist müßig, hier die Inhalte aller neunzehn in diesem Band der Anderen Bibliothek versammelten Geschichten zu referieren. Eine nur noch, die mich mitgenommen hat… es ist die Titelgeschichte Die Lästigen. Ich bin sechs Jahre alt. Erzählerin dieses in drei Abschnitten wiedergegebenen Ereignisses in ein Mädchen, Es läuft zu Hause mit, die Mutter kümmert sich nicht besonders, es gibt eine Menge Verbote, vor dem Vater hat sie sogar etwas Angst. Das Mädchen geht gerne zum Bach in der Nähe, schaut den Anglern zu, baut Dämme, betrachtet die Krebse. Als sie wieder mal unten ist, kommt ein Mann mit einer Angel, der sie mit sanfter Stimme anspricht, sie lobt, ihr erlaubt, mit ihren Schuhen (was die Mutter verbietet) ins Wasser zu gehen… sie wird etwas schmutzig dabei, er wäscht ihr den Schmutz ab… Ich bin sechs Jahre alt, so beginnt der zweite Abschnitt, eine Erinnerung, in der ein Teil des Verdrängten ans Licht kommt, zum Beispiel, daß sie, das Mädchen, ihr Kleid über den Kopf ziehen muss, damit der Mann sie waschen kann… Ich bin sechs Jahre alt. In diesem Traum, der ein Alptraum ist, den sie seit einem Jahr immer wieder träumt, sieht sie sich am Bach, sieht den farbigen Mann und das, was dann mit ihr geschieht…

Immer wieder sind es Paarbeziehungen, die auf einmal aufbrechen und vor dem Scheitern stehen, immer wieder sind es nichtige Begegnungen oder Ereignisse, die bedrohlich wirken wie die Männer, die am Weg der Joggerin in der Geschichte Laufen stehen. Ein herumstreunender Hund, dem das Ehepaar auf dem nächtlichen Weg nach Hause begegnet, erweckt das Mitleid der Frau, nicht das des Mannes, eine Dissonanz, die sich aufschaukelt (Ihr habt mich gestreichelt…). Silkie ist schwanger, aber sitzen gelassen worden und erinnert sich jetzt an einen Verehrer auf frühen Tagen…

Durch die Geschichten (die schon älter sind, die älteste aus dem Jahr 1963, die meisten aber aus den neunziger Jahren) weht eine latente, auch sexualisierte Gewalt, die jederzeit ausbrechen kann. So wird das Leben der Protagonisten zu einem Drahtseilakt, von dem Oates sie aber häufig stürzen läßt. Es sind einsame Menschen, verunsichert, sie stehen auf der Seite der Opfer, auf der Seite derjenigen, die ihr Schicksal tragen müssen. Rassismus spielt eine Rolle und wenn es nur die ist, daß man durch das Bestreben, eben kein Rassist zu sein, den „Unterschied“ gerade zeigt wie die von dem „dämonischen Rudel“ gedemütigte Nackte.

Die Lästigen enthält (zumindest in der von mir gelesenen Ausgabe) ein sehr informatives Vorwort von Gabriela Jaskulla, in der sie auf das schriftstellerische Wirken von Oates eingeht und das im Voraus zu lesen sich lohnt – wie ich überhaupt dieses Buch uneingeschränkt als Lektüre empfehlen kann. Es ist keine leichte Lektüre, darüber muss man sich klar sein, aber ein sehr intensive.

Joyce Carol Oates
Die Lästigen
Eine amerikanische Chornik in Erzählungen
Ausgewählt von Gabriela Jaskulla
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Susanne Röckel
diese Ausgabe: Eichborn (Die Andere Bibliothek Bd. 315), HC, 2011, ca. 380 S.