Let’s talk about sex baby
Let’s talk about you and me
Let’s talk about all the good things
And the bad things that may be
[Salt N Pepa [2]]


Egal, wie man den Begriff ‚Leben‘ definiert, die Fähigkeit zur Fortpflanzung, zur Reproduktion, gehört als Kriterium immer dazu. Auch wenn die Reproduktion nicht immer sexuell verlaufen muss (es gibt auch andere Wege), bei den meisten höheren Lebewesen tut sie – so auch beim Menschen. In ihrem Buch Sex Story versuchen die Autoren darzustellen, wie sich diese Fortpflanzung beim Menschen im Lauf seiner evolutionären Entwicklung vom reinen Trieb immer mehr um zumindest zwei Komponente erweitert wurde: um das Gefühl der Liebe und um die Lust, den Spaß an der Sache, ohne daß dabei die Fortpflanzung eine Rolle spielt – im Gegenteil. Und damit ihre Ausführungen sich nicht als ein weiteres, eher trockenes Werk in die Phalanx schon existierender Kulturgeschichten zur Sexualität des Menschen einreiht, haben Philippe Brenot und Laetitia Coryn einen anderen Weg eingeschlagen: sie haben einen Comic geschrieben. Philippe Brenot, um den Textautor bzw die Zeichnerin kurz vorzustellen, ist Anthroploge und Psychiater. Er leitet das Institut für Sexualstudien an der Universität Decartes Paris und ist Autor zahlreicher Sachbücher; Laetitia Coryn hat schon im Alter von 15 Jahren entschieden, dass sie Künstlerin werden will. Heute ist sie erfolgreiche Illustratorin von Graphic Novels und Comics und arbeitet für verschiedenen Magazine [Verlagsangabe].

Das Ergebnis ist ein ansehnliches Buch im DIN A4 Format, wer ein Beispiel für die Bildchen sehen mag, mag hier klicken und sich exemplarisch in den Palast Cleopatras zurückbeamen (und sich vorstellen, die Hülle risse…). Man erkennt es schon, die beiden Autoren setzen mit ihrer Geschichte sehr früh ein, im Wirklichkeit sogar noch viel früher, bei den gemeinsamen Vorfahren von Affe und Mensch. Denn Menschen und Affen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer sexuellen Eigenschaften deutlich: Frauen haben Brüste, Affenweibchen nicht, der Mensch kennt die Scham, im Gegensatz zu Tieren – um nur zwei Sachverhalte zu erwähnen. Um zu plausibilisieren, wie solches entstanden sein könnte, dient eine prähistorische Sippe ‚Mustermann‘, in der die Scham ‚erfunden‘ wird (obwohl sie sich wahrscheinlich je eher im Lauf der Evolution entwickelt hat…), bei der aber auch die erste Vergewaltigung stattfindet und die erste romantische Liebe auftaucht…

So geht es dann durch die Jahrhunderte weiter: Babylon, Ägypten, das antike Griechenland und das Römische Weltreich… eine Konstante in diesen Zeiten (und in nachfolgenden) war immer die unterschiedliche Rolle von Mann und Frau: während dem Mann Freiheiten zugestanden worden waren wie der Besuch von Prostituierten und/oder Bordellen, hatte sich die Frau zu Hause um Haus und Kind zu kümmern (eine Ausnahme bildete wohl da alte Ägypten, das beiden Geschlechtern ihre Freuden zustand). Als andere Konstante zeigte sich in den Jahrtausenden, daß auf relativ freizügige oder auch dekadente Perioden repressivere Zeiten folgten (So, Schluss mit dem Unfug.)

Und dann kam das Christentum an die (geistige) Macht. Und da der Apfel eher eine Feige war und Gott das Kosten an dieser missbilligte und die ungehorsamen Adam und Eva aus dem Paradies vertrieb, war bei den massgeblichen Leuten sozusagen der Genuss von Feigen in Verruf geraten. Augustinus, der Heilige, gehörte zu diesen Leuten und seine Diskreditierung von Lust und Sinnlichkeit sollte über Jahrhunderte das erotische Leben überall dort, wo Christen auftauchten, bestimmen. Jedenfalls wurde der Verkehr zwischen Mann und Frau nur noch zweckgebunden und zielgerichtet geduldet, alles andere war Sünde. Und zum Zeichen, daß der Mann Chef im Ring war, war auch nur noch die Missionarstellung erlaubt, in der der Mann die Frau von oben beschläft und im wahrsten Sinn des Wortes (r)unterdrückt. Na super! Vielen Dank, Augustinus!

Nach dem Mittelalter dann die Renaissance, der Maler und sein Model. Der befreite Körper wird abgebildet, in der Malerei und auch in der Bildhauerei, Leonardo untersucht an Leichen, wie so ein Mensch überhaupt aussieht: erste Theorien zur Fortpflanzung entstehen. Aber auch hier: Gegen Ende  dieser Epoche nimmt die Toleranz gegen eine freier gelebte Sexualität wieder ab.

Ein großes Kapitel widmen die Autoren der Selbstbefriedigung. Hing man, wie die Spermatisten es taten, der Ansicht nach, der vollständige neue Mensch sei im männlichen Samen schon enthalten, so bedeutete eine handbetriebene Ejakulation so etwas wie einen Massenmord, das Handtuch, das Bettlaken wurden zum Massengrab: Nieder mit der Wichserei. Was natürlich auch für die Frauen galt, die in der Vorstellung der Sittenwächter ihr Klitoris mit Gegenständen angefangen vom Gemüse bis hin Flaschenverschluss reizten. Die damaligen Mittel gegen dieses als Krankheit eingestufte Verhalten waren drastisch, gottseidank hat sich diese Einstellung geändert, so daß die Autoren zum Schluss raten: Also, immer schön masturbieren!

Noch waren Ehe und Sexualität getrennt, die Liebe zwischen Eheleuten ein Ding, was nicht sein sollte. Die Männer der höheren Stände liebten ausser Haus, hielten sich Mätressen, gingen in entsprechende Häuser. Hätte es die Syphilis nicht gegeben, was wäre das für ein lustiges Treiben gewesen!

Neuere Zeiten nahten, die französische Revolution, Napoleon oder auch in England Königin Viktoria, die einer ganzen prüden Epoche ihren Namen gab, obwohl sie Wolken-und-Regenspiel selbst gar nicht abgeneigt war… noch wütet die Syphilis, doch Pasteur hat eine große Entdeckung gemacht: er hat die Bakterien entdeckt.

Irgendwann in dieser Zeit finden noch zwei Umwälzungen statt: die Eheschließung aus romantischen Motiven tritt auf und Sex wird getrennt von der Fortpflanzung: Es darf zum Spaß und aus Lust an der Freud gevögelt werden. Mit der wachsenden Bedeutung der Wissenschaft entwickelt sich jetzt auch langsam eine Wissenschaft vom Geschlechtlichen, eine Sexologie, die Jahrzehnte später mit Kinsey Erstaunliches zu Tage fördern wird…

Mit dem Erreichen das zwanzigsten Jahrhunderts kommen wir der Jetztzeit näher. Der Körper – in welchem Ideal auch immer – wird befreit, wird gezeigt, die Entwicklung der Bademode vom Ganzkörperanzug über den Einteiler hin zum Bikini bis zum Tanga ist ein Beispiel dafür. Freud entwickelt seine Theorien, Masters und Johnson beobachten empirisch die sexuellen Reaktionen von Frauen… Homosexualität gibt es, sie wird jedoch noch als abartig empfunden. Erst spät im 20. Jahrhundert setzt sich die Erkenntnis durch, daß es so etwas wie eine Norm in der Sexualität nicht gibt…

Der Comic schließt mit einem Ausblick auf das, was im Bereich Sex und Geschlechtlichkeit möglicherweise noch kommen mag und sie skizzieren dabei Szenarien, die nicht unbedingt erstrebenswert erscheinen.

Ein Bild sagt zwar mehr als tausend Worte, aber doch nicht alles: in einem Anhang fassen die Autoren grundlegende Begriffe zusammen und beantworten offengelassene Fragen. Stichworte sind Liebe, Sexualerziehung, Ehe, Verbote, Normalität, Sexuelle Orientierung, Perversion und Prostitution.


Das alles ist witzig, unterhaltsam und kurzweilig und bietet, da auf dieses Thema „Sex“ hin komprimiert, so manches (mir) Unbekannte wie zum Beispiel die Existenz von ‚Impotenz-Tribunalen‘ (Tribunal de l’Impuissance) im Frankreich der Renaissance, vor deren Augen der unglückliche Tropf von Mann an und mit seiner Frau nachzuweisen hatte, daß deren Behauptung, er sei impotent, falsch ist. Man(n) kann sich leicht vorstellen, daß umständehalber bei dieser Art von Beweisführung meist die Frau Recht behielt…

Womit ich bei meinen Anmerkungen bin. Zum einen liegt der Schwerpunkt der beiden französischen Autoren natürlich auf den Verhältnissen in Frankreich, der Begriff ‚Impotenz-Tribunal‘ (um beim Beispiel zu bleiben) ist für Google zumindest kein findbarer Ausdruck. Überhaupt verspricht der Untertitel Eine Kulturgeschichte in Bildern mehr als er halten kann: der gesamte Osten mit der fein-raffinierten Erotik von Ländern wie Japan, China oder auch Indien kommt nicht vor, von den Völkern anderer Erdteile wie Afrika ganz zu schweigen. Weiterhin bleiben die Autoren notgedrungen an der Oberfläche, aber das Buch bietet genügend Anhaltspunkte, um sich mit anderen Quellen bei Interesse tiefer gehend zu informieren, eine (frankophone) Bibliographie bietet erste Hinweise dazu.

Jeder pisst und scheißt, wo er geht und steht! … Keinerlei Latrinen, keine Toiletten. Gänge, Höfe, Korridore sind voll mit Urin und Fäkalien. Von Versailles Ludwig XV ist die Rede und so ganz glaube ich das nicht… schon aus rein praktischen Gründen: die armen Leutchen wären ja nur noch am Ausrutschen gewesen, außerdem waren ja so etwas wie Leibstühle auch anderswo [1] in Gebrauch, warum nicht hier auch. Die Diskussion im Internet über diese Behauptung jedenfalls ist kontrovers. Möglicherweise sollte der Adel auch nur kompromittiert werden… na, jedenfalls fielen mir diese zwei Bildchen auf. Und die zitierten Sprechblasen zeigen, daß das Buch – da Sex zum Leben gehört – auch eine Geschichte der allgemeinen Kultur ist: über die Stellung der Frau in der Gesellschaft, über Fortschritte in Technik und Wissenschaft, über philosophische und religiöse Fragen. Zudem verdeutlicht diese kleine Zitat auch, daß die Autoren nicht nur auf den medizinischen Fachjargon zurückgreifen: Tonfall und Wortwahl sind ist teilweise recht umgangssprachlich.

Erwartet man also von dem vorliegenden Buch (so wie möglicherweise auch beim Sex selbst) weniger Intellektualität als vielmehr einen mit Fakten und Informationen angereicherten Spaß, so wird man sicher nicht enttäuscht werden. Da der Comic – selbst bei auf den ersten Blick heikel erscheinenden Themen – nie peinlich ist, mag er sogar für den/die eine/n oder andere/n als Einstieg geeignet sein, den Blick für andere Aspekte beim ‚Sex‘ zu weiten. Und dem Verlag kommt der Verdienst zu, uns in Deutschland diesen amüsanten und informativen Überblick zugänglich zu machen.

Links und Anmerkungen:

[1] Die staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württembergs haben im Deutschen Kunstbuchverlag einen sehr hübschen und informativen Katalog: Das Stille Örtchen (z.B. hier und ausnahmesweise mal bei amazon) herausgegeben, in dem die Geschichte der hygienischen Aspekte bei Hofe beschrieben wurden. Danach war die „Technik“ zur halbwegs geordneten Entsorgung der unvermeidlichen Ausscheidungen zu dieser Zeit durchaus vorhanden, kaum vorstellbar, daß ausgerechnet in Versailles darauf verzichtet worden ist.
[2] z.B. hier bei youtube zu sehen und zu hören

Philippe Brenot, Laetitia Coryn
Sex Story
Übersetzt aus dem Französischen von Valerie Schneider 
Originalausgabe: Sex Story – La première histoire de la sexualité en BD, Paris, 2016

diese Ausgabe: btb, HC, ca. 210 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Han Kang: Menschenwerk

22. Oktober 2017

Nach dem Korea-Krieg, der von 1950 bis 1953 dauerte und zur Teilung des Landes führte, lief die wirtschaftliche Entwicklung Südkoreas nur schleppend an, es kam in den nachfolgenden Jahren zu politischen Unruhen. Präsident Rhee dankte 1960 ab und ging ins Exil. Nach einem kurzen Interregnum putschte sich 1961 das Militär unter Leitung von General Park Chung-hee an die Macht. Das Parlament wurde aufgelöst und durch eine Militärregierung ersetzt, an deren Spitze Park stand. Unter Park setzte im Lauf der Jahre der wirtschaftliche Aufschwung des Landes ein, auf der anderen Seite wurden unter seiner Regierung wesentliche demokratische Rechte verletzt und stark eingeschränkt. 1979 fiel Park einem Attentat zum Opfer. Im Dezember 1979 fanden Wahlen statt, doch schon eine Woche später putschte das Militär gegen die gewählte Regierung. Im darauffolgenden Jahr kam es zu großen Demonstrationen im ganzen Land, die Menschen forderten Rechte und Reformen ein. Um eine Destabilisierung des Landes zu vermeiden, die nach damaliger Ansicht den Norden zur Invasion hätte verleiten können, ging man mit äußerster Brutalität gegen die Aufständische vor. Insbesondere in der im Südwesten des Landes liegenden Stadt Gwangju wurde im Mai 1980 ein Exempel statuiert und der Aufstand der Bevölkerung brutal niedergeschlagen. [2]


Dong-Ho, 1980
Jeong-Dae, 1980
Eun-Suk, 1985
Jin-Su, 1990
Seon-Ju, 2002
Dong-Hos Mutter, 2010

 

……….

Han Kangs [1] meisterlicher Roman Menschenwerk hat diesen Aufstand in Gwangju, wo sie selbst im November 1970 geboren worden ist, zum Thema. Sie unterteilt ihren Roman in sechs Abschnitte, in denen sie jeweils eine Person über ihre Erinnerungen und Erlebnisse berichten läßt. Verbindendes Glied dieser Abschnitte ist der fünfzehnjährige Junge Dong-Ho, dessen Geschichte das Buch eröffnet. In einem Epilog schildert Kang abschließend ihre eigenen Erinnerungen als Kind an diese Tage zwischen dem 18. und dem 27. Mai 1980, es zeigt sich hier auch ein weiterer, direkter Bezug, den die Familie Han zu Dong-Ho (und seiner Schwester) hat. Literarisch ist das Buch als Roman klassifiziert, ich befürchte nur, nein, ich gehe davon aus, daß nichts von dem, was Han berichtet, erfunden ist.

Schon mit den ersten Seiten führt die Autorin uns Leser an Grenzen. Dong-Ho, ein fünfzehnjähriger Schüler ist auf der Suche nach seinem Freund Jeong-Dae, mit dem er auf einer Demonstration war und der von einer Kugel getroffen worden war. Die Leichen der Erschossenen, der Massakrierten, der Erschlagenen sind in der Turnhalle aufgebahrt, um dort möglicherweise von Verwandten identifiziert zu werden, still daliegende Körper und ein furchtbarer Gestank.

Seinen Freund findet Dong-Ho nicht, aber er bleibt bei den Menschen, die in der Halle arbeiten, die Toten zurecht machen, sie aufbahren und die Angehörigen begleiten. Es ist jedoch nicht Dong-Ho selbst, der uns seine Suche schildert, Han erzählt aus der Sicht seiner Seele, die beschreibt, was damals geschehen ist: Du nahmst die Hand herunter, die du wegen des Gestanks vor die Nase gehalten hattest, und sagtest: „Ich suche einen Freund.“ – „Seid ihr verabredet?“ – „Nein, aber ich dachte unter den vielen Leichen …“ – „Oh, ich verstehe, dann schau dich um.“

Die Menschen in der Turnhalle erwarten den Angriff der Soldaten – wie alle Menschen in der Stadt. Sie bereiten sich darauf vor, Dong-Ho ist zu jung zum Kämpfen, er wird nach Hause geschickt, gehorcht aber nicht.

Noch einmal läßt die Autorin eine Seele berichten: die des von Dong-Ho gesuchten Jeong-Dae schildert, was mit dem Körper Jeong-Daes passiert ist und wie die Soldaten anschließend die Leichen der erschossenen Demonstranten Getreidesäcken gleich auf LKW schmeissen, irgendwo draußen zu Türmen stapeln (jeweils rechtwinklig übereinander, oben schließt ein Strohsack den makabren Turmbau ab). Es sind diese beiden ersten Abschnitte, die von Verwesungsgeruch wabern, von Maden, die die zu den Seelen gehörenden körperlichen Hüllen zersetzen, von Gesichtern, die immer unkenntlicher werden, bevor sie sich in einem Gemenge von Sekret, Schleim und sich windenden Aasfressern auflösen… Jede Nacht kommt der LKW und türmt neue Haufen, bis dann endlich Benzin über die kaum noch ertragbar stinkenden Leichentürme gegossen wird und sie verbrennen – und endlich die Seelen freigeben, die Seelen, die bis dahin an die Körper gebunden waren und die erst mit dessen Auflösung ihre eigene Freiheit gewinnen.

Es ist ein geschicktes Vorgehen der Autorin, ihre Zeugen über einen großen Zeitraum hinweg zu befragen. Es sind auch nicht alle Zeugen direkt bereit, sich an das Vergangene zu erinnern, mit diesem Kunstgriff führt sie sich selbst verfremdet als Fragerin in die Handlung ein. Auf diese Art kann Han nicht nur die damaligen Ereignisse exemplarisch darstellen, sondern auch die langfristigen Folgen für die Menschen.

So schält sich ein kaum ertragbares Bild heraus von unsäglichen Foltern, die die eingekerkerten Menschen erdulden mussten, von der Tatsache, daß die Grausamkeiten kein Exzess waren, sondern angeordnet und belohnt wurden. In Kambodscha haben sie mehr als zwei Millionen Menschen umgebracht. Es gibt keinen Grund, hier nicht das Gleiche zu tun. wird als Ausspruch eines Generals kolportiert. Es war zwar das Ziel, einen Aufstand niederzuschlagen, aber es ging auch ums reine Töten, ums Abschlachten. Es wurden 800.000 Schuß Munition ausgegeben, das waren pro Kopf zwei Schuss… Von den Dächern aus war es ein Scheibenschießen auf Demonstranten, Jugendliche, die sich mit erhobenen Händen ergaben, wurden niedergemäht. Deren Leichen fielen so ordentlich in Reihe, daß man auf Fotos glauben konnte, sie seien erst später so angeordnet worden. Es gab, auch das sagt Han, auch andere Soldaten. Soldaten, die die Lieder nicht mitsagen, die in die Luft schossen, Verletzte an die Krankenhäuser brachten. Aber das Gros war entmenschlicht.


Jeden Tag betrachte ich die Narben auf meiner Hand. Ich streiche über die Stellen, an denen der Knochen offen gelegen hatte und an denen die nässenden, entzündeten Geschwüre gewesen waren. … Ich warte darauf, dass die Zeit alle wunden heilt. Darauf, dass der natürliche Tod mich ein für alle Mal erlösen wird von der Erinnerung an den schmutzigen Tod, der mich Tag und Nacht verfolgt.

Die vom Geheimdienst oder der Polizei Eingekerkerten wurden verhört, geschlagen, gefoltert, nackt in Ameisenhaufen gelegt, penetriert mit dem was da war, … körperliche und seelische Verletzungen, die über Jahre und Jahrzehnte nicht verheilen konnten, oft im Alkohol und im Suizid ebenso mündeten…

Ich kämpfe, jeden Tag. Ich kämpfe allein. Ich kämpfe gegen die Schande, überlebt zu haben und immer noch am Leben zu sein. Ich kämpfe gegen die Tatsache, dass ich ein Mensch bin.
Ich kämpfe gegen die Vorstellung, nur mein Tod könne mich von all dem befreien. 


Han schildert die Vorgänge weitgehend sachlich, neutral, nüchtern, distanziert. Sie beobachtet, läßt die Bewertung und die Gefühle über das Gelesene beim Leser entstehen. Erst im Epilog, der über ihre eigene Rolle bzw. den Zusammenhang der Geschehnisse mit ihrer Familiengeschichte berichtet, spürt man die Anstrengung, die Belastung, die das Verfassen dieses Romans, die Recherche, die gefundenen Fakten für sie darstellen. Sie wird von Alpträumen geplagt, in denen sie sich mit den Verfolgten Menschen identifiziert, selbst zur Verfolgten, Ermordeten wird. Wenn mir doch einmal die Augen zufallen, dann bin ich wieder in den dunklen Straßen des Viertels mit dem Nachhilfeinstitut. … Gesichter tauchen schemenhaft in der Mitte einer dunklen Straße auf. Es sind die Gesichter der Getöteten. Das ausdruckslose Gesicht meines Mörders, der einen Säbel in meine Brust rammt.  

Wenn ich an diese zehn Tage in der Geschichte dieser Stadt denke, dann sehe ich sofort einen Menschen vor mir, der zu Tode geprügelt wird, mit vor Schreck geweiteten Augen. Ich sehe den Moment, in dem er seinen Peiniger anschaut, die verklebten Lider mühsam öffnend, Blut und Zähne ausspuckend. Ich sehe den Moment, in dem er sich an sein eigenes Gesicht erinnert, seine Stimme und seine Würde, die einem früheren Leben anzugehören schien.


Am Schluß ihrer Betrachtungen kommt sie zu einer bemerkenswerten Feststellung. Die Verteidiger des Regierungsgebäudes, das gestürmt wird, waren alle bewaffnet, aber kaum jemand hat von der Waffe Gebrauch gemacht. Auf die Frage angesprochen, warum sie überhaupt geblieben waren, obwohl sie genau wussten, dass sie unter Beschuss geraten würden, antworteten alles Überlebenden ähnlich. „Ich weiß nicht, warum, aber es schien mir einfach das Richtige zu sein. – Ich hatte mich getäuscht, sie als Opfer zu betrachten. Sie sind genau deswegen geblieben, damit sie nicht zu Opfern werden. Aber was sind sie dann? Helden würde sie sie nicht nennen, … Aushaltende …  Widersteher. Menschen, die der Gewalt etwas entgegensetzen. Umarmende. [3]

Diese Aushaltenden, die Toten des Massaker, haben soweit es möglich war, ihre Ruhestätten gefunden. Sie wurden umgebettet, in einer berührenden Passage schildert Han im Epilog die Schmerzen, die Trauer der Angehörigen, als sie die Knochen ihrer Toten reinigen. Auch Dong-Ho hat jetzt ein Grab, auf dem sein Name steht. Schmerz und Trauer der Menschen haben jetzt einen Ort bekommen [4].


Han Kang hat den aufständischen Einwohnern ihrer Geburtsstadt Gwangju mit Menschenwerk stellvertretend für alle Menschen, die sich damals gegen das autoritäre, von den Amerikanern gestützte Regime auflehnten, ein meisterliches Denkmal gesetzt. Gleichzeitig war es Arbeit an einer eigenen Wunde, die sie als Kind erlitt, als sie heimlich Bilder des Aufstandes anschaute, denn damals zerbrach etwas Zartes [in  ihr], von dem [sie] gar nicht wusste, dass es da gewesen war. Menschenwerk klagt darüber hinaus jedes totalitäre, repressive Regime an, weil es bereit ist, die Grundrechte jedes Menschen mit brutaler Gewalt zu unterdrücken und es beschreibt den Heldenmut derjenigen, die sich trotzdem dagegen stellen.

Menschenwerk – ein (literarischer) Höhepunkt, der bleiben wird.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag zur Autorin: https://de.wikipedia.org/wiki/Han_Kang
[2] Wiki-Beitrag über die Geschichte Südkoreas:
https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Südkoreas
Videoclip: vimeo.com
[3] so Han selbst in: Volker Weidemann im Interview mit Han Kang: Die Reinigung der Knochen; in DER SPIEGEL 39/2017, S. 122f
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/18._Mai-Nationalfriedhof_von_Gwangju

ferner interessant: Südkoreas Trauma: eine Buchvorstellung in 3sat: http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=68837 (und ein Dank an Marina, die mich darauf aufmerksam machte)

des weiteren habe ich von Han Kang noch den Roman Die Vegetarierin vorgestellt:
https://radiergummi.wordpress.com/…vegetarierin/

Han Kang
Menschenwerk
Aus dem Koreanischen übersetzt von Ki-Hyang Lee
Originalausgabe: 소년이 온다 (Sonyeoni onda), Changbi, 2014
diese Ausgabe
: Aufbau-Verlag, HC, ca. 214 S., 2017

Fatma Aydemir: Ellbogen

18. Oktober 2017

Die deutsch-türkische Journalistin und Schriftstellerin Fatma Aydemir [1] legt mit Ellbogen ihren Debütroman um die gerade volljährig gewordene Hazal Akgündüz vor. Diese, zum Beginn der Geschichte gerade noch siebzehnjährig, kann sich vor dem Filialleiter eines Supermarktes noch so halbwegs aus einem Ladendiebstahl herauslavieren. Dieser sinnlose Diebstahl der jungen Frau ist bezeichnend: es ist kein besonders zukunftsträchtiges Leben, das sie führt. Tagsüber übt sie sich in aussichtlosen Bewerbungen in einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme, ferner jobbt in der Bäckerei ihres Onkels. Zu Hause ist es trist und öde, der Vater fährt entweder Taxi oder ist bei den Kumpels im Café, die Mutter nimmt die traditionelle Rolle einer türkischen Hausfrau ein. Die Grenzen für Hazal sind trotz ihres Alters eng gezogen, Freiräume, die sie sich nimmt, muss sie gegen den Willen der Eltern verteidigen bzw. vor ihnen verheimlichen.

Ihren Freundinnen geht es ähnlich, mit ihnen trifft sie sich zum gemeinsamen abhängen, sie hat auch ihre Adresse, wo sie unterschlüpfen kann, um sich mit ein bischen Gras wegzubeamen in Träume. Zu Hause klammert sie sich an den Kontakt mit Mehmet, den sie per Facebook kennen gelernt hat. Er, deutlich älter als sie, in Frankfurt geboren und seines Vorstrafenregisters wegen ausgewiesen und jetzt in Istanbol lebend, hat sie gefragt, ob sie sein Baby sein will.

Hazals 18. Geburtstag im Juni 2016 ändert dies alles. Weil ihre Tante für sie ein gutes Wort einlegt, darf sie bei ihrer bosnischen Freundin Elma übernachten. Zu dritt brezeln sich die Freundinnen auf und wollen in die Disco. Vorher ist Wodka angesagt, an den Füßen Heels und der Türsteher teilt ihnen süffisant mit, heute kämen nur geladene Gäste hinein. Auf dem Rückweg noch mehr Schnaps, Frustsaufen, dann werden sie in der U-Bahnstation von einem besoffenen Typen übergriffig und dumm angelabert. Sie sind zu dritt, frustriert, enthemmt und diese ‚Kartoffel‘ triggert den hineingefressenen Frust vieler Jahre an: es kommt zu einem Gewaltexzess der drei Mädels gegen den Mann und Hazal schubst den Studenten auf die Bahngleise…

Im zweiten Teil des Romans finden wir Hazal, die aus Berlin geflohen ist, in Istanbul wieder, der angehimmelten Stadt ihrer Träume um Mehmet, die allerdings aus der Nähe betrachtet ein brutales Pflaster ist. Sie hat in der Wohnung von Mehmet, die dieser sich mit Halil, einem Studenten teilt, Unterschlupf gefunden. Ein Unterschlupf, der dreckig ist, der vergammelt ist und Mehmet, der Facebookprinz, entspricht dem. Wenn sie jeden Morgen seinen knochigen Körper auf sich spürt, macht sie gute Miene zum bösen Spiel und denkt sich, daß dies der Preis ist.

So wie sie in Deutschland ’nicht eingeladen‘ ist (um den Türsteher zu zitieren), so passt sie auch nicht in dieses Istanbul, in diese Türkei. Von den politischen Verhältnissen hat sie keine Ahnung, mit ihrem schlechten Türkisch, ohne Geld, mit der schmuddeligen Kleidung ist sie auch hier Aussenseiterin, als unverheiratete Frau mit zwei Männern in einer Wohnung prostituiert sie sich nach offizieller Lesart. Wenigstens wird ihr nach ein paar Tagen klar, daß Mehmet wenig mehr ist als ein Junkie und Zocker…

Auf einen verzweifelten Hilferuf hin eilt ihre Tante Semra zu ihr, die einzige Frau der Familie, die in Deutschland ‚angekommen‘ ist. Doch mit deren Rat kann Hazal nichts anfangen, Semras vernunftgesteuerte Ratschläge erreichen die emotional schwer verwundete Hazal nicht, diese ist noch zu sehr damit beschäftigt, ihre Tat vor sich selbst zu rechtfertigen. So flieht Hazal erneut, diesmal vor ihrer Tante, findet in einer Absteige ein Zimmer, für das sie putzt und sie versucht sich als Kellnerein, um ein wenig Geld zu verdienen.

Der Roman endet an dem ersten Tag, an dem sie kellnert, es ist auch der Tag des Putschversuches in der Türkei. Hazals weiteres Schicksal bleibt offen. Sie irrt auf der Straße herum, weil sie bei der Ausgangssperre Probleme hat, auf die andere Seite des Bosporus, in ihr Hotel zu kommen. Letztlich sucht sie Deckung in einem dornigen Gestrüpp am Wegrand und gibt sich Träumen hin…


Dabei handelt mein Buch einfach von Deutschtürken in Berlin. Wer da von Milieustudie schreibt, war offenbar noch nie in einem türkischen Wohnzimmer. Das finde ich schon ziemlich weird . So die Autorin in einem Interview, wobei sich diese Aussage auf den ersten Teil des Romans beschränkt, für den zweiten Teil stellt sie sich Kritikern jedoch ebenfalls entgegen: … kam der Vorwurf, ich hätte zu sehr versucht, politisches Zeitgeschehen reinzustecken. Aber wenn sich die Hauptfigur meines Buches 2016 in Istanbul bewegt? Klar spielt da Politik eine Rolle! Das war das Jahr des Putschversuchs und der Massenverhaftungen, das will und kann ich nicht aus meinem Roman raushalten. [2]

Mit diesem beiden Statements von Fatma Aydemir ist schon viel über den Roman gesagt und damit über die Lebenswirklichkeit vieler junger Türken (es ist mir nicht ganz klar geworden, ob Hazal die deutsche Staatsangehörigkeit hat oder nicht, prinzipiell wäre es bei ihrem Geburtsdatum, dem 25. Juni 1998 wohl möglich gewesen) in Deutschland: in einem Land, in dem sehr viele persönliche Freiheiten garantiert sind, leben sie, sofern die Familie die traditionellen Werte des Herkunftslandes aufrecht erhalten wollen, in einer Art Käfig, dessen Stäbe durch Verbote, Grenzen, Sanktionen (Strafen) gebildet werden. Es ist das traditionelle türkische Leben, das die Eltern aufrecht zu erhalten versuchen: der Sohn (hier Hazals jüngerer Bruder) ist der Stolz der Familie, selbst wenn er so ein ganz klein wenig schon auf der schiefen Bahn steht, bei der Tochter kommt es nur darauf an, deren Ehre zu schützen und im Zweifelsfall ist alles, was von der ‚Norm‘ abweicht, für die Ehre schädlich.

Damit wird das Mädchen in einer Situation groß, die der des Prometheus ähneln: angekettet an den Fels einer für sie im Grunde irrelevant gewordenen Tradition sieht sie die Früchte der Freiheit vor sich, aber will sie danach greifen, kommt der Wind und verweht den Ast, so daß sie unerreichbar werden… es kommt nicht von ungefähr, daß Hazal in ihrem jungen Leben schon zwei Suizidversuche vorgenommen hat, auch wenn diese nicht allzu konsequent durchgeführt worden, sondern eher als sehr laute Hilferufe zu verstehen waren, eine Hilfe, die sie im übrigen nie bekam. Diese ihr innewohnende, gegen sich selbst gerichtete Aggression tritt in diesem fatalen Moment, in dem noch der Alkohol und die öffentliche Demütigung ihre Wirkung verstärkten, nach außen hin in Erscheinung, findet ihr Opfer in dem jungen Mann.

Ihre Flucht nach Istanbul endet dort nicht, sie geht dort weiter, denn auch dort ist sie unangepasst, gehört nirgends dazu. Jeder Schritt ausserhalb ihres Verstecks weckt in ihr die Angst, entdeckt zu werden. Von den politischen Zuständen hat sie keine Ahnung, sie wird aber recht schnell und brutal mit ihnen konfrontiert. Schließlich bleibt ihr als einziger Halt sie selbst, die Überzeugung, die sie aufrecht erhalten muss, daß er es verdient hat.

Es ist also die Frage der Identität dieser/vieler junger ‚Deutschtürken‘ (wie ich sie nennen möchte, weil ich diesen Begriff heute gerade in einem Aufsatz so gelesen habe), die im Hintergrund des Einzelschicksals lauert. In Deutschland fremdeln sie, fühlen sich (und dies trifft sicher auch häufig zu) nicht willkommen – zwei Seiten einer Medaille, die sich gegenseitig verstärken. In der Türkei jedoch sind sie auch fremd, werden nicht mehr als Türken wahrgenommen, die Sprache schon ist anders, zuviel auch haben sie unbewusst vom fremden Land, in dem sie leben, an Verhaltensweisen übernommen, zu wenig wissen sie noch vom Land ihrer Eltern – so daß letztendlich auch sie sich dort fremd fühlen. All das ist keine neue Erkenntnis, das ist bekannt und tausendfach diskutiert – und trotzdem immer wieder, immer noch aktuell. Den Königsweg, dieses Problem mangelnder Integration zu lösen, gibt es nicht, aber eins ist sicher: auf beiden Seiten muss der Wille zu integrieren und sich zu integrieren, vorhanden sein [vgl. 3].

Eine Schlüsselstelle des Romans ist sicherlich das Gespräch zwischen Hazal und Semra in Istanbul. Semra versucht Hazal klar zu machen, daß sie als Freundin gekommen ist, ihr zu helfen, sie will erst einmal erfahren, was überhaupt passiert ist, versucht auch, in Hazal die Erinnerung an das zu wecken, was sie sich früher einmal als Ziel, als Wunsch für ihr Leben vorgestellt hat. Damit kommt sie nicht weit, denn Hazal hat resigniert, die Mauern, die sie um sich herum sieht, scheinen unüberwindlich, sie hat ihr Leben im Grunde, jetzt, nach dem Tod des Studenten, abgeschrieben: … Ich habe immer nur Dinge gemacht, auf die ich keinen Bock hatte, Ich mache nur Dinge, die mir irgendwer befiehlt. Meinst du, ich suche mir das selbst aus? Und jetzt…. …nach dieser ganzen Sache…


Ellbogen entwirft ein düsteres Bild, das leider vieles, was man als Vorurteil über türkische Familien hört und möglicherweise auch selber pflegt, bestätigt. In einer deprimierenden Abwärtsschleife weist der Roman keinen Ausweg aus dem Dilemma von Integration und Traditionskonservierung, denn wenn man schon die türkischen Eltern von ihren Traditionen nicht abbringen kann, sind die Kinder, die zwischen zwei Welten stehen, das schwächste Glied und ausgerechnet das müsste die eigenen Interessen energisch vertreten. Hazal tut einem leid, ein intelligentes Mädchen, das ihre Situation klar reflektieren kann und das unter ihr leidet, das jedoch derart halt- und orientierlungslos ist, daß sie nicht in der Lage ist, die Hilfe, die ihr angeboten wird, anzunehmen.

Im zweiten Teil des Buches läßt Aydemir ihre Handlung vor dem Hintergrund der gewalttätigen politischen Situation in der Türkei spielen. Der unerklärte Krieg gegen die Kurden, Polizeiwillkür, am Schluß der Putschversuch: all das zusätzliche Angstfaktoren für Hazal, denen sie weitgehend hilflos ausgeliefert ist, die Autorin gönnt ihrer ‚Heldin‘ keine Verschnaufpause…

Auch sprachlich hat mich der aus der Perspektive von Hazal als Ich-Erzählerin verfasste Roman überzeugt. Er ist in einem weitgehend nüchtern Ton geschrieben, gewinnt zusätzliche Authentizität durch die zum (ersten) Teil recht vulgären Begriffe, mit denen sich die Mädchen verständigen (von unterhalten will ich jetzt bewusst nicht reden). Vielleicht ist dieser Gebrauch von ‚F-Wörtern‘ eine der wenigen Freiheiten, die sie haben, die Regeln zu ignorieren…

Ellbogen: ein sehr gelungener, kraftvoller, düsterer Roman aus der Lebenswelt junger ‚Deutschtürkinnen‘.

Links und Anmerkungen:

[1] die Wiki zur Autorin: https://de.wikipedia.org/wiki/Fatma_Aydemir
[2] ZEIT Campus: Beim Schreiben bist du Gott; http://www.zeit.de/campus/2017/06/junge-literatur-schrift-autoren
[3] Unter diesem Aspekt dieser Aufruf von Murat Kurnaz interessant: Murat Kurnaz: Ihr habt alle Chancen!,  in:
http://www.zeit.de/2017/42/integration-guantanamo-sozialarbeit-fluechtlinge/komplettansicht (11. Oktober 2017)

Fatma Aydemir
Ellbogen
diese Ausgabe: Hanser, HC, ca.270 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

János Székely: Verlockung

15. Oktober 2017

Der Roman des 1901 in Ungarn geborenen, 1919 über Wien nach Berlin und 1938 letztendlich dann in die USA ausgewanderten Autoren und Drehbuchschreibers János Székely führt in das Jahr 1912 zurück nach Ungarn, es ist also kurz vor dem ersten Weltkrieg, von dem man zum Zeitpunkt, an dem die Handlung einsetzt, freilich noch nichts ahnt… Der umfangreiche Roman ist vom Autoren in drei Abschnitte geteilt, deren Inhalt und Handlung ich im folgenden auch so getrennt skizziere, der Roman enthält, so steht geschrieben, auch biographische Fakten aus dem Leben Székelys.


Ich und der hübsche junge Herr

Wir kommen auf das flache Land, ein kleines Dorf, wie klein, sollte die Hauptperson erst feststellen, als sie vierzehn Jahre später zum ersten Mal diese Ansammlung meist ärmlicher Hütten verläßt. Geboren wurde dieser Béla so um die 1912, man kann nicht gerade sagen, daß es ein Wunschkind war, Anna, die Mutter, damals selbst noch kaum erwachsen, sah den Vater des kommenden Knaben am Abend eines dieser schwülen Sommertage, an dem ein großes Sommerfest stattfand, zum ersten, am darauffolgenden, noch frühen Morgen zum letzten Mal… alle Versuche, sich des werdenden Lebens zu entledigen fruchteten nichts, und letztlich kam der Junge zur Welt und kurz darauf zu Tante Rozika, welche selbst ein bemerkenswertes Schicksal hatte…

Sie nämlich verkaufte früher Liebe gegen Geld und als sie merkte, daß sie in ein Alter kam, in dem sie für das gleiche Geld mehr an Liebe verkaufen musste, schulte sie um auf Hebamme, um mit diesem Wissen jedoch Engel zu machen. So waren die Zeiten. Später nahm sie dann die Bankerte auf, an denen es nicht mangelte, verköstigte sie nach der Höhe des Pflegegeldes, das ihr unglücklichen Mütter, die sich in Budapest oder sonstwo als Amme, als Dienstmädchen, als Magd verdingen mussten, schickten. Da Bélas Mutter stets im Rückstand war, litt der Knabe genauso stets an Hunger. Aber Hunger macht nicht nur erfinderisch, er macht auch Diebe: Béla blieb nichts anderes übrig, als stehlen zu lernen wie ein Rabe. Das Problem lag eher darin, daß es nicht viel zu stehlen gab. Als Sechsjähriger tat sich ihm eine andere Art des Geldverdienens auf: er machte eine Karriere als Miet-Schläger, soll heißen, er verprügelte im Auftrag Schwächerer deren Feinde….

Um die Schulpflicht kümmert sich Tante Rozika wenig, zumindest bei Béla . Nach einen sehr heftigen Streit mit dessen Mutter musste sich der Junge sein Essen durch Arbeit selbst verdienen, für solche Fisematenten wie Schule blieb keine Zeit – und überhaupt, wofür sollte sie bei so einem gut sein?

Doch Belá war äußerst neidisch auf die Kameraden, die von der Schule erzählten und als er lange Zeit später hörte, daß eigentlich Schulpflicht bestünde, ging er selbst zum Lehrer und bat untertänigst darum, in die Schule gehen zu dürfen, er würde das Schulgeld auch gerne abarbeiten….

Der Lehrer, sowohl Trunkenbold und Wüstling als auch ein genialer Pädagoge, redete ein ernstes Wort mit Tante Rozika, fortan durfte Béla in die Schule. Nach der Schule arbeitete er wie früher und nachts schlich er sich mit den Schulbüchern auf den Abtritt, um im Schutz von Dunkelheit und Gestank zu lernen. Ehrgeiz war ihm eigen und er wurde zum besten Schüler der kleinen Schule.

Der Krieg brachte noch mehr Armut und die Regierenden hatten andere Sorgen als sich um die Menschen zu kümmern: man litt Hunger, fror sich im Winter den Arsch ab und die einzige Heizung der armseligen Hütten war der Mief, den die vielen Menschen, die dort leben mussten, ausdünsteten… Béla hatte noch nie Schuhe gehabt und diesen Winter waren die Schlappen, die er sich aus Zeitungen zusammenbastelte nicht genug. Bei der Verteilung von Almosen (bei der seltsamerweise nur die regierungstreuen Dörfler berücksichtigt wurden) stahl er in einen Getümmel, das sich entwickelte, ein paar Stiefel… Er wurde erwischt, verprügelt, kam ins Gefängnis und von dort nur durch einen Deal des Lehrers wieder in die Freiheit. Um des Preises, daß er das Dorf zu verlassen habe, zur Mutter, mit der schon geredet sei, sie hole ihn Silvester ab. Béla war zu diesem Zeitpunkt vierzehn Jahre. Und wie es der Zufall wollte, trafen er und seine Mutter im Zug den Jungen, für den die Mutter seinerzeit die Amme war. Aber Béla merkte schnell, daß dieser trotz schöner Kleidung und glänzender Schuhe keineswegs das Rad erfunden hatte…..

Ich und der Hund ihrer Exzellenz

Béla war von Budapest fasziniert, diese Lichter, dieser Glanz, die Brücken, die prachtvollen Paläste, die vornehm angezogenen Menschen, die keine Sorgen zu kennen schienen… doch je weiter die Straßenbahn zu der Wohnung Annas hinausfuhr, desto weniger Lichter gab es, desto grauer wurde es… Anna wohnte in einem Mietshaus, vermietete ein Bett in ihrer Wohnung an eine Frau mit Namen Manci unter und hatte einem Schlafgast des Sohnes wegen kündigen müssen. Mit der Miete, das sollte Béla schnell erfahren, war sie im Rückstand, weil sie lange krank war und nicht arbeiten konnte… Die beiden, die sich acht Jahre lang nicht gesehen hatten, bemühten sich, die Fremdheit zu überwinden, doch gab es schon am ersten Abend Streit: während Béla lieber eine Schule besuchen wollte, bestand die Mutter darauf, daß er sich im Hotel vorstelle, sie habe mit dem Hauptpförtner, dessen Waschfrau sie sei, gesprochen….

Der zweite Teil des Romans Verlockung spielt in der Hauptsache in diesem Hotel, in dem Béla tatsächlich als Lehrling angenommen wird, weil ihm einer der Boys dort, Elemér, seinen Anzug leiht und ihm auch bei verfänglichen Fragen aus der Patsche hilft. Daß Béla gute Zeugnisse hat, hilft ebenfalls weiter. Auf diese Art öffnet sich für den Jungen die Sicht auf die Welt der Reichen, die für eine Schachtel Zigaretten mehr Geld ausgeben als ein Arbeiter an einem Tag verdient….

Es ist keineswegs einfach. Zwar lernt Béla gut und stellt sich wohl auch gut an, aber er bekommt noch keinen Lohn. Zuhause müssen sie die Bettwäsche versetzen und es reicht trotzdem nicht für die Miete, dann auch nicht mehr für die Straßenbahn. So muss Béla morgens und abend je fast vier Stunden laufen, bis er im Hotel ist, dort arbeitet er zwölf Stunden und man kann sich jetzt ausrechnen, wie lange er Schlaf hat…

Béla hat viel Glück im Hotel. Im Lift, wo er als Boy arbeitet, lernt er die junge Patsy, eine Amerikanerin, kennen und verknallt sich in sie, eine Sympathie, die auf Gegenseitigkeit beruht. Der Gast ist König: Patsy erbittet sich Béla als Fremdenführer durch Budapest und befreit ihn dadurch auch aus dem Lift…. sie, das reiche Mädchen, das keine Berührungsängste mit ihm, dem Bauernkind, hat, pflanzt ihm den Gedanken ein, nach Amerika zu gehen und dort sein Glück zu machen…

… der Hund, ein anderes Glück für ihn. Der Windhund, der seiner und ihrer Exzellenz gehört, dessen Liebe er gewinnt, weil er ihm anstatt der Schokolade, die er sonst zu fressen bekommt, einen Knochen besorgt, wird ihm von ihrer Exzellenz zum Spazierengehen anvertraut. Ihre Exzellenz, eine geheimnisumwitterte Frau, die in den Kreisen der Boys geradezu mythischen Ruhm geniesst, ach ja, sie kann einen auch verschlingen… und bald nimmt sie in Bélas Jungmännerträumen einen festen Platz ein.

Auch zuhause ändert sich einiges: durch Zufall sind sich in der Stadt der schöne Miska und die Mutter begegnet… Béla tut sich schwer, diesen Mann als seinen Vater zu sehen, beobachtet, wie sich die Mutter ändert, hört ihr Gegirre und das Schnaufen in der Nacht durch die dünne Wand… Miska ist ein lebensfroher Mann, zwar weiß niemand (und es sollte ein Geheimnis bleiben) womit er sein Geld verdient, aber er hat Geld, das nicht nur genügt, die Rückstände zu bezahlen, die Eltern können auch ausgehen, die Mutter in einem Seidenkleid… Miska, der Frauenheld, der jedem Rock nachsteigt, aber nur Anna liebt und sie Abend für Abend umwirbt und vergöttert…

Als Béla, knapp sechzehn Jahr alt, als Boy in die Bar kommt, verbessert sich sein Leben, er bekommt oft hohe Trinkgelder und sieht, wie Abend für Abend von den Gästen der dünne Mantel von Moral und Sitte abgelegt wird. Und dann kommt die Nacht, in der Ihre Exzellenz eine Flasche Champagner auf ihr Zimmer bestellt und Béla soll sie bringen…

Ich und der lächelnde Maschinist

Für die Exzellenz wird Béla zum András, wie sie die jungen Jungs nennt, heute würde man diese jungen Männer als Callboys bezeichnen. Nachvollziehbar, daß Béla emotional völlig durcheinander ist, das Sexualverhalten der Exzellenz ist exotisch, wo sie eine Geschäftsbeziehung sieht á la dort ist meine Handtasche, nimm dir Geld heraus erhofft der Junge sich mehr, weit mehr… er stürzt sich bei einem äußerst obskuren Mann in Schulden, um , falls sie nach ihm ruft, besser gekleidet zu sein… aber bald ruft sie nicht mehr und Béla wird unter Druck gesetzt, soll seine Kollegen bespitzeln. Er vereinsamt, meidet den Kontakt mit Elemér, seinem ‚Beschützer‘, der ihn mit Literatur über revolutionäre Politik versorgt und ihn in diese Politik einweist…

Auch zu Hause ändert sich alles, der Vater kehrt eines Tages nicht zurück, ohne daß Anna und Béla wissen, wo er geblieben ist. Abermals kehrt Not ein, der Gang zur Pfandleihe muss wieder beschritten werden, bis selbst das Bettzeug verpfändet ist. Es nutzt nichts, die beiden geraten mit ihrer Miete in Rückstand, Anna hat kaum noch Geld, für sich Essen zu besorgen und Béla ist durch seine eigenen Probleme unempfindlich geworden für das Leid der Mutter.

So entwickeln sich die Lebensumstände, selbst als der Vater völlig verändert eines Tages wieder auftaucht, prinzipiell zum Schlimmeren, bis hin zu der Entlassung Bélas aus dem Hotel. In einer Art wahnsinnigen Rausch wird das letzte Geld, das sich die drei vom Mund abgespart haben, um die Miete zu zahlen und es dafür dann doch nicht reicht, auf den Kopf gehauen: das ganze Haus mit all den kurz vorm Krepieren stehenden Menschen feiert hemmungslos wie vom Teufel besessen und des Teufels Vertreter ist für sie der Hausmeister, derjenige, die Männer aus der Wohnung schickt, um mit den Frauen über die Mietzahlung zu verhandeln und der die gleichen Männer holt, damit sie für ihn – umsonst versteht sich – arbeiten…

Am Ende der Geschichte, nach drei Jahren in Budapest, ist Béla allein und sieht nur noch einen Weg: Ungarn verlassen, das Glück woanders suchen und darauf hoffen, es zu finden.


Ich habe in meinem Blog schon einige Bücher ungarischer Schriftsteller vorgestellt [siehe unten], aber so ungeschönt aus der Sicht der Armen und des einfachsten Volkes, wie es Székely macht, schildert keins davon das Elend dieser Menschen, das in krassestem Gegensatz steht zur Welt der Schönen und der Reichen, die ohne mit der Wimper zu zucken an einem Abend mehr Geld ausgeben können, als die verarmte Unterschicht in einem oder gar zwei Monaten zum Leben überhaupt zur Verfügung hat. Immer wieder baut Székely Passagen ein, in denen er mit zum Teil sehr bitterer Ironie über die gesellschaftlichen Verhältnisse in Ungarn, in dem damals der sehr rechtsgerichtete Reichsverweser Horthy an der Macht war, berichtet, dieser Horthy, der stolz darauf war, daß er und sein Regime im Grunde eine Art Vorbild gaben für Hitlers ‚Politik‘ in Deutschland: ‚Der von ihm etablierte autoritären Staat war antiliberal, antidemokratisch, antisemitisch und revisionistisch‘ [3].

Die Massen, das beschreibt der Autor am Beispiel seiner Protagonisten und der übrigen Bewohner des Miethauses, verarmen in diesem Staat, ohne daß sie die Chance haben, aus dem Elend herauszukommen. Stets fehlt es am Nötigsten und der skrupellose Hausmeister (der später Leiter eines Konzentrationslagers werden sollte) nutzt dies unbarmherzig aus. So ist schon dieses Haus eine Art Lager, ein Ort, der mit einer virtuellen Mauer verschlossen ist, die ein Entkommen nicht mehr zuläßt und seine Bewohner ausliefert. Das gilt selbst für Béla, der von außen betrachtet, mit seiner Arbeit im Hotel sozusagen einen Fuß im Leben der Bessergestellten hat, aber die Schranke, dort wirklich hinein zu schlüpfen, ist zu: zieht er seine Hoteluniform an, so spielt er nur eine Rolle, die in dem Augenblick endet, in dem er seine Livree wieder auszieht.

Béla steht in einem dreifachen Spannungsfeld: zum einen ist dies die Lebenssituation der Familie, ferner seine pubertär-emotionalen Verwicklungen und letztlich die politische Situation, denn von seinem etwas älteren Arbeitskollegen Elemér in den proletarischen Kampf eingewiesen, wird er von seinem ‚Finanzier‘, den er angepumpt hat, als Spitzel gegen gerade auch Elemér angesetzt… Man kann es Béla nicht verdenken, daß er Gedanken von Mord bis hin zum Suizid [4] wälzt…

Der Autor arbeitet sehr klar heraus, daß niemand aus dem einfachen Volk die Chance hat, durch ehrliche Arbeit aus diesem sozialen Elend zu entkommen, Not und Schulden wachsen stets schneller als die kärglichen Löhne. Es bleibt das Unehrliche, um zu überleben und (für die Frauen) häufig das sich Unterwerfen unter die sexuelle Gewalt desjenigen, der – so wie Roman der Hausmeister – die Macht hat. Diese Menschen zählen für die Reichen so wenig, daß vor ihnen noch nicht einmal so etwas wie Scham besteht: ob ein Dienstbote im Raum ist oder nicht, kümmert nicht, man läuft in beiden Fällen gleich unbeschwert herum, ob nun unbekleidet oder nicht.

Der große, tragische Irrtum Bélas liegt darin, daß er die exaltierte Sexualität, die die ‚Exzellenz‘ ihm (als einem der vielen in der Reihe) gegenüber an den Tag legt, mit einer gewissen Zuneigung verwechselt, die er nicht verlieren will und für die er bereit ist, seine Seele zu verkaufen – was er letztendlich auch tut. Obwohl er Skrupellosigkeit und Amoralität der Gäste des Hotels Abend für Abend sieht und miterlebt, richtet er seine Hoffnung auf die Schlimmste von ihnen aus…

Das Ungarn, das uns der Autor in seinem Roman schildert, ist ein schillerndes Land voller Elend. Auf der einen Seite die Reichen, die sich alles erlauben können, auf der anderen Seite die Armen, von denen die Donau so viele als Tote mit sich nimmt. So wie sich sozialistische und kommunistische Ideen im Untergrund verbreiten, so repressiv reagiert das faschistische System: es ist dies der Hintergrund, vor dem exemplarisch das Schicksal Bélas und seiner Familie dargestellt wird. Damit wird Verlockung ein zeitgeschichtliches Sprachgemälde, das fesselnd ist, voller Kraft, das oft Wut und Empörung spüren läßt, das sich trotz seines bemerkenswerten Umfangs gut und schnell liest, das aber auch ob der Verhältnisse, die es schildert, bedrückt und nachdenklich macht. Ergänzt wird die von mir gelesene ältere Ausgabe durch biographische Anmerkungen zum Autoren und seinem Werk.

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren:
https://de.wikipedia.org/wiki/János_Székely_(Schriftsteller)
[2] —
[3] http://www.sueddeutsche.de/politik/ungarn-bis-wie-eine-monarchie-zum-nazi-staat-mutierte-1.1414357
[4] überhaupt scheint Ungarn ein sehr suizidaffines Land zu sein: https://www.budapester.hu/2016/09/25/ungarn-eine-nation-der-unglucklichen

Weitere Romane ungarischer Autoren bzw. über Ungarn hier auf aus.gelesen:

Dezsö Kosztolanyi: Anna
Sándor Márai: Bekenntnisse eines Bürgers
Géza Ottlik: Die Schule an der Grenze 
Sandór Márai: Die Glut
Antal Szerb: Reise im Mondlicht
Ernö Szép: Die Liebe am Nachmittag 
Stephen Vizinczey: Lob der erfahrenen Frauen
Béla Szász: Freiwillige an den Galgen
Kati Marton: Die Flucht der Genies
Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen

Janós Székely
Verlockung
Übersetzt aus dem Ungarischen von Ita Szent-Ivanyi

Originalausgabe/n: Temptations, Creative Age Press (USA), 1946; 
Kisértés, Ungarn, beide Ausgaben unter dem Pseudonym ‚John Pen‘
diese Ausgabe: SchirmerGraf, HC, ca. 800 S., 2005
Anmerkung: bei Diogenes ist 2016 eine Neuausgabe des Romans erschienen

 

Ilmar Taska: Pobeda 1946

11. Oktober 2017

Ich muss es zugeben (auch wenn ich glaube, daß ich in dieser Beziehung in guter Gesellschaft bin), daß ich über die Staaten am Ostrand der Ostsee nicht wirklich viel weiß. Lettland, Litauen, Estland – kleine Staaten, immer wieder Spielball der größeren Mächte in ihrer Nachbarschaft, die sie untereinander verschacherten. Der Pakt von 1939 zwischen Nazi-Deutschland und der UdSSR, in dem die jeweiligen Interessensphären und definiert wurden und damit auch über das Schicksal der baltischen Staaten entschieden wurde, ist ein besonders drastisches Beispiel dafür. 1941 marschierte die Wehrmacht in diese Staaten ein und besetzte sie, Nazideutschland seinerseits wurde 1944 durch die Rote Armee vertrieben – die Okkupanten wechselten, die Okkupation jedoch blieb. Nach dem Krieg wurde die nationale Souveränität der Staaten endgültig aufgehoben und sie wurden in die UdSSR integriert. Der schon unter der deutschen Besatzung existierende Untergrundkampf der ‚Waldbrüder‘ ging dementsprechend weiter, man hatte die Hoffnung auf das Eingreifen der westlichen Siegermächte (noch) nicht aufgegeben. Daß der Untergrundkampf zu entschiedenen Aktionen der sowjetischen Staatsmacht führte, braucht im Grunde nicht erwähnt zu werden [2].


Dies sind Situation und Zeitpunkt, in/an die/den uns der Roman des estnischen Schriftstellers Ilmar Taska führt. Er spielt in der estnischen Hauptstadt Tallinn und schildert die unterschiedlichen Schicksale mehrerer Menschen, die jedoch zum Teil eng miteinander verzahnt sind.

Da ist zuvörderst der namenlos bleibende Junge zu nennen. Er ist sechs Jahre alt und lebt mit seinen Eltern in einer Mietwohnung. Der Vater hat seit Jahren das Hinterzimmer nicht verlassen, die Atmosphäre in der Wohnung und in der Familie ist düster. Dieser Junge sieht beim ‚Busfahrerspielen‘ vor dem Haus einen nagelneuen Pobeda [3] um die Ecke biegen und ist begeistert von dem Auto, in dem ein ebenfalls namenlos bleibender Mann sitzt, der ihn zum Mitfahren einlädt. Kann man es dem Jungen verdenken, daß er zu diesem netten Mann einsteigt, daß ihm der eine oder andere Satz herausrutscht, den zu sagen ihm die Eltern streng verboten haben? Daß der Vater am nächsten Tag nicht mehr in der Wohnung ist und daß die Mutter mit ihm zu seiner Tante geht und dann auch verschwunden ist, bringt er nicht mit diesem Mann in Verbindung. Im Gegenteil, sucht er die Nähe dieses freundlichen Mannes, der so tolle Geheimnisspiele mit ihm spielt, ganz anders als die Eltern.

Die Schwester der Mutter wohnt in einem kleinen Häuschen, sie war/ist Sängerin, auch wenn das Opernhaus in Schutt und Asche liegt. Sie und ihr britischer Geliebter, die sich in besseren Zeiten kennen gelernt hatten, haben einen Namen, Johanna und Alan. Sie schreiben sich Briefe und Johanna kann Alan auch hören: er ist Sprecher bei der BBC. Durch den Besuch der Schwester wird Johanna in des Geschehen mit einbezogen: der Junge, auf den sie aufpassen soll, flieht aus ihrem langweiligen Haus… und sie selbst ist durch die Korrespondenz mit einem Kapitalisten ins Visier des Geheimdienstes geraten. In Alan andererseits reift die Erkenntnis, daß er Johanna nach England bringen muss…

Der Mann mit dem Pobeda, auch er namenlos. Obwohl er eine ihm selbst nicht erkärbare Schwäche für die Frau entwickelt hat, nimmt er seine Aufgabe ernst. Zwar versucht er sie zu schonen, aber diese, die sich ihre Schwäche, der sie nachgegeben hat, nicht verzeihen kann, bleibt in den Verhören standhaft, sie verrät nichts und niemanden…


Es ist ein düsteres Bild, das Taska malt. Ein Land ohne Farbe, ohne Aussicht, mit der schwachen Hoffnung, daß vielleicht der Westen doch noch eingreift, schließlich war man ja vor kurzem noch verbündet. Es herrscht Angst und Willkür, eine falsche Reaktion und der Vermerk ‚Zur Deportation vormerken‘ zerstört das Leben, ohne daß der Betroffene weiß, warum. Skrupellos wird der Junge als Beschaffer von Informationen gegen seine Eltern und die Tante instrumentalisiert, wird selbst zum Spielball unterschiedlicher Interessen im Geheimdienst.

In die durch Deportationen freiwerdenden Wohnungen werden Menschen aus weit entfernten Teilen der UdSSR einquartiert [4], der Tante mit der relativ großzügig bemessenen Wohnung geht es ähnlich, obwohl sie selbst noch in der Wohnung wohnt. Durch kleine Geschenke an die inspizierende Beamtin kann sie schlimmeres abwenden, dabei hat sie ferner noch Glück, daß die einquartierte Ex-Nomadenfamilie  nicht als Spitzel taugt.

Ihr Geliebter entwickelt einen kühnen Plan, sie aus dem Land zu holen, ein Plan voller Risiken, nicht das geringste ist es, wie sich Johanna im fremden Land einleben und ob ihre Liebe im Alltag überhaupt überleben kann. Und so, wie im ‚Osten‘ jeder mit Auslandskontakten prinzipiell verdächtig ist, wird sie vom britischen Geheimdienst argwöhnisch betrachtet werden… ganz abgesehen davon, daß der Arm des russischen Pendants lang ist, sehr lang… und wenig fehlertolerant.

Apropos Fehlertoleranz: nicht um Mitleid zu erwecken muss man zur Kenntnis nehmen, daß auch die Schergen selbst Opfer sind und jederzeit Opfer werden können. Niemand kann voraussagen, was der ‚Hausherr‘ (so die interne Bezeichnung für Stalin) für Befehle gibt, welche Losungen er ausgibt, wer als Nächster ins Visier der/von Säuberungen gerät. So steht am Ende des Romans auch ‚Der Mann‘ auf der Abschussliste, wobei er noch Glück hat: zu viele Fehler hat er in den Augen des Generalmajors gemacht, Fehler, die möglicherweise auch auf diesen zurückfallen könnten, falls….. sicher ist sicher und am sichersten wäre es, alle einzukerkern, ohne Ausnahme.

Das Schicksal der Familie des Jungen kann man nur als tragisch bezeichnen. Ihr Bemühen, den Jungen aufwachsen zu lassen, ohne daß man ihn mit dem Wissen um die Gefahr belastet, macht ihn äußerst anfällig für Verlockungen: er sieht nicht, kann nicht sehen, daß man ihn nur missbraucht. Wieviel schöner ist es für einen Sechsjährigen, im Lockvogel, dem Pobeda, auf gut riechenden Ledersitzen zu sitzen, neben einem freundlichen Mann, der einem jeden Wunsch erfüllt als in der dunklen, düsteren Wohnung, in der sich die Depression eingenistet hat…

Interessant ist das Verhältnis der Frau zu dem (Geheimdienst)Mann: ihm, der psychologisch geschult ist, ist es leicht gefallen, mit Blumen und Pralinen gute Stimmung zu erzeugen, Trost zu spenden ob des Schicksals des abgeholten Ehemannes und die Frau letztendlich in ihrer Schwäche zu verführen. Eine Schwäche, die sich die Frau nicht verzeihen kann, die jedoch bei beiden eine Komponente hat, die über den Zweck, der erreicht werden sollte, hinausgeht: es gab eine gewissen Attraktion zwischen beiden. Unter anderen Umständen…

Die Namenlosigkeit dieser Figuren, ein Symbol des Autoren dafür, wie allgemein diese Schicksale zu nehmen sind: jeder konnte betroffen sein, ohne Ausnahme. Besonders dagegen ist das Schicksal des Paares Johanna und Alan, daß ihnen eine Zukunft erhalten bleibt, ist die absolute Ausnahme, besonderen Umständen gedankt, ihnen ‚lohnt sich‘, Namen zu geben.


Taskas Roman schildert die Vorgänge weitgehend nüchtern, obwohl die Angst der Figuren, das Gehetzte, die Unsicherheit deutlich spürbar ist. Da der Autor eine recht einfach strukturierte Sprache spricht (das soll keine Bewertung sein!), halte ich das Buch sogar für Jugendliche gut geeignet: die Strukturen und Geschehnisse dieser Geschichte lassen sich wohl ohne großes Verbiegen in jedes totalitäre Regime übertragen.

Sehr anschaulich sind auch die kursiv abgesetzten Passagen, in denen Taska seine Figuren selbst zu Worte kommen läßt, indem er ihre Gedanken wiedergibt: Befürchtungen, Ängste, Hoffnungen werden deutlich, seltene Glücksgefühle, Erleichterung, Pläne über das, was als Nächstes zu tun oder zu erreichen ist….

Im Ganzen gesehen ist Pobeda 1946 also ein Roman, der mich sehr positiv überrascht hat: er entführt in eine Weltgegend, in die man auf üblichen Wegen eher selten kommt und macht auf tragische Weise deutlich, wie menschenverachtend dieser (und jeder andere) totalitäre Staat war bzw. ist.

Links und Anmerkungen:

[1] Zum Autoren der Wiki-Beitrag. https://de.wikipedia.org/wiki/Ilmar_Taska
[2] ein paar Quellen zur baltischen Geschichte, durch die ich mich gelesen habe:  https://de.wikibooks.org/wiki/Baltische_Länder:..Fremdherrschaft
https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Estlands
https://linnamuuseum.tartu.ee/en/kgb-kongide-muuseum/pusinaitus/
https://de.wikipedia.org/wiki/Waldbrüder
https://kommunismusgeschichte.de/jhk/jhk-2012/article/detail/estland-waehrend-des-stalinismus-1940-1953-gewalt-und-saeuberungen-im-namen-der-umgestaltung-einer-ge/
[3] Zum Namensgeber des Buches:
https://de.wikipedia.org/wiki/GAZ-M20_Pobeda
[4] lag der Anteil an Russen an der estnischen Bevölkerung 1922 bei 8,2%, stieg er bis 1959 auf über 20 % und liegt noch 2011 (bei einem Maximum von über 30 % im Jahr 1989) bei über 25 %. (https://de.wikipedia.org/wiki/Estland#Bev.C3.B6lkerung)

Ilmar Taska
Pobeda 1964
Übersetzt aus dem Estnischen von Cornelius Hasselblatt 
Originalausgabe: Pobeda 1964, Tallinn, 2014
diese Ausgabe: Kommode-Verlag, HC, ca. 300 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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