Oskar Maria Graf: Das Leben meiner Mutter

Oskar Maria Graf (http://www.oskarmariagraf.de/biographie-lebensdaten.html) war noch nie ein Autor, von dem ich etwas lesen wollte. Ich gebe zu, seine äußere Erscheinung mit diesem urbayrischem Habitus und der offenbar unvermeidlichen Lederhose schreckte mich ab – ein Vorurteil, ich weiß. So brauchte es schon den Geiz, mich zur Lektüre eines seiner Bücher, es wird als Hauptwerk bezeichnet, zu bewegen: Das Leben meiner Mutter lag in einer Kiste mit aussortierten Büchern zum Mitnehmen…

Ich bereue es nicht. Das Buch des mir bis dato nur aus seinem Aufruf: Verbrennt mich! bekannten Autoren [womit er sich vehement gegen die Vereinnahmung seiner Werke durch die Nazis wehrte, die ihn nicht auf den Scheiterhaufen des 10. Mai 1933 geworfen hatten…] hat mich von Anfang an berührt und gefangen genommen.

Das Leben meiner Mutter ist in zwei Teile gesplittet. Der erste Teil befasst sich mit der Geschichte der jeweiligen Familienzweige, mit der Schilderung der Lebensumstände der letzten Jahrzehnte, die natürlich besser dokumentiert sind als die Anfänge. Dieser Teil endet mit den ersten Kindern, die die Mutter Therese (‚Resl‘) in die Welt gebracht hat und so setzt der zweite Teil folgerichtig mit dem Erscheinen des Autoren auf dieser Welt an, denn hier steht sein Leben und sein Verhältnis zur Mutter im Mittelpunkt.

Schauen wir uns erst einmal an, wohin uns Graf führt. Auf diesem Kartenausschnitt ist der Starnberger See zu sehen mit den Gemeinden Berg, Maxhöhe, Aufhausen und Aufkirchen, in diesen Ortschaften spielt sich der überwiegende Teil des Lebens der Familien ab.

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Die Heimraths bewirtschaften seit Jahrhunderten einen einsamen Hof bei Aufhausen [noch heute heißt eine Straße dort ‚Am Heimrathhof‚, siehe auch hier: https://www.literaturportal-bayern.de/component/lpbplaces/?task=lpbplace.default&id=297&highlight=WyJoZWltcmF0aCJd], die Geschichte des Hofes läßt sich bis in den Dreißigjährigen Krieg zurückverfolgen, wo er seltsamerweise nicht wie die anderen Gehöfte zerstört worden ist. Wie der Heimratherbauer dies angestellt hat, wusste man nicht, es machte ihn aber verdächtig. Die Erwähnung einer teuflischen Erscheinung, die ein Knecht durch ein Loch in der Bretterwand beobachtet hatte (ein Ereignis, das im Kirchenbuch festgehalten wurde), wurde später zum Fluch der Familie, die zwar den Schweden getrotzt, dann aber so ihr Selbstbewusstsein einbüßte, wenngleich eine tiefe Frömmigkeit in diesen Menschen verankert war, die Grenze zum Aberglauben war fließend. Man lebte das Leben als ewigen, gegebenen Kreislauf von Geburt, Aufwachsen, Arbeiten, Kinderkriegen, Altwerden und Sterben, das Grundvertrauen in Gott war groß, das Schicksal, das er einem zugewiesen hatte, wurde ohne es zu hinterfragen angenommen. Auch um die Kinder wurde kein Gewese gemacht, Jedes Jahr wurde eins geboren. Starb es, war es schade drum, blieb es am Leben, war es gut. All dies schien eher kreatürliche Existenz gewesen zu sein denn ein auf Sinnsuche konzentriertes Leben. Das Heute wurde gelebt, für das Morgen sorgte der liebe Gott und wenn er gut sorgt, wird es sich vom heute nicht unterscheiden.

Tat es oft aber doch. Denn Graf nutzt seine Familiengeschichte in mannigfacher Weise, um die politischen Randbedingungen dieser Leben zu erläutern. Dabei sind für die Menschen die weltlichen Herrscher weit unbedeutender als der himmlische, gehen und kommen Fürsten und Könige doch im Lauf der Zeiten, Gott aber bleibt. Die Leut dort sind auch abgeschnitten von den Informationsströmen dort am See, vieles bekommen sie gar nicht erst mit. Nur wenn das Militär durch die Dörfer reitet und die jungen Männer mitnimmt, weil wieder mal ein Krieg geführt werden muss, bricht die große, weite Welt in diese fast hermetisch abgeschlossene ein. Aber auch dies nimmt man mit Gleichmut, es war immer schon so, daß Kriege geführt wurden und es wird immer so sein. Viel unverständlicher ist für die Bauern die Tatsache, daß er im Sommer geführt wird, wo doch das Getreide auf dem Halm steht und geerntet werden muß! Dies ist die Welt, in der die Heimraths leben, in die die Resl geboren wird (fast eine „schad-drum-Geburt“), in der die Resl aufwächst, in der sie sich verankert, in der sie sich durch ihre unbändige Lust am Arbeiten und gleichzeitig ihre nie erschöpfende Kraft darin einbringt. Schon mit zwölf Jahren muss sie einen Knecht ersetzen und wenn sie nach den langen, langen Tagesstunden Arbeit sich am Abend mit den anderen Mädchen und Frauen des Hauses noch für Stunde ans Spinnrad setzt, gilt das eher als Erholung…

Anders dagegen bei den Grafs in Berg. Erst 1831 zugewandert kaufte Andeas Graf in Berg ein Haus, zu dem ein Gewerberecht als Bäckerei gehörte [erst in späteren Jahren wurde dieser Rechtsgrundsatz, ein Gewerbe führen zu dürfen, vom Grundstück auf den jeweils Gewerbetreibenden übertragen]. Dieses Gewerberecht war ein verborgener Schatz, den erst Max Graf barg. Denn Max Graf war im Krieg und fast wäre er nicht wieder heim gekommen, sondern auf dem Feld geblieben. Und solch ein Erleben taugt nicht dazu, in der Heimat wieder zu allem Ja und Amen zu sagen, sondern macht widerständig und offen, neues zu wagen. Was soll einem denn schon noch passieren, wenn man dem Tod schon von der Schippe gesprungen ist? Und so springt Max Graf mit hohem Risiko in das Abenteuer, eine Bäckerei aufzumachen. Und es gelingt, vom scheel angeschauten Saufbold und Krawalleur arbeitet er sich hart zum angesehenen und erfolgreichen Geschäftsmann hoch.

Der Mikrokosmos im Umfeld der Familien ist eng, ist begrenzt, ist geprägt von Missgunst und Neid. Bricht jemand wie der Max Graf aus dem Üblichen, dem Althergekommen aus und erlebt einen Rückschlag, weckt dies ungehemmte Schadenfreude à la „das geschieht ihm recht, das hamma doch gleich gewusst!“, hat er Erfolg, wird ihm dieser geneidet und gleichzeitig wird unterstellt, daß dies wohl mit unrechten Dingen zustande gekommen ist. Lieber aber ist den Menschen der Misserfolg das andere, denn ein Erfolg des „Wagenden“ zeigt immer auch die eigene Rückständigkeit und Mutlosigkeit. Erst wenn das Gelingen so überzeugend und gewaltig ist, wie es später beim Graf sein sollte, wird es – widerstrebend – anerkannt und akzeptiert: zu weit hat sich die Familie Graf aus der Masse abgehoben, als daß sie noch dazu gehören würde.

Der Max Graf schafft wie ein Ochse, Tag und Nacht, er schafft, bis er – ausgerechnet vor dem Besuch der Kaiserin „Sis(s)i“ – beim König Ludwig in seiner Sommerresidenz sterbenskrank darnieder liegt. Na, sterben tut er net, der Max, aber er sieht ein, daß er Hilfe braucht: ein Geselle kommt ins Haus und einen Frau braucht er auch, letzteres Unternehmen packt er an wie den Kauf der Kuh, die ihm vom Jud Schlesinger angeboten wird. Der Wirt hat ihm gesagt, welche (die Resl nämlich) zu ihm passen würd‘, das Angebot ist günstig (die Resl ist fleissig, packt an, ist redlich, fromm, schaut gut aus und die Mitgift ist beachtlich) und die Resl wehrt sich nicht sonderlich – der Pfarrer findet die Verbindung gut, die Mutter ist einverstanden, warum sollte sie dann widersprechen, wo der Max ja doch nicht verkehrt ist, auch wenn er manchmal im Wirtshaus sauft und krakeelt.

Doch es ist ein Irrtum, die Resl und der Max passen nicht zueinander. Nie nimmt die Resl die Rollen, die ihr im Hause Graf zufallen, an. Weder die der Hausfrau, die den anderen sagt, wie was zu machen ist, noch die der Geschäftsfrau oder die der Frau, die zusammen mit dem Mann die Zukunft plant. Unsicher ist sie, lieber im Stall als im Haus, redet lieber mit den Knechten oder der Magd als im Haus mit der neuen Familie. Sie arbeitet bis zur Erschöpfung anstatt, daß sie die Arbeit verteilt und sie betet zu ihrem Gott, ganz im Gegensatz zu ihrem Mann. Denn die Grafs haben aufgegeben, an Gott zu glauben, ihres Glaubens wegen sind sie gar zu oft vertrieben oder gar massakriert worden. Ein Onkel Maxens hat dies in Notizen festgehalten, er führt die Familie auf die Albigenser (Waldenser) zurück, die vom Papsttum (und später auch von anderen) gnadenlos verfolgt worden waren.

Der Starnberger See ist ja nicht irgendeine bedeutungslose Ecke in Bayern, auch zu dieser nicht: hier hatte der König seine Sommerresidenz und die Menschen liebten diesen sich seltsam und mit der Zeit immer seltsamer gebenden, imposanten Herrscher. So kamen viele Menschen aus München an den See, bei Festen sogar die Zarin. Man kaufte sich dort Anwesen, die Wirtschaft florierte und auch ein erster Tourismus etablierte sich und brachte einigen eine Menge Geld bis hin zu der Tatsache, daß sogar Grundstücke am See verpachtet wurden, damit Leute dort baden können!

Die Resl kümmert dies alles recht wenig. Sie gebiert in bis zu ihrem 41. Lebensjahr elf Kinder, von denen acht am Leben bleiben. Sie hat „Kindsfüße“ (offene Beine, die sie mit althergebrachten Hausmitteln behandelt), aber für sie gehört dies dazu zum Leben, schon ihre Mutter litt darunter und so machte sie darum kein Aufheben. Der Oskar gehörte zu den letzten der Kinder, er und die Anna. Die Kinder kamen wenig auf die Eltern, auch untereinander waren sie nicht immer einig, häufig gab es Streit. Früh starb der Vater Max, der die Bäckerei zum einträglichen Geschäft aufbaute, danach zerfiel die Familie immer mehr, denn die Mutter war einfach nicht in der Lage, sie zusammenzuhalten. Amerika war das große Ziel vieler, schon die Stasl, die Schwester des Vaters, war dorthin gegangen. Viel und harte Arbeit auch dort, Erfolg, Wohlstand und Reichtum jedoch waren die Ausnahme.

Das älteste der Kinder war der Max, der nach seiner Militärzeit wieder zurückkam und die Bäckerei übernahm. Er terrorisierte die Familie, war ein Heuchler (man kann es nicht anders sagen) und vertrug sich nicht mit den Geschwistern, die ihn bald hassten. Als er dann den mittlerweile sechzehnjährigen Oskar blutig schlug (er hatte dessen heimlich gekauften Bücher entdeckt), büxte dieser aus und floh das Elternhaus in Richtung München.

Ein Sechzehnjähriger vom Land, fast ohne Geld, ohne Berufsausbildung, mit künstlerischen Ambitionen, allein in einer großen Stadt – das konnte eigentlich nicht gut gehn. Und ging es auch nicht wirklich, Oskar verluderte, log, betrog seinen Bruder, kam in Kontakt mit Künstlern und solchen, die es werden wollten. Dieses „Boheme“, wie er es nennt, faszinierte ihn natürlich, umgekehrt wird er mit seinem grob-ungeschlachteten Aussehen ein eher exotischer Akteur gewesen sein. Die linken Ideen von Sozialismus und Kommunismus faszinieren ihn, er kommt in Kontakt mit Anarchisten, trifft auf Leute wie Eisner, Toller oder Mühsam, verteilt Zettel und Flugblätter, nimmt an Versammlungen teil….

Den ersten Weltkrieg überlebt er, er ist kein Soldat und benimmt sich auch nicht so, letztlich landet er in einer Irrenanstalt. Nach dem Krieg sind die Zeiten schlecht, politisch bekämpft jeder jeden, es gibt Unruhen und Aufstände, die Hoffnungen auf eine Revolution werden immer wieder enttäuscht. „Der Verrat der Hoffnung wiegt immer schwerer, wenn er von Linken begangen wird, denn sie ist ihr größtes Kapital. Ist dieses Kapital einmal verbraucht, bleibt nur Verbitterung.“ schreibt Ruben Donsbach ganz aktuell in der Zeit zu den Hintergründen der englischen Version des Chaos, dem Brexit [https://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2019-01/brexit-grossbritannien-bevoelkerung-gesellschaft-spaltung/komplettansicht]. Als ich diesen Satz las, musste ich an Grafs Schilderungen dieser Jahre nach dem ersten Weltkrieg denken, diese Verbitterung tritt in seinem Text oftmals zu Tage,

Auch die Familie zerfällt. Zwischen den Geschwistern herrscht oft Streit, viele von ihnen gehen in die USA, sind dort jedoch nur selten erfolgreich. Besuchen sie die alte Heimat, so sind sie Fremde geworden, können das ruhige, beschauliche Leben mit dem engen Horizont einer bäuerlichen Kultur nicht mehr verstehen. Die Mutter steht dazwischen, versteht all das Neue, was um sie herum entsteht, nicht mehr. Sie bleibt innerlich in der Zeit ihrer Jugend, findet ihren Halt im Beten und in Gott, leidet unter dem Streit der Familie. … Ja, Mutter, du bist aus einer anderen Welt …. Du lebst einfach und weiter gar nichts. so der Sohn Maurus zu seiner Mutter und später dann ähnlich noch einmal in einem Gespräch mit Oskar: … Weißt du, manchmal mein‘  ich, unsre Mutter ist wie ein Tier oder ein Baum. Sie lebt eben dahin, ob das Sinn hat oder nichdt, darüber dentks sie nie nach. und Oskar in seiner Antwort: ….wenn sie jetzt stirbt, hm, grausam – sie hat gar nie richtig gelebt wie ein anderer Mensch. 

Graf kommentiert dies nicht weiter, er schildert seine Mutter, ihr Wesen, ihre Dudsamkeit, ihre Schweigsamkeit auch. Wäre es ihm anders lieber gewesen? An einer Stelle kommt diese Vermutung auf, als es darum geht, daß Resl dem Maurus nie geraten hat, die Leni als Frau zu nehmen, die so gut gepasst hätte… weil so was kann man einem doch nicht raten…

Graf hat diesen Teil seines Buches 1940 (der erste Teil wurde 1938 verfasst) geschrieben, also recht zeitnah. Die Erinnerung des inzwischen Exilierten, davon dürfen wir ausgehen, war noch frisch. Anschaulich beschreibt er, wie sich in diesem wirtschaftlichen und politischen Durcheinander langsam eine bestimmte Kraft etabliert und immer mehr Menschen zu sich zieht – und die auf der anderen Seite immer radikaler gegen ihre (selbsternannten) Feinde vorgeht. Judenfeindliche Parolen, Schlägertrupps, Morddrohungen gegen politische Gegner – all dies nimmt zu und verbreitet eine düstere Stimmung. Und dann wird Hitler tatsächlich zum Reichskanzler ernannt, Graf und seine Frau verlassen Deutschland, denn auch Oskar Graf gehört zu denen, denen das Totgeschlagenwerden angekündigt worden ist.

Das Leben der Mutter und der Grafs durchmaß einige Perioden deutscher Geschichte: 70/71 der Krieg, an dem Max Graf, der Vater, teilgenommen hatte, das Kaiserreich, Bismarck, an dem sich die bayrischen Bauern deftig abarbeiteten, die Unruhen 1918/19, die Weimarer Republik, weitere Unruhen, die Räterepublik in München, der anscheinend unaufhaltsame scheinende Aufstieg der Nationalsozialisten… die Enttäuschung, daß das Volk, die einfachen Menschen, bei all dem keine Rolle spielten, sondern allenfalls Verschiebemasse waren, von den Intellektuellen nach Bedarf genutzt wurden für die eigenen Zwecken. Wie oft wurden Hoffnungen enttäuscht!

Oskar Maria Graf beschreibt dies alles. Sein Text geht weit über eine biographische Erinnerung an seine Mutter hinaus, auch die eigene Biographie ist selektiv. En passant in einem Nebensatz erwähnt er seine erste Frau, später dann, daß er mittlerweile von seiner Schreiberei leben kann. Wenn, dann erzählt er von seinen politischen Ansichten und Enttäuschungen, vom Streit unter den Genossen, vom harten Schicksal, das viele traf. Diese Schilderungen jedoch sind sehr interessant, weil der zeitliche Abstand zwischen Niederschrift und Erleben klein ist, das Ende der Hitlerzeit zur Zeit des Verfassens noch bei weitem nicht abzusehen war. Graf hat selbst mitgetan an der politischen Basisarbeit, hat mitdiskutiert, ist verfolgt worden, er berichtet subjektiv, aber aus erster Hand und sehr von mittendrin. So wird dieser überstrichene Zeitraum beim Lesen lebendig, der plastisch-anschauliche, oft szenische Stil Grafs hat daran großen Anteil, kunstvoll gedrechselte Satzungetüme findet man bei ihm nicht.

Oskar Maria Grafs Leben meiner Mutter ist ein Buch, das beides vermag: zu Herzen zu gehen, was das Menschliche betrifft und eine lebendige Darstellung einer politisch unruhigen Epoche zu geben, die auf ein Verderben bringendes Ziel hinsteuert.

Lesens- und schauenswert:

Katja Sebald: Warum manche Oskar Maria Graf bis heute nicht verzeihen: https://www.sueddeutsche.de/muenchen/starnberg/berg-am-starnberger-see-warum-manche-oskar-maria-graf-bis-heute-nicht-verzeihen-1.3522194

und diese alte Video-Aufnahme aus Berg, wo Graf zu seinem 70. Geburtstag weilte: https://www.youtube.com/watch?v=x9EeGKQvMwg

Oskar Maria Graf
Das Leben meiner Mutter
Erstausgabe: München, 1946
diese Ausgabe: dtv, TB, ca. 670 S., 1982 (in der Auflage von 2007)

 

Julien Green: Leviathan

Es ist interessant, googelt man nach diesem Titel des französischen Autoren Julien Green, so findet man kaum Besprechungen, obwohl der Roman zu denjenigen gezählt wird, die bleiben werden bzw. denen die Chance zugesprochen wird, „… vor der Ewigkeit Bestand …“ zu haben [Iris Radisch, https://www.zeit.de/1998/35/Kind_Gottes ]. Dieser Leviathan, um den es geht, ist ein düsterer Roman des 1900 in Paris “ … als Sohn eines amerikanischen Geschäftsmannes … “ [ein Klappentext, der die Frage nach der Mutter (die früh verstarb [https://de.wikipedia.org/wiki/Julien_Green]) elegant ignoriert] geborenen Autoren, der zwischen den Religionen wanderte, bis er sich endgültig zum Katholizismus bekannte.

Es ist jedoch nicht die Freude, die Erwartung auf Erlösung, der Eingang in ein wie auch immer geartetes Paradies, die Greens Roman beherrscht, im Gegenteil ist es die Sünde, der kaum beherrschbare Trieb, sind es die dunklen Seiten der Seele, die Green uns vorführt. Die mythische Figur des Leviathan (der im Buch nie erwähnt wird) schließlich ist das Symbol gottesfeindlicher Mächte, eine dunkle, zerstörerische Kraft, die in praktisch allen Figuren des Romans zum Tragen kommt.


Die Handlung führt uns in die französische Provinz, wenngleich in der Nähe von Paris gelegen. In der Kleinstadt bewirtet die Mittfünfzigerin Madame Londe in ihrem Gasthaus eine Runde von ausschließlich Männern. Ihr Regiment ist streng, sie hat zwei Knuten, mit denen sie die Männer beherrscht: ihr Wissen um deren Schwächen, denn Madame Londe selbst wird von unerträglicher Neugier gequält, eine Qual, die umso schlimmer ist, als sie zwar in der Lage ist, zu erfühlen, daß irgendwo und irgendwie sich hinter allem, was sie wahnimmt, ein Geheimnis verbirgt, ihr dieses Geheimnis, oder gar eine Ahnung davon, jedoch absolut verborgen bleibt. So bezieht sie ihr Wissen von Angèle, einer jungen, schönen Frau, die sie seinerzeit als Waisenkind aufgenommen hat und die jetzt in der gegenüber dem Wirtshaus liegenden Wäscherei arbeitet. Die Männer können sich – gegen ein Entgelt, das Madame Londe einbehält – mit Angèle treffen, wobei Madame Augen und Ohren davor verschließt, zu welcher Art von Dienstleistungen Angele bei diesem Arragenments aufgefordert wird – ihr ist die Hauptsache, daß die junge Frau die Männer aushorcht.

Eines Tages taucht der schüchtern und linkisch wirkende Hauslehrer Guéret in ihrem Gasthaus auf und erweckt ihre Neugier. Guéret ist bei der wohlhabenden Familie Grosgeorge als Lehrer des Sohnes angestellt, er ist er vor kurzem mit seiner Frau, die er schon lange nicht mehr liebt, ja, eher verabscheut, aus Paris in diese kleine Stadt gezogen. Jedenfalls sieht Guéret Angèle und verliebt sich in sie, die junge Frau jedoch will anscheinend nichts von ihm wissen, er ist ihr seltsam unheimlich in seiner linkisch-verdrucksten Art, sie ist von den Männern ein anderes Benehmen gewohnt. Guéret, der von Madame Londe in die Runde ihres Mittagstisches aufgenommen wird, erfährt bald von den Männern, daß man sich über Madame mit Angele verabreden kann und daß diese dann die Bedürfnissen zu befriedigen zur Verfügung steht….

Die Tatsache, daß Angèle , die er liebt, ihn als Einzigen abweist, bringt alles, was in Guéret an Zorn, Wut, Enttäuschung und Hass aufgestaut ist, zum Ausbruch: er tut ihr Gewalt an und fügt ihr durch heftige Schläge mit einem Ast eine bleibende Entstellung im Gesicht zu, Angeles Schönheit, ihre Ausstrahlung ist daraufhin für immer zerstört.

Mit dieser Untat Guérets (der eine weitere folgt) ist das sorgsam austarierte Gleichgewicht der Laster in der Gesellschaft zerstört. Da Madame Londe nichts mehr über die Geheimnisse der Männer erfährt und Angèle als Lockmittel ausgefallen ist (vergeblich versucht sie, in Fernande, die erst dreizehn Jahre alt ist, einen Ersatz für Angèle zu finden), verliert sie ihre Macht über diese. Die Neugier, die sie nicht mehr befriedigen kann, ihr Nichtwissen über die Anderen bringt sie langsam in einen Zustand völliger Verzweiflung, die brüchige Basis ihres Lebens offenbart sich.

Wochen gehen ins Land.. Guéret  ist nach seinen Untaten auf der Flucht, bleibt aber in der Nähe, denn seine Liebe zu Angèle wird immer verzweifelter. Diese ihrerseits geht kaum noch aus ihrem Zimmer bei Madame Londe, die Wunden sind zwar verheilt, die Narben jedoch entstellen sie auf immer. Beide, Guéret als auch Angele suchen Hilfe und gelangen, wenn auch nicht freiwillig, an Madame Grosgeorge, eine weitere Hauptfigur des Romans.

Eva Grosgeorge ist eine hartherzige Frau, die ihren Mann verachtet und ihren Sohn, den ihr ihr Mann mit Gewalt gemacht hat, hasst. Sie kann dem Leben nichts abgewinnen, leidet unter dem Leiden der Wohlhabenden, der Langeweile. Welchen Sinn hat es, am Leben zu sein, dieser immerwährenden Abfolge immer gleicher Ereignisse, an deren Ende unausweichlich der Tod steht?

Während Angèle , die eigentlich zu ihrem Gönner, Herrn Grosgeorge wollte, letztlich Madame Grosgeorge um Geld anfleht, mit dem sie die Stadt verlassen kann, um woanders zu leben, ist es Eva Grosgeorge selbst, die auf Guéret trifft, ihm Geld verspricht, ihn in ihr Haus lockt, dort einsperrt und die Macht über ihn geniesst. Träume und Fantasien suchen sie heim, bis sie sich letztendlich ein tief verstecktes Gefühl eingestehen muss…

Guéret hat die Begegnung von Madame Grosgeorge und Angèle belauscht, so daß er Angèle , als diese wieder nach Hause eilt, hinterher rufen kann. Er gesteht ihr seine immer noch währende Liebe und daß er mit ihr zusammen fliehen will. Ferner verspricht er ihr, Geld zu besorgen und sie verabreden sich für den nächsten Abend.

So kommt es zu einem regelrechten Showdown zwischen den Protagonisten, in dem auch noch die Eifersucht eine große Rolle spielt, ein weitere der dunklen Leidenschaften, die den Menschen beherrschen können.

Der Roman, wen wunderts, hat kein Happyend. Das Schicksal Guérets bleibt offen, Angèle , die an starken Fieber erkrankt, holt sich den Tod bei dem Versuch, zum vereinbarten Treffpunkt zu kommen und Madame Grosgeorge überlebt ihren Versuch, sich selbst zu töten.


Leviathan ist die schonungslose Sektion menschlicher Schwächen und seelischer Abgründe. Keine der Figuren des Romans erweckt Sympathien beim Lesen (schon die Beschreibung seiner Hauptfigur auf der ersten Seite zeichnet einen Menschen voll im Grunde abstoßender Gewöhnlichkeit: … er war noch jung, hatte aber etwas Welkes und Verbittertes an sich… Sein Gesicht war füllig, aber farblos, und das Fleisch so schlaff, daß man schon die späteren Hängebacken voraussah, … Die große fleischige Nase, die dicken Lippen deuteten auf einen Menschen von wenig Willenskraft hin, …), einzig mit Angèle, die von ihrer „Tante“ so skrupellos ausgenutzt wird, rührt sich hin und wieder Mitleid, obwohl sie sich gegen die Treffen mit den Männern auch nicht zu sträuben scheint. Die Männer ihrerseits ordnen sich widerstandslos dem strengen Kuratel einer älteren Frau unter, weil eben genau diese ihnen den Zugang zur Befriedigung ihrer sexueller Wünsche bietet. Madame Londe andererseits ist getrieben von ihrer inhärenten Unsicherheit, die sich als unbändige Neugier äußert, die sie mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln zu befriedigen sucht. Dafür prostituiert sie Angèle, ist sie später in ihrer Verzweiflung sogar bereit, das Kind Fernande zu opfern. Angèle dagegen nutzt die Macht, die Madame Londe ihr durch die Abhängigkeit von ihren Informationen quasi in die Hand legt, nicht zu ihrem Gunsten, sondern ergibt sich in ihr Schicksal, so sehr sogar, daß sie Guéret, der ihr aufgrund seiner Linkigkeit und Verdruckstheit seltsam vorkommt, obwohl er der einzige der Männer ist, der ein wirkliches Gefühl für sie zu haben scheint, ablehnt und zurückweist, zumindest aber hinhält. Er erkennt nicht, kann nicht erkennen, daß diese Situation auch für Angèle fremd ist. Sie kommt nur mit Männern zusammen, die sie stundenweise wollen, daß sich hier jemand um sie als Mensch bemüht, verunsichert sie und läßt sie zurückweichen, zumal Guéret in seiner äußeren Erscheinung nicht sonderlich sympathisch auf sie wirkt.

In Guéret hat sich über Jahre hinweg nur mühsam kontrollierte Frust und Aggression angesammelt. Beruflich wenig erfolgreich, mit einer Frau verheiratet, deren Reiz nach der Hochzeit (für ihn zumindest) verloren gegangen ist, ist er vom Leben enttäuscht, die Aussicht auf die Zukunft, die ihn erwartet, stürzt ihn in Verzweiflung. Und dann erscheint ihm die junge Angèle, die ihm ein Licht in dieser seelischen Düsternis wird – doch sie lehnt ihn, der sich ihr gegenüber nicht richtig artikulieren kann, offensichtlich  ab, ja, nachdem Guéret die Tatsache, daß sie zu mieten ist, akzeptiert hat, weist sie ihn sogar als zahlenden Kunden zurück. Diese Erniedrigung erträgt der Mann nicht, was er nicht mieten kann, will er sich mit Gewalt holen. Ein völliger Kontrollverlust ist die Folge, in dem Guéret blind und besinnungslos zuschlägt.

Fast die interessanteste Figur im Leviathan ist jedoch die erst spät in die Handlung eingreifende Frau Grosgeorge [es ist weit hergeholt, ich weiß, aber ich muss bei diesem Namen immer an George Grosz denken, diesen in Berlin geborenen Künstler, dessen „…typische Sujets … die Großstadt, ihre Abseitigkeiten (Mord, Perversion, Gewalt) …“ sind. Bei den Beschreibungen der Männer in der Runde Madame Londes sind mir immer seine Zeichnungen und Malereien vor Augen gekommen, ebenso könnte der Herr Grosgeorge dieses Romans seinem Werk entsprungen sein. Entstehungszeit des Leviathan und die Berliner Zeit von Grosz fallen übrigens zsuammen. (https://de.wikipedia.org/wiki/George_Grosz)]. Sie und Guéret sind Seelenverwandte, vom Leben enttäuscht, nichts mehr vom Leben erwartend, sind sie innerlich leer, mit verkrusteter Seele sucht sich diese Leere ein Ventil in der Gewalt. Ist es bei Guéret ein eruptiver Ausbruch, so äußert sich bei Eva Grosgeorge diese Gewalt als Gewalt gegen ihr eigenes Kind, das sie unbarmherzig abstraft, sobald es in ihren Augen versagt – und das tut es oft. Der Junge ist für sie Fleisch gewordenes Symbol ihrer in der Ehe erfolgte Vergewaltigung durch ihren Mann, der sie als ausdrucksloser, saturierter Mensch schamlos betrügt – unter anderem mit Angèle.

Erkennt sie intuitiv die Seelenverwandtschaft mit Guéret, der schnell als Täter erkannt und gesucht wird? Sucht sie ihn gar auf ihren Spaziergängen? Jedenfalls verrät sie ihn nicht, als sie auf ihn trifft, ihn erkennt und anspricht. Sie sagt ihm sogar, sie wolle sich am nächsten Tag mit ihm treffen… tatsächlich findet ein Treffen der beiden statt, auch wenn nicht so, wie Eva Grosgeorge es geplant hat. Daß es sogar auf die Verabredung von Guéret mit Angèle beruht, ahnt sie nicht, im Gegenteil, in ihrer nächtlichen Fantasie dringen langsam Bedürfnisse und unterdrückte Lüste (so darf man annehmen) an die Oberfläche, die sie auf den Mann, der von ihrer finanziellen Unterstützung abhängig ist und den sie in einem Zimmer ihres Hauses eingesperrt hat, projiziert.

Der Roman spielt im Winter, es ist düster draußen, Kälte herrscht und kaum ein Holzscheit im Ofen verbreitet den Anschein von Wärme. Die Ausnahme ist „Mon Ideé“, die geschmacklos eingerichtete Villa der Grosgeorges, die genügend Geld haben, um zumindest die Räume, in denen sie sich aufhalten, zu heizen. Das Düstere, Pessimistische findet sich auch in der Handlung außerhalb der direkten Verbrechen: Angèle, deren Namen Botin oder Engel bedeutet, wird entstellt und stirbt, Eva, ebenfalls mit biblischem Bezug im Namen, ist keineswegs geeignet, ihrer Namensgeberin zu entsprechen.

Greens Roman erschien 1929, er ist vom Inhalt jedoch zeitlos. Meisterhaft stellt der Autor die seelischen Verwerfungen seiner Protagonisten dar, zeichnet die Narben, die das Leben in die Psyche geschnitzt hat, nach. Diese sind durchweg den dunklen Seiten ihrer Süchte ausgeliefert: dem Hass, der Neugier, der Langeweile, der sexuellen Trieb. Entsprechend düster und dunkel ist die Atmosphäre, in der die Handlung spielt, nur an ganz wenigen Stellen kommt etwas Licht in die Szenerie, deutet der Autor an, wie das Leben wohl hätte verlaufen können, wenn sich seine Figuren der Liebe geöffnet hätten, dem Positiven. Aber sie hatten alle keine Wahl, waren Gezwungene der Umstände, die das Leben ihnen bot.

Man muss sich in das Buch einlesen, Green hat sich die Zeit genommen, seine Figuren zu durchleuchten, uns als Leser dabei mitzunehmen in die Tiefen ihrer Psyche, eine wahrhaft intensive Exkursion, die nicht zur Erheiterung beiträgt – das sei gesagt. Bei mir im Lesekreis (herzlichen Dank für die Diskussion!) sorgte es für lebhafte Gespräche: auf der einen Seite war es den meisten zu düster, zu dunkel, zu negativ, auf der anderen Seite hat niemand dagegen gesprochen, daß die Umsetzung des Themas, die literarische Darstellung ein Glanzpunkt ist. Ich möchte mich dem Ergebnis unserer Diskussion in diesem Kreis weitgehend anschließen: Leviathan ist ein düsteres Werk (aber genau das wollte der Autor: das Wüten des Leviathan in der Seele des Menschen zeigen), aber es lohnt sich auch heute noch, dieser aussergewöhnlichen Text zu lesen.

Julien Green
Leviathan
Übersetzt aus dem Französischen von Eva Rechel-Mertens
Originalausgabe: Leviathan, Paris, 1929
diese Ausgabe: Süddeutsche Zeitung (Bibliothek Bd. 43), HC, ca. 306 S., 2004

Irmgard Keun: Kind aller Länder

Es ist ein wenig schade um diesen 1938 erschienen Roman der deutschen Schriftstellerin Irmgard Keun (1905 – 1982). Diese gehörte zu den vielen, die nach 1933 aus Deutschland vertrieben wurden, sie gehörte zu den wenigen, die nach Holland ins Exil gingen. Ich selbst bin durch das sehr empfehlenswerte Buch  von Bettina Baltschev über diesen Exilort: Hölle und Paradies auf Keun aufmerksam geworden. Keun hatte zu dieser Zeit eine intensive Beziehung zu Joseph Roth (hier im Blog mit Die Legende vom heiligen Trinker und Hiob vertreten), der bekanntermaßen dem Alkohol verfallen war, ein Schicksal, das in späteren Jahren auch der Autorin widerfahren sollte. Die Beziehung hielt nicht allzulange, Roth war viel unterwegs, hielt sich auch oft in Frankreich auf, publizierte aber bei Querido in Amsterdam.


Im vorliegenden Roman ist diese Beziehung der beiden Künstler Hintergrund der Handlung, die aus der Sicht der zehnjährigen Tochternamen Kully geschildert wird. Der Mann, ein Autor, ist leichtsinnig, ein Verschwender des wenigen Geldes, das er besitzt. In Deutschland mit Schreibverbot überzogen, kann er nur vereinzelt Zeitungsartikel veröffentlichen und – wenn überhaupt – nur im Ausland Verträge für neue Bücher abschließen. Auf diese erhält er dann Vorschüsse, von denen die drei sich dann wieder eine Zeitlang über Wasser halten können. Nicht immer oder eher selten erfüllt der Vater seine Verpflichtung und kann Manuskripte liefern, dann muss die Mutter um Aufschub betteln, um weiteres Geld, um Mitleid… daß der Mann dem Alkohol zugeneigt ist und auch Vergnügen nicht aus dem Weg geht, vereinfacht die Situation nicht.

Man wohnt in Hotels, drückt sich in Restaurants herum mit möglichst wenig Verzehr. Aus den Hotels kann man kaum ausziehen, man müsste in diesem Fall an der Rezeption zahlen – was nicht möglich ist… Meist sind es Mutter und Kind, die in dieser Zwangslage stecken, der Vater ist auf Reisen, neues Geld zu besorgen und es möglicherweise auch gleich wieder zu verspielen und/oder zu vertrinken. Ein Leben ohne Hoffnung auf Besserung, ein Leben von einem Tag zum nächsten, ein Leben voller Hunger und Angst, entdeckt zu werden. Ein Leben, das immer in Gefahr war.

Es gelingt Keun, diese Anspannung, diese Unruhe und auch die Angst, in der Mutter und Tochter leben, spürbar zu machen. Durch den kindlichen Ton, in dem der Text gehalten ist, wird der Angst zum einen die Schärfe genommen, zu anderen  jedoch kann ein Kind vieles aussprechen, über was ein Erwachsener meist schweigen würde. Trotzdem ist mir dieser durchgänge Kinderduktus der Sprache irgendwann auf die Nerven gegangen, ich gebe es zu.

So interessant der Roman also als Schicksalsroman eines Emigrantenpärchens ist (zumal er ja ein reales Pärchen als Hintergrund hat), so hat er mir doch nicht so gefallen wie Keuns „Kunstseidenes Mädchen„. Das wäre sicher anders gewesen, wenn die Autorin ihrer Erzählerin nicht die Bürde aufgehalst hätte, den gesamten Text zu erzählen, sondern ihre Sprache auf einzelne Passagen beschränkt hätte. Aber Kind aller Länder liest nun mal so, wie er verfasst worden ist und leid getan hat mir die Lektüre letztlich auch nicht.

Irmgard Keun
Kind aller Länder
Originalausgabe: 1938, Amsterdam (Querido)
diese Ausgabe: KiWi, HC, ca. 220 S., 2016

 

 

Anne Gesthuysen: Sei mir ein Vater

Die Journalisten und Autorin Anne Gesthuysen legt mit Sei mir ein Vater ihren zweiten Roman vor. Es ist ein Roman, der sich jedoch in Teilen am Leben der Autorin orientiert, wie sie ihrem Nachwort ausführt. Sei mir ein Vater ist zum einen eine Detektivgeschichte, zum anderen eine Familiengeschichte, in der unterschiedliche Themenkreise auszumachen sind. Ohne sich groß anzustrengen kann man so die Frage nach der Art und Weise, wie man sterben will, erkennen, die Frage, wie Familie „gelebt“ wird, spielt ebenso eine große Rolle, Unterschiede auch in der Lebensweise von Franzosen (genauer: Parisern) und Deutschen (genauer: Niederrheinern) werden deutlich und nicht zuletzt gibt Gesthuysen eine Milieuschilderung aus dem Umkreis der Kunstszene in Frankreich gegen Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts. Das ist schon eine ganze Menge…

Somit spielt der Roman in zwei Zeitebenen. In der Jetztzeit sind zwei junge Frauen die Hauptpersonen, Hanna und Lilie, die Alter Egos der Autorin und einer französischen Freundin. Die beiden hatten sich vor vielen Jahren kennengelernt, als die kapriziöse Jungpariserin Lilie als Austauschschülerin in die eher bodenständige Familie Hannas nach Veen gekommen war. Die zwei Welten, die dort aufeinanderprallten, passten erst gar nicht zusammen, aber Lilie merkte schnell, daß es ausser Schwarzbrot und früh aufstehen in der Gastfamilie noch etwas anderes gab: Zusammenhalt, Gemeinsamkeit, Verbundenheit, Wärme und Geborgenheit. Das kannte sie, die bei ihrer Mutter aufwuchs, vom unzuverlässigen und in der Welt herum vagabundierenden Vater war sowieso nichts zu erwarten, nicht und bald adoptierte Lilie den Pflegevater Hermann in ihrem Herzen – was auf Gegenseitigkeit beruhte. So wurde Lilie letztlich ein vollwertiges Familienmitglied.

Zeitgleich geschieht nun zweierlei und die Romanhandlung setzt (ca. 20 Jahre nach der Austauschschülerzeit) ein. Zum einen ist beim Vater Hermann eine Krebserkrankung so schwerwiegend, daß ein baldiger Tod zu befürchten ist. Zum anderen wird bei Lilie gerade in dem Moment eingebrochen, als sie an den Niederrhein reisen will, um Abschied zu nehmen. Seltsamerweise war das Ziel des Einbruchs ein eigentlich wertloses, in der Abstellkammer vor sich hinstehendes Gemälde eines unbekannten Malers, George Agutte. Na ja, so ganz unbekannt war Lilie dieser Maler nicht, denn schließlich hieß sie ja selbst mit Nachnamen Agutte, war eine entfernte Verwandte dieses sehr früh verstorbenen Künstlers. Bekannter als George Agutte selbst war jedoch dessen Tochter Georgette [https://de.wikipedia.org/wiki/Georgette_Agutte], die in ihrer Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende eine bekannte Frau und Künstlerin in Frankreich war (auch wenn sie heutzutage fast vergessen ist). Zusammen mit ihrem zweiten Mann Marcel Sembat, der großen Liebe ihres Lebens, einem Rechtsanwalt und Politiker [https://de.wikipedia.org/wiki/Marcel_Sembat], war sie eine einflussreiche Förderin und Mäzenen damals noch junger Maler, die sich gegen die herrschende Kunstauffassung erst noch durchsetzen mussten, Henri Matisse, Claude Monet u.a.m waren unter ihnen.

Für die drei Protagonisten Lilie, Hanna und Hermann stellt sich schnell die Frage, was an dem Bild so wichtig sein könnte, daß man es gezielt stehlen wollte, ja, daß überhaupt jemand wusste, wo es zu finden sei. Und so begibt sich dieses Trio auf die Suche nach der Antwort, die sie erst zu einem Restaurator führte, dann weiter nach Paris und in die Provinz zum ehemaligen Atelier der Ururgroßtante Lilies und schließlich in die Karibik zu Yves, dem vermaledeiten Vater Lilies, den wiederzusehen Lilie nun keineswegs erpicht ist.

Für Hermann ist diese Recherchereise auch eine bzw. die Möglichkeit, dem langsamen Siechen im Krankenbett zu entkommen, entsprechend antreibend und motivierend agiert er trotz immer wieder auftretender körperlicher Schwächeanfälle. Für Lilie dagegen ist die Reise eine Annäherung an den bis dato auf Distanz gehaltenen väterlichen Familienzweigs der Aguttes, denn Georgette war eine bemerkenswerte Frau und Künstlerin. Sie musste sich als Frau durchsetzen, so war sie zu ihrer Zeit die einzige Künstlerin auf der Académie des Beaux-Arts unter den Fittichen Gustave Moreaus, der sie förderte gegen den Zeitgeist. Als Malerin war sie durchaus begabt, aber ihr Talent reichte offensichtlich nicht, um ‚richtig‘ berühmt zu werden… in einer schönen Szene verdeutlicht Gesthuysen dies: Matisse besucht das Ehepaar Sembat, wird auch in des Atelier geführt, wo Georgette ihm das Gemälde zeigt, an dem sie gerade arbeitet und mit dem sie nicht recht zufrieden ist. Matisse betrachtet das Gemälde einige Zeit, nimmt dann Pinsel und Farben, später drückt er sich die Farben in die Handfläche und er verteilt die Farben auf dem Bild und mit jedem Streichen seines Daumens gewinnt das Gemälde an Seele und Leben, etwas, was ihm vorher völlig abging…

Das Leben des Ehepaares Sembat währte bis 1922, also über den 1. Weltkrieg hinaus, während dessen Marcel Sembat zeitweise Minister war, hinaus. Daß er nach Intrigen aus dem Amt entlassen wurde, brach ihn, das Paar zog sich zurück, zeitweise in die Schweiz, zeitweise nach Südfrankreich, bis sie sich schließlich in Chamonix ein kleines Chalet kauften. Dort erlitt Marcel einen tödlichen Schlaganfall, seine Frau Georgette folgte ihm am Tag darauf in den Tod.

Das alles hat die Autorin in flüssiger, gut lesbarer Weise niedergeschrieben. Die Handlungsstränge wechseln sich ab, auf ein Kapitel Jetztzeit folgt ein eher biografischer Abschnitt aus dem Leben Georgette Aguttes. Natürlich löst sich das Geheimnis des versuchten Diebstahls bzw. das des Bildes am Ende des Romans auf, für uns Leser ist es eigentlich gar nicht so überraschend. Während die pseudobiografischen Schilderungen in relativ nüchternem Ton gehalten sind, versucht sich die Autorin in den Jetztzeitkapiteln mit einer lockereren Darstellung, in der hin und wieder trockener Niederrheinhumor zu spüren ist.

Der Teil des Buches, der dem Leben Georgette Aguttes gewidmet ist, krankt für mich als Leser wie immer in solchen Fällen daran, daß die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion nicht zu erkennen ist. War Georgette wirklich die hochgeschätzte Gesprächspartnerin für Matisse, als die sie Gesthuysen beschreibt? Inwieweit sind die Diskussionen und Gespräche reine Erfindung der Autorin oder sind sie nachempfunden, konstruiert aus z.B. Briefen, die sie gelesen hat? Es ist schwierig als Leser, denn die Figuren, seien es nun Georgette, sei es Matisse, seien es Picasso oder Modigliani – sie entstehen im Zuge der Schilderungen vor dem inneren Auge und man weiß nicht, ob dieses Bild der Wirklichkeit entspricht…

Eine Diskrepanz habe ich nicht auflösen können: zwar spielt das Verhältnis zwischen Lilie und Hermann eine Rolle im Roman, doch für meine Begriffe nicht so groß, daß sie es rechtfertigen würde, das Buch danach zu benennen. Wollte die Autorin diesen Aspekt damit aufwerten? Ich weiß es nicht….

Zusammenfassend kann ich jedoch festhalten, daß mir dieser Roman als gute Unterhaltung gedient hat. Das Atmosphärische der Künstlerkreise um die vorletzten Jahrhundertwende, auch diverse Schilderungen aus dem politischen Alltag (Marcel Sembat war, wir erinnern uns, überzeugter und aktiver Sozialist), besondern im Zusammenhang mit den 1. Weltkrieg, hat mich überzeugt und die Detektivgeschichte, die etwas lockerer dargestellt worden ist, hat den Text immer wieder aufgelockert. Und immer wieder ist man verführt, sich die im Buch geschilderten oder erwähnten Bilder anzusehen – was ein leichtes ist, google und dem Internet sei Dank!

Anne Gesthuysen
Sei mir ein Vater
diese Ausgabe: KiWi, HC, ca. 420 S., mit Quellenangaben, 2015

T Cooper: Lipshitz

Der vorliegende Roman Lipshitz ist der dritte Roman T Coopers [http://t-cooper.com/]. Lipshitz ist eine Familiensaga der besonderen Art, sie ist nicht dokumentarisch, sondern fiktional an plausiblen Erklärungen und Darstellungen des Schicksals der einzelnen Familienmitglieder orientiert: The New York Times: „Ist das alles wahr?“ – T Cooper: „Nicht ein Fitzel ist wahr, auch wenn einige Vorfälle stimmen, und andere auch, obwohl ich sie erfunden habe.“ [https://www.mare.de/buecher/lipshitz-433]. Zu dieser „Verwirrung“ trägt die Person T Coopers nicht unerheblich bei: T Cooper ist transgender und tritt im zweiten Teil des Buches gleichzeitig als männliche Figur in der Handlung auf, einer Figur, bei der jedoch das offensichtlich scheinende Geschlecht ebenfalls nur oberflächlich so ist. Aber nun zum Roman:

Dessen Geschichte setzt im Ansiedlungsrayon der Juden im zaristischen Russland ein. Dort leben Hersch und Esther Lipshitz mir ihren vier Kindern Ben, Schmuel, Miriam und Ruben, sie teilen sich ein Haus mit Avi, dessen Frau Ruth und der kleinen Tochter Leah. Avi und Esther sind Geschwister mit einer sehr engen Bindung aneinander.

Die Zeit nach der Wende vom 19. in das 20. Jahrhundert ist für Russland voller Unruhen, es gibt Aufstände und 1905 setzt die russische Revolution ein. Wie so häufig richtet sich die Wut und die Aggression vieler gegen die jüdische Bevölkerung, die Literatur ist voll von Romanen, in denen die aufflammenden Verfolgungen und Progrome beschrieben werden, viele Juden fliehen, verlassen Russland in Richtung Amerika, sowohl nach Nord-, aber auch nach Südamerika [dazu gibt es bei im Blog auch Beispiele wie z.B. Edgardo Cozarinsky: Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich….]

Das Dorf, in dem die Lipshitz‘ leben, bleibt nicht verschont. Der zurückhaltende Hersch schätzt die Gefahr realistisch ein, als er die Zusammenrottung der Christen sieht und flieht für die Nacht mit seiner Familie. Avi dagegen glaubt sich durch seine Bekanntschaft mit der Polizei, für die er viel arbeitet, geschützt und bleibt. Dies wird ihm zum Verhängnis, er wird selbst niedergeschlagen und schwer verletzt, seine Tochter wird zu Tode misshandelt und seine Frau begeht später in der Folge dieser Katastrophen Suizid. Avi verstummt bis er auf einem Flugblatt liest, daß es eine Gelegenheit gibt, nach Amerika auszuwandern. Diese Chance nutzt er, er kommt nach Texas und lernt dort auch eine andere Frau kennen.

Hersch und Esther bleiben vorerst in ihrem russischen Dorf, aber ein paar Monate später entscheiden auch sie sich zur Flucht. Sie lassen fast alles zurück, es ist eine sehr quälende und gefahrvolle Reise, bis sie endlich in Bremerhaven sind und auf das Schiff kommen. Unter unsäglichen hygienischen Bedingungen erreichen sie schließlich Ellis Island…

Dort, im Gedränge und Durcheinander vor den diversen Kontroll- und Untersuchungsstationen bei der Einreise ist auf einmal Ruben, der weizenblonde, so überhaupt nicht jüdisch wirkende Sohn verschwunden. Im einen Moment war er noch da, im nächsten spurlos weg. Alles suchen ist vergebens, über ein Jahr leben die Lipshitz‘ in New York bei einer Cousine Esthers und versuchen, Ruben zu finden… Dann geben sie praktisch auf, nur Ben, der eh nicht mit nach Texas will, bleibt in NY, sozusagen als Alibi, mit dem Auftrag, weiterhin regelmäßig das Büro der jüdischen Hilfsorganisation zu besuchen und nach den Ergebnissen der Suche zu fragen.

So landet die Lipshitz-Sippe in Amarillo, Texas.

Im ersten Teil des Romans schildert T Cooper nach der Beschreibung der Ausgangssituation das Leben der Ausgewanderten in der neuen Umgebung. Es ist nicht einfach, Hersch, der nicht sehr durchsetzungsfähig ist, eher ein Dulder und Erdulder, verliert immer wieder seinen Arbeitsplatz, Es ist ferner nicht so, daß Juden direkt willkommen geheißen werden, ein unterschwelliger Antisemitismus ist allzeit präsent. Die Ehe von Hersch und Esther kann man nicht als glücklich bezeichnen, Esther verachtet ihren Mann für seine vermeintliche Schwäche und Hersch kann sich Esther nicht (mehr) erklären, er weiß nur, daß er der Ersatzkandidat ist, da Avi als Bruder unerreichbarer Traum Esthers bleiben musste…

Und Ruben, der verlorene Sohn? Er kehrt nicht mehr zurück, in der gesamten Situation, die insbesondere Esther sehr mitnimmt, verschwindet oder versteckt sich die Trauer um diesen tragischen Vorfall immer wieder, man gewinnt aus T Coopers Beschreibung eher den Eindruck, daß – zumindest phasenweise – dieses fehlende Kleinkind auch eine nicht vorhandene Belastung darstellt. Vergessen jedoch ist Ruben nicht… Esther geht sogar (heimlich) zu einen Scharlatan (was sie nicht glaubt), der ihr aus der Hand liest….

Jahre später (Ben ist mittlerweile auch bei der Familie in Texas, Schmuel ist nach seinem Kriegseinsatz an der Spanischen Grippe gestorben) ist Amerika im Taumel: Charles Lindbergh hat als erster den Atlantik im Alleinflug bezwungen. Und als Esther das Bild Lindberghs in der Zeitung sieht, 25jährig, blond, steht für sie unzweifelhaft fest, daß dieser junge Held ihr Ruben ist…


Die Lipshitz‘, die mit vier Kindern nach Amerika gekommen sind, hätten a priori die große Chance auf viele Nachkommen gehabt, durch die drei Söhne sogar auf viele Lipshitzs. Es sollte so wohl nicht sein. Nach T Cooper wird wohl niemand mehr Lipshitz-Blut in sich tragen (lassen wir den tragischen Fall Ruben mal aussen vor), schon nach zwei Generationen ist die Familie ans Ende gekommen.

Im zweiten, völlig anders gearteten Teil des Romans, schildert T Cooper zweierlei: durch einen tragischen Autounfall sind seine Eltern (Miriam war T Coopers Großmutter, deren Tochter Anne-Rose seine Mutter), verstorben, zusammen mit seinem (Adoptiv)Bruder muss der in NY lebende Rapper den Nachlass der immer noch in Amarillo ‚lebenden‘ Eltern regeln. Zum anderen hatten ihm seine Eltern, als sie über ein Interview von seinen Plänen, evtl über die Familiengeschichte zu schreiben, alle möglichen und unmöglichen Dokument, die die Großmutter Esther aufgehoben hatte (vor allem über den Fall Lindbergh), anvertraut…

So sitzt T Cooper, Eminem-Verehrer und -Imitator, der in NY als Rapper auf Bar-Mizwas aufspielt, der sich immer bemüht, möglichst wütend und böse zu sein, aber dann doch heimlich ein Trinkgeld auf den Tisch legt, der beim Rechtsanwalt festlegt, das das Geld fürs Pflegeheim des Opas von seinem Konto abgebucht wird (und nicht von dem des unzuverlässigen Bruders), er also in Amarillo, im verlassenen Haus der Eltern, vor -zig Fernbedienungen, die er nicht zuordnen kann, muss schauen, daß er den Junkie-Bruder halbwegs klar hält (was nicht immer gelingt) und bastelt einen Modellbausatz der Spirit of St. Louis zusammen…

Der amerikanische Traum hat sich für die Familie nie wirklich erfüllt. Das New York, in das sie Anfang des Jahrhunderts flohen, war ein einziges, dreckiges, stinkendes Loch, in dem es ums Überleben ging. Völlig beengte Wohnungen, schlimme hygienische Verhältnisse, Arbeit, die kaum entlohnt wurde – wenn man sie überhaupt fand. Von Tellerwaschen, geschweige denn Millionärwerden keine Spur. In Texas war es etwas besser, Avi, der Bruder Esthers, konnte der Familie etwas unter die Arme greifen, aber wirklich besser wurde es wohl erst mit Sam Lazarus, der sich so tief in Mariam verliebte und der es als Geschäftsmann wohl selbst faustdick hinter den Ohren hatte.

Lindbergh, der amerikanische Superstar, der sich später dann mit Nazi-Gedankengut anfreundete und der u.a. die Juden dafür verantwortlich machte, daß die USA in den Zweiten Weltkrieg eingriffen. Als Redner und Agitator fand er in den Arenen sein Publikum. Lindbergh machte seinerzeit durch zwei Ereignisse Schlagzeilen: durch seinen Flug natürlich und durch die Entführung seines Kindes. Beides dokumentiert Cooper im Roman durch (übersetzte) Zeitungsartikel, die einen Blick auf diese Vorgänge und auf die Person Lindbergh ermöglichen, in die Amerika Heldentum projizierte so wie er für Esther Ruben war. Insofern ist dieser Roman auch eine kleine Geschichtsstunde.


Der Roman liest sich gut, ist nach Daten gegliedert, an denen entscheidendes in der Familiengeschichte geschah. Eindringlich stellt er die Schrecken der Progrome und der Flucht dar, sind die unterschiedlichen Charaktere in der Familie beschrieben. Am zerrissensten ist der der Mutter Esther, die ihren Mann nicht (mehr) liebt, ihre Kinder wohl auch nicht besonders. Die ein schlechtes Gewissen deswegen hat und bei der nach Jahrzehnten der Wahn einsetzt, ihren verlorenen Sohn gefunden zu haben. So zerrissen wie Esther ist – in anderer Weise – auch T Cooper, die/der zwischen den Geschlechtern steht. Geplagt von der Furcht, von der Frau, die er liebt (jetzt kann ich das personalpronomen doch nicht vermeiden) verlassen zu werden so wie Esther und ihre Familie seinerzeit in der Furcht lebten, von den Russen, den Kosaken, massakriert zu werden. Eine weitere Analogie zwischen beiden (die T Cooper sogar durch eine Gegenüberstellung dokumentiert) ist der enge Bezug zu Lindbergh/Eminem: beide blond und von gleichem Alter, beide extrem wichtig für die Protagonisten.

Der zweite Teil des Buches, der auch von dem Hintergrund von 11/9 spielt, ist härter, wütender und aggressiver formuliert als der erste Teil. Das transgendere T Coopers spielt eine große Rolle darin, der Versuch, sich über die Ähnlichkeit zu Enimen zu definieren und die Wut auf die Gesellschaft, die manchmal recht angestrengt wirkt.

Der Roman wurde/wird in den seinerzeitigen Kritiken sehr gelobt, dieses hohe Lob kann ich so nicht nachvollziehen. Ich habe den Text gerne gelesen, er ist spannend, streift mit der Schilderung des latenten Antisemitismus in den USA ein Thema, das man so nicht unbedingt immer auf dem Schirm hat, es ist auf jeden Fall lohnend. Aber allein die Tatsache, daß ich mir praktisch keine Notizen gemacht habe, ist für mich ein Zeichen, daß mir Lipshitz zwar ein schöner Roman, aber kein wirklich erkenntnisbringendes Highlight war. Als Empfehlung für das Buch verlinke ich auf das 2006 im Spiegel abgedruckte Interview mit T Cooper: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-48753386.html.

T Cooper
Lipshitz
Deutsch von Brigitte Jakobeit
Originalausgabe: Lipshitz Six, or Two Angry Blondes, NY, 2006
diese Ausgabe: mare, HC, ca. 490 S., 2006