Deborah Feldman: Überbitten

2. September 2017


Entweder man leugnete Gott, da die Shoah selbst seine Nichtexistenz, wenn nicht sogar seine Irrelevanz bewiesen hatte, oder aber man folgte der Vorstellung, Gott sei wutentbrannt, und schickte sich an, ihn durch vollkom­mene Selbstaufopferung auf dem Altar der rituellen Anbetung zu besänftigen.

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Wenn mein Blut jüdisch ist, ist es meine Seele auch. Deshalb will ich Bescheid wissen. Ich will verstehen, wie genau das Jüdischsein mir eingeprägt ist. Was genau ist es, das ich geerbt habe? Wie kann ich die Vorstellung davon in etwas Greifbares zwingen? Die Frage, die allen Fragen vorausgeht, lautet aber:
Wie kann ich mein Jüdischsein für mich erträglich machen?


Ich stelle diese beiden Zitate aus dem vorliegenden biographischem Text Deborah Feldmans [1] meiner Vorstellung des Buches Überbitten voran. Überbitten [5] ist das zweite Buch Feldmans, ihr Erstling Unorthodox [2] war sehr erfolgreich und erregte einiges Aufsehen: die Autorin beschreibt dort ihre Kindheit und Jugend in der ultraorthodoxen Gemeinschaft der Satmarer in Williamsburg/New York. Die Satmarer sind unter ihrem Rabbi den zweiten Weg gegangen: für sie war der Holocaust die Strafe eines wütenden und zornigen Gottes an seinem Volk und ihr Weg, diesen Gott wieder zu versöhnen, ist die absolute Unterwerfung unter sein Gesetz, ist der absolute Gehorsam.

Deborah [3] Feldmann wächst bei ihren Großeltern auf, die Großmutter ist ihre bewunderte und geliebte Leitfigur, die einzige Frau in Williamburg, die einen eigenen Garten bewirtschaftet – bis dieser aufgrund strikter Anwendung biblischer Gesetze vom Großvater ruiniert wird. Ihre Muttersprache ist jiddisch, die Englischkenntnisse des Kindes sind rudimentär. Die andere Straßenseite ist für die Bewohner von Williamsburg unerreichbares, fremdes Land; Radio, Fernsehen, Bücher gibt es praktisch nicht, die Bücher, die die junge Deborah sich heimlich besorgen kann, muss sie sorgfältig verstecken.

Mit fünfzehn wird sie heiratsfähig, eine genetische Untersuchung hat dies ergeben. Die Reinheit des Blutes ist wichtig für die Satmarer, die Gefahr genetischer Krankheiten real. Feldman erwähnt eine Familie, in der von neun Kindern sieben an Muskovizidose leiden… Die Reinheit des Blutes: ein Rassismus, den wir nur zu gut kennen. Viele Jahre später sollte ein ebenfalls auf den Begriff des ‚Bluts‘ gegründetes Prinzip Feldman noch einmal erschüttern, als sie nämlich erfährt, daß das Deutschsein über das `Ius sanguinis´, also über die Abstammung definiert ist: mindstens ein Elternteil muss deutsch gewesen sein (oder es muss ihm unrechtmäßig der deutsche Pass verweigert worden sein).

Feldmann muss eine arrangierte Ehe eingehen (das Aufklärungsgespräch vor der Hochzeit, das Feldman in Unorthodox schildert, ist unglaublich deprimierend und traurig….), aus der schließlich ein Sohn hervorgeht, Isaac. Als die Zeit herankommt, daß dieser auf die erste jüdische Schule, den Cheder gehen wird, entschließt sich Feldman, zusammen mit ihrem Sohn die Gemeinschaft der Satmarer zu verlassen.

Heimlich wagt sie erste Schritte in eine völlig fremde Welt, in der sie sich überhaupt nicht auskennt, schließlich fängt sie an, Literatur zu studieren, sie zieht von Zuhause aus, mietet schließlich eine trostlose Absteige  in Manhattan, dem Bezirk von NY, in dem die liberalsten Richter wirken, will sie doch die Scheidung und vor allem das Sorgerecht für Isaac.

Damit sind wir mittendrin in Überbitten, respektive am Anfang des Textes, der einen Zeitraum von insgesamt sieben Jahren, beginnend 2009 umfasst, Feldman ist zu diesem Zeitpunkt ihrer auch äußerlichen Abkehr vom Sektierertum der Satmarer dreiundzwanzig Jahre alt.

Es ist für Aussenstehende schlicht und einfach nicht nachzuvollziehen, was für ein Unterfangen Deborah Feldman mit ihrem irreversiblen Ausscheiden aus der Satmarer Gemeinschaft eingeht.  Jede Rückkehr ist ihr unmöglich, es ist erschütternd, zu lesen, mit welchem Psychoterror die Verwandtschaft versucht, Feldman (und vielen anderen, die ebenfalls ihre Gemeinschaften verlassen) das neue Leben zum Scheitern zu bringen – nach Innen als Abschreckung für Wankelmütige, aber nach Außen wohl auch als Strafe für den ungeheuerlichen Frevel des Verrats. Letztlich ist der Terror häufig erfolgreich: viele der `Häretiker´ begehen im Lauf der Jahre Suizid, über Feldman selbst werden Gerüchte, sie habe sich suizidiert, gestreut.

Diese Intoleranz wirkt in beide Richtungen. Feldman erzählt von einer Begegnung mit einem Konvertiten, der in die Satmarer Gemeinschaft ‚eintreten‘ will. Und sie weiß, daß dies unmöglich ist, er nie als voll- und gleichwertig anerkannt werden wird. Immer wird man davon ausgehen, daß er entweder eines Tages die Gemeinschaft wieder verlassen könnte oder daß er (wie Konvertierte oftmals) zu extrem würde (ich frage mich zwar, wie das bei den Satmarern aussehen könnte…) um seine Glaubensfestigkeit zu beweisen. Aus beide Befürchtungen heraus würde ihm niemand seine Tochter zur Frau anvertrauen. Und dann wieder die oft anzutreffende Heuchelei unter den Religiösen, von der Feldman ja schon in Unorthodox berichtet hat: geschwächt durch den Einfluss von Alkohol gibt der Konvertit auf Feldmans Frage hin zu, erst letzte Woche noch einmal mit seiner Freundin geschlafen zu haben.

Williamsburg ist ein Ghetto: diese Erkenntnis ist Feldman eines Tages ganz plötzlich bewusst: ein abgeschlossener Bezirk, in den niemand hineinkommt, aus dem niemand herauskommen darf. Abgegrenzt durch geistige und religiöse Mauern, durch die Sprachbarriere, durch die Isolation von der Aussenwelt, die als mächtiger Feind und Verderber droht. Nur innerhalb des Ghettos kann die Gemeinschaft überleben, ihr Blut rein halten und den Zorn ihres Gottes zu besänftigen versuchen.

Musste Feldmann – wie jede/r andere auch – in der Gemeinschaft nur gehorchen, so war sie jetzt gezwungen, ihr Leben einzurichten. In einer Umgebung, die ihr fremd war, ohne ein Netzwerk von Bekannten, Freunden oder Verwandten, in einer Sprache, die nicht ihre Muttersprache war und last not least unter stetig angespannten finanziellen Verhältnissen. Leere ist das Wort, das diesen Zustand treffend beschreibt, es ist nichts da, was sie hält – außer dem, was in ihr selbst ist und wirkt und natürlich das Bewusstsein um ihre Verantwortung für ihren kleinen Sohn Isaac. Sie fällt auf, kennt die Codes nicht, ist – so hat man beim Lesen das Gefühl – glücklich über jedes Lächeln, das man ihr schenkt. Sie wird bestaunt und begafft wie ein Tier im Zoo: eine junge Frau, die sie getroffen hat, lädt sie zu sich nach Hause ein, in den `Bible Belt´. Dort serviert man ihr Hummer, eine nicht-koschere Speise und starrt gebannt auf sie, wie sie ihn kostet….

Die finanziellen Nöte sind nicht zu unterschätzen, Armut als Ausgrenzung: wie soll sie sich mit Kommilitonen verabreden, wenn sie für kein Geld für ein Lokal oder Restaurant hat, wo man sich treffen könnte – so wie es unter den anderen üblich ist? Das letzte Ausweg, bevor sie gezwungen wäre, die Wohnung aufzugeben, ist eine brutale Eizellenspende, die sie körperlich an ihre Grenzen bringt. Was sie von ihren Kommilitonen an der Universität unterscheidet, ist die Tatsache, daß sie einen Vertrag in der Tasche hat über ein Buch, in dem sie über ihr Schicksal berichtet. Man macht sich keine Illusionen über den Erfolg eines solchen Nischenprodukts, wen interessiert schon das Schicksal einer ehemaligen Chassidin…

Der völlig unerwartete Erfolg bewirkt dreierlei: zum einen ist die Zeit der finanziellen Sorgen vorbei, zum zweiten ist sie zur Person öffentlichen Interesses geworden, eine belastende und keineswegs schöne Situation, die sie aber drittens in die Lage versetzt, auf ihren Ehemann Druck auszuüben, der Scheidung endlich zuzustimmen. Nach drei Jahren ist sie (fast) frei… muss jedoch in einem eng bestimmten Radius um NY leben bleiben, damit die Fahrten des Sohnes zu seinem Vater nicht zu weit werden.

Feldmann und ihr Sohn ziehen in eine ländliche Gegend, was konkret heißt, in eine ländliche Umgebung, in der sich reiche Leute ihre Sommerfrische errichtet haben… Dort lebt sie recht zurückgezogen, liest viel, sehr viel, lernt radfahren, kümmert sich um ihren Sohn. Und beschließt, nach Europa zu fahren, auf den Spuren ihrer Großmutter, um ihre eigene Vergangenheit aufzudecken und der Frage: Wer bin ich eigentlich, was macht mich aus? endlich auf den Grund zu kommen.

Es gibt viele Passagen im Buch, in denen sich Feldman mit dieser Frage auseinandersetzt: mit der Unfähigkeit der Juden, Glück zu empfinden, mit dem eingeborenen Schuldbewusstsein, das durch die alleinige Tatsache der Existenz begründet ist: Sünde galt als etwas Selbstverständliches, das menschliche Wesen, das da in meiner Gebärmutter heranwuchs, war schon sündig, allein weil es existierte. konstatiert sie in der Rückschau auf ihre Schwangerschaft, bei der in einem bizarren Ritual dieser Sünde wegen Hühner geopfert werden [S. 270]


Europa, dieser Flecken Erde, auf dem das Ungeheuerliche geschah, ist so ganz anders als Amerika. Die Stimmung ist anders, die Menschen sind es, die Gesprächsthemen. Das Jüdische der Städte ist oft verschwunden oder einem touristischen Judentum gewichen, aber auch die Juden/-innen, die sie trifft, sind so ganz anders als die amerikanischen: es herrscht eine Vielfalt an Ausprägungen, die es in den Staaten so nicht gibt: offensichtlich gibt es nicht das Judentum, das Jüdischsein, sondern viele davon… und es gibt die dunkle Seite, einen immer wieder verleugneten, aber dennoch existenten, für Juden spürbaren Antisemitismus.

Sie, die Schriftstellerin, lernt Künstler kennen und über diese wieder andere, sie wächst in einen Kreis von Intellektuellen hinein. Diese Kontakte befruchten sie, geben ihr Impulse… in den folgenden Monaten und Jahren fliegt Feldman immer wieder nach Europa, eine große Tour führt sie nach Ungarn, wo sie vor Ort die Spuren ihrer Großmutter aufspüren will. Und sie kommt auch nach Berlin, sozusagen ins Herz der Finsternis. Es ist kein schöner Aufenthalt, sie ist allein, sieht alles durch die Brille der Vergangenheit..

Mittlerweile schreibt sie an einem zweiten Buch, das jedoch bei ihrem Verleger auf wenig Begeisterung stößt: zu europäisch ist es, zu sehr an der Vergangenheit orientiert, das alles interessiert Amerikaner nicht….

Das Leben in den USA, das Feldman wohl (bewusst oder unbewusst) mit europäischen Verhältnissen vergleicht, droht in eine Art Sinnlosigkeit abzugleiten. In dieser Periode kommt sie durch ein Filmprojekt nach Amsterdam und von dort noch einmal nach Berlin. Dieses Mal empfängt die Stadt sie, die sich auch geändert hat, freundlicher, offener, sympathischer… ja, die Buchläden, die vielen Buchläden hatten es Deborah Feldman besonders angetan, die schmucklose, weil nicht auf Wirkung angelegte Art der Berliner, sich zu kleiden, sich zu verhalten, die Gespräche, die sich nicht um Mode, das nächste Auto etc pp drehen… das Lob, das Feldman über die Menschen ausschüttet, ist fast schon ein wenig viel… ;-)

… und da reift er ganz, ganz langsam, der ultimative Verrat an ihrer alten Gemeinschaft, an ihrer Großmutter… der Gedanke nämlich, nach Berlin zu ziehen, der Gedanke sogar an einen deutschen Pass.

Es ist nicht einfach, da man Deutscher aufgrund der Abstammung wird und diese muss Feldman belegen. Es kommt ihr hier zugute, daß sie schon als Schülerin in den Staaten ihre Ahnenreihe aufgestellt und sie bei ihrem Weggang viele Dokumente mitgenommen hat…. trotzdem ist es kompliziert und sie braucht fachkundige Hilfe und Geduld, bis aufgrund einer völlig unerwarteten Entdeckung, die ein großes Rätsel löst, endlich der positive Bescheid kommt, am 18. April diesen Jahres 2017. Damit ist Deborah Feldman mit ihrem Text praktisch in der Gegenwart angekommen, sie ist Berlinerin, empfindet die Stadt als ihr Zuhause, was sie zum ersten Mal in der `Theokratie´ Israels so empfunden hat.

Feldmann geht zum Schluss intensiv auf ein recht aktuelles Ereignis ein, das in etwa zu dieser Zeit stattgefunden hat: der brandenburgische NPD-Politiker Marcel Zech muss für acht Monate in Haft gehen, weil er nationalsozialistische Tattoos in der Öffentlichkeit gezeigt hatte, u.a. ein Bild des Lagers Auschwitz, in dem Feldmans Großmutter überlebt hatte. Feldmann war diesem Menschen im Schwimmbad begegnet, der Anblick dieses Tattoos hat sie fast paralysiert, die Verurteilung und die Tatsache, daß die Haftstrafe nach dem Gang durch die Instanzen tatsächlich ausgesprochen worden ist, hat ihr die Sicherheit gegeben, daß dieser Staat gegen solche Verherrlichung des Nazigeistes vorgeht.


Überbitten ist ein umfangreicher Text, er umfasst ziemlich genau siebenhundert Seiten. Meine vorstehende Zusammenfassung ist also nur sehr grob und allenfalls für einen ersten Überblick geeignet. Sowieso sind Feldmans Ausführungen weniger eine Darstellung äußerer Umstände als vielmehr eine Schilderung ihrer Suche nach sich selbst, nach ihrem Kern, dem Wesen, das sie ausmacht, auch dem Jüdischen in ihr, nach der Quelle ihrer Unruhe, ihres Aufstands gegen die Gemeinschaft: der innere Weg also von einer über zwei Jahrzehnte unter konsequenter Indoktrination leidender Chassidin zu einer sich ihrer selbst bewussten, eigenverantwortlichen Frau.

Ein schwerer Weg, ein langer Weg. Alpträume begleiten sie, immer wieder ein Traum, in dem sie an der Rampe in Auschwitz beteuert, sie nicht zu selektieren. Sie sucht ihren Platz in der Welt, ist unruhig, fühlt sich verloren: man attestiert ihr, auch wenn dies nicht hilft, eine posttraumatische Belastungsstörung. Schuldgefühle toben in ihr, so insistiert ihr ihre innere Stimme, ihr sei recht geschehen, als sie eines Tages den (wie jeder Radfahrer aus eigener Erfahrung weiß) unvermeidlichen ersten Sturz mit ihrem Rad dreht. Recht geschehen, weil sie für dieses Leben nicht gemacht ist, weil sie die Gemeinschaft verlassen, sie verraten hat…. daher habe sie den Schmerz verdient, ein Zeichen ihrer Unfähigkeit, hier zu überleben. Gut so, das ist gut so. Das genau verdienst du doch, oder etwa nicht? Diese innere Stimme wütet so verheerend in ihr, daß Feldman sogar betont, d.h., es für denkbar hielte, sie habe sich (als Selbstbestrafung) nie geritzt. Die Traumatisierung ist ein Erbe ihrer Erziehung: Die chassidische Sekte, in der ich aufgewachsen war, glich einem Zusammenfluss äußerst heftiger Traumata, in deren Sammelbecken sich die jeweiligen persönlichen Erfahrungen auflösten und zu einem ununterscheidbaren Gemeinschaftstrauma gerannen. Feldman resümiert aus dieser Situation und Erfahrung, daß sie zwar ihr Leben jetzt zwar aktiv gestaltet und lebt, aber meine Gefühle hatten darin versagt, sich der Veränderung meines Lebens anzupassen. In gewisser Weise steckte mein Hirn immer noch in der Vergangenheit fest. Panikattacken, Angst, Albträume: Nichts von dem stand im Einklang mit der ruhigen und erfüllten Existenz, die ich zu leben begonnen hatte.

Zum jüdischen Pessachfest wird die Haggadah, die Geschichte vom Auszug aus Ägypten, gelesen. Es gibt dort eine Episode, in der Anweisungen enthalten sind, wie vier Söhne unterschiedlichen Charakters über den Exodus zu unterweisen sind: vom Vernünftigen, vom Bösen, vom Naiven und von einem, der nicht zu fragen versteht.

Was sagt der Böse (2. B. M. 12, 26)? Er fragt: „Was bedeutet euch dieser Dienst?“ – „Euch“, sagt er, nicht „ihm“. Da er sich aus der Gemeinschaft ausschließt, leugnet er das Grundlegende des Judentums. Mache auch du ihm die Zähne stumpf und sage ihm (2. B. M. 13,8): Für das, was G’tt für mich getan hat, als ich aus Aegypten zog. „Für mich“, aber nicht „für ihn“. Wäre er dort gewesen, er wäre nicht erlöst worden„. [4]

Feldman sieht sich als solch eine `Böse´, die außerhalb der Gemeinschaft steht, sich außerhalb der Gemeinschaft gestellt hat. Aber sie sieht sich auch in guter Gesellschaft, Baruch de Spinoza war so ein Böser, ebenso wie in neuerer Zeit Hannah Arendt… der selbstgewählte Ausschluß, der hier mit seiner Boshaftigkeit gleichgesetzt wird. … verneint ein grundlegendes Prinzip des Judentums, das der Konformität und Verbundenheit; … mit der Individualität taucht die Bedrohung des Bruchs auf, die Zergliederung. Wie lautet die einzige akzeptable Antwort gegenüber diesem bösen Sohn? Die Haggadah sagt, ihm müssen die Zähne ausgeschlagen werden. … Individualität kann nicht geheilt werden. Ganz in dieser Tradition ist also der Psychoterror zu sehen, dem die Aussteiger aus den chassidischen Gemeinschaften von eben diesen unterworfen werden, bis hin zur Frage an den Rabbi, ob deren Töten gerechtfertigt wäre.

Ist oder sieht sich Deborah Feldman noch als Jüdin? Ich habe mir diese Frage während des Lesens öfter gestellt, ganz klar beantworten kann ich sie nicht. Sie schreibt einerseits [S. 527], daß sie bei dem Versuch, ihr Leben ausserhalb der Gemeinschaft neu aufzubauen eine eigene Version dessen entdeckt [hat], was es hieß, Jüdin zu sein, eine Version, die sich ehrlich anfühlt, leidenschaftlich und echt, aber das, was ich da gesucht hatte, passte zu keiner etablierten oder annehmbaren Vorstellung, und so konnten meine Kritiker nun ausrufen, dass meine Art, Jüdin zu sein, nicht echt war. … Und doch bin ich nichts anderes als eine Jüdin; ein verbannter Jude ist immer noch ein Jude, … Dem stellt sie am Schluß des Buches [S. 695] zusammenfassend gegenüber: Ich darf heute sagen, daß der Humanismus meine Religion geworden ist, dass die Autoren der Aufklärung meine Heiligen sind, und dass in dieser Hinsicht mein Glaube noch anwesend ist und in vielen Bereichen meines Lebens stützend wirkt, aber ich bin von keiner einzigen Autorität mehr übermäßig unterdrückt. Aber möglicherweise ist dies gar kein Widerspruch, zumindest nicht für Deborah Feldman selbst, denn warum sollte sich eine Frau, die sich den Prinzipien eines aufgeklärten Humanismus verpflichtet fühlt, nicht gleichzeitig jüdisch sein? 

`Überbitten´: ein altes jüdischen Versöhnungsritual. Und Feldman hat sich versöhnt, das wird aus diesem Bericht klar. Versöhnt mit sich selbst, versöhnt mit Deutschland, aber auch milde geworden gegen die Gemeinschaft ihrer Kindheit, versöhnt auch mit ihrer jiddischkajt, die nicht mehr die der Chassiden ist, sondern die sich in Richtung eines toleranten Humanismus weiterentwickelt hat. … ich habe auf unerklärlichem Wege gelernt, dieses Land und seine Menschen zu lieben, ganz so, wie ich gelernt habe, für die irregeleiteten Menschen, die mich erzogen hatten, und ihre traumatisierten, aber wohlmeinenden Methoden Zuneigung zu empfinden. 

Überbitten ist der Bericht eines langen inneren Weges, der wohl immer noch nicht zur Gänze beendet ist. Der weiter vorstehend erwähnte Albtraum von Auschwitz, der Feldman lange Jahre immer wieder quälte, hat sich geändert, ist nicht unbedingt einfacher geworden: immer noch die Rampe, aber jetzt gehört sie mit zu denen, die Uniform der Schlächter tragen…. Aus meinen wechselnden Rollen im Traum hatte ich gelernt, dass dei Kategorien Gut und Böse nicht taugen. Ich begriff vielmehr, dass die Welt in einem ständigen Schwanken zwischen den Polen existiert. Alles kann sich jeden Augenblick ändern, und Heldentum zeigt sich nicht darin, dass man zurückblickt und sich fragt, was man wohl getan hätte.


Bei solche intensiven Bücher wie Überbitten und Unorthodox, das ich jetzt einfach noch einmal mit hinein nehme, stellt sich die Frage: Was haben diese Berichte mit mir als Leser gemacht, wie haben sie auf mich, wie haben sie in mir gewirkt? Ganz einfach ist das nicht zu sagen, möglicherweise ist auch der Abstand zu den Texten noch zu gering. Was mir auf jeden Fall deutlich geworden ist, ist die Tatsache, wie wenig man doch weiß von dieser fremden Religion und ihrer Ausübung. Wohl kenne ich den einen oder anderen jiddischen bzw. auch chassidischen Schriftsteller (wobei schon die Tatsache, daß man keine jiddischen Autorinnen kennt, bezeichnend ist), kenne Werke von Scholem Alejchem, von den Singers oder auch Bubers Erzählung der Chassidim [6]. Es sind Bilder der osteuropäischen Shetlts, aber auch aus NY (Der Kabbalist vom East Broadway) mit ihren manchmal etwas skurrilen, aber liebenswerten Figuren, der Armut, die herrscht, der Gläubigkeit und einer einfachen Alltagsweisheit, die den Figuren häufig eigen ist. Dem Bild jedoch reißt Feldman mir ihren Aufzeichnungen die Maske vom Gesicht. Wahrscheinlich sind die Satmarer extremer noch als andere orthodoxe Gruppierungen, cum grano salis dürfte die von Feldman dargestellte schuld- und sühneaffine, glücks- und sinnenfeindliche Lebensauffassung verbunden mit einer latenten Aggressivität allem gegenüber, was als Abweichung empfunden wird, allen orthodoxen Gruppen mehr oder weniger eigen sein. Will ich also die von mir gestellte Eingangsfrage nicht nur rhetorisch auffassen, so käme ich zu der Antwort, daß Feldman Schicksal in der in ihrem Büchern dargestellten Form mich desillusioniert hat, die Ahnung bestätigt hat, daß das Bild dieses Judentums, das ich aus literarischen Quellen gewonnen hatte, nicht vollständig sein konnte.


In den etwas mehr als zwei Jahren, die ich jetzt in Deutschland lebe, ist mir sicherlich auch Hass begegnet, oft aber auch der Mut von Einzelnen, die sich aus historistischer Verantwortung heraus diesem Hass entgegenstellen. Es ist die Summe dieser vielen einzelnen individuellen Taten, die mich zu der Überzeugung brachte, dass ich keinen besseren Ort hätte finden können, um mich zu Hause zu fühlen, als hierzulande.

Ich möchte zum Abschluss auf dieses Statement antworten: ich bin überzeugt, daß Frau Feldmann, die mir im Lauf ihrer beiden Bücher sehr ans Herz gewachsen ist, für Berlin im Besonderen, für Deutschland im Allgemeinen, ein großer intellektueller, aber auch menschlicher Gewinn ist. Und ich hoffe sehr, daß dieser positive Eindruck, den sie von Deutschland gewonnen hat, nicht enttäuscht werden wird.

Links und Anmerkungen:

[1] https://www.deborahfeldman.de
[2] Deborah Feldman: UnorthodoxBesprechung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2016/05/10/deborah-feldmann-unorthodox/
[3] die Richterin Deborah ist eine der ganz wenigen Frauenfiguren im Judentum, die von ihrer Bedeutung her Männern gleich gestellt ist:  https://de.wikipedia.org/wiki/Debora_(Richterin)
[4] http://www.hagalil.com/judentum/feiertage/pessach/video/04-banim.htm
[5] In diesem Interview erklärt die Autorin dieses jiddischen Begriffs, dessen deutsche Entsprechung im Lauf der Zeit verloren gegangen ist: https://www.youtube.com/watch?v=5-vfrO7AdxE
[6] vgl. hier meine Buchvorstellungen im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/tag/jiddische-literatur/

 

 

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Der Autor dieses Fachbuches, Klaus Schäfer, hat einen bemerkenswerten Lebenslauf. Nach zwölf Jahren Bundeswehr studierte der 1959 Geborene katholische Theologie, trat dem Orden der Pallottiner bei und arbeitete von 1999 – 2014 als Klinikseelsorger, eine Tätigkeit, die er – nach einem lesenswerten Bericht über ihn in der Stuttgarter Zeitung – Ende des Jahres wieder aufnehmen wird [1].

Das große Engagement Schäfers gilt der Organspende und damit auch dem Konzept des Hirntodes, dessen Feststellung beim Spender unabdingbare Voraussetzung für eine Organspende ist. Es sei  schon hier – weil man dieser unzutreffenden Behauptung immer wieder begegnet – das wichtige Faktum festgehalten, daß das Konzept vom Hirntod als Todeskriterium des Menschen nicht entwickelt worden ist, um Organspende zu ermöglichen, sondern um bei Komapatienten ein eindeutiges Todeskriterium zu haben. In diesem Zusammenhang ist allerdings die Stellungnahme diverser Fachgesellschaften aus dem Jahr 2014, die Schäfer punktweise zusammengefasst anführt, etwas irritierend: Die Feststellung des Hirntods wird vor dem Hintergrund einer eventuellen Transplantation durchgeführt. Zumal zu diesem Zeitpunkt der Organspendeskandal von 2012 noch nicht vergessen war und sich die Stellungnahme der Fachgesellschaften von 1994 wesentlich deutlicher positionierte: Es gibt nur einen Tod, den Hirntod. …. Der Tod wird unabhängig davon festgestellt, ob eine anschließende Organentnahme möglich ist.

Schäfer geht in seinem Buch ausführlich auf die geschichtliche Entwicklung des Konzepts ein. Das Hirntodkonzept ist eng mit dem Bild des Menschen, dem Bild, das wir uns vom Menschen machen, verbunden. Über Jahrtausende hinweg galt das Herz als zentrales Organ des Menschen, in dem das ‚Menschsein‘ verortet ist. Noch heute klingt dies in Redewendungen wie ‚jemanden ins Herz schließen‘ an, auch die ‚herzlichen Grüße‘, mit denen Nachrichten häufig beendet werden, haben diese Geschichte noch in sich. Jedoch gab es auch schon frühe Beobachtungen, die zu dem Schluss führten, daß wesentliche Aspekte des Menschseins über das Gehirn gesteuert werden. Der ‚Tanz der Gehängten‘ (oder nach Rimbaud: ‚Der Ball der Gehängten‘) zeigte andererseits, daß der Körper eines Menschen auch nach dessen Tod noch Reaktionen zeigen konnte, ein Phänomen, das jeder, der schon mal Hühner geschlachtet hat (oder dabei gewesen ist) wohl kennt.

Der Herztod ist der Tod des Körpers.
Der Hirntod ist der Tod des Menschen.

Klaus Schäfer geht ausführlich auf diese Punkte ein und macht – zum Teil drastisch – deutlich, daß wir heute die Persönlichkeit eines Menschen im Gehirn verorten müssen, weil hier das Bewusstsein, die  Gefühle, die kognitiven Fähigkeiten, die Wahrnehmung u.a.m. ablaufen. Daraus folgt eindeutig und unbezweifelbar, daß mit dem Tod des Gehirns auch die Einheit Körper/Seele (theologisch gesehen) bzw. Körper/Geist aufgebrochen ist. Viele Körperfunktionen können andererseits bei künstlicher Beatmung aufrecht erhalten werden. Der Komapatient, bei dem der Hirntod festgestellt und der damit als Toter erkannt worden ist, weist daher oberflächlich betrachtet Eigenschaften eines lebenden Körpers auf, dies macht das Akzeptieren des Hirntodes als Todeskriterium psychologisch oftmals schwierig: das Herz schlägt, er atmet (wenngleich die Atmung auch maschinell aufrecht erhalten wird), der Körper ist warm, der Stoffwechsel funktioniert, durch Reize können Reflexe hervorgerufen werden u.a.m.

Das Konzept des Hirntodes greift nur bei Komapatienten. Daher geht Schäfer auch auf dieses Phänomen ausführlich ein, ebenso charakterisiert er andere Krankheiten, bei denen der Patient möglicherweise einen komaartigenEindruck erweckt, weil er sich nicht mehr bewegen und/oder kommunizieren kann: Lock-in Syndrom, apallisches Syndrom, Stupor u.ä. Wichtig ist daher die penible Untersuchung des Patienten: nach einem im Lauf der Jahre immer wieder überarbeiteten Untersuchungsschema wird nach strengen Kriterien auf einen möglicherweise eingetretenen Hirntod untersucht (Hirntoddiagnostik, HTD). Der Hirntod ist ein ‚unsichtbarer‘ Tod, der offizielle Todeszeitpunkt ist der der Feststellung des Hirntodes. Wann das Gehirn tatsächlich seine Tätigkeit eingestellt hat, ist nicht feststellbar, ein Komapatient und ein Hirntoter unterscheiden sich äußerlich nicht. Ausführlich beschreibt Schäfer die Vorgänge im Hirn, die letztlich zu seinem Tod führen können/werden.

Nach der Feststellung des Hirntodes kann, soweit die Erlaubnis zur Organspende vorliegt, die künstliche Beatmung weitergeführt werden und eine Behandlung unter der jetzt geltenden Prämisse, Spenderorgane im bestmöglichem Zustand entnehmen zu können, erfolgen. Psychologisch kann dies für das Pflegepersonal problematisch sein, da jetzt plötzlich ein Toter zu betreuen und zu pflegen ist. Schäfer betont ein ums andere Mal, wie wichtig es ist, daß das Team, das sich um einen Hirntoten kümmert, das Konzept des Hirntodes verinnerlicht hat und es glaubwürdig auch gegenüber Hinterbliebenen vertritt. Schon ein leise anklingender Zweifel durch ein Teammitglied kann deren Vertrauen in das Team nachhaltig und kaum wiederherstellbar zerstören. Im Teil IV: Kommunikation und Seelsorge gibt Schäfer eine Vielzahl von Ratsschlägen und Beispielen für gelungene oder auch misslungene Kommunikation mit Patienten bzw. Hinterbliebenen.

Ausführlich geht Schäfer ebenfalls auf Argumente von Kritikern des Konzepts ein, immer wieder geht ja durch die Presse, daß vorgeblich Hirntote wieder ins Leben zurückgefunden hätten oder doch noch Schmerz empfinden könnten bzw. Reste von Bewusstsein aufwiesen. Letztlich lassen sich diese Meldungen auf drei zugrunde liegende Tatsachen zurückführen: (i) in anderen Staaten wird der Hirntod nicht wie in D/A/CH als totaler Funktionsausfall des Gesamthirn (i.e. Groß-, Klein und Stammhirn), sondern als Tod nur des Stammhirns definiert (z.B. in den USA). Bei letzterer Definition sind Restaktivitäten z.B. des Großhirns prinzipiell möglich. (ii) es wurde keine oder keine korrekte Hirntoddiagnostik (HTD) durchgeführt und (iii) werden in der Kommunikation durch Medien und Gegner des Hirntodkonzepts häufig Begriffe und die damit verbundenen Phänomene nicht streng getrennt, Komapatienten oder Apalliker beispielsweise als Hirntote bezeichnet.

Ein Komapatient wird auf Hirntod untersucht, wenn es Anzeichen gibt, daß das Gehirn ausgefallen ist und ein Hirntod vermutet wird. Wird der Hirntod festgestellt, kann die intensivmedizinische Behandlung eingestellt werden, es sei denn, die dann im Raum stehende Frage einer Organspende wird positiv beantwortet. Dann wird die künstliche Beatmung des toten Spenders bis zur Organentnahme aufrecht erhalten. Es ist daher konsequent, wenn Schäfer in seinem Buch dem Thema Organ- und Gewebespende einen breiten Raum einräumt und in allen Aspekten diskutiert. Fakt ist, daß durch einen Organspender im Schnitt bei drei Empfängern Lebenszeit und/oder -qualität deutlich erhöht bzw. verbessert werden können, Fakt ist aber auch, daß es an Spenderorganen mangelt und viele Menschen sterben, bevor man ein Ersatzorgan zur Implantation bereit steht.

Selten tritt der Fall auf, daß bei einer schwangerer Frau der Hirntod diagnostiziert wird; es muss daher/jedoch jede hirntote Frau im gebärfähigen Alter auf eine mögliche Schwangerschaft untersucht werden. Wird diese festgestellt, wird – soweit im Bereich des Möglichen – versucht, die Körperfunktionen der Hirntoten aufrecht zu erhalten, um den Fötus im Mutterleib bis zur Geburt reifen zu lassen. Das Aufrechterhalten der Körperfunktionen wird jedoch um so schwieriger, je länger es durchgeführt werden muss. Auch dieser Fall mit dem Ziel, ein gesundes, entwickeltes Baby auf die Welt zu bringen, wird von Schäfer ausführlich beleuchtet.

Abgerundet wird das Buch durch einen Anhang mit nützlichen Infos (Adresslisten, Ansprechpartner etc.) sowie kurzgefassten Erklärungen und einem Glossar.


In einer Erklärung medizinischer Fachgesellschaften wird 2015 gefordert, daß die Bevölkerung … stärker über den Hirntod aufgeklärt werden [muss]. In diesem Sinne sieht der Autor Klaus Schäfer sein Fachbuch als geeignet an nicht nur für Profis (unter diesen Begriff subsummiert Schäfer alle von Berufs wegen mit der Problemtik Koma/Hirntod/Organspende Konfrontierten), sondern ebenso für Laien [3]. Unter dieser Prämisse ist das Buch letztlich auch auf meinen Schreibtisch gelandet ebenso wie konsequenterweise diese Buchvorstellung gleichfalls aus der Sicht eines interessierten Laien erfolgt. Ich kann der Meinung des Autoren insoweit zustimmen, als daß die Kernaussagen auch für Laien klar erkennbar und in der Begründung nachvollziehbar sind. Die medizinischen Details, die Schäfer in den ersten Abschnitten ausbreitet, sind – nehme ich mich pars pro toto – für den Laien wohl nicht im Detail verständlich, allein die Fachterminologie, deren sich der Autor bedient, ist da ein großes Hindernis. Will Schäfer sein Buch also auch ausserhalb der Fachwelt verbreiten, wären an dieser Stelle sicherlich zielgruppenorientiert Verbesserungen möglich, die den Text verständlicher machen. Zumal Schäfers Sprache knapp und entschieden ist, ebenso wie er konsequent Kürzel nutzt und einer Herztransplantation bei ihm eben eine Herz-TX ist, weil er durchgängig diesen Term „TX“ für Transplantation verwendet.

Überhaupt die Sprache. Zu Recht besteht Schäfer auf eine korrekte Terminologie, die beispielsweise bei allen Aussagen, die sich auf einen Hirntoten beziehen, berücksichtigen, daß sie sich auf einen Toten beziehen, nicht auf einen lebenden Menschen. Wie schwer dies konsequent zu praktizieren ist, zeigt der Autor selbst an ein, zwei Stellen: … Das ist die einzige Möglichkeit der Sterbebegleitung, die man Hirntoten angedeihen lassen kann. …. [S. 132]. Wie entschieden Schäfer teilweise urteilt, erkennt man, wenn er ohne Wenn und Aber konstatiert: Solange wir unseren Schriftverkehr „Mit herzlichen Grüßen“ beenden, bleiben wir Gefangene. [….der Sprichwörter und Redewendungen, die nach naturwissenschaftlich überholter Vorstellung Gefühle im Herzen verorten.]. Eine Aussage, die im Übrigen zum Widerspruch reizt, werden Redewendungen ja nicht nur über medizinische Fachaussagen definiert…

Auch an anderer Stelle tauchen beim Lesen Fragen auf, beispielsweise in Abb 21: Regionen der DSO. Auf der hier abgebildeten Deutschlandkarte vermisst man eine Legende,  die erklärt, was die drei unterschiedlichen Grautöne und die unterschiedlichen Symbole bei den Städten aussagen. Wobei in der Region NRW überhaupt keine Stadt genannt wird. Auf den benachbarten Seiten 126 und 127 wird zweimal dasselbe Zitat wiedergegeben. Das die Überschrift nicht immer zum Text passt, fällt ebenfalls auf: Unter dem Titel: Britischer Arzt will bei Organentnahme Narkose wird z.B. über die unterschiedliche Definition des Hirntods in verschiedenen Staaten berichtet [S. 114]. Interessant ist auch der Titel einer Dissertation aus dem Jahre 2014 mit dem Titel: Die Erlanger Fälle 1992 und 2007 (bei denen es jeweils um Schwangerschaften bei hirntoten Frauen ging; S.144), deren erste von Schäfer zitierte Stelle lautet: Zudem wurde in den 20 Jahren, die zwischen den beiden Fällen liegen, …


Hinter der Kernaussage, daß der Tod des Menschen, auch wenn sein Körper weiter funktioniert, über den Tod des Gehirns definiert ist, stehe ich selbst voll und ganz, ohne abzustreiten, daß wahrscheinlich auch ich in konkreten Fall Probleme hätte mit einer solchen Situation. Hier sind besonders die letzten Abschnitte des Buches, die sich auf die Kommunikation mit den Angehörigen bzw. Hinterbliebenen konzentrieren und auch sehr praxisbezogene Hilfen geben, wertvoll. Zwar sind sie aus der Sicht des Arztes geschrieben („Wie sag ich es meinem Gegenüber“), aber gerade dieser Perspektivwechsel bringt wichtige Erkenntnisse: daß nämlich auch der Arzt, vor allem aber nicht entsprechend geschultes Pflegepersonal seine Probleme hat, Informationen über den Gesundheitszustand bzw den möglicherweise eingetretenen Hirntod, der eine entsprechende Diagnostik nötig macht, zu kommunizieren.

Im Zusammenhang mit dem Hirntod gewinnt der Begriff der ‚Totenwürde‘ eine neue Bedeutung. Die unantastbare Würde des Menschen reicht über den Zeitpunkt seines Todes hinaus, Ärzte sind bei Organentnahmen verpflichtet, die Würde des toten Spenders zu wahren. Dies ebenso wie die Forderung, den Angehörigen bzw. den Hinterbliebenen ausreichend Zeit und Gelegenheit zu geben, in angemessener Form Abschied zu nehmen ist wichtig, ebenso wie das Angebot einer seelsorgerischen Begleitung.

Mein Facit zu Schäfers Buch Vom Koma zum Hirntod ist der vorstehend aufgeführten Beispiele wegen durchwachsen. Als Laie kann man die Kernaussagen und deren medizinische Grundlagen nachvollziehen, ohne jedoch die Details wirklich zu verstehen. Die Abschnitte über Kommunikation und Begleitung sind wertvoll, da sie in ihren Hilfen natürlich allgemein gelten und nicht nur für dieses spezielle Thema. Sollte das Buch in einer Neuauflage erscheinen, wäre eine Überarbeitung sicherlich sinnvoll, um es für Laien besser lesbar zu machen.

Links und Anmerkungen:

[1] Andreas Steidel: Es geht um Leben und Tod – Der Pallottiner-Pater Klaus und sein Engagement für die Organspende; in: Stuttgarter Zeitung vom 01. Juni 2017; http://www.stuttgarter-zeitung.de/….html
[2] Klaus Schäfer: Hirntodhttps://radiergummi.wordpress.com/2014/10/26/klaus-schafer-hirntod/
[3] Persönliche Mitteilung des Autoren vom 08.08.2017

ferner wird von Klaus Schäfer eine Informationsseite zum Thema „Organspende“ betrieben:  http://www.organspende-wiki.de/wiki/index.php/Hauptseite

Weitere Bücher zum Thema: Sterben, Tod, Trauer, die ich besprochen habe, sind hier aufgelistet:
http://mynfs.wordpress.com/autorenverzeichnis/

Klaus Schäfer
Vom Koma zum Hirntod
Pflege und Begleitung auf der Intensivstation
diese Ausgabe: Kohlhammer, Softcover, ca. 251 S., mit vielen Abb. und Tabellen, 2017

Ich danke dem Autoren für die Überlassung eines Leseexemplars.

Die letzten vier Tage des Paddy Buckley ist der Erstling des gebürtigen Iren Jeremy Massey [1], der zeitweise in Amerika lebte, bevor er mit seiner Familie nach Australien zog. Auch beruflich war/ist Massey nicht auf eine Tätigkeit fixiert: nachdem er jahrelang im familiären Bestattungsunternehmen in Dublin [2] gearbeitet hatte, wechselte er ins ‚Drehbuchschreibfach‘, deswegen wohl auch der Aufenthalt in den USA. Beide Professionen merkt man seinem ersten Roman an: Masseys Hauptfigur ist der zweiundvierzigjährige Bestatter Paddy Buckley, der in der Art eine Protokolls formulierte Text ist in kleine, bekömmliche Lesehappen unterteilt, insgesamt 40 plus 2, mithin für jedes Lebensjahr des Helden einer. Außerdem ist ’42‘ bekanntlich die Antwort auf alles, Deep Thought sei Dank.

Vier Tage – der Zeitraum ist überschaubar, das Ende mit diesem Buchtitel vorweggenommen. Die Frage ist also, was passiert in diesen wenigen Tagen, beginnen mit Montag, dem 13. Oktober 2014? Im Mittelpunkt steht natürlich Paddy Buckley, verwitwet, seit vor zwei Jahren seine geliebte Frau Eva plötzlich im Supermarkt zusammengebrochen war. An seinem Verlust, seiner Trauer schwer tragend, stürzt er sich in die Arbeit, sieben Tage die Woche, im Grunde auch vierundzwanzig Stunden am Tag, denn in den Schlaf findet er sowieso nicht und der Tod nimmt keine Rücksicht auf die Tageszeit, so daß Paddy letztlich auch des Nachts immer ansprechbar ist.

Es scheint ein ganz normaler Todesfall zu sein: ein Zweiundsiebzigjähriger ist seinem Krebsleiden erlegen und sein Chef beauftragt Paddy, die Bestattung in Hand zu nehmen. Jedoch erliegt auch Paddy, nämlich der Aura der Witwe, in deren Figur uns endlich auch einmal eine Mrs Wright (im Gegensatz zum aus Fund und Fernsehen bekannten Mr. Wright) entgegentritt. Es ist völlig absurd und unprofessionell, aber als die trauernde Mrs Wright sich weinend an ihn lehnt, steht er bald mit einer unübesehbaren und deutlich spürbaren Ausbuchtung in der Hose neben ihr, was Lucy jedoch nicht zu stören scheint… der Irrsinn geht weiter, das Spenden des Trostes geht schnell über in das Spenden von Samen – jedoch: die Reiterin fällt alsbald im schönsten Galopp vom Pferd… Paddy kann keinen Atem mehr spüren, der Puls ist weg: Lucy ist tot. Mit seinem Sperma im Geburtskanal….

…. und der Tochter des jetzt in beiden Teilen verstorbenen Ehepaars, Brigid, die in diesem Moment an der Tür klingelt, den Vater zu betrauern, muss er jetzt auch noch die Tod der Mutter beibringen. Die näheren Umstände verschweigt er wohlweislich, während das schlechte Gewissen heftig in ihm tobt…

… und als ob das alles nicht reicht für einen Tag, tauchen noch zwei Komplikationen auf: die erste ist nämliche Brigid, die eine ähnliche Wirkung auf Paddy auszuüben beginnt wie die auf ihm verblichene Mutter und dann noch ein Mann namens Donal Cullen. Den nietet der gute Paddy nämlich des Nachts um, als er übermüdet und unaufmerksam nach einem Einsatz nach Hause fahren will. Dumm nur, daß die Cullen-Brüder sozusagen die ‚Paten‘ von Dublin sind und mit Vincent Cullen, der den fahrerflüchtigen Mörder seines Bruders natürlich sucht wie eine Nadel im Strohhaufen, keineswegs zu spaßen ist….

Zwei schwierige Beerdigungen also und wem übertragt der Firmenchef diese heiklen Aufgaben? Richtig, Paddy Buckley höchstselbst soll seine beiden eigenen Opfer nach allen Regeln des Gewerbes würdig und stilvoll unter die Erde bringen.

Aus diesen Startbedingungen hat Massey einen unterhaltsamen Roman geschaffen, der drei Dinge miteinander verknüpft: auf der mehr faktischen Ebene erfährt man einiges über Bestattungen inclusive Details, die auf sensiblere Gemüter möglicherweise etwas schockierend wirken mögen. Die Handlung selbst konzentriert sich auf die anstehende Bestattung von Donal Cullen, bei der Paddy notwendigerweise engen Kontakt mit seinem Bruder Vincent bekommt, der nicht ahnt, welche Rolle Paddy in Wirklichkeit spielt. Parallel zu dieser Geschichte läßt Massey seinen Protagonisten in eine von Anfang an zum Scheitern verurteilte Liebesgeschichte stolpern, bei der mir nicht so sehr Paddy – der immerhin von seiner Trauer um seine verstorbende Frau loskommt – als vielmehr die Frau leidgetan hat….

Die aus diesen Ingredienzien abgeleitete Geschichte ist wie gesagt recht unterhaltsam und liest sich gut und schnell. Sie hat neben den erwähnten Figuren noch eine Vielzahl weiterer Personen im Portefeuille, die die teils absurde, teils mit (schwarzem) Humor erzählte Story abrunden. Auch wahre Männerfreundschaft treffen wir an, sie spielt sogar eine große Rolle im Roman, auch wenn man im richtigen Leben nicht glauben mag, daß sie so weit gehen kann. Außerdem enthält der Roman noch einen gehörigen Esoteriktouch. Der äußert sich nicht nur in der Fähigkeit Paddys, Fliegen auf seiner Hand landen zu lassen und sich über ‚Kanal 24‘ aus seinem Körper heraus zu bewegen und sich derart selbst von ‚oben‘ zu beobachten, auch der keltische Sagengestalt der ‚Dechtire‘ setzt er inclusive Schwangerschaft ein – nun ja – Denkmal: Sie tritt im Roman als Wesen auf, dessen Existenz zwar biologisch unmöglich ist, aber hier wohl für etwas (war mir jedoch unklar geblieben ist) stehen soll.


Die letzten Tage… war für mich eine Erholung nach schwierigeren und längeren Romanen der letzten Zeit. Der Roman ist unterhaltsam, weist eine recht spannende Geschichte auf, stellt aber keine allzu hohen Ansprüche an uns Leser. Er vereint skurrile, makabre Passagen mit solchen in denen nüchterne Informationen aus dem Bestattungsgewerbe gegeben werden und weist mit Paddy einen Protagonisten auf, der schnell unserer Sympathie gewinnt. Ein ideales Buch also für den Urlaub und für Zwischendurch, zumal der Roman schnell den Charakter eines ‚Pageturners‘ annimmt – Drehbuchschreiberkunst eben….. ;-)

Links und Anmerkungen:

[1] Bestatter (offenbar auch ehemalige) können schweigen: das Internet enthält kaum mehr Informationen über den Autoren, als ich hier aufgeführt habe..
[2] wen’s interessiert: das hier müsste es wohl sein:  https://masseybrosfuneralhomes.com

Jeremy Massey
Die letzten vier Tage des Paddy Buckley
Übersetzt aus dem Englischen von Herbert Fell 
Originaltitel: The Last Four Days of Paddy Buckley, New York, 2015
diese Ausgabe: carl’s books, Softcover, ca. 265 S., 2017

Diesen 2002 erschienenen Roman der englischen Literaturwissenschaftlerin und Schrifstellerin Sarah Waters [1] zu besprechen, ist eine kleine Herausforderung für mich, denn ich muss von meinem altgewohnten Schema, mehr oder weniger ausführlich auf den Inhalt einzugehen, abweichen. Bei Solange du lügst wäre eine solche Darstellung der Handlung ein dicker, dicker Spoiler, der den ganzen Reiz des Romans zunichte machen würde. Daher werde ich mich inhaltlich weitgehend auf den ersten von drei Teilen des Buches beschränken.

Dieser erste Teil beginnt mit diesem Satz: In jenen Tagen hieß ich Susan Trinder, ein Satz, der uns schon einiges von Susan, genannt Sue, verrät. Zum einen, daß sie im Verlauf der Handlung wohl einen anderen Namen erfahren und annehmen wird und daß sie, egal welches Schicksal ihr die Autorin zugedacht hat, alles überleben wird, zumindest in einer Verfassung, die das Erzählen ihrer Geschichte ermöglicht.

Einer Geschichte, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in England, in der Nähe Londons spielt. Sue, so will ich sie der Einfachheit halber nennen, wird in einer Art privatem und illegalem Waisenhaus mit integrierten Kinderverleih groß. Kinderverleih bedeutet, daß Mrs Sucksby ihre Schützlinge zum Betteln verleiht, es ist ein kleinkriminelles Milieu, in dem Susan aufwächst. Im Gegensatz zu allen anderen Mädchen wird Sue von ihrer Pflegemutter jedoch umsorgt und geliebt, auch Mr Ibbs, der Lebensabschnittsgefährte der verwitweten Waisenhausbetreiberin, der im Viertel als Hehler arbeitet, ist ihr zugetan, ein freundlicher und sanfter Mensch. Überhaupt ist das Leben in dieser Kleinganovenfamilie anscheinend ganz heimelig, das bisschen Klauen und Mopsen kann so schlimm ja nicht sein… Die Gefahr, die damit verbunden ist, wird verdrängt; die Strafen, wenn man erwischt wird, sind drastisch, der Richtplatz mit Galgen ist vom Haus aus zu sehen. Sues leibliche Mutter beispielsweise ist dort gehenkt worden, so erzählte es Mrs. Sucksby – aber sie war ja auch eine Mörderin, hat jemanden erstochen…..

Wie auch immer… in dieses Idyll platzt eines Tages ‚Gentleman‘, wie Richard Rivers, ein Hochstapler und Betrüger genannt wird, mit einem tollen Plan, der Aussicht auf einen immensen Gewinn bietet. Der aber auch menschlich sehr mies ist… und er braucht Sue dafür als Komplizin. Für einen Anteil von dreitausend Pfund ist diese auch bereit…

Sie soll als Zofe zu einer gewissen Maud Lilly gehen. Diese Maud ist die Nichte des schrulligen, exzentrischen Hausherrn auf Briar, der seine Nichte ähnlich einer Gefangenen auf dem Schloss hält, wo sie für ihn arbeitet, aber ansonsten keine Aufgabe oder Beschäftigung hat. Nie darf diese Briar verlassen, so wird sie auch nie einen Mann kennenlernen und nie heiraten und die die bei einer Hochzeit fällige reiche Erbschaft antreten können…. und genau hier hakt der Plan von Gentleman ein, denn er will heimlich mit Maud fliehen und sie heiraten und Sue als Zofe Mauds soll dies vorbereiten.

Das sagt sich für Sue einfacher als es ist, denn im Lauf der Wochen entwickelt sie Gefühle für Maud, die sie ihr auch offenbart, beispielsweise als sie gefragt wird, was denn in der Hochzeitsnacht von einer Ehefrau erwartet wird…..

Man möchte beim Lesen dieser Passagen Sue öfter mal in den Hintern treten, daß sie sich endlich zu ihren Gefühlen bekennen solle, aber letztlich stellt sie doch die Gewinnerzielungabsicht über diese zart erblühende Liebe. So kann Rivers zusammen mit Maud und Sue seinen Plan tatsächlich durchziehen, die drei fliehen nachts aus Briar und Maud und Richard heiraten in einer kleinen Kapelle, getraut von einem obskuren Geistlichen. Soweit, so gut, doch als es jetzt darum geht, den miesen Teil des Plans umzusetzen und Maud wieder loszuwerden, erfährt die Handlung eine völlig unerwartete Wendung um mindestens 540°….

Der zweite Teil des Romans wird aus der Sicht Mauds erzählt, sie schildert ihre Kindheit und frühe Jugend, die sie einem Irrenhaus verbrachte, in dem ihre Mutter bei der Geburt gestorben war. Die Pflegerinnen dort lieben das Kind, es wächst frei und ungebunden auf – ein Leben, das sich abrupt ändern sollte, als sie ihr etwas seltsam lebender und agierender Onkel zu sich nach Briar holt, in einer ganz bestimmten Absicht….

In diesem Abschnitt überlappen sich die Schilderungen Sues und Mauds über ihre gemeinsame Zeit auf Briar. Wie Spinnen lauern sie beide in ihren Netzen, die jeweils andere zu einzufangen, nicht wissend, daß sie selbst nur Figuren sind eines schon viel älteren Netzes, das schon seit langem sorgsam um sie gelegt worden ist. Und doch müssen beide ihre Gefühle unterdrücken, Gefühle, die mächtig sind, Liebe und Hass kämpfen miteinander in den Seelen der Figuren, verstricken sie in seelische Konflikte, die kaum zu lösen scheinen…. und dann noch dies:

… denn auch für Maud läuft nach der Flucht aus Briar noch lange nicht alles so, wie sie sich das vorgestellt hatte: Waters verpasst ihrer Geschichte noch einmal eine Wendung.


Solange du lügst besteht also aus drei Teilen, von denen Sue im ersten und dritten Teil die Erzählerin ist, Maud dagegen im Mittelteil, in dem sie ihre Geschichte schildert. Diese beiden jungen Frauen bilden zusammen mit Richard Rivers und dem Onkel Mauds auch die zentralen Figuren der Geschichte. Die die Autorin jeweils Sue und Maud erzählen läßt – also nicht auf einen allwissenden Erzähler zurückgegriffen hat – wirken auch die oft recht gegensätzlichen Sichten auf die Dinge glaubwürdig. Dabei liest sich die Geschichte sehr flüssig und schnell, viele Dialoge halten sie in hohem Tempo, aber auch die seelischen Konflikte schildert Waters sehr anschaulich. Andererseits hat die historisch bewanderte Literaturwissenschaftlerin Waters auch einiges an Lokalkolorit aus viktorianischer Zeit mit einfließen lassen. Man darf davon ausgehen, daß die Beschreibungen von z.B. London (die Verhältnisse in Irrenhäusern, das Vermieten von Kindern zum Betteln, die Enge und Ärmlichkeit der Häuser, der Dreck, der Lärm zumindest in den ärmeren Stadtteilen, der ewig graue Himmel über London, die bunt schillernde Themse, die allen Unrat der Stadt ins Meer mitnimmt…), aber auch die Darstellung häuslicher Verhältnisse den zeitgenössischen Standard wiedergeben, ebenso wie die der im geheimen blühenden Produktion und Rezeption erotischer Literatur, einem Fachgebiet, auf dem Waters ihre Promotion verfasst hat.

Interessant ist in dieser Hinsicht die Figur des Onkels von Maud, einem exzentrischen Büchernarren, der manisch an einer ausführlichen Bibliographie schreibt, einer Bibliographie über Erotika, wie wir später erfahren werden. Eine solche Bibliographie gibt es wirklich, ihr Verfasser ist ein gewisser Henry Spencer Ashbee, ein – genau – manischer Sammler von Erotika (nach Fuld [5] hat er nach seinem Tod der British Library einen Bestand von 15299 Werken vermacht, die den Grundstock des ‚Giftschranks‘ dieser Bibliothek bilden sollten), ferner ist dieser Ashbee Verfasser einer frühen Aufklärungsschrift über den bestimmungsmäßigen Gebrauch der betreffenden Organe beim Akt. Schien ihm selbst doch der Akt mit seiner pumpenden Bewegung der männlichen Hüfte, den klaffenden Körperöffnungen und den verzerrten Gesichter wenig elegant, so sollte er zumindest technisch ohne Komplikationen ablaufen. Deswegen ist Mauds schüchteren Frage an Sue, was denn von einer Ehefrau in der Hochzeitsnacht erwartet würde, gar nicht so sehr aus der Luft gegriffen, die Erotika, zu denen sie – auch das erfahren wir im zweiten Teil des Buches – Zugang hatte, enthielten solch sachbezogene Aufklärung nicht. Die nüchterne Ansicht Ashbees über die Ästhetik des Geschlechtsaktes ist auch insofern interessant, da er als (hinreichend sicher) vermuteter Autor von My Secret Life [3, 5, 6], eines über viertausend Seiten ausgebreiteten Liebesleben, in dem er innerhalb eines halben Jahrhunderts um die 1200 Frauen ‚besprungen‘ haben will (um einen von Waters im Roman für diesen Vorgang verwendeten Begriff zu nutzen) ….

Aber noch einmal zurück zum Buch. Alles hat ein Ende, die Wurst bekanntlicherweise zwei und auch ein Roman braucht zumindest eins… Die Handlung des Textes mit all ihren Irrungen und Wirrungen ist zum Abschluss gekommen, was fang ich an mit den Figuren? Hier einen wirklich gelungenen Abschluss hinzukriegen, scheint mir eine der schwersten Aufgaben eines/r Autoren/in. Auch in Solange du lügst deucht mich der Schluss der schwächste Teil des ansonsten so schönen Romans zu sein. Hier läßt Waters letztlich sterben, was Bösestwicht ist, bestraft, was minder schwerer Verfehlungen zu beschuldigen ist und was zusammengehört, wird schlussendlich zusammengefügt. Das die mit einem Thema zur erotischen Literatur promovierte Autorin am Ende dafür sorgt, das das Haus Briar diesem Genre treu bleibt, ist ein letzter, schöner Einfall Sarah Waters in Solange du lügst.

Auch wenn mir der Schluss des Buches etwas herbeigeschrieben vorgekommen ist, ändert das nichts an meinem Gesamteindruck, daß dieser im historischen Gewand des viktorianischen England daherkommende Krimi spannend ist mit all seinen Wendungen, daß er ferner eine differenzierte Zeichnung seiner Figuren aufweist (zu dem Punkt ließe sich vieles sagen, zumal die ‚Guten‘ nicht nur gut sind, sondern auch ihre dunklen Seiten, ihre Abgründe, haben. Aber das darzustellen würde den Rahmen dieser Buchvorstellung sprengen und zudem spoilen…) und daß Ort und Zeit der Handlung glaubwürdig dargestellt sind. Daß im Hintergrund parallel eine zarte Liebesgeschichte mitläuft, verleiht dem Roman zusätzlichen Reiz. Daß solch ein Roman Leser und Leserinnen hat, ist nicht verwunderlich, daß er ob seiner Beliebtheit auch verfilmt worden ist, ebensowenig. Den Trailer zum Film kann man sich natürlich bei youtube anschauen [6]

Links und Anmerkungen:

[1] vgl. hier die Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Sarah_Waters
[2] vgl. hier die Wiki: https://en.wikipedia.org/wiki/Henry_Spencer_Ashbee
[3] https://www.theguardian.com/books/2001/feb/25/biography.features
[4] Index Librorum Prohibitorum: being Notes Bio- Biblio- Icono- graphical and Critical, on Curious and Uncommon Books, by Pisanus Fraxi (London, 1877)
[5] Werner Fuld: Eine Geschichte des sinnlichen Schreibens, Galiani Berlin, 2014, S. 209 ff
[6] Walter: My Secret Life; Brüssel, 1888-1892 (englische Originalausgabe). Auf Deutsch u.a. in der Die Andere Bibliothek (Band 24) oder vollständig bei Haffmanns&Tollkemitt, Zürich. Man sollte sich aber nicht allzuviel versprechen, das Werk langweilt nach wenigen Seiten, das Übermaß verliert schnell an Reiz….
[7] Trailer (dt) zum Film: https://www.youtube.com/watch?v=jzgBcrDVV4A

Weiter von Waters hier im Blog besprochen:

Die Muschelöffnerinhttps://radiergummi.wordpress.com…muscheloeffnerin/
beide Bücher sind in Neuauflagen bei Krug & Schadenberg zugänglich.

Sarah Waters
Solange du lügst
Aus dem Englischen übersetzt von Stefanie Retterbush
Originalausgabe: Fingersmith, 2002
diese Ausgabe: Aufbau Taschenbuch Verlag, ca. 625 S., 2005

Christoph Hein: Horns Ende

13. August 2017

Christoph Heins erster Roman aus dem Jahr 1985 führt uns in eine mittlerweile weit entfernt scheinende Vergangenheit. Die Handlung ist angesiedelt in einer Kleinstadt, einer Kurstadt in der Nähe Leipzigs, im Jahr 1957, sie spielt in der damaligen DDR. Das Schlüsselereignis der Romans ist schon im Titel festgestellt, es ist Horns Ende und es gilt das gleich anfangs getroffende Diktum, daß der Tod eines Mannes wie Horn ausreichen [sollte], um diese Stadt wie ein biblisches Gomorrha auszutilgen.

Die Geschehnisse, um die es geht, sind wie schon gesagt, im Jahr 1957 angesiedelt, sie werden jedoch aus der Rückschau geschildert. Es ist kein Einzelner, der sich erinnert, Hein läßt verschiedene Personen aus dieser Stadt zu Wort kommen, aus deren Erinnerungen sich ein Gesamtbild ergibt: Dr. Spodeck, einer der örtlichen Ärzte gehört dazu, Gertrude Fischlinger, die einen Krämerladen betreibt und bei der Horn über Jahre als Untermieter lebte, der Bürgermeister Kruschkatz, der am Schicksal Horns (mit)verantwortlich ist, sie waren einst in Leipzig Genossen, damals war Horn noch Dr. Horn, aber Stellung und Titel wurden ihm, nachdem er denunziert worden war, seinerzeit aberkannt. Mit Thomas, dem Sohn des Apothekers werden die Erinnerungen das damals elfjährigen Kindes wiedergegeben, dessen Freund Paul, der unerzogene Sohn der Gertrude Fischlinger, Horn damals gefunden hatte und der dieses Bild (… sie waren völlig verändert. Ihre Zunge, ihre Lippen …) sein Leben lang nicht vergessen konnte. Etwas anders sind die Erinnerungen Marlenes, eines verwirrten Mädchen, bzw. mittlerweile einer verwirrten jungen Frau mit einem ganz besonderen Schicksal: sie hat die unter den Nazis Denunziation als lebensunwertes Leben überlebt – dies aber nur, weil die Mutter ein schreckliches Opfer erbrachte. Gohl, ihr Vater, arbeitet jetzt im Museum, Thomas ist oft bei ihm, ansonsten hat er keinen Kontakt ins Städtchen und hat sich völlig zurückgezogen. Aber der Chef der Zigeunersippe, die sich in diesem Jahr Ende Mai auf dem großen Platz im Zentrum niederläßt, besucht ihn, und zwar nur ihn, sonst niemanden, so wenig wie die Zigeuner sich überhaupt um die Anordnungen des Bürgermeister kümmern, der sie auf einen abseits gelegenen Platz manövrieren will.

Was sich in dieser Stadt um Horn herum ereignete, läßt sich in groben Zügen so zusammenfassen: Horn arbeitet als Leiter des kleinen, örtlichem Museums, er ist unzugänglich, abweisend, schroff. Seine Bestrafung und Verurteilung hat nicht dazu geführt, daß er seine Ansichten geändert hat, nach wie vor glaubt er sich im Recht – und daß ihm Unrecht geschehen ist, die Anbiederungen Kruschkatz‘, der sich mit ihm ‚aussöhnen‘ will, weist er strikt zurück. Horn veranstaltet regelmäßige Abende im Museum, die zu den wenigen kulturellen Veranstaltungen in der Stadt gehören, auch wenn diese Abende nur von wenigen besucht werden. Horn hält zu diesen Gelegenheiten lokalhistorische Vorträge, mit denen er jedoch wiederum bei Linientreuen aneckt, Bachofen ist so einer, der Stellvertreter des Bürgermeisters. Dieser jedoch lehnt es ab, des- und eines anderen, nochmalig ’schweren Fehlers‘ wegen gegen Horn vorzugehen. Er wird daraufhin selber denunziert und muss sich vor einer Kommission rechtfertigen.

Horns Tod, sein Suizid, ist ein letzter, stummer Protest dieses Mannes, der das Unrecht nicht mehr ertrug und der allen klarmachen wollte, welche Schuld sie tragen, was sie mit ihrem Verhalten zu verantworten haben.


Heins Roman ist aber weit mehr als die Darstellung dieses skizzierten individuellen Schicksals der Titelfigur. Es ist auch eine Auseinandersetzung mit den Verhältnissen in der DDR. Das Buch ist in acht Kapitel unterteilt, jedem Kapitel ist ein Dialog vorangestellt zwischen dem toten Horn und dem inzwischen gealterten (… es sind Jahre vergangen. Sehen Sie mich an, ich habe graue Haare.) Thomas. Der Tote findet keine Ruhe, er will wissen, was danach, nach seinem Tod geschehen ist, er pocht darauf, daß man sich erinnert (so wie auch er sich zu Lebzeiten immer an das ihm zugefügte Unrecht erinnert hat), daß man nicht vergißt, denn nur der, an den sich niemand erinnert, ist wirklich und endgültig tot…. Ein Satz, der sich in seinem Geltungsbereich ausweiten läßt auf die Ermordung der Juden, die der Zigeuner (die nach diesem Sommer nie wieder in der Stadt erscheinen sollten, also auch bildlich dem Vergessen anheim fallen werden wie der tote Horn) und der Ausmerzung des ‚unwerten Lebens‘, hier in der Figur der äußerst zurückgezogen lebenden Marlene.

Überhaupt die Erinnerung – Überlegungen zu ihr nehmen einen wichtigen Teil des Textes ein. Es gibt Passage, in der Thomas im Schlafzimmer der Eltern vor einem dieser alten dreiteiligen Spiegel sitzt, deren Außenflügel verstellbar sind. Je nachdem, wie man sie stellt, verändern sich die Bilder, Teile verschwinden, werden verzerrt oder ‚verkehrt‘ wiedergegeben. Damit wird der Spiegel zum Bild für die Erinnerung, die notwendigerweise immer auch durch die individuellen Charakteristika der jeweiligen Person geprägt ist und sich daher von der anderer unterscheidet: jede Erinnerung ist so wie auch jede Wahrheit relativ und nicht absolut. Auch dies ein ‚Angriff‘ auf den in der DDR offiziell herrschenden sozialistischen Realismus, der ein Absolutes vertritt.

Die Zigeuner mit ihren Pferden, Pferden, die sie den Bauern vermieten, die damit ihre Felder bewirtschaften – und die so dem politischen Druck zur Kollektivierung ausweichen können, zum Verdruss der Linientreuen.

Ganz im Gegensatz zum vermeintlichen Vergessen des alten Thomas steht die Ausführlichkeit der Erinnerungen der einzelnen Figuren im Roman. Diese Erinnerungen gehen weit über das Horn Betreffende hinaus, sie gehen weit in die Vergangenheit der jeweiligen Personen zurück, schildern ihr Leben, das meist trost- und freudlos war, von Demütigungen geprägt und fremdbestimmt. Dr. Spodeck beispielsweise, Sohn (einer von vielen, die der dominante Vater, ein ‚Wohltäter‘ der Stadt, in selbiger ausgesät hatte) eines Fabrikanten, wurde von diesem dazu ausgewählt, Medizin zu studieren und später die durch den Vater aufgekaufte Praxis zu übernehmen. Nur alle paar Jahre erschien der Sohn beim Vater zum demütigende Befehlsempfang, seiner Mutter zuliebe, wie er sich einzureden versuchte, in Wahrheit jedoch, weil der gegen den Vater nicht ankam…

Oder Gertrude Fischlinger, vom schlechten Mann schnell einer anderen wegen verlassen, mit der Erziehung ihres Sohnes heillos überfordert, selbst krank und malade und allein…. bei ihr wird Horn einquartiert, ein Untermieter, der für sie quasi unsichtbar bleiben sollte, bis auf eine unvermutete kurze Zeit der Wärme, die sich diese beiden Einsamen gegenseitig spenden sollten….

Thomas, der Sohn des Apothekers, noch in wilhelminischer Atmosphäre erzogen: der Kopf des Knaben vom Vater bei der Begrüßung von Entgegenkommenden noch weiter nach unten gedrückt, eine sehr symbolische Handlung. Der Vater, überhöht auf einem Podest stehend für das Kind, allmächtig, unangreifbar: selbst für die Hefte mit den spärlich bekleideten Damen, die Thomas beim heimlichen Durchsuchen der Bibliothek des Vaters hinter den Klassikern versteckt, findet, sucht sich der Knabe Vorwände…

Kruschkatz natürlich… ohne Ausbildung und Qualifikation hat sich dieser Mann hochgearbeitet, Stufe und Stufe einer Karriereleiter genommen, der er mit dem Bürgermeisterposten eine neue Stufe hinzufügen wollte. Eine Stufe, die er nicht nehmen sollte, an der er scheitern wird, beruflich und auch privat. Seine Frau, ohne die er nicht leben kann und die er aus Leipzig zu sich holt mit dem Versprechen, daß sie dort nicht beerdigt werden würde (man also in absehbarer Zeit das Städtchen wieder verließe) wendet sich von ihm ab, sagt ihm emotionslos, daß sie sich vor ihm ekelt, macht ihn ebenso für Horns Tod verantwortlich.

Es ist eine graue, trostlose Welt, die Hein schildert, trostlos die Figuren wie die graue Stadt mit ihrem zerfallenden Bahnhof. Von den Figuren ist keiner ein Sympathieträger, Mitleid ja, aber mehr? Selbst Horn bleibt fremd, ist dem Leser gegenüber genauso schroff und abweisend wie als Figur seinen Gegenübern.

Horns Ende von Hein (und hier bedanke ich mich sehr bei den Kolleginnen von meinem Lesekreis, durch die ich viele Anregungen erhalten habe): ein kleiner, intelligenter und auch ein wenig ein subversiver Roman über eine DDR, die es zwar nicht mehr gibt, die aber als Prototyp jeder Diktatur bzw. jedes autoritären Regimes gelten kann.

Links und Anmerkungen:

Von Christoph Hein habe ich hier im Blog schon folgende Romane besprochen:

– Frau Paula Trousseau
– Glückskind mit Vater

Christoph Hein
Horns Ende
DDR-Ausgabe: Berlin-Weimar, 1985

diese Ausgabe (Erstausgabe): Luchterhand, HC, ca. 266 S., 1985

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