Bücherverbrennung 1933 in Deutschland

Das Göttinger Tageblatt vom 11. Mai 1933:

Der neugewählte Rektor der Universität, Prof. Neumann, ließ es sich nicht nehmen, die einleitenden Worte zu sprechen … Sodann nahm Privatdozent Dr. Fricke das Wort, um in längerer, formvollendeter und geistvoller Rede Sinn und Bedeutung der Kundgebung zu deuten. Er wies darauf hin, daß nunmehr die nationale Revolution in ihr entscheidendes schöpferisches Stadium getreten sei … Nur einen kleinen Teil der akademischen Jugend, die ihr Glaubensbekenntnis zum deutschen Geist durch eine Protestaktion gegen alles Undeutsche ablegt, hat das Auditorium maximum fassen können. Während der sinndeutenden Rede Dr. Frickes, herrscht draußen, um das Hörsaalgebäude herum, ein fast lebensgefährliches Drängen und Treiben … Ein Trompetensignal gibt das Zeichen zum Beginn des Fackelzuges, die SS-Kapelle intoniert einen Marsch, und unter Vorantritt der Hakenkreuzfahne des Sturmes 4/82, des Studentensturmes, zieht die akademische Jugend Göttingens durch die Straßen der Innenstadt hinauf zum Platz vor der Albanischule. Hier ist schon in den Nachmittagsstunden der Scheiterhaufen errichtet worden… 

zitiert nach: Christian Graf von Krockow: Scheiterhaufen – Größe und Elend des deutschen Geistes, Severin und Siedler, 1983

Zu Herrn Dr. Fricke finden sich ein paar biographische Angaben in der Wiki:
https://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_Fricke
ausführlich geht Gudrun Schnabel auf das Wirken von Gerhard Fricke ein: Deutsche Literaturwissenschaft 1945 -1965: Fallstudien…., denn karrieremäßig war natürlich nach ´45 noch lange nicht alles vorbei….

Zu Herrn Prof. Neumann hier der Beitrag in der Wiki: https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Neumann_(Germanist)

zur Bildersammlung aus dem Göttinger Tageblatt

Bücherstapel vor dem Anzünden

Bücherstapel vor dem Anzünden

Die Bücherverbrennung in Göttingen wird u.a. auch in dieser Quellen thematisiert:

http://www.verbrannte-buecher.de/?page_id=2250

Daß ich Göttingen hier exemplarisch angeführt habe, ist reiner Zufall. Ich hätte genauso gut eine andere Universitätsstadt (der teuflische Plan ging auf: nicht die Bücher der Studenten wurden verbrannt (was u.U. zu Widerstand und Protest geführt hätte), sondern die Studenten, die vorgebliche Intelligenz, verbrannten die Bücher selbst!) wählen können. Gießen zum Beispiel, meine „eigene“ Uni. Die waren damals so geil auf´s Verbrennen, daß sie gar nicht erst bis zum 10. Mai gewartet hatten, sondern zwei Tage vorher schon zündelten… nachzulesen z.B. hier:  https://buecherverbrennung.wordpress.com

Bildquellen:

Bücherverbrennung: Grafik (Mai 1933, Otto Gerhausen (1881-1936), [Public domain], via Wikimedia Commons]
Bildersammlung: Screenshot der verlinkten Seite (Seite 7)

Offensichtlich gehört es zum guten Ton bei Titeln aus diesem – zugegebenermaßen – schwierigen Themenbereich, darauf hinzuweisen, daß das Thema ‚Sterben‘ bzw. ‚Tod‘ gesellschaftlich tabuisiert ist und verdrängt wird. Sowohl der Autor Gottschling als auch seine Vorwortverfasserin Käßmann folgen dieser Tradition, deren Aussage mich persönlich in ihrer Absolutheit nicht mehr so recht überzeugen will. Schau ich mir z.B. die Zugriffszahlen des letzten (Zeit)Jahres auf meinen eigenen Blog an, so sind unter den ersten zehn Titeln zwei Jugendromane, die sich mit dem frühen Krebstod eines Menschen auseinandersetzen [1]. Daraus schlussfolgere ich schon eher, daß viele Menschen – auch junge – bereit sind, sich mit diesen letzten Fragen auseinanderzusetzen, auch wenn diese selbstverständlich als reines Partythema und für den unverbindlichen Small Talk nicht geeignet sind. Egal, es ist nur eine persönliche Anmerkung von mir, jetzt zum Buch von Prof. Dr.med. Sven Gottschling und Lars Amend [siehe dazu die Bemerkung am Schluss meiner Besprechung].


Gottschling ist Chefarzt des Zentrums für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie des Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg. Er ist noch jung, 44 Jahre alt, und hat sich mit ‚Haut und Haaren‘ der Aufgabe verschrieben, Sterbenden und ihren Angehörigen durch eine kompetente Begleitung und Betreuung diesen letzten Weg zu erleichtern. Was dies in der Praxis bedeutet, was dies einschließt, auch was es begrenzt, welche Möglichkeiten es gibt und nicht zuletzt, welche sich hartnäckig haltenden Mythen es zu bekämpfen gilt, dem ist dieses Buch gewidmet.

Während es andere Titel zum Themenkomplex gibt, bei deren Studium einem so richtig die Freude am Sterben genommen wird, weil von den gewählten Fallbeispielen eins schlimmer ist als das andere [2], ist der Grundtenor von Gottschlings Buch positiv: Wir können nicht alles Leid verhindern, aber doch sehr, sehr viel Leid mindern. Der Tod, so der Autor, ist nichts Schreckliches. Die fürchterliche Vorstellung vom Tod macht ihn erst furchtbar.

Ich will mich in diesem Beitrag auf einige Punkte von Gottschlings Ausführungen konzentrieren, den Inhalt des Buches wiederzugeben, wäre deutlich zu viel.

Unter den schon erwähnten Mythen geht der Autor auf folgende ein:

  • Sterben und Tod sind leidvoll und schmerzhaft
    Hier räumt Gottschling mit dem weitestverbreiteten Glauben medizinischer Laien, mit dem Sterben verbundenes körperliches Leid (z.B. Schmerz, Atemnot) sei nicht linderbar und die Ärzte täten alles in ihrer Macht stehende, auf: beides ist nicht so. Man kann praktischen jeden Schmerz (hier differenziert der Autor verschiedene Schmerzarten [3]) zumindest deutlich lindern und die Kenntnisse der deutschen Ärzteschaft über moderne Schmerztherapie sind im Schnitt, dürftig, liegen Jahrzehnte hinter dem aktuellen Stand der Wissenschaft zurück. Aber: auch viele Betroffene hängen noch der ‚ein-Indianer-kennt-keinen-Schmerz‘-Philosophie an.
  • „Wie lange noch, Herr Doktor?“
    Auch der Arzt ist kein Herrgott, nirgends kann man sich so sehr verschätzen wie bei einer Antwort auf die Frage nach der verbleibenden Lebenszeit…. Manche Betroffene wollen es auch gar nicht wissen, andere planen auf der Grundlage der Auskunft schon die Trauerfeier und sind dann empört, daß Oppa immer noch schnauft, wo doch die Grube schon ausgehoben ist….
  • Nahrung und Flüssigkeiten sind Lebenserhaltung
    No, das ist einfach nicht so. Wenn der Sterbende nicht mehr essen will, dann braucht er keine Nahrung mehr. Wenn er nicht mehr trinken will, dann ist es praktisch immer kontraproduktiv, ihm Flüssigkeit zu verabreichen, die weder vom langsam abschaltenden Kreislauf noch von den Nieren, die ihre Funkion auch peu a peu aufgeben, verarbeitet werden kann. Der häufig noch ausgeübte moralische Druck (sprich: Erpressung): „Sie wollen ihren …. doch nicht verhungern/verdursten lassen?“ ist perfide. Künstliche Ernährung. so Untersuchungsergebnisse, verlängert die Lebenszeit nicht, mindert aber häufig die Lebensqualität. Was das Trinken angeht, ist die Mundpflege beim Sterbenden viel wichtiger!
  • Schmerzmittel machen süchtig
    Dies bezieht sich natürlich vor allem auf Opiate. Hier klingen die Ausführungen Gottschlings bzgl. des wohl bekanntesten Opiats, Morphin (das er pars pro toto nimmt) fast schon wie ein Appell, doch endlich die Bedenken gegen dieses segensreiche Medikament fallen zu lassen und es in adäquater Dosierung (die durchaus sehr hoch sein kann) einzusetzen!
  • Man muss sich zwischen Lebenszeit oder Lebensqualität entscheiden
    Gottschling verweist auf eine Studie, die zeigt, daß onkologische Patienten mit sehr schlechtem Zustand, die sich noch einer Chemotherapie unterzogen haben, eine deutlich geringere Restlebensspanne hatten als die Patienten, denen die Chemo erspart geblieben ist. Facit: eine Behandlung ist nicht unbedingt lebensverlängernd, aber häufig verschlechtert sie die Lebensumstände. Daraus folgt die Forderung, frühzeitig palliativmedizinische Fachkompetenz bei der Behandlung lebensbegrenzend Erkrankter hinzuzuziehen.
  • Man darf einem Menschen die Hoffnung nicht nehmen
    Dieser Satz dient dem medizinischen Personal häufig als Feigenblatt dafür, dem Patienten gegenüber nicht ehrlich zu sein. Der Umgang mit der Hoffnung des Patienten auf… verlangt jedenfalls ein hohes Maß an Sensibilität…

Das Lebensende ist gespickt mit Beschwerden: Körper und auch Geist sind in die Jahre gekommen. Im Abschnitt Beschwerden am Lebensende und was wir wirklich tun können, befasst sich Gottschling damit. Konkret sind dies folgende Themenbereiche: (noch einmal) Schmerzen, Atemnot/Luftnot, Übelkeit, Angst und Erschöpfungszustände sowie neuropsychiatrische Symptome wie Unruhe, Verwirrtheit, das nicht mehr Erkennen von Menschen. Und das Sterben selbst? Wenn man sich darauf vorbereitet, was einen erwartet, wenn ein geliebter Mensch tatsächlich im Sterben liegt, verliert es seinen Schrecken. Der Autor beschreibt dies und gibt auch Hinweise für Notfälle, die auftreten können (Krampfanfälle, Blutungen u.ä.)

Im Grunde sollte man eigentlich den Begriff ‚Sterbende/r‘ vermeiden, denn er verdeckt nur zu häufig, daß dieser Mensch eine Lebender ist, freilich in einer bestimmten Lebensphase. Und so sollte man ihn auch behandeln und mit ihm umgehen. Die Kommunikation mit lebensbegrenzt erkrankten Menschen (die Umschreibung, die Gottschling häufig benutzt), deren Angehörigen und beteiligten Kindern ist Inhalt des nächsten Abschnitts. Die Frage, wie Kinder mit dem Tod naher Menschen umgehen und wie man als Erwachsener darauf reagieren sollte, bildet einen Schwerpunkt der Ausführungen.

Und wenn es soweit ist, wo bekomme ich Hilfe? Hier geht Gottschling darauf ein, unter welchen Randbedingungen das Sterben zu Hause oder in diversen Einrichtungen (Krankenhaus, Heim…) tatsächlich ablaufen kann oder abläuft. Speziell, wenn dem häufig geäußerten Wunsch des Sterbens zu Hause nachgekommen wird, ist es wichtig, zu wissen, wo welche Hilfe nachfragbar ist. In diesem Bereich sind zwar schon seit Jahren gesetzliche Voraussetzungen geschaffen, aber (Stichwort: SAPV) noch lange nicht flächendeckend umgesetzt.

Im Kapitel 6: Sterbeverhinderung, Lebensverlängerung oder Sterbehilfe klärt Gottschling eingangs die Begrifflichkeiten einzelner Tatbestände: alt: aktive Sterbehilfe, neu: Tötung auf Verlangen; alt: Beihilfe zur Selbsttötung, neu: assistierter Suizid; alt: passive Sterbehilfe, neu: Sterben zulassen.

Der Autor hält fest, daß in einer Studie (2015) festgestellt wurde, daß selbst bei schwerstkrankem Patientengut (?) die Suizidquote um mehr als eine Zehnerpotenz niedriger lag als in der Gesamtbevölkerung, wenn eine qualitativ hochwertige und verlässliche Palliativversorgung aufgebaut werden konnte.

Des weiteren gibt Gottschling einen Überblick über die Situation betr. Tötung auf Verlangen/assistierter Suizid im europäischen Ausland. Die Zahlen aus den Niederlanden und aus Belgien (vor allem aus Flandern), in denen dies per Gesetz unter bestimmten Bedingungen erlaubt ist, rechnet er auf die deutsche Bevölkerungszahl um und plausibilisiert dadurch das erschreckende Ausmaß, in dem in unseren Nachbarländern Menschen von Ärzten getötet werden. Der Autor positioniert sich ganz klar und eindeutig gegen diese Vorgehensweise, wobei ihm die obige Aussage zum Einfluss der Palliativversorgung auf die Suizidalität lebensbegrenzt Erkrankter Recht gibt. Auf die naheliegende Frage, wie der Stand der Palliativversorgung in den Niederlanden und in Belgien ist (diese Frage stellt sich natürlich) geht Gottschling jedoch nicht ein.

An dieser Stelle wird Gottschling leider ein wenig tendenziell, in dem er zwei Fallbeispiele konstruiert, die extreme Situationen darstellen, die in dieser Reinform wohl eher die Ausnahme sind. Beiden liegt ein 43jähriger Familienvater (zwei Töchter im Alter von 8 und 16 Jahren) zugrunde, der unter schwerster Symptomatik an einem metastasierendem Tumorleiden erkrankt ist.

Im Szenario ohne Palliativversorgen baut Gottschling nun angefangen vom Vierbettzimmer auf einer normalen Krankenhausstation ein Horrorszenario auf, in dem der Erkrankte bei unzureichende Pflege und mangelhafte Systemkontrolle schließlich an nicht behandelter Atemnot stirbt. Dies ruft eine posttraumatische Belastungsstörungen bei der Mutter hervor und führt damit zu deren Arbeitsplatzverlust.. Schulversagen eines Kindes und einer Vielzahl weiterer psychischer Schäden (z.B. Einnässen): es tritt alles ein, was prinzipiell in so einer tragischen Situation vorkommen kann: ein Worst-Case-Szenario also, das sehr mit der Angst arbeitet.

Dem gegenüber stellt er die fast heile Welt der Palliativstation, in der Vater unter bestmöglicher Systemkontrolle in einem Familienzimmer liegt, die Kinder in einem Begegnungszimmer mit gleichaltrigen, ebenfalls betroffenen Kindern Kontakt aufnehmen können, beide Eheleute finden in kleinen Zeitinseln noch einmal Gelegenheit zu Nähe, Sexualität und können letzte Dinge regeln… bevor der Vater nach Hause entlassen wird und dort vom SAPV begleitet im Kreis der Familie friedlich stirbt…. wobei die Familie selbstverständlich auch nach dem Tod des Vaters in ihrer Trauerphase nicht allein gelassen wird.

Gottschlings Ziel, den überaus segensreichen Effekt einer adäquaten Palliativversorgung deutlich zu machen, ist hehr, aber in diesen konstruierten Fällen trägt er meiner Meinung doch etwas zu dick auf…


Leben bis zuletzt ist ein Buch aus der Praxis für die Praxis. Der Autor führt viele Fallbeispiele an, die ihm in seiner Praxis untergekommen sind, er ist in seinen Aussagen klar und deutlich, seine Sprache ist gut verständlich, auch für den medizinischen Laien. Er scheut sich ebenfalls nicht, hin und wieder ins Umgangssprachliche zu wechseln, wenn er beispielsweise einen Kollegen zitiert, der in Bezug auf die Darreichungsform von Medikamenten der (nachvollziehbaren) Meinung ist „Zäpfchen sind was für Arschlöcher“. Diese Formulierung ist natürlich die Ausnahme, macht aber deutlich, daß die Aussagen das Buches klar und deutlich formuliert sind.

Gottschling spart auch nicht mit Kritik an seinen ärztlichen Kollegen. Die Verordnung von Zäpfchen für Menschen, die bald Sterben werden, die absolut mangelhaften Kenntnisse in moderner Schmerztherapie, die partielle Inkompetenz bei der Kommunikation mit lebensbegrenzt Erkrankten und deren Angehörigen, die Unkenntnis über viele aktuelle Untersuchungsergebnisse (siehe oben: Mythen wie über Nahrung, Trinken), die immer noch anzutreffende Geringschätzung der Palliativmedizin…. Es gäbe viel zu tun in der Ärzteschaft…. Natürlich steht der Gesetzgeber nicht aussen vor war Kritik angeht: die lächerliche Vergütung palliativmedizinischer und sprechender Medizin, die gesetzlich zwar geregelte, aber bis dato nur unzureichend umgesetzte ambulante Palliativversorgung in der Fläche, die unzureichende Pflegesituation für Sterbende in vielen Heimen und Krankenhäusern, die immer stärker auf wirtschaftliche Ziele hin optimiert werden….

Liest man als Laie das Buch, so wird man mit einer Menge soliden Halbwissens aufmunitioniert. ‚Solides Halbwissen‘ soll auch heißen, daß für Patienten und Angehörige ein Problem bestehen bleibt, auf das Gottschling allenfalls indirekt eingeht: ‚wie sag ich´s meinem Arzt‘ bzw. wie setze ich mich gegen die Meinung eines Arztes durch, wenn diese z.B. hinsichtlich der Schmerztherapie anders ist als die meinige…. Ich spreche hier aus leidvoller eigener Erfahrung. Mein Vater, der jetzt schon einige Jahre tot ist, hatte durch Krieg und Beruf (er war einige Jahre Bergmann und hat Kohle gemacht) kaputte Knie, die ihm im Alter starke Schmerzen verursachten. Der Heimarzt verordnete jedoch trotz eindringlicher Bitten meinerseits nichts dagegen: er habe beim Besuch keine Schmerzanzeichen gesehen (klar, mein Vater saß ja immer) und habe auf die Frage nach Schmerzen mit ‚Nein‘ geantwortet (auch klar, in seinem schon länger zurückliegenden Sibirienaufenthalt hatte er verinnerlicht, daß derjenige, der über Schmerzen klagt oder sagt, er sei krank, verloren war….)….. was man jedoch aus Gottschlings Ausführungen auf jeden Fall mitnehmen kann, ist der Rat, frühzeitig (!) einen Palliativmediziner in die Behandlung eines bald Sterbenden miteinzubeziehen. Der hat zum einen die Fachkompetenz und kann diese zum zweiten gegenüber seinen Kollegen – so dies nötig ist – besser zur Geltung bringen als ein durch die Situation eh schon derangierter betroffener Laie.


Zum Abschluss noch Anmerkungen, der aber wohl eher dem Verlag als dem Autoren zuzurechnen ist. In meinen Regalen stehen einige Bretter voll mit Büchern zum Themenkreis rund um´s Sterben, doch dieser Titel von Gottschling ist der einzige, der bei der Autorennennung auf dem Umschlag mit der vollen Wucht professoraler und medizinischer Autorität daherkommt: Prof. Dr. med. Sven Gottschling. Und selbst die allbekannte und fast schon ubiquitäre Margot Käßmann, von der das Vorwort stammt, ist nicht einfach Margot Käßmann, sondern Prof. Dr. Dr.hc Margot Käßmann… Dabei hat das Buch diesen etwas plumpen Aufwertungsversuch doch gar nicht nötig….

Gottschlings Werk und Amends Beitrag… immerhin wird dieser Lars Amend auch auf dem Umschlag, wenngleich etwas kleiner geschrieben, genannt, auf der Verlagsseite sogar in gleichberechtigter Größe (‚Sven Gottschling + Lars Amend‘, Stand: 01.05.17),  in welcher Weise dieser Herr Amend jedoch zum Buch beigetragen hat, ist mir nicht ersichtlich geworden. Ein einziges Mal noch findet er Erwähnung im Klappentext auf der hinteren Umschlagseite. So bleibt die Frage, warum steht der Name da? unbeantwortet….

… und last not least: Greifen sie zu, die einmalige Gelegenheit: Sieben Kapitel zum Preis von sechsen! Denn wie anders soll man es interpretieren, wenn der Verlag auf seiner Ankündigungseite für den Titel davon redet: Anhand der Geschichte zweier jungen Frauen zeigt Prof. Dr. med. Sven Gottschling in einem Bonuskapitel, … [steht wirklich so mitsamt des grammatikalischen Stolpersteins auf der Webseite, Stand: 03.05.2017; Hervorhebung von mir].


… und dennoch: diese letzten Kritikpunkte haben leicht ersichtlich nichts mit der inneren Qualität des Buches zu tun. Jeder, der sich über das traurige und leidvolle Thema ‚Sterben und Tod‘ kundig machen will, auch weil es unter Umständen ganz akut geworden ist im familiären, persönlichen Umfeld, sollte Gottschlings Buch ganz oben auf seine Liste der Bücher setzen, die es in die engere Auswahl zu nehmen gilt. Mich hat es jedenfalls überzeugt.

Links und Anmerkungen:

[1] … und zwar: John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter und Jenny Downham: Bevor ich sterbe (Die Links führen zu den Besprechungen hier im Blog)
[2] ich denke hier jetzt an das (ebenfalls empfehlenswerte) Buch von Matthias Thöns: Patient ohne Verfügung, erschienen im Piper Verlag, das ich hier irgendwann noch vorstellen werden
[3] Wer etwas tiefer in den ‚Schmerz eintauchen‘ will, dem kann ich das gleichnamige Buch von Amrei Wittwer und Gerd Folkers empfehlen (https://radiergummi.wordpress.com/..schmerz/)

Mehr hier auf dem Blog zum Themenkomplex ‚Krankheit, Sterben, Tod und Trauer‘ vorgestellte Bücher sind über dieses Inhaltsverzeichnis zu finden: https://mynfs.wordpress.com/autorenverzeichnis/

Sven Gottschling/Lars Amend
Leben bis zuletzt
Originalausgabe: S. Fischer Verlage, Klappenbroschur, ca. 270 S., 2017

Susann Pásztors [1] neuer Roman um den ehrenamtlichen Hospizbegleiter Fred Wiener, der die ca. sechzigjährige krebskranke Karla Jenner-García auf ihrem letzten Lebensabschnitt begleiten will, interessierte mich natürlich auch schon deswegen sehr, weil ich selbst ehrenamtlicher Hospizbegleiter bin. So kommt mir die den Roman eröffnende Eingangssituation – der Protagonist steht unsicher und nervös vor dem Haus seiner Begleitung, was weiß Gott so nicht sein sollte [2] – bekannt vor: genauso habe ich bei meiner ersten Begleitung dagestanden….. Déjà-vu….


Es gibt Menschen, die sind einem vom ersten Moment an unsympathisch. Der in den Vierzigern stehende, kugelig aussehende Fred Wiener, über dessen Leben der Begriff ‚Versager‘ schwebt, gehört für mich dazu. Dieser Fred Wiener, von Arbeitskollegen hin und wieder auch ‚Wiener Würstchen‘ tituliert, begegnet uns in zwei Rollen: einmal als ehrenamtlicher Hospizbegleiter und dann noch als alleinerziehender Vater. Beide Rollen gewinnen im Lauf der Entwicklung einige Überschneidungspunkte.

Meine Sympathien lagen jedoch von Beginn an bei Karla, der zweiten, eigentlichen Hauptfigur des Romans, die schroff, abweisend, sarkastisch und unzugänglich ist und der Fred in seiner Ehrenamtsfunktion begegnet. Warum Karla, diese sehr auf sich zurück gezogene Frau überhaupt die Begleitung durch einen Fremden erbeten hat, ist mir unklar geblieben, aber das ist schließlich die Freiheit der Autorin in ihrer fiktiven Geschichte. Bei Karla also meine Sympathien und bei Philipp, oh Entschuldigung, bei Phil, dem fast schon vierzehnjährigen Sohn Wieners aus der geschiedenen Ehe mit Sabine. Phil ist rein von der Statur her etwas kurz geraten, das ist einfach so, die mittlerweile neu liierte und der Esoterik ergebene Mutter versucht ihn per Telefon und Postpaket mit positiver Energie und Wachstumsmitteln zu heilen. Das ist lieb gemeint, nervt aber sowohl den Vater als natürlich erst recht den Sohn.

Phil ist der Lyrik zugeneigt, er schreibt Gedichte und ist unter einen Pseudonym in einem Lyrikforum unterwegs. Sein Höchstes ist es, als eins seiner Gedichte zum Gedicht des Monats gewählt wird; ansonsten ist er eher ein Einzelgänger. Daß er prinzipiell alles isst, was Fred auf den Tisch bringt, ganz einfach, weil ihm Essen völlig egal ist, vereinfacht das tägliche Leben der beiden. Rührend ist der Beginn der Pubertät beim Knaben, der ihn immer wieder in schwärmerische Momente gleiten läßt.

Eine kurzen Eindruck von Karlas Wesen habe ich schon gegeben. Karla leidet unter einem metastasierten Pankreas-Karzinom, hat die letzte Chemo abgebrochen: der zu erwartende Zeitaufschub stand für sie in keinem vernünftigen Verhältnis zu den heftigen Nebenwirkungen der Behandlung. Karla hat ein bewegtes Leben geführt, war viel in Amerika unterwegs, offensichtlich als Fan der Grateful Dead, hat auch lange auf Ibiza gelebt und ist kürzlich wieder zurück nach Deutschland gekommen; sie war bis zum Ausbruch der Krankheit wohl kein Kind von Traurigkeit. Die vielen Konzerte ihrer Lieblinge, die sich besucht hat, hat der treue Fan in tausenden von Fotos dokumentiert. Verwandte hat sie offensichtlich keine außer einer Schwester, die sie aber seit über vier Jahrzehnte nicht mehr gesprochen hat – gleichwohl kennt sie deren aktuelle Telefonnummer und hinterlegt sie im Hospiz. Der Riss zwischen den beiden Frauen, muss man nach Andeutungen vermuten, reicht tief in die Kindheit hinein, das Verhältnis zum Vater scheint – ohne daß dies näher ausgeführt wird – nun ja, problematisch gewesen zu sein.

Zwei weitere Personen seien noch erwähnt. Das ist zum einen Klaffki, ein etwas prolliger Mann mit einem Herzen aus Gold, der im gleichen Haus wie Karla wohnt und dort manchmal den Hausmeister gibt und weiterhin Rona, eine junge Frau, die öfters ein Date hat in der Wohnung über Karla. Im normalen Leben ist sie Studentin und bedient in einer Wirtschaft. Sie versorgt Karla zu deren Belustigung (ihr Appetit ist eher gering) mit Essen und Phil verknallt sich heftig in sie.

Damit wäre die Ausgangsituation der Geschichte, die um den Jahreswechsel 2015/16 spielt, grob umrissen.


„…Vielleicht möchte ich lernen,
es auszuhalten,

daß Menschen sterben.“ –
„Sie wollen das erst lernen?
Sie können das noch nicht?“

Fred, dessen Antwort auf die Frage Karlas nach seiner Motivation, Sterbebegleiter zu werden, von ihr eiskalt gekontert wird, will etwas für Karla tun, er ist ja schließlich nicht zum Spaß dort, sondern will etwas bezwecken. Doch Karla hat genaue Vorstellungen von dem, was sie möchte, was ihr gut tut, was sie haben will – leider fragt Fred sie nicht danach bzw. ignoriert es. So bleibt dieses erste Treffen recht kurz und unbefriedigend, aber immerhin duldet Karla ihn noch als ihren Begleiter – zu ihren Bedingungen.

Weihnachten naht und für Fred ist es klar, daß sich jeder Mensch über Weihnachten freut, sich der feierlichen Atmosphäre nicht entziehen kann. Außerdem hat er (vermute ich) gelernt, daß es sich leichter stirbt, wenn man den Streit, in den das Leben einen möglicherweise verstrickt hat, vor dem Tod beendet und sich versöhnt…. Fred hat da so eine Idee….

…. mit der er mächtig baden geht, auf ganzer Linie scheitert. Fred lernt auf die harte Tour, daß ein Sterbender nicht dazu da ist, den Vorstellungen eines Hospizbegleiters über das, was ihm gut tut, nachzukommen.

Der Plot des Romans ist vorhersehbar, es kann nicht anders sein bei dieser Ausgangssituation. Deswegen verrate ich nicht allzu viel, wenn ich sage, daß Karla sterben wird, daß Fred durch dieses tiefe Tal der Frustration gehen muss, aber dann seine zweite Chance erhält – dank Klaffki, dem Fan von Werder Bremen. Letztlich, auch wenn dies etwas seltsam klingt im Zusammenhang mit ‚Sterben‘, gönnt die Autorin allen Beteiligten ein gutes Ende, Karla einen guten Tod und den sie begleitenden Personen eine gute Begleitung. Susann Pásztor vermeidet es, alle Geheimnisse zu lüften, sie läßt, dem Charakter Karlas entsprechend, einiges im Dunkel der Vergangenheit ruhen, es ist im Angesicht des baldigen Todes unwichtig geworden und soll im Vergessen ruhen.

Der Roman hat in den letzten Passagen durchaus seine tränentreibenden Momente. Seltsamerweise – zumindest geht es mir so – berührt ein ‚guter‘ Tod mehr als ein Sterben, das mit Kampf verbunden ist, in dem der Körper und/oder die Seele nicht loslassen kann. Vielleicht liegt es daran, daß man in so einem Fall wie bei Karla nicht abgelenkt wird durch Aktivitäten, mit denen man versucht, das Leid des Betroffenen doch noch zu lindern. Ich weiß es nicht, vielleicht täusche ich mich auch in meiner Wahrnehmung und andere empfinden anders.

Karla ist ihr Sterben sehr bewusst angegangen: Offen gesagt, mein Sterben kotzt mich die meiste Zeit an. … Es gibt aber auch Momente, in denen ich mich durchaus privilegiert fühle. Ich kann mich mit dem Tod so intensiv auseinandersetzen, wie ich es möchte und aushalte. … .

Die Krankheit (Pàsztor hat sich eine ausgesucht, die wenig Alternativen läßt) schreitet voran, Karlas Tod ist sicher. Sie macht dies mit sich selbst aus, ringt im Verborgenen mit den Dämonen, die sie möglicherweise heimsuchen. Nur ein einziges Mal öffnet sie sich in diesen wenigen Monaten einem anderen Menschen emotional, sucht sie aktiv Nähe und Wärme, es ist ein unendlich tröstender und unendlich trauriger Abschied, den sie nimmt und den sie braucht, um den Rest des Weges weiterzugehen….


„Riskierst du eigentlich auch ab und zu mal was?“

Für Fred ist diese Begegnung mit Karla ein Wendepunkt im Leben. Die Ehe mit Sabine wurde damals schon mit fragwürdiger Motivation geschlossen und das Scheitern war keineswegs überraschend. Beruflich ist Fred zwar abgesichert, aber ohne Aussicht auf Erwähnenswertes und er begann die Hospizarbeit auch mit dem ihm selbst vielleicht gar nicht bewussten Motiv, daß er überhaupt etwas Interessantes über sich erzählen kann. Und dann gerät er gleich an Karla, die ihn aus all seinen Illusionen holt, er kollidiert heftig mit der Realität: der innere Friede, den die Begleitung eines Sterbenden bringen kann, ist jedenfalls auf seine Art und Weise nicht zu erlangen. Diese Erkenntnis erschüttert ihn, er reift in seiner gesamten Persönlichkeit an dieser Erfahrung, gewinnt Kontur und seine auf den ersten Blick möglicherweise als Schwäche erscheinende ‚Unterordnung‘ unter Karlas Bedürfnissen ist in Wirklichkeit eine Stärke: die nämlich, anzuerkennen, daß es nur um Karla geht. Diese Fähigkeit, die Bedürfnisse oder Wünsche anderer zu berücksichtigen, schlägt sich auch in der Beziehung zu seinem Sohn nieder.


Pásztors Text enthält sehr schöne Passagen, von denen ich ein Bespiel hier zitieren möchte. Fred wird nach seinem ersten ‚Scheitern‘ bei Karla angeboten, im stationären Hospiz Sitzwachen zu machen. Er hatte von seiner ersten Sitzwache an eine Art meditatives Einvernehmen gespürt, einen Raum, in dem alles absolut in Ordnung war, weil es Gesetzen gehorchte, die seit Ewigkeiten gültig warnen und die sowieso keiner verstand, eine Hingabe, die alles mitnahm, was ihn belastete,  und das war nicht wenig. In solchen Momenten, fand er die Aussicht, eines Tages selbst irgendwo zu liegen und nichts weiter tun zu müssen, als zu sterben, ausgesprochen tröstlich.

Ja, so ist es, es ist ein unendlich tiefer, tröstender Friede, der sich in der Gegenwart eines Sterbenden ausbreitet und von dem man auch als Begleiter eingehüllt wird. Vielleicht ist es tatsächlich genau das, was Pásztor schreibt, die nicht mir der Ratio, sondern mit der Wahrnehmung oder der Intuition erfasste Tatsache, daß das Sterben im Rahmen eines ewigen Gesetzes, dem das Leben gehorcht, notwendig, sinnvoll und gut ist.


Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster ist nicht nur ein Roman, sondern gibt auch eine durchaus realistische, wenngleich etwas idealisierte Darstellung einer Sterbebegleitung. Mit ‚idealisiert‘ meine ich, daß es nicht die Regel sein dürfte, daß eine alleinstehende, eigensinnige Person wie Karla von drei Menschen (Fred, Phil und Rona) so intensiv begleitet wird (und Klaffki muss man im Grunde ja auch noch mit einschließen) und sie dazu noch eine so intensive pflegerische und ärztliche Betreuung erhält. Das ist zwar wünschenswert, wird im realen Leben meist weniger intensiv sein. Aber die Tätigkeit in einer Sterbebegleitung ist so, wie sie Pásztor darstellt, mit ihren Höhen und Tiefen, mit ihren Fallstricken und ‚Erfolgsmomenten‘. Wobei sich, und dies ist ein sehr legales Motiv, als Hospizbegleiter tätig zu sein (und zu werden….), dieser ‚Erfolg‘ auf beiden Seiten zeigt: der/die Sterbende wird begleitet, ist nicht allein, hat einen Menschen, auf den er mit seinem Leid zugreifen kann und der Begleiter kann im Zusammensein mit seinem Patienten Momente tiefsten Friedens und großer Befriedigung erleben. ‚Kann‘ erleben soll heißen, daß das Sterben eines Menschen nicht gut sein muss, schwer sein kann, ob er nun aus Angst oder aus anderen Gründen seinen Tod nicht zulassen kann oder ob einfach der Körper, das Herz, nicht aufhören will zu schlagen, obwohl das Menschlein sichtbar am Ende seiner Reise angekommen ist. Solche Fälle können den Begleiter selbstverständlich belasten, aber um damit umgehen zu können, ist die von Pásztor ebenfalls in ihrem Roman eingearbeitete Supervision, die Begleitung der Begleiter, da.

Aus diesen Gründen ist Pásztors Roman ist für mich auch ‚Werbung‘ für das Ehrenamt einer/s Hospizbegleiters/in.


Der Roman selbst in in relativ kurze Kapitel unterteilt, die einzelnen Personen gewidmet sind: Fred natürlich, Phil und Gudrun (der Schwester Karlas). Karla selbst in allen Abschnitten Thema, ihre eigenen Kapitel sind jeweils eine Seite mit für sich stehenden, hingeworfen erscheinenden Sätzen oder Fragmenten oder auch wie hier Zeilen aus einem Gedicht [3]

but I’ve promises to keep
a
nd miles to go before I sleep
and miles to go before I sleep

Die Herkunft mancher dieser Sätze wird ganz am Schluss des Buches klar.

Trotz der Schwere des Themas liest sich der Text leicht und ist über weite Teile durchaus unterhaltsam, es ist keineswegs so, daß einem beim Lesen in jedem Abschnitt Betroffenheit entgegenquillt. Pásztor schildert das ganz normale Leben mit seinen Problemen, seinen Höhe- und Tiefpunkten, an denen auch Karla ihren Anteil hat. So wie sie ihrer – ich bin fast versucht, zu sagen – Ersatzfamilie nicht alles offenbart und sich oft zurückzieht, so schildert auch die Autorin eher die Lebensmomente von Karla und nicht so sehr die Schmerzen und das Leid.

Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster könnte für jemanden, der dem Thema ‚Sterben‘ bislang ausgewichen ist, ein guter Moment sein, sich zum ersten Mal damit auseinanderzusetzen.

Links und Anmerkungen:

[1] zur Autorin: https://de.wikipedia.org/wiki/Susann_Pásztor
[2] Der Erstbesuch einer häuslichen Begleitung sollte eigentlich von einer Hospizfachkraft erfolgen, um dabei die spezielle Situation abzuklären. Den Ehrenamtler allein, noch dazu bei seiner ersten Begleitung überhaupt, zu seiner Mission zu schicken, ist daher fachlich zweifelhaft. Zum Thema Erstbesuch hier zwei willkürlich herausgegriffene Webseiten: http://www.albatros-hospiz.de/hospizarbeit/begleitung-ambulant/ bzw. http://www.betanet.de/betanet/soziales_recht/Ambulante-Hospizdienste-706.html, aus denen sich das auch ergibt.
[3] … von Robert Frost. Vgl hier: https://literarydevices.net/miles-to-go-before-i-sleep/

Eine Übersicht über weitere Bücher, die ich zum Themenkomples: Krankheit, Sterben, Tod und Trauer vorgestellt habe, ist hier zugänglich: https://mynfs.wordpress.com/autorenverzeichnis/, ferner sammele ich Infos zum Thema in dieser Facebook-Gruppe: https://www.facebook.com/SterbenTrauerTod/

Von Susann Pásztor habe ich auf meinen Blog bislang ihren Roman Ein fabelhafter Lügner vorgestellt.

Susann Pásztor
Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster
Originalausgabe: Kiepenheuer&Witsch, HC, 288 S., 2017

Ich bedanke mich beim Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Ein Mann geht durch die Straßen New Yorks und quert dabei einen Gitterrost im Bürgersteig. Darunter war ein Raum, kaum noch genug, um darin stehen zu können, und ganz sicher nicht breit genug, um sich hinzulegen. Ein tiefer, grauer Kasten im Boden. … Ich hatte keine Ahnung, wozu er diente. Ohne zu wissen, wie es geschah, fand ich mich auf den Knien wieder und spähte hinein, …. Es überkam mich unversehens. Ich weinte und konnte mich dabei hören. 


Mit dieser sehr persönlichen Erinnerung endet das erste Kapitel von Hisham Matars [1] ergreifender Erinnerung an seinen Vater Jaballa Matar [2], einer führenden Persönlichkeit des libyschen Widerstands, der 1990 an seinem Exilort Kairo vom ägyptischem Geheimdienst zusammen mit anderen Exillibyern verhaftet/entführt/mitgenommen worden war. Er wurde dann den libyschen Behörden übergeben und dort in dem berüchtigten Gefängnis Abu Salim bei Tripolis [3] eingekerkert. Von dort konnte Jaballa Matar im Laufe der Jahre drei Briefe an seine Familie herausschmuggeln. Sein Tod ist sehr wahrscheinlich, aber bis zum heutigen Tage nicht bestätigt [2]. Möglicherweise ist er schon 1996 bei dem Massaker in Abu Salim [3] eines der über 1200 Opfer gewesen, es gab/gibt niemanden, der ihn nach diesem Zeitpunkt noch gesehen oder auf andere Weise von ihm gehört hat. Appelle an die libyschen Behörden um Aufklärung blieben bislang ohne Ergebnis [2].


Eckdaten zur neueren Geschichte Libyens:

  • Libyen ist als eigenständiger Staat ein junges Gebilde. Ab ca. 1911 hatte Italien das Sagen, später wurde die Region italienische Kolonie. Von 1943 bis 1949 war sie von Frankreich und Großbritannien besetzt. Nach dem Beschluss UN, Libyen in die Unabhängigkeit zu entlassen, wurde der Staat 1951 als Königreich gegründet.
  • 1969 stürzte ein bis dahin unbekannter Hauptmann Muammar al-Gaddafi den König, vertrieb ihn ins Exil nach Kairo und übernahm die Macht.
  • Im Bürgerkrieg von 2011 wurden die regulären Regierungstruppen von den Aufständischen besiegt. Es gelang jedoch nicht, eine stabile Regierung und Verwaltung aufzubauen, so daß ….
  • … 2014 erneut ein Bürgerkrieg ausbrach. [4]

Oberst Jaballa Matar war 1969 nach dem Putsch Gadaffis für einige Monate ins Gefängnis gekommen und musste aus dem Militär ausscheiden. Er übernahm eine Stellung bei der libyschen UN-Vertretung in New York, wo 1970 auch sein Sohn Hisham geboren wurde. Ab 1973 arbeitete Jaballa Matar als Geschäftsmann, er war aus politischen Gründen aus dem Regierungsdienst ausgeschieden. 1979 schließlich emigrierte die Familie, lebte kurze Zeit in Nairobi, ließ sich dann aber in Kairo nieder. Von dort aus betrieb Jaballa Matar seine Oppositionsarbeit, bis er elf Jahre später zusammen mit anderen Oppositionellen gefangen genommen wurde. Hisham Matar war schon früh, 1985, nach London gegangen (und hat dort über neunundzwanzig Jahre hartnäckig versucht, [sich] ein Leben aufzubauen…) und studierte zur Zeit der Gefangennahme in London Architektur, er ist auch englischer Staatsbürger.

Das vorliegende Buch Die Rückkehr handelt auf verschiedenen Ebenen. Die kurze Zeitspanne zwischen den Bürgerkriegen von 2011 und 2014 ermöglichte dem Autoren, seiner Mutter und seiner Frau eine Reise nach Libyen, um dort nach den vielen Jahren der Trennung die Verwandten wieder zu sehen und nach dem Vater zu forschen. Bei diesen Begegnungen werden viele Erinnerungen wach bzw. ausgetauscht, aus denen sich sowohl ein Bild des Familienschicksal herausschält, aber auch ein Eindruck von der Geschichtes des Landes Libyen, das beispielsweise unter der italienischen Besetzung mit äußerster Brutalität regiert worden war. Außer diesen ‚externen‘ Fakten schildert der Autor sehr intensiv sein persönliches Empfinden, das nach all den Jahrzehnten den Verlust des Vater immer noch als tiefe Wunde in der Seele wahrnimmt. Es kommt deutlich heraus, daß vor allem das Unentschiedene, das Nicht-Wissen, was geschehen, daß die Frage, ob der Vater wirklich tot ist und unter welchen Bedingungen und wo er möglicherweise gestorben und begraben ist oder ob noch irgendwo lebt, vielleicht sein Gedächtnis verloren hat, eine riesige Belastung für Hisham Matar ist. Sein Wille, herauszufinden, was geschehen war, [war] zu einer Obsession geworden.. heißt es an einer Stelle des Textes.

Nach Jahrzehnten betritt Hisham Matar also wieder den Boden seines Heimatlandes, denn als solches sieht der in New York Geborene Libyen an. Seine Verwandten, es sind -zig Cousinen und Cousins, Onkel und Tanten, hat er zu letztem Mal gesehen, als sie noch Jahrzehnte jünger waren. Diese Zeit der Trennung fehlt ihm mental, er hat die Veränderungen nicht miterlebt, in seinen Cousinen und Cousins  meint er noch die Kinder zu erkennen, die sie einmal waren. Wie ein abgetrenntes Glied versuchte sich die Vergangenheit an den Körper der Gegenwart zu heften. Und an anderer Stelle: Im Auto unterwegs von Adschdabiya [dem Heimatort des Vaters] nach Bengasi und seiner Küste begriff ich, dass ich all die Jahre das Kind, das ich einmal war, in mir getragen hatte, seine Sprache und Eigenschaften …… als ob er dadurch den Anschluss, die Kontinuität hätte bewahren können. Mitunter kam es mir vor, als litte ich an einer Art Entfernungskrankheit, die, anders als die Seekrankheit, nicht nur den Grund, auf dem ich stand, unsicher mache, sondern auch Zeit und Raum.

Was immer in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten geschehen war, seit ich meinen Vater verloren habe, … die Bemühungen, meinen Vater zu finden, gingen weiter. 2009, also neunzehn Jahre nach dessen Gefangennahme, erhielten sie sogar einen starken, neuen Impuls: ein kürzlich freigelassener Häftling rief bei ihm an, er habe seinen Vater noch 2002 im ‚Schlund der Hölle‘ (Bezeichnung für ein Foltergefängnis) gesehen. Daraufhin setzt Hisham Matar alles in Bewegung, um die libysche Regierung unter Druck zu setzen. Über Bekannte bringt er sogar die englische Regierung dazu, über diplomatische Kanäle hartnäckig in Libyen nachzufragen. Er kontaktiert sogar Saif al-Islam, den verhassten Sohn Gaddafis, der ihm über Monate hinweg viel verspricht, aber nur wenig hält. Einzig zwei andere Verwandte, die schon seit Jahrzehnten einsitzen, obwohl ein Gericht mittlerweile die Entlassung angeordnet hat, kommen endlich in die Freiheit. All diese Aktionen erweisen sich dann jedoch plötzlich auf brüchigem Grund gebaut: bei einem persönlichen Treffen mit dem entlassenen Häftling, der Jaballe gesehen zu haben meint, stellt sich heraus, daß dieser sich geirrt hat.

2012 trifft Matar eine gedämpft optimistische Atmosphäre in Libyen an. Der Diktator ist gestürzt, überall ist Aufbruch zu spüren. Zeitungen und Journale werden zu Hunderten gegründet, Matar spielt sogar mit dem Gedanken, sich eventuell in Bengasi niederzulassen….


Die Rückkehr beschreibt – eingebettet in die äußeren Umstände – den Kampf und die Trauer eines Mannes. Schon als Kind musste Hisham Matar mit den Eltern ins Ausland fliehen, als Jugendlicher ist er nach England gegangen, kurzzeitig lebte er in dieser Zeitspanne auch in Paris, wo er mit Suizidgedanken zu kämpfen hatte. In England ist er nie richtig warm geworden, dieses dunkle, neblige Land konnte ihm die Heimat nicht ersetzen. Nicht zu wissen, wann mein Vater zu existieren aufhörte, hat die Grenze zwischen Leben und Tod weiter kompliziert. Matar ist, um den Buchtitel von Grossman aufzugreifen [5] sowohl aus dem Raum als auch aus der Zeit gefallen, er lebt  mental in einem Zwischenreich des Unentschiedenen, die Höchstwahrscheinlichkeit, daß sein Vater tot ist, kann ihm das Wissen darum nicht ersetzen und so auch nicht die Ruhe vermitteln, die der endgültige Abschied von einem Toten ermöglichen würde.

Es wird ihm beim Wiedersehen mit seiner Familie in Libyen schmerzlich bewusst, wie sehr er ‚abwesend‘ war, es fehlt ihm eine Zeitspanne von Jahrzehnten, die die Familie in Libyen selbst miteinander erlebt hat, sie sich hat erwachsen werden sehen, sie gesehen hat, wie die nächst Generation auf die Welt gekommen ist. All das ist ihm fremd, in seine Erinnerung hat er noch die Kinder vor sich, wo jetzt Erwachsene sind. Und den damals Erwachsenen, jahrzehntelang Eingekerkerten gegenüber herrscht bei ihm ein Schuldgefühl: Ja, ich hatte ein freies Leben gefühlt… 

In Matars Beschreibungen ist diese Qual, diese Bedrängung deutlich zu spüren, Die Rückkehr an den Ort der Kindheit ist auch eine Aufarbeitung, eine Innenschau des Autoren, die Auseinandersetzung mit einer Vergangenheit, durch die er ’nur‘ mit dem Verschwinden des Vaters und seiner Abwesenheit verbunden ist. Das alles (und mehr…) schildert Matar in ruhigen, nachdenklichen Passagen, die Emotionen liegen nicht so sehr in dem wie er sagt, sondern mehr in dem was er sagt. Auch die Passagen, in denen er die Berichte Eingekerkerter wiedergibt, sind ruhig und unaufgeregt, in ihnen vermittelt er Fakten, die für sich sprechen. Hass oder Rachegefühle sind an keiner Stelle zu spüren.

Libyen, ein unbekanntes Land, dessen Name mit einigen negativen Ereignissen verbunden ist. Durch Matars Buch haben wir die Chance, es besser kennen zu lernen. Nutzen wir sie!

Links und Anmerkungen:
[1] Beitrag zum Autoren: https://de.wikipedia.org/wiki/Hisham_Matar
[2] Trial international: Enforced disappearance of Jaballa Hamed Matar in 1990; in: https://trialinternational.org/latest-post/enforced-disappearance-of-jaballa-hamed-matar-in-1990/
[3] Wiki-Artikel zu diesem Kerker: https://de.wikipedia.org/wiki/Abu-Salim-Gefängnis
[4] das ist eine wirklich sehr verkürzte, vereinfachende Aufzählung, sie hilft aber, die von Matar geschilderten Geschehnisse etwas besser in den zeitlichen Rahmen, der einem normalerweise nicht präsent ist, einzuordnen. Ausführlicher ist eine Darstellung der libyschen Geschichte z.B. in der Wiki zu finden:  https://de.wikipedia.org/wiki/Libyen
[5] David Grossman: Aus der Zeit fallen (Besprechung hier im Blog)

Hisham Matar
Die Rückkehr
Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
Originaltitel: The Return – Fathers, Sons and the Land in Between, 2016, UK
diese Ausgabe: Luchterhand, HC, ca. 288 S., 2017

Das letzte (Zeit)Jahr war ein Jahr der unerwarteten, teils auch schwer erklärbaren politischen Entscheidungen, Entscheidungen, die durch Wahlen getroffen worden sind und die bei vielen Ratlosigkeit hinterließen. Der Brexit der Engländer war die erste dieser Einschnitte in die politische Landschaft, die Wahl des bekennenden ‚pussy-grabbers‘ und notorischen Lügners Trump zum Präsidenten das dies noch toppende Ereignis. Daß jetzt kürzlich die Türken (und prozentual gesehen vor allem die nicht in der Türkei lebenden, wahlberechtigten Türken) für die ‚Käfighaltung‘ stimmten, rundet das Bild ab. So giert der politisch interessierte Mensch, der im Inneren immer noch an die Vernunft glaubt, nach Deutungen, nach Erklärungen, nach Antwort auf die Frage: Was zur Hölle ist denn da schief gelaufen?


Eine Antwort auf das weltpolitisch wohl bedeutendste dieser drei Ereignisse (nicht unbedingt ‚Die‘ Antwort, dazu ist der Komplex doch zu vielschichtig) gibt J.D. Vance in seiner Biographie Hillbilly Elegy . Zwar ist Vance erst 33 Jahre alt, hat aber schon ein ganzes Leben gelebt, dem er durch verschiedene glückliche Umstände  äußerlich entkommen konnte, wenngleich es ihn innerlich durch die erlittenen mentalen und psychi- schen Schädigungen noch lange nicht losgelassen hat.

Der Term ‚Hillbilly‘ bezeichnet ursprünglich die Menschen, die in den Appalachen, einen Mittelgebirge in der Nähe der amerikanischen Ostküste, das sich über fast 2500 km erstreckt, leben. Hillbillys haben ihre eigene Lebensweise, ihre eigenen Traditionen. Ein hohes Gewalt- und Aggressionspotential prägen ihr Verhalten, der Begriff der ‚Ehre‘, die verteidigt werden muss, ist zentral, vor allem für den männlichen Teil der Bevölkerung. Vance führt für die irisch-schottischen Einwanderern abstammende Bevölkerungsschicht folgendes Zitat an: Wenn ich durch Amerika gereist bin, haben mit die Ulster-Schotten immer beeindruckt als die beharrlichste und konstanteste regionale Subkultur des Landes. Ihre Familienstrukturen, Religion und Politik, ihr Gesellschaftsleben, all das bliebe angesichts der vollständigen Aufgebe jeglicher Tradition, die beinahe überall sonst stattgefunden hat, komplett unverändert. [4] Oder in Vance‘ eigenen Worten: Wir mögen Außenseiter nicht besonders oder Leute, die anders sind als wir, egal, ob sich dieses Anderssein in der äußeren Erscheinung manifestiert oder im Verhalten oder – und dies ist entscheidend- in der Sprache. Vance dehnt den Begriff in seinem Buch aber umfassender auf die gesamte weiße Arbeiterklasse aus.

Nach beiden Weltkriegen gab es eine Migrationswelle unter den Hillbillys aus dem Süden in die seinerzeit prosperierenden Industriestädte des heutigen ‚rust belts‘, aus denen sich heute ein großer Teil des Wählerreservoirs von Trump rekrutiert. So zogen auch nach dem 2.Weltkrieg (durch andere Vorkommnisse wie eine ungewollte Schwangerschaft notwendigerweise und die Aktion eher sogar als Flucht ausgestaltend) auch die Großeltern des Autoren von Jackson, Kentucky, nach Middletown, Ohio, wo der Großvater Arbeit in einem Stahlwerk fand. Die (spätere) Großmutter des Autoren war damals dreizehn, der (spätere) Großvater sechzehn Jahre alt.

Die große Zahl der in die Industriestädten ziehenden Hillbillys führte dazu, daß sie ihre Traditionen und Verhaltensweisen aufrecht erhielten und am neuen Wohnort auch unter sich blieben. Der häufige und regelmäßige Besuch der zurückgelassenen Familien war Pflicht, so daß damit ein zusätzlicher Anker bestand, Althergebrachtes beizubehalten.

Die Ehe der Großeltern lief nicht besonders gut, der Mann arbeitet zwar, trank aber viel und hatte wohl auch Affären. Es gab viel Streit. Bezeichnend für das Aggressionspotential der Hillbillys, und besonders der (waffenverliebten) Großmutter ist die Episode, in der sie ihren volltrunken schlafenden Mann mit Benzin übergoß und anzündete. Ein paar Tage vorher hatte sie ihm angedroht, ihn umzubringen, wenn er noch einmal besoffen nach Hause käme. Und sie machte ungerne leere Versprechungen…. die ältere von insgesamt zwei Töchtern, es gab noch einen Sohn, konnte ihren Vater noch rechtzeitig löschen. Später dann lebten die beiden in getrennten Häusern, war ihrem ‚Zusammenleben‘ gut tat, auch ließ der Mann irgendwann die Hände vom Alkohol.

Von den drei Kindern der Großeltern schafften letztlich zwei den Absprung aus Middletown und bauten sich ein ’normales‘ Leben außerhalb der Hillbilly-Gemeinschaft auf. Das dritte Kind, die Tochter Bev, jedoch war der psychischen Belastung, die sie in dieser desolaten Familie zu tragen hatte, nicht gewachsen. Der ständige Streit und der Alkoholismus hatten sie stark belastet. … sie warf sich einfach auf den Boden und hielt sich die Ohren zu. … Für viele Kinder ist Flucht der erste Impuls, aber Menschen, die auf den Ausgang zutaumeln, finden meist nicht den richtigen. … Das ist der Grund, warum meine Mutter, die zweitbeste Absolventin ihres High-School-Jahrgangs, ein Baby hatte und geschieden war, aber nicht einen Fuss in ein College gesetzt hatte, bevor ihre Teenagerjahre zu Ende waren.

Der Autor, J.D. Vance, ist das zweite Kind von Bev, hat aber einen anderen Vater als seine Schwester Lindsay. Beziehungen, die die Mutter nach der Scheidung einging, dauern nie lange und zerbrechen bald, der junge J.D. hat im Grunde keine männliche Bezugsperson bzw. Vaterersatz. Er wird früh zu Adoption freigegeben, da sich sein leiblicher Vater überhaupt nicht für ihn interessiert. Wegen dieser Umstände und weil die Mutter immer weiter in den Strudel von Arbeitslosigkeit, Alkohol, später dann auch andere Drogen und Gewalt gerät, lehnt sich der Junge sehr stark an die Großeltern (‚Mamaw‘ und ‚Papaw‘) an, die ihm bei aller Aggressivität, die auch bei ihnen zu finden ist (und die in ihrem sozialen Umfeld nicht weiter auffällig ist) ein hohen Maß an Geborgenheit bieten. Auch die Bindung zu seiner älteren Schwester ist sehr eng, Lindsay ersetzt ihm zeitweise die Mutter.

Es ist bemerkenswert, daß diese erste Generation der Hillbillys, die der Arbeit in die Städte nachgezogen sind, noch Werte wie Fleiß oder Strebsamkeit hochhielten, sie strampelten sozusagen, ohne jedoch dem Sumpf wirklich entkommen zu können. Die zweite Generation der Kinder jedoch ließ sich in realiter großenteils gehen, war faul und arbeitsscheu (Vance schildert dafür einige Beispiele), hatte aber ein völlig anderes Selbstbild: Daddy sagt, dass er mal gearbeitet hat. Aber das Einzige, was er je gemacht hat, ist, seinen Arsch zu massieren. Warum gibst du es nicht einfach zu, Papa? Daddy war Alkoholiker. Er war immer besoffen, und er hat nicht zu essen mit nach Hause gebracht. Mom war es, die ihre Kleinen versorgt hat…. lautet ein Zitat, das Vance zu diesem Punkt anführt.

Ein Wendepunkt in Vance` Leben war der Versuch seiner Mutter, ihn umzubringen. Dies führte zu einer häßlichen Szene mit Polizeieinsatz und einer Gerichtsverhandlung, in der der Junge seine Mutter aber nicht belastete, der ‚Fall‘ wurde intern geregelt. J.D. Vance lebte danach bei seiner Großmutter, seine Mutter konnte, musste er aber nicht mehr besuchen. Damit zog nach den vielen ‚Stiefvätern‘ und den damit einhergehenden häufigem Wohnungswechseln eine gewissen Konstanz in das Leben des Jungen ein.

Ein weiteres entscheidendes Ereignis für ihn war es, daß er seinen Adoptivvater kennenlernte. Dieser lebte mit seiner neuen Familie außerhalb der Hillbillys in einer evangelikalen Gemeinschaft mit einem ausgeprägten Wertesystem. Als J.D. ihn dort besucht, macht es ihn schier fassungslos, daß die Erwachsenen sich nicht anbrüllen, sich nicht streiten oder aufeinander einschlagen…. Es sind im Grunde solche Szenen, die in ihrer Gegensätzlichkeit die gewaltbereite Tradition der Hillbillys besonders deutlich hervortreten lassen. Selbst als Erwachsener mit Uniabschluss sollte er später noch z.B. über seine Schwiegereltern in spe staunen, die völlig harmonisch ohne böse Worte miteinander umgingen.

Mit der relativen Geborgenheit bei ‚Mamaw‘ und deren Ehrgeiz bezüglich des Jungen bessern sich die Schulleistungen und ein Besuch der Ohio State University wird möglich. Ratlos sitzen Oma und Junge vor den Bewerbungsunterlagen, die Fragen der Fragebögen passen nicht in ihre Welt… Vance fühlt sich jedoch noch nicht bereit, auf die Uni zu gehen und verpflichtet sich bei den Marines, bei denen er durch eine völlig neue Welt kennenlernt, dies aber, man muss es zugeben, zu seinem Besten. Er lernt viel dort, vieles, was man als Kind in einem funktionierenden Elternhaus automatisch lernt, was aber in einer so desolaten Tradition wie die der Hillbillys unbekannt ist. Selbstbild, Selbstwertgefühl, einfache Alltagsfähigkeiten, all das wird in dieser Zeit nachhaltig verbessert bzw. erst ausgebildet. Nach vier Jahren (er war auch im Iraq) wird Vance entlassen, graduiert sich an der Ohio University und bewirbt sich in Yale für Jura, wo er auch angenommen wird. Das Studium in Yale ist für ihn viel ‚billiger‘ als an anderen Universität, es gibt für Studenten schwacher sozialer Schichten eine Menge Förderprogramme, die andere Universitäten nicht haben, so daß einfacherer Unis unter Umständen teuer sind als eine Eliteuniversität wie Yale. Aber wer weiß das schon? Die Großmutter war inzwischen verstorben, Vance selbst löste sich innerlich in dieser Zeit endgültig von Middletown, das Verhältnis zu seiner Mutter, die immer tiefer in den Teufelskreis Droge-Entzug-Droge… gerät, wird sehr ambivalent.

Auch sein Studium in Yale schließt Vance erfolgreich ab, heute arbeitet er für eine Investmentfirma [5].


Im umfangreichsten Teil der Hillbilly Elegie schildert J.D. Vance sein Leben, eingebettet in die Geschichte seiner Familie. Der kleinere (nichtsdestotrotz sehr interessante und aufschlussreiche) Teil des Buches befasst sich der Analyse seiner Situation, der Reflektion über den Charakter der Subkultur der Hillbillys und den daraus folgenden Schlüssen. Das Ergebnis dieser Betrachtungen, in die auch Erkenntnisse soziologischer Studien einfließen, sind alles andere als optimistisch.

Die weiße Arbeiterklasse weist als einziges Milieu in den Staaten eine abnehmende (und sowieso schon geringere) Lebenserwartung auf, die eigenen Zukunftsaussichten werden als schlecht eingestuft, auch damit unterscheiden sie sich von anderen Bevölkerungsgruppen, sogar die Gruppe der Afroamerikaner sieht ihr Leben nicht derart düster. Der sprichwörtliche amerikanische Traum ist für sie nicht mehr existent. Man muss aus der Schilderung von Vance sogar folgern, daß diese Hillbillys dabei sind, sich in Gänze von der Gesellschaft abzukoppeln, ein Mann wie Obama, so schildert Vance, ist für sie wie ein Ausserirdischer, mit dem sie nichts mehr gemein haben, die andere Hautfarbe ist noch das geringste Problem dieser Art von ‚Rassismus‘. Er verkörpert einfach eine andere Welt, in der alles anders ist und die nichts mehr mit der Lebenswirklichkeit der Hillbillys zu tun hat. Sprache, Ausbildung, Kleidung, Umgang: von einem anderen Stern.

Eine Lebenswirklichkeit, die sich die Hillbillys selbst zurechtbiegen. Verdrängung, Schuldzuweisungen nach außen, verbunden mit einer miesen Schulbildung und einer katastrophal schlechten Familienstruktur, dazu das wachsende Drogenproblem – das sind nur einige Punkte, die man verantwortlich machen kann. Eine Kultur der Gewalt, der Aggression, die sich auch physisch niederschlägt, weil die körpereigenen Stresssysteme immer auf Hochtouren laufen und permanent und noch jahrelang (selbst wenn man in ganz anderen Verhältnissen lebt) stete Verteidigungsbereitschaft gegen vermeintliche Angriffe aufrechthalten. Menschen, die nicht mehr in der Lage (oder willens) sind, sich zu informieren, die Zeitungen prinzipiell misstrauen, die dagegen bereit sind, jede auch noch so unwahrscheinliche Behauptung zu glauben (Obama ist Muslim, Bill und Hillary Clinton sind in Kinderhandel auf Haiti, Ritualmorde und Satanismus verwickelt und ähnlich abstruses mehr), wenn sie in ihr persönliches Weltbild passt. Wenn man diese Ausführungen von Vance gelesen hat, wundert man sich nicht mehr, daß Trump trotz seiner wirren Aussagen wählbar war und immer noch ist, vielleicht ist er es sogar wegen dieser Aussagen, völlig unabhängig von deren Realitätsgehalt. Dazu passt die aktuelle Meldung, daß nach 100 Tagen Regierungszeit nur 2% der Trumpwähler bedauern, ihn gewählt zu haben, sehr gut [8].


Ich bin überzeugt, dass wir Hillbillys die zähesten, unerschütterlichsten Menschen der Welt sind. Wer unsere Mütter beleidigt, wird mit der elektrischen Säge traktiert. Wir zwingen junge Männer dazu, Baumwollunterwäsche zu essen, um die Ehre unserer Schwester zu verteidigen. Aber sind wir auch zäh genug, eine Gemeinde aufzubauen, die Kinder wie mich zwingt, sich mit der Welt auseinanderzusetzen, statt sich aus ihr zurückzuziehen? Sind wir zäh genug, um in den Spiegel zu sehen und zuzugeben, daß unser Verhalten unseren Kinder schadet? […] Nicht Regierungen oder Konzerne haben diese Probleme geschaffen, auch sonst niemand. Wir haben sie selbst geschaffen, und nur wir können sie lösen. […] Die genaue Lösung kenne ich auch nicht, aber ich weiß, daß sie dort ansetzt, wo wir aufhören, Obama oder Bush oder irgendwelche gesichtslosen Konzerne verantwortlich zu machen, und uns fragen, was wir selbst tun können, um die Lage zu verbessern.


In Hillbilly Elegie zeichnet J.D. Vance von eigenen Erfahrungen ausgehend und diese mit u.a. soziologischen Untersuchungen untermauernd, erweiternd und verallgemeinernd das Bild einer Subkultur, die den Kontakt zur Lebenswirklichkeit zu verlieren droht. Das Resümee, das man aus der Darstellung Vance‘  ziehen kann, bietet wenig Anlaß, optimistisch in die Zukunft zu sehen, da vor allem nicht erkennbar ist, daß bei den Betroffenen selbst der Wille da ist, zu verändern. Das stetig wachsende Drogenproblem verschärft diese Tatsache vollends. Es bedarf offensichtlich vieler glücklicher Umstände, daß jemand diesem Milieu zumindest die äußerlichen Verhältnisse betreffend entkommt, Vance macht aber auch deutlich, daß die gesamte, von Aggression u.a. Stress bestimmte Lebensweise der Hillbillys irreparable psychische Schäden hervorruft [6]. Auch wenn der jetzige Präsident der USA natürlich noch andere Wähler hatte, verwundert es nach der Lektüre des Buches jedenfalls nicht, daß Trump in den ‚Hillbilly-Staaten‘ wie Ohio, Kentucky, oder West-Virgina, die z.T. auch als Swing-States galten, gewonnen hat [7]. All die Eigenschaften und Äußerungen Trumps, die ihn den Augen der ‚anderen‘ unmöglich machen, sind für die Hillbillys allenfalls ein Zeichen dafür, daß er zu ihnen gehört [vgl. auch Sailer in 4]. Jemand, der seine Arbeitsstelle selbst kündigt und Obama dafür verantwortlich macht, ist auch für alternative Fakten empfänglich….

Sicher ist einiges von dem, was Vance beschreibt, im Analogschluss auf andere Milieus, auf andere Gruppen, die in Gefahr sind, Parallelgesellschaften auszubilden, übertragbar. Bildungsferne, ein mit erheblichem Aggressionspotential verbundener Ehrbegriff, eine falsche Selbstwahrnehmung, die Verweigerung, für die eigene Lebenssituation Verantwortung zu übernehmen und diese auf andere zu deligieren oder auch das Ausnutzen von sozialen Hilfen und Unterstützung ist beileibe kein Alleinstellungsmerkmal der Hillbillys. Insofern kann man aus diesem Lebenslauf von J.D. Vance unter Umständen auch Lehren ziehen für eigene gesellschaftliche Probleme.

So macht Vance mit seiner Biographie deutlich, wie gespalten die Gesellschaft der USA ist. Und schlimmer noch: auch er, der dieser Gesellschaft entstammt, kann nicht sagen, womit man diese Spaltung rückgängig machen könnte, im Gegenteil, scheint dieser Prozess im Irreversiblen angekommen zu sein. Der Teufelskreis aus faktischem Stellenmangel, aus persönlicher Faulheit, aus immer anspruchsvolleren Berufsbildern, die mit einer absolut unzureichenden Schulbildung konfrontiert werden – wer soll, wer kann (und vor allem wie) diesen Kreislauf durchbrechen?

Links und Anmerkungen:

[1] zur offiziellen Webpräsenz des Autoren: http://www.jdvance.com
[2] Wiki-Seite zu den Appalachen: https://de.wikipedia.org/wiki/Appalachen
[3]
[4] Razib Khan: The Scots-Irish as indigenous people; in:  http://blogs.discovermagazine.com/gnxp/2012/07/the-scots-irish-as-indigenous-people/#.WPhUvqVSDcs
vgl. auch diesen Aufsatz: Steve Sailer: Is Trump Scots-Irish? in:  http://www.unz.com/isteve/is-trump-scots-irish/
[5] siehe hier: http://www.mithril.com/team/
[6] als ich diesen Abschnitt las, fiel mir auf, daß ich mir selbst heute noch hin und wieder an Sonntagen sage, du musst da morgen nicht hin und ich damit eine aufkeimende Nervosität ersticke. Den Job, um den es geht, hatte ich Anfang der neunziger Jahre (!) gekündigt…
[7] vgl. die Landkarte z.B. hier:  https://www.welt.de/politik/…Trump.html
[8] ZEIT online: Donald Trumps Umfragewerte auf Rekordtief; in:  http://www.zeit.de/…amtsjubilaeum

J. D. Vance
Hillbilly-Elegie
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Gregor Hens
Originalausgabe: Hillbilly Elegy, NY, 2016
diese Ausgabe: Ullstein, HC, ca. 304 S., 2017

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