Petra Gust-Kazakos: Gefahren des Lesens

Die hochgeschätzte Bloggerkollegin Petra Gust-Kazakos [1] ist auf beiden Seiten vertreten, sie ist als Bloggerin Leserin, in der Eigeneinschätzung sogar eine Vielleserin, die gerne über ihre Leseeindrücke schreibt und berichtet. Aber sie ist auch Autorin, stellt die Frucht ihrer Arbeit, sprich jetzt dieses Buch, in die Öffentlichkeit und damit auch in die Kritik bzw. Bewertung durch ihre Leser.

petra

Um das Facit ein wenig vorweg zu nehmen: sie legt ein schönes Buch vor, in mancherlei Hinsicht schön. Zum einen ist es einfach als Buch gefällig, auch wenn ich den Einband mit den vielen kleinen Totenköpfen nicht so mag, aber das ist mein persönliches Problem, weil das eine reine Geschmackssache ist. Jedenfalls liegt das Buch gut in der Hand, ist auf schönem Papier gedruckt und gut lesbar, es ist repräsentativ und sicherlich für Bibliophile ein wunderschönes, angemessenes Geschenk.

Aber nicht nur die Verpackung zählt, sondern auch der Inhalt. Und auch da hat Gust-Kazakos einiges zu bieten. Schaumermalrein…..


Gefahren des Lesens – dieser Titel greift meiner Ansicht jedoch zu kurz, das Buch enthält mehr, viel mehr. Es geht natürlich ums Lesen allgemein, aber auch um Bücher im Besonderen und häufig auch ums Schreiben an sich.

Überhaupt: War sich die Autorin, als sie ihr Kapitel II: Glaubwürdigkeit versus Wahrheit schrieb, bewusst, wie aktuell sie damit sein würde bzw. ist? Der Term – man muss ja schon fast sagen: Kampfbegriff – ‚Lügenpresse‘ in Deutschland, ein zukünftiger amerikanischer Präsident, der sich um die Unterscheidung von Unwahrheit und Wahrheit nicht schert, ‚postfaktisch‘ als Wort des Jahres 2016 in Deutschland, der wahrscheinliche Einfluss, den ‚Fake-News‘ auf Facebook und anderswo in den USA hatten, ein Russland, dessen Weltbild durch subtile Propaganda bestimmt wird (was man aus der heimischen Presse erfährt, der man zwar, zumindest den seriösen Blättern, glaubt, aber irgendwo im Hinterkopf macht sich dieses zerstörerische ‚aber…‘, denn prinzipiell ist natürlich auch seriöse Presse nicht vor Manipulativem – sei es absichtlich oder unabsichtlich – gefeit.) Die Zeiten, in denen Gedrucktes a priori als wahr genommen wurde (Seltsam? Aber es steht so geschrieben) sind jedenfalls vorbei. Ob die Autorin daher folgenden Satz heute noch so schreiben würde (Stichwort Trump, aber nicht nur…): Gezielte Falschinformation – so etwas können wir, die wir demokratische Verhältnisse gewohnt sind, uns höchstens in Diktaturen vorstellen. Es ließe sich noch so viel zu diesem Thema sagen, es wäre ergiebig für einen interessanten Abend in einem literarischen Salon… mir fällt gerade spontan die Bibel ein, die von den Kreationisten so wörtlich ausgelegt wird, daß es uns anderen weh tut….. auch das eine Gefahr des Lesens, wenn nämlich das, was geschrieben steht, nicht als erfunden und erdacht erkannt und eingestuft wird, es ist der Moment, in dem man die Romanfigur im Personenlexikon nachschlagen will…..  Gust-Kazakos schildert solche Verständnisklippen an einigen Beispiel wie der Künstlerbiographie eines gewissen Nat Tate, eine Aktion, die so professionell angelegt war, daß viele Menschen sich erinnerten, diesen (erfundenen) Künstler getroffen und mit ihm gesprochen zu haben. Ein anderes Exempel: man erinnere sich an die Panik, die Orson Welles mit seinem Hörspiel vom Krieg der Welten Ende der dreissiger Jahre in den USA hervorrief…

Es gibt ‚die‘ Wahrheit nicht, Gust-Kazakos macht dies auch in ihrer Diskussion der Gattung (Auto-)Biographie deutlich. Das Geschriebene hängt immer davon ab, was der Schreiber neben den reinen Fakten verdeutlichen will, welche Schwerpunkte gesetzt werden. Und natürlich nimmt auch der Leser/die Leserin diesen Stoff durch die Filter des eigenen Weltbilds gesiebt auf …. In diesem Sinne kritisch zu bewerten ist nach Gust-Kazakos der Wahrheitsgehalt insbesondere von Autobiographien und auch Tagebüchern, die ‚im Sinne einer subjektiven Wahrhaftigkeit‘ [Maar, 4] verfasst werden und ein bestimmtes Bild vermitteln sollen [6].

‚Der Umgang mit Bücher führt zum Wahnsinn‘ zitiert die Autorin Erasmus von Rotterdam und ist nicht in der Tat das Treiben von Sport, Bewegung und Arbeiten gesünder für den Leib als das träge Hocken im weichen Sessel, begleitet nur von Tee, Gebäck und Buch? Ein Vorurteil, das auch heute noch nicht ganz ausgerottet ist, aber Gottseidank bieten Bücher ja auch Heilmittel, indem sie z.B. bei seelischer Verstimmung für Aufheiterung sorgen können. Historisch gesehen hat diese Leserei von Romanen, erfundenen Geschichten, die Flöhe in den Kopf setzen, ja sowieso mit den Frauen begonnen, während Männer eher Sachbezogenes lasen – und ganz grundlegend hat sich das wohl immer noch nicht geändert. Aber ‚Lesen als Medizin‘ gibt es mittlerweile sogar als Buch einer gewissen Andrea Gerk [4]; in diesem Kontext fällt mir ganz spontan ein, das an dieser Stelle auch die Lyrische Hausapotheke eines gewissen Erich Kästner [3] ihren Platz hätte finden können…. auf der anderen Seite kann die übersteigerte Lust am Lesen, am Buch tatsächlich Gefahr für Leib und Leben bergen, Flauberts Geschichte vom Bücherwahn [3] ist nur eins der Beispiele, die die Autorin anführt, Steinhauers Büchergrüfte, schon vom Titel her morbide, hätten hier auch gut hingepasst… Daß der Goethe´sche Werther ganz real Leib und Leben von Nachahmungstätern gefährdet(e) (‚Werther-Effekt‘), war sicher nicht beabsichtigt, zeigt aber, daß Bücher (gewollte oder ungewollt) tatsächlich in die Realitität hineinwirken können.

‚Der menschliche Mäkel‘, ein schönes Wortspiel. Und in der Tat, der Mensch, der liest, hat ein Urteil über das Gelesene. Fliegt das Buch nun wutentbrannt gegen die Wand oder opfert man ihm eine Nachtruhe, weil man es nicht weglegen konnte – wir haben eine Meinung und manche Menschen neigen dazu, diese dann öffentlich zu äußern. Womit wir beim Kritiker wären, der professionell als Literaturkritiker seine Ansicht zum Lesestoff verbreitet oder eher als Liebhaber einen z.B. Blog betreibt. Während aus den Reihen ersterer sogar Päpste gekürt wurden, werden letztere als von den ‚Profis‘ für die Beurteilung von Literatur als vernachlässigbar, weil ungeeignet, eingestuft, wittert man hier Konkurrenz, die es einzunorden gilt? Eine kontroverse (und sinnlose) Diskussion, die häufiger auftaucht und mit immer wiederholten Argumenten geführt wird. Die Szene der Blogger/-innen ist qualitativ bei weiten nicht einheitlich und Blogs, die man der (neulich fiel in einer Diskussion der Begriff [5]) ‚Königsklasse‘ zuordnen könnte, werden mittlerweile von Verlagen durchaus wahr- und ernst genommen. Worin wiederum die Gefahr liegt, daß der Ansatz eines Blogs, nämlich aus Spaß an Büchern, aus Freude am Lesen darüber (subjektiv) zu schreiben, verschütt geht und durch eine Semiprofessionalisierung ersetzt wird: das Hobby artet in Arbeit aus mit all dem Schreiben, dem networken, interviewen, den Messebesuchen, Lesungen etc pp…. und das Ganze dann auch noch für lau… Die Chancen jedoch auf eine ‚angemessene‘ Entlohnung, die über die Überlassung eines Leseexemplars hinausgeht, ist gering. Positive ist jedenfalls, daß durch den Enthusiasmus der Bloggerszene auch kleine Verlage eine gute Chance haben, in einem größeren Umfeld und einer interessierten, wohlwollenden Zielgruppen, ohne nicht zu stemmenden Werbeaufwand wahrgenommen zu werden.

Subtil ist dagegen die Unterscheidung, die Gust-Kazakos trifft, wenn sie ‚Leser als Rezensenten‘ (womit die oben erwähnten Blogbetreiber/-innen gemeint sind) von ‚Käufern als Rezensenten‘ trennt. Mit letzteren sind die Verfasser von Kommentaren bei online-Händlern gemeint, die Unterscheidung könnte man so interpretieren, als wären das keine Leser….. ich weiß, ich weiß…. ein wenig böswillig, aber es reizt einfach dazu….

Das Kritisieren, das belastbare zumal…. es verlangt leider nach Kriterien. Was ist ‚gute Literatur‘, was ist ’schlechte Literatur‘? Ein Thema, bei dem man sich sicher trefflich streiten kann. Gust-Kazakos diskutiert in diesem Kontext den Begriff des ‚Klassikers‘, für den sie verschiedene existierende Definitionsversuche anführt. Ich halte diese Diskussion für etwas akademisch. Natürlich interessiert, warum Goethe, Schiller, Voltaire, Shakespeare und viele andere mehr als Klassiker gelten, nur lassen sich aus diesen Kriterien kaum Aussagen machen, welche Neuerscheinung tatsächlich in einigen Jahrzehnten als Klassiker bewertet werden wird. Wie auch immer, aus einem solchen Kriterienkatalog folgt dann automatisch die Frage, wie man ihn als Schreiber umsetzen kann, um – genau, einen Klassiker zu schreiben. Oder zumindest ein erfolgreiches Buch. Womit die Gattung der Schreibratgeber hat das Licht der Buchhandlungen erblickt hat.

Ganz konkrete Gefahren beim Schreiben oder Lesen lauern dort, wo Texte Missliebiges enthalten, egal ob dies nun beispielsweise politische Aussagen sind oder auch sittlich Anstößiges ist. Wird hier von staatlicher (oder kirchlicher) Stelle eingeschritten, spricht man von Zensur, in allen anderen Fällen, wenn z.B. Verlage oder Übersetzer Texte in ihrem Sinne verändern, müßte man eher von Manipulationen reden. Eine Unterscheidung, die die Autorin, obwohl sie die Definition, was Zensur ist, widergibt , in ihren Ausführungen leider nicht konsequent durchhält. Von der Zensur zur Vernichtung ist ein gar nicht so großer Schritt: der 10. Mai 1933 ist uns Deutschen im Gedächtnis, aber dieses Großereignis ideologischen Wahnsinns ist weder die erste, noch die letzte Verbrennung von Büchern, der immer auch Autoren zum Opfer fallen, weil sie damit ihrer Leser beraubt werden und in Vergessenheit geraten. Daß so mancher Schriftsteller seines Schreibens wegen im Gefängnis gelandet ist bzw. in vielen Staaten noch landet: eine traurige Tatsache. Die Temperatur, bei der Papier Feuer fängt, ist literarisch übrigens aus Fahrenheit451 fixiert.

Interessant wird es, wenn sich politischer oder gesellschaftlicher Konsens im Lauf der Zeit geändert hat. So ist das N-Wort (aber nicht nur das) in Deutschland mittlerweile aus dem Sprachgebrauch verbannt, steht aber noch in vielen Büchern, die schon älter sind, jedoch noch neu aufgelegt werden, Klassiker ihres Genres eben…. daß darunter einige bekannte Kinderbuchklassiker fallen, bringt die Verlage in eine gewisse Bredouille…

Eine sehr praxisrelevante Frage ist die der Qualität von Übersetzungen, da nur die wenigsten Leser ausländische Literatur im Original lesen (können). Einen Roman zu einer Übersetzung zu bearbeiten, die die gleiche hohe Qualität wie das Original aufweist – eine große Kunst! Als Leser übersetzter Literatur vergisst man oft, daß man hier das Werk zweier Künstler in sich aufnimmt….

Den letzten Abschnitt ihres Buches stellt die Autorin unter das Thema ‚Informationsflut und Transparenz‘. Beide Begriffe versteht sie komplemtär: wir als Nutzer werden von einer fast nicht zu bewältigenden Flut von Informationen überschwemmt und die Auswahl von Daten, die wir für uns treffen, macht uns (sofern sie über das Internet läuft) transparent. Die Art und Weise, wie wir uns im Netz bewegen, was wir uns für Seiten anschauen, wird verfolgt, aufgezeichnet und zur Erstellung von Persönlichkeitsprofilen genutzt. Das ist ein Preis, den wir dafür zahlen, daß mittlerweile jederzeit und von jedem Ort aus (fast) jede Information zugänglich ist (soweit sie nicht der Zensur oder der Geheimhaltung anheim gefallen ist….).

Gegen Ende ihrer Ausführungen gibt Gust-Kazakos eine Antwort auf die Frage von Charles Dantzig: Wozu lesen? [3]. Sie hält fest, daß wir lesen, um die Komplexität des Lebens besser zu begreifen, neue Denkanstöße zu erhalten und vor allem, um weiterzudenken. Lassen wir mal beiseite, inwieweit damit das Lesen von Unterhaltungsliteratur mit erfasst wird, enthält dieser Satz einen wichtigen Bestandteil: ‚um weiterzudenken‘. Lesen soll also kein Selbstzweck sein, soll nicht das Leben ersetzen, sondern soll es besser begreifbar machen und helfen, es zu leben.


Die Autorin wird mir verzeihen, daß ich in meinen Gedanken zu ihrem Buch hie und da eigenes mit eingebracht habe. Aber ist es nicht ein schönes Kompliment an eine Autorin, ihren Leser (und ich bin hoffentlich nicht der einzige!) zum Nachdenken, zum Mitdenken, zum Assoziieren, zum Überlegen, zum Sinnieren, zum Widersprechen, zum Fragen, zum Zweifeln, zum Zustimmen gebracht zu haben?

Petra Gust-Kazakos: Gefahren des Lesens ist, um zum Schluss zu kommen, sehr empfehlenswert und absolut geschenktauglich (für sich und andere), da es eine Fülle gut aufbereitete Informationen bietet, die sehr lesbar und immer auch unterhaltsam und kurzweilig dargeboten werden. Dabei scheut sich die Autorin nicht, selbst Position zu beziehen und zu schreiben: ‚Ich….‘, womit sie (siehe diese Besprechung) dann die Diskussion mit ihren Lesern eintritt. Mehrere Jahre, so schreibt Gust-Kazakos, haben die Arbeiten an diesem Buch gedauert. Ich kann mir das gut vorstellen, allein das Quellenstudium…. man kommt ja immer vom Hölzchen aufs Stöckchen und hat dann letztendlich doch noch nicht alles, weil das einfach unmöglich ist. Um so größer ihr Verdienst für das jetzt Vorgelegte. Und das des Verlages, das Ergebnis ihrer Arbeit in ein so repräsentatives Äußeres eingebunden zu haben.

Links und Anmerkungen:

[1] Autorinnenseite beim Verlag: https://adson-fecit.com/autoren/petra-gust-kazakos/
– zum Blog der Autorin https://phileablog.wordpress.com
[2] Kurzbericht über die Buchpräsentation:  https://phileablog.wordpress.com/2016/12/01/buch-praesentation-beim-verlag-adson-fecit/
[3] – Erich Kästner: Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke
– Gustave Flaubert: Bücherwahn
– Eric W. Steinhauer: Büchergrüfte
– Charles Dantzig: Wozu lesen?
Besprechungen jeweils hier im Blog
[4] jeweilige Quellenangabe bei Gust-Kazakos
[5] Ute Nöth (28. November 2016): Wo bleiben die Vermarktungsnetzwerke?
https://www.boersenblatt.net/artikel-ute_noeth_ueber_literaturblogs.1257753.html
[6] Was das Autobiographische an Autobiographien ausmacht, darüber hat sich die Autorin Jutta Reichelt ihre lesenswerten Gedanken gemacht: https://juttareichelt.com/2016/10/24/ist-das-autobiographisch-ueber-eine-erstaunlich-schwer-zu-beantwortende-frage/ (einen Dank an Madame Filigran für den Hinweis!)

Weitere Bücher zum Thema “Bibliophilie, Bibliomanie“, die auf diesem Blog  aus.gelesen besprochen sind:

 

Petra Gust-Kazakos
Gefahren des Lesens
Essays zu Risiken und Nebenwirkungen.
diese Ausgabe: adson-fecit, HC, ca. 200 S., 2016

Ich danke dem Verlag für die Zusendung eines Leseexemplars.

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Ein Kommentar zu „Petra Gust-Kazakos: Gefahren des Lesens

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