Eric W. Steinhauer: Bücher und Vampire

4. Januar 2017

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Eric W. Steinhauer [1], promovierter Jurist und Dezernent an der Universitätsbibliothek Hagen, Experte für Bibliotheks- und Urheberrecht, ist (oder sollte es auf jeden Fall sein) allen, die sich für Bücher über Bücher bzw. das Buchwesen interessieren und möglicherweise einen Hang zum Morbiden haben, ein Begriff. Ich erinnere nur, aber mit großem Vergnügen, an seine Büchergrüfte [2], in denen er kenntnisreich der dunklen Seite des Buchwesen nachgeht.

Der Inhalt dieses Titels Bücher und Vampire ist nicht allzuweit von jenem entfernt (wenngleich mit anderer Zielrichtung) spielt auch hier das Gruselige und Morbide eine große Rolle. Bücher und Vampire ist (und ich hoffe, daß dies nicht nur eine Ankündigung ist, sondern daß dieses Projekt realisiert wird) Band 1 einer Reihe (?) Morbides Bücherwissen.

Ziel der kleinen Abhandlung ist es, den Vampir als ein Bücherphänomen zu beschreiben und zu verstehen. … Dabei geht es im Kern um die These, daß die Existenz des Vampirs als neuzeitlicher Mythos ohne Bücher und Bibliotheken und deren spöezifischer Medialität nicht denkbar ist und daß des weiteren sich bei genauer Betrachtungsweise sogar die Bibliothek und das Lesen selbst als ein vampirisches Unternehmen darstellt.

Natürlich muss man erst wissen, wovon man redet. Folgerichtig beginnt Steinhauer seine Ausführungen mit einer knappen Begriffserklärung: was überhaupt ist ein Vampir und wenn, in wie vielen Variationen kann er auftreten? Jedenfalls taucht er im 18. Jahrhundert im Volksglauben auf als ‚lebender Leichnam‘, der unsichtbar in seinem Grab verbleibt und von dort aus auf geheimnisvolle Weise Personen …. langsam das Leben aussaugt, so daß sie durch allmähliche Auszehrung sterben. Egal, ob nun als Nachzehrer (ein Vampir, der im Grab bleibt) oder Wiedergänger (… ein das Grab nächtens verlassender Untoter): der Leichnam, schaut man nach, zeigt sich unverwest und frisch, ein wenig Blut tritt aus, die Haare und die Nägel wachsen…. auf später filmisch oft dramatisch in Szene gesetzte Art und Weise muss dieser ‚Leichnam‘ nochmals getötet/dekapitiert und/oder verbrannt werden, um sich derart vom Spuk zu befreien.

Dies ist der Punkt, an dem aus dem Mythos, dem Aberglauben, ein wissenschaftliches Phänomen wird. Denn es gibt zeitgenössische Berichte und Protokolle solcher Graböffnungen, die von Ärzten, mithin also vertrauenswürdigen Personen, angefertigt wurden und die diesen Mythos bestätigen wie beispielsweise dieses hier: Copia eines Schreibens aus dem Gradisker District in Ungarn [3, 4]. Von solchen Dokumenten gibt es mehrere und wie es solche Dokumente an sich haben, nisten sie sich in zweckbestimmten Einrichtungen ein, den Bibliotheken. Nun war die Bibliothek an sich (die enge Verflechtung des Vampirglaubens mit dem Bücherwesen wird immer offensichtlicher) im ausgehenden Barock der Ort, an dem man die Welt erforschte, was damals, an der Grenze zur Aufklärung, noch nicht meinte, sie experimentell zu untersuchen, sondern man legte die Welt anhand des vorhandenen Schrifttums aus, mehrte dieses dadurch und setzte eine lawinenartige Zunahme an vampirbezogener Literatur in Gang: die Leipziger Vampirdebatte kam beispielsweise auf diese Art in Gang [4]. Die Bibliothek wurde immer mehr zum natürlichen Habitat der Vampire, Buchdeckel ersetzten sozusagen die Sargdeckel, der Vampir wurde zum Vampapier…. ;-)

Es war ein niederländischer Mediziner, Gerard von Swieten (1700 – 1772), der die realen Phänomene der Auszehrung von Menschen dann in bester aufklärerischer Weise als Folge von Krankheiten identifizierte, den Mythos damit entlarvte. Endgültig beendet wurde die ‚wissenschaftliche‘ Diskussion der Vampyrologie durch Kaiserin Maria Theresia, die 1755 das Ausgraben und Untersuchen von Leichnamen per Gesetz verbot.

Damit war die Überzeugung, daß es tatsächlich Vampire gäbe, zwar noch nicht ausgemerzt, Namen wie Görres (katholischer Publizist und Professor für Literaturgeschichte in München) oder Perty (Professor für Zoologie in Bern hingen ihr noch an und vertraten sie in ihren Publikationen, aber diese Personen waren Aussenseiter und Nachzügler einer beendeten Debatte.

Damit hätte der Vampirmythos tot sein können, wenn nicht… das Jahr 1819 gewesen, ein Jahr, in dem ein von einem gewissen John William Polidori geschriebener (aber aus naheliegenden Gründen unter dem viel bekannteren Namen des Lord Byrons veröffentlichter) Roman mit dem Titel The Vampyre auf dem Markt erschienen wäre [5], der flugs noch im Erscheinungsjahr auch auf Deutsch zugänglich war und ein Riesenerfolg wurde. Steinhauer diskutiert an weiteren drei Romanen den Vampir als literarische Figur: Carmilla von Joseph Sheridan LeFanu (1872), natürlich Dracula von Bram Stoker (1897) und als letzten Roman The Historian von Elisabeth Kostova. In all diesen Werken spielen Bücher und Bibliotheken, so führt Steinhauer aus, eine wichtige Rolle.

Wie schon in der frühen Leipziger Vampirdebatte nehmen Bibliotheken/Bücher auch in der literarischen Adaption des Themas eine besondere Rolle ein, Steinhauer nennt sie ‚Unwahrscheinlichkeitsverstärker‘: wenn so viel darüber geschrieben steht, könnte nicht doch etwas daran sein? Bibliotheken erscheinen in diesem Zusammenhang als Transitraum in das Unheimliche hinein.

'Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer' Capricho Nr. 43; Francisco de Goya Bildquelle [B]

‚Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer‘
Capricho Nr. 43; Francisco de Goya
Bildquelle [B]

Ihre Gesichter sind grau, ihre Augen ohne Schimmer, sie sind kurzsichtig, ihre Bewegungen grotesk  … sie leben in der Dämmerung und sind grau wie Kellerasseln…. Steinhauer zitiert den ungarischen Philosophen und Bibliothekar Belá Hamvas (1897-1968) und rührt damit an eine weitere, eher klandestine Verbindung zwischen dem Buchwesen und dem Vampirtum. Die dort derart ausgezehrt beschrieben werden, sind Buch- und Bibliotheksmenschen, die der vampirischen Seite des Lesens anheim gefallen sind. Insbesondere das nächtliche Lesen (Stichwort ‚Lukubration‘) läßt offenbar Lebensfreude und Vitalität schwinden. Im Capricho Nr. 43 (nebenstehend) von Goay ist dies ikonopgrafisch dargestellt: der über einem Buch erschöpft eingeschlafene Leser zu sehen, über dem die Fledermaus, das Symbol des Vampirs ihre drohenden Bahnen zieht…..

Als Facit (Steinhauer reißt auch noch die vampiraffinen Aspekte von Poes Raven an) hält der Autor fest: Durch starke Imagination kann Fiktives wirklich erscheinen. Diese imaginierte Wirklichkeit ist nicht immer harmlos…. kann sogar gefährlich werden, wenn der Leser für das ‚imaginative Potenzial‘ eines Buches disponiert ist. Daß ein Buch besitzergreifend sein kann, weil es in die eigene Gedanken- und Traumwelt Einzug gehalten hat, wird wohl jeder Leser bestätigen können.

Abschließend widmet Steinhauer in dieser bearbeiteten Auflage seiner Ausführungen der filmischen Umsetzung des Vampirwesen noch ein Kapitel, bevor das umfangreiche Literaturverzeichnis das Werk abrundet.


Bücher und Vampire ist ein Büchlein, das auf einem Vortrag des Autoren beruht. Es ist daher knapp und konzentriert formuliert, versucht in zahlreichen Fussnoten kurze Ergänzungen und Erläuterungen zu geben, manches scheint nur stichwortartig festgehalten, sozusagen als Anregung für den Hörer bzw. Leser. In der Ausführlichkeit des Literaturverzeichnisses und der Fussnoten ist interessanterweise sogar eine Verwandtschaft zu erkennen mit der in den Bibliotheken des Barock erfolgenden (und vom Autoren beschriebenen) exegetischen Behandlung des Vampirthemas durch Zitieren und Belegen.

Da bekanntlich aber in der Kürze die Würze liegt, ist diese Kürze keineswegs ein Nachteil oder ein Hindernis, das Werk mit viel Spaß und manchem ‚Aha!‘ zu lesen. Im Gegenteil, man merkt dem Ausführungen an, daß hier ein Begeisterter geschrieben hat, ein Buchmensch, der über den Tellerrand hinausschauen kann, der die dunklen Seite seiner Leidenschaft in hellstem Licht verführerisch darstellen kann. Wenn solche Bücher nicht zur Bücherliebe verführen, welche dann?

Links und Anmerkungen:

[1] Homepage/Blog von Eric W. Steinhauer: http://www.steinhauer-home.de/?page_id=4
[2] Eric W. Steinhauer: Büchergrüfte, Besprechung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2014/09/14/eric-w-steinhauer-buchergrufte/
[3] https://de.wikisource.org/wiki/Copia_eines_Schreibens_aus_dem_Gradisker_District
[
4] Nicolaus Equiamicus: Michael Ranft und die Leipziger Vampirdebatte
(1725 -– 1734); in: http://www.zauberspiegel-online.de/index.php/mythen-aamp-wirklichkeiten-mainmenu-288/aberglaube-mainmenu-294/1775-michael-ranft-und-die-leipziger-vampirdebatte-1725-1734
[5] Die Geschichte dieses Romans The Vampyre (die in durchaus größerem Zusammenhang zu sehen ist, da sie zwar nicht inhaltlich, aber entstehungsgeschichtlich mit der Figur des Frankensteins von Shelley verbunden ist) hat z.B. Olaf Trunschke in seinem Buch Die Kinetik der Lügen zu einem Roman verarbeitet. Die Besprechung hier auf dem Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2016/09/07/olaf-trunschke-die-kinetik-der-luegen/

Bildquellen:

Weitere Bücher zum Thema “Bibliophilie, Bibliomanie“, die auf diesem Blog  aus.gelesen besprochen sind:

Eric W. Steinhauer
Bücher und Vampire
Vampyrologie als Lektüre
Originalausgabe unter dem Titel: Vampyrologie für Bibliothekare. Eine kulturwissenschaftliche Lektüre des Vampirs, bei: Eisenhut-Verlag, Berlin, 2011
diese Ausgabe: adson fecit, HC, ca. 125 S., 2016 (durchgesehene, verbesserte und ergänzte Fassung der ‚Vampyrologie‘), mit vielen Abbildungen

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

 

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