Let’s talk about sex baby
Let’s talk about you and me
Let’s talk about all the good things
And the bad things that may be
[Salt N Pepa [2]]


Egal, wie man den Begriff ‚Leben‘ definiert, die Fähigkeit zur Fortpflanzung, zur Reproduktion, gehört als Kriterium immer dazu. Auch wenn die Reproduktion nicht immer sexuell verlaufen muss (es gibt auch andere Wege), bei den meisten höheren Lebewesen tut sie – so auch beim Menschen. In ihrem Buch Sex Story versuchen die Autoren darzustellen, wie sich diese Fortpflanzung beim Menschen im Lauf seiner evolutionären Entwicklung vom reinen Trieb immer mehr um zumindest zwei Komponente erweitert wurde: um das Gefühl der Liebe und um die Lust, den Spaß an der Sache, ohne daß dabei die Fortpflanzung eine Rolle spielt – im Gegenteil. Und damit ihre Ausführungen sich nicht als ein weiteres, eher trockenes Werk in die Phalanx schon existierender Kulturgeschichten zur Sexualität des Menschen einreiht, haben Philippe Brenot und Laetitia Coryn einen anderen Weg eingeschlagen: sie haben einen Comic geschrieben. Philippe Brenot, um den Textautor bzw die Zeichnerin kurz vorzustellen, ist Anthroploge und Psychiater. Er leitet das Institut für Sexualstudien an der Universität Decartes Paris und ist Autor zahlreicher Sachbücher; Laetitia Coryn hat schon im Alter von 15 Jahren entschieden, dass sie Künstlerin werden will. Heute ist sie erfolgreiche Illustratorin von Graphic Novels und Comics und arbeitet für verschiedenen Magazine [Verlagsangabe].

Das Ergebnis ist ein ansehnliches Buch im DIN A4 Format, wer ein Beispiel für die Bildchen sehen mag, mag hier klicken und sich exemplarisch in den Palast Cleopatras zurückbeamen (und sich vorstellen, die Hülle risse…). Man erkennt es schon, die beiden Autoren setzen mit ihrer Geschichte sehr früh ein, im Wirklichkeit sogar noch viel früher, bei den gemeinsamen Vorfahren von Affe und Mensch. Denn Menschen und Affen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer sexuellen Eigenschaften deutlich: Frauen haben Brüste, Affenweibchen nicht, der Mensch kennt die Scham, im Gegensatz zu Tieren – um nur zwei Sachverhalte zu erwähnen. Um zu plausibilisieren, wie solches entstanden sein könnte, dient eine prähistorische Sippe ‚Mustermann‘, in der die Scham ‚erfunden‘ wird (obwohl sie sich wahrscheinlich je eher im Lauf der Evolution entwickelt hat…), bei der aber auch die erste Vergewaltigung stattfindet und die erste romantische Liebe auftaucht…

So geht es dann durch die Jahrhunderte weiter: Babylon, Ägypten, das antike Griechenland und das Römische Weltreich… eine Konstante in diesen Zeiten (und in nachfolgenden) war immer die unterschiedliche Rolle von Mann und Frau: während dem Mann Freiheiten zugestanden worden waren wie der Besuch von Prostituierten und/oder Bordellen, hatte sich die Frau zu Hause um Haus und Kind zu kümmern (eine Ausnahme bildete wohl da alte Ägypten, das beiden Geschlechtern ihre Freuden zustand). Als andere Konstante zeigte sich in den Jahrtausenden, daß auf relativ freizügige oder auch dekadente Perioden repressivere Zeiten folgten (So, Schluss mit dem Unfug.)

Und dann kam das Christentum an die (geistige) Macht. Und da der Apfel eher eine Feige war und Gott das Kosten an dieser missbilligte und die ungehorsamen Adam und Eva aus dem Paradies vertrieb, war bei den massgeblichen Leuten sozusagen der Genuss von Feigen in Verruf geraten. Augustinus, der Heilige, gehörte zu diesen Leuten und seine Diskreditierung von Lust und Sinnlichkeit sollte über Jahrhunderte das erotische Leben überall dort, wo Christen auftauchten, bestimmen. Jedenfalls wurde der Verkehr zwischen Mann und Frau nur noch zweckgebunden und zielgerichtet geduldet, alles andere war Sünde. Und zum Zeichen, daß der Mann Chef im Ring war, war auch nur noch die Missionarstellung erlaubt, in der der Mann die Frau von oben beschläft und im wahrsten Sinn des Wortes (r)unterdrückt. Na super! Vielen Dank, Augustinus!

Nach dem Mittelalter dann die Renaissance, der Maler und sein Model. Der befreite Körper wird abgebildet, in der Malerei und auch in der Bildhauerei, Leonardo untersucht an Leichen, wie so ein Mensch überhaupt aussieht: erste Theorien zur Fortpflanzung entstehen. Aber auch hier: Gegen Ende  dieser Epoche nimmt die Toleranz gegen eine freier gelebte Sexualität wieder ab.

Ein großes Kapitel widmen die Autoren der Selbstbefriedigung. Hing man, wie die Spermatisten es taten, der Ansicht nach, der vollständige neue Mensch sei im männlichen Samen schon enthalten, so bedeutete eine handbetriebene Ejakulation so etwas wie einen Massenmord, das Handtuch, das Bettlaken wurden zum Massengrab: Nieder mit der Wichserei. Was natürlich auch für die Frauen galt, die in der Vorstellung der Sittenwächter ihr Klitoris mit Gegenständen angefangen vom Gemüse bis hin Flaschenverschluss reizten. Die damaligen Mittel gegen dieses als Krankheit eingestufte Verhalten waren drastisch, gottseidank hat sich diese Einstellung geändert, so daß die Autoren zum Schluss raten: Also, immer schön masturbieren!

Noch waren Ehe und Sexualität getrennt, die Liebe zwischen Eheleuten ein Ding, was nicht sein sollte. Die Männer der höheren Stände liebten ausser Haus, hielten sich Mätressen, gingen in entsprechende Häuser. Hätte es die Syphilis nicht gegeben, was wäre das für ein lustiges Treiben gewesen!

Neuere Zeiten nahten, die französische Revolution, Napoleon oder auch in England Königin Viktoria, die einer ganzen prüden Epoche ihren Namen gab, obwohl sie Wolken-und-Regenspiel selbst gar nicht abgeneigt war… noch wütet die Syphilis, doch Pasteur hat eine große Entdeckung gemacht: er hat die Bakterien entdeckt.

Irgendwann in dieser Zeit finden noch zwei Umwälzungen statt: die Eheschließung aus romantischen Motiven tritt auf und Sex wird getrennt von der Fortpflanzung: Es darf zum Spaß und aus Lust an der Freud gevögelt werden. Mit der wachsenden Bedeutung der Wissenschaft entwickelt sich jetzt auch langsam eine Wissenschaft vom Geschlechtlichen, eine Sexologie, die Jahrzehnte später mit Kinsey Erstaunliches zu Tage fördern wird…

Mit dem Erreichen das zwanzigsten Jahrhunderts kommen wir der Jetztzeit näher. Der Körper – in welchem Ideal auch immer – wird befreit, wird gezeigt, die Entwicklung der Bademode vom Ganzkörperanzug über den Einteiler hin zum Bikini bis zum Tanga ist ein Beispiel dafür. Freud entwickelt seine Theorien, Masters und Johnson beobachten empirisch die sexuellen Reaktionen von Frauen… Homosexualität gibt es, sie wird jedoch noch als abartig empfunden. Erst spät im 20. Jahrhundert setzt sich die Erkenntnis durch, daß es so etwas wie eine Norm in der Sexualität nicht gibt…

Der Comic schließt mit einem Ausblick auf das, was im Bereich Sex und Geschlechtlichkeit möglicherweise noch kommen mag und sie skizzieren dabei Szenarien, die nicht unbedingt erstrebenswert erscheinen.

Ein Bild sagt zwar mehr als tausend Worte, aber doch nicht alles: in einem Anhang fassen die Autoren grundlegende Begriffe zusammen und beantworten offengelassene Fragen. Stichworte sind Liebe, Sexualerziehung, Ehe, Verbote, Normalität, Sexuelle Orientierung, Perversion und Prostitution.


Das alles ist witzig, unterhaltsam und kurzweilig und bietet, da auf dieses Thema „Sex“ hin komprimiert, so manches (mir) Unbekannte wie zum Beispiel die Existenz von ‚Impotenz-Tribunalen‘ (Tribunal de l’Impuissance) im Frankreich der Renaissance, vor deren Augen der unglückliche Tropf von Mann an und mit seiner Frau nachzuweisen hatte, daß deren Behauptung, er sei impotent, falsch ist. Man(n) kann sich leicht vorstellen, daß umständehalber bei dieser Art von Beweisführung meist die Frau Recht behielt…

Womit ich bei meinen Anmerkungen bin. Zum einen liegt der Schwerpunkt der beiden französischen Autoren natürlich auf den Verhältnissen in Frankreich, der Begriff ‚Impotenz-Tribunal‘ (um beim Beispiel zu bleiben) ist für Google zumindest kein findbarer Ausdruck. Überhaupt verspricht der Untertitel Eine Kulturgeschichte in Bildern mehr als er halten kann: der gesamte Osten mit der fein-raffinierten Erotik von Ländern wie Japan, China oder auch Indien kommt nicht vor, von den Völkern anderer Erdteile wie Afrika ganz zu schweigen. Weiterhin bleiben die Autoren notgedrungen an der Oberfläche, aber das Buch bietet genügend Anhaltspunkte, um sich mit anderen Quellen bei Interesse tiefer gehend zu informieren, eine (frankophone) Bibliographie bietet erste Hinweise dazu.

Jeder pisst und scheißt, wo er geht und steht! … Keinerlei Latrinen, keine Toiletten. Gänge, Höfe, Korridore sind voll mit Urin und Fäkalien. Von Versailles Ludwig XV ist die Rede und so ganz glaube ich das nicht… schon aus rein praktischen Gründen: die armen Leutchen wären ja nur noch am Ausrutschen gewesen, außerdem waren ja so etwas wie Leibstühle auch anderswo [1] in Gebrauch, warum nicht hier auch. Die Diskussion im Internet über diese Behauptung jedenfalls ist kontrovers. Möglicherweise sollte der Adel auch nur kompromittiert werden… na, jedenfalls fielen mir diese zwei Bildchen auf. Und die zitierten Sprechblasen zeigen, daß das Buch – da Sex zum Leben gehört – auch eine Geschichte der allgemeinen Kultur ist: über die Stellung der Frau in der Gesellschaft, über Fortschritte in Technik und Wissenschaft, über philosophische und religiöse Fragen. Zudem verdeutlicht diese kleine Zitat auch, daß die Autoren nicht nur auf den medizinischen Fachjargon zurückgreifen: Tonfall und Wortwahl sind ist teilweise recht umgangssprachlich.

Erwartet man also von dem vorliegenden Buch (so wie möglicherweise auch beim Sex selbst) weniger Intellektualität als vielmehr einen mit Fakten und Informationen angereicherten Spaß, so wird man sicher nicht enttäuscht werden. Da der Comic – selbst bei auf den ersten Blick heikel erscheinenden Themen – nie peinlich ist, mag er sogar für den/die eine/n oder andere/n als Einstieg geeignet sein, den Blick für andere Aspekte beim ‚Sex‘ zu weiten. Und dem Verlag kommt der Verdienst zu, uns in Deutschland diesen amüsanten und informativen Überblick zugänglich zu machen.

Links und Anmerkungen:

[1] Die staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württembergs haben im Deutschen Kunstbuchverlag einen sehr hübschen und informativen Katalog: Das Stille Örtchen (z.B. hier und ausnahmesweise mal bei amazon) herausgegeben, in dem die Geschichte der hygienischen Aspekte bei Hofe beschrieben wurden. Danach war die „Technik“ zur halbwegs geordneten Entsorgung der unvermeidlichen Ausscheidungen zu dieser Zeit durchaus vorhanden, kaum vorstellbar, daß ausgerechnet in Versailles darauf verzichtet worden ist.
[2] z.B. hier bei youtube zu sehen und zu hören

Philippe Brenot, Laetitia Coryn
Sex Story
Übersetzt aus dem Französischen von Valerie Schneider 
Originalausgabe: Sex Story – La première histoire de la sexualité en BD, Paris, 2016

diese Ausgabe: btb, HC, ca. 210 S., 2017

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

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Matthew Battles, Bibliothekar in Harvard [1] und Kolumnist in verschiedenen Magazinen, hat mit Die Welt der Bücher ‚Eine Geschichte der Bibliothek‘ vorgelegt. Das Werk ist nicht mehr ganz neu, 2003 erschienen, aber bei der Zeitspanne, die das Buch thematisch überstreicht, spielen die paar Jahre kaum eine Rolle – obwohl wir Jetzigen ja mittendrin sind in einer Revolution, dem Aufkommen der digitalen Welt auch auf dem Sektor des Schriftlichen und zumindest der Etablierung nur noch elektronisch gespeicherter Inhalte als parallelen Zweig zum Gedruckten. Jedoch spielt diese Tatsache in Battles Betrachtungen praktisch noch keine Rolle, er sieht diesen Wandel zwar kommen, doch mit dem Analogschluss, die Bibliothek als Institution habe schon so manche Entwicklung im Buchwesen überdauert, äußert er sich optimistisch, was die Zukunft angeht: Indem sie die Bücher und die in ihnen enthaltenen Worte beschützte, hat die Bibliothek sich immer aufs Neue gegen die Technik und die Kräfte der Veränderung behauptet und es geschafft, die Macht der Herrscher im Zaum zu halten. Solche Veränderungen sind Teil jenes endlosen Zyklus der Erneuerung, für den die Bibliothek ihren Lesern danken muss.


Es kommt nicht darauf an,
wie viele Bücher man besitzt,
sondern wie gut sie sind.

Seneca

Dieser Ausspruch des Römers kann als eine Art Motto gesehen werden für die frühen Bibliotheken, deren Werke eine Essenz darstellen alles dessen, was gut und schön im klassischen Sinn ist oder klassisch im Verständnis des Mittelalters. … eine streng orchestrierte Zusammenstellung von Idealen. Entsprechend auch die Ordnung in der Bibliothek und die Funktion des Bibliothekars als Hüter und Wissender, wo ein Werk steht und zu finden ist. Nach der Erfingung des Buchdrucks, der eine inflationäre Vermehrung von Büchern hervorrief, geriet dieses Ordnungsprinzip heftig ins Wanken – eine Erfahrung, die wahrscheinlich jeder Bücherfreund früher oder später macht, wenn intuitive Ordnungsprinzipien ab einer bestimmen Anzahl von Büchern im Regal einfach nicht mehr greifen. So habe ich selbst meine Bücher (Belletristik) anfänglich streng in Hardcover und Taschenbücher getrennt, die HC-Ausgaben farblich und innerhalb der Farben nach absteigender Größe geordnet. Nachdem sich dann aber zeigte, daß ich mehrere Titel in drei oder gar vier verschiedenen Ausgaben besaß, wusste ich: es muss etwas geschehen. Fortan gab das Alphabet die Reihenfolge vor.

Aber angefangen hatte es ganz anders. Die ersten Textsammlungen in Mesopotamien bestanden aus Tontafeln, in Ägypten wurden in der berühmten Bibliothek von Alexandria hunderttausende Papyrusrollen verwahrt, Brände zerstörten immer wieder Teile des Bestandes. Nach Battles war die Bibliothek von Alexandria in gewisser Weise der Prototyp der modernen Universalbibliothek: eine Einrichtung mit universalen Ambitionen … und dem erklärten Ziel, .. alles zu besitzen.

Weitere Stationen der Battles’schen Betrachtung sind das alte China, in dem Herrscher ihren Machtanspruch dadurch festigten, daß sie die Erinnerung, sprich: auch die schriftlichen Zeugnisse, an ihre Vorgänger tilgten. Auch Rom hatte seine Sammler und Bibliotheken, Cicero ist einer der bekanntesten, ein ‚Homme de lettres‘. Gebildete Sklaven hatten die Aufgabe, alte Texte abzuschreiben und zu vervielfältigen, damit sie unter Sammlern weitergereicht werden konnten.

Dem mittelalterlichen Europa waren Bücher nicht so wichtig, Werke aus alter Zeit eher suspekt. Wäre der Islam nicht gewesen, der viele der alten griechischen Bücher (und andere ebenfalls) ins Arabische übertragen und gesammelt hätte…. in Cordoba umfasste allein der Katalog der Bibliothek von Al-Hakim 44 Bände, die Anzahl der Bücher bewegte sich zwischen 400.000 und 600.000…. In Europa lebte das Bibliothekswesen erst im 15. Jhdt wieder unter den Medici in Florenz und dann in Venedig mit der ersten modernen ‚öffentlichen‘ Bibliothek auf: Das alles ist eindeutig Teil eines Programms zur Eigenwerbung und zur öffentlichen Feier des Familiennamens. …

Die Kirchen, natürlich hatten sie Büchereien und Büchersammlungen, deren Titelbestand jedoch nur wenige Hundert Stück umfasste und die in einem Raum aufzustellen waren und die von den klassischen Werken beherrscht wurden. So besaß die Bibliothek von Lorsch im 10. Jhdt. bei einer Gesamtzahl von 590 Bänden allein 98 von Augustinus… unter diesen Umständen ließ sich leicht Ordnung halten.

Beim Übergang zum 14. Jhdt gab es jedoch auch schon Bibliotheken, deren Bestände größer waren, die Bibliothekare fingen an, eine alphanumerische Ordnung einzuführen. Die Kataloge, von ’scriptores‘ erstellt, wurden zum Schlüsselelement der neuen Gelehrsamkeit. Noch ‚rangen‘ die Ordungsprinzipien miteinander, wurden die Titel nach Wissensgebieten unterteilt, und in diesen dann aber alphabetisch.


Ein ausführlicher und wahrhaftiger Bericht über die Schlacht, die letzten Freitag in der St. Jakobsbibliothek zwischen den alten und den modernen Büchern ausgefochten wurde.

Eine zentrale Stellung nimmt in Battles Darstellung die ‚Bücherschlacht‘ ein, der berühmte Streit über die alte und die moderne Gelehrsamkeit. … [3] was nichts anderes meint, als das ein Teil der Bibliothekare der Meinung war, die Auswahl der Bücher, die man lesen solle, sei nicht schwer zu treffen, … Es sind die ältesten, jene, die in unmittelbarer Nähe um goldenen Zeitalter Homers geschrieben worden sind. Diese Bücher dürften nicht von pingeligen Philologen auseinander genommen und wissenschaftlich geprüft werden, sondern sie seien mit Ehrerbietung zu lesen …. während die Gegenposition der Meinung war, daß …mit der Vervielfältigung der Kopien von Büchern dank des Buchdrucks … die kritische Auseinandersetzung mit dem Inhalt beginnen könne. Anfang des 18. Jhdt. war mithin eine Entscheidung notwendig zwischen der Gelehrsamkeit des Alten oder den neuen Techniken der Kritik. Und es war die Zeit, in der Journale aus dem Boden sprossen und die ersten Romane, die nicht die Erziehung, die Bildung oder die Anleitung des Lesers zu Ziel hatten, sondern seine Unterhaltung, erblickten das Licht der Welt.

Es begann die Zeit, in der das Buch vom Kunsthandwerk zur Massenware eines industsriellen Herstellungsprozesses wurde, die große Zeit der Nationalbibliotheken begann, der Bestände schnell in die Hundertausende wuchs. Auch, weil die Verleger verpflichtet wurden, von jedem Titel aus ihrer Produktion Pflichtexemplare an die Nationalbibliothek zu liefern. Je größer die Bestände, desto wichtiger wurde als direkte Folge davon der Bestandskatalog. Hier geht Battles ausführlich auf den in Italien geborenen Antonio Panizzi ein, der als Bibliothekar der British Library ein völlig neues Katalogsystem entwickelte.

Auf einer zweiten Schiene entwickelten sich eine andere Art von Bibliotheken, die sich erklärtermaßen das Ziel setzten, die armen und bildungsfernen Bevölkerungsschichten an das Buch heranzuführen: man hatte erkannt, daß auch die Bildung bei Arbeitern für die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft von Bedeutung war. Und daß Bibliotheken ein höheres Gut zu bieten hatten als nur Verstand: Sie machten auch glücklich. So entstanden letztlich steuerfinanzierte öffentliche Bibliotheken und Leihbüchereien.


Der Schwerpunkt der Betrachtungen Battles‘  liegt auf den angelsächsischen Bibliotheken, Einrichtungen anderer Länder werden nur sporadisch genannt. Deutschland, wen wundert’s, dient vor allem als Beispiel für die Vernichtung von Bibliotheken und Büchern in schier unvorstellbarer Menge, wie sie im Dritten Reich geschah. Wobei der 10. Mai 1933 nur ein Tag in diesem Prozess war, der sich über Monate hin über das gesamte Land legte, in dem sukzessive geächtete Schriftsteller und/oder Bücher nicht nur aus öffentlichen Bibliotheken und aus Buchhandlungen, sondern aus Angst vor Repressionen und Denunziationen auch aus privaten Beständen vernichtet wurden.

Auf der anderen Seite stellten die Nationalsozialisten aus den gestohlenen Beständen jüdischer Bürger, die sie deportiert oder gleich ermordet hatten, neue Büchersammlungen mit Judaica zusammen, andere ‚erbeutete‘ Bestände wurden verbrannt, als Altpapier genutzt oder auch an ausländische Interessenten verkauft.

Battles erinnert gleichfalls daran, welch wichtige Funktion (improvisierte) Bibliotheken in den jüdischen Ghettos im Dritten Reich hatten, die Bibliothek des Musterlager Theresienstadt umfasste um dei 100000 Bücher, die des Block 31 in Birkenau acht Titel…..

… überall dort, wo gelesen wird, brennen auch Bücher: in Tibet nach Annexion durch die VR China, 1981 die Tamilen-Bibliothek in Sri Lanka, Buchsammlungen in Afghanistan durch die Taliban. Gegen 22:30 am 25. Augusgt 1992 fingen die Serben unter Ratko Mladic an, die Nationalbibliothek in Sarajewo gezielt zu beschießen und in Brand zu setzen. In gleicher Weise wurdne das Orientinstitut mit seinen bedeutenden Beständen, das bosnische Nationalmuseum, die Universitätbibliothek von Mostar und hunderte weitere Bibliotheken vernichtet, um so die Erinnerung an die gemeinsamen Jahrhunderte auszulöschen, in denen die verschiedenen Ethnien zusammen und fruchtbarem Miteinander lebten. [4]

Den Abschluss des Buches bilden noch einmal Gedanken des Autoren zur gegenwärtigen und vermutlich zukünftigen Bedeutung von Bibliotheken.


Die Welt der Bücher ist, obwohl sie in Kritiken zum Teil derbe verrissen wird [2], für einen normalen Leser eine durchaus interessante Lektüre. Natürlich ist es keine umfassende Geschichte der Bibliothek(en), dazu ist sie viel zu sehr auf den angelsächsischen Kulturkreis fokussiert. Andererseits diskutiert der Autor anhand ’seiner‘ Bibliotheken Themen von allgemeiner Gültigkeit wie die Rolle und Funktion eines Bibliothekars im Lauf der Zeiten, die Bedeutung der Kataloge und der systematischen Einordnung von Büchern in ein Katalogsystem. Stellenwert, Funktion, Aufgabe: all das hat sich im Lauf der Jahrhunderte, vllt sogar Jahrtausende gewandelt und dieser Wandel ist im Buch erkennbar. Die neuerliche Herausforderung an das geschriebene Wort und seine Dokumentation durch die elektronischen Medien wird nicht ausführlich behandelt, dies dürfte dem ‚Alter‘ des Buches von Battles geschuldet sein.

Zusammenfassend kann ich festhalten, daß mir das Buch einige interessante Stunden vermittelt hat, in denen ich eine Menge Fakten erfahren habe, die mir so noch nicht bekannt waren.

Links und Anmerkungen:

[1] zum Autoren: https://cyber.harvard.edu/people/mbattles
[2]  z.B. von Jörg Plath: Das große Abbild; in:  http://www.deutschlandfunk.de…81739
[3] vgl. hier: http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-bucherschlacht-7222/2
[4] Eine Übersicht über kriegsbedingte Vernichtungen von Bibliotheken findet sich z.B. hier: Into the flames: Libraries in the time of armed conflict: Why the world needs a new Non-Governmental Organization: Librarians Without Borders (LWB); in: http://capping.slis.ualberta.ca/global/andrew/into%20the%20flames.htm

Weitere Bücher zum Thema “Bibliophilie, Bibliomanie“, die auf diesem Blog  aus.gelesen besprochen sind:

Matthew Battles
Die Welt der Bücher
Eine Geschichte der Bibliothek
Übersetzt aus dem XXX von Sophia Simon
Originalausgabe:
diese Ausgabe: Artemis & Winkler, HC, ca. xyz S., 2003

Vorbemerkung zur „Farbgebung“ im Beitrag:

grün: (ggf. an meinen Text angepasste) Zitate von Volckmann
aubergine: Zitate aus von der Autorin aufgeführten Textbeispielen der entsprechenden Autoren
blau: hinterlegte Links zu Fotos bzw. Bildersammlungen

volckmann


Die Zeit ist schwer zu erzählen auf der Insel ist ein Zitat aus einem Werk des baskischen Schriftstellers Ignacio Aldecoa, daß die Dozentin für Literaturwissenschaft an der Kölner Universität mit Zweitheimat Lanzarote ihrem Insel-ABC als Titel gewählt hat. Ein Insel-ABC… aber kein Reiseführer, kein Lexikon und kein profane Beschreibung der Insel, sondern eine Exkursion in den Niederschlag, den diese mythische Insel in der Welt der Literatur gefunden hat.

Ich werde, man – und vor allem die Autorin des vorgestellten Buches – möge mir verzeihen, in diesem Beitrag ein wenig über dieses Buch hinausgehen, ein wenig auch eigene Erfahrungen und Erlebnisse beisteuern – soweit sie zu Anmerkungen der Autorin passen.

Denn auch ich bin der Insel ein wenig verfallen, war schon öfter dort. Zum ersten Mal 1998, ich müsste also eigentlich noch den alten Flughafen kennen, der neue, so schreibt Volckmann, ist erst ein Jahr später eröffnet worden. Aber in diesem Punkt streikt die Erinnerung…

Sie streikt jedoch nicht, wenn ich lese, daß Volckmann in La Degollada wohnte, als sie an diesem Buch arbeitete. La Degollada, ein Dorf in den Ajaches, dem Hügelzug (oder kann man bei über 600 m Höhe schon von Bergen reden?) im Süden der Insel. Starker Wind, der uns hinter einen Felsen zwang, die Räder angelehnt, in Windjacken ein wenig was gegessen und getrunken, dann zurück und einen Weg nach Westen gegangen, der zwischen zwei Anhöhen mündete und den Blick auf Janubio und die vorgelagerte Ebene Llano de las Maretas freigab….

IMG_6597kleinJanubio… auf der großen, fast endlosen Fläche des Ozeans zwischen Amerika und Afrika scheinen die kleinen Inseln Makaronesiens wie vernarbte Wunden des Meeres… und sie sind es, von vulkanischen Kräften emporgehoben, haben sie die Wasserfläche durchstoßen und verletzt und es scheint, als würde der Ozean mit seinen Mitteln versuchen, sich das Land zurückzuholen, an Orten, wie der lanzarotenischen Südwestküste, wie an Janubio zum Beispiel. Als schlüge ein Tier seine Pranke aufs Land, so bricht sich die Dünung an der Küste, schlagen die Wellen ein ums andere Mal auf die Felsen, schleudern sie ihre Gischt in die Luft und rennen wieder an, Stunde um Stunde, Tag um Tag, Jahr um Jahr, Jahrhundert um Jahrhundert… ohne Unterlaß, bis ans Ende der Tage…. ein mythischer Ort, an dem sich die vier Elemente der Griechen begegnen und miteinander ringen: die Erde, die ein Land ist vom Feuer geformt, das Wasser, die Luft als immerwährender Wind…

Blick in die Saline von Janubio

Blick in die Saline von Janubio

Wie findet man Zugang zu Volckmanns Buch? Nun, wenn man, so wie ich, einen Bezug zur Insel hat, ist es einfach: ich habe unter den entsprechenden Stichworten nachgeschaut: Janubio und Mararia beispielsweise. Von dem Ort Janubio habe ich schon erzählt, ein Ort, der zweierlei ist, eine Bucht mit einem Strand aus schwarzem Lavasand und eine große Saline. Volckmann erwähnt in diesem Zusammenhang den Surrealisten Agustin Espinosa, der bei der schneeweißen Salzebene, diesem Spiegel-Labyrinth,[ …] an Schnee, lappländische Winter und glasige Milch dachte: Niemand ist je nachts in den Salinen gewesen, in den Salinen von Janubio. Das Abenteuer wäre sehr gefährlich… Bestimmt räkeln und strecken si sich, zerknittern sich Kleidung und Seele… entledigen sie sich ihrer gradlinigen Kleidung und ziehen das Kleid der konvexen und konkaven Formen an. So der Dichter über seine eigene phantastische Welt…. Sie [i.e. die Lagune] hat den Wind gerufen und ihm gesagt: auf meinem Bauch, auf dem runden Bauch des Meeres, kannst du wunderbar kleine Schiffchen bewegen….. 

Nun ist ausgerechnet Janubio ein schlechtes Beispiel, denn im Normalfall kann man Volckmanns Buch wie eine Art „Schnitzeljagd“ durch lanzarotenische Spuren in der Literatur benutzen. Die Artikel enthalten Querverweise, bei Janubio hätte sich der zum Meer angeboten, er ist nicht da, wiewohl es selbstredend einen Beitrag Meer gibt, denn das Meer ist das Schicksal der Insulaner, Hermaphrodit, Doppelgeschlecht. Ursprung, Ende. La mar“: für Santiago ist das Meer weiblich, seine Liebe zum Meer drückte sich darin aus, es war nicht männlich, wie mittlerweile für manche der jüngeren, die “el mar” sagten, als sei es ein Konkurrent, gar ein Feind. Weiblich, damit auch immer ein wenig mütterlich, die See ernährt ihn, sie trägt ihn…. [3] Hemingways Bootsmann auf Kuba war Gregorio Fuentes, ein Lanzaroteno, wahrscheinlich das Vorbild für den Santiago der Erzählung Der alte Mann und das Meer.

Das Meer wird geliebt und gehasst, bewundert und gefürchtet, aber niemanden lässt es gleichgültig. Angel Guerra beschreibt dies in seinem Roman La Lapa: Man liebt das Meer bis zum Wahnsinn, mit tiefer Leidenschaft, wie man eine Frau liebt. … Oh, die Liebe ist wie das Meerwasser. Sie macht uns Durst, und später, salzig, löscht sie ihn nicht. Sie schmeckt bitter, als ernähre sie sich einzig von Tränen ….  oder Felix Hormiga, ein einheimischer Literat, geboren in Arrecife: Das Meer ist Geliebte, sagen die, die vor Liebe verrückt sind. Unser Meer war Salz, Beklemmung und Qual. Seeleute, geboren im Zeichen des Elends, geschaukelt in Booten, wie geschaffen für den Schiffbruch, Generation um Generation, wiegten ihre Alpträume mit dem Lied einer immensen, unbeständigen Mutter (aus: El Rabo del Ciclon)

Das Meer führt uns weiter zu Lapa, der schmackhaften Napfschnecke, die an den meerumspülten Riffen lebt und die einer Erzählung Angel Guerras ihren Namen gibt… über Lapa schließlich gelangen wir zu Abschnitten über Schiffbruch, über den Roque del Oeste, über Naos und Afrika

Für mich ein wichtiger Zugang war der Beitrag über den Roman Mararia, der Hexe von Femes, von Rafael Arozarena. Mararia ist einer der bekanntesten Texte, deren Handlung in Lanzarote angesiedelt ist. Vor einigen Jahren habe ich selbst dieses Buch hier im Blog vorgestellt [2]. Abgesehen davon, daß meine Texte zu dieser Zeit noch wenig ausführlich waren, hat mir das Buch von Volckmann wieder vor Augen geführt, wie wenig man solche Romane versteht, wenn man sich nicht in die Hintergründe einarbeitet, unter denen ein Buch entstanden ist. Unabhängig davon ist Femes, dieser im Roman so abweisende, mystische, dunkle Ort, wenn man ihn als Tourist besucht, ganz anders… hell, freundlich, sonnig und winddurchzogen….

Mararia, die so tragisch ihr Ende findet, schließlich nimmt uns an die Hand und führt uns weiter zu Hexen, zu Frauen, zum Sex.. dort begegnen wir dem Text von Michel Houellebecq Lanzarote [5], in dem der Franzose gelangweilte Touristen, die keine Lust zu vögeln haben und lieber einen all-inclusive Hotelaufenthalt buchen, auf die Insel schickt, …. aber auch andere Autoren/-innen widmen sich diesem Thema. Die wuschelhaarige Pascal, eine Figur der österreichischen Autorin Karin Rick, beispielsweise wird auf Lanzarote in einen Zustand gebracht, der nur mit einer über ihr zusammenschlagenden Gischt beschrieben werden kann und die junge Lanzarotena Macarena Nieves Caceres setzt sich auf die Spur von Georges Batailles, dem Altmeister surrealistischer Pornographie: […] wuchs vielmehr der Wunsch in mir, mit ihm durch die Straßen zu streunen auf der Suche nach einem engen Spalt im Halbdunkel, zwischen schlafenden Autos, wo wir uns gemeinsam dem goldenen Fluss meines Urins überlassen konnten. Nun denn….

Reste eines für kurze Zeit bedeutenden Wirtschaftszweige

Reste eines für kurze Zeit bedeutenden Wirtschaftszweigs (bei Guatize)

Houellebecq hat einen gelangweilten, uninteressierten Touristen auf die Insel geschickt… die Insel lebt von dieser Spezies Mensch, die bevorzugt in Rudeln auftreten. Der Tourismus trägt 90% der Wirtschaft der Insel, es ist eine Art Monokultur und mit Monokulturen hat Lanzarote wenig gute Erfahrungen: der Export von Meersalz ist zusammengebrochen ebenso wie die mühsame, aber lukrative Ernte der Koschenillelaus, aus der früher der Farbstoff Karmesinrot gewonnen wurde, einigen Lanzarotenos viel Geld einbrachte. Nun also Touristen (zu denen natürlich auch ich gehöre, wenn auch nicht so ganz dem Verhaltenschema entsprechend, wie ich hoffe….). Auf 40.000 Betten Obergrenze versuchte seinerzeit der berühmte Inselkünstler César Manrique den Ansturm der Fremden zu begrenzen, heute sind es 200.000 Betten…. Trotzdem hat Manrique, der die Insel zu einem Gesamtkunstwerk umgestalten wollte (ein Bemühen, daß die Insel in der Tat nachhaltig prägt: Windspiele und Monumente zieren die Kreisel, das Restaurant El Diablo im Nationalpark Timanfaya, das Restaurant La Era in Yaiza, der Mirador del Rio oder die Jameos del Agua im Norden der Insel, oder auch der Jardin de Cactus – um nur einiges zu nennen), die Insel geprägt: noch heute gibt es (bis auf eine Ausnahme) weder Hochhäuser auf der Insel noch Werbeplakate an den Straßen. Ich hatte eine Vision, ich habe hier eine Utopie verwirklichen wollen. Die natürliche Schönheit dieser Vulkaninsel sollte eine perfekte Symbiose eingehen mit den Schöpfungen der Menschen, mit der Kunst, mit der Architektur. Wir hatten es fast geschafft, und jetzt kommen diese Geier, diese Spekulanten ohne jede Moral. Sie wollen uns alles stehlen, sie haben nur das Ziel, ganz schnell reich zu werden. Sie bauen uns hier billige Massenbungalows hin, miese Hotels und Appartementhäuser, deren Wände zum Teil aus Pappe und Draht bestehen. Sie verschandeln die Landschaft, zerstören die Dörfer…. so der Meister in einem Interview im Spiegel [4], aus dem Volckmann zitiert. Aber der Tourismus bringt eben viel Geld und Geld korrumpiert…. es wird gebaut, gebaut und gebaut und die Tatsache, daß der eine oder andere Bürgermeister ins Gefängnis muss, ändert wohl allerhöchstens punktuell und kurzfristig etwas…..

playa-blanca-1

Playa Blanca: früher endete die Bebauung dort, wo heute an der Promenade das Pflaster wechselt…

Playa Blanca beispielsweise, der ehemalige kleine Fischerort am Südende der Insel und „mein“ Standort auf der Insel, gegenüber von Fuerteventura mit Sicht auf Lobos gelegen, die kleine, unter Schutz stehende Insel in der Meerenge… Ende der 90er Jahre hörte der Ort auf, wo heute das Pflaster wechselt. Dort, wo jetzt der neue Yachthafen ist sowie Hotels, Restaurants, Läden und Bungalowsiedlungen, waren damals Küste und Meer… wir sind von Stein zu Stein gehüpft, sahen oben Leute stehen mit Plänen in der Hand stehen, die hierhin und dorthin deuteten….

Playa Blanca im Süden der Insel. Das alte Haus eines Fischers links stand früher direkt am Strand. Wo die Häuser rechts stehen, war schon das Meer....

Playa Blanca im Süden der Insel. Das alte Haus eines Fischers links stand früher direkt am Strand. Wo die Häuserreihe rechts steht, war 1998 noch Meer…

Langsam frisst die Insel ihre Landschaft, den Raum, der sie zur mythischen Insel werden läßt…… und was, wenn der Tourismus zusammenbricht, keine achtzig Flieger mehr am Tag kommen? Schon jetzt stehen viele der Bungalows in den Siedlungen weit ab vom Meer, „in the middle of nowhere“, leer, verfallen, bevor sie bezogen wurden…

Der Tourismus ist eine transformative Kraft, die uns vieles nimmt. Und andererseits: sie gewährt uns eine Ökonomie, eine Ökonomie des Möglichen. Ich glaube, auf Lanzarote, überhaupt auf Canarias, fehlt eine grundsätzliche Debatte über die Rolle des Tourismus […] Bis zu welchem Punkt müssen wir verkaufen, bis zu welchem Punkt dürfen wir uns verkaufen? … so formuliert es der hier schon zitierte Felix Hormiga. Verkaufen: Lanzarote, eine Sehnsuchtsinsel, auf die viele auf Dauer fliehen und zu Residenten werden, zu Haus- und Landbesitzern, zu Einwohnern. Mehr oder weniger gut gelitten, mehr oder meist weniger gut integriert.

Zum Abschluss möchte ich noch auf dieses Stichwort: Aljibe eingehen, weil es für uns Bücherliebhaber interessant ist. Lanzarote ist eine Insel der Trockenheit. Die Erhebungen sind oft nicht hoch genug, die Wolken des Passatwinds zum Abregnen zu bringen, die Einwohner sind gezwungen, Wasser, wenn es fällt, in Zisternen zu sammeln, die hier Aljibe heißen, ein Wort, das wie so viele Worte mit „Al-“ dem arabischen Sprachraum entlehnt ist und soviel bedeutet wie Brunnen. Hier wird das Wasser gesammelt, etwas Wertvolles also und über den Rhotazismus (i.e. die sprachliche „l“ zu „r“ Umwandlung) kommen wir leicht zum „Archiv“, dem Ort, in dem z.B. Bücher aufbewahrt werden, also auch Wertvolles….

Einsame aljibe in den Ajaches. Schön sieht man die vorgeschalteten "Becken", in denen das strömende Wasser gebremst wurde

Einsame aljibe in den Ajaches. Schön sieht man die vorgeschalteten „Becken“, in denen das strömende Wasser gebremst wurde

Aber aljiben sammeln nicht nur das Wasser und ermöglichen damit Leben (korrekterweise müsste ich im Imperfekt formulieren, mittlerweile ist die gesamte Insel durch z.B. Meerwasserentsalzung (im Bild zur Saline Janubio sieht man im Hintergrund ein gelbes Gebäude, in der Meerwasser entsalzt wird) – unabhängig von dieser Art der Wasserbevorratung), sie waren auch ein dunkler Ort, ein Ort, an dem Verzweifelte Erlösung suchten: Sie umarmten sich, als sie an den Rand traten, eng umschlungen fielen sie ins Wasser, das sich mit einem fremdartigen Geräusch aufbäumte, um dann sogleich wieder seine sanfte und geheimnisvolle Stille wiederzufinden. Was für eine liebliche Nacht. Angel Guerras Heldin Salome aus der Erzählung A merced del viento suchte und fand hier Erlösung und Tod nach der Vergewaltigung, die sie durchleiden musste. Auch der schon erwähnte Félix Hormiga greift dieses Motiv auf: Der Beweis, dass Miguel Tavio ein Mensch war, der an alten Gewohnheiten festhielt, wurde offenkundig in der Art und Weise, die er gewählt hatte, um seinem Leben ein Ende zu bereiten. […] Als die Familie den Körper entdeckte, leerte sie das aljibe und nutzte die Gelegenheit, es zu säubern. Im Schlamm, der sich auf dem Boden abgelagert hatte, fanden sich zwei vollständige Skelette. Endlich hatte sich eines der größten Rätsel der Familie gelöst: die Eltern von Miguel Tavio, die nach Venezuela ausgewandert waren und nie geschrieben hatten, hatten eine Reise von gerade mal zwanzig Metern angetreten. (aus: Enigmas)..

Emigration bzw. Exil: ein weiteres Thema des Buches….


Silvia Volckmanns Die Zeit ist schwer zu erzählen auf der Insel ist sicher kein Reiseführer, dafür geht er viel zu sehr in die Tiefe, wo der normale Führer nur auf die Oberfläche verweist. Volckmann versucht erfolgreich, uns, ihren Lesern, die Seele der Insel, ihren Charakter, das Mythische, Geheimnisvolle, Faszinierende und auch Ängstigende nahezubringen. Sie nutzt dazu zwei unabhängige Quellen: zum einen sich selbst, als Liebhaberin der Insel, die des Spanischen mächtig ist und sich mit den Menschen unterhalten kann, um deren Erfahrungen und Geschichten zu hören und zum anderen das, was Schriftsteller mit ihrem Gespür für die Dinge unter der Oberfläche der Insel festgehalten haben. In vielen Beitragen wird auch das Ringen der Einheimischen um ihre Zukunft deutlich, die zwischen Ausverkauf und Bewahrung einer gewissen Eigenständigkeit schwankt, während viele der schriftlichen Zeugnisse die Historie der Insel und ihrer Bewohner fixiert und im Gedächtnis hält. Und damit wird Volckmanns Buch für jeden Besucher von Lanzarote, der sich für mehr interessiert als kristallklares Wasser und Sonnenschein, eigentlich zum Pflichtprogramm, denn neben diesem „Tiefgang“ kommt natürlich auch Fakten über die Insel nicht zu kurz, aber eben solche, die man normalerweise nicht erfährt….

Im Anhang zum Buch finden sich selbstverständlich sowohl ein ausführliches Literaturverzeichnis als auch die Biographien der im Textteil erwähnten Schriftsteller und Autorinnen. Eine Übersicht über die behandelten Stichworte bietet die Startseite der Homepage der Autorin [1], wobei (warum eigentlich?) Ortsnamen wie Janubio, Uga oder Yaiza recht willkürlich und nicht am „richtigen“ Platz angeordnet sind, dadurch sollte man sich nicht verwirren lassen.

Links und Anmerkungen:

[1] Webseite der Autorin: http://www.silvia-volckmann.de
[2] Rafael Arozarena: Mararia; Buchvorstellung hier im Blog: https://radiergummi.wordpress.com/2009/10/17/rafael-arozarena-mararia/
[3] Ernest Hemingway: Der alte Mann und das Meer; Buchvorstellung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/..-meer/ diesem Beitrag von mir habe ich das hier wiedergegebene Zitat entnommen
[4] das Zitat ist aus: Bölke, P. und Greunke, G.: Ein ganzes Volk wird kulturell erledigt – Der spanische Künstler Cesar Manrique über Massentourismus und die Folgen auf Lanzarote; in:  http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13528417.html
ganz aktuell ist im Spiegel-online ein weiterer Artikel über Manrique erschienen:
Simon Broll: 
Der Vulkan von Lanzarote; in: http://www.spiegel.de/einestages/cesar-manrique-der-inselkuenstler-von-lanzarote-a-1062233.html
[5] 
Michel Houellebecq: Lanzarote; Buchvorstellung hier im Blog:  https://radiergummi.wordpress.com/2009/12/11/michel-houellebecq-lanzarote/

 

Für die Bilder (mit Ausnahme des Covers) liegt das Copyright bei mir.

Weiter selbst aufgenommene Bilder aus Lanzarote sind unter diesem Link zu finden (wird in der nächsten Zeit noch erweitert):  https://fotografiert.wordpress.com/category/lanzarote/

zur Farbgebung im Beitrag:

grün: (ggf. an meinen Text angepasste) Zitate von Volckmann
aubergine: Zitate aus von der Autorin aufgeführten Textbeispielen der entsprechenden Autoren
blau: hinterlegte Links zu Fotos bzw. Bildersammlungen

Silvia Volckmann
Die Zeit ist schwer zu erzählen auf der Insel
Ein literarisches Lanzarote-ABC 
mit vielen historischen Fotos
diese Ausgabe: Konkursbuchverlag, Softcover, ca. 320 S., 2013

Normalerweise gilt ja bei mir „One book – one entry“, aber heute mach ich doch eine Ausnahme, denn ich will zwei Fotobücher vorstellen, die sich auf´s trefflichste ergänzen.

enter

Zum einen ist dies „Entering Germany“ des amerikanischen Fotografen Tony Vaccaro [3], der schon als GI vor dem Ende des Krieges in Deutschland war und als Soldat fotografierte und der nach Kriegsende bis 1949 im Land blieb, dies kreuz und quer bereiste und dabei Tausende von Bildern schoss. Auch wenn er durch widrige Umstände öfter mal Verluste in seinem Archiv hinnehmen musste, ist die Auswahl der Bilder sehr beeindruckend.

Natürlich kennt man die Bilder des zerstörten Deutschlands, der Städte in Schutt und Asche (ein Anblick, der im übrigen auch den Amerikaner Vaccaro tief betrübte und ihm eine unverhältnismäßige Aktion der Aliierten dünkte), der z.T. in Lumpen gekleideten, kaputten, desillusionierten Menschen. Trotzdem, wenn man diese Anblicke hier vor sich hat, als Bilder, sich darauf konzentrieren kann, auch mal Details schauen (was im Fernsehen kaum möglich ist, da hier das Tempo des Bildwechsels ja von außen vorgegeben wird): es berührt, macht in gewisser Weise auch demütig, denn wir heute haben vieles von dem, was wir haben, auch diesen Menschen damals, unseren Eltern, Großeltern, die in wirklich schwierigsten Zeiten angepackt haben und ohne groß zu lamentieren aufgebaut haben, zu verdanken. Wie leicht vergisst man das! Ich habe mir mal die Zeitung vorgenommen und geschaut, über was heutzutage so gejammert und geklagt wird.. ich muss es nicht hinschreiben, aber im Vergleich zu damals….. es ist wirklich sinnvoll, sich und die eigenen Ansprüche manchmal durch solche Erinnerungen – so lange ist das alles noch nicht her – wieder zu erden.

Sind die ersten unmittelbaren Jahre nach dem Krieg durch Not und Zerstörung geprägt, auch durch die Besatzung durch die Siegermächte, sieht man gegen Ende der Zeitspanne in Vaccaros Buch, daß es aufwärts geht: die Kohleförderung läuft wieder an, es wird wieder an Hochöfen gearbeitet, Stoffe werden in kleinen Fabriken zugeschnitten, mit vorsintflutlichem Gerät werden Straßen repariert, in Stand gesetzt, gebaut und auch das private Leben nimmt wieder Konturen an, die Freizeit wird gestaltet mit Tanzveranstaltungen, Rummelplätzen. Erste Modenschauen finden statt, 1948 wird schon im Bikini gebadet…. Insbesondere die Luftbrücke um Berlin trägt dazu bei, die Gräben zwischen Besatzern und Besiegten zu überbrücken

1949 verläßt Vaccaro Deutschland, kehrt voller Optimismus die Zukunft Deutschlands betreffend in die Staaten zurück. Dies ist (cum grano salis) der Zeitpunkt, in dem das zweite Fotobuch „Wirtschaftswunder“ [1], von Darchinger [2], das ich mir heute angeschaut habe, einsetzt:

darchinger

1952, also 3 Jahre nachdem das Buch von Vaccaro endet, ist die Zeit, in der in den Städten schon wieder Werbung zu sehen ist, wo es wieder Betriebe gibt und Firmen (die Produkionshalle von Porsche ist ja sowas von Puppenstube, so niedlich… wenn man das mit den heutigen Anlagen vergleicht…..). Die Straßen sind voller Kinder, der Verkehr nimmt stetig zu, es wird wieder gekauft, noch ist das Radio eine der Hauptverbindungen zur Welt, aber das Fernsehen steht schon auf der Matte. Die Autobahnen haben noch keine Mittelleitplanke und formal ist der Mann der Herr im Haus und Gleichberechtigung noch ein Wort des Teufels. In ausgebombten Hauseingängen machen sich kleine Läden breit, die das Notwendigste verkaufen und aus denen sich später große Läden entwickeln. Der Lohn wird noch bar ausgezahlt und die Vergügungen sind züchtig. Kurz darauf werden Versandhäuser wie Neckermann und Quelle zu wahren Kaufparadiesen, die großen Ketten wie Karstadt bieten den Menschen all das was sie wollen, tragen aber auch zum Untergang der kleinen Läden in den Städten bei. Über dem Land liegt Adenauer mit seiner CDU, andererseits beschert uns Erhard mit seiner sozialen Marktwirtschaft den Grundstock dessen, von dem wir heute noch zehren. Der soziale Wohnungsbau setzt ein (noch ist nicht klar, welche sozialen Probleme die Siedlungen vor den Städten in Zukunft machen werden), aber auch der Boom nach Bausparverträgen und dem Häuschen im Grünen, erste Urlaubsreisen werden gemacht, in das Land, wo die Zitronen blühen…. Deutschland, ein Land im Aufbruch, voller Schwung und Optimismus.

Die politische Einbindung an den Westen wird zementiert, die Bundeswehr ins Leben gerufen. 1963 wird dann die Mauer durch Berlin gebaut, der Eiserne Vorhang dichtgemacht. Die CDU feiert ihre große Zeit, die dann gegen Ende der 60er Jahre zu Ende geht (und 1969 in eine erste Große Koalition mündet). 1967 dann kommt der Schah zu Besuch, Benno Ohnesorg wird bei den Demonstrationen erschossen und für die Bundesrepublik fangen stürmische Zeiten an….

Facit: Zwei Fotobücher, die sich wunderbar ergänzen und einen sehr eindrucksvollen Rückblick auf die Zeit in den ersten 2 Jahrzehnten nach dem Krieg bieten. Einiges, was auf den späteren Bildern zu sehen war, habe ich selbst noch in Wirklichkeit so erlebt, ein zusätzlicher Anreiz natürlich für mich persönlich.

Links:

[1] Eine Auswahl von Bildern findet man hier im Spiegel: einestages
[2] Biographische Angaben zu Darchingeraus der Wiki
[3] Biographische Angaben zu Vaccaro aus der Wiki

Tony Vaccaro
Entering Germany
Taschen Verlag, 2001, 192 S.
ISBN-10: 3822859087
ISBN-13: 978-3822859087

Josef Heinrich Darchinger
Wirtschaftswunder
Taschen Verlag; 2008, 288 S.
ISBN-10: 3836500191
ISBN-13: 978-3836500197

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