Daniela Berg: Begreifen, was nicht ist

Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
doch mit dem Tod der andern muß man leben.

Mascha Kalèko

Die Autorin dieses schmalen, gut 140 Seiten umfassenden Büchleins ist studierte Theologin und arbeitet u.a. als Supervisorin für ehrenamtliche Hospizbegleiter und als Trauerrednerin [vgl. hier ihre Webpräsenz: http://www.mediavitae.de]. Diesen fachlichen Hintergrund merkt man diesem Buch an, er tut ihm gut, sehr gut… denn das Thema des Buches ist eins der schwierigsten: bei der 15jährigen Tochter der Autorin, Marlene, wurde im Sommer 2012 ein Nierenkarzinom diagnostiziert, an dem das Mädchen Ende November desselben Jahres starb. Sie lebte die letzten Tage bis zu ihrem Tod zuhause, umhütet von der Familie, der Mutter Daniela, dem Vater Uwe und dem jüngeren Bruder Friedrich. So konnte sie Abschied nehmen von ihren Schulkameraden, von Bekannten und Verwandten und natürlich von ihrer Familie. Wie die Mutter es beschreibt, hat Marlene ihrem Tod weitgehend friedlich und bewusst entgegengesehen, hat den letzten Abschied von Vater und Mutter in eigener Regie vornehmen können. Dieser Abschnitt in Bergs Buch hat mich sehr bewegt…

Ist der Tod eines nahen, geliebten Menschen für jeden Hinterbliebenen ein Einschnitt im Leben, so ist der Tod eines Kindes für die Eltern die Katastrophe schlechthin. Die natürliche Ordnung ist aufgehoben, nichts mehr hat seine Richtigkeit, oder wie Grossman es in seinem Buch (aus dem auch Berg in ihrem Text ebenfalls zitiert) sagt: man fällt aus der Zeit mit diesem Tod [David Grossman:  Aus der Zeit fallen] und es ist sicherlich nicht falsch zu ergänzen: auch aus dem Raum, denn der Boden, auf dem das bisherige Leben stand, ist entzogen worden, ist nicht mehr da, eine Fallen in ein tiefes Loch scheint unaufhaltsam.

Nichts ist mehr so, wie es war. Der Verlust, die Trauer rollte wie eine schwarze Welle über die Hinterbliebenen hinweg. Es ist nicht nur der Verlust des Menschen, der zu beklagen ist, es ist auch der Verlust der Lebensplanung, die diesen Menschen, dieses Kind, mit eingeschlossen hatte, selbstverständlich von dessen Existenz ausging. Es ist der Verlust der eigenen Unbeschwertheit als Mutter (oder allgemein als Elternteil), mit der man sein Leben mit der Familie lebte: all das ist verschwunden, hat Platz machen müssen dem Zweifel, dem Schmerz, der Wut, der Verzweiflung, der Hoffnungslosigkeit, der Schwärze.

Daniela Berg schildert ihren Trauerprozess in Briefen und Mails, die sie in diesem Zeitraum von zwei Jahren an Freunde und Bekannte geschrieben hatte. Wobei festzuhalten ist, daß die Trauer nach dieser Zeit keineswegs vorbei ist, die Trauer um ein Kind dauerte ein Leben lang an, ein verstorbenes Kind gehört ein Leben lang zur Familie, auch wenn diese sich an den verwaisten Platz am Esstisch, im Auto oder sonstwo im Lauf der Zeit gewöhnt hat. Die Trauer, das Gefühl verändert sich, der Schmerz wird anders, man lernt als Betroffene/r, daß dieser Verlust fortan zum eigenen Leben dazu gehört.

Die Zeit zwischen Tod und Bestattung ist normalerweise eine aktive Zeit, in der man häufig abgelenkt ist, denn die Beerdigung muss organisiert werden, es kommen Menschen, um ihr Beileid zu bekunden und Abschied zu nehmen. Berg beschreibt diese Vorbereitungen der Bestattung, an der viele Menschen aktiv beteigt sind, beispielsweise beim Bemalen des Sarges – auch innen, damit Marlene auch etwas davon sieht – eine wunderschöne Idee. Nach der Beerdigung läßt diese Betriebsamkeit nach und in der freiwerdenden Zeit stürzt sich die  Trauer wie ein Monster aus dem Dunkeln auf die Seele.

Berg als – wie sie an einer Stelle schreibt – rational ausgerichteter Mensch kann ihre Gefühle in Worte bringen. Sie kann sie beschreiben, schildern, darlegen, Grossman in seiner Trauer um seinen Sohn [siehe vorstehender Link] ist ihr hierbei Leitbild. Sie kann sie analytisch reflektieren, was sie aber keineswegs davor schützt, ihrer Trauer in vielen Momenten ausgeliefert zu sein. Es fällt unendlich schwer, zu akzeptieren, daß der Verlust eines Menschen durch seinen Tod endgültig ist, diese „übermächtige Faktizität … ist zu absolut für unsere Vorstellung“, zitiert Berg  Connie Palmen [aus dem Logbuch eines unbarmherzigen Jahres].

Der Verlust des Kindes ist eine existenzbedrohende Wunde in der Seele der verwaisten Familie. Die Trauer ist der Schmerz dazu. Sie ist aber auch, dieser Gedanke kam mir während des Lesens von Bergs Briefen, der Weg zur Heilung der Seele – wenn man sie zuläßt. So übermächtig und umfassend sei anfangs auch erscheint, der Mensch lebt mit Verlusten, hat im Lauf seines Lebens gelernt, mit Verlusten (auch wenn sie natürlich weniger existentiell waren wie der Tod eines Kindes) umzugehen, Resilienz nennt man diese Fähigkeit, Krisen durch den Rückgriff auf eigene Resourcen zu bewältigen. Zwei Aussagen Bergs sind hier wichtig: zwar muss man Trauer zulassen und sie hat oft ihren eigenen Rhythmus, in den sie einen anfällt, doch muss man sich ihr nicht ausliefern, sondern man kann lernen, sie aktiv zu gestalten. Räumt man der Trauer einen Raum und/oder eine Zeit ein, gibt man ihr Rituale, in denen sie sich wiederfindet, so gewinnt man dadurch Zeit und Räume, die frei gehalten werden können von Trauer: das eigene Leben soll und muss weitergelebt werden, das Empfinden von Glücksmomenten, von Schönem, das Geniessen kleiner Freuden darf keine Schuldgefühl hervorrufen, es ist gut und im Sinne des/r Verstorbenen. Die zweite, damit zusammenhängede Aussage Bergs, auf die ich verweisen will, ist so formuliert: In vielen Gesprächen in den letzten Wochen meinte ich, dass sich Trauernde an irgendeinem Punkt entscheiden müssen, ob sie sich letztlich dem Leben oder dem Tod zuwenden wollen. … Ich werde leben und glücklich sein! So wie ich es dir, meine schöne starke Tochter, versprochen habe. …

Trauer braucht Zeit, sie ist ein Prozess, der bei jedem anders abläuft, ebenso gibt es kein falsches und kein richtiges Trauern, auch wenn die immer noch populären Phasenmodelle suggerieren, daß es erstens, zweitens, drittes ablaufen muss…. aber irgendwann war die Zeit da, daß die Eltern das Zimmer Marlenes, in dem sie sich die Monate vorher immer wieder mal zurückgezogen hatten, ausräumten und als Arbeitszimmer einrichteten: so waren sie viel öfter in dem alten Raum Marlenes. Für diese bauten sie (überhaupt haben sie sehr viel Handwerksarbeit gemacht, begreifen also im Sinne von angreifen, anpacken) einen Tisch, lackierten ihn und schmückten ihn wie einen kleinen Gedenkaltar mit Erinnerungsstücken und Bildern an Marlene.

Begreifen, was nicht ist beschreibt den Trauerweg der Mutter, der Vater Uwe ist nur selten präsent. Klar wird, daß beide Elternteile unterschiedlich trauern. Während die Mutter lange mit Erschöpfung, plötzlichem Weinen, verminderter Leistungsfähigkeit etc pp zu tun hat, tritt dies bei dem Mann offensichtlich nicht so auf, er scheint schon bald wieder in der Lage gewesen zu sein, seinen Alltag ’normal‘ zu leben – was in keinem Fall bedeutet, daß er nicht trauerte, er tat dies eben auf seine Art und Weise. Dieses Phänomen der unterschiedlichen Ausprägung der Trauer führt beim Tod eines Kindes häufig zu existentiellen Zerwürfnissen bei den Eltern („Jetzt hör doch endlich mal mit der Heulerei auf!“ vs „Du bist überhaupt nicht traurig, wie kannst du nur jetzt….“). Berg schildert, daß es wichtig ist, diese Entfernung, diese Weite zum Partner zuzulassen und zu akzeptieren, damit die Beziehung diese große Krise überstehen kann.

Bergs Buch enthält sehr viele, sehr wertvolle Zeilen. Es finden sich auf der rein ‚praktischen‘ Seite viele Anregungen zur Gestaltung eines Trauerweges (sei es der eigene, sei es als Helfer und Begleiter für andere), aber auch das Darlegen persönlicher Empfindungen und deren Reflexion ermöglicht das Wiederekennen für Betroffene und damit den Trost: das, was ich jetzt fühle, ist in dieser Situation normal, ich bin nicht allein damit, ich darf so fühlen, ich darf mich jetzt fallenlassen z.B. in meine Verzweiflung, ich darf diese Äußerung eines Bekannten jetzt doof und unpassend finden u.v.a. mehr….

Berg selbst hat sich auch bei anderen (Trauernden) gestärkt, in ihrem Buch finden sich viele trostspendende Zitate aus entsprechenden Büchern. Palmen und Grossman habe ich erwähnt, sie zitiert Rilke mit wunderbar sensiblen Worten, aber auch Herrndorf, Hesse und andere mehr. Auch Literatur ist also eine Ressource, auf die man zurückgreifen kann.

Begreifen, was nicht ist überstreicht einen Zeitraum von zwei Jahren. In dieser Zeit unternahm die Familie das, was ’normale‘ Familien auch machen: sie gingen ins Kino, sie fuhren in Urlaub, sie machten Besuche – zu dritt, Marlene in Gedanken immer dabei. Aber sie machten es, sie gewöhnten sich an den neuen Zustand; daß Friedrich, der verwaiste Bruder dieses normale Familienleben mit der Liebe der Eltern brauchte, besonders brauchte, war ein zusätzliches Motiv für die Mutter (und sicher auch den Vater), wieder in ein solches Familienleben zurückzufinden. Nach diesen zwei Jahren hatte sich die Trauer bei Mutter verändert, sie war stiller geworden, die aus dem Gleichgewicht gebrachte Seele hatte gelernt, mit dem Verlust umzugehen, ohne daß dies bedeutet, daß nicht doch noch Tränen flossen, wenn die Erinnerung übermächtig wurde. Wie bei dem Brief, den Daniela Berg an ihre Tochter schrieb, in dem sie die zwei Jahre und ihre Gefühle und deren Entwicklung in diesen zwei Jahren zusammenfasste und darüber berichtete. Das ‚Schwarz‘ hatte, das liest man im Brief, Flecken bekommen, weiße Flecken, die Mutter war wieder in der Lage, auch Gutes zu sehen: Ach, Marlenchen, ich bin immer noch überaus froh und dankbar, dass wir zu deinen Lebzeiten so gut voneinander Abschied nehmen konnten. Ich bin so dankbar, dass das überhaupt möglich war. … und so zählt die Mutter vor allem diese dankbaren Situationen auf, erwähnt und vergisst den Schmerz zwar nicht, aber dieses Positive hat mittlerweile seinen Platz in der Trauer gefunden, ermöglicht die Rückkehr zu einem (anders) glücklichen Leben.


Begreifen, was nicht ist [Webseite  zum Buch:  https://begreifenwasnichtist.wordpress.com bzw. Facebook-Seite: https://www.facebook.com/begreifenwasnichtist/] ragt aus der (mittlerweile) Fülle von Literatur, in denen verwaiste Eltern über ihr Schicksal reden und berichten, heraus. Es ist kein literarisches Werk wie die Bücher von Palmen oder auch Didion [die mir gerade in den Sinn kommt mit ihrem Blaue Stunden und dem Jahr des magischen Denkens], im Gegenteil zeigt sich in diesen Briefen die jeweilig aktuelle Situation der Autorin, die dieser zudem nicht nur ausgesetzt ist, sondern die sie reflektierend begleiten kann – bei allem Schmerz und aller Traurigkeit. So hat mich dieses Buch einerseits selbst sehr aufgewühlt, andererseits habe ich viel Gewinn aus ihm gezogen. So wünsche ich ihm weite Verbreitung und würde mich sehr freuen, wenn meine Beschreibung des Büchleins dabei helfen würde.

Einen einzigen Vorschlag habe ich an die Autorin, falls – was schön wäre – eine weitere Auflage des Textes erfolgen müsste: eine kurze Zusammenstellung nämlich, in welcher Beziehung man zu den einzelnen Adressaten der Briefe bzw. Mails steht/stand. Nicht immer geht es aus dem Text hervor, mir hätte es die im Hinterkopf schwärende Frage: „wer ist denn das jetzt?“ erspart. Es muss selbstverständlich keine Biografie sein, aber ob es ein Verwandter, ein Arbeitskollege oder ein Schulfreund ist, das zu wissen, fände ich hilfreich.

Daniela Berg
Begreifen, was nicht ist
diese Ausgabe: edition winterwork, Softcover, ca. 155 S., 2017; mit vielen Abbildungen

Weitere Bücher, die die Trauer um den Tod der eigenen Kinder beschreiben und die ich auf diesem Blog schon vorgestellt habe:

Monica Wesolowska: Aus Liebe loslassen
Christel und Isabell Zachert: Wir treffen uns wieder in meinem Paradies
Joan Didion: Blaue Stunden
Barbara Pachl-Eberhart: Vier minus drei
Dona Kujacinski: Unser Kind ist tot
David Grossman: Aus der Zeit fallen

Weitere Buchvorstellungen zum Themenkreis „Krankheit, Sterben, Tod, Trauer“ finden sich hier:

https://mynfs.wordpress.com/autorenverzeichnis/

Kurzlink zum Beitrag: https://wp.me/paXPe-9VQ

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