Monica Wesolowska: Aus Liebe loslassen

23. März 2014

Monica Wesolowska ist Autorin und Dozentin in Berkeley, Californien. Verheiratet ist sie mit David, einem Juden, sie selbst stammt aus einem katholischen Elternhaus, hat ihre religiöse Überzeugung aber, wie sie sagt, abgelegt. Ihr Kinderwunsch wird virulent, nachdem der Arzt sie darauf aufmerksam macht, daß sie mit ihren 36 Jahren langsam in ein Alter kommt, in dem das Risiko bei Schwangerschaften steigt.

Die Schwangerschaft verläuft normal, die Geburt findet in einem Krankenhaus statt. Nicht normal ist, daß die Mutter das Baby nicht sofort bekommt, sondern daß es weggebracht wird. Das Verhalten des Säuglings ist ein wenig auffällig, er maunzte wie ein Kätzchen, piepte wie ein Vogel, das, was für die Mutter in ihrem Glück und ihrer Müdigkeit „süße, kleine, sich windende Fäuste waren„, waren in Wirklichkeit Krampfanfälle…. Silvan wird bald in die Neonatal Intensive Care Unit verlegt.

Nach und nach tritt in den nächsten Tagen das ganze Unglück ans Licht. Durch eine nicht festzustellende Ursache ist während der Geburt eine Sauerstoffunterversorgung bei Silvan eingetreten. Dadurch sind Hirnzellen abgestorben und durch Folgeprozesse wird das gesamte Hirn des Säuglings irreparabel und irreversibel geschädigt. Nur das Stammhirn scheint noch zu funktionieren. Wie sich diese Schädigung im täglichen Leben genau auswirken wird, kann niemand sagen, sicher ist nur, daß Silvan, so lange er leben wird, immer ein Schwerstpflegefall sein wird, der ohne Hilfe und Betreuung nicht lebensfähig sein wird, er wird auf immer von Apparaten abhängig sein. Ob er fähig sein wird, mit seiner Umwelt zu kommunizieren, ist sehr fraglich.

Der Gedanke, was für ein Leben wird dies sein, ob dies überhaupt ein Leben ist, taucht auf und auch der Gedanke, Silvan sterben zu lassen, ihm dies nicht zuzumuten: „Aber was ist, wenn wir es jetzt für falsch halten, ihn weiter zu retten?“ fragt David den Arzt, der den Eltern die Situation erklärt und die Mutter fragt: „… Gibt es keine andere Möglichkeit, ihn sterben zu lassen?“ Also sagt er es uns.

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Mit den Fortschritten der Apparatemedizin ist der „natürliche“ Tod zurückgedrängt worden. Zustände, in und an denen Menschen in früheren Jahrhunderten (manchmal qualvoll) gestorben sind, sind heutzutage von der Medizin häufig beherrschbar geworden, so daß sie – zumindest kurzfristig – nicht mehr zum Tod führen. Ob der Zustand des so verlängerten Lebens immer ein Gewinn für den Betreffenden und seine Angehörigen darstellt, ist eine Frage, in der ethische, moralische, religiöse und natürlich ganz persönliche Gesichtspunkte mit einfließen. Die Grenzen dafür, was erlaubt und verboten ist, was gesellschaftlich akzeptiert wird, setzt der Gesetzgeber durch seine Gesetze. In den USA war der Fall der jungen Karen Ann Quinlan [2] von Bedeutung. Ob bei ihr, die schon länger im Koma lag, nach Ausfall eines Beatmungsgerätes Hirntod eingetreten war, war strittig, das EEG zeigte praktisch jedenfalls kaum noch eine Aktivität. In einem spektakulären Prozess konnten die Eltern jedoch gegen vielfachen Widerstand gerichtlich durchsetzen, die lebensverlängernden Massnahmen einzustellen. Diese Entscheidung des Gerichts eröffnete für ähnlich gelagerte Fälle die Möglichkeit, die Betroffenen mittels passiver Sterbehilfe eines „natürlichen“ Todes sterben zu lassen.

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Monica und David Wesolowska bekommen vom Arzt erklärt, was dieser „natürliche“ Tod für ein Baby wie Silvan bedeuten kann. Es ist grausam. Wenn man von allen möglichen Komplikationen durch die Hirnschädigung (Krampfanfälle, Atmung, Komplikationen bei der Nahrungsverabreichung etc pp) absieht, bedeutet es schlicht und einfach, das Kind verhungern lassen, denn Silvan war nicht fähig, Nahrung auf natürliche Weise aufzunehmen. Aber ein Säugling hat viele Fettreserven. „…. Dr. A. warnte uns allerdings: „… kann es sehr lange dauern. “ – „Wie lange?“ fragt David – Dr. A. ist sich nicht sicher. „Es könnten Wochen sein. Wenn Sie sich entschließen, diesen Weg zu gehen, werden wir natürlich dafür sorgen, dass er sich wohlfühlt. Wir werden ihm Morphium geben und auch Gleitmittel für die Augen und Lippen….“

Die Eltern entscheiden sich dafür, die lebenserhaltenden Massnahmen bei Silvan einzustellen. Ihre Entscheidung wird im Verwandten- und Bekanntenkreis akzeptiert bzw. unterstützt, dies ist eine große Hilfe für die beiden. Kritisch wird es noch einmal, als Silvan einen Saugreflex zeigt. Diese „Zustandsänderung“ führt den behandelnden Arzt dazu, den Fall vor eine Ethikkommmission zu bringen, aber auch hier wird die Situation eindeutig beurteilt und die Entscheidung der Eltern gebilligt. Silvan bleibt noch ein paar Wochen im Krankenhaus, bevor seine Eltern ihn nach Hause nehmen. Dort stirbt er, 38 Tage alt, am 4. Juni in den Armen seiner Mutter, so wie sie es sich gewünscht hatte.

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Soweit die dürren Fakten, hinter denen sich ein kaum zu ermessendes Schicksal verbirgt. Silvan ist für seine Mutter ein Geschenk, sie liebt ihn über alles, ist stolz auf ihn, es ist diese unbedingte Mutterliebe, wie Fromm sie be- und umschreibt [3]: Silvan wird geliebt, einfach weil er da ist. Die Auffälligkeiten des Sohnes übersieht die Mutter, sie deutet sie um, sie verdrängt auch, daß ihr Sohn sich nicht normal verhält, sie verdrängt es solange, bis die Realität diese Schutzmauer vor der Seele durchbricht. Hinter dieser Schutzmauer ist sie nackt und wehrlos… eine junge Neurologin versucht, ihr die Diagnose des kleinen Silvan hinter Fachausdrücken versteckt zu vermitteln, aber diese Ärztin ist gehemmt und unsicher, völlig ungeeignet zur Überbringung solch einer desaströsen Nachricht. Erst bei einem schon etwas älteren Arzt kehrt wieder Sicherheit ein, da bei diesem auch emotionale Anteilnahme zu spüren ist und sie sich als Eltern ernst genommen fühlen. Im Gespräch mit diesem Arzt entsteht der Entschluss, Silvan ein weiteres Leiden möglichst zu ersparen, er, der ohne Wiederbelebung schon nach der Geburt gestorben wäre, soll nicht mehr mit Gewalt am Leben gehalten werden.

Monica Weselowska kennt den Tod, ihr Vater ist früh an Krebs gestorben, er hatte, wenn man so sagen kann, einen „guten“ Tod. Ihr Bruder hat sich – psychisch krank – suizidiert, auch den Tod von Freundinnen und Haustieren kennt sie: so jung sie noch ist, so hat sie doch schon viel Trauer erleiden müssen…

Männer und Frauen trauern anders, dies zeigt sich auch hier. Die beiden Eheleute geben sich das Versprechen, daß ihre Ehe an diesem Schicksal nicht nicht scheitert… ein anderes, kurzzeitiges Problem: Silvan ist nicht getauft, die Oma redet von Hölle für die Seele… eine Nottaufe, aber da ruft der Vater: „Silvan ist Jude!“ (ungeachtet dessen, daß er unbeschnitten ist und von einer katholischen Mutter geboren wurde…)…

Jetzt endlich, wo wir unsere Entscheidung getroffen haben,
ist Zeit, Silvan einfach zu bemuttern.“

Silvan ist neun Tage alt, als die Schläuche aus seinem Körper entfernt werden.

Er bleibt von Anfällen und ähnlichem verschont, eine „Komplikation“ tritt ein, als er einen Saugreflex zeigt. Der Arzt, der ihn jetzt betreut und der bei weitem nicht das empathische Einfühlungsvermögen das alten Arztes hatte, besteht darauf, aufgrund dieser „Statusänderung“ die Ethikkommission des Krankenhauses mit dem Fall zu befassen. Aber auch diese billigt und unterstützt nach Beratung die Entscheidung der Eltern.

Noch immer liegt Silvan im Krankenhaus, doch da dies medizinisch nicht mehr notwendig ist, wird er nach Hause entlassen. Es ist ein Leben, daß sich nur um das langsame Sterben des Kindes dreht. Und es ist ein langsames Sterben, das Herz Silvans ist stark und es schlägt und schlägt. Ebenso langsam bauen sich die Depots und Reserven des Säuglings ab, bis sich dann die Haut immer mehr über die zarten Knochen spannt. Krampfanfälle treten auf, die Schleimhäute werden trocken und rissig, ab und zu stößt er Schreie aus. Manchmal scheint er mit den Augen dem Finger zu folgen, der sich vor seinem Gesicht bewegt. Doch wird der Finger weggenommen, bewegen sich die Augen weiter…

Nach 38 Tagen stellen die Organe ihr Arbeit ein, Silvan stirbt ganz leise auf dem Arm der Mutter. Damit ist ein quälendes Leiden zu Ende gegangen, es ist aber auch von einem Moment zu anderen der Lebensmittelpunkt der Eltern verschwunden, denn Silvan hatte deren Leben zur Gänze bestimmt. Und im Grunde hört dies mit seinem Tod nicht auf: die beiden Eltern bekommen noch zwei Söhne, gesunde, muntere Kerle, die im Hintergrund immer den übermächtigen Schatten des verstorbenen älteren Bruders spüren….

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„Aus Liebe loslassen“ ist kein einfaches Buch, das ist eine triviale Feststellung. Als Eltern zu realisieren, daß das neugeborene Kind so schwer krank ist, daß es nie ein auch nur halbwegs akzeptables Leben mit Glücksmomenten führen kann, ist das eine. Die Entscheidung zu treffen, daß es besser ist, dieses Kind sterben zu lassen, das andere. Und daß die gesetzlichen Rahmenbedingungen im Grunde noch nicht einmal ein „sterben lassen“ erlauben, sondern nur ein „verrecken lassen“ (anders kann ich das nicht bezeichnen), kommt noch hinzu….

Wieder im Krankenhaus, bin ich fassungslos, wie viel bezaubernder er in natura ist als in irgendeiner Vorstellung, die ich im Gedächtnis behalten kann. Seinen Haut ruft mir zu, ich solle sie streicheln. Dein Kopf muss beschnuppert werden. Als er pinkelt, staune ich. Ich kann nicht umhin, stolz zu sein. auf seine langen Knochen. Auf seine langen Wimpern. Wir sagen, dass wir bereit sind.

Für Monica Weselowska ist dieses Buch auch ein Akt der Befreiung, der Aufarbeitung. Da sie schriftstellerisch geschult ist, kann sie ihre Gedanken, Gefühle gut in Worte verpacken und vermitteln. Sie ist sie sehr ehrlich, sie verschweigt weder ihre negativen noch ihre positiven Gefühle, kann diese aber zusätzlich noch analysieren. Wenn sie sich bei einem Arztgespräch z.B unwohl fühlt, kann sie sagen, woran dies liegt, was sie vermisst und gebraucht hätte: Ehrlichkeit und Empathie meistens. Natürlich gibt es Ängste, große Ängste, immer wieder das Suchen nach Anzeichen, daß doch „Leben“ zu finden ist bei ihrem Sohn. Die Glücksmomente auch, die sie als Mutter empfindet, wenn sie ihr Kind, auf das sie stolz ist, anschaut. Die Frage nach „Schuld“ steht im Raum, Vergangenes wird wieder wach, der Suizid des Bruders, der frühe Tod des Vaters, der der Freundin….

Die Autorin ist eine gute Beobachterin, auch ihrer selbst, deswegen ist das Buch und sind ihre Schilderungen lehrreich. Was tut ihr gut, welches Verhalten stützt sie und gibt Kraft, was empfindet sie als Belastung, worüber empört sie sich? Welches sind die Momente, in denen sie von Glück durchströmt wird, welche die, in denen sie von Verzweiflung gepackt ist?

Inwieweit das Kind, Silvan, leidet, ist nicht erkennbar. Eine auch nur rudimentäre Kommunikation mit ihm ist nicht möglich. Zwar versuchen die Eltern, sein Verhalten, seine Reaktionen auf äußere Reize zu interpretieren, aber ob solche Deutungen richtig sind, ist immer mit Unsicherheit behaftet. Das Leid der Eltern, Großeltern etc dagegen ist nicht zu verkennen….

Die Geschichte Silvans und seiner Eltern (und der anderen Betroffenen) ist beim Lesen nicht nachvollziehbar, es ist zu erschütternd, was dort geschieht. Wir alle kennen Abbildungen von Menschen, die vor dem Verhungern stehen, abgemagert bis auf die Knochen, von straffer Haut überspannt. Und dies bei einem Baby, bei dem man runde Bäckchen vor Augen hat, kleine Fäuste, ein Bäuchlein und strampelnde Beinchen und Ärmchen… es sind diese Situationen, in denen es (mir) schwerfällt, eine absolute Ablehnung von Sterbehilfe zu akzeptieren. Heutzutage, wo immer klarer wird, daß der Unterschied zwischen Tier und Mensch zwar groß sein mag, er aber nicht prinzipieller, sondern nur gradueller Natur ist, sollte man auch dem Menschen in ausweglosen Situationen die Gnade zu kommen lassen, die wir für jedes Tier in einer solchen Lage hätten…

Links und Anmerkungen:

[1] Homepage der Autorin: http://monicawesolowska.com
[2] vgl. z.b. hier: Wenn der Tod nicht schneller ist, http://www.zeit.de/1975/46/wenn-der-tod-nicht-schneller-ist/komplettansicht
– Karen Ann Quinlan, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13515248.html
– in der Wiki: http://en.wikipedia.org/wiki/Karen_Ann_Quinlan
– und (etwas makaber) die „Top 10 Comas“ in der Time: http://content.time.com/time/specials/packages/article/0,28804,1864940_1864939_1864909,00.html
[3] Erich Fromm: Die Kunst des Liebens; https://radiergummi.wordpress.com/2011/07/17/erich-fromm-die-kunst-des-liebens/

Mehr Bücher zum Thema „Tod, Sterben, Krankheit“ in meinem Themenblog:  http://mynfs.wordpress.com/autorenverzeichnis/

Die Autorin bei einer Lesung:

Monica Wesolowska
Aus Liebe loslassen
Das kurze Leben meines kleinen Sohnes
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Thomas Bertram
Originalausgabe: Holding Silvan – A Brief Life, Hawthornebooks, 2013
diese Ausgabe: Patmos-Verlag, HC, 190 S., 2014

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Rezensionsexemplars

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One Response to “Monica Wesolowska: Aus Liebe loslassen”


  1. Eine sehr interessante Buchvorstellung. Ich hab gerade beim lesen Deines Beitrages schon die Luft angehalten. Kann mir vorstellen das man dieses Buch erst einmal verkraften muss …
    Ich werde es mir mal auf die Merkliste setzen.
    LG Ela

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