Fuminori Nakamura: Die Maske

Dem 1977 geborenen japanischen Schriftsteller Fuminori Nakamura ist mit seinem ersten auf deutsch erschienen Roman Der Dieb [Fuminori Nakamura: Der Dieb] ein fulminanter Einstieg in die hiesige Literaturszene gelungen, ein – wie ich seinerzeit empfand – Roman, der auf faszinierende Art ‚abweisende Kälte und depressive Einsamkeit‘ verströmte. Beides findet sich auch im vorliegenden Roman Nakamuras, Die Maske, wieder. Das Buch- um etwas zum Äußeren zu sagen – ziert ein imponierendes Portraits eines Weißkopfseeadlers… wieso der Verlag jedoch für einen ausschließlich in Japan spielenden Roman  auf das Bild eines in Amerika heimischen Greifs [vgl. z.B. hier:  https://de.wikipedia.org/wiki/Weißkopfseeadler] zurückgriff, hat sich – bei aller Schönheit des Bildes – mir leider nicht erschlossen. Egal, man wird sich bei der Gestaltung schon etwas dabei gedacht haben, möglicherweise sollte es ja auch ’nur‘ ein Augenfang sein…


Wie schon angedeutet, ist Die Maske ein düsteres Werk, in dessen Mittelpunkt die Figur des Fumihiro Kuki steht. Fumihiro war ein spätgeborenes Kind, seine Geschwister waren schon erwachsen und ausser Haus, seine Mutter ist tot und der Vater, Oberhaupt eines weitverzweigten, einflussreichen Industrieimperiums, ein schon älterer, dem Alkohol ergebener Mann ohne jegliche Empathie für seine Mitmenschen. Als Fumihiro elf Jahre alt war , rief der Vater ihn zu sich und klärte ihn über eine Familientradition auf. Dieser Tradition nach war jeweils ein spätgeborenes Kind gezeugt worden, um ein „Geschwür“ zu sein, um das Böse in die Welt zu bringen. Bald werde er, der Vater, ihm die Hölle zeigen und entsprechend seines Schicksals erziehen. Gleichzeitig holte der Vater ein Waisenmädchen ins Haus, die kleine Kaori, die dann auch adoptiert wurde.

Zwischen den beiden Kindern entstand im Lauf der Zeit eine enge Bindung, für beide war der jeweilig andere der einzige Mensch, auf den sie ihr Bedürfnis nach Wärme, Zärtlichkeit und Liebe richten konnten. Als Fumihori dann eines Tages beobachtete, daß sein Vater sich an Kaori vergeht, ahnte er, was sein Vater mit der „Hölle“ gemeint hat und in ihm reifte der Plan, seinen Vater zu töten, für ihn schien es die einzige Möglichkeit, die über alles geliebte Kaori zu retten. Fumihori war zu diesem Zeitpunkt vierzehn Jahre alt.

Es kam zur Tat, aber vorher prophezeite der Vater seinem Sohn, daß das Töten eines Menschen den Täter verändert zurückläßt, ihn sein Leben lang verfolgen und ihn mit Gewissensbissen und Schuldgefühlen plagen wird. Es ist eine Art „innerer Hölle“, in die ein Mörder sich durch seine Tat begeben hat, in gewisser Weise erreichte der Vater damit auch sein Ziel, den Jungen zum Bösen zu bringen.

Der Missbrauch durch den Vater hat die enge Beziehung der beiden Kinder zerstört, die entfremdeten sich, gingen dann auch auf verschiedene Schulen. Ebenfalls bewahrheitete sich die Prophezeiung des Vaters, Fumihori wurde krank an Leib und Seele, veränderte sich, magerte ab und sein Gesicht wurde dem des Vaters immer ähnlicher…

Wir treffen ihn Jahre später als jungen Mann wieder, der – wenn man so will – eine besondere Art von Maske trägt: er hat sich ein anderes Gesicht, das Gesicht eines Toten, modellieren lassen, um so der Existenz als Fumihori Kuki und damit seinem Schicksal zu entkommen. Und er engagiert einen Detektiv mit zwei Aufträgen: das Leben des vormaligen Gesichtsträgers zu recherchieren und Kaori, die er immer noch liebt, zu finden…

Aus dieser Konstellation heraus entwickelt Nakamura den Hauptteil der Handlung des Romans. Das Verstecken Fumihoris hinter seinem neuen Gesicht gelingt zwar an der Oberfläche, da ihn jetzt keiner mehr erkennt, aber sein neues Gesicht, bzw. dessen Träger, hat natürlich auch eine Vergangenheit, die ihn, Fumihori alias Shintani, jetzt einholt. Und genauso ist der ‚innere‘ Fumihori mit seinen Bedürfnissen, mit seinen Sehnsüchten, seinen Ängsten nicht verschwunden…  Insobesondere lebt seine Liebe zu Kaori wieder auf, nachdem der Detektiv sie, die jetzt als Hostess arbeitet, gefunden hat. Aber nichts ist einfach und Kaori – die davon nichts ahnt – ist, wie sich herausstellt, Spielball unterschiedlichster Interessen. So stellt der Autor seinen Protagonisten immer wieder vor die Notwendigkeit der Entscheidung zwischen zwei Leben, nämlich dem Kaoris und dem von Menschen, die deren Leben bedrohen.

Fumihori kann seinem Schicksal also vorerst nich entrinnen. Die vom Vater seinerzeit prophezeite Hölle ist in ihm, seine Bemühungen, ihr zu entkommen, sind gescheitert. Obwohl äußerlich jetzt Shintani ist er den Klauen des Kuki-Clans nicht entkommen und erst als er diese Verbindungen endgültig lösen kann, eröffnet sich ihm endlich die Chance, Frieden zu finden und vielleicht sogar so etwas wie Liebe zu empfinden.


Die Maske ist ein faszinierender, aber auch irritierender weil extremer Roman. Allein die Idee, daß Kinder gezeugt werden einzig und allein zu dem Zweck, böse (oder wie so bildmalerisch formuliert: ein ‚Geschwür‘ an und in der Gesellschaft) zu sein, verstört, da sie gegen alle Instinkte ’normaler‘ Menschen verstößt, jegliche Moral mit Füßen tritt. Die Menschen, die ihr folgen (im Roman der Vater und später dann ein Bruder) sind selbst Produkte eines Lebens ohne Liebe, ohne menschliche Wärme, ein Leben, in dem Brutalität und der Tod prägend waren. Ob dies allein zur Erklärung ausreicht, habe ich meine Zweifel. Möglicherweise versteckt sich auch eine Kritik an der Gesellschaft hinter dieser Idee Nakamuras, die in einer zweiten Schiene noch einmal auftaucht, in der Lobpreisung des Krieges, der Waffen als Motor der Wirtschaft und Quelle unendlichen Reichtums: Waffen sind Verbrauchsmaterial in diesem Weltbild… sicherlich läßt sich auch die Rolle der etwas willkürlich erscheinenden und den an sich konsistenten Rahmen der Handlung sprengenden anarchischen Terrorgruppe ‚JL‘ in einem solchen Kontext interpretieren.

Der Roman führt neben den Hauptpersonen noch einige andere interessante Figuren in die Geschichte ein. Da wäre zuvörderst der Kommissar Aida zu nennen, der immer einem lange zurückliegenden Verdacht gegen Shintani nachgeht, aber auch der Detektiv, den Fumihori/Shintani engagiert oder Kyōko, eine Frau, die der Protagonist in seiner Einsamkeit und dem sich Verzehren nach Kaori näher kennen lernt. Dies sind jedoch eher konventionell komponierte Figuren des Romans, während die grundlegende Idee des Buches die der Verachtung ist, so wie sie diese seltsame Terrorgruppe formuliert, die sich selbst …als Verkörperung dieses millionenfachen, unbewussten Verlangens nach Verachtung… sieht, eine Verachtung, die im Extremen von den kriegssüchtigen Oberhäuptern des Kuki-Clans gelebt wird. Wenn Fumihori, der dem allen entkommen will, die ‚Philosphie‘ dieses Clans, der auf kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Staaten als gewinnsteigerndes Geschäft hin arbeitet, erläutert bekommt, dann schleicht sich beim Lesen die ungute Assoziation ein, daß dies wohl gar nicht so weit von der Realität entfernt ist… [das als Beispiel die Amerikaner ihren sowieso schon riesigen ‚Verteidigungs’haushalt [vgl. z.B. hier:  https://de.statista.com/statistik/…militaerausgaben/] noch einmal aufstocken [vgl. z.B. hier: http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-12/trump-militaer-ausgaben-sicherheitsstrategie] passt da gut ins Bild, aber auch andere Staaten sind bei der Erhöhung ihres Militärhaushalts nicht zögerlich: Japan [z.B. http://www.handelsblatt.com/politik/international/haushalt-2016-japan-will-militaerausgaben-deutlich-steigern/12763098.html], China [z.B. https://www.heise.de/tp/features/China-erhoeht-Verteidigungsbudget-um-8-1-Prozent-3986964.html] und die Forderung Trumps an die Europäer, ihre Verteidigungsausgaben zu erhöhen, sind wohl jedem bekannt.]

Neben dieser Frage ‚globalen Ausmasses‘ ist natürlich auch ein nicht lösbares Dilemma auf persönlicher Ebene ein Thema des Romans: ist es moralisch gerechtfertigt – und wenn, unter welchen Umständen – einen Menschen zu töten, um einen (oder mehrere) andere/n zu retten? Dies ist eine der Fragen, auf die es keine ‚richtige‘ Antwort gibt, jede theoretisch gegebene Antwort läßt sich mit Gegenargumenten aushebeln. In der Realität kann es aber – und in Die Maske ist dies mehrfach so – zu Situationen kommen, in denen eine Entscheidung unausweichlich ist, weil sie von den äußeren Bedingungen diktiert wird. Selbst eine passive Einstellung, d.h. die Verweigerung einer Entscheidung, ist selbst eine Entscheidung, die die Situation in eine bestimmte Richtung auflöst.


Nakamuras Roman jedenfalls hat meine hohen Erwartungen an ihn nicht enttäuscht. Er strahlt – wie viele japanische Romane – diese faszinierende Kälte aus, zeigt diese unnahbare Oberfläche, hinter bzw. unter der sich menschliche Dramen abspielen, die nur selten offengelegt werden. Die Figuren sind eingesponnen in ein Netzwerk ihnen oft unbekannter Strippenzieher im Hintergrund, die ihre eigenen Ziele verfolgen und denen das Schicksal der Menschen (und im Extremfall wie in Die Maske letztlich sogar ihr eigenes) egal ist. So ist Die Maske ein ‚pageturner‘, den ich kaum aus der Hand gelegt habe, geheimnisvoll, exotisch, spannend, aber auch Mitgefühl mit dem Protagonisten erregend, ein Roman, der ohne Einschränkung empfohlen werden kann.

Fuminori Nakamura
Die Maske
Übersetzt aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg
Originalausgabe: aku to kamen no ruru, Tokio, 2010
diese Ausgabe: Diogenes, HC, ca. 350 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Der Kurzlink zum Beitrag: https://wp.me/paXPe-9V7

Advertisements

2 Kommentare zu „Fuminori Nakamura: Die Maske

... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s