Dona Kujacinski: Unser Kind ist tot

5. Januar 2015

Der Tod eines geliebten Menschen ist mit die größte Verlusterfahrung, die man erleiden kann, mithin kann auch die damit einhergehende Trauer und Trauererfahrung extrem sein. Da der Tod aber zum Leben gehört, solche Trauer also praktisch jedem im Laufe seines Lebens widerfährt, hat der Mensch Mechanismen entwickelt, diese Trauer zu überwinden und die Verlusterfahrung, seien es nun die über gute Freunde, Verwandte, die Eltern, die Geschwister oder auch die Lebenspartner, in sein Leben zu integrieren.

Der Verlust eines Kindes geht darüber hinaus. Stirbt das eigene Kind, so stirbt nicht einfach ein Mensch, sondern ein Teil von einem selbst. Dieser Tod stellt die natürliche Ordnung auf den Kopf, er reisst eine große Wunde in die Seele der Eltern, eine Wunde, die lange Zeit braucht, um zu vernarben und diese Narbe bleibt ein Leben lang sichtbar bzw. spürbar. Kinder sind ein Leben lang Kinder, dies ist keine Sache der Lebensalters: ob ein Kind im Erwachsenenalter stirbt oder als „Kind“, für die Eltern zählt dieser Unterschied nicht.  Mit dem Tod des eigenen Kindes ändert sich das Leben von Müttern und Vätern, wieder zurück zu finden in ein „normales“ Leben, das Farben trägt und positive Gefühle zuläßt, dauert lange und kann sehr schwierig sein.

Zu dieser Grundtrauer können noch eine Menge „Komplikationen“ hinzu kommen: Männer und Frauen, Väter und Mütter, trauern unterschiedlich: es kann zu Streit und Verständnislosigkeit kommen, unterschwellige Eheprobleme können so manifest werden oder sich bis hin zu Trennungen entwickeln; die verminderte geistige und körperliche (Schlaf- und/oder Essprobleme) Leistungsfähigkeit kann zu Schwierigkeiten an der Arbeitsstelle führen, die Fixierung auf die eigene Trauer kann dazu führen, daß andere Kinder (die ja auch eine große eigene Trauer durchleben) vernachlässigt werden; Unverständnis der Umgebung („Nu ist aber mal genug nach einem Jahr!„) kann den Trauernden in eine Isolation treiben; ja, die anscheinende Hoffnungslosigkeit und Endgültigkeit der (gesamten) Situation kann zu suizidalen Gedanken führen: das Leben hat seinen Sinn verloren…

So wie der Verlust individuell ist, ist es auch die Trauer: jeder Mensch trauert anders. Natürlich heißt dies nicht, daß nicht in jeder Trauer auch die Grundgefühle auftreten können (nicht müssen!) wie Einsamkeit, die unendliche Traurigkeit, das Gefühl der Verlassenheit, Wut auch und Ärger und Zorn bis hin zum Hass, Niedergeschlagenheit und Depression, aber diese Gefühle richten sich nicht nach einem Fahrplan. Die Trauerphasen, die vor einigen Jahren in diversen Modellen kursierten, gibt es so nicht, von dieser Vorstellung sollte man sich lösen. Sicherlich ist es bei jedem (nicht in eine Krankheit mündenden) Trauerprozess so, daß der/die Trauernde nach einer gewissen, individuell höchst verschiedenen Zeit gelernt hat, mit dem Verlust zu leben. Es gibt also sozusagen ein Stadium, auf das hin der Trauerprozess laufen sollte. Aber innerhalb dieses Prozesses kann alles geschehen, auf gute Tage können innerhalb von Momenten schlechte Perioden folgen, Wut und Zorn z. b. können wieder durchbrechen, obwohl man den Phasen nach dies eigentlich schon hinter sich gelassen hat. Es gibt also kein richtiges und kein falsches Trauern, weil es kein Mustertrauern gibt. Selbst ein Gefühl der Erleichterung „Endlich ist es vorbei!“ ist  absolut in Ordnung.

Wenn es so einen Masterplan für Trauer nicht gibt und der Verlust eines Kindes sowieso die persönliche Katastrophe schlechthin ist, was kann den Betroffenen helfen? Auch das ist natürlich sehr individuell. Dem einen tut es gut, sich auszuklinken und sich für ein, zwei Wochen in ein Kloster zu begeben, um seine Gedanken und Gefühle zu ordnen, dem anderen geben Arbeit und Beschäftigung Halt und Ablenkung. Der eine möchte über sein Unglück reden, der andere nicht….

Was in den allermeisten Fällen eine Hilfe ist, ist zu wissen, daß man nicht allein ist, daß andere Menschen ähnliche Schicksale erlitten haben, erleiden, und sich dann anzuschauen, wie diese ihr Schicksal tragen und damit fertig werden. An diesem Punkt setzt das Buch „Unser Kind ist tot“ ein.


 

unser-kind-cover

Dona Kujacinsk hat in ihrem Buch Schicksale von insgesamt 13 Familien aufgezeichnet, in denen ein Kind gestorben ist. Es sind sehr unterschiedliche Situationen, die aufgetreten sind, Unfalltode, Todesfälle durch Krankheiten und Suizid, ein Kind war Opfer eines Amokereignisses, auch die Eltern der vor wenigen Jahren auf der Gorch Fock zu Tode gekommenen Kadettin kommen zu Wort, ebenso die eines in Afghanistan gefallenen Soldaten. Ein großer Teil der Schicksale liegt noch nicht so lang zurück, in zwei Familien liegt der Tod des Kindes aber auch schon Jahrzehnte zurück.

Die Autorin gibt den Eltern viel Raum und Zeit für die Darstellung ihrer Gefühle und Erinnerungen, wobei es aber (leider) nicht klar ist, wie dies zustande gekommen ist, ob sie Interviews mit den Betroffenen geführt hat oder ob es „freie“ Gespräche waren, die sie aufzeichnete. Bei allen Fällen wird jedoch, ungeachtet der ansonsten durchaus vorhandenen Unterschiedlichkeit, deutlich, wie sehr der jeweilige Todesfall die Eltern aus Raum und Zeit geschleudert hat. Viele der Eltern (wobei diese Benennung eigentlich nicht zutrifft, da meistens die Mütter reden und wiedergegeben werden, weniger die Väter) berichten, daß sie von der Zeitspanne unmittelbar nachdem sie vom Tod des Kindes erfahren hatten, praktisch keine Erinnerung mehr haben, daß sie eher wie Automaten funktioniert haben und das, was gemacht werden musste, gemacht haben. Manchmal wurden Beruhigungstabletten eingenommen, das war aber nicht die Regel. Auch nach diesem ersten Schockmoment kehrte das Leben keineswegs in die normalen Bahnen zurück, für praktisch alle stellte es sich wie mit einen grauen Schleier verborgen dar, die positiven Gefühle wie Freude oder Glück gab es nicht mehr. Die Tatsache, daß die Sonne scheint, wurde zur rein kognitiven Aussage ohne eine emotionale Ebene.

Ob Gespräche mit Bekannten oder auch Therapeuten hilfreich waren, kann nicht verallgemeinert werden, hier sind die individuellen Unterschiede groß. Für den einen ist es hilfreich, in Gesprächskreisen sein Leid unter Gleichleidenden zu schildern, andere dagegen ertragen es nicht, auch noch mit dem Leid anderer konfrontiert zu werden.

So wenig eine Antwort  gegeben werden kann, so ist die Frage nach dem „Warum“ doch immer da, auch wenn es manchmal nur im Hintergrund ist. Teilweise wird sie auch mit einer Schuldfrage gekoppelt und zeitlich nach vorne projeziert: hätte ich damals nicht so und so handeln müssen? Die Rückbesinnung auf Gott ist bei den meisten nicht hilfreich, es herrscht eher Enttäuschung: auch in dieser existentiell bedrohenden Situation antwortet er nicht, kann er einen Sinn nicht geben.

Wenn das Leben mit dem sterbenden oder todkranken Kind eine große Belastung ist, kann die erste Reaktion auf den Tod auch Erleichterung sein, auch das ist selbstverständlich berechtigt und in Ordnung. Kujacinsk schildert dies in dem sehr tragischen und anrührenden Schicksal der schwer magersüchtigen Jacqueline, die sich suizidiert, weil sie trotz der aufoperungsvollen Pflege durch die Mutter und auch (oder gerade deswegen) intensiver Krankenhausehandlung keine Möglichkeit mehr sah, mit ihren Konflikten zu leben.

Sehr problematisch für eine Ehe ist generell die Tatsache, daß Männer und Frauen, Väter und Mütter unterschiedlich trauern. Es treten vermehrt Kommunikationsprobleme auf, mangelndes Verständnis für den Partner, die Unmöglichkeit, sich in dessen Trauersituation einzufühlen können, besonders, wenn es noch andere, verdeckte Probleme in der Partnerschaft gibt, bis hin zur Trennung führen. Die Partner sind oft in ihrem eigenen Kosmos wie gefangen, nach aussen zu kommunizieren, auf den anderen (der in einem ähnlichen Gefängnis sitzt) einzugehen, wird fast unmöglich. Aus dem „Miteinander“ ist ein „Nebeneinanderher“ geworden. Ebenso treten unter Umständen Probleme mit weiteren Kindern, so vorhanden, auf. Zum einen sind verwaiste Geschwister in einer eigenen Trauersituation, die von den trauernden Eltern oft nicht richtig erkannt wird, zum anderen ist das gesamte Leben der Eltern auf die Trauer fixiert und durch diese bestimmt, die Zuwendung, die die lebenden Kinder benötigten, kann schlicht und einfach nicht gegeben werden. Auch hier wird oft von einem Funktionieren gesprochen, einem eher aus der Routine erfolgenden Zusammenleben.

Andererseits kann die Routine, die sich im normalen Lebensalltag herausgebildet hat, rettend sein: sie strukturiert den Alltag, gibt Halt und sozusagen Anweisungen, was als Nächstes zu tun ist. So wird oft auch berichtet, wie hilfreich es gewesen sei, wieder Arbeiten zu gehen, da man während der Arbeit auch mal wieder andere Gedanken im Kopf hätte, abgelenkt sei, sich von der Trauer quasi hätte erholen können. Eine derartige Struktuierung des Alltags wurde im Rückblick allgemein als sehr hilfreich eingestuft. Daß einige der Eltern, von denen in dem Buch berichtet wird, ihre Trauerarbeit aktiv auch in die Gründung von Stiftungen umgesetzt haben, dürfte nicht die Regel, sondern der Auswahl der Autorin zu verdanken sein. Trotzdem kann natürlich das Engagement in soziale Tätigkeit langfristig einen Beitrag im Trauerprozess darstellen.

Der Umgang mit der Erinnerung ist sehr verschieden. Es gibt Eltern, die viele Bilder ihres verstorbenen Kindes im Haus haben, die das Zimmer lange unberührt lassen, andere richten sich eine kleine Ecke, eine Art Altar, mit Erinnerungsstücken ein. Aber auch die Situation, daß man den Anblick von Erinnerungsstücken nichtc ertragen kann, kommt vor. Für das Begreifen des Unbegreifbaren ist es extrem wichtig, daß man es schaffte, das tote Kind noch einmal zu sehen, also auch physisch Abschied zu nehmen. In einem Fall schildert die Mutter, daß es ihr seinerzeit nicht gelungen war, rechtzeitig zu dem an einer akuten Infektion gestorbenen Kind zu kommen und sie es nicht mehr sehen konnte. Den Gedanken, daß es vllt garnicht gestorben sei, sondern noch lebe und entführt worden wäre (was es in der seinerzeitigen DDR wohl gegeben habe), sei sie nur sehr, sehr schwer losgeworden. Im umgekehrten Fall schildern die Eltern das Auffinden der toten Kadettin, die durch einen Unfall auf der Gorch Fock zu Tode kam, als sehr erleichternd. In speziell dieser Tragödie kanalisiert der Vater insbesondere viel seiner Trauer in den Kampf, mit dem er nachweisen will, daß der von ihm bezweifelte Unfall keiner war, sondern ein anderer Hergang des zu Tode Kommens seiner Tochter verschleiert werden soll. Ein herausgehobendes Beispiel dafür, daß bei einem fremdverschuldeten Tod oft der Verursacher oder Verantwortliche im Zentrum starker Gefühle der Betroffenen steht. Nur wenige Eltern finden die Kraft zum Verzeihen.

Die Meinung darüber, ob die Zeit, wie das Sprichwort sagt, wirklich alle Wunden heilt, ist geteilt. Für manche ist es so, für andere nicht. Wahr ist, daß das Leben nach dem Tod eines Kindes nicht mehr so wird wie es vorher war, richtig ist aber auch, daß es trotzdem noch lebenswert ist. Suizidgedanken, die durchaus manchmal vorhanden waren, verschwinden, „helle“ Gefühle wie Freude, Zufriedenheit, manchmal auch Glück, tauchen wieder auf, die Pausen zwischen den Gedanken an das tote Kind werden größer: der Verlust des Kindes wird langsam in die eigene Biographie integriert. Dies wird auch im Buch deutlich. Da die Autorin ihre Fallschilderungen chronologisch geordnet hat, sind die ersten Fälle auch beim Lesen sehr aufwühlend und ergreifend, während die letzten Beispiele, bei denen der Kindstod schon viele Jahre zurück liegt, doch ruhiger und weniger emotional geschildert werden.


Leider ist dem Buch nur ein kurzes, wenig aussagekräftiges Vorwort beigegeben, aus dem Ziel und Absicht des Buches nur andeutungsweise hervorgehen. Auch über die Art und Weise, wie die Autorin ihre Fallbeispiele (die nicht unbedingt repräsentativ sind für Kindstode) ausgewählt hat, wird nicht erläutert. Vielleicht – aber das ist eine reine Vermutung von mir – spielt hier auch der journalistische Aspekt eine Rolle, denn zum einen ist die Autorin selbst Journalistin, zum anderen werden (die?) Beispiele des Buches auch in der BILD-Zeitung (zumindest in der online-Version) veröffentlicht.

Wie auch immer: in ihrem Buch gibt die Autorin den Betroffenen viel Zeit und Raum, ihre Gefühle und ihre Erinnerungen zu schildern. Obwohl ihre Sprache Abstand zu den beschriebenen Ereignissen hält und recht nüchtern ist, berühren und ergreifen die Fälle zum Teil sehr stark, „Unser Kind ist tot“ ist kein Buch, das man von der ersten bis zur letzten Seite verschlingen kann. Man braucht Pausen, um das Gelesene zu verarbeiten, zu intensiv schlägt das erlittene Unglück trotz der zurückhaltenen Art der Autorin durch die Zeilen durch. Die Beispiele, die Kujacinski ausgesucht hat, zeigen, daß in diesen Verlusten mit der anschließenden Trauer alles möglich ist, alle Gefühle, alle Reaktionen sind „normal“ bei diesem Zusammenbruch der persönlichen Welt der Eltern. Sie zeigen aber auch, daß es – egal, wie wirr er läuft – es ein Prozess ist, in den sie eingetreten sind, der – vielleicht erst nach Monaten oder Jahren – sie zu einem Zustand führt, in dem das Leben sich für sie wieder lohnt und es lichte Momente, ja, Glücksmomente wieder geben wird. Dies zu wissen, dies zu hören und zu lesen, sich unter Umständen an Beispielen orientieren zu können, kann eine große Hilfe sein. Deswegen kann ich das Buch (trotz der erwähnten offenen Fragen) für jedem, der sich für dieses Thema interessiert (oder der gar selbst betroffen ist), nur empfehlen.

Anmerkung:

Weitere Bücher zum Thema „Kindstod“ sind hier im Blog unter diesem Link zu finden: http://mynfs.wordpress.com/tag/kindstod/

Dona Kujacinski
Unser Kind ist tot
Väter und Mütter erzählen von Verlust, Schmerz und Hoffnung
dieses Ausgabe: Quadriga, HC, ca. 224 S., 2014

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