Nadeem Aslam: Die goldene Legende

Der Roman des 1966 geborenen britisch-pakistanischen Autoren Nadeem Aslam spielt in seinem Geburtsland, das er als Vierzehnjähriger aus politischen Gründen verlassen musste. Pakistan ist ein Staat mit schlechtem Ruf – im Westen. Entstanden nach dem Abzug der Briten aus ihrer ehemaligen Kolonie aus der blutigen Geburt zweier Staaten, eben Pakistan und dem modernen Indien  [Salman Rushdie hat dies ja in seinem wunderbaren Roman Mitternachtskinder so packend geschildert], gilt es heute als Staat, der für fundamentalistische Muslime Heimat und Unterschlupf geworden ist. Andererseits arbeitet er – zumindest klandestin – wohl mit amerikanischen Einrichtungen zusammen, er verfügt über Atomwaffen und ist in der Summe einer der politischen Brennpunkte auf dieser unserer Erde. Daß immer wieder Spannungen zum Nachbarn Indien auftreten, trägt dazu natürlich noch bei. Harmonischer dagegen funktioniert die Zusammenarbeit mit China, hier ist der Begriff „Chinesisch-Pakistanischer Wirtschaftskorridor“ bezeichnend für gemeinsame Interessen [z.B. hier: http://www.dw.com/de/china-treibt-wirtschaftskorridor-durch-pakistan-voran/a-38964812%5D. Falls jemand außerdem noch interessiert ist, zu erfahren, wie das aktuelle Verhältnis zwischen den USA und Pakistan ist, kann er dies beispielsweise in diesem Beitrag der SZ nachlesen [Arne Perras: Wie China den Streit zwischen USA und Pakistan nutzt; http://www.sueddeutsche.de/politik/pakistan-wenn-zwei-sich-streiten-1.3815740]


Die Handlung des vorliegenden Romans, dessen Cover in einer der Farbe der Nationalflagge und damit des Propheten gehalten ist, spielt zum größten Teil in der fiktiven Stadt Zamana im Norden Pakistans, in der Nähe der „Grand Trunk Road“ [die ich in jungen Jahren selbst schon in Teilen bereist habe; zur Geschichte dieser wichtigen Straße vgl hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Grand_Trunk_Road ], auch das umstrittene und zeitweise in blutigen Auseinandersetzungen umkämpfte Kaschmir ist nicht weit. Zamana ist eine pulsierende, wachsende Stadt, in der viele Christen leben, die in einfachen Tätigkeiten arbeiten, beispielsweise als Hausmädchen, Kanalarbeiter u.ä. Das Viertel, in dem sie wohnen, ist mittlerweile eine Art Getto geworden: die Stadt ist um die kleinen Häuschen herum gewachsen und hat sie eingeschlossen. Christ sein ist nicht einfach in dieser Stadt, in der ein Brunnen als verunreinigt gilt, wenn ein Christ daraus getrunken hat…

Die Geschichte, die Aslam erzählt, verknüpft das Schicksal vieler Personen miteinander. Da sind zuerst zu nennen Nargis und Massud, aufgeklärte Muslime der Mittelschicht, die als Architekten viele Bauwerke geplant und errichtet haben. Bei ihnen geht ein und aus wie eine Tochter die junge Christin Helen aus dem Nachbarhaus, die von ihnen gefördert wird. Sie ist die Tochter von Lily (hier ein Männername) und Grace, die vor einiger Zeit von einem Muslim getötet worden war. Lily, der Analphabet ist, verdient sein Geld mit seiner Rikscha. In ihm regen sich mittlerweile wieder Gefühle für eine Frau, die er eines Abends mit seiner Rikscha nach Hause gefahren hat. Aysha ist Witwe, ihr Mann aus unglücklicher Ehe hatte sich den Dschihadisten angeschlossen und ist bei einem Drohnenangriff der Amerikaner getötet worden. Sie ist die Tochter des Geistlichen der gegenüberliegenden Moschee, bewohnt dort mit ihrem bei einer Explosion verkrüppelten Sohn ein Zimmer und wird von ihrem fundamentalistsichen Schwager, der ebenfalls dort lebt, streng bewacht. Letzte, aber nicht unwichtigste der Hauptfiguren ist Imram, eine junger Mann aus Kaschmir, der dort als Jugendlicher die Unterdrückung durch die indische Armee miterlebt hat, der verfolgt und gefoltert worden war und der sich ebenfalls dem Untergrund angeschlossen hatte. Jedoch bekam er Zweifel und er floh aus dem Ausbildungslager; daß er auf Nargis und Helen stieß, war Zufall.

Am falschen Platz zur falschen Zeit. Auslöser der Geschichte ist ein schreckliches Unglück. Die Bibliothek Zamans zieht um ein neues, von Massud und Nargis geplantes Gebäude. Um die Bücher, in denen der Name des Propheten vorkommt, schonend und sicher umzuziehen, baut sich eine Menschenkette durch die Straßen auf, die die Bücher weiterreichen. Ausgerechnet an der Stelle, an der Massud und Nargis sich eingereiht haben, kommt es zu einer Schießerei auf der Straße und Massud wird von einer Kugel getroffen und stirbt…

In diese Schießerei war ein Amerikaner verwickelt, damit erhält das ganze eine politische Dimension, u.a. der militärische Geheimdienst nimmt sich der Angelegenheit an. Was bedeutet, daß Nargis als Witwe von einem Offizier aufgesucht wird, der ihr sehr handgreiflich klar macht, daß sie dem Amerikaner öffentlich zu verzeihen hat, das islamische Recht sieht eine solche Möglichkeit vor. Bevor es jedoch dazu kommt, werden der Christ Lily und die Muslima Aysha von dem Unbekannten, der nachts per Lautsprecher vom Minarett der Moschee aus Verfehlungen der Menschen im Viertel öffentlich macht, beschuldigt, ein Verhältnis zu haben. In der Folge kommt es zu Ausschreitungen, in einer offensichtlich lang vorbereiteten Aktion, fast ein Progrom, werden alle Häuser der Christen niedergebrannt, es gibt auch viele Tote und Verletzte, Lily jedoch konnte rechtzeitig fliehen. Die aufgebrachten und angestachelten Menschen suchen gleichfalls seine Tochter Helen, Nargis kennt jedoch ein Versteck, in dem sie mit Helen unterschlüpfen kann, Imran begleitet sie, läßt sich nicht abweisen.

Dort, auf einer Insel, in einer verfallenden Moschee, warten sie ab, schweifen mit ihrem Gedanken in die Vergangenheit, unterhalten sich, nähen die Seiten eines alten Buches, das der Geheimdienst gefleddert hatte, wieder zusammen. Imran besorgt Lebensmittel in der Stadt, er und Helen kommen sich näher, erzählen sich ihre Lebensgeschichten. Lebensgeschichte – auch Nargis hat natürlich eine und die weist eine schlimme Bruchstelle auf, ihr großes Geheimnis, das sie noch nicht einmal mir Massud teilen konnte – was ihr jetzt große Schuldgefühle verursacht.

Die relative Sicherheit des Verstecks endet mit einem Schlag. Zum einen dringt der Geheimdienstmajor langsam zu dem Geheimnis Nargis‘  vor, zum anderen kommt es auf einem religiösen Fest, zu dem Helen mit Imran geht, da sie hofft, dort auf Lily zu treffen, zu einem Selbstmordattentat…


Die Szenerie, die Aslam in seiner fiktiven Stadt Zamana entwirft, hat, was seine christlichen Einwohner angeht, einen fast schon leicht dystopischen Einschlag. Überall lauern Gefahren, Denunziationen, Diskriminierung oder körperliche Attacken auf sie. Sie sind umgeben von Verboten, werden als billige Arbeitskräfte missbraucht, von Fundamentalisten als Zielscheibe eines bewusst erregten Volkszorns genutzt. Daß sich ein solcher Mob auch gegen andere aufgeklärte Menschen, und seien sie auch Muslime, ausrichten läßt [diese ganz aktuellen Berichte über den Besuch der muslimischen Friedensnobelpreisträgerin Malala in ihrer Heimat zeigen es nur zu gut:  http://www.spiegel.de/politik/ausland/malala-yousafzai-friedensnobelpreistraegerin-reist-nach-pakistan-a-1200416.html bzw. http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/nobelpreistraegerin-malala-yousafzai-wieder-in-pakistan-15518210.html oder auch hier: http://www.zeit.de/news/2018-03/29/nobelpreistraegerin-malala-in-pakistan-180329-99-682164] kann da kein Trost sein und der Gedanke, daß das Bild einer weitgehend von Hass und (religiöser) Irrationalität geprägten Gesellschaft wohl weitgehend der Realität entspricht, deprimiert und macht mehr als traurig.

Wenige Menschen dieser Gesellschaft bewahren sich eine von Vorurteilen und Hass freie Einstellung, sie ist – dies läßt sich andeutungsweise aus dem Buch herauslesen – auch vom Bildungsstand abhängig. Das Paar Massud und Nargis beispielsweise, aber auch der Museumsdirektor Fargis verkörpern diese Humanität, die zum tieferen Kern eines Glaubens durchgedrungen ist. Woraus sich folgern ließe, daß eine verbesserte Bildung ein Mittel sein könnte, dem dumpfen Hass von Menschen an der Wurzel zu begegnen.


Polizisten hatten sich in einem großen Raum um ihn [i.e. den gefangenen Gotteslästerer] herum aufgestellt … Sie kamen auf ihn zu, die Waffen schussbereit. Sie alle beanspruchten das Privileg, den Gotteslästerer zu töten, wollten, daß ihnen ihre vielen Sünden mit dieser Tat genommen wurden; also beschloß man, sich in einem Kreis um ihn zu stellen und gleichzeitig zu feuern. Auf drei. … Ihr Leben lang hatten sie gelogen und betrogen, waren neidisch gewesen, hatten Gebete und Fastenzeiten ignoriert, hatten die Alten nicht geehrt, muslimische Glaubensbrüder brutal misshandelt und zahllose widerliche Tagten begangen; sie hatten Frauen geschlagen, Kinder vergewaltigt, hatten von den Kranken und Hungernden gestohlen, aber hier winkte die Rettung, die garantierte Aufnahme ins Paradies.

In diesem Absatz meint man die Verzweiflung des Autoren an den Verhältnissen förmlich körperlich zu spüren, deswegen habe ich ihn mit nur wenigen Kürzungen hier zitiert.

Aber – dies sei der Gerechtigkeit wegen gesagt – auch Muslime sind Opfer. Imram als Kaschmiri erzählt und berichtet von der Unterdrückung und Verfolgung der Muslime durch die indische Armee in Kaschmir [zur wechselvollen Geschichte dieses Himalaya-Tals z.B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Kaschmir]. Zu nennen ist ebenfalls der Drohnenkrieg der Amerikaner, der viele zivile Opfer fordert, auf der anderen Seite jedoch auch instrumentalisiert wird, in dem die Amerikaner für alles mögliche andere verantwortlich gemacht werden.


Der Roman enthält aber nicht nur diese schmerzhaften Passagen und Handlungsstränge, er stellt auch Schönes dar. Allein die beiden Zimmer im Zimmer Massuds, gebaut gegen die Kälte, die in diesem großen Raum im Winter herrscht… an die Decke ziehbare Modelle zweier Moscheen, die so groß sind, daß man ihn ihnen, wenn sie auf dem Boden stehen, gegen die Winterkälte geschützt sitzen und arbeiten kann… das Buch, das Massuds Vater einst geschrieben hat und das voll ist von schönen Legenden, von Warnungen auch an die Leser. Es spielt eine große Rolle in diesem Roman, ist selbst ein starkes Symbol in seiner Zerstört- und Versehrtheit, gegen die Nargis, Helen und Imram ankämpfen… die alte verfallene Moschee auf der Insel, einst gedacht als Symbol der Toleranz gegen Menschen die anders glauben, die an Anderes glauben… Immer wieder erzählt uns der Autor in die Geschichte eingestreut Legenden, die seit Generationen überliefert und bewahrt werden…

Enthält das Buch eine Botschaft? Für mich sind es zwei Aspekte der Geschichte: zum einen – wie erwähnt – die Rolle von Bildung und Ausbildung, die möglicherweise [es gibt ja auch Gegenbeispiele, da brauchen wir nicht allzuweit zu gehen] gegen primitive Propaganda schützt und die Kraft der Liebe, die in der Lage ist, Trennendes zu überwinden, weil sie den Menschen erkennt, der hinter all dem Glauben, hinter aller Überzeugung steckt.


Die goldene Legende ist ein schönes Buch, kein unbedingt fröhliches für unbeschwerte Stunden. Dazu ist die Handlung wohl zu authentisch, zu nah an der Realität vor Ort. Zwar weist sie meiner Meinung nach ein paar Stolperstellen auf, an denen man ins Stutzen kommen kann (wenn beispielsweise dem muslimischen Geistlichen ein urkatholischer Rosenkranz (mit seinen 59 Perlen und einem Kreuz) in die Hand gegeben wird anstatt einer Misbaha / Tasbih mit ihren meist 33 Perlen [S. 68]), aber solch leichtes Geholpere schadet dem Gesamteindruck nicht. Nadeem Aslam ist eine starke Stimme, die in diesem Roman Hass und Intoleranz in seinem Geburtsland anprangert und der erkennbar an diesen Gegebenheiten leidet. Und uns Lesern ermöglicht er einen Blick in ein Land, das ansonsten eher in den Nachrichten als in der Literatur auftaucht.

Nadeem Aslam
Die goldene Legende
Übersetzt us dem Englischen von Bernhard Robben 
Originalausgabe: The Golden Legend, London, 2017
diese Ausgabe: DVA, HC, ca. 410 S., 2018

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars.

Kurzlink zum Beitrag: https://wp.me/paXPe-9Vu

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Ein Kommentar zu „Nadeem Aslam: Die goldene Legende

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