Daniela Berg: Begreifen, was nicht ist

Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
doch mit dem Tod der andern muß man leben.

Mascha Kalèko

Die Autorin dieses schmalen, gut 140 Seiten umfassenden Büchleins ist studierte Theologin und arbeitet u.a. als Supervisorin für ehrenamtliche Hospizbegleiter und als Trauerrednerin [vgl. hier ihre Webpräsenz: http://www.mediavitae.de]. Diesen fachlichen Hintergrund merkt man diesem Buch an, er tut ihm gut, sehr gut… denn das Thema des Buches ist eins der schwierigsten: bei der 15jährigen Tochter der Autorin, Marlene, wurde im Sommer 2012 ein Nierenkarzinom diagnostiziert, an dem das Mädchen Ende November desselben Jahres starb. Sie lebte die letzten Tage bis zu ihrem Tod zuhause, umhütet von der Familie, der Mutter Daniela, dem Vater Uwe und dem jüngeren Bruder Friedrich. So konnte sie Abschied nehmen von ihren Schulkameraden, von Bekannten und Verwandten und natürlich von ihrer Familie. Wie die Mutter es beschreibt, hat Marlene ihrem Tod weitgehend friedlich und bewusst entgegengesehen, hat den letzten Abschied von Vater und Mutter in eigener Regie vornehmen können. Dieser Abschnitt in Bergs Buch hat mich sehr bewegt…

Ist der Tod eines nahen, geliebten Menschen für jeden Hinterbliebenen ein Einschnitt im Leben, so ist der Tod eines Kindes für die Eltern die Katastrophe schlechthin. Die natürliche Ordnung ist aufgehoben, nichts mehr hat seine Richtigkeit, oder wie Grossman es in seinem Buch (aus dem auch Berg in ihrem Text ebenfalls zitiert) sagt: man fällt aus der Zeit mit diesem Tod [David Grossman:  Aus der Zeit fallen] und es ist sicherlich nicht falsch zu ergänzen: auch aus dem Raum, denn der Boden, auf dem das bisherige Leben stand, ist entzogen worden, ist nicht mehr da, eine Fallen in ein tiefes Loch scheint unaufhaltsam.

Nichts ist mehr so, wie es war. Der Verlust, die Trauer rollte wie eine schwarze Welle über die Hinterbliebenen hinweg. Es ist nicht nur der Verlust des Menschen, der zu beklagen ist, es ist auch der Verlust der Lebensplanung, die diesen Menschen, dieses Kind, mit eingeschlossen hatte, selbstverständlich von dessen Existenz ausging. Es ist der Verlust der eigenen Unbeschwertheit als Mutter (oder allgemein als Elternteil), mit der man sein Leben mit der Familie lebte: all das ist verschwunden, hat Platz machen müssen dem Zweifel, dem Schmerz, der Wut, der Verzweiflung, der Hoffnungslosigkeit, der Schwärze.

Daniela Berg schildert ihren Trauerprozess in Briefen und Mails, die sie in diesem Zeitraum von zwei Jahren an Freunde und Bekannte geschrieben hatte. Wobei festzuhalten ist, daß die Trauer nach dieser Zeit keineswegs vorbei ist, die Trauer um ein Kind dauerte ein Leben lang an, ein verstorbenes Kind gehört ein Leben lang zur Familie, auch wenn diese sich an den verwaisten Platz am Esstisch, im Auto oder sonstwo im Lauf der Zeit gewöhnt hat. Die Trauer, das Gefühl verändert sich, der Schmerz wird anders, man lernt als Betroffene/r, daß dieser Verlust fortan zum eigenen Leben dazu gehört.

Die Zeit zwischen Tod und Bestattung ist normalerweise eine aktive Zeit, in der man häufig abgelenkt ist, denn die Beerdigung muss organisiert werden, es kommen Menschen, um ihr Beileid zu bekunden und Abschied zu nehmen. Berg beschreibt diese Vorbereitungen der Bestattung, an der viele Menschen aktiv beteigt sind, beispielsweise beim Bemalen des Sarges – auch innen, damit Marlene auch etwas davon sieht – eine wunderschöne Idee. Nach der Beerdigung läßt diese Betriebsamkeit nach und in der freiwerdenden Zeit stürzt sich die  Trauer wie ein Monster aus dem Dunkeln auf die Seele.

Berg als – wie sie an einer Stelle schreibt – rational ausgerichteter Mensch kann ihre Gefühle in Worte bringen. Sie kann sie beschreiben, schildern, darlegen, Grossman in seiner Trauer um seinen Sohn [siehe vorstehender Link] ist ihr hierbei Leitbild. Sie kann sie analytisch reflektieren, was sie aber keineswegs davor schützt, ihrer Trauer in vielen Momenten ausgeliefert zu sein. Es fällt unendlich schwer, zu akzeptieren, daß der Verlust eines Menschen durch seinen Tod endgültig ist, diese „übermächtige Faktizität … ist zu absolut für unsere Vorstellung“, zitiert Berg  Connie Palmen [aus dem Logbuch eines unbarmherzigen Jahres].

Der Verlust des Kindes ist eine existenzbedrohende Wunde in der Seele der verwaisten Familie. Die Trauer ist der Schmerz dazu. Sie ist aber auch, dieser Gedanke kam mir während des Lesens von Bergs Briefen, der Weg zur Heilung der Seele – wenn man sie zuläßt. So übermächtig und umfassend sei anfangs auch erscheint, der Mensch lebt mit Verlusten, hat im Lauf seines Lebens gelernt, mit Verlusten (auch wenn sie natürlich weniger existentiell waren wie der Tod eines Kindes) umzugehen, Resilienz nennt man diese Fähigkeit, Krisen durch den Rückgriff auf eigene Resourcen zu bewältigen. Zwei Aussagen Bergs sind hier wichtig: zwar muss man Trauer zulassen und sie hat oft ihren eigenen Rhythmus, in den sie einen anfällt, doch muss man sich ihr nicht ausliefern, sondern man kann lernen, sie aktiv zu gestalten. Räumt man der Trauer einen Raum und/oder eine Zeit ein, gibt man ihr Rituale, in denen sie sich wiederfindet, so gewinnt man dadurch Zeit und Räume, die frei gehalten werden können von Trauer: das eigene Leben soll und muss weitergelebt werden, das Empfinden von Glücksmomenten, von Schönem, das Geniessen kleiner Freuden darf keine Schuldgefühl hervorrufen, es ist gut und im Sinne des/r Verstorbenen. Die zweite, damit zusammenhängede Aussage Bergs, auf die ich verweisen will, ist so formuliert: In vielen Gesprächen in den letzten Wochen meinte ich, dass sich Trauernde an irgendeinem Punkt entscheiden müssen, ob sie sich letztlich dem Leben oder dem Tod zuwenden wollen. … Ich werde leben und glücklich sein! So wie ich es dir, meine schöne starke Tochter, versprochen habe. …

Trauer braucht Zeit, sie ist ein Prozess, der bei jedem anders abläuft, ebenso gibt es kein falsches und kein richtiges Trauern, auch wenn die immer noch populären Phasenmodelle suggerieren, daß es erstens, zweitens, drittes ablaufen muss…. aber irgendwann war die Zeit da, daß die Eltern das Zimmer Marlenes, in dem sie sich die Monate vorher immer wieder mal zurückgezogen hatten, ausräumten und als Arbeitszimmer einrichteten: so waren sie viel öfter in dem alten Raum Marlenes. Für diese bauten sie (überhaupt haben sie sehr viel Handwerksarbeit gemacht, begreifen also im Sinne von angreifen, anpacken) einen Tisch, lackierten ihn und schmückten ihn wie einen kleinen Gedenkaltar mit Erinnerungsstücken und Bildern an Marlene.

Begreifen, was nicht ist beschreibt den Trauerweg der Mutter, der Vater Uwe ist nur selten präsent. Klar wird, daß beide Elternteile unterschiedlich trauern. Während die Mutter lange mit Erschöpfung, plötzlichem Weinen, verminderter Leistungsfähigkeit etc pp zu tun hat, tritt dies bei dem Mann offensichtlich nicht so auf, er scheint schon bald wieder in der Lage gewesen zu sein, seinen Alltag ’normal‘ zu leben – was in keinem Fall bedeutet, daß er nicht trauerte, er tat dies eben auf seine Art und Weise. Dieses Phänomen der unterschiedlichen Ausprägung der Trauer führt beim Tod eines Kindes häufig zu existentiellen Zerwürfnissen bei den Eltern („Jetzt hör doch endlich mal mit der Heulerei auf!“ vs „Du bist überhaupt nicht traurig, wie kannst du nur jetzt….“). Berg schildert, daß es wichtig ist, diese Entfernung, diese Weite zum Partner zuzulassen und zu akzeptieren, damit die Beziehung diese große Krise überstehen kann.

Bergs Buch enthält sehr viele, sehr wertvolle Zeilen. Es finden sich auf der rein ‚praktischen‘ Seite viele Anregungen zur Gestaltung eines Trauerweges (sei es der eigene, sei es als Helfer und Begleiter für andere), aber auch das Darlegen persönlicher Empfindungen und deren Reflexion ermöglicht das Wiederekennen für Betroffene und damit den Trost: das, was ich jetzt fühle, ist in dieser Situation normal, ich bin nicht allein damit, ich darf so fühlen, ich darf mich jetzt fallenlassen z.B. in meine Verzweiflung, ich darf diese Äußerung eines Bekannten jetzt doof und unpassend finden u.v.a. mehr….

Berg selbst hat sich auch bei anderen (Trauernden) gestärkt, in ihrem Buch finden sich viele trostspendende Zitate aus entsprechenden Büchern. Palmen und Grossman habe ich erwähnt, sie zitiert Rilke mit wunderbar sensiblen Worten, aber auch Herrndorf, Hesse und andere mehr. Auch Literatur ist also eine Ressource, auf die man zurückgreifen kann.

Begreifen, was nicht ist überstreicht einen Zeitraum von zwei Jahren. In dieser Zeit unternahm die Familie das, was ’normale‘ Familien auch machen: sie gingen ins Kino, sie fuhren in Urlaub, sie machten Besuche – zu dritt, Marlene in Gedanken immer dabei. Aber sie machten es, sie gewöhnten sich an den neuen Zustand; daß Friedrich, der verwaiste Bruder dieses normale Familienleben mit der Liebe der Eltern brauchte, besonders brauchte, war ein zusätzliches Motiv für die Mutter (und sicher auch den Vater), wieder in ein solches Familienleben zurückzufinden. Nach diesen zwei Jahren hatte sich die Trauer bei Mutter verändert, sie war stiller geworden, die aus dem Gleichgewicht gebrachte Seele hatte gelernt, mit dem Verlust umzugehen, ohne daß dies bedeutet, daß nicht doch noch Tränen flossen, wenn die Erinnerung übermächtig wurde. Wie bei dem Brief, den Daniela Berg an ihre Tochter schrieb, in dem sie die zwei Jahre und ihre Gefühle und deren Entwicklung in diesen zwei Jahren zusammenfasste und darüber berichtete. Das ‚Schwarz‘ hatte, das liest man im Brief, Flecken bekommen, weiße Flecken, die Mutter war wieder in der Lage, auch Gutes zu sehen: Ach, Marlenchen, ich bin immer noch überaus froh und dankbar, dass wir zu deinen Lebzeiten so gut voneinander Abschied nehmen konnten. Ich bin so dankbar, dass das überhaupt möglich war. … und so zählt die Mutter vor allem diese dankbaren Situationen auf, erwähnt und vergisst den Schmerz zwar nicht, aber dieses Positive hat mittlerweile seinen Platz in der Trauer gefunden, ermöglicht die Rückkehr zu einem (anders) glücklichen Leben.


Begreifen, was nicht ist [Webseite  zum Buch:  https://begreifenwasnichtist.wordpress.com bzw. Facebook-Seite: https://www.facebook.com/begreifenwasnichtist/] ragt aus der (mittlerweile) Fülle von Literatur, in denen verwaiste Eltern über ihr Schicksal reden und berichten, heraus. Es ist kein literarisches Werk wie die Bücher von Palmen oder auch Didion [die mir gerade in den Sinn kommt mit ihrem Blaue Stunden und dem Jahr des magischen Denkens], im Gegenteil zeigt sich in diesen Briefen die jeweilig aktuelle Situation der Autorin, die dieser zudem nicht nur ausgesetzt ist, sondern die sie reflektierend begleiten kann – bei allem Schmerz und aller Traurigkeit. So hat mich dieses Buch einerseits selbst sehr aufgewühlt, andererseits habe ich viel Gewinn aus ihm gezogen. So wünsche ich ihm weite Verbreitung und würde mich sehr freuen, wenn meine Beschreibung des Büchleins dabei helfen würde.

Einen einzigen Vorschlag habe ich an die Autorin, falls – was schön wäre – eine weitere Auflage des Textes erfolgen müsste: eine kurze Zusammenstellung nämlich, in welcher Beziehung man zu den einzelnen Adressaten der Briefe bzw. Mails steht/stand. Nicht immer geht es aus dem Text hervor, mir hätte es die im Hinterkopf schwärende Frage: „wer ist denn das jetzt?“ erspart. Es muss selbstverständlich keine Biografie sein, aber ob es ein Verwandter, ein Arbeitskollege oder ein Schulfreund ist, das zu wissen, fände ich hilfreich.

Daniela Berg
Begreifen, was nicht ist
diese Ausgabe: edition winterwork, Softcover, ca. 155 S., 2017; mit vielen Abbildungen

Weitere Bücher, die die Trauer um den Tod der eigenen Kinder beschreiben und die ich auf diesem Blog schon vorgestellt habe:

Monica Wesolowska: Aus Liebe loslassen
Christel und Isabell Zachert: Wir treffen uns wieder in meinem Paradies
Joan Didion: Blaue Stunden
Barbara Pachl-Eberhart: Vier minus drei
Dona Kujacinski: Unser Kind ist tot
David Grossman: Aus der Zeit fallen

Weitere Buchvorstellungen zum Themenkreis „Krankheit, Sterben, Tod, Trauer“ finden sich hier:

https://mynfs.wordpress.com/autorenverzeichnis/

Kurzlink zum Beitrag: https://wp.me/paXPe-9VQ

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Erni Kutter: Schwester Tod

erni

Wird ein Mensch (oder allgemein: ein Lebewesen) geboren, so ist eins absolut sicher: er/es wird wieder sterben. Geburt und Tod gehören zusammen, sind die beiden Seiten des Lebens, sind beide gleich notwendig, damit Leben überhaupt existieren kann. Seit altersher sind Geburt und Tod, geboren werden und sterben, Domänen der Frauen. Sie waren es, die die Gebärenden begleiteten und umsorgten, sie waren es, die den letzten Gang eines Menschen mitgingen, ihn gestalteten und den Sterbenden vorbereiteten für sein Ankommen in der Anderswelt. Denn das es diese Anderswelt gibt, daß mit dem Tod nicht alles vorbei ist und endet, dessen war man sich sicher und durch diese Überzeugung wurde der Tod als einer Art Geburt in diese Anderswelt hinein interpretiert. Diese Vorstellung, daß die Toten, oder auch ihre Seelen, weiterexistieren, ist weltweit verbreitet, in vielen Kulturen werden die Ahnen verehrt, bei bestimmten Festen heraufbeschworen, ist es Pflicht der Nachkommen, für das Wohlergehen der Ahnen in der anderen Welt zu sorgen.

Dieses uralte Wissen um Sterben und Tod ist ebenso wie die tragende Funktion der Frau bei diesen Prozessen im Lauf der Zeit immer mehr verloren gegangen. Das Sterben ist zum großen Teil ausgelagert worden in Krankenhäuser und Pflegeheime, die Bestattungen werden von meist männlich geführten Bestattungsunternehmen nach bewährten Abläufen, die wenig Raum für individuelle Bedürfnisse lassen, abgewickelt. Finanzielle Aspekte spielen oftmals eine größere Rolle als eine auf die seelischen Bedürfnisse der Hinterbliebenen abgestimmte und ausgelegte Beerdigungsfeier.


Dem will Erni Kutter in ihrem Buch über die Schwester Tod Abhilfe schaffen.

Das Buch ist in fünf Abschnitte gegliedert:

  • Vorbereitung auf den Tod
  • Sterbebegleitung und Seelengeleit
  • Übergangszeit zwischen Tod und Beerdigung
  • Abschiedsfeier – Trauerritual – Beisetzung
  • Eine Erinnerungs- und Gedenkultur gestalten.

Inhaltlich gibt es zwei Schwerpunkte, denen sich Kutter besonders widmet:

Einserseits will sie aufzeigen, wo die Wurzeln weiblicher Trauerkultur liegen und wie es gekommen ist, daß diese im Mittelalter sukzessive in Vergessenheit geraten sind. Am ungewohntesten für die meisten von uns wird wohl in diesem Zusammenhang die Darstellung des weiblich personifizierten Todes, der ‚Tödin‘ sein, die durch das uns so gebräuchliche Bild des (männlichen) Sensenmannes, des harten, mit den Knochen klappernden Skeletts abgelöst und unterdrückt worden ist. Kutter weist auf den 1963 verstorbenen Volkskundler Josef Hanika hin, der entsprechende Sagen und Überlieferungen gesammelt hat, die sich bis zur Vertreibung nach 1945 in einer relativ isoliert lebenden Volksgruppen in der Niederen Tatra, die vor Jahrhunderten aus dem bayerischen Raum dorthin eingewandert war, gehalten hatten [3].

Die Tödin ist Herrin über Geburt und Tod, aber auch Wächterin kindlicher Seelen, oft tritt sie freundlich, lebenslustig und gewitzt in Erscheinung. Sie beruhigt die Menschen, zu denen sie kommt, erfüllt ihnen auch Wünsche. Garstig wird sie oft gegen Männer, die ihre Frauen und Kinder schlecht behandelt. Hinweise auf diese alte Sagengestalt, die nach der Christianisierung peu a peu unterdrückt worden ist finden sich wie schon gesagt, in Märchen und Überlieferungen, hier überlebte die Tödin beispielsweise in Gestalt der Holla oder der Percha.

Bei der Christianisierung wurden viele der alten Traditionen in neuem Gewand übernommen. So überlebten alte Frauenfiguren nicht nur in Märchen- und Sagenfiguren, wie die erwähnte Tödin, sondern auch in Person von Heiliginnen. Diese erfüllen bestimmte Funktionen und Aufgabenbereiche im Sterbeprozess und begleiten und beschützen die Sterbenden und ihre Angehörigen in den unterschiedlichen Phasen. In vielen Kirchen findet man noch heute Figuren dieser Heiliginnen mit den entsprechenden Symbolen. Notburga mit der Sichel, Barbara mit dem Kelch, Katherina mit Rad und Schwert, Ursula als Fährfrau mit Schiff und Pfeil oder die mütterliche Anna, aber auch Christopherus und Michael sind solche Seelenbegleiter und -beschützer [4].

Im zweiten Schwerpunkt des Buches beschreibt Kutter in den jeweiligen Abschnitten praxisnah, welche Herausforderungen diese Vorgänge oder Abläufe darstellen, welche Bedürfnisse zu befriedigen sind und welche Möglichkeiten man als Begleiter, als Mitmensch hat, dem gerecht zu werden. Da wir fast alle verlernt haben, daß das Sterben ein natürlicher Vorgang ist, sind wir in der Nähe von Sterbenden oft unsicher und befangen, wissen nicht, was wir tun können, sollen oder müssen. Was redet man zum Beispiel? Eine typische Frage unserer Zeit… Kutter macht klar, daß es jetzt auf´s Reden nicht mehr ankommt, keineswegs jedenfalls auf falsche Versprechungen und Tröstungen. ‚Da-Sein‘ ist wichtig, Handhalten, auf den Atem hören, Einklang herstellen mit dem dem/der, die sich dort auf´s gehen vorbereitet. Hier und auch natürlich später können (kleine) Rituale eine große Hilfe sein, sie bauen Sicherheit auf und trösten und entlasten.

Kutter gibt eine Fülle von Beispielen für solche Rituale oder ritualisierten Tätigkeiten, die auch nach dem Tod für die Hinterbliebenen eine große Hilfe sein können. Die Aussegnung durch einen Geistlichen, ein Abschiedsritual am Sterbebett. Totenwaschung und Totenwache, die häusliche Aufbahrung – so ungewohnt das klingt, so segensreich können diese Tätigkeiten wirken, ermöglichen sie doch das ‚Begreifen‚ und behutsame Hinübergleiten in das Akzeptieren des Endgültigen. Auch beschreibt Kutter, wie man auf uralte Traditionen wie der der ‚Sterbeammen‘ und ‚Seelenwächterinnen‘ zurückgreifen kann.

Weitere Beispiele für hilfreiche Tätigkeiten beziehen sich auf die Gestaltung der Bestattungsfeier, für die es viele alte, unbekannt gewordene Abschieds- und Gedenkbräuche gibt, Grabbeigaben und Seelengebäck sind nur zwei Beispiele. Auch die Gestaltung des Grabes mit dem Grabstein bietet Möglichkeiten eines individuellen Erinnerns an den Verstorbenen.

Ein Anhang des Buches führt Beispiele an für Gebete, Segensworte oder Gedichte im Umkreis von Sterben und Tod.


Der Mensch hat von seiner Natur aus, diese meine Überzeugung finde ich in diesem Buch von Kuttner wieder, die Ressourcen, mit Verlusterfahrungen, auch mit so großen, wie es der Tod eines lieben Menschen – oder sogar der zu erwartende eigene – umzugehen. Was er in der modernen Gesellschaft verloren hat, ist das Wissen um diese Ressourcen und in der Folge davon, die Fähigkeit, sie zu nutzen. Während Menschen in früheren Tagen fast immer schon als Kind in Berührung mit Verstorbenen kamen und die entsprechenden Handreichungen und Rituale miterlebten, haben heutzutage viele Erwachsene noch keinen Leichnam gesehen – und entsprechende Berührungsängste. Unsicherheit herrscht – was muss ich jetzt machen? Meist wird das, was nun zu machen ist, an den Bestattungsunternehmen delegiert, das segensreiche, tröstende, helfende eigene Agieren unterbleibt fast immer.

Kuttner erinnert in ihrem Buch an dieses alte Wissen, das in früheren Zeiten eine Domäne der Frauen war. Sie, die Geburt und Tod zuhause erlebten und begleiteten, wussten um Rituale, kannten die aus uralten Zeiten mit ins Christentum übertragenen spirituellen Begleiter, die zu den diversen Heiligen, die jeweils ihre spezifischen Wirkungsfelder im Sterbeprozess hatten. Aus diesem traditionellen Wissen heraus lassen sich auch für die heutige Zeit Rituale, Symbole und Handlungen ableiten, die das erst einmal Unfassbare des Todes erträglich machen. Daß dies nicht nur theoretisches Wissen ist, untermauert die Autorin mit vielen Beispielen. So ist Schwester Tod ein hilfreiches und auch ein tröstliches Buch, es unterstützt und begleitet bei der vorbereitenden Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Sterben und Tod‘, indem es Wissen und Wege zeigt, mit diesem Unglück umzugehen.

Viele Abbildungen lockern den Text, der die beiden inhaltlichen Schwerpunkte, die Kutter gesetzt hat, verzahnt wiedergibt (also nicht nacheinander ‚abarbeitet‘, die Figur der ‚Tödin‘ wird beispielsweise im zweiten Kapitel eingeführt, ihr wird aber auch noch einmal ein eigenes, abschließendes Kapitel am Ende des Buches gewidmet), auf. Diese Verzahnung erschwert es ein wenig, bestimmte Stellen wieder zu finden, andererseits ist das Buch ja nicht so umfangreich, als daß man darin schnell blättern könnte. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis ermöglicht dem Leser einen vertieften Einstieg in bestimmte Aspekte des Themas.

Summa summarum kann Schwester Tod nur empfohlen werden, dieser ‚weibliche‘ Zugang zum Thema ‚Sterben‘ bietet eine Fülle neuer Aspekte und hilft die klaffende Lücke von der gegenwärtigen Sprachlosigkeit hin zum tröstenden traditionellen Umgang mit dem Tod zu überbrücken.

Links und Anmerkungen:

[1] Autorenseite von Erni Kutter:  https://www.randomhouse.de/Autor/Erni-Kutter/p181875.rhd
[2] ein Beispiel für eine Sage, in der Tod und Tödin auftreten ist z.B. hier zu finden: http://www.sagen.at/texte/sagen/oesterreich/kaernten/graber/tod_toedin.html
[3] siehe z.B. hier: http://www.kbl.badw.de/bjv/1954.pdf).
[4] im Kleinen Göttinnen-Lexikon sind viele der alten Göttinnen, die auch Kutter erklärt, aufgeführt und beschrieben: http://www.frauenwissen.at/goettinnenlexikon.php#bethen).

Erni Kutter
Schwester Tod
Weibliche Trauerkultur – Abschiedsrituale – Gedenkbräuche – Erinnerungsfeste
Erstausgabe: Kösel, 2010
dieses Ausgabe: Kösel, Paperback, ca. 200 S., 3. Aufl. 2014

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Leseexemplars

Antoine Leiris: Meinen Hass bekommt ihr nicht

Je ne sais pas qui vous êtes
et je ne veux pas le savoir,
vous êtes des âmes mortes. [2]

hass


Hélène Leiris besuchte am Abend des 13. November 2015 ein Konzert im Pariser Club Bataclan, ihr Mann, Antoine, war zu Hause geblieben, um auf den siebzehn Monate alten Sohn Melvil aufzupassen. Er las, um sich bis zur Rückkehr seiner Frau wach zu halten, fühlte sich durch eintreffende und augenscheinlich nichtssagende SMS gestört, bis er die irritierende Frage las: „Seid ihr in Sicherheit?“. Daraufhin schaltete er den Fernseher ein und erfuhr so von dem Terroranschlag, der im Bataclan stattgefunden hat [3]. Natürlich versuchte er sofort, seine Frau per Handy zu erreichen, was aber nicht möglich war. Ein Freund, der zusammen mit seiner Frau im Club war, ging erst nach vielen Versuchen an sein Handy: „Ich kann dir nichts sagen.

Noch gab es eine verzweifelte Hoffnung, zusammen mit seinem Bruder (einige Familienmitglieder waren mittlerweile gekommen und konnten auf Melvil aufpassen) fuhren sie die Krankenhäuser ab, vergeblich. Langsam sickerte das Wissen ein, daß Hélène tot war, einem sinnlosen Verbrechen zum Opfer gefallen…


Antoine Leiris´ Meinen Hass bekommt ihr nicht ist ein schmales Bändchen, eine Art Protokoll der ersten Tage nach dieser Vernichtung eines Lebens und der katastrophalen Zerstörung eines Lebensentwurfes (mindestens) zweier anderer. Vielleicht nicht mit dem Entschluss, nicht zu hassen, aber möglicherweise mit der Reaktion auf diese Katastrophe steht das Büchlein somit exemplarisch für viele andere Schicksale, die mit diesen Folgen sinnlosen Terrors umzugehen und zu leben haben.

Meinen Hass bekommt ihr nicht ist authentisch in dem Sinne, daß es nicht in der Rückschau entstanden ist. Leiris beschreibt, daß ihm in den ersten drei Tagen nach der Katastrophe die Worte gefehlt haben, er praktisch kaum gesprochen, allenfalls als Antwort auf Fragen ‚geknurrt‘ habe, ich war … nicht fähig zu denken. Aber sie hatten sich, die Worte, doch in seinem Inneren gesammelt und drängten hinaus: Die Worte kommen immer noch. Sie kommen allein, werden bedacht und gewogen, doch ohne dass ich sie zu rufen brauche. Sie drängen sich mir auf, ich muss sie bloß annehmen. Die Frage des Bruders, was er gerade mache: Kopieren, Einfügen, Posten, meine Wörter gehören mir schon nicht mehr, sie sind auf Facebook online gestellt und verbreiten sich in der Tat in Windeseile [2]. An diesem Abend des Eintrags begann Leiris auch mit diesem Buch, möglicherweise, so schreibt er, auch erst am Tag danach: Ich tippe sie ein, um sie zum Schweigen zu bringen, damit sie aufhören, sich zu streiten, und mich schlafen lassen. Sobald sie auf dem Bildschirm erscheinen, betrachte ich sie wie Fremdkörper, ich lese sie, um sie zu verstehen, lese sie noch einmal, um mich zu verstehen, und mag sie endlich. Der letzte Eintrag ist mit dem Datum des 26. November versehen, Antoine Leiris war zusammen mit seinem kleinen Sohn, die Mama, das Grab der Mama, zu besuchen.


In den Aufzeichnungen Leiris´ finden sich alle Gemütszustände, die für die Trauer nach einem solchen Verlust charakteristisch sind: die Verdrängung, Wut, Zorn, Verzweiflung, Vertrauensverluste… Leiris hat im Grunde den Kummer (er unterscheidet explizit den Gemütszustand der ersten Tage nach der Ermordung seiner Frau von dem, was ihn danach erwartet, am 25. Nov. notiert er: Er [i.e. der Kummer] ist schon auf der Suche nach dem nächsten Liebenden, den er quälen kann, er geht weiter und überläßt mich seinem tristen Weggefährten. Der Trauer.)   …. zweier Menschen zu tragen: Melvil, dem kleine Sohn, der seine Mutter natürlich vermisst, muss er die Mutter ersetzen, er muss ihn trösten, mit ihm weinen, ihm sagen, verständlich machen, daß die Mama nie wieder kommen wird….

Leiris erfährt viel Zuwendung anderer Menschen, die Mütter der anderen Kindergartenkinder zum Beispiel kochen für ihn und Melvil. Es ist ihm nicht recht, er glaubt darin die Meinung zu erkennen, daß er der Papa ist, der nie eine Mama sein wird. Der Mann, der nicht alles richtig machen wird, so ganz allein mit einem Baby. … Er spielt diese ‚kleine Komödie‘ jedoch mit, solange sie es brauchen. Beileidsbekundungen der Bestatter beispielsweise scheinen im floskelhaft, dem Beruf geschuldet, nicht ehrlich. Er traut anderen nicht zu, auch zu trauern, um und in dem, was geschehen ist, fühlt sich als Ausstellungsstück, das angestarrt und taxiert wird in seiner Trauer: Man will mich treffen, mit mir sprechen, mich berühren. Ich bin ein Totem …. „The Big One“ … Das Erdbeben, das nur ein- bis fünfmal pro Jahrhundert auftritt. Dabei wäre er doch viel lieber in dem kleinen Kummer-Universum mit seinem Sohn allein, eingekuschelt und umschlungen in der Wärme dieses lebendigen Beweises seiner Liebe und der Weiterexistenz seiner Frau. Doch das Äußere dringt in seine Welt ein, unabweisbar und ‚erinnert ihn daran, daß er keine Wahl hat, daß er noch lebt‘.

Denn das Leben, so trivial die Äußerung ist, geht weiter. Die Beerdigung muß organisiert werden, der Stromableser steht vor der Tür, Melvils Fingernägel sind zu lang…. Melvil, das Baby, das umsorgt werden muss, wird andererseits auch zum Halt für den Vater, er weiß, daß es Papa schlecht geht. Er sieht, wie sich der Abgrund unseres Lebens vor ihm auftut.

Meinen Hass bekommt ihr nicht… es ist auf den ersten Blick etwas irritierend, aber für Leiris sind die ‚Umstände‘ des Tods von Hélène nur zweitrangig, es hätte auch ein Verkehrsrowdy sein können .. ein Tumor.. oder eine Atombombe…. entscheidend ist für ihn ihr Fehlen. Er verweigert sich dem Reflex, einen Schuldigen fest zu machen und zu benennen, denn man denkt an den Schuldigen, um nicht mehr an sich selbst denken zu müssen, man verabscheut ihn, um nicht sein eigenes Leben zu hassen.  

Diese Gedanken an einen bzw. den Schuldigen würden ihn hindern, weil sie ihn beherrschen würden, sie würden ihn blockieren, mit dem eigenen Leben weiterzumachen, weil andernfalls sein und seines Sohnes kommendes Leben gegen diesen Menschen aufgebaut wäre. Aus dieser Fixierung löst er sich bzw. in diese Fixierung geht Leiris gar nicht erst hinein, damit vermeidet er Hass, der schon so viele Leben zerstört hat. Welch eine großartige Einstellung!

Meinen Hass bekommt ihr nicht… ein schmales, aber gewichtiges Buch über grenzenlose Trauer nach einem verabscheuungswürdigen Verbrechen, einer Trauer mit einem Trauernden, der sich dem Hass verweigert, einem Hass, der so verständlich und nachvollziehbar wäre. Ein Dokument über den Versuch, ein selbstbestimmter Mensch zu bleiben und sich nicht vom Hass fremdbestimmen zu lassen, ein Dokument auch über den Schmerz des Alleinwerdens und der Erkenntnis, daß das Leben nicht angehalten werden kann, sondern weitergeht.

Links und Anmerkungen:

[1] Vita des Autoren http://www.randomhouse.de/Buch/Meinen-Hass-bekommt-ihr-nicht/Antoine-Leiris/e510547.rhd#|vita
[2] https://www.facebook.com/antoine.leiris/posts/10154457849999947
[3] zum Übersichtsartikel in der Wiki zu den Anschlägen vom 13. November in Paris: https://de.wikipedia.org/wiki/Terroranschläge_am_13._November_2015_in_Paris

Antoine Leiris
Meinen Hass bekommt ihr nicht
Übersetzt aus dem Französischen von Doris Heinemann
Originalausgabe: Vous n´aurez pas ma haine, Paris, 2016
diese Ausgabe: Blanvalet, HC, 144 S., 2016

Max Porter: Trauer ist das Ding mit Federn

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Der Mann, Dad, den wir später, an nur einer einzigen Stelle des Buches mit Namen gerufen lesen werden ist mit seinen zwei Jungs allein geblieben, die Mutter, Mum, ist gestorben. Ein Buch über Trauer also, über den unendlichen Verlust eines geliebten Menschen, über den Riss im Herzen, das Loch in der Welt, in das es denjenigen, der zurückbleibt, hineinzieht. Oder, wie es Grossmann nennt: dieses aus der Zeit gefallen sein[1].

Bücher, in denen Trauerschicksale geschildert werden, können unter verschiedenen Blickwinkel geschrieben sein. Man kann beispielsweise nüchtern darstellen, wie sich das Leben geändert hat, welche Probleme auftreten, wie man mit seiner Angst, seiner Einsamkeit, dem Schmerz umgeht – oder dies eben auch nicht schafft. Solche Bücher sind eher über die Ratio zugänglich. Man kann aber auch über andere „Kanäle“ vermitteln, was Trauer bedeutet, das oben erwähnte Buch von Grossmann über einen Vater, der um seinen Sohn trauert ist so ein Beispiel und auch dieses Büchlein (es ist sehr schmal und daher schnell gelesen) würde ich ebenso einstufen: es funktioniert über Wahrnehmung, Gefühl und Intuition.

Krähe und Raben (wir sehen eine Krähe auf den Cover abgebildet) gehören zu den Rabenvögeln und bilden dort eine eigene Gattung[2]. Sie sind mythologische Vögel – außer, daß er mit seinem Gekrächze ganz schön nerven kann: Hugin und Mugin sind wohl allgemein bekannt, Träger von Weisheit, auch dem Apoll war ein Rabe heilig. Später dann, im Mittelalter, änderte sich ihr Image, als Galgenvögel waren sie nicht mehr gut angesehen, auch heute haben sie nicht nur Freunde in dieser Welt. Dieser Ambivalenz begegnen wir auch bei Porter, der seinen drei Protagonisten, zuvörderst aber dem Mann, einen Trauerbegleiter der besonderen Art andient: nämlich eine Krähe.

Diese steht eines Abends vor der Haustür und klopft den Verzweifelten heraus. Keine Gestalt, kein Licht, überhaupt nichts Geformtes, bloß ein Gestank. … Ein starker Verwesungsgeruch strömte herein. … Ein blankes, nachtschwarzes Auge so groß wie mein Gesicht, träge blinzenlnd…. Ich gehe erst wieder, wenn du mich nicht mehr brauchst. … Da ist sie also, diese Krähe, unwiderstehlich angelockt vom vereinsamten Nest der Zurückgebliebenen, denn außer in der Trauer findet sie Menschen langweilig. Und sie bleibt fortan in diesem Nest, nistet sich dort ein, denn mutterlose Kinder sind Krähe pur. Und zum ersten Mal seit Tagen konnte Dad wieder schlafen.

Krähe ist ein anarchischer, wilder Trauerbegleiter, der nichts gibt auf die Meinung der anderen … ja, ich fresse Kaninchenjungen, plündere Nester, schlucke Müll, trotze dem Tod…. He, spieß dich auf. Ein scheiß Haufen vergeudete Zeit. Ein Begleiter also, der keine Rücksicht nimmt auf seine Nestlinge, der sie fordert, der sie mit Witz und Wahrheiten konfrontiert, der ihnen Erinnerungen entlockt und auch wieder Mut zu leben. Der ihnen den Tod der Mutter nicht erspart, diesen sinnlosen Tod aus nichtigem Anlass hervorholt aus den verrammelten Dunkelkammern der Seele, in die sie ihn gesperrt hatten, weil er nicht auszuhalten war.

Dad und die Jungs wachsen an diesen Herausforderungen dieses hochentwickelten Fürsorgeprogramms, das stets an den Grad der Genesung angepasst war. (Wollen wir einmal absehen davon, daß „Genesung“ nach Krankheit klingt und Trauer aber keine Krankheit ist), bis sie und Krähe eines Tages erkennen, daß die Trauer zwar noch da ist und sich stetig ändern wird, aber die ursprünglich damit einhergehende Hoffnungslosigkeit ist überwunden: Tauern wirst du weiterhin, aber dazu brauchst du keine Krähe.

Trauer ist das Ding mit Federn ist ein Buch, das man zulassen muss. Ein Galgenvogel selbst, ein Symbol für Tod, übernimmt es, den Überlebenden dabei zu helfen, ins Leben zurück zu finden. Ein Plädoyer dafür, sich seiner Trauer, dem Tod zu stellen, sie/ihn anzunehmen, sich auf sie/ihn einzulassen, sich führen zu lassen auch von der Wahrnehmung dessen, was jetzt gut für einen ist. Krähe zu akzeptieren bedeutet also gleichzeitig, den Tod zu akzeptieren. Das mag der Ratio widersprechen, unvernünftig aussehen, spontan sein und heftig – alles, was die Hoffnungslosigkeit überwinden hilft, ist gut.

Porter hat mit diesem kleinen Büchlein ein ungewöhnlichen, schönen, lebensbejahenden, anarchischen Ansatz gefunden, mit der Trauer um einen geliebten Menschen umzugehen, und ihn auch witzig in Szene gesetzt. Trauer ist sprunghaft, nicht verläßlich – sie kann von einem Moment auf den anderen verschwinden, nur um sich anzuschleichen und sich ein paar Stunden später wieder auf den Menschen zu stürzen. Trauer ist Wut und Dunkelheit, ist Lebenswille und Todessehnsucht, Trauer ist ungerecht und unfair, Trauer ist Erinnerung an das, was war und Angst vor dem, was werden wird, weil der Verlust von Etwas uns nämlich im Innersten trifft: Trauer ist die wohl größte Herausforderung, der wir Menschen als Individuen uns stellen müssen – müssen, denn meist werden wir nicht gefragt sondern von einer Sekunde in die andere in diese neue Lebenssituation gestellt. Dieser Satz in Porters Buch (den ich weiter vorne schon teilweise zitiert habe) hat mir so gut gefallen, denn er beschreibt genau das, worum es beim Trauern geht, was man verstehen muss und deswegen will ich damit auch meine Besprechung dieses empfehlenswerten Büchleins beenden:

Du hast die Hoffnungslosigkeit überwunden. Trauern wirst du weiterhin, aber dazu brauchst du keine Krähe.

Links und Anmerkungen:

[1] David Grossman: Aus der Zeit fallen; https://radiergummi.wordpress.com/2013/02/19/david-grossman-aus-der-zeit-fallen/
[2] Cord Riechelmann hat ihnen in seinem Buch ein würdiges Denkmal gesetzt: Cord Riechelmann: Krähen; https://radiergummi.wordpress.com/2013/07/05/cord-riechelmann-krahen/

Weitere Buchbesprechungen im Umkreis von Krankheit, Sterben, Tod und Trauer sind in meinem Themenblog zusammengefasst:  https://mynfs.wordpress.com

Max Porter:
Trauer ist das Ding mit Federn
Übersetzt aus dem Englischen von Matthias Göritz und Uda Strätling
Originalausgabe: Grief is the Thing with Feathers, London, 2015
diese Ausgabe: Hanser Literaturverlage, HC, 128 S., 2015

Ich danke dem Verlag über die Überlassung eines Leseexemplars.

 

Julian Barnes: Lebensstufen

barnes cover

Lebensstufen von Julian Barnes [1] ist als Buch nicht umfangreich, aber voller Gedanken, die des Lesens lohnen. Der Fesselballon, der auf dem Cover luftig in den blauen Himmel steigt, täuscht ein wenig: auch wenn das Buch unterhaltend beginnt, ist es ein sehr ernstes, nachdenkliches Werk. In drei Abschnitte hat Barnes diesen Text gegliedert, die sich einem langsamen Sinken gleich von der Höhe über die Erde in die Tiefe bewegen.

Die Höhe… Barnes unterhält den Leser mit amüsanten und unbekannten Episoden aus der Ära der Ballonfliegerei. Diese mutigen oder auch tollkühnen Männer ließen sich in wackligen Körben, die unter einem Ballon hingen, durch die Luft treiben. Diese Ballons waren noch nicht steuerbar, wohin man trieb – der Wind war es, der dies bestimmte. Startete man von England aus, dem Heimatland des Autoren, war es nicht unwahrscheinlich, in Frankreich zu landen, wo man bei der Landung für einen Volksauflauf sorgte, in erstaunte, begeisterte Gesichter von Menschen blickte und oftmals zu opulentem Essen animiert wurde. Eine solche Landung, stellte einer dieser Pioniere fest, war in der Normandie deutlich angenehmer als in Essex.

Man sah die Welt von oben, blickte in erstaunte und fröhliche Gesichter winkender Menschen, warf Ballast ab – aber man konnte auch abstürzen. Eine Korkweste sollte den harten Aufprall in die unwirtlichen Nordsee [6] dämpfen, ein Absturz über Land dagegen war oft desaströs. Bis zu den Knien ins Rosenbeet gestampft, die Eingeweide aus dem Leib gerissen und im Garten verteilt – so geschah es einem der Ballonflieger.

Nadar im Ballon, nach: Honoré Daumier, 1869 Bildquelle [B]
Nadar im Ballon, nach: Honoré Daumier, 1869
Bildquelle [B]
Auch Félix Tournachon [5], ein ebenfalls berühmter Flieger, erlitt eine schwere Bruchlandung bei Hannover, die er aber überlebte. Sein Lebenslauf ist in biographische Notizen angeführt. Unter dem Namen Nadar wurde er ein ebenso berühmter Fotograf,  der das Potential solcher fliegender Geräte für die Fotografie erkannte. Das nebenstehende Bild stellt ihn dar bei dem Versuch, Luftaufnahmen zu machen.

Ein anderer tollkühner Ballonflieger, den Barnes uns vorstellt (obgleich er in anderer Hinsicht eine größere Karriere machte) war Frederick Gustavus Burnaby [2], der 1882 den Ärmelkanal überflog und nicht zögerte, sich unter dem ausströmenden Gas eine Zigarre anzuzünden…. aber wesentlicher für das, was Barnes eigentlich in seinem Büchlein erzählen will, ist die heftige Liaison von Barnes mit der göttlichen Sarah Bernardt [3], einer Frau, so zierlich, daß sie im Regen nicht nass werden konnte, da sie zwischen den Regentropfen hindurch schlüpfen konnte. Und eine Frau von ungewöhnlich unkonventioneller Lebensführung, eine Frau, die so frei war, sich ihre jeweiligen Partner aus der Schar der Verehrer ohne Rücksicht auf die Meinung anderer auszuwählen. Und erstaunlicherweise bildeten die Liebhaber, die nicht mehr liebhaben durften, weiterhin ihr Gefolge, einen Kokon, in dem sie sich aufhielt.

Burnaby wurde ihr Liebhaber, mit ihm am Arm verließ Sarah die Abendgesellschaft. Es begann eine Liason, die für die kapriziöse und anspruchsvolle Sarah offensichtlich nur eine unter anderen war, für ihn, der das falsch einschätzte, dagegen schien es Liebe gewesen zu sein. Als er der Verehrten  seinen Antrag machte, antwortete Sarah nicht direkt, sie vertröstete den Hoffenden auf den nächsten Abend, er solle kommen und würde sehen. An diesem kommenden Abend musste Burnaby dann sehen, daß Sarah die Gesellschaft mit einem anderen Mann am Arm verließ. Vielleicht nicht bis zu den Knien in einem Rosenbeet, aber Burnaby war sehr unsanft auf der Erde gelandet, eine Enttäuschung, die er nie wirklich überwand.

Mit dem letzten Abschnitt, dem Verlust der Tiefe, kommt Barnes zum eigentlichen Thema seines Buches, entpuppen sich die beiden vorangehenden, weitgehend heiteren, leichten Abschnitte als Einleitung zu Barnes´ großem, eigenen Thema: dem Tod seiner Frau, bei der 2008 ein Hirntumor festgestellt worden war und die nach kurzer Leidenszeit daran gestorben war. Damit wird die Ballonfliegerei, der damit verbundene Höhenflug, zur Metapher für die Liebe zwischen (den beiden) Menschen. Einer Liebe, die wie jede Liebe immer gefährdet ist, auch wenn man dies nicht wahrhaben will, bei der immer die Gefahr besteht, bis zu den Knien in ein Rosenbeet gerammt zu werden und für die die Korkweste kaum ein Schutz darstellt…

Und weiter wird dadurch die erzählte Episode des Verhältnisses zwischen dem Ballonflieger Burnaby und der Aktrice Sarah zur Vorstufe, zur Etappe für die Schilderung des eigenen Schicksal: auch Burnaby erleidet einen sein weiteres Leben prägenden Verlust, landet unsanft auf der Erde, aber überlebt diesen Crash – wenngleich auch als anderer als vorher.


Die letzten gut sechzig Seiten der Lebensstufen sind also ein Text über den Verlust, eine Schilderung, nein: eher eine Analyse der eigenen Trauer des Autoren, dessen Frau Pat Kavanagh am 20. Oktober 2008 starb [4].

Jede Liebesgeschichte ist eine potentielle Leidensgeschichte

Der Tod seiner Frau zerstört nach dreißig Jahren Zusammenlebens eine offenbar sehr enge Beziehung, Barnes greift hier auf seine Beispiele zurück und verknüpft diese persönliche Katastrophe mit einem vorherigen Abschnitt: für ihn war es wie der Sturz mit einer Korkweste aus einem Ballon in die eisige Nordsee.

Ein Leid wirft kein Licht auf ein anderes.
Leid ist, wie der Tod, banal und einzigartig.
Ein Leid kann ein anderes nicht erklären. 

Barnes durchlebt eine tiefe, schmerzhafte Trauer mit vielen der Phänomene, die man oftmals antrifft. Er empfindet zum Beispiel Wut, daß die Menschen auf der Straße so tun, als ob nicht passierte wäre, wo doch seine Welt gerade zusammengebrochen ist… es ist Wut auf die Gleichgültigkeit des Lebens, das einfach weitergeht, bis es einfach zu Ende ist.

Die Wut richtet sich auch gegen die Freunde, deren Sprachlosigkeit, der Unfähigkeit,das Richtige zu sagen oder zu tun, wegen ihrer unerwünschten Aufdringlichkeit oder scheinbaren Gefühlskälte. Ja, es ist schwierig, einem Trauernden gegenüber die „richtigen“ Worte zu finden, wir sind es nicht mehr gewohnt, spontan auszudrücken, was wir empfinden, sondern überlegen, was in so einer Situation angemessen oder trostreich wäre, etwas, das meistens schief geht: „Und… was hast du jetzt vor? Gehst du auf Wandertouren?“ [7]

Angstzustände treten auf, wenn er zum Beispiel in die Oper geht (die ihm jetzt in dieser emotionalen Ausnahmesituation plötzlich etwas sagt und bedeutet, während sie ihm bis dato immer eher rätselhaft geblieben war): Freunde müssen ihn bringen und mit ihm auf den Platz gehen, erst wenn es dunkelt wird, entspannt er sich. Auch hier ist die Wut auf die Lebensfreude der Menschen im Foyer zu spüren…

Suizidgedanken (leider wird hier wieder der Begriff „Selbstmord“ verwendet), ja, Barnes hat sich genau überlegt, wie er sich töten könnte, da das Leben ohne seine Frau seinen Sinn verloren hat…. aber dann fällt ihm ein Grund ein, diesen Suizid nicht zu unternehmen, ihn zumindest aufzuschieben: mit seinem Tod würde er seine Frau noch einmal töten, denn nun, nach dem körperlichen Tod, lebt sie nur noch in seiner Erinnerung, in seinen Träumen.

Dies ist das übergeordnete Kennzeichen der Trauer von Barnes: sein Bemühen, seine Frau festzuhalten, sie weiter an sich zu binden. Wenn ich die nunmehr vier Jahre ihrer Abwesenheit überlebt habe, so schreibt er, dann darum, weil ich vier Jahre in ihrer Gegenwart verbracht habe. Er spricht von ihrer aktive[n] Fortexistenz in dieser Zeit….

Die Erinnerung an sie ist wichtig, er freut sich, wenn er von Bekannten Details über sie erfährt, was sie gesagt hat, gemacht hat, wie sie sich verhalten hat, die er bisher noch nicht wusste. Barnes spricht mit seiner Frau, unterhält sich mit ihr, um die gemeinsame Sprache, die sich in ihrer Ehe entwickelt hat, die gemeinsamen Scherze und Neckereien, lebendig zu halten. Die Erkenntnis, daß dies in realiter nicht so ist, daß er, wenn er abends nach Hause kommt, niemanden mehr hat, dem er erzählen kann, der ihm zuhört, trifft ihn jedesmal tief ins Herz. Sie fehlt mir bei allem, was ich tue und bei allem, was ich nicht tue.

Die Erinnerungen konservieren gemeinsames, aber es kommt nichts neues hinzu. Und sie verblassen, ändern sich, verlieren ihr Zuverlässigkeit…. an letzte Dinge jedoch erinnert sich Barnes genau: das letzte Buch, das letzte Theaterstück, der letzte Film…. ihr letzter vollständiger Satz. Das letzte Wort, das sie gesprochen hat.

Barnes träumt von seiner Frau, in seinen Träumen ist sie wie sie ganz sie selbst, die Träume sind verlässlicher als seine Erinnerungen. In seinen Träumen ist sie gesund, zumindest ist der Tod nicht nahe…. die Träume sind immer eine Quelle des Trostes.

Trost, wer kann Trost spenden? Gott haben wir getötet und damit auch die trostreiche Vorstellung eines Lebens nach dem Tod. Ebenso wie wir die Unterwelt abgeschafft haben, in der die Toten leben… die Tiefe, die uns bleibt, sind die ungefähr zwei Meter, die der Sarg in die Erde gelassen wird….

Barnes offenbart in diesen wenigen Seiten (es sind kaum sechzig in einem kleinformatigen Büchlein) einen weitgehend analytischen Zugang zu seiner eigenen Trauer. Was hat Schmerz verursacht, was konnte ihn lindern, was hat ihm gut getan, was nicht. Welche Ängste traten auf, wann traten sie auf und wie konnte er ihnen begegnen. Einen großen Raum nehmen, obwohl er lange Zeit brauchte, wieder in die Öffentlichkeit zu gehen, Aussenstehende ein: Beispiele anderer Trauernder, mehr oder weniger geglückte Versuche des Trostsprendens durch Bekannte.

Irgendwo im Text steht die Frage nach dem „erfolgreichen“ Trauern. Besteht es im Erinnern oder im Vergessen. Ist es Stillstand oder Weitergehen? Oder eine Mischung von beidem? Die Fähigkeit, die verlorene Liebe stark im Gedächtnis zu behalten, sich daran zu erinnern , ohne etwas zu verzerren? Die Fähigkeit, so weiterzuleben, wie sie es gewollt hätte..? Und dann?

Was Barnes hier anführt ist meiner Meinung nach eher die („sinnlose“) Frage nach dem „richtigen“ Trauern, das es nicht gibt, jeder trauert anders, jeder Mensch so, wie es sich für ihn ergibt und wie er diesen Prozess auch geschehen läßt oder aktiv in ihn eingreift. „Erfolgreich“ ist er, wenn es gelingt, wieder in ein lebenswertes Leben zu kommen, an dem Freude empfunden wird und Gedanken an einen Suizid nicht existieren. Barnes hat sich für das Bewahren entschieden, das Nicht-Loslassen, das Festhalten seiner Frau. Bezeichnenderweise ist es nach drei Jahren seine Frau, die plötzlich in einem seiner Träume entdeckt, daß das alles ein Traum sein muss, denn jetzt wusste sie, dass sie tot war. Ich habe oben eine Aussage Barnes zitiert, in der er von vier Jahren aktiver Fortexistenz seiner Frau sprach: Heißt dies, daß er auch nach diesem Traum ihren Tod immer noch nicht angenommen hatte?


Viele Gedanken gehen einem nach diesem Buch durch den Kopf. Ein Mensch, der vom Tod der geliebten Frau völlig überrascht worden ist, dessen Lebensentwurf nicht mehr existiert, der jetzt ohne seine „bessere“ Hälfte weiterleben muss (und dieses „muss“ ist für eine gewisse Zeit durchaus wörtlich zu nehmen) setzt sich mit Begriffen wie Liebe, Leid und Trauer auseinander, versucht zu ergründen, was mit ihm geschieht nach dieser Katastrophe. Es ist nicht dieses archaische Trauern, in dem die Verzweiflung sich Bahn bricht, es erscheint mir schon fast ein überhaupt ein Versuch des Ausweichens zu sein vor der Wahrheit, die so offensichtlich ist: ein Ausweichen in die Träume, in denen er seine Frau trifft, als ob nichts geschehen wäre, ein Ausweichen in die Erinnerung, die sehr lebendig bewahrt wird, ein So-tun-als-ob sie da wäre, in dem er mit ihr redet, ihr alles erzählt, mit ihr Fragen bespricht, er auf ihre imaginierten Antworten hört.

Die Grabstelle von Pat Kavanagh in Highgate Cemetery (Aufnahmedatum: 8.5.15) Bildquelle: [B]
Die Grabstelle von Pat Kavanagh in Highgate Cemetery (Aufnahmedatum: 8.5.15)
Bildquelle: [B]

Was ist (dies geht jetzt über das Buch hinaus) zwischen 2012, dem Zeitpunkt, an dem Barnes seinen Text geschrieben hat, und 2015 geschehen? Bei der bei mir üblichen „Recherche“ im Umfeld habe ich im Wiki-Artikel zu Pat Kavanagh [4] dieses nebenstehende Foto ihres Grabes vom Mai 2015 gefunden. Ich war irritiert, das Grab wirkte für mich im ersten Moment so, als sei es schon lange nicht mehr besucht worden, geschweige denn, „in Ordnung“ gehalten worden. Es scheint mir auch nicht „in Würde verwildert“ und gealtert…. Wie passt das zusammen mit dem, was Barnes beschrieben hat über sich, seine Trauer, sein Leid, seine Verzweiflung… ? Ich finde darauf keine Antwort…


Mein Resümee zu diesem Buch, es fällt mir schwer. Dem allgemein zu lesenden Lob kann ich mich so nicht ohne weiteres anschließen. Für mich ist das Buch nicht rund, zu heterogen. Dem Autoren mag sich der innere Zusammenhang der so unterschiedlichen Abschnitte erschließen, dem Leser bleibt er weitgehend unbekannt. Natürlich ist das Bild von der Liebe als Ballonfahrt, bei der man nicht weiß, wo man landet und bei der man sehr wohl auch verunglücken kann, schön und Barnes verweist in seinem letzten Abschnitt ja auch mehrfach auf dieses Bild: nur, daraus eine eigene Textpassage zu machen, die zwar in sich sehr gelungen ist, die aber im Zusammenhang des Buches merkwürdig deplatziert wirkt, irritiert. Analoges gilt für den Mittelabschnitt mit der unglücklichen Liebesgeschichte des Fred Burnaby mit Sarah Bernardt: auch diese Passage ist für sich genommen ein Lesevergnügen, doch was will der Dichter uns mit seinen Worten wirklich sagen? Mir jedenfalls ging es so, daß ich mich, als ich den Hauptteil, das Kapitel über seine Trauer, zu lesen anfing, an eine Situation erinnert fühlte, in der man mit seinem Gegenüber etwas wichtiges zu besprechen hat und erst einmal eine Zeit mit Small Talk verbringt, um sich auf das Eigentliche vorzubereiten.

Ich will damit jetzt nicht vom Buch abraten, im Gegenteil, auch in den Lebensstufen zeigt sich Barnes als Meister seines Faches, als pointierter Erzähler, den zu lesen ein Vergnügen ist. Für mich ist es jedoch eher ein Erzählband mit drei Geschichten gewesen, die nur sehr locker miteinander verknüpft sind. Wobei die ersten beiden Abschnitte eher amüsant und unterhaltend sind, während die Schilderung der persönlichen Lebenssituation Barnes´ nach dem Tod seiner Frau sehr intensiv ist und nachdenklich macht.

Links und Anmerkungen

[1] Homepage des Autoren: http://www.julianbarnes.com bzw. Wiki-Artikel über Julian Barnes:  https://de.wikipedia.org/wiki/Julian_Barnes
[2] Frederick Gustavus Burnaby  https://de.wikipedia.org/wiki/Frederick_Gustavus_Burnaby
[3] Sarah Bernhardt:  https://de.wikipedia.org/wiki/Sarah_Bernhardt
[4] ein Nachruf auf Pat Kavanagh in der NYT: http://www.nytimes.com/2008/10/23/books/23kavanagh.html?r=0 bzw. der Artikel über sie in der Wiki:  https://en.wikipedia.org/wiki/Pat_Kavanagh(agent)
[5] Wiki-Artikel über Gaspard-Félix Tournachon bzw. Nadar:   https://de.wikipedia.org/wiki/Nadar
[6] Im Text steht hier recht ungewöhnlich und irritierend „Deutsches Meer“, eine wohl wörtliche Übersetzung des englischen „German Sea“.
[7] In seinem Erzählband Unbefugtes Betreten hat Barnes eine Geschichte aufgenommen, in der ein Witwer genau das macht, wandern, und die Frage untersucht wird, ob man die Verbindung mit einem kürzlich verstorbenen Partner aufrechterhalten kann, wenn man versucht, das gemeinsame Leben – jetzt allein – zu wiederholen? Ein Mann fährt nach dem Tod seiner Frau allein auf die gemeinsame, einsame schottische Insel.  (https://radiergummi.wordpress.com/2014/10/05/julian-barnes-unbefugtes-betreten/)

Bildquellen [B]:

Nadar: https://de.wikipedia.org/wiki/Nadar; Bild gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist.
Grabstelle: [4]: Wiki, dort sind Angaben der Lizenzbedingungen zu finden]

Julian Barnes
Lebensstufen
Übersetzt aus dem Englischen von Gertraude Krüger
Originalausgabe: 
diese Ausgabe: Kiepenheuer & Witsch, HC, ca. 144 S., 2015