Connie Palmen: Logbuch eines unbarmherzigen Jahres

5. Mai 2013

Achtundvierzig Tage nach dem Tod ihres Mannes Hans von Mierlo beginnt die niederländische Schriftstellerin Connie Palmen damit, Notizen über ihre Existenz nach diesem Verlust festzuhalten. Obwohl sie das Genre des „Tagebuch“schreibens nicht liebt, ist es für sie in dieser Situation die einzige Möglichkeit, sich zu artikulieren. Zu der gedanklichen Strenge und Konsequenz, nach der ein Roman mit seiner Struktur, seinem inhaltlichen und konzeptionellen Gerüst verlangt, ist sie nach diesem Schicksalsschlag nicht fähig. Im Gegenteil sollen ihr die Aufzeichnungen, die sie bewusst „Logbuch“ nennt, ihrerseits eine Struktur zur Hand geben, ein Log sein durch ihre Trauerzeit.

„Es gibt nur noch Wörter, die mit „Un-“ und „Ent-“ anfangen, als Wörter, die sich von etwas zu lösen, die etwas nicht zu sagen versuchen.“

entnervt, entartet, entgeistert, ungeheuerlich, entortet……

Wie Grossmann ist Connie Palmen aus der Zeit gefallen, aus der Welt gefallen, steht sie kurz davor, auch aus dem Leben zu fallen. Sie erlebt zum zweiten Mal in ihrem Leben den Verlust eines Menschen, den sie mit einer Intensität liebt, die auf dem Umschlagtext als symbiotisch bezeichnet wird. Das „Logbuch eines unbarmherzigen Jahres“ ist ein „Witwenbuch“ (diesen Term gebraucht sie selbst), ihr zweites nach „I.M.“, in dem sie das Leben und auf wenigen Seiten auch die Trauerzeit nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes Ischa Meijer beschreibt [1]. Im Gegensatz zu Ischa Meijer starb der deutlich ältere als sie Hans von Mierlo nach einem längeren Krankenhausaufenthalt, bei dem sich durch die stete Verschlechterung seines Zustandes der Tod als zu erwartend abzeichnete – auch wenn seine Einlieferung ursprünglich nur einer Untersuchung seines Gesundheitszustandes galt. Um so schwerer fiel die Annahme dieser Tatsache natürlich,  zumal es noch eine kurze Periode der Besserung Hoffnung gab, die wiederum nach kurzer Zeit aufgegeben werden musste.

Hans von Mierlo, einer der beliebtesten Politiker der Niederlande, der in vielen Funktionen auch Ministerverantwortung getragen hatte, hatte sich in den achtziger Jahren durch eine Bluttransfusion mit Hepatits C infiziert, was zu einem Leberkrebs bei ihm führte. Im Jahr 2000, zu diesem Zeitpunkt waren Connie und er schon ca. anderthalb Jahre ein Paar, wurde ihm eine „neue“ Leber transplantiert. Die Transplantation gelang zwar, aber die Immunsuppressiva, die er einnehmen musste, riefen langfristig ein Leberlymphom hervor. Hans von Mierlo starb am 11. März 2010, nachdem Connie Palmen (die nachfolgend kaum fassen konnte, daß sie diese Entscheidung getroffen hatte) weitere Untersuchungen und Behandlungen ihres Mannes abgelehnt hatte. Wenige Monate zuvor, am 11. November 2009, hatten die beiden geheiratet.

2010 war das annus horibilis der Familie Mierlo/Palmen, im näheren und weiteren Umfeld, auch in der Familie häuften sich die Todesfälle, Dieter Wunderlich hat sie akribisch zu einer erschreckenden Liste zusammengefasst [2]. Wer hält so etwas aus, jeder Trauerfall, jeder Verlust ein erneutes Einstürzen der eigenen Welt, eine zu ertragende Verletzung der Seele und des eigenen Willens zum Leben? Auf fast makabre Art und Weise dokumentiert Palmen am Ende des Buches die um ein Jahr versetzte Sterbephasen von Vater und Tochter, von Hans und Marie, der sie sehr nahe stand, die beide am Non-Hodgkin-Lymphom starben, in dem sie ihre Aufzeichnungen für jeweils das gleiche Datum parallel wiedergibt…

Neununddreißig Kilo, Kiefersperre, Mund in Fetzen, Rachen in Brand, Magen greint, Darm jammert laut vor Leere, Herz rast, klopft, pumpt wie verrückt. Innen durch und durch kalt, außen perlt der Schweiß…

Beim Anlesen des Buches, auf der ersten Textseite dachte ich, es wäre die erschütternde Beschreibung Hans von Mierlos in seinem Sterben. Erst beim Lesen habe ich gemerkt, daß es sich bei dieser Beschreibung um die von Connie Palmen handelt. Der Seelenschmerz ist körperlich geworden, hat sich eingenistet in allen Winkeln, ist dabei, das eigene Sein zu zerstören. Wie kann ein Leben weitergehen ohne den geliebten Menschen: es scheint unmöglich. Und von Tag zu Tag, unmerklich vllt zuerst, aber unabänderbar schwindet die Erinnung an ihn. Connie Palmen sammelt fast manisch alles, was an Notizen, Aufzeichnungen, Bemerkungen ihres Mannes zu finden ist, seine Tagebücher, Zettel, Bilder…. jedes Stück Papier, das er einmal in den Händen hatte, ist ihr wertvoll, weil es eine Spur von ihm ist, die ihr erhalten geblieben ist… und doch… im Lauf der Wochen, der Monate verblasst Erinnerung, wird unpräzise, konzentriert sich auf besondere Momente, vermischt sich mit erzählten Erinnerungen anderer, ändert sich… Das Buch Palmens ist auch ein Versuch, gegen dieses Vergessen anzuschreiben, es zu überlisten [3]. Wählt sie in I.M. das romanhafte als Genre, also die Fiktionierung, versucht sie hier – auch weil nur dies ihr möglich ist – durch den Tagebuchcharakter die „Wahrheit“ festzuhalten.

So sehr Palmen mit ihrem Logbuch auch die Erinnerung aufrecht halten will, so flieht sie sie andererseits auch. Ihren Anmerkungen nach scheint sie viel zu trinken, zu viel, teilweise hat sie sich nicht mehr im Griff, fällt auf, wacht des Morgens auf der Couch in ihrer Wohnung auf, ohne zu wissen, wie sie dort hingekommen ist. Sucht als Flucht, der Zustand des Betrunkenseins auch als Zustand eines kleinen Todes, eines Vergessens, einer Isolation von der Welt und damit einer „Nähe“ zum Geliebten, der der Welt auch entrissen ist…. Dies ist Palmen bewusst, sie fügt den Text einen Essays von ihr zum Thema „Süchte“ in den Buchtext ein, in dem sie auch eigenes Suchtverhalten analysiert: „Süchte sind bezahlte Freundschaft„, ein Johnny Walker verläßt dich nie.

Im Umschlagtext zum Buch wird die Beziehung zwischen Palmen und von Mielo als „symbiotische Liebe“ bezeichnet, womit die wechselseitige Nähe, u.U. sogar Abhängigkeit der beiden voneinander charakterisiert wird. Ganz abgesehen davon, daß man dies natürlich im Grunde auch aus der Sicht des Verstorbenen beurteilen müsste, ist mir persönlich das Wesen der Liebe, wie sie Connie Palmen erfährt und lebt, noch ein paar Bemerkungen wert.

Dass es [1.e. der Tod des geliebten Menschen] so desaströs für dich selbst ist, kommt daher, dass du ohne einen anderen kein Selbst hast und, in der Liebe, dein schönstes Selbst in seinen Händen liegt.“

Es ist dieses Bild Platons vom Kugelmenschen, auf das Palmen in I.M. selbst bezogen hat [1], das mir auch hier wieder in den Sinn kommt: zwei Individuen, die ihre Individualität in gewissem Sinn in der Vereinigung aufgeben und sich durch die Beziehung zu dem jeweils anderen definieren. Liebe ist, Palmen sagt dies so, Selbstaufgabe: „Tas [i.e. ihr Analytiker] gegenüber gestehe ich, dass ich nie gedacht hätte, jemals wieder einen Mann so lieben zu können, und daß ich nun erneut auf meine Selbstständigkeit pfeife.“ Das christliche (und wunderbare) Gebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ ignoriert Palmen, sie liebt sich nicht mehr selbst, sondern nur noch in  ihrer Liebe zu diesem einen Menschen. So kommt auf Palmen ausser der katastrophalen Verlusterfahrung durch den Tod des Geliebten auch die Tatsache zu, daß sie, die sie ihr Glück, sich selbst über diesen Menschen definiert hat, jetzt ohne eigenes Selbst – und damit einen eigenen Sinn – in die Welt geworfen ist: „Eines Abends bitte ich ihn [i.e. den Bruder, der auf sie aufpasst] um die Erlaubnis, sterben zu dürfen. Er verweigert sie mir. Okay, sage ich, dann nicht.“ Dieses sich „so sehr an etwas zu hängen„, sich abhängig zu machen von etwas, ist ein Wesenzug Palmens, vor dem schon die Mutter das Kind Connie warnte….

*****************

Das Logbuch hat als Tagebuch natürlich keine Handlung, aber im Verlauf des beschriebenen Jahres zeigt sich die Entwicklung des Seelenzustandes von Connie Palmen. Sie lernt, sehr schmerzhaft und mühsam, wieder zurück ins Leben zu kommen, das Haus wieder zu verlassen, Kontakte mit Menschen aufzunehmen, auch wieder in die Öffentlichkeit zu gehen, ihren Alkoholkonsum zu drosseln. Und immer wieder die Tode anderer, naher Menschen, obwohl man das Gefühl hat, daß dieser eine Tod so gewaltig für Palmen ist, daß die anderen den Schmerz kaum noch vermehren können. Aber das mag ich auch falsch aus den Aufzeichnungen heraus interpretieren.. der Tod der geliebten Stieftochter Marie jedenfalls, ein gutes Jahr nach ihrem Vater, also in einer Zeit, in der Palmen wieder ins Leben zurückgekehrt war, war noch einmal ein großer, tiefer Verlust, die zu erdulden war….

Trost und Verständnig findet Palmen in Büchern, Aufzeichnungen, Protokollen anderer, vornehmlich Schriftsteller [5], die ihrerseits Tode von nahen Menschen in ihr Leben integrieren mussten. Jetzt, selbst in dieser Situation, versteht sie die Gedanken, die sie dort findet, die Seelen- und Zustandsbeschreibungen, die Bekenntnisse der Unfähigkeit zu diesem und jenem, dem Schreiben zum Beispiel… was Palmen nie verliert, ist ihre Fähigkeit zur Reflexion, zur Analyse des eigenen Verhaltens, der eigenen Situation. Das Wesen der Trauer, des Verlustes, der Liebe… im Verlauf der Zeit, d.h. des Buches nehmen Erinnerungen an das frühere gemeinsame Leben mit von Mierlo mehr Raum ein, man merkt, daß Palmen immer besser in der Lage ist, den Schmerz, den diese Erinnerungen hervorrufen, zu ertragen und durch das Niederschreiben zu bewältigen. Auf diese Weise teilt sie mit uns als Lesern wichtige Stationen in ihrem gemeinsamen Leben mit ihrem Mann, oft knüpft sie dies an das gleiche Tagesdatum des Logbuchschreibens an.

Beim Lesen des Buches taucht unwillkürlich die Frage auf: Musste es in dieser Offenheit und ungeschönten Realität geschrieben, veröffentlich werden? Connie Palmen gibt darauf selbst eine Antwort, daß dieses Buch über ihre Trauer geschrieben musste, weil das Thema – ungesagt – sonst immer zwischen ihr und jedem anderen Text gestanden hätte, den sie hätte schreiben wollen. Dieses Buch ist die Last auf ihrer Seele, die sie jetzt mit uns Lesern zusammen getragen weiß. In diesem Zusammenhang reflektiert sie ebenfalls generell über die Frage der Öffentlichmachung eines derart intimen, privaten Ereignisses wie des Todes eine geliebten Menschen, seiner Beerdigung, der Trauer der Zurückbleibenden… in einem Essay, der als Einleitung für ein Fotobuch gedacht war, gibt sie ihre Gedanken über die (auch wechselseitige) Beziehung zwischen Fotographen und Fotographierten wieder. Sie knüpft dies u.a. an die seinerzeitig kontroverse Diskussion um das Bild an, welches Annie Leibowitz von ihrer verstorbenen Lebensgefährten Susan Sonntag veröffentlich hat [6]. Ihr selbst sind die Schnappschüsse, die von ihr und den Ihren in ihrer Trauer gemacht wurden, wichtig, sind es doch zum Teil die letzten bildhaft fixierten Erinnerungen, die es gibt….

Palmen erwähnt an einer Stelle in ihrem Buch die „archaischen“ Trauerriten, die in manchen Kulturen noch praktiziert werden: das Schreien, das Sich-die-Haare-raufen, das hemmungslose Weinen, das sich – in unserem Verständnis oft als ein sich gehen lassen empfundene – nach außen hin offenbaren [7]: in diesen Momenten spürt man keinen Schmerz, man ist Schmerz, der Schmerz ist nichts mehr, was von außerhalb auf einen einwirkt, er ist in den tiefsten Winkel der eigenen Seele gewandert und hat sich mit ihr vereinigt… man kann diesen Schmerz nicht mehr lokalisieren, er ist allgegenwärtig geworden, hat die Kontrolle über Körper und Seele übernommen… Vielleicht ist das Öffentlichmachen eines solchen sehr privaten, teilweise intimen Textes für einen „Literaten“ das Pendant zu diesem Herausschreien des Schmerzes, man muss ihn nicht nur für sich niederschreiben – damit bleibt er ja immer noch in der eigenen Sphäre -, nein: er muss hinausgeschrieen werden in die Welt, er muss entlassen, verscheucht, vertrieben werden, in dem ich ihm ein Ventil gebe, durch das er entweichen kann: schreien oder schreiben….

„Das Logbuch eines unbarmherzigen Jahres“ ist beides: ein erschütterndes Dokument dessen, was ein Mensch an Verlusten erleiden kann, wie nahe Trauer einen Menschen an die eigene Vernichtung führen kann. Es ist aber auch ein Zeugnis dafür, daß man dies überlebt, daß man ins Leben zurückfinden kann, daß man lernen kann, mit dem Schmerz, der immer da sein wird, wenngleich es im Lauf der Zeit anders weh tun wird, zu leben, ihn als Bestandteil des eigenen Lebens zu akzeptieren.

Wer dieses Buch liest (hoffentlich viele), muss sich bewusst sein, daß es eine schwierige Lektüre ist, die auch den Leser selbst mit einbezieht. Denn selbstverständlich kann man solches nicht lesen ohne auf Gedanken zu kommen, wie ginge es dir selbst, wie würdest du reagieren, handeln oder auch nicht handeln, wie würdest du fühlen, was würdest du machen: wie sähe deine eigene Trauer aus, wenn ….

Links und Anmerkungen:

[1] Connie Palmen, I.M., Diogenes, Buchbesprechung hier im Blog
[2] http://www.dieterwunderlich.de/Palmen-logbuch-unbarmherzigen-jahres.htm#inhaltsangabe
[3] Video-Interview mit Connie Palmen im SRF: Connie Palmens erschütternde Abschiede von ihren Lebenspartnern, Kulturplatz, 23.01.2013
[4] Kurzbiographie von Hans von Mierlo aus der Wiki
[5] hier kann man das Logbuch fast als Sammlung von Literaturhinweisen zum Thema nutzen….
[6] vgl. David Rieff: Tod einer Untröstlichen, Buchvorstellung hier im blog
[7] ich habe dies einmal erlebt, als ich einer türkischen Familie die Nachricht vom Unfalltod ihres Sohnes (mit)überbringen musste: man wird von dieser Wucht des Schmerzes, der Trauer, der Verzweiflung, die sich vor einem ausbreitet, schier überwältigt und es ist nicht ganz einfach, damit umzugehen, wenn man plötzlich (als Bote) Teil dieses Geschehens geworden ist….

Buchvorstellungen hier im blog zum Thema Verlusterfahrung und Trauer

– David Grossman: Aus der Zeit fallen
– Wolfgang Hermann: Abschied ohne Ende
– David Rieff: Tod einer Untröstlichen
-Anna Mitgutsch: Wenn du wiederkommst
– Lisa-Marie Dickreiter: Vom Atmen unter Wasser
– Georg Diez: Der Tod meiner Mutter
– Connie Palmen: I. M., Ischa Meijer, In Margine, In Memoriam

sowie allgemein in der Kategorie: Krankheit/Sterben/Tod/Trauer

Connie Palmen
Logbuch eines unbarmherzigen Jahres
diese Ausgabe: Diogenes, HC, ca. 265 S, 2013
Erstausgabe: Amsterdam, 2011

3 Responses to “Connie Palmen: Logbuch eines unbarmherzigen Jahres”

  1. Claudia Says:

    Prima, ohne dieses Blog wäre ich nicht auf das Buch gekommen. DANKE!!

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  2. dasgrauesofa Says:

    Ich freue mich, dass Dich dieses Buch offensichtlich sehr beeindruckt hat, so dass Du ihm viele Leser wünscht.
    Viele Grüße, Claudia

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