Phoebe Müller: Red Light

25. Juni 2015

Dieser rote Schriftzug „Ella exclusiv“ fasziniert sie, seit langer Zeit. Diese rote Leuchtschrift an dem Haus mit den rot verhängten Fenstern und der schwarzen Tür mit einen Löwenkopf als Klopfer, die hinein führt… Es dauert lange, aber dann packt der Sog die Protagonisten so sehr, daß sie diese Tür öffnet und die Bar betritt…

Red Light ist ein Roman und damit Fikion. Das muss man im Hinterkopf behalten, denn der Text beginnt im Grunde wie ein Bericht über etwas, was so geschehen ist, ist selbstbezüglich, eine Eigenschaft, die oft in einer logischen Schleife endet, die nicht aufzulösen ist. Die Autorin bzw. eine Ich-Erzählering sitzt bei ihrer Verlegerin und versucht, ihr ein Projekt schmackhaft zu machen. Die Verlegerin zögert, ist nicht überzeugt, stimmt aber letzten Endes zu: Aber verpack das Ganze wenigstens ein bischen sexy. Natürlich sagt die Autorin dazu ja, obwohl sie alles andere im Sinn hat als sexy zu schreiben, vielmehr wollte ich Denkmale setzen für jene, die ich kennengelernt hatte. Am meisten aber wollte ich mich selbst befreien aus der Anziehungskraft, die es immer noch auf mich ausübte.

mueller - cover

Samantha („Sam“) steht hinter der Theke, sie ist so etwas wie die Geschäftsführerin und Bezugsperson für die Frauen, die bei ihr arbeiten, in Personalunion. Von ihr bekommt Elisabeth eine erste Einweisung in grundlegende Regeln des Metiers wie zu Beispiel zum Umgang mit Alkohol, keine Küsse oder nie ohne Gummi…. die Hälfte des Umsatzes, für den sie sorgt, ist ihr.

Am ersten Abend versaut sie´s. Ein einfacher Kunde, ein Stammkunde, von dem die anderen Frauen in der Bar wissen, was er will, aber sie reagiert nicht auf ihn, weil ihr der Mut für den letzten Schritt noch fehlt… Sekt, der dem abhelfen soll, ein Cocktail, von Sam gemischt mit praktisch keinem Alkohol …der zweite Versuch, ein neuer Kunde, Machmud, jetzt muss sie es schaffen, sonst…. Sam hilft ihr, sagt ihm, sie sei neu, sogar ganz neu, noch nie in einer Bar und er solle lieb sein. Später wird sie den Code für „lieb sein“ erfahren… Machmud ist nicht sonderlich zufrieden, aber er war lieb und es war ja ihr erstes Mal…

Sam muss mal weg und Nora, eine der anderen Frauen vertritt sie hinter der Bar. Ihr Cocktail, den Elisabeth runterkippt, ist anders gemischt… Sie geht mit zwei Männern auf einmal in eins der Separées, der (zu)viele Alkohol vernebelt ihr die Sinne ein wenig, nimmt ihr jede Hemmung und läßt sie die Spielregeln vergessen.. Sam sieht die Bescherung und ist sauer auf sie, sie jedoch rennt auf´s Klo und muß sich übergeben.. zu Hause will sie sich den Schmutz, das Schmierige abwaschen und vergessen, doch vergessen ist nicht, eine seltsame Erregung hält sie trotz allem wach…

Es ist nicht so, als ob Elisabeth der unentdeckte Star der Bar würde, eine „Belle de Jour“, die heißbegehrt von Gast zu Gast ginge, im Gegenteil. War ihr bisher Sex(ualität) etwas, was geschieht, so wie sie es mit ihrem Freund erlebt, das sich berühren, das Heißwerden, die schneller werdende Atmung, der Schweißfilm auf der Haut, das Keuchen, die Lust, so lernt sie hier, daß Sex etwas ist, was man machen muss. Sie muss die Männer animieren, ihnen etwas vormachen, sie darf nicht vergessen, zu keuchen, zu hecheln, zu stöhnen, anzustacheln, zu loben – spüren muss sie nichts, weder sie noch die anderen Frauen in der Bar. Aber das ist ein Problem für sie (später einmal wird ihr Irina sagen, sie nähmen den Sex zu wichtig), die Neue, die angetan mit Latexklamotten als schüchterne Prinzessin auf dem Barhocker sitzt und wartet, daß sie angesprochen wird, ein Bonus, den die Zeit auffressen wird…

Elisabeth lebt sich ein, lernt die Mädchen, ihre Kolleginnen kennen. Biggie beispielsweise mit den Schleudermelonen, deren riesiges Dekolleté Zielfläche ist für ihre Stammgäste, der Sex selbst ist ihr egal und sie freut sich über das leicht verdiente Geld. Moni, die süße Kleine, die immer liebenswert ist und keine Konflikte mag, Nora, die undurchsichtig bleibt und mit der sie nicht warm wird, Irina mit den schwarzen Haaren, in denen Goldreifen steckten, den Pluderhosen, und dem exotischen Gerucht und die dunkelhäutige Loreen, die, wenn sie keinen Gast hat, Bücher über Computerprogramme studiert..

Aufgeputscht von dieser Mischung aus sexueller Spannung, Beschämung und Verletzlichkeit schien ich im Bett geradezu zu explodieren, ich krallte mich an Erik, als wollte ich den Satan mit Beelzbub austreiben… der Sex mit ihrem Freund, wird heftiger, intensiver, Erik nimmt die wachsende Intensität mit Freuden war, hinterfragt sie aber nicht. Seine Komplimente helfen Elisabeth, ihr sexuelles Selbstbewusstsein wieder aufzubauen, die Frage, wie sie ihre Talente, die sich zusammen mit Erik so mühelos entfalten, zum Job bei Sam transferieren kann, treibt sie um…

Sie ist und bleibt spröde, das sinnfreie small talken mit den Gästen liegt ihr nicht. Aber die Grenzen dessen, wozu sie bereit ist, verschieben sich allmählich nach außen, sie wird offen für Sonderwünsche und die letzten Tabus, die sie hat, sind nicht mehr fest gegründet. Elisabeth macht das, was sie schon als Kind beherrschte, sie trat quasi aus ihrem Körper heraus und betrachtete das, was ihm geschah, von aussen….

Ella ist ihre emotionale Heimat geworden, das sich Geborgenfühlen bei Sam, die schummerige Atmosphäre, das warme Rot, die Gerüche, die durch die Luft wabern hüllen sie ein wie ein schützender Kokon. Was sie dort treibt, diffundiert immer mehr in ihr Tag-Leben. Wenn sie mit Erik schläft fängt sie an zu berechnen, wieviel sie bei Sam für so eine Nummer kassiert hätte….  – es ist der Moment, in dem sie aufhört, mit ihrem Freund ins Bett zu gehen…  die Mädchen kommen ihr näher, einmal im Monat treffen sie sich zum Mädchenabend mit Sekt, Kuchen, Wollsocken und Pretty Woman… albernes Gegickel und Gelache, kuschelig und warm…

Je mehr Gäste sie bedient, desto wahrscheinlicher wurde es: man begegnet sich auch ausserhalb der Bar, entweder schauen beide verschämt in eine andere Richtung, es gibt aber auch Männer, von denen sie frech angegrinst wird – obwohl die Ehefrauen dabei sind. Zum großen Knall kommt es aber letztlich aus einem anderen Grund: Ein Kunde der Agentur, für die sie tagsüber arbeitet, betritt Ellas Bar…. Du nimmst den Sex einfach viel zu wichtig. Irinas Worte gehen ihr nicht aus dem Sinn…

Elisabeth versucht mit großer Selbstdisziplin einen neuen Anfang. Erik trennt sich von ihr in inniger Feindschaft. Was hat sie erwartet, als sie ihn in groben Zügen in ihr Doppelleben, ihr Ella-Leben einweihte? Yoga-Kurse, ein anderer Mann an ihrer Seite, der eher Heiler ist als Geliebter, und doch – immer wieder diese dunkle Sehnsucht in ihr nach Ella

Ich hatte versucht, das rote Licht zu ergründen
und es war nichts dahinter gewesen.
Es hatte mir nur einiges über mich selbst gezeigt.


Müller treibt dieses Spiel um ihrer Geschichte mit großem Geschick: Was mich und wahrscheinlich auch die Leser, natürlich brennend interessiert, ist, ob diese ganze Geschichte denn auch authentisch ist. Ich meine, gibt es diese Personen wirklich… wird die Ich-Erzählerin von ihrer Verlegerin gefragt und diese Ich-Erzählerin selbst bekennt Sorge vor den Parallelen, die Eltern und Freunde unweigerlich zu [ihrem] eigenen Leben ziehen würden. Diese Gespräche mit der Verlegerin sind praktisch so etwas wie die Rahmenhandlung von Elisabeths Geschichte, die Durchmischung eines real anmutenden Buchprojekts der Ich-Erzählerin (dessen Ergebnis zumindest real und von Müller geschrieben, käuflich ist) und einer – was jetzt die Frage ist – fiktiven Geschichte: das „brennende Interesse“ (wie die Verlegerin es formuliert) des Lesers ist geweckt.

Red Light ist ein Roman, also Fiktion. Er schickt eine Frau auf einen Selbsterkundungstrip der besonderen Art, er läßt sie sich in den Sog stürzen, den das Rotlicht, die käufliche Sexualität auf sie ausübt. Bei Ella, das hatte Elisabeth gelernt, wurde kein Sex verkauft, nicht einmal annähernd. Was dort verkauft wurde, gab es nicht einmal…. es war weniger als eine Illusion. Es war das kurzzeitige Vermieten der eigenen Körperöffnungen zur Benutzung durch die Freier, die hier euphemistisch Gäste genannt wurden. Und ähnlich, wie man sich früher in den Kneipen bei der Juke-Box seine Musik aussucht und das Geld einwarf, so bekamen die Gäste hier das zu hören, wofür sie bezahlten: Du machst es mir gut, ja, mach weiter, mir kommt´s… Die Frauen als Projektionsflächen, die den Männern das Gefühl geben, was Verbotenes zu machen, tolle Typen zu sein. Sie bilden sich ein, daß sie .. was ganz Spezielles geboten kriegen, weil sie dafür bezahlen… erklärt Biggie einer Ehefrau, die eines Abends auftaucht, um zu schauen, wo sich ihr Mann während seiner angeblichen Überstunden herumtreibt..

Es ist traurig und deprimierend, es ist desillusionierend – ganz so wie es Elisabeth erfahren hat. Für das Geld, das die Frauen bekommen, bieten sie Selbstüberwindung und Aufgabe ihrer Persönlichkeit. Sie sind austauschbar, ist eine von ihnen indisponiert, kann jederzeit eine andere für sie einspringen, den Männern ist es fast immer egal. Die Frauen müssen den ekligen Geschmack der Gummis ertragen, den Geruch des Tages, den die Freier mit sich tragen, aus dem Mund, unter den Achseln, in der Kleidung, am Geschlecht… sie müssen sich laue Entschuldigungen und Erklärungen anhören über ihre Ehefrauen und die ewig gleich dumme Frage: was macht so jemand wie du hier? Und doch besteht dieser nicht erklärbare Sog für die Protagonistin, ist Ella mehr als nur Funktionalisierung und Vermarktung ihrer sexuellen Möglichkeiten: es ist das Gefühl einer Geborgenheit unter Gleichgesinnten, einer Art Heimat, die beschienen wird von einer roten Sonne und in der sie angekommen ist. Eine Heimat, die gleichzeitig ein Gift ist, das sich langsam durch ihr gesamtes Leben frisst, ihre Persönlichkeit verändert, Relationen und Maßstäbe verschiebt, das Private zerstört.

Elisabeths Abschied vom Rotlicht ist ein Entzug und es ist nicht klar, ob sie wirklich gefestigt ist gegen die Anziehungskraft des Rotlichts.

Ich bin eine Motte.


Red Light von Müller ist kein erotischer Roman, obwohl er im Milieu spielt. Obwohl er fast durchgängig von Sex handelt, ist dies nicht das eigentliche Thema des Buches, dies ist vielmehr die Persönlichkeit der Protagonist und deren Entwicklung. Müller beschreibt dies in nüchterner Prosa, die Geschichten der Frauen ebenso wie sie sich nicht davor scheut, das Geschehen in den Séparées beim Namen zu nennen. Verknüpft miteinander desillusionieren diese Geschichten, widerlegen die Tendenz, das Rotlicht und das Milieu in Reportagen und Berichten zu romantisieren und durch einen gnädig darüber geworfenen Schleier lockender Verruchtheit zu betrachten. Dieses Klischee erweist sich als genauso falsch wie der Löwenkopf an der Tür zu Ella: auch er ist nicht massiv, sondern aus Plastik….

.. und nun wartet der geneigte Leser, der bis hierhin durchgehalten hat, auf eine Bewertung – versuchen wir es … ich lese Phoebe Müller gerne, ich mag ihren nüchternen Stil, dem jedes Moralisieren abgeht, so hat mir auch dieses Buch, das nachdenklich macht, gut gefallen und wer mit expliziten Szenen umgehen kann und sich für das Thema interessiert, ist sicher gut aufgehoben mit diesem schmalen Roman. Wer jedoch vor allem eine „prickelnde“ erotische Lektüre erwartet, wird vielleicht enttäuscht sein….  aus diesem Motiv heraus hat die Autorin ihren Roman wohl nicht geschrieben.

 


Von Phoebe Müller habe ich in diesem Blog noch ihrem Roman: Gejagte vorgestellt (https://radiergummi.wordpress.com/2013/01/17/phoebe-muller-gejagte/).

Weitere Buchvorstellung erotischer Literatur im Themenblog:  https://erotischebuecher.wordpress.com

Phoebe Müller
Red Light
diese Ausgabe (als HC) : Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke- Verlag, HC, ca. 158 S., 2001

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4 Responses to “Phoebe Müller: Red Light”


  1. Not my cup of tea. Aber wie immer eine informative, gut geschriebene Rezension.

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    • flattersatz Says:

      danke für das lob. es ist gut, daß die geschmäcker verschieden sind, das schlimmste wäre es, würden alle das gleiche mögen…. aber phoebe müller schreibt wirklich gut, gerade bei diesen themen ist da ja gar nicht so einfach…

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      • Das weiß ich sozusagen aus erster Hand. Ich mich selbst an Hardcore-Szenen aus dramturgischen Gründen heranwagen müssen. Au Backe! Man schreibt gegen seine eigene Scham an. Ob es wirklich gelungen ist, wage ich zu bezweifeln. Rückmeldung Lektorat steht noch aus …

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        • flattersatz Says:

          ob es wirklich gelungen ist… ist gerade bei diesem sujet so eine frage. der eine sagt „hui“, der andere „pfui“. ich glaube, bei keinem thema kommt es bei erotik/sex so sehr auf den leser an, weil der kopf, die imagination einfach eine riesenrolle spielt… ich drück dir mal die daumen, daß dein lektorat sagt: ok, so kannst du das lassen… es gibt übrigens auch anleitungen, wie man an das schreiben erotischer texte herangehen kann, habe ich hier noch nicht vorgestellt, ist auch glaube ich eher für die flut der self-publisher, die noch wenig erfahrung haben mit schreiben überhaupt. aber der eine oder andere tip ist vllt doch drin…

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